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Full text of "Geschichte Schlesiens"

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Geschichte Schlesiens. 
I. 



Ex librla 

C. K. nnr^rs 



Gesehichte Schlesiens 



von 



Dr. C. Griinhagen, 

Eonigl. ArcliiTrat uud Professor an der TJniversitit Breslan. 



Erster Band: 

Bis znm Eintritt der habsburgisclien Herrschaft 1527. 

Hit einem Sandchen Quelleimacliweisiuigen. 




Gotha. 

Friedrich Andreas Perthes. 
1884. 






Alle Rechte vorbehalten. 









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LIBRARY 
tWrVEFPT-^y OF CALIFORNIA 
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Vorwort. 



Es sind mehr als clreifsig Jahre vergangen, seit der Alt- 
meister der schlesischen Geschichte, G. A. Stenzel^ es am 
spaten Abend seines Lebens unternahm, aus seinen lang- 
jahrigen Studien auf diesem Gebiete gleichsam die Summe 
zu Ziehen und ein Gesamtbild der vaterlandischen Gesehichte 
einem grofseren Publikum gebildeter Leser darzubieten. Doch 
von den drei Banden, auf welche das Werk angelegt war, 
ist nur der el'ste, bis zum Jahre 1355 reichend, 1853 er- 
schienen. Ein Jahr spater setzte ein plotzHcher Tod allem 
weiteren Schaffen des Verfassers ein Ziel. 

Es ist nie versucht worden, das Buch fortzusetzen, viel- 
leicht weil schon jener erste Band niclit den gehofften Er- 
folg gehabt hatte, und das seitdem immer lauter ausge- 
sprochene Verlangen nach einer den Anforderungen unserer 
Zeit entsprechenden DarsteHung der schlesischen Gesehichte 
blieb unerfulh. 

Nun habe ich, ein Nachfolger Stenzels ebenso in der Di- 
rektion des Breslauer Staatsarchivs wie in der Leitung des 
schlesischen Geschichtsvereins und in gewisser Weise audi 



VI Vorwort. 

in der "Wirksamkeit an der hiesigen Hochschule das gleiche- 
Wagstiick unternommen, ehe es auch bei niir Abend wiirde, 
nachdem ich selbst bereits auf ein Vierteljahrhundert eige- 
ner, der schlesischen Geschichte fast ausschliefslich ge- 
Tvidmeter "wissenschaftlicher Thatigkeit zuruckziiblicken ver- 
mag. 

Was meine Lage gunstiger erscheinen lafst , als die- 
Stenzels war, beruht vor allem in der staunenswerten Fiille 
von landesgesehichtlichem Quellenniaterial , die jene dreifsig 
Jahre ans Licht gefdrdert haben, darunter Werke, welche 
wie die schlesischen Regesten fiir die alteren Epochen und 
die schlesischen Lehensurkunden fiir die ganze Zeit des 
Mittelalters eigentlich in jedem Augenblicke erwiinschte,. 
sichere Grundlagen bequem darboten. Dazu traten dann 
neben manchem selbstandig erwachsenen Beitrage die zahl- 
reichen Spezialuntersuchungen , welche die 18 Biinde der 
Vereinszeitschrift fiillen. Es mufste ins Gewicht fallen, dafs 
die Beobachtung eines wachsenden Interesses fiir die hei- 
mische Geschichte unter meinen Landsleiiten den Mut zu 
der Arbeit und die Freude an derselben belebte und erhohte, 
sowie dafs ich in einem Kreise von Mitstrebenden freund- 
liche Teilnahme und fiir manche Einzelfrage Auskunft und 
Belehrung zu finden vermochte. So konnte ich denn unmog- 
Jich in die Klagen einstimmen , welche nach diesen Seiten 
hin aus dem Vorworte Stenzels uns entgegenklingen. Wohl 
aber telle ich seine Ansicht vollkommen inbetreflf der 
argen Not, die einem schlesischen Historiker die sprode Be- 
schaffenheit des Stoffes macht, wo, wie Stenzel sehr mit 
Recht bemerkt, bei der schon friih beginnenden weitgehen- 
den territorialen Zersplitterung des Landes der einigende 



Vorwort. VII 

Faden dem Bearbeiter nur zu leicht aus den Handen schliipft. 
Die grofse Schwierigkeit, unter solchen Unistanden eine 
wirkliche Landesgeschichte zu schreiben, das wahrhaft Be- 
deutungsvoUe liberallher zusammenzufassen und zur Geltung- 
zu bringen, ohne durch solche Eklektik das Interesse des- 
Lesers zu zerstreuen und zu ermiiden, ward von mii' um 
so lebhafter empfunden , da niir eine Vereinbarung mit 
meinem Verleger eine besondere Knappheit zur Pflicht ge- 
macht hatte, und recht oft beschlichen mich Zweifel an dem 
Gelingen des Werkes. 

Da gewahrte es mir eine Art von freundlicher Beruhigung^ 
als bereits nach dem Erscheinen der ersten Lieferungen, in 
welche eine Anordnung des Verlegers den Band zerteilt 
hatte, mir Aufserungen eines warm anerkennenden Interesses 
aus Kreisen zukamen, die mit in meinen Leserkreis ziehen 
zu konnen ich kaum gehofft haben wiirde. Es schien hier 
wenig bemerkt worden zu sein, was mir wahrend des Schrei- 
bens so oft Sorge gemacht hatte, dafs namlicb der Wunseh, 
trotz der gebotenen Knappheit mancher immerhin wissens- 
Averten Einzelheit noch nebenbei ein Platzchen zu gewinnen, 
hier und da den leichten Fkifs der DarsteUung beeintrach- 
tigte, und noch weniger liefs man mich Vorwurfe dariiber 
horen, dafs die ganze Darstelhing der quellenmafsigen Be- 
lege und Nachweisungen entbehre. 

Mir aber, der ich ja selbst wohl in die mir so oft ent- 
gegengebrachten Klagen liber einen derartigen Mangel in 
dem von Stenzel uns hinterlassenen Bruchstucke einer schle- 
sischen Geschichte eingestimmt hatte , widerstand es ge- 
radezu, mich iAber eine von mir stets anerkannte Verpflich- 
tung hinwegzusetzen, und wenn ich hoffen durfte, mehrfacb 



VIII . Vorwoit. 

ueue Kesultato liet'ern zu konuGii, meinte icli audi den 
Weg, auf dem ich zu ihnen gelangt war, anzeigen zu 
miissen. Audi dachte ich der vielen, die um irgeudweldier 
Einzelheit willen einmal in die ilmen sonst fremde ver- 
wickelte sdilesisdie Landesgeschichte hineinzusteigen ^'er- 
anlassung haben und es dann dodi selir dankbar enipfinden, 
wenn ihnen neben der kurzen Darstellung des knappen 
Textes noch ein Wink daiuber zuteil wird, wo sie aus- 
giebigere Belehrung suchen konnen. iSolchen das zu ver- 
sagen , was mir zu geben verhiiknismafsig leicht wird, 
Hinweise auf Quellen und Litteratur, wilrde mir hart er- 
schienen sein. 

So habe idi dcnn mit fortlaufenden Quellen- und Litte- 
raturnachweisungen noch ein Supplementbandchen gefiillt 
und dabei dem Nachsuehenden nur die kleine Unbequem- 
lichkeit auferlegt, im Bediirfnisfalle das ihn Interessierende 
nach Seite und Absatz aufzuschlagen. Ich besorge dabei 
kaum, dafs dieses Supplement dem grofseren Publikum als 
llberflilssiger Ballast erscheine. Denn mag immerhin die 
Zahl derer recht grofs sein, die sich von vornherein einer 
Kontrollierung des Textes an der Hand der Citate zu be- 
geben durchaus geneigt sind, so soUte doch anderseits keiner 
meiner freundlidien Leser fiir sich den Wunsch als ausge- 
schlossen erachten, im Verfolge einer ihn naher interessieren- 
den Einzelheit einmal die AVegweiser aufsuchen zu konnen, 
die in dem Ergiinzungsbande aufgerichtet stehen. 

Das Buch erscheint als ein Teil eines von dem Ver- 
leger grofs angelegten Unternehmens, welches die Entwicke- 
lung der einzelnen deutschen Landschaften in einer Reihe 
von historischen Darstellungen dem Publikum vorzufiihren 



Vorwort. IX 

beabsichtigt, so dafs unser gemeinsames Vaterland den weiten 
Rahmen bildet, in welchen alle die verschiedenen Sonder- 
geschichten sich einfiigeu. Die schlesische Geschichte hat 
einen besonderen Anspruch auf einen Platz in diesem Zu- 
sammenhange , denn ihr eigentlichster Inhalt in dem hier 
behandelten Zeitraume, bis an die Schwelle der Neuzeit, ist 
die Beantwortung der Frage: wie ist Schlesien deutsch 
geworden und deutsch geblieben? In dem Ringen 
um diesen Preis ist es von dem iibrigen Deutschland sehr 
wenig unterstiitzt worden; seine Geschichte verlauft unter 
Beziehungen mit den Reichen des Ostens, Polen, Bohmen, 
Ungarn, abgekehrt von der des deutschen Reichs. In- 
folge davon ist die eigenartige Geschichte dieser dabei noch 
so zersplitterten deutschen Landschaft unsern Landsleuten 
aufser Schlesien im grofsen und ganzen recht fremd ge- 
bHeben, und es ist, wie mir scheint, bis in die neueste Zeit 
von den deutschen Historikern nicht nach Geblihr ge- 
wiirdigt worden, welche Bedeutung die Existenz dieses deut- 
schen Vorlandes fur die Reichsgeschichte gehabt, wie die 
standhafte Behauptung der deutschen NationaHtat in diesem 
zwischen Czechen und Polen eingekleramten Grenzlande dem 
Vaterlande reichen Gewinn gebracht und grofsere Gefahren 
von diesem abgewendet hat. Es ware zu kiihn, daran den- 
ken zu wollen, es konne dieses Buch die hergebrachte An- 
schauungsweise irgendwie umwandeln. Um so zuversicht- 
Hcher aber halte ich an der schonen Hoffnung fest, dafs in 
Schlesien selbst, wo, wie die Erfahi'ungen des schlesischen 
Geschichtsvereins zeigen, in der AnhangHchkeit an die Hei- 
mat und dem Interesse fiir deien Vergangenheit selbst sonst 
getrennte Geister ein einigendes Band zu fiuden vermogen. 



X Vorwort. 

zahlreiche Stimmen den mit redlichem Willen unternom- 
menen Versuch , einem lange empfundenen und oft be- 
klagten Mangel Abhilfe zu schafFen freundlieh willkommen 
heifsen werden. 

Breslau, im Februar 1884. 

C. Griinhagen. 



Inhalt. 



Seile 

Erstes Buch. 

Schlesien unter polnischerHerrschaft bis 1201. 1 

Erster Abschnitt. 

Alteste Zeit bis 1102 3 

Zweiter Abschnitt. 

Boleslaw III. 1102 — 1138. Die schlesische Kircbe im 

11. Jahrhundert. Romanische Einfliisse 10 

Dritter Abschnitt. 

Wladyslaw II. und Peter Wlast 23 

Vierter Abschnitt. 

Schlesische Herzoge unter poluischer Oberhoheit. An- 

fange deutscher Ansiedelungen 30 

Zweites Buch. 

Schlesien unter selbs tandigen Herzogen 1201 
bis 1327 43 

Erster Abscbnitt. 

Heinrich I. der Bartige 1202 — 1238 und seine Gemahlin, 

die heil. Hedwig. Klostergriindungeu, Germanisation . 45 

Zweiter Abschnitt. 

Heinrich 11, und der Mongoleueinfall 1241 65 

Dritter Abschnitt. 

Die Sohne Heiurichs II. Neugriindung Breslaus. Bruder- 
zwiste. Sonderstellung des Bistums Breslau. Fort- 
schritte der Germanisation 72 



XII Iiihalt. 

Seite 
Vierter Abschnitt. 

Ilciiirich IV. bis 12SU. Der grofse Kirclieu.strcit. Er- 

oberuug Krakaus 94 

Funfter Abschnitt 

Die Suliiie Boleslaws II., Heinrich V. von Breslau-Liegnitz 

imd Bolko I. von Schweidnitz-Jauer 117 

Sechster Abschnitt. 

.Schlesieu koinint an Bolimen ... 128 

Drittes Buch. 

Schle.sieu unter Kouigeu aus dem Stamme dor 
Luxenburger 1327 — 1437 151 

Erster Abschnitt. 

Sclilesien luitor Konig Johauu. Stadtische iind stiindische 
Fortentwickelung. Nationale Gegensiitze in der sclile- 
sischen Kirclie. Streit mit Biscliof Nanker ; . . . 153 

Zweiter Abschnitt. 

Schlesien unter Kaiser Karl IV. Uirterwerfung BoIko.s II. 
von Schweidnitz. Die scblesisclien Fur.sten. Karl als 
Gesetzgel>er und Landesvatcr. Judenverfolgungen. Dor 
scbwarze Tod ' 178 

Dritter Abschnitt. 

.Scblesieu uuter Konig Wenzel. Der Pfaffenkrieg. Die 

Oppelner Fehde. LandfriedensbUndni.sse 206 

Vierter Abschnitt. 

Kaiser Sigismund und die HussitenkJimpfe 229 

Viertes Buch. 

Sclilesien unterFiirsten aus verschiedeuenHiiu- 
sern vornehmlich nicbtdeutscber Abkunft 
1437 — 1526 263 

Erster Abschnitt. 

Albrecbt II. 1438-1439. Die koniglose Zeit 1440—1452. 
Der Liegnitzer Lebensstreit. Jobaim Capistran in 
Scblesien. Koiiig Ladyslaw Postbumus 1^53 — 1457 . 265 

Zweiter Abschnitt. 

Konig Georg Podiebrad 1458 — 1469. "SViderstand der 
Breslauer und deren Isolierung. Die Regentscbaft. des 
Legaten. Kampfe in Sclilesien 1466/67 293 



luhalt. XIII 

Seite 
Dritter Abschnitt. 

Konig Matthias von Uugaru 1409 — 1490. Kjimpfe iu 

Schlesien mit den Anhaugern ties Gegenkonigs Wlady- 

law von Polen. Behauptung Schlesiens durch Matthias 

gegen die polnisch-bohmischen Heere 1474. Matthias 

als Regent von Schlesien. Vertrag von Olmiitz 1479. 

Niederwerfung Johanns von Sagan. Georg von Stein. 32iJ 

Vierter Abschnitt. 

Die Zeit der Konige Wladyslaw und Ludwig 1490 — 1526. 
Anerkennung Wladyslaws , dessen Landesprivilegium 
von 1498. Der Kolowratsche Vertrag von 1504. Die 
Hinriehtung des Herzogs Xikolans von Oppeln zu Neifse. 
Anarchische Zusttinde. Wladyslaws Tod 1516. Konig 
Ludwig bis 1526. Markgraf Georg von Jagerndorf in 
Schlesien und seine Bemiihungen um die Anwartschaft 
auf dis Herzogtiimer Oppeln-Ratibor 354 

Fiinfter Abschnitt. 

Kulturhistorischer Riickblick. Nationalitat. Handel und 
Industrie. Bergbau. Kalamittiten, Epidemieen, Brande. 
Sitteu, religiose Gesinnung. Wissenschaftliche Bildung. 
Plan einer Breslauer Universitiit. Kiinste 389 

Register 422 



Erstes Buch. 

Schlesieu miter poliiischer Herrschaft 
bis 1201. 



Grunliagen, Gescli. Sclilesiens. I. 



Erster Abschnitt. 

Al teste Zelt bis 110 3. 



Aus dem breiten fruchtbaren Oderthale erhebt sich steil 
die machtige Pyramide des bis zu 713 Meter emporsteigen- 
den Zobtenberges. Weithin siclitbar kann er reclit eigeiit- 
lich als das Wahrzeichen Sclilesieiis gelten, und an ihn 
kniipft audi der Name Schlesiens sicli an. Den Berg Zlenz. 
(mit dem als weiches s zu sprechenden slavisclien s) nennen 
ihn altere Urkunden^ und die an seinem ostlichen Fufse 
hinfliefsende Lolie Zlenza den Schlesierflufs, so wie das ganze 
Gebiet den Sclilesiergaa (pagus Silensi bei Thietmar, Sleen- 
zane in einem alten Verzeichnis slavischer Volkerscliaften). 
Von diesem zentralen Gebiete aus haben dann allmahlich auch 
die iibrigen jetzt zu Schlesien gerecbneten Gauen Boborane, 
das Land am Bober, Deodesi, slidostlich davon, sowie das 
Land der Opoliiii und der Hrowaten in Oberschlesien den 
Namen erhalteu. 

Die, welche den Zobten als den Schlesierberg als Zlenz 
bezeicbneten , waren nun Einwohner slavischer Zunge, dem 
grofsen Stamme der Lechen (Polen) angehorig, flir sie war 
der machtige Berg zugleich eine Statte heidnischer Gotter- 
verelu'ung, wie uns der deutsche Chronist Bischof Thietmar 
von Merseburg aus dem Anfange des 11. Jahrhunderts 
glaubwiirdig bcrichtet. 

Ob nun in iriiheren Zeiten etwa bis ziu' Volkerwande- 
rung das Berghaupt des Zobten auch aut' Bewohner einer 
andern Nationalitat herabgeblickt habe, davon ist uns be- 
stimmte Kunde nicht erhalten. Die Romer, von denen kaum 
zu zweifeln ist, dafs sie Handelswege nach den Bernstein- 
kiisten auch durch diese Gegenden gefiihrt, haben uns nur 
einige lateinische Namen von Stationen hinterlassen, in deren 
Deutung dilettantischen Voraussetzungen ein unbegrenzter 

1* 



4 Erstes Buch. Erster Abschuitt. 

Spieli'aum gelassen ist ; uud wenu wir aus Tacitus' Gerraania 
entnehmcn zu kouneu glauben, dais zii seiner Zeit in diesen 
Gegeuden die Lygier, ein Volk sucviscli-vandalischen Stam- 
mes gewohnt habe, so steht hinter diesem Namen docli nichts 
von Geschiclite, uud obeudrein liaben diojeuigen lygischen 
Stiimme, die wir nach dem Griecheu Ptolemiius in der Ge- 
gend von Schlesien zu suclaen liabeu, die Silinger (der Name 
erinnert an Slesane) und Korkontier in ihren Namen eher 
einen slavischen Beigeschmack. Wir vermogen eben bei 
dem Mangel aller sieheren Zeugnisse hier uns sichere Uiieile 
nicht zu bilden. 

Und es wLirde uns auch Avenig lielfen, wollteu Avir der 
Mabnung des Dichters folgend gegeniiber dem SchAveigeu 
der Geschicbte die Diuge ,,redend zeugen^' lassen, „die 
man aus dem Schofs der Erde grlibt^'. Es ist an solcheu 
kein Mangel: im Breslauer Museum reihen sicli zu Tausenden 
die sch-warzen Aschenurnen aneinander; WafFen, Haus- 
gerate, Scbmucksacben der verschiedensten Art finden sich 
dort aufgebauft: ganz obne Spracbe sind nun diese Dinge 
wobl nicht, und fiir die Kulturgescbichte der ]\[enschheit 
mogen sie in gewisser Weise auch Zeugnis ablegen konnen, 
von unserer spezieilen Laudesgescliichte aber melden sie uns 
nichts. 

Das ganze erste Jahrtausend der christlichen Zeitrech- 
nung ist fiir unser Schlesien ein Aveifses, unbeschriebenes 
Blatt, ja es scheint geAA^agt, fur diese Zeit ilberhaupt A^on 
einem Lande Schlesien zu sprechen. Wohl ist die Grenze 
gegen Bohmen bin seit uralter Zeit eine feste geAvesen, das 
Hochgebirge der Sudeten, damals mit undurchdringlichem 
Walde bedeckt, hat eine sichere Grenzscheide abgegeben, 
durchbrochen uur da, avo das bohmische Land mit der zu 
ihm gerechneten Grafschaft Glatz in das schlesische Gebiet 
tief einspraug bis zu dem Felsenthore der Neifse am Wartha- 
berge. 

Aber scliAverlich hat es in den Aveiteu Ebenen, Avelche 
auf dem rechteu Oderufer Aveit sich hinziehen, eine feste 
Grenzhnie gegeben, Avelche liier die schlesischen Slaven von 
ihren ostHchen und niJrdlichen Nachbarn geschieden; und 
aller • Wahrscheinlichkeit nach haben ganz ahnhch Avie an 
der Warthe uud Weichsel auch die SlaA'en an der Oder 
A'ereinzelt in patriarchalischen GauA^erfassungen gelebt, der 
Zugehfjrigkeit zu einem grofseren Ganzen nur dann sich 
bcAA'ufst, AA'enn die eiserne Faust eines milchtigen Eroberers 
sie zur Leistung von Heeresfolge und Tributen zAA^ang. So 
mogen AA^enigstens Telle des jetzigen Schlesiens zu dem 



Einfiihrung des Christentums. 5 

gTofsen Reiche gehort haben, welches um 623 cler von den 
Wenclen zu ihrem Heerfiilirer erkorene frankische Kaufmann 
Samo griindet imd dann gegen Ende des 9. Jahrhunderts 
zu dem grofsmahrischen Reiche, wo dann -vielleicht auch 
Schiller der Slavenapostel 3Iethodius imd Constantinus so gut 
wie in Bcihnien und Mahren auch hier Bekeln-ungsversuche 
zuiu Christentvime und zwar nach griechischem Kirchen- 
gebrauche gemacht haben mogen. Beide Staatenbildungen 
hatten nur kurze Dauer, und ihre Auflcisung hat dann jene 
Bestandteile einfach der alten Unabhangigkeit zurlickge- 
geben. 

Anders wuxl dies mit der Tollstandigen Einfiihrung des 
Christentums in Polen, es ist, als ob erst das Eintreten der 
grolsten organisatorischen Kraft, welche das Mittelalter hat 
entstehen sehen, der Kirche, in diese Kreise auch auf poli- 
tischem Gebiete die Kunst der Staatenbildung und Gliede- 
rung gelehrt habe. 

Die Bekehruug Polens begann etwa um 966 mit der 
Taufe des Polenherzogs Mesko gerade in einer Zeit, wo fast 
hundert Jahre hindurch immer erneute Kampfe mit Bohmen 
stattfinden, wesentlich um den Besitz der schlesischen Gauen, 
in welche dann Kriege mit den von Bohmen wie von 
Polen Vasallenschaft heischenden deutschen Kaisern hinein- 
spielen. 

Einer dieser bohmisch - polnischen Streite giebt uns nun 
Gelegenheit, den ersten Ortsnamen auf das weifse Blatt der 
schlesischen Karte zu verzeichnen, als den ersten Punkt, der 
aus den wogenden Nebcin der Vorzeit uns deutlich erkenn- 
bar vor Augen tritt. 

Im Jahre 990 namHch ge^\annt Mesko, der erste christ- 
Hche Polenherzog, im Kampfe mit dem Bohmenherzog Bo- 
leslaw II. die Bm'g Nimptsch. So werden wir wiederum in 
das eigenthche Herz des Landes gefiihrt, dahin, wo an den 
Ufern des Schlesierflusses , der Lohe, jener Hiigel sich er- 
hebt, der nachmals noch viel Blut hat fliefsen sehen, und 
es ist wie ein bedeutsames Omen, dafs dieser zuerst in dem 
slavischen Lande uns entgegentretende Ort eine deutsche 
Grilndung ist, wie schon der Name (Niemci = Deutsche) 
und aufserdem noch der Chronist Tliietmar uns bezeugt, wo 
deutsche Hitter in slavischem Solde den in ihrer Heimat 
ubHchen Burgbau hier zur Anwendung gebracht hatten. 

In jenen Kiimpfen nun bleiben die Polen, namentlich 
seitdem auf jMesko 992 dessen Sohn, der gewaltige Boleslaw 
Chrobry, folgt, Sieger imd dehnen auch liber die schlesischen 
Gaue nach und nach ihre Herrschaft aus, bis dahin, wo an 



G Elates Buck. Eiatcr Abscbiiitt. 

die sclilesisclien Slaven die "Wenden der Lausitz grenzten. 
Dafiir spriclit die bedeutsame Thatsache, dafs, als Kaiser 
Otto ira Jalu'e 1000 seine AVallfahrt iiach Grnesen zum Grabe 
des heiligen Adalbert zur Ausiilhrung bringt , ilm der 
Polenfllrst Boleslaw Ohrobry in Eulau bei Sprottau empfangt, 
an der Grrenze seines Landes des Gaues Diodesi. Dieser 
Punkt; vmweit des Zusammenflusses von Bobcr und Queis 
gelegen, ist uns um so interessanter, als er einen Knoten- 
oder Scheitelpunkt einer dreifachen Reihe von Griiben be- 
zeichnet, der sogenanuten Dreigrjiben, welche wir von da 
an bis in die Gegend von Krossen im wesentlichen auf 
der alten Greuze der Fiirstentiimer Glogau und Sagan ver- 
folgen konnen. Dieselben scheiuen von Eulau zum Queis 
sich gezogen zu baben, und dieser Flufs dilrfte dann auf- 
warts bis Puscbkau ihre Stelle vertreten haben. Von Pusch- 
kau aus konnen wir sie dann ostlich bis Petersdorf siidlich 
von Primkenau verfolgen, ziemlich parallel der Grenze der 
alten Fiirstentiimer Glogau und Jauer oder spezieller des 
sprottauischcn und bunzlauischen Weichbildes. Von Peters- 
dorf siid warts, also nalie der Ostgrenze des Bunzlauer Ge- 
biets, finden wir dann noch Spuren derselben bis zu den 
Silmpfen von Greulich. Wenn die Beobachtung, dafs die 
hocliste der zu den Dreigrjiben gehtirigen Schanzen nach 
der Lausitzer Seite zu liegt, ricbtig ist, so Aviirden wir 
Grenzbefestiguugen vor uns haben, welche die Lausitzer 
Wenden gegen die sclilesischen Polen erriclitet. Mit grofser 
Wahrscheinliclikeit durfen wir sclion um des glaubhaft er- 
wahnten Grenzpunktes Eulau willen in dem Ganzen die 
schlesische Landesgreuze gegen Westen und speziell die des 
niedersclilesischen Gaues Diodesi urns Jalir 1000 erblicken, 
und es kann wohl zuliissig erscbeinen, dieselbe zu vervoll- 
stiindigen, indem wir die Linie der Dreigraben, von dem 
Punkte, an welcbem wii' sie verliefsen, in derselben Rich- 
tung auf der Ostgrenze des bunzlauischen Weichbildes (des 
spateren jauerschen Fiirstentums) siidlich verlangern, wo wir 
dann den isolierten Bergkegel des Grfiditzberges, dessen 
Kame (grad oder brad = Burg) auf eine slavische Burg- 
anlage hindeutet, als altes Grenzkastell treffen werden. 

Jene Zusammenkunft Kaiser Ottos III. mit dem Polen- 
herrscher Boleslaw Chrobiy hat dann die wichtige Folge, 
dafs fiir ganz Polen ein grofser Metropolitenverband, dessen 
]\Iittelpunkt das Erzstift Gnesen ist, geschaffen und diesem 
auch das wahrscheinlich Avenige Jahre friiher gestiftete Bis- 
tum Breslau unterworfen wird. Der erste Bischof von 
Breslau hiefs Johannes. Es fallt also ums Jahr 1000 zu- 



Bistum Breslau. 7 

gleich die erste Erwahmmg der Landeshauptstadt , deren 
Namen der deutsche Chronist Thietmar als Wrotizla be- 
zeichnet, worin wir den unter den slavisehen Orten haufigen 
Namen Wratisla-s-ia erkennen, von dem doch mehr bolimisch 
klingenden Personenuamen Wratislaw abgeleitet. 

Die selbstandige Organisation der polnischen Kirche 
unter einem eignen Erzstifte erfolgte zum Schaden des deut- 
schen Erzstiftes Magdeburg, welches bei seiner Griindung 
dui'cli Otto den Grofsen die Anwartschaft auf die im Slaven- 
lande zu griindenden Bistilmer empfangen hatte, indessen 
mufste der Widerspruch des Magdeburger Erzbischofs um 
so Avirkungsloser bleiben, als Boleslaw Chrobry den piipst- 
lichen Stulil auf seine Seite zu bringen wufste, dadurch dafs 
er sein Land dem Schutze des heiligen Petrus iibergab, es 
also diesem gewissermafsen als Lehen auftrug und zur An- 
erkennung dessen sich zur Zahlung des sogenannten Peters- 
pfennigs verpfliclitetej einer Steuer, welche zwar im Priuzipe 
als eine von jedem Einwobner zu erbebende Kopfsteuer ge- 
dacht werden mochte, tbatsacblicb aber als ein von dem 
Filrsten jahrlicb nach Eom abzuflihrender Tribut erscheint. 
Insofern dieser Peterspfennig im Deutscben Reiche nie be- 
zahlt worden ist, war bier ein Gegensatz zwischen Polen 
und Deutscben und ein Motiv zur Begunstigung der Polen 
seitens des papstliclien Stables gescbaffen, das dann mannig- 
fach weiter gewirkt hat. 

Dafs schon damals der Einflufs der Kurie sich zugunsten 
des machtigen Polenfursten geltend gemacht, dafilr lassen 
sich Spuren nachweisen, und Boleslaw selbst hat keinen An- 
stand genommeuj den Papst zu derartigen Anstrengungen 
aufzufordern , Avie er denn z. B. 1013 demselben schreibt, 
die Nachstellungen des deutscben Kunigs machten es ihm 
unmoglich, den versprochenen Peterspfennig zu zahlen. 

Es geschah dies in den Kampfen, welche sich entzlinde- 
ten dadurch; dafs Boleslaw die Wirren nach dem friih- 
zeitigen Tode Kaiser Ottos III. 1002 zu neuen Erobenmgen 
beniltzte, Bohmen bedrohte und in bis zum Jahre 1018 
imauer fortgesetzten Kriegen den Besitz der Lausitzen er- 
stritt. Wiederholt sind die Heere Kaiser Heinrichs 11. in 
diesen Kampfen bis nach Schlesien vorgedrungen , schon 
1005 hat derselbe Mitte August den Oderiibergang bei 
Krossen bewirkt, um sich dann gegen Grofspolen zu wenden, 
1010 verwustet derselbe auf einem neuen Zuge die eigent- 
lichen schlesischen Gaue Silensi und Diodesi, 1015 erleidet 
ein deutsches Heer in dem letztgenannten Gaue schwere 
Verluste, und 1017 erfolgt dann der grofste der deutscben 



8 Erstes Bueh. Erstor Abscliuitt. 

Feldziige. Der Kaiser stelit am 9. August vor der Glogauer 
Burg, die Boleslaw gegen ihu behauptet, zielit dann in das 
eigentliche Sclilesieu gegen das teste Nimptseli, das er lange 
Zeit doch vergeblich belagert, wahreud Boleslaw inzwischen 
in Breslau verweilt. Das deutsche Heer zielit endlieh nicht 
ohne Verlust liber Bohmen zurilck, ohne andere Eriblge er- 
zielt zu haben als die Verwiistung des Landes, welclie dann 
der Polcnfurst an den Nachbarlaudern riicht. 

Nachdem auch aus diesem Karapfe, obwolil Bohmen, 
Ungarn, Russen den Kaiser unterstiitzt haben, Boleslaw un- 
bezwungen hervorgegangen, lal'st ihm der Friede zu Bautzen, 
um dessen Vermittelung wiederum die Geistlichkeit eifrig 
sich bemilht hat, sogar den Besitz der Lausitzen. Seinem 
Sohne Mesko wkd die Enkeliu Ottos II. Tochter des Pfalz- 
grafen Erenfrid Richenza vermiihlt, Boleslaw selbst heiratet 
in zweiter Ehe des Markgrafen Ekkehard Tochter Oda. 
Die Konigski'one ist der spate Lohn einer Regierung, die 
Polen grofs gemacht hat, wie es zu kemer Zeit gewesen, 
die den Schreeken der polnischen Waffen von Kiew bis 
vor die There von Magdeburg, von der Moldau bis an die 
Ufer der Ostsee getragen. 

Nach seinem Tode 1025 vermogen seine Naehfolger (zu- 
nachst Mesko bis 1<)34) weder die kcinighche Wurde noch 
die ausgedehnten Eroberungen zu behaupten; als Reste der 
Lausitzer Erwerbungen dilrfen wir vielleicht das Saganer 
Gebiet bis nach Krossen hinauf und ebenso das von Bunzlau 
ansehen, welche dann definitiv bei Schlesien geblieben sind. 
Ob es vielleicht schon eben Boleslaw Chrobry gewesen, der 
im Thale des Bober eine neue teste Burg angelegt und nach 
sich Boleslavia (Bunzlau) getauft hat, diirfte schwer festzu- 
stellen seiu. 

Nach Meskos Tode 1034 begegnen wir dann noch ein- 
mal einer Reaktion des Heidentums, bei der zugleich auch 
die nationale Abueigung gegen die Ausliinderin, die deutsche 
Fiirstentochter Richenza, Kleskos Witwe, ins Spiel kommt. 
Diese wird samt ihreui Sohne Kasimir vertrieben, und die 
Verfolgung der Christen trifft natiirlich auch den Breslauer 
Bischof, der auf der Breslauer Dominsel im Schutze der 
herzoglichen Burg (im Nordwesten der Insel) seine Kirche 
und seinen Wohnsitz hatte. Seinen Namen wissen wir nicht 
zu nennen, seit jenem Johannes, der uns ums Jalu' 1000 
genannt wird, kennen wir die Breslauer Bischofe bis in die 
5litte des 11. Jahrhunderts nicht, wir wissen nur so viel, dafs 
das schlesische Kirchenhaupt auf dem rechten Oderufer in 
Schmograu bei Namslau und dann in Ritschen, einem schon 



Boleslaw Clirobry. 9 

seit dem 15. Jahrhimdert untergegangenen festen Orte im 
Oderwalde zwischen Ohlaii und Brieg,_in dessen Riiinen 
wir die einzigen uns noch erhalteuen Uberreste einer bis 
ins Heidentiim hiuaufreichenden Burganlage erkennen, eine 
Zuflucht gesucht hat, bis sich die Sturmflut der Verfolgung 
wieder verlaufen. 

Jene Zeit der Anarchie nacli Meskos Tode ermutigt 
dann den Bohmenlierzog Bretislaw zu siegreichen An- 
griffen auf Sclilesien, welches aiich, nachdem Kasimir 1041 
Polen mit deutscher Hilfe wiedergewonnen hatte, den Boh- 
men bheb und erst 1054 an Kasimir zurlickfiel mit der Ver- 
pflichtung, dafiir einen jiihrlichen Tribut an Bohmen zu 
zahlen. Dieses Verhaltnis hat dann bis in den Anfang des 
12. Jahrhunderts fortgedauert ; und das Unterlassen der 
Tributzahhmg hat noch zu wiederholten Kriegen gefuhrt, 
in deren einem 1093 nach der allerdings wohl iibertreiben- 
den Nachricht des bcihmischen Chronisten Kosmas der 
Bohmenherzog Bretislaw das ganze schlesische Land auf 
dem linken Oderufer von Ritschen bis Glogau so verwiistet 
haben soil, dafs nur Nimptsch bewohnt geblieben sei. In 
jener Zeit erscheint Breslau als Sitz eines besonderen Her- 
zogs resp. Statthalters, des Grafen Magnus, der dann in die 
schnell wieder gedampfte Emporung des Zbignew eines un- 
echten Sohnes des damahgen Polentursten Wladyslaw Herr- 
mann verwickelt erscheint. 

Schon 1096 erfolgt ein neuer Einfall Bretislaws. Der- 
selbe erobert und zerstort die am "VVarthapasse gelegene 
Burg Brido (Wartha), damals die polnische Grenzfestung, 
wie denn bis in viel spatere Zeit die Grafschaft Glatz zu 
Bcihraen gerechnet worden ist. Bretislaw erbaut weiter ab- 
warts der Neifse dann die Burg Kamenz, die er als Aus- 
fallsthor nach Schlesien hin besetzt halt. Erst sein Tod ira 
Jahre 1100 endigt faktisch die Abhangigkeit Polens von 
Bohmen. 



10 Erstes Bucli. Zweiter Absdiuitt. 



Zweiter Abschnitt. 

Boleslaw III. llOtJ— 1138. Bie selilesisclie Kirelie im 
11. Jalirliuiuleit. Komanisclie Einfliisse. 



Mit Boleslaw in. 1102— 11 38^ cler sclion vor dem Tode 
seines Vaters AVladyslaAv Hermann neben Krakau und 
Sendomir aucli Breslau als eineu der Hauptsitze des Reiches 
mit einer gewissen Selbstandigkeit innegehabt hatte, besteigt 
nun ein Herrschcr den Thron, der die Traditionen BoleslaAV 
Chrobrys ernciiert^ und gleicli diesem seine fast imnier siog- 
reichen Waffen in rastlosen Kampfen einnial bis an die Ul'er 
der Ostsee triigt und schliefslich sogar Stettin erobert (1122), 
dann wieder nach Bolimen und Mjiliren oder nach dem 
sildliclien Rufsland und Galizien. Es ist nicht die Aufgabe 
eines sclilesischen Historikers, ein zusammenhangendes Bild 
seiner Tliaten zu entwerfen, diese kommen viehnehr fiir 
uns nur so Aveit in Betraclit, als sie Schlesien berlihren, wel- 
ches Land durch Aviederholte Verwiistungen, die es von den 
Nachbarn erleidet, teurer als alle andern polniscben Pro- 
vinzen den Kriegsrubm Boleslaws bezablen mufs. 

Gleicb im zvveiten Regierungsjabre 1103, als sich Bo- 
leslaw durcli einen glucklicben Feldzixg Zbyslawa, die Tocliter 
des Fursten von Kiew, als Gemablin erkiimpft, bereitet ilnn 
sein eigener alterer Halbbruder Zbignew, den der Vater 
als unebenbilrtig mit Glogau (nacli anderen aucli j\Iasowien) 
abgefunden hatte, Nacbstellungen, und der Verdacbt, dafs er 
die Bohmen zu einem Einfalle angereizt babe, bleibt, ob- 
wolil er im Gottesurteile seinen Anldiiger, den Burgberrn 
von Punitz, bei der spater oft genannten Burg Sandewalde 
unweit von Gubrau besiegt. Bohmische Scharen verwiisten 
das Breslauer Land, scblagen bei Ritsclien ein Lager auf 
und werden nur durcli Geld zum Abzugc bewogen (1103). 

Dagegen seben wir bald nacbber BoleslaAv siegreich sein 
Land bebaupten mid den Einfallen der Feinde (Pommern 
und Bobmen), welehe der immer neue Riinke anspinnende 
Zbignew zu Einfallen aiireizt, trotzen. Schon 1104 hatte 
ihm einer der bohmischeu Kronpratendenten Boriwoi das fcste 
Schlofs Kamenz zurlickgegeben , und als dann ein anderer 
Pratendent Swatopluk niehr Aussichten auf den Thron hatte, 
erkaufte derselbe die Unterstiitzung Boleslaws durch das 
Versprechen, die Grenzburgen, daruiiter jedenfalls Wartha 



Boleslaw III. 11 

unci wahrscheinlich audi Ratibor, zu schleifen oder zuriick- 
zugeben. Swatopluk hielt, als er 1107 aiif den Thron kam, 
sein Wort nicht; dock gelang es Boleslaw, bald daraiif Ea- 
tibor in seine Grewalt zu bekommen. 

Er ha.tt6 namlich von einem Anschlag der Miihrer auf 
Kosel erfahren und in aller Stille, wakrend er selbst sckein- 
bar gaiiz unbesorgt eine grolse Jagd veranstaltete , eine zu- 
verlassige Schar ausgesendet, welche im Rilcken der vor 
Kosel gezogenen Miibrer einen Handstreick auf Ratibor aus- 
fiikren soUten, der dann auck, wenn gleick nickt okne Blut- 
vergiefsen, gelang. Die Makrer, vor Kosel abgewiesen, wer- 
den dann auf dem Riickmarscke von Ratibor aus durck die 
Polen angefallen und mit sckwerem Yerluste gescklagen 
(etwa 1108). 

Bei Boleslaws inimer fortdauernder Feindsckaft mit dem 
Bokmenkerzog Swatopluk suckte er ein Blindnis mit Konig 
Koloman von Ungarn, und in Ausfukrung dessen mackt er 
dann, als Kaiser Heinrick V., von dem Bokmenkerzog unter- 
stlltzt, 1108 gegen Ungarn zufelde ziekt, einen Einfall in 
Bokmen. ]\Iit ikm ziekt einer der bokmiscken Kronpraten- 
denten Boriwoi, der Bruder Swatopluks, der dann auck in 
Bokmen Ankanger findet. ObAvokl nun Boleslaw bald 
durck die Nackrickt von einem Angritfe der Pommern auf 
Grofspolen zuriickgerufen ward, so ward dock die Diversion 
der Polen flir Kaiser Heinrick die Veranlassimg , den filr 
die deutscken Watien oknekin nickt gilnstig verlaufenden 
ungariscken Feldzug aufzugeben und erfolglos keimzukekren, 
dock mit dem Entscklusse, den Poienfursten fiir seine Ein- 
misckung zu strafen. Auck Swatopluk nakm blutige Racke 
an alien, die seinem Nebenbukler sick zugewendet, sein Yer- 
daclit traf auck das macktige und weit verzweigte Gesckleckt 
der Wrsckowecen, die er unter Andrang besckuldigte, mit 
seinen Feinden in Zvini verrateriscke Zusammenkiinfte ge- 
habt ziT kaben, und okne Erinnerung, dafs gerade dieses 
Gesckleckt ikm einst auf den Tkron gekolfen, durck massen- 
kafte Hinricktungen vertilgte. Es verdient dies kier ange- 
fiikrt zu werden, weii man wokl nickt ganz mit Unreckt in 
Zvini unser keutiges Sckweidnitz suckt, dessen iilteste Er- 
waknung Avir also kier vor uus katten. 

Im folgenden Jakre 1109 riistete Kaiser Heinrick V., in 
dessen Seele der zu ikm geflokene Halbbruder Boleslaws 
Zbignew den Zorn gegen den Polenfilrsten wack erhal- 
ten und zugleick das Zufallen einer miicktigen mit diesem 
unzufriedenen Partei vorgespiegelt hatte, in aller Stille, und 
sein Heer stand im August sckon in der Lausitz, als Bo- 



12 Erstes Buch. Zweiter Abschuitt. 

leslaw, cler inzwisohen an cler Netze gegen die Pommern 
im Felcle lag, das Ultimatum des Kaisers erhielt, das ihin 
die Abtretimg seines halben lieiches an Zbignew und die 
Zalilung eines jahrlichen Tributs von 300 Mark Silbers zii- 
mutete. 

Boleslaw Aveist dies ab und eilt zum Scliutze seines 
Landes zurilck. Der Kaiser indessen, lebhaft Avunschend, 
hier an der Oder einen festen Punkt zu geA\'innen, greift 
zuerst Lebus an, aber erfolglos, dann niit nicht besserem 
Ertblge Aveiter oderaulAviirts Beiithen, dessen Besatzuug so- 
gar einen kecken Ausfall aiif das deutsche Heer AA^agt, end- 
lich das AAdchtigste dieser Kastelle Glogau, vor Avelcliem 
auch eine von Boleslaw vorausgeschickte Scliar, den Deut- 
schen den Oderilbergang zu Avehren, ein Lager aufge- 
schlagen liatte-, dock fanden die letzteren eine Furt durch 
den Fluls, iiberschritten denselben am Festtage des lieiligen 
Bartbolomaus, den 24. August, und eroberten das polnisehe 
Lager, so dais Avenige entkamen, um BoleslaAv die Ungliicks- 
kunde zu bringcn, der mit seinem durch den Pomraernfeld- 
zug geschAvilchten Heere in olfener Feldschlaclit den Kaiser- 
lichen entgegenzutreten nicht Avagte und sich nun hinter 
einem Fliiischen verschanzte, VerstJirkuugen erAvartend und 
zugleich die schleunigst erbetene Hilfe von den Uugarn und 
Russen. 

Heinrich aber schlofs indessen Glogau fest ein und 
angstigte die Burger so, dafs sie endlich durch Stellung A'on 
Geiseln einen filnl'tagigen WafFenstillstand erkauften, Aviih- 
rend dessen sie A^on Boleslaw die Erlaubnis zu einer Ka- 
pitulation einzuholen gedachten. Dieser aber verwarf jeden 
Gedanken daran und liefs die Burger mit dem Kreuzestode 
bedi'ohen, Avenn um iliretAvillen die Burg llbergeben Averden 
mlifste. Infolge davon diente der fiinftagige AA^aflenstillstand 
den Belagerten nur dazu, die verfallenen FestungsAverke 
eit'rig Aviederherzustellen , und den fortgesetzten Widerstand 
vermochte selbst die Drohung des Kaisers, den Trotz der 
Glogauer an den Geiseln blutig zu ritchen , nicht zu 
lahmen. 

Heinrich gab cndhch die Belagerung auf und zog ver- 
eint mit SAvatopluk von Bohmen die Oder autwarts auf 
Breslau zu ; immer A^on BoleslaAV gefolgt , dessen leichte 
Truppen die deutsche Heeresmasse umschwarmten und ihr, 
ohne sich auf entscheidende Kampfe einzulassen, da ihr 
Vorriickeu in dem rauhen fremden Lande ohnehin viele 
Schwierigkeiten fand, Auelfachen Schaden zufiigten. "\Yohl 
war der Kaiser bereit, die anfanglichen Forderungen sehr 



Boleslaw III. 13 

herabzustimmen 7 von einer Abtretung an Zbignew, clem er 
wegen der unerfilllt gebliebenen Versprecliungen ziirnte, 
sollte nicht niehr die Rede sein und nur eine einmalige 
Geldzahlung von 300 Mark als stillschweigendes Zugestand- 
nis des Unterliegens angesehen werden. Aber Boleslaw, der 
in der heranrlickenden raulieren Jahreszeit den besten 
Bundesgenossen erwarten durfte, verweigerte auch dies, ohne 
sich dadurcli sclirecken zu lassen, dafs Heinrich gegen die 
Hauptstadt des Reiches Krakau ziehen zu woUen erklarte. 
Ob es demselben damit Ernst gewesen, ist sehr zweifelhaft, 
und er hat im September 1109 sich schwerlich dariiber ge- 
tauscht, dafs nur eben ein ruhraloser Rilckzug ihm iibrig 
bleiben Averde. Jedenfalls mufste der letzte Zweifel dariiber 
schwinden, als am 21. September den Bohmenfiirsten Swato- 
pluk im Lager die Hand eines bohmischen Morders fallte. 
Bald war Schlesien von den fremden Truppen geraumt, und 
Boleslaw durfte sich riihmenj seine Lande gegen iiberlegene 
Heere erfolgreich verteidigt zu haben. Um diesem Ruhme 
ein glanzenderes Relief zu geben, haben spatere Chronisten 
dann aus dem sehr alten Namen des Stiftsgutes von St. Vin- 
cenz bei Breslau Hundsfeld die Sage von einer grofsen 
Mederlage der Deutschen bei Hundsfeld erfunden, deren 
Leichen den Tieren zur Speise liegen gelassen worden 
seien. 

Von Bohmen, wo nacli dem Tode Swatopluks ein langer 
Krieg um die Thronfolge das Land zerriittete, drohte Polen 
keine Gefahr mehr, und auch die anfangliche Einmischung 
Boleslaws in diese inneren Kampfe hat zu der schlesischen 
Geschichte keine direkte Beziehung, wir mogen uns be- 
gniigen in lokalem Interesse hervorzuheben , dafs in jenen 
Kampfen 1114 Glatz verbrannt wird, und dafs 1115 im Juli 
Boleslaw an der Neifse eine Zusammenkunft mit den boh- 
mischen Fiirsten hatte. 

Auch mit Deutschland kam Boleslaw bald in besseres 
Vernehmen namentlich dadurch, dafs er um 1110 in zweiter 
Ehe Salome, Tochter des schwabischen Grafen Heinrich von 
Berg, heiratete, von deren Sch western die eine dem sich 
schhefslich auf dem bohmischen Throne behauptenden Wla- 
dislaw, die andere desscn Bruder Herzog Otto von Olmiitz 
gleichfalls einem bohmischen Kronpriitendenten vermahlt war 
resp. wurde. Der Stifter dieser Ehen war vermutlich Bischof 
Otto von Bamberg, der in Bohmen und Polen gleich ange- 
sehen war. Der deutsche Historiker, der diese Vermutung 
aufstellt, fiigt treffend hinzu: „Die drei Schwabinnen und 
Bischof Otto haben den Frieden jener Lander und den 



14 Erstes Buch. Zweiter Abschnitt. 

cleutschen Einflufs im Osten besser gewalirt, als es Konig 
Heinrich vermoclitc." In cler That erialiren -wir von Kjim- 
pfen zwischcn Bolunen mid Polen erst Avieder gegen Ende 
der Regiei'ung Boleslaws III., wo wir von schrecklichen 
Verwustungen leseii, welche in den Jahren 1132 — 1134 die 
Bohmen in Schlesien angerichtet und bei welchen auch 
Kosel zerstort wurdo, bis 1137 cine Zusammenkunl't Bo- 
leslaws rait dem Bohmenfllrsten Sobieslaw, in der schon seit 
1129 neu aufgerichteten Glatzcr Burg einen Frieden lierbci- 
flihrte, zn dessen Bcsiegclung dann bald nachher in Nimptsch 
der polnische Kronprinz Wladyslaw den bi3hmischen Prinzen 
Wenzel aus der Taute hob. 

Dafs der polnische Herrscher eben durch seine zweite 
Vermiihlung in ein bessercs Verhaltnis zum Deutschen Reiche 
gekommen, sahen wir schon, und es ist sehr Avahrscheinlich, 
dafs er, als er 1122/23 mit der Eroberung Stettins die 
UnterAverfung Polens vollendete, in irgendAvelcher Form cine 
Anerkennung der neuen Erwerbung bei dem Kaiser gesvicht 
habe. Wahrschcinlich spielte den Vermittier auch da wieder 
Bischof Otto von Bamberg. An ihn, den er als Kaplan am 
Hofe seines Vaters kennen gelernt, und der ihm sogar ent- 
I'ernt verschwiigert war, Avendete sich BoleslaAA^, um seine 
neuen Unterthanen in Ponimern fur den christlichen Glau- 
ben gCAAdnnen zu lassen, nachdem ein romischcr Bischof 
Bernard an dieser Aufgabe gescheitert und von dem pol- 
nischen Kirchenfiirsten keiner fur das schwere und nicht 
ungefilhrliche Geschaft zu gCAvinnen Avar. 1124 reiste 
Bischof Otto liber Bohmen durch Schlesien nach der neuen 
Stittte seiner Wirksamkeit liber Wartha, die bohmische Grenz- 
burg, und Nimptsch, u.m dann am 4. und 5. Mai in Breslau, 
Avo der Herzog Boleslaw und der Bischof ihm den ehren- 
vollsten Empfang bereiteten, East zu halten und dann am 
6. Mai seine Reise nach Gnesen Aveiter fortzusetzen. 

Ottos Missionsthiltigkeit zu besprechen ist hier nicht der 
Ort; gCAvifs ist aber, dafs er fort und fort einen nicht ge- 
ringen Einflufs auf BoleslaAv auszuilben vermocht und viel 
dazu beigetragen hat, ihn von Zerwlirfiiissen mit Deutsch- 
land abzuhalten. Es handelte sich sogar in dem letzten 
Decennium der Regierung Boleslaws darum, das alte Privileg 
des IMagdebiirger Erzstiftes Avieder zur Geltung zu bringen 
und ihm die polnischen Bistumer unterzuordnen. Norbert, 
zu jener Zeit Erzbischof von Magdeburg , der Stifter des 
daraals so einflufsreichen Prilmonstratenserordens , hoch an- 
gesehen auch bei der romischen Kurie, schien ganz der 
Mann dazu, solch grofsen Schritt zur Ausfuhrung zu bringen. 



Boleslaw III. 15 

fur den sich audi Kaiser Lothar warm interessierte. Aber 
zu der Zeit, wo Herzog Boleslaw, auf den docli hier das 
meiste ankam, in die ungarischen Handel verwickelt und 
durch die wiederholten Einlalle der Bohmen, wie wir sahen, 
bedrangt sich deni Reiche ofFen anschlofs, Pommern zu Lehen 
nahm, den seit zwolf Jahren riickstandigen Tribut zalilte 
und nacli Ableistung des Vasalleneides auf dem Reichstage 
zu Mei'seburg den 15. August 1135 dem Kaiser das Scliwert 
vortrug, so dafs man von ihm audi jene Konzession lilitte 
zu erlangen hoffen diirien, war Biscliof Norbert schoii ge- 
storben (1134); er, der allein das sdiwierige Werk viel- 
leiclit hiitte durclifiiliren konnen. 

Ftir Sdilesien und die schlesisclie Kirclie konnte man 
wolil bedauern, dafs jener Gedanke niclit zur Ausfilhrung 
gekoramen ist. Allerdings liatte die abermalige Losre;fsung 
der polni&dien Bistiimer und ilire Konstituierung zu einem 
selbstiindigen Metropolitenverbande uicht allzu lange aus- 
bleibeii konnen ; aber sdion liundert Jalire spater waren 
vermutlicli weder Breslau nocli Lebus mit an Poleii zuriick- 
gefallen, liatten audi von Polen kaum mit reklamiert werden 
konnen, wiihrend die Trennung der sclilesisclien Kirche 
von Gneseii so sich erst langsam, unter Schwierigkeiten 
und ini Interesse unseres Landes entschieden niclit frilh 
genug voUzogen hat. 

FreiHch fallt es schwer zu glauben, dafs die papstliche 
Kurie audi damals sich zu einer Verkniipfung der polnischen 
Bistiimer mit Deutschland hatte ernstlich bereit linden lasseii, 
obschon man nach der in ilirer Echtheit nicht angezweifellen 
Bulle Papst Innocenz' II. voni 4. Juni 1133 dies aiinehmen 
mufste. Denn wie grofse Verdienste sich audi fort und 
fort der deutsche Klerus um die Kirche nach alien Seiten 
hin erwarb, so mufste doch einerseits der Umstand, dafs in 
Polen der Peterspfennig gezahlt wurde, in Deutschland aber 
nicht schwer ins Gewicht fallen; anderseits lag doch in dem 
Plane des Papsttums , wie dassdbe sich besonders seit 
Gregor VII. entwickelte , ganz entschieden die nationale 
Selbstiindigkeit der verschiedenen Staaten, welche neben dem 
gewaltigen deutschen Kaisertum bestanden, und die ja auch 
zum grcifsten Telle den besondern Schutz des heiligen 
Petrus zugesichert erhalten batten gegen das Gelobnis des 
Peterspfennigs. 

Es ist gar kein Zweifel, dafs der polnische Episkopat sich in 
altesterZeit entwickelt hatohne irgendwelche direkte Anlehnung 
an Deutschland. Das gilt audi natllrlich in vollstem Mafse 
von dem Bistuni Breslau. Schon Gregor VII. hatte Legaten 



16 Erstes Buch. Zweiter Abschnitt. 

zur Ordnung der Bistumsverhaltnisse, deren Zei'fahrenheit der 
Papst in einem Briefe vom Jahre 1075 beklagt, iiach Polen ge- 
sendet, wenngleich die genauere Festsetzung der Diocesan- 
grenzcn erst dem Kardinallegateu Egidius 1123 zugeschrieben 
wird. Eine thatsachliclie Bestiitigung der erfolgten Grenzbe- 
stimmung enthiilt dann das grofse pilpstliclie Privileg t'lir das 
Gnesener Erzbistiim vom 7. Juli 1136, in "welchem unter 
anderem demselben auch das Schlofs Militsch zugesproclien 
wird, das aber in der Breslauer Diocese liege, eine Bestim- 
mung, -vvelche filr uns von um so grofserer Wichtigkeit ist, 
als sie uns den Lauf der Diocosangrenze, die ja dann mit 
der politisclien zusammenfallt, etwa aiif der Linie der spa- 
teren schlesisch-polnischen Grenze imd sogar das durch seine 
Lage zwischen Siirapfen sehr leste spater als Grenzburg be- 
deutsam werdende ]\Iilitsclier Schlofs schon vorhanden zeigt. 

Eine ahnliche umfassende Bestiitigung ihres Landbesitzes 
hat auch das Breslauer Bistum unter dem 23. April 1155 
von Papst Hadrian IV. erhalten, eine Urkunde, welche, in- 
sofern sie die Kastellaneien autzahlt, die damals zum Bres- 
lauer Sprengel gehorten, fur uns vom allergrofsten Werte 
sein miifste, waren nicht die Ortsnamen, die in derartigen 
papstlichen Bestatigungen von den piipstlichen Schreibern, 
welchen sie natilrlich ganz fremd "warcn, sich mannigfache 
Entstellungen gefallen lassen mufsten, dadurch, dais die Ur- 
kunde sich nui* in spateren Abschriften erhalten hat, oft 
gerade an den fur uns entscheidendsten Stellen bis zur Un- 
kennthchkeit verunstaltet. 

Ob in dieser Zeit schon die Breslauer Bischofe ein Kreis 
von Kanonikern als Domkapitel mngab, lafst sich mit iSicher- 
lieit nicht feststellen. So\'iel aber ist gewifs, dafs, wenn 
1120 das Domstift des heiligen Johannes noch nicht be- 
standen hat, auch die zwar nicht von gleichzeitigen aber 
doch von iilteren Quellen liber lieferte Grundung des Kol- 
legiatstiftes zu Glogau in jenem Jahre nicht wohl denkbar 
ist, und wie wahrscheinlicli es auch sein mag, dafs Herzog 
Boleslaw III. in dankbarer Erinnerung an die tapfere Ver- 
teidigung Glogaus 1109 gegen Kaiser Heinrich V. hier bald 
darauf ein frommes Werk gestiftet babe, so kann er sich 
doch sehr wolil mit der Erbauung einer grofseren Kirche 
an diesem Orte begnilgt haben, an welche sich dann erst 
spater ein KoUegiatstift angeschlosscn. 

Von Breslau ist uns, Avio schon erwahnt, die Reihe der 
Bischofe erst von der Mitte des 11. Jahrhuuderts an be- 
kannt, wo dann folgteu Hieronymus 1051 — 1062, Johann I. 
1063 — 1072, Peter 1074—1111, Siroslaw 1112—1120, 



Alteste Breslauer Bischofe. 17 

Hejmo 1120 — 1126, Eobert 1127—1140; daun nach sechs- 
jahriger Vakaiiz Jobanu II. 1146—1149, Walther 1149 bis 
1169. Wir wissen von ihuen alien weuig mebr als die 
Namen, die biograpbischen Notizen, welcbe auf Grund des 
polnischen Cbronisten Dlugosz liber sie in alteren Blicbern 
sicb finden, sind langst als unglaubAviirdige Erfindungen 
anerkannt. Ein Deutscher ist schwerlicb in dieser Reihe, 
vielmebr diirften es der Mebrzahl nach Polen gewesen sein, 
wie dies von den beiden Siroslaws und jenem Johann II., 
welcber das Kloster Jendrzejow selbstandig dotierte, niemand 
bezweifeln wird; und Avelcber nationale Geist nnter ihnen 
berrschte, mochte jener Hof kaplan Boleslaws III. , den man 
friiher als Martinus Gallus bezeichnete, wobl kennen, als er 
um 1113 seine scliAvillstige von deutscbfeindlieber Euhmi-edig- 
keit llberfliefsende Chronik den polnischen Bischoien, unter 
welchen sich audi der Breslauer Siroslaw befand, iiberreichte. 

Dais ein Volk in der Periode, wo es aus primitiven Zu- 
stiinden sich herausarbeitet , fremden Beistandes nicht wohl 
entbehren kann, steht ja fest, xvad es uiufs da immer von 
grofster Bedeutung werden, Avoher diese Lehrer und Heifer 
ilnn kommen. Welche unabsehbaren Folgen wLirde es z. B. 
gehabt haben, wenn die Einwirkungen byzantinischer Kultur 
griechischen Bekenntnisses stark genug gewesen waren , um 
den Teil der slavischen Welt, an dessen Geschichte unser 
Schlesien teilhat, deni Osten zugekehrt zu erhalteu. 

Vorhanden gewesen sind diese Einfliisse , daran ist gar 
nicht zu zweifeln. Wir brauchen gar nicht weit zurilck- 
gehend die missioniire Thatigkeit des Constautin und Methodius 
auch unter den westlichen Slaven heranzuziehen , wir brau- 
chen nur an die zahlreichen Verschwagerungen der polnischen 
Fiirsten mit den russischen im 11. und 12. Jahrhundert zu 
erinnern, an die byzantinische Art des Geprages auf den 
altesten polnischen Mtinzen und an die interessanten an 
byzantinische Kunst unverkennbar erinnernden Reliefs aus 
der von dem Schwiegersohne Peter Wlasts dem Grafen Jaxo 
erbauten Michaehskirche, welche nach deren Abbruch 1529 
an das Allerheiligen - Hospital und dessen Nebengebaude ge- 
kommen und dort wenigstens im vorigen Jahrhundert noch 
zu sehen waren. 

Es kann kaura bezweifelt werden, dafs nur die grofse 
Armut unserer Quellen diese Beziehungen so vereinzelt 
vms nachweisen lafst. Von grofsei-er Bedeutung aber konn- 
ten sie nicht werden, nachdem seit der Mitte des 11. Jahr- 
hunderts die Spaltung zwischen der romischen Kirche und 
der des Orients auf das scharfste zutage getreten war, und die 

Grunhagen, Gesch. Schlesiens. I. <i 



18 Erstes Bueb. Zweiter Abscbnitt. 

Polen clem Bischofe zu Rom treu blieben, zii dem, wie wir 
wisscn, schon Boleslaw Chrobry in ein njiheres Verlialtnis 
getreten war. 

Die polnischen Ilerrscher in dieser Gesinnung festzu- 
lialten, gerade gegenilber den Get'ahren, welclie die Familien- 
verbindungen mit den russischen FUi*sien etwa bereiten 
konnten, war ein Ziel, welches die Papste nicht aiis dem 
Auge verlieren durf'ten, nnd schon dieser Grmid neben an- 
deren, die zu erortern wir noch Gelegenheit finden werden^ 
erkliirt den Eifer, mit Avelchem die Kurie ihren Einflufs aut" 
die polnische Kirche wahrt. 

Der schon genannte spatere polnische Chronist Dlugosz 
hat fur lange Zeit der Behauptung Kredit verschafft, die 
jiltesten Bischofe Breslaus seien Italiener gcAvesen, nnd be- 
ziiglich des ersten der oben aufgezjihlten Bischofe Hieronymus 
berichten dies auch die alteren Kataloge. 

Dafs sich Avirklicli Welsche unter den altesten Bischofen 
Breslaus befunden haben, kann uns nicht nnwahrscheinlich 
dilnken, Avenn wir erwiigen, dafs doch die papstlichen Le- 
gaten, welche nach Polen kamen, samtlich Italiener oder 
Franzosen waren, und dafs wir welsche Ilofgeistliche am 
polnischen Hofe antreffen. In der That ist es nicht ohne 
Interesse, die ersten Spuren jener sarmatisch-Avelschen Sym- 
pathieen, welche dann alle Jahrhunderte und alle ei'littenen 
Enttiiuschungen iiberdauert haben, zu verfolgen. 

Im Grunde war es nicht allein das Bewufstsein gemein- 
samer Interessen gegenilber dem allmachtigen Kaisertume, 
was die Staaten zweiten Ilanges verband vind speziell auch 
die romanischen Staaten den Polen naher brachte, obwohl 
eben diese Gemeinsamkeit dor Interessen von der Kurie 
eifrig gepflegt ward. Es ist daneben noch in Reclmvmg zu 
setzen, dafs ilberhaupt gerade in der Zeit, die wir hier im 
Auge haben, am Ende des 11., Anfang des 12. Jahrhunderts 
die speziiisch-romanische Kultur in Europa den Ton angab. 

Das griifste Avelthistorische Kesultat, welches das 1 1 . Jahr- 
hundert herausgelebt, die ungemeine Kralfigung des gesamten 
kirchlichen religiosen Momentes, die Bildung der Ideen, die 
wir auf diesem Gebiete als die eigentiimlich mittelalterlichen 
anzusehen gewohnt sind, war eine Frucht des asketisch- 
mystischen Geistes, dor mit immer machtigerer Gewalt das 
11. Jahrhundert erfllllt. Indem Gregor VII. denselben filr 
seine hierarchischen Zwecke mit grofsartiger Energie zu be- 
nutzen verstand, absorbierte er ihn doch nicht, man konnte 
eher sagen, dafs er ihn durch eine feste Organisation noch 
mehr kraftigte. Hier ist es nun auch nicht zu leugnen, dafs 



Eoniauische Einfliisse. 19 

diescr Geist der Zeit ganz besonders von den Romancn und 
iinter diesen -v^dederum vornehmlich von dem keltisch- 
romanischen Zweige, den Franzosen, erfafst und zum Aus- 
drnck gebracht wnrde. Von dieser Seite vornehmlich war 
das gewahige Ereignis des ersten Kreuzzngs, wenn auch 
nnter papstlicher Oberleitung, in Scene ge.setzt worden^ wjih- 
rend die Deutschen sich sprtide zuriickhielten; das so viel- 
fach niit religiosen Motiven verquickte Eittertum bildete sich 
vorzngsweise an den roiuanischen Hofen aiis, atif fran-' 
zosischem Boden entstanden ziierst jene romantischen Eitter- 
sagen, die wir dann in den Bearbeitungen unserer grofsen 
mittelalterlichen Dichter bewimdern ; von hier ging der eigen- 
tumHche grofsartige Baustil ans, den wir ziemlich nugeeignet 
mit eineni Spitznamen der Eenaissancezeit als den gotischen 
bezeichnen; hier bildete sich jene Eeform der Monchsorden 
aus, welche dieselben mit neuem Leben und tieferem Inhalt 
erflillten: die Pramonstra tenser , die Cistercienser erwuchsen 
wie vordem die Cluniacenser auf franzcisischem Boden, um 
bald mit ilu-en Kolonieen das christliche Europa zu erfiillen; 
auch die geistlichen Eitterorden der Johanniter und Templer, 
welche der Verbindung des religiosen Moments mit dem 
Eittertume einen iiufserlichen Ausdruck geben, waren roma- 
nische Stiftungen. 

Es kann nicht geleugnet werden, dafs dies alles der Aus- 
druck des damahgen Zeitgeistes war, dafs das Schiff der Kirche 
damals von der Stromung der Zeit getragen ward, mid dafs 
die in demselben Fahrwasser segelnden Franzosen das Be- 
wufstsein hegen konnten, den Deutschen voraus zu sein und 
all das neue Leben, das bei ihnen aufsprofs, in dem Sonnen- 
strahl einer siegenden Idee frohhch gedeihen zu sehen, zu 
einer Zeit, wo ilber Deutschland tiefere Schatten lagen, wo 
das gCAvaltige Herrsehergeschlecht der Salier, das in der Be- 
kampfung jener Ideen seine Lebensaufgabe erblickt hatte, 
ins Grab stieg. Es ist noch ein voller Ausdruck der Si- 
tuation, als 1147 einer der gewaltigsten Vorkampfer der 
ncuen Ideen, der grofse Cistercienserabt Bernhard von Clairvaux, 
den Hohenstaufen Konrad III. eigentlich gegen dessen Willen 
und I'berzeugung zu dem Kreuzzuge bestimmte und so 
Deutschland sich endlich doch von der neuen Bewegung ins 
Schlepptau nehmen liefs. 

Strahlen jenes Glanzes, der damals die Eomanen um- 
strahlte, drangen nun auch in den fernen Osten und be- 
wirkten, dafs die Polen liber Deutschland hinweg den Fran- 
zosen die Hand reichten. Auch gerade unser Schlesien nimmt 
an diesen Bestrebungen eifrigen Anteil, und es ist in der That 

2* 



20 Erstes Bach. Zweiter Abschuitt. 

von InteressG; wabrzunehmen, wie liier im 12. Jahvlmndert, 
kiirz vorher ehe sich das Land ganz uud gar deutschen 
Einfliissen ciffnete, romanisclie Eiuwirkuugen vielt'ach auf 
kil'clilicliem Gebiete, ja sugar die Aufjinge romanischer Ko- 
lonisation nachzuweisen sind. 

In Polen selbst sind die romanisclien Verbiudungen, be- 
sonders auf kirchlichem Gebiete, uralt, die altesten polnischen 
Monclie Benediktiuer - Ordens solleu aus Monte Cassino ge- 
kommen sein; am Anfang des 11. Jahrhunderts sandte der 
heilige Romuakl zwei Schiiler, Johannes uud Benedikt, nach 
Polen, deren Ermordung 1004 dann die Legende so ^^eltach 
ausgesponnen hat. Den Herzog Kasimii* lalst eiue Iriih ent- 
standene Sage aus dem Kloster Chiny auf den Thron be- 
rufeu werden, eine Gesandtschaft nach dem KJoster des hei- 
ligen Egidius in der Provence (1082) und die Filrbitte der 
dortigen Monche verschaflft der kinderlosen Ehe Herzog 
AVladyslaws den lange ersehnten Sprofsling, den nachmaligen 
Boleslaw III. 

Im Anfange des 12. Jahrhunderts erfahren wii- auch 
schon von franzosisch-polnischen Familienverbindungen, wie 
z. B. die Tochter des Grafen Gottfried von Lowen einen 
polnischen Prinzen heiratet. Auch dem Feldherrn Boles- 
laws III. Peter "Wlast (d. h. Sohn AVladimirs), einem in 
Sclilesien reich begiiterten Mamie, von dessen Schicksalen 
wir noch weiter zu sprechen haben werden, giebt eine iiltere 
schlesische Geschichtsquelle die Tochter eines flandrischen 
Grofsen zm' Gemahhn, und wenn auch dies zweifelhaft bleibt, 
so ist doch so viel gewifs, dafs er im Jahre 1109 auf seinen 
vaterhcheu Erbgiitern am Zobtenberge und zwar auf dem 
dem hohen Berge nordwestlich vorliegenden Berglein (Gorka, 
Gorkau) ein Kloster grilndete fiir Handrische Augustiner, die 
aus der Abtei von Arrovaise in der Grafschaft Artois her- 
gezogen waren und mit reichen Giltern vorziiglich am Zobten 
ausgestattet wurden. Auch erhielten dieselben um die Mitte 
des 12. Jahrhunderts in Breslau die Sandkirche und einen 
Teil der Sandinsel, wohin sie dann, da das Khma am Zobten 
ihnen zu rauh erschien, ganz ubersiedelten , in Gorkau nur 
€ine Propstei zm-iicklassend. Dor Bruder Peter Wlasts, Bo- 
leslaw, erbaute fiir sie die Adalbertskirche zu Breslau, zu 
der auch Landbesitz gehorte, darunter vielleicht auch der 
Grund und Boden der spiiteren Taschenstrafse, welche noch 
am Ende des 14. Jahrhunderts den Augustinern gehort. 

Ganz unzweifelhaft von diesen flandrischen Augustinern 
ist nun das ausgegangen, was wir von wallonischen Ko- 
lonieen in Schlesien iinden, uud dessen Begriindung wir sicher 



Wallonisclie Kolonieen. 21 

ins 12. Jahrhimdert setzen diirfeu, so der Flecken von 
St. Moritz, der sich um die Wcahrscheinlich noch im 12. Jahr- 
himdert entstandene Maimtiuskirche gruppierte^ auch wohl 
als Wallouenstrafse (platea gallicana oder romana) bezeichnet, 
die heutige Klosterstralse, Von hier fiihrte die schon im 
Anfange des 12. Jahrhunderts urkundlich erwahnte Moritz- 
brllcke iiber die Ohlau auf das insulare Gebiet der spateren 
Neustadt. Von diesen Ein"\yanderern ist nun die erste Kunde 
der Tuchweberei, worin die Flanderer bekanntlich Meister 
waren, nach Schlesien gekommen, und sie haben vermutlicli 
auch den Stamm gebildet fiir die Tuchmacherkolonie , die 
spater als Breslauer Neustadt ein besonderes Stadtrecht er- 
hielt. Was die sonstigen wallonischen Kolonieen anbetrifft, 
so vermiigen T\dr als soiche nachzuweisen von den Stil'ts- 
giitern der Augustiner Jankau bei Ohlau und Kreidel bei 
Wohlau, aufserdem das Jankau benachbarte, aber dem Vin- 
cenzstilt gehorige Wiirben und endlich ein bischofliches Gut 
in der Nalie von Namslau, welches in einer Ur kunde von 
1271 als Prevacovica Gallicorum bezeichnet wird, und wel- 
ches moglicherweise mit Wallendorf zusammenfallt; wo der 
Name (polnisch Wlochy) gleichfaUs auf wallonischen Ur- 
sprung hinweist. 

Irgendwelchen nachweisbaren allgemeineren Einflufs haben 
diese wallonischen Kolonieen, die von dem vlamischen (d. h. 
also nicht romauischen, sondern eher germanischen Ursprungs) 
Avohl zu unterscheiden sind, nicht geiibt, und wir haben 
nicht den leisesten Anhalt selbst nicht filr Vermutungen 
liber die besonderen Rechtsverhaltnisse , unter welchen sich 
jene Grilndungen vollzogen und entwickelt haben. Nur so- 
viel werden wir sagen konnen, dais die Lage dieser Ko- 
lonisten nicht so giinstig gewesen sein kann, als die der zu 
deutschem Eechte ausgesetzten, da diese Wallonendorfer im 
13. Jahrhundert aUe deutsches Recht verlangen mid erhalten. 
Boden konnten sie nicht wohl greifen, nachdem vom Ende 
des 12. Jahrhunderts an in immer wachsendem Mafse das 
deutsche Element massenhaft hier Eingang land, welches 
sie notwendigerweise bald absorbieren mufste, wenn wu' 
gleich die Grilnduugen noch im 13. Jahrhundert als wallo- 
nische erwiihnt finden mid auch am Anfange des 13. Jahr- 
hunderts wenigstens hier und da in Urkundeu Erlaubnis zur 
Ansiedeluug auch von Wallonen erteilt wird. 

Hervorzuheben dilrfte noch das sein, dafs unter den 
wallonischen Einwanderern sich auch adelige Elemente be- 
fundeu haben miissen, da einerseits die Mutter des am Hole 
Herzog Heinrichs am Anfange des 13. Jahrhunderts hoch 



2i2 Erstes JJiich. Z welter Abscliuitt. 

angesehcnen Grafen Albert mit clem Barte aus cler Bres- 
lauer AValloueustrafse stammte, anderseits das gauze 13. Jahr- 
liuudert hindurc]") bis ins 14. liinein Kavaliere, die aiisdriick- 
lieb den Beinameii Gallici trageii, in der Umgebung der 
Herzoge genannt werden. 

Zu weiteren Verbindungen mit Frankreich but dann die 
Eiufiihrung der schnell zu groisem Kuhme geUingteu neueu 
Monchsorden der Pramonstratenser uud Oistercienser in 
Polea und Schlesien Veranlassung. Schon Peter Wlast wird 
die G-rundiing eines Klosters fiir Prjlmonstratensermonche in 
Laiirencic bei Kalisch, sowie eines Nonnenklostcrs dieses 
Ordens zu Strzebio in Grofspolen zugescbrieben, und das be- 
deutende, reicb ausgestattete , spiitere Vincenz-Stift, welches 
Graf Peter nordlicb von Breslau (etwa wo jetzt die neue 
Michaeliskirche steht) in den dreifsiger Jahren des 12. Jahr- 
hunderts erbaute, ward zwar anfangs mit Benediktinern aus 
dem polnisclien Kloster Tiniec unweit Krakau besetzt, docli 
erfolgte bald auch dereii Ersetzung durcli Pramonstratenser 
und zwar vielleicbt friiher als gewohnlicli angenonmien wird, 
insofern einer papstlicheu Urkuude von 1193 zutblge dieser 
Wechsel noch mit Zustimmung des Grafen Peter erfolgt 
ware. Es war doch wohl aucli direkter EinHufs der roma- 
nisclien Pramonstratenser, wenn Bischof Walther die Bres- 
lauer Kirche, was Liturgie uud Ritus anbctritfc, der von 
Laou nachbildete, flir welches Bistum dor Piilmonstratenser- 
orden, dessen Stifter der heilige Norbert bei dera Bischof von 
Laon Zuflucht und vielfache Forderung gefunden hatte, ein 
besonderes Interesse hegte. Im Jahre 1201 hat dann zuerst 
ein Priimoustratensei-abt Cyprian seinen Weg auf den 
bischoflichen Stulil von Breslau gefunden. 

Auch bezuglich des Cistercieuserordens darf behaup- 
tet werden, dafs zu der Zeit, wo der heilige Beruhard 
auf der Htihe seines Ruhmes stand, also wesentlich friiher, 
ehe deutsche Oistercienser als eifrige Beforderer germani- 
scher Kultur liier ihren Einzug hielten, direkte Beziehun- 
gen zwischen Poleu resp. Schlesien und don iiltesten Stiftern 
des Ordens in Frankreich bestanden haben. Als der Bres- 
lauer Bischof Johannes II. um 1140 selbstiindig das pol- 
nische Oistercienserkloster Jedrzejow griindete und dotierte, 
siedelte er dort Briider aus Morimund an, die sogar den 
Namen des Mutterklosters nach Polen verpHanzten. Einen 
Brief des heiligen Bernhard dorthin hat man hier jahrhun- 
dertelaug als teure Rehquie aufbewahrt, bis ein Brand ihn 
zerstort hat. Um 1144 hittet Bischof Matthaus von Krakau 
den heiligen Bernhard aufs dringendste, nach Polen zu konnnen, 



Gruudungen romauischeu Urspnings. 23 

WO man allgemein seine Ankunft erwarte, unci wo viele 
tromme Manner, vor alleni cler edle Graf Peter, sebr glilck- 
lich sein wiirclen, ihn zu sehen. 

Als Stiftungen urspriinglicli romanisclien Gepriiges, die 
zugleich an die Kreuzzlige anklingen, werden wir dann nocli 
die Berufung der Hiiter des heiligen Grabes, welche Graf 
Jasko von seiner Wallfalirt nacli Jerusalem 1163 nacli 
Kloster Miechow gefilhrt und die bald auch in Oberschlesieu 
Giiter erwarben, und ferner die der Johanniter zu nennen 
liaben, denen Herzog Heinricli von Sendomir, der Bruder 
Wladyslaws II., infolge seiner Kreuzfahrt 1154 die ersten 
Besitzungen in Polen verlieh, und deren Kirche zu Striegau 
schon Biscliof Waltlier weiht wie sein Nachfolger Siroslaw 11. 
1170 — 1198 die Kirclie ihrer zweiten schlesischen Kommende 
zu Grofs - Tinz. Siroslaw sclienkt ihnen dann im Jahre 
1193 aucli nocli die Kirche zu Wartha unter der Bedinguug, 
dais datur die Namen der gestorbenen Breslauer Kanoniker 
nacli Jerusalem berichtet und fiir diese dort an heiliger 
Stelle Seelenmessen gelesen werden. 

Wir haben in dem Vorsteliendeu, uni Gemeinsames nicht 
zu trennen, weit liber die Grenze gegrifFen, bis zu welcher 
wir die politische Geschiclite gefilhrt hatten, und doch be- 
reiteten sich bald nach dem Tode Boleslaws III. die Ereig- 
nisse vor, Avelche unserer Landesgeschiclite eine ganz andere 
Wendung gaben, sie von der polnischen mehr und mehr 
trennten und die schlesischen Fllrsten zwangen, an Deutsch- 
land einen Rilckhalt zu suchen, von wo aus nur ein kleiner 
Schritt war zu einer Offnung des Landes gegen Deutsch- 
land bin, fllr Einwirkungen, welche dann in kui'zem alle 
jene ursprllnglichen romanischen Pflanzungen umgestalten 
mufsten. 



Dritter Abschnitt. 

Wladyslaw II. und Peter Wlast. 



Herzog Boleslaw III. hatte vor seinem Ende das Reich 
unter seine vier Sohne (den filnften noch unniilndigen nicht 
mit bedenkend) geteilt, doch dem Altesten, Wladyslaw, nicht 



24 Kistos Buch. Diittei- Absclniitt. 

nur einen grofseien Anteil, neben Krakau audi Schlesien^ 
sondei'n audi einc die Einheit dcs Keiches repriisentierende 
hohere Stellung als GroMiirst (dux raaximus) gewjihrt, welehe^ 
an den Besitz von Krakau gekniiptt, audi fur die Zukunft 
immer dcm Altesten zutoil Averden sollte. 

Unverineidlidi lagen in dieseni Verhiiltnisse, bei welcheni 
danii doch die Grenzen der konkurrierenden Gewalten iia- 
tiirlicli nirgends festgesteckt wareu, die Keime innerer Zer- 
wurl'uisse, wie solche eigentlidi bei der ersten Probe des 
Seniors, seine Priirogative geltend zu maclieii liervortreten 
niulsteii. In der That erfaliren wir schon zum Jahre 11 40 
von Zerwlirliiissen zwischeu den Briidern, welclie damals, 
wie es scheint , die Vei'mittelung ihrer j\Iutter Salomea 
schliditet; aber der Keim weiterer Verwickelungen blieb, 
und dafs Wladyslaw solche hervoiTief diu'ch starke Betonung 
seiner oberherrlichen Gewalt, schi'ieb alle Welt an erster 
Stelle deni Ehrgeize seiner deiitschen Gemahlin Agnes von 
Usterreich, einer Halbsdiwester Kaiser Konrads III., zu; und 
die Abneigung gegen die Auslanderin und deren EinHuls 
verlieh danii der partikularistischen Opposition, in welcher 
sich Adel und hohe Geistlidikeit zusammentanden , noch 
einen gewissen popular - nationalen Anstrich. Von diesem 
Standpunkte aus konnte es dann wohl audi geniiisbinigt 
werden , wenn Wladyslaw allerdings ganz getreu der von 
seinem Vater in dessen letzter Zeit vertblgtcn Politik ein 
gutes Einvernehmen rait dem deutschen Kaiser suchte und 
z. B. zum Weihnachtsfeste 1144 an Konrads III. Hof- 
Jager den grolsen Feldherrn seines Vaters, den uns schon 
bekaunten Peter Wlast sandte, der dann diese Gelegenheit 
benutzte, um dort kostbare Kdiquien des heiligen Bischofs 
Vincenz flir seine grolse Stiftung auf dem Elbing bei Bres- 
lau zu erwerben, welche am 6. Juni 1145 feierlich in 
Breslau eingeholt wurden und Veranlassung gaben, das 
urspriiuglich der Jungfrau Maria geweihte JStilt nun nach 
jeneni Heiligen zu benenuen. 

Dieser Graf Peter war nicht, wie spatere Sageu berichtet 
haben, ein Dane, sondern der Sohu eines polnischen und 
zAvar eines schlesischen Edelmannes Wladirair, dessen grofse 
HeiTschaft am Zobten lag. Peter war namenthch dadurch 
in so holies Ansehn bei Boleslaw gekommen, dafs er im 
Jahre 1122 angeblich durch eine Hinterlist, bei welcher er 
selbst sein Leben aufs Spiel setzte, und welche an die That des 
Zopyros bei Herodot erinuert, den Fursten von Halicz (Ost- 
galizien) gefangen nahm. Boleslaw lohnte ihni durch Reich- 
tiinier und Ehrenstellen , verschaffte ihm die Hand einer 



AVladyslaw IT. imd Peter Wlast. 25 

russischen Flirstentochter Maria, einer VerAvanclten seiner Ge- 
mahlin Sbyslawa. Unter den Wiirclen, die ihm zufielen, 
scheint sich auch die eines Statthalters von Schlesien be- 
fiinden zu haben. 

Jedenfalls war Peter, als sein gTofser Gonner Boleslaw 
1138 starb, einer der angeseliensten unter den poluischen 
Magnaten, iind seine schon erwahnte Sendung an den Hot' 
des deutschen Kaisers im Jahre 1144 zeigt, dais das Ver- 
trauen des Vaters auf den Sohn sich vererbt hatte. 

Doch ward dasselbe bald darauf einer zn schweren 
Probe unterworfen, als \^'ladyslaw mit seinen Briidern in 
offnen Zwist geriet. 

Xachdem das Verhaltnis Wladyslaws zu seinen jiingeren 
Stiet'brildern schon iramer ein keineswegs ungetriibtes ge- 
wesen und mancherlei Reibungen vorgekommen waren, reitte 
allmahlich in WladyslaAv, der angeblich voruehmlich durch 
seine elu'geizige Gemahlin Agnes von (jsterreich sich leiten 
liefs, der Gedanke, fest durchgreifend sich eine monarchische 
Gewalt auch liber die von seinen Briidern beherrschten Ge- 
biete zu sichern, und im Jahi^e 1145 schritt er zur Aus- 
fiihrung. Als er jedoch in den Lauden der Briider Steuern 
erheben wollte, machten diese Einwendungen , und als ihre 
Vorstellungen und Bitten fruchtlos bleiben, wagen sie be- 
AvafFneten Widerstand, und zwei der Briider, Boleslaw und 
Heinrich, biiisen ihre Lande Masowien und Sendomii' voll- 
stiindig ein, wahreud der dritte Bruder Mesko sein Land 
(Grolspolen) ganz oder zum Teii, wie es scheint, durch recht- 
zeitige UnterAvertung rettet und dann in Posen auch den 
Briidern eine Zuflucht gCAvahren kann. 

Fiir den neugeschaflenen Zustand der Dinge, der faktisch 
eine Umwlilzung der Verhiiltnisse , AAde sie seit dem Tode 
BoleslaAvs III. bestanden hatten, herbeigefiihrt hatte, suchte 
nun WladyslaAv bei seinem ScliAvager, dem Kaiser Konrad, 
dem er den Titel eines Oberlehnsherrn nicht weigerte, eine 
nachtragliche Anerkennung, die er dann Avohl wie eine Art 
Garantie ansehen mochte, und erlangte dieselbe auch auf 
dem Hoftage, den Konrad 1146 zu Ostern (Marz 31) in 
Kaina bei Altenburg abhielt. 

Mit dem Geliihle erhohter Sicherheit eilte Wladyslaw 
nach Polen zuriick, entschlossen die Ziigel der Herrschaft 
noch fester anzuziehen und die widerstrebenden Eleraente 
ohne Schonung niederzuwerfen. Ein Opfer dieser Vorsiitze 
wurde nun Graf Peter "VVlast. Dieser machtige Mann hatte 
im Vertrauen auf die, wie er hoffte, vom Vater auf den 
Sohn A'ererbte Gunst des Herrschers es o-eAvae-t, otFener und 



2<) Erstes Buch. Diittei- Abschuitt. 

eiuclringlicher als aiidere Grofse den Herzog von den Schrit- 
ten gegeu die Brilder abzumahnen. Wladyslaw aber iind 
vielleicht niehr noch seine Gremahlin hatte des Graien otlene 
Rede auf das liet'tigste erzilrnt, iind eine strengc Aim- 
dung del' Unbotmiilsigkeit ward niir verschoben, uni 
nicht, so lange noch der Widerstand der Anliilnger der 
Brilder nieht ganz gebrochen war, den machtigen ^lanu 
resp. dessen Freuude auf die Seite der Aufstiindischen zu 
treiben. 

Wir diirt'en als huclist wahrsclieinlich voraussetzen , dais 
die einmal autgeschobene Strafe oder Rache gar nicht oder 
wenigstens nicht in so grausanier Weise zur Aust'iihrung 
gekommen ware, batten nicht immer wieder neue Vorkomm- 
nisse den Argwohn und Groll des Herzogs genahrt, und 
ebenso gewil's ist, dafs nach der Riickkehr des Herzogs 
aus Deutschland eine besondere Veranlassung AV lady slaw 
bestimmt hat, den Bet'ehl zu des Grafen Verhat'tung zu ge- 
ben. ]\IogIich ist auch, dafs die dem Herzoge erregte Be- 
sorgnis, es sei bei dem von Peter geriisteten Feste der 
Vermithlung seines Sohnes Egidius, wo viele Grofse geladen 
werden sollten, eigentlich auf eine Verschwurung abgesehen, 
AVladyslaw bestimmt hat, den entscheidenden Bcfehl zu er- 
teilen. 

Die Gefaugennehmung des machtigen Manncs war dem 
herzoglichen Marschall Dobek (Dobeslaw), einem auf Peters 
Ansehen und seine Schiitze neidischen Manne, iibertragen, der 
sich nun allein nach dem befestigten Schlosse, das Peter 
auf dem Elbing vor Breslau neben dem Vincenzkloster sich 
erbaut hatte, begab und unter dem Vorgeben, er kame niit 
einem Auftrage vom Herzoge, Einlafs und gastliche Be- 
wirtung fand; spiit des Nachts schied er, um in seine Her- 
berge zu gehen, die Eroflfnung der herzoglichen Botschaft 
dem kommeuden Tage vorbehaltend , nachdem er die Ge- 
legenheit des Ortes ausgekundschaftet, erschien aber vor 
Tagesgrauen wieder an der Pforte mit Bewatiheten, die er 
versteckt hielt, klopfte und hefs den Hauptmann des Grafen 
Namens Roger, von dessen treuer Ergebenheit gegen seinen 
Herrn er Widerstand fiirchtete, rufen und versicherte sich 
dessen Person. Dann drang er mit seinen Bewaffueten ein, 
rief Peter aus dessen Schlafgemach durch die Xachricht, der 
Herzog selbst erwarte ilm, nahm ihn gefangen und ebenso 
noch seinen durch den Liirm herbeigelockten Sohn Egidius, 
welche dann alle drei fortgeschleppt und ins Geiangnis ge- 
worfen werden, wahrend das Schlofs Peters geplilndert und 
schhefslich in Brand o-esteckt wird. Von der gelungenen 



Wladyslaw II. uud Peter Wlast. 27 

Ausfilbrung erhalt der Herzog, cler in eiiier Staclt unweit 
Breslau verweilt, schleunige Nachricht. Inzwischen Avar der 
Schwiegersohu Peters^ der Graf Jaxa, oline Kunde des Vor- 
gegangenen, bei Wladyslaw erschienen, mn den Herzog zur 
Vermablungsfeier des Egidius eiuzuladen; als er am Hofe 
den Sturz seines Schwiegervaters erfahren, versuclite er ver- 
gebens den Zoi'n des Herzogs zu besanftigen, und ward 
sogar selbst; da er sieb von jenem nicbt lossagen wollte, 
vom _ Angesiclit des Herrscbers verbannt. 

Uber Peter und dessen Sobn gedacbte der Herzog Ver- 
lust seiner Gilter und ewige Verbannung zu verbangen ; 
seine Gemablin jedoeb bestand auf der Todesstrafe, berubigte 
sicb aber, als sie wenigstens die Strafe der Blendung bei 
ibrem Gemabl ausgewirkt batte. Ein verurteilter Morder 
flibrte um den Preis seiner Begnadigung die grausame Strafe 
aus und soUte aucb nacb Dobeks Weisung dem Grafen die 
Zunge ausscbneiden, welcbes letztere jedoeb; nur unvollkom- 
men ausgefilbrt, nicbt ganz die Spracbe raubte. Der Un- 
gliieklicbe land mit seinem Sobne eine Zuflucht in Posen 
bei den Briidern des Herzogs. 

Nun ging em Abgesandter WladjslaAvs an den gefangenen 
Hauptmann Peters Roger, er solle den Ort, wo der Graf 
seine Sebatze verberge, entdecken und aus dessen Dienst 
in den des Herzogs treten, wo man ibm Ansebn und Ebren- 
stellen verbiels. Auf seine Weigerung ward ibm bedeutet, 
er diirfe seinem Herrn nur folgen, Avenn er sicb vorher mit 
Geld lose. Roger verlangte zur Aufbi'ingung des Geldes 
entlassen zu werden, und an der Spitze der zebn Biirgen, 
die er zu diesem" ZAvecke stellen mufste, befand sicb der 
Roger verwandte damalige Biscbof von Breslau Johannes 
mit A'erscbiedenen Bittern. Nacb AA^enigen Tagen aber wurde 
Roger von dem Herzoge, dem dessen Entlassung leid ge- 
worden war, vor ibn nacb Krakau gefordert, und Roger 
hatte sicb aucb bereits auf den Weg gemacht, als ibm 
Biscbof Johannes seinen Archidiakon und Vertrauten Robert 
nacb Krakau nachsandte rait der Warnung, jetzt nicbt \^or 
dem Herzog zu erscbeinen, da ibm Gefabr drobe; er, der 
Biscbof, woUe eine Verlangerung des jenem gestellten Ter- 
mines auswirken. Wirklicb setzte er dies aucb durch, und 
Roger blieb drei Tage im Hause eines Arm en zu Ki'akau 
versteckt, begab sicb aber dann zu einem VerAA'andten, dem 
Hauptmann im Krakauischen, Johann gen. Mikora, einem 
angesebenen Edelmann, und forderte diesen auf, die GeAA'alt- 
thaten WladyslaAA's, die Vertreibung der Herzuge, soAAde die 
Grausamkeit gegen Peter zu riichen, und als dieser geltend 



28 Erstcs Much. Drittcr Abschnitt. 

macht, wie er zwar dies wunsche, aber keine Moglichkeit 
zur Aust'ulirimg selie, setzt ihm Roger auseinander, wenn er 
und sein Neffe Georg, der Hauptinann in Glogaii, die ver- 
triebenen Herzoge zur Riickkehr aul'lorderc und beide ilinen 
ihre Schlosser einraumten, werde WladyslaAV, der jetzt kein 
Heer gesammelt habe, aller Wahrscheinlichkeit nach unter- 
liegen. Mikora kann sich noch nicht entschliefsen und 
weist Roger an seinen Neffen Georg, der aber noch mehr 
Bedenken begt und jenen an seine Verpfliehtungen den 
Biirgen gegenuber erinnert. Inzwischen aber hat Roger 
andere Adelige gewonnen und durch diese verschiedene von 
vcrschiedenen Sciten kommende Waruungsbriefe an Mikora 
und Georg schreiben lassen, der Herzog hege gegen sie 
Verdacht, sie mochten sich hiiten, ihnen drohe dasselbe 
Schicksal wie dem Grafen Peter. Nun drilngte aiich sie 
die List mit dem Scheine der Notwehr auf die Seite der 
Verschworenen , Avelche in Breslau zur Beratuug zusammen- 
kamen, wo dann Rogers Beredsamkeit die letzten Bedenken 
zerstreute. Wiihrend Wladyslaw nichts ahnend einer Ein- 
ladung zur Jagd nach Rufsland gefolgt war, rief man die 
jiingeren Herzoge aus Posen herbei, und ihnen offnete sich 
der grolsere Teil der Schlosser. 

Es ist kauni zu bezweifehi, dafs die herzoglichen Brilder, 
als sie sich an die Aufstandisehen anschlossen, sich bemtiht 
haben, die Verantwortung Wladyslaw zuzuwalzen, als ob 
dieser durch neue gegen sie vertibte Ungerechtigkeiten das 
zwischen ihnen getrofFene Abkommen verletzt und sie da- 
durch zur Notwehr gedritngt habe. 

AVladyslaw sammelte auf die Nachricht von diesen Vor- 
gangen ein Heer von Soldnern in Rulslaud mit Zustimmung 
und Unterstiitzmig des ihm verwandten Filrsten, und mit 
diesen und seinen polnischen Anhiingern zog er gegen die 
Aufstandisehen, welche unter Filhrimg des AVsebor, Palatins 
von Sendomir, ihm an der Pilica eine blutige Schlacht lie- 
ferten, in welcher sie sich zwar den Sieg zuschrieben, doch 
nicht verhindern konnten, dafs er, durch neue ausliindische 
Soldnerscharen verstarkt und den Gegnern an Zahl der 
Streitkrafte weit ilberlegen, sie immer mehr zuriick- 
driingte, eine Stadt nach der andern einnahm und endlich 
vor den Thoren der letzten Zuflucht der Aufstandisehen, 
vor Posen, sein Lager aufschlagen konnte die Stadt hart be- 
drangend. 

Damals geschah es, dafs der greise Erzbischof Jakob 
von Gnesen im Lager des Herzogs erschien, sich in einem 
kleinen Wagen, an den ihn die Gebrechhchkeit des Alters 



Wladyslaws II. Vertreibung. 29 

fesselte, in das Zelt des Herzogs rollen liefs und diesen mit 
den eindringlichsten Worten beschwor, deui Blutvergiefsen 
ein Ende zu machen und von der Bedrlickuug der Brlider 
abzustelien, und, da Wladyslaw ihn hart abwies, den Bann 
der Kirche iiber ihn aussprach. Als der Bischof hiernach 
sich entferneu wollte, rifs der Diener, der das Wagiein des 
Pralaten bewegte, aus Ungeschicklichkeit eine der Stiitzen des 
Zeltes urn, so dafs dieses zum Teil einstlirzte und den Herzog 
fast erschlagen hiitte, — ein Zufall, der als ein iibles Zeichen 
fiir diesen angesehen ward, den aber derselbe ungeahndet 
hingehen liefs. 

Mesko, einer der jiingeren Herzoge, der mit seiner Scliar 
nicht mit eingeschlossen war, hatte inzwischen mit der Be- 
satzung der Burg einen Uberfall des Lagers Wladyslaws 
verabredet, zu dem ein von einem Turme der Stadt hinter 
der Nikolaikirche dreimal auf- und niedergezogener Scliild 
das Signal gab. Es gelang, die Wacheu zu iiberrumpeln, 
und zugleich mit einem allgemeinen Ausfalle der Besatzung 
erfolgte dann der AngrifF auf die unvorbereiteten, gerade mit 
dem Mittagsmahle beschattigten herzoglichen Scharen, die 
nun eine voUstandige Niederlage erlitten. Wladyslaw, seine 
Sacbe verloren gebend, fioh nach. Krakau, und als die sieg- 
reichen Gegner ihm, naclidem sie iliren Truppen eine kurze 
East gegonnt, nachzogen, von da weiter liber Ungarn nach 
Deutschland an den Hof seines Schwagers, des Kaisers 
Konrad III. Seine Gemahlin Agnes blieb mit den Sohnen 
zuriick und versuchte noch eine Verteidigung der Krakauer 
Burg, ward aber bald zu einer Kapitulation genotigt, auf 
Grund deren sie dann ihrem Gemahle in die Verbannung 
folgte. 

Wladyslaw 11. vertritt im grofsen und ganzen die tradi- 
tionelle Idee der polnischen Monarchie, welche das Testa- 
ment Boleslaws III. zu gefahrden schien, den Gedanken der 
Einheit des Reiches, an welcher trotz der Landerteilung fest- 
gehalten werden soil. Seinen Bestrebungen treten die Brii- 
der entgegen, nicht ohne Sympathieen bei der Aristokratie 
zu finden, aber ohne dafs die letztere gleicli von vornherein 
es inne geworden ware, wie ihre zentrifugalen Interessen 
mit denen der Teiliiirsten solidarisch verknilpft sind. Erst 
als \Aladyslaw obgesiegt hat und nun auch die Grofsen die 
straffer angezogenen Ziigel zu kosten bekommen, als einer 
der Magnaten einer barbarischen Sti-afe unterliegt, da bricht 
der Sturm los, die geistliche Aristokratie vereinigt sich mit 
der weltlichen zum Sturze des Herrschers, und es erfolgt 
eine jener Revolutionen, an welche die polnische Geschichte 



30 Krstes Biicli. Vierter Absclmitt. 

SO reicli ist, unci welche das endliehe Schicksal dieses Landes 
bestimmt haben. 



Vierter Abschnitt. 

Schlesisclie Herzoge imter polnischer Oberhoheit. 
Anfjiiige deutsclier Aiisiecleliiiigeii. 



Nach der Vertreibimg Wladyslaws II. ilbernahm der 
nachstalteste Bruder Boleslaw das Seniorat, die Lander niit 
seinem Bruder ]\Iesko gleicli teilend, wahrend der jiingste 
Kasimir als noch unraiindig vorlauiig leer ausging. Sclile- 
sien blieb bei dem alteren, Boleslaw, der dann natiirlich 
auch dem Grafen Peter alle seine Gliter wiedergab. Als 
der Herzog 1149 die Besitzungen der Lieblingsstiftung des 
Grafen J des Vincenzklosters, bestatigte, finden wir ihn um- 
geben von einera Kreise, den wir aus der Geschichte Peters 
kenuen ; da ist der Bischof von Breslau, Johannes, der einst 
fiir den Grafen gebiirgt, da Bischof j\Iattliaus von Ki'akau, 
der dem heiligen Bernhard so riihmend filr Peter geschrie- 
ben, da der Scliwiegersohn Peters, Graf Jaxa, und Mikora, 
der mit Roger zuerst den Aufstand gcplant. Bischof Jo- 
hannes wird dann 1149 Erzbischof von Gnesen, und sein 
Nachfolger in Breslau, AValther, dotiert aufs freigebigste 
auch die zweite Grilndung Peters, das Sandstift, fiir welche 
sich dann auch vornehmlich dessen Gemahlin Maria und 
sein Sohn Swentoslaw (sonst auch Egidius genannt) inter- 
essierten. Maria stirbt 1150, drei Jahre spitter folgt ihr Gatte. 
Beide iinden im Vincenzstifte ihre letzte Ruhestiitte. 

Inzwischen hatte Wladyslaw bei dem deutschen Konig 
Konrad, dem Stiefbruder seiner Gemahlin, freundliche Auf- 
nahme gefunden. An einer vollkommenen Wiederherstellung 
seiner IMacht verzweifelte er selbst bald und wollte sich mit 
der Riickgewinnung seines Erbteils begniigen. In diesem 
Sinne bemiihte sich nun auch Konrad; aber auch seine 
Vermitteluug scheiterte, und so entschlofs er sich dann noch 
im August 1146 zu einem Feldzuge gegen Polen, nachdem 
er die sachsischen Fiirsten, auf die an erster Stelle gerechnet 



Deutsche Bemiihiangen zuguusten Wlady slaws II. 31 

werclen mufste, bei einer Zusammenkunft clem Plane geneigt 
gefunclen hatte. 

Aber der Zug ging iiiclit nach Wunsclie voiistatten ; 
Boleslaw hiitete sich zwar wohl, dem kaiserlichen Heere in 
offener Feldschlacht gegenliberzutreten , suchte aber durcli 
SpeiTung der Strafsen dem Marsche der Feinde alle mog- 
lichen Hindernisse zu bereiten und ihnen die Lebens- 
mittel abzuschneiden und erzielte dadurch einen ahnlichen 
Erfolg wie einst sein Vater Kaiser Heiurich V. gegenliber. 
Wohl mochte Konrad im Lande vordringen^ ihm wurde 
docli niit jedem Scliritte die Moglichkeit der Verpflegung 
schwieriger •, er ging endlich gern auf Unterhandlungen ein^ 
die Boleslaw anbot, und zog mit seinem Heere ab^ sich mit 
einer Sumrae Geldes und den Versprechungen des polnisclien 
Grofsfiirsten, vor einem Hoftage zu erscheinen, begniigend. 

Der Kreuzzug Konrads III. unterbracli dann diese Ver- 
liandlungen , docli bemlilite sich dessen Sohn und Stell- 
vertreter Heinrich^ zunachst wenigstens vora Papste Eugen HI. 
die Losung des vertriebenen Herzogspaares vom Kirchen- 
banne zu erwirken, und Eugen, damals durch die Agitation 
Arnolds von Brescia vertrieben, bedurfte zu sehr der Freund- 
schaft des Kaiserhofes, um nicht hier der traditionellen Po- 
litik der Kurie, dem deutschen Einflufs auf das Polenreich 
keinen Vorschub zu leisten, untreu zu werden. Sein Legat 
Kardinal Guide hob im Verein mit dem Olmiitzer Bischof 
Heinrich im Frlihling 1149 den Bann auf trotz des Wider- 
standes, den die polnischen Pralaten noch immer entgegen- 
setzten. 

Dagegen hatten sich die Aussichten Wladyslaws auf 
deutsche Hilfe sehr getrilbt, seitdem Boleslaw IV. gerade 
die sachsischen Fiirsten, auf deren Hilfe bei einem polnischen 
Feldziige so viel ankam, auf seine Seite gezogen und zu 
einem Biindnisse gebracht hatte, welches dann durch die Ver- 
miihlungen zweier Schwestern von ihm mit Otto, dem Sohne 
Albrechts des Baren und Dietrich von Meifsen besiegelt 
Avurde (1148 Jan. 6). In der That bleibt diese Sache ruhen, 
bis nach dem Tode Kaiser Konrads (1152) die Gunst, in 
welcher Wladyslaw bei dessen Nachfolger Friedrich I. stand, 
ihm bessere Aussichten erciffnete. Es hatte denn doch audi 
seine Bedeutung, als der Herzog ums Jahr 1153 oder 1154 
in zweiter Ehe sich mit Christine, der Tochter Albrechts 
des Baren, verniahlte. 

Als dann der Kaiser, von seinem ersten Romerzuge 
zuriickgekehrt, der gegen ihn aufsteigenden Opposition unter 
den Fursten Herr geworden war und noch speziell den 



32 Erstes liucb. Mcrter Abschuitt. 

Buhmenherzog fester an sich gekettet hatte, dachte er auch 
daran, dem slavischen Osten seine Maclit zu zeigen, was 
uni so mehr geboten schien, da im Jauuar 1157 ein Aul- 
stand der Slaven die Erobeningen Albreclits des Baren in 
der Nordmark ernstlich bedrolite. Auf dem Reichstage zu 
Halle (Anfang August 1157) erseliieneu auch Gesandte 
Boleslaws IV., docli genllgten die Anerbietungen, welclie sie 
brachten, nicht, und sogleich setzte sich das Heer des Kaisers 
in Bewegung. 

Es war der ruhmreichste Feldzug, den ein deutscher 
Kaiser gegen Polen unternommen, die Grenzverhaue der 
Polen hielten den Marsch nur wenig auf, und als das deutschc 
Heer am 22. August 1157 den Oderiibergang erzwungen, 
zilndeten die Polen selbst ihre Oderfestungen Glogau und 
Beuthen an und zogen sich eilig zuriick, das schlesische 
Gebiet auf dem rechten Oderufer und das grofspolnische 
ward von schweren Verwustungen heimgesucht; bald stand 
Friedi'ich vor Posen; da erschien zu Krzyszkowo Boleslaw 
vor ihm mit blofsen Fiifsen, ein uacktes ISchwert am Halse 
hangend, so biifsend fiir die gewaltthatige Selbsthilfe, die 
er gegen scinen Bruder, einen von dem Kaiser anerkannten 
Fiirsten, geilbt. Dies bereuend, gelobt er niichste Weih- 
nachten in Magdeburg zu erscheinen um vor dem kaiser- 
lichen Oberlehensherrn die Entscheidung des Streites mit 
dem Bruder zu empfangen. Zur Suhne zahlt er 2000 Mark 
dem Kaiser, 1000 den Fursten, 20 ]Mark Goldes der Kai- 
serin, dem Lehnhofe 200 Mark Silber und stellt Geiseln, 
unter ihnen seinen jlingsten Bruder Kasimir, gelobt auch 
300 Reisige fiir den Romerzug. 

Es mochte ganz den Anschauungeu Friedrichs entsprechen, 
hier vor allem die MajestJit des Reiches zur Anei'kennung 
zu bringen und die Sache Wladyslaws der Entscheidung 
des Fiirstengerichtes vorzubehalten ; der Kaiser mochte selbst 
auch lebhaft wiinschen vor dem Eintritte der rauheren 
Jahreszeit sein Heer aus dem unwirtlichen Lande zuriick- 
fiihren zu konnen; so viel aber war gewifs, als die Deutschen 
zur Freude Boleslaws" abmarschierten, hatten sie durch ihren 
ruhmreichen Feldzug thatsachlich nichts gewonnen als einige 
polnische Geiseln und eine Menge schoner Versprechungen, 
an deren Erfiillung Boleslaw kaum je gedacht hat. Er 
mochte auf neue Verwickelungen rechnen, welche den Kaiser 
nach andern Seiten hin ablenken wurden ; wie deun auch in 
der That der zweite grofse Romerzug von 1158 — 1162 dem- 
selben nicht Mufse hefs, die Wortbriichigkeit des Polen- 
herzoffs zu ahnden. 



Die Sohne Wladyslaws II. 33 

Als er 1163 wieder diesen Verhaltnissen seine Aufmerk- 
samkeit zuwendete, anderte sich die Situation wesentlich 
dadurch, dafs Wladyslaw am 2. Juni d. J. starb. 

Wenn gegen diesen im Herzen nicht nur seiner Brilder 
sondern auch unter den Grofsen des Landes die alte Ab- 
neigung nicht hatte schwinden wollen, so vererbte sich diese 
doch nicht auf seine Kinder, und es hat vielleicht nicht ein- 
mal einer besonderen Pression seitens des Kaisers bedurft, 
iim Boleslaw zu vermogen, den Sohnen Wladyslaws einen 
Teil ihres Erbes, namHch Schlesien im Umfange des Bis- 
tums Breslau, zu gewahren (1163). Diese Sohne waren 
Boleslaw (der Lange), Mesko und Konrad, doch kam der 
letztere, damals noch ein Knabe, der in einem deutschen 
Kloster erzogen wurde, bei der Teilung nicht in Betracht. 
Aber auch die beiden alteren teilten keineswegs gleich, und 
Mesko mufste sich mit den kleinen Grebieten von Ratibor 
und Teschen abfinden lassen, wahrend der iiltere, Boleslaw, 
Glogau, Liegnitz, Breslau, Oppeln erhielt. Wir wissen nicht, 
ob dieser ungleichen Teilung eine bestimmte Hervorhebung 
des Erstgeburtsrechts zugrunde lag, oder ob vielleicht Bole- 
slaw die Bevorzugung einer besonderen Gunst des Kaisers, 
dem er auf seinem Romerzuge treue Heerfolge geleistet, 
verdankte. 

Es mufste von hervorragender Bedeutung werden, dafs 
auf diese Weise die Deutschland am uachsten gelegene 
Pi'ovinz des Polenreiches unter Vermittelung des deutschen 
Kaisers an zwei Fiirsten kam, welclie jetzt siebzehn Jahre 
in Deutschland zugebracht hatten, und die ihren Riick- 
halt naturgemafs immer am Reiehe suchen mufsten. Dem 
deutschen Einflufs war hier ein breites Thor geoffnet, und 
insoweit verdient das Jahr 1163 als ein epochemachendes 
wohl angesehen zu werden. Davon ist jedoch keine Rede, 
dafs von diesem Jahre an Schlesien fur ein unabhangiges 
Herzogtum hatte gelten sollen. Die beiden Wladyslaiden 
erkannten vielmehr den Senior des Hauses Boleslaw IV. als 
den polnischen Grofsfursten im Sinne des Testamentes Bole- 
slaws III. an; ja der Oheim behielt sogar, weil er den 
NefFen mifstraute, einige Stadte in Schlesien besetzt. Doch 
die Herzoge drangen darauf, sie zuriick zu haben^ besetzten 
und befestigten sie, und wenn auch Boleslaw IV. hier nach- 
gab, so grollte er doch seitdem den Briidern, es kam aufs 
neue zu Streitigkeiten, und 1172 fand sich Kaiser Friedrich 
zu einem neuen polnischen Feldzuge veranlafst, iiber dessen 
Ausgang Avir eigeutlich im unklaren sind, wahrscheinlich 
hat die Ausgleichung der Differenzen der Umstand er- 

Griinhage'D, Gesch. Schlesiena. I. o 



34 Erstes Buch. Vierter Abschnitt. 

leichtert, dafs im Jahre 1173 Boleslaw IV. starb, mit dessen 
Nachfolger, seinem Brudei* Mesko, wir dann die schlesischen 
Herzoge in freundlichem Vcrkebre sehen, Avie derselbe denn 
in zwei schlesischen Urkunden fiir Kloster Lcubus im Jahre 
1175 nnd 1177, den 26. April, als Grofsherzog von Polen 
an oberster Stelle uns begegnet. 

Bald aber entspinnt sich ein Streit zwischen den beiden 
schlesischen Briiderherzogen, und es gelingt Mesko von Ka- 
tibor, seinen Brvider Boleslaw aus dessen Lande zu ver- 
treiben. Wie man sich versucht fllhlt anzunehmen, geschah 
dies in einem gewissen Einverstandnisse mit dem Grofs- 
tursten Mesko, Avenigstens erfahren wir, dafs, als um die- 
selbe Zeit dieser durch den Abfall der Grofsen, denen ihn 
die Herrschaft eines Giinsthngs verhafst gemacht hatte, ge- 
zwungen wurde, die Grofsfiirstenwurde seinem Bruder Ka- 
simir abzutreten, der oberschlesische Herzog fiir den Ver- 
triebenen Partei crgriff. 

Es gelang jedoch Kasimir, die Streitigkeiten zu schlich- 
ten. Boleslaw der Lange erhielt sein Land zuriick, ver- 
stand sich aber dazu, seinem inzwischen herangewachsenen 
jiingeren Bruder Konrad Glogau als eigenes Herzogtum 
abzutreten. Mit Mesko von Ratibor, dessen Tapferkeit Ka- 
simir schiitzen gelenit hatte, trat dieser in ein freundschaft- 
liches Verhaltnis, lud ihn zum Paten seines Sohnes Kasimir 
und schenkte ihm zu seinem Herzogtume Ratibor noch die 
Gebiete von Beuthen und Auschwitz, wozu wir auch Zator, 
Siewierz und Plefs rechnen diirfen, welche als Teile des 
Krakauer Kirchensprengels bis dahin nicht zu Schlesien ge- 
rechnet wurden. 

Der vertriebene Grofsfiirst Mesko hatte zuniichst bei 
seinem Namensvetter in Ratibor eine Zuflucht gefunden. Doch 
machte er, der vielfache Familienverbindungen mit Deutscn- 
land hatte, wiederholte Anstrengungen , mit deutscher Hilfe 
die Grofsfiirstenwiirde wiederzuerlaugen, so 1180, und 1184 
riistete wirkHch Kaiser Friedrichs Sohn Heinrich einen 
Feldzug gegen Polen, den jedoch Kasimu- durch Anerken- 
nung der deutschen Oberlehenshoheit abzuAvenden wufste. 

In Schlesien erhoben sich nun aber neue Streitigkeiten, 
als nach dem friihen Tode Konrads von Glogau (das Jahr 
kennen wir nicht) Boleslaw der Lange das Erbteil des 
Idnderlosen Bruders einfach wieder einzog. Meskos Ein- 
spruch dagegen fiel um so schwerer ins Gewicht, als gleich- 
zeitig in Boleslaws Familie ein arges Zerwiii-fnis entstan- 
den war. 

Boleslaw hatte aus erster Ehe mit einer russischen Prin- 



Boleslaw der Lange und sein Sohn Jaroslaw. 35 

zessin einen Sohn Namens Jaroslaw, welcher mit seiner Stief- 
mutter Adelheid von Sulzbach, der er eine ungerechte Be- 
glinstigung ihres Sohnes Heinrich schuld gab, in bestandigem 
Unfrieden lebte. Jaroslaw emporte sicli gegen seinen Vater 
wahrscheinlich von seineni Oheime Mesko und vielleicht 
audi von einem Telle der polnischen Grofsen, welche den 
Einflufs der Auslanderin mit ungiinstigen Augen ansahen, 
unterstiitzt, und Boleslaw liefs sich wirklich zu einer Ab- 
findung Jaroslaws herbei. 

Er trat diesem Oppeln ab, wozu wir auch das Neifse- 
Ottmachauer Gebiet und das von Kreuzburg-Pitschen rech- 
nen miissen, aber nur auf Lebenszeit, und um jede Mog- 
lichkeit einer Vererbung dieses Landes fur Jaroslaw aus- 
zuschJiefsen, mufste derselbe in den geistlichen Stand treten 
mit der Aussiclit, nach dem Tode des greisen Bischofs Siro- 
slaw II. dessen Nachfolger auf dem bischoflichen Stuhle von 
Breslau zu werden. 

Dieses Abkommen erfolgte sicherlich noch vor dem Tode 
des Grofsfursten Kasimir (1194 den 4. Mai) und jedenfalls 
mit dessen Zustimmung-, und nachdem Boleslaw dasselbe zu- 
stande gebracht, folgte er dem Heerrufe des deutscben Kai- 
sers Heinrich VI., den er dann auf dessen italienisehem 
Feldzuge mit einer Schar von Bewaffiaeten begleitete. Drei 
Jahre war er abwesend. Inzwischen hatte nach dem Tode 
des Grofsfursten Kasimir dessen Bruder, der vertriebene 
Mesko der Alte, seine Ansprliche erneuert, und der Herzog 
von Ratibor Mesko, sowie dessen Neffe unterstutzte den- 
selben, erschienen aber bei der Schlacht an der Mozgawa 
1195, den 13. September, zu spat, um eine Entscheidung 
herbeifuhren zu konnen. Ohne Zweifel hoffte der jiingere 
Mesko von der Unterstiitzung des alten Oheims eine Be- 
reicherung auf Kosten seines Bruders, und es ist daher sehr 
glaublich, dafs Boleslaw, als er 1198 endlich zuriickkehi't, 
mit dem, was inzwischen hier geschehen, und namenthch 
mit der Haltung seines Sohnes wenig zufrieden war. Noch 
1198 am 8. Marz droht der Papst Innocenz III. den 
Bedrangern des Herzog Boleslaw mit geistlichen Strafen. 

Ubrigens war Jaroslaw dem Abkommen mit dem Vater 
entsprechend in dessen Abwesenheit wirkHch in den geist- 
lichen Stand getreten und nach Siroslaws Tode 1198 Bischof 
von Breslau geworden; in dieser Eigenschaft vermachte er 
dann dem Bistume das ganze Landgebiet, welches damals 
nach der alten auf einem steilen Hligel angesichts der boh- 
mischen Grenzgebii'ge gelegenen Ottmachauer Burg benannt 
WTirde, bis spater die unweit davon entstehende Stadt Neifse 

3* 



3() Erstes Buck. Viertcr Abschuitt. 

eine Resideuz der selilesischeii Kii'cheniursten ward. Die 
Sclienkung Jaroslaws legte den Grund zu dem spiiteren 
bischoflichen Fiirstentume Neifse, doch hat es sich damals 
nur um eine Giiterschenkung gehandelt, bei welcher Hobeits- 
recbte nicht mit in Frage kamen. 

Jaroslaw starb schon am 22. Marz 1201^ und bei seinem 
Tode ist Oppehi mit seinem daraaligen Zubebcir wieder an 
seinen Vater gefallen, der ihn freilich nur bis zum 7. De- 
zember desselben Jabres iiberlebt hat, und der die Herr- 
schaft nun seinem einzigen Sohn zweiter Ehe Heinrich I. 
dem Bartigen hinterUefs. 

Die Anfange deutscher Ansiedelungen. 

An Boleslaw den Langen kniipft sich der Hauptsache 
nach das, was das 12. Jahi'hundert von deutscher Kultur 
in Schlesien hat entstehen sehen. 

Wii' denken hierbei naturhch zunachst an die Griin- 
dungen deutscher Dorfer, die Aussetzungen zu deutschem 
Rechte. Aber gerade bei diesen mllssen wir uns eigenthch 
hllten, sie reinweg oder auch nur vorzugsweise als uationale 
Demonstrationeu , als Akte deutschfreundlicher Gesinnung 
anzusehen, vielmehr liegen ihre Motive weit mehr aut" finan- 
ziellem Gebiete und entspringen dem Wimsche, eine pro- 
fitablei'e Verwertuug des Grundeigentums herbeizufiilu-en, 
welche nun ohne Heranziehung fremder Kolonisten sehr 
schwer durchzuflihren war, weil sie in zu grofsem Gegen- 
satze zu der im Slavenlande libHchen Form der landlichen 
Verhaltnisse stand. 

Die letzteren batten einen eminent patriarchahschen und 
speziell einen so zu sagen physiokratischen Charakter. Alle 
Existenzen beruhten eigenthch auf der Landwu'tschaft, Acker- 
bau und Viehzucht; auch wer im Besitze irgendeiner ge- 
werbhchen Kunstfertigkeit Avar, trieb diese mehr als Neben- 
beschaftigung , indem er dabei doch die eigentlichen Bedin- 
gungen seines Lebens der Scholle verdankte, auf der er 
wohnte, und die er bebaute. Ein solcher unterschied sich 
von dem eigenthchen Landbauer Avesentlich nur dadm'ch, 
dafs er den Zins fill" den Fleck Landes, den man ihm llber- 
lassen, nicht wie jener hauptsachlich in landwu'tschaftlichen 
Produkten vmd in Darbietung einfach landhcher Arbeits- 
ki'aft leistete, sondern durch Ausiibung seiner gewerbhchen 
Kimstfertigkeit resp. Ablieferimg von Produkten derselben. 
Was er davon etwa noch den Nachbarn zukommen lassen 
konnte, dafiir empfing er den Lohn audi wieder in Na- 
turalien und dadurch zugleich die Entschadigung fiir das 



Anfange deutscher Ansiedelungen. 37 

Manko, das der Betrieb einer Nebenbeschaftigung seiner 
eignen Laudwirtschaft bracbte. Es war ein Leben, bei dem 
sich die Arbeit ganz unniittelbar in die materiellen Bedin- 
gungen des Daseins, Xahriing und Kleidung, umsetzte, ohne 
dafs dem Medium des Geldes eine bedeutende Rolle zuge- 
fallen ware. 

Auf iihnlichen Grundlagen beruhete dann docb auch das 
Leben der Grolsen des Landes. Auch ihnen mufste alles 
so zu sagen ins Haus wachsen, und nicht niu' dafs das 
Brot und Fleisch, das sie afseu, der Honig, aus dem sie 
ihren Jlet bereiteten, in reicher Flille aus der eignen Wirt- 
schaft und den Leistungen der Horigen ihnen zuflossen, auch 
sonst Avaren viele Hande von Unterthanigen, die auf dem 
weiten Gute safsen, bereit, ihnen alles, Avas zu des Lebens 
Notdm'it gehorte, darzubieten: Gespinste und Gewebe zur 
Kleidung, das zubereitete Leder zum Schuhwerk, das ein- 
fache GescliiiT zu Speise und Trank. Und dieselbe Hand, 
die die Axt leidhch geschickt zu filhren wufste, wenn es 
gait, Balken zu einem neuen Bau zu zimmern, vermochte 
dann auch wohl einen Tisch, eiuen Sessel herzustellen oder 
den Wagen zu reparieren. Kurzum der Gutsherr rechnete 
darauf, ziemlich fur alle Lebensbedlirfnisse in den Grenzen 
seines Dominiums Befriedigung und geeignete Werkzeuge 
zu finden, und zwar wurde auch hier die Ai'beit und deren 
Produkt nicht mit Geld abgelohnt, sondern der Gutsherr 
empfing beides entweder von einem Diener , den er selbst 
speiste und kleidete, oder als Leistung von einem Unter- 
thanigen, dem er dafur einen Fleck Landes angewiesen. 
Es ging dies Prinzip so weit, dafs wir sogar die herzoglichen 
Falkner oder Jager in bestimmten Dorfern angesiedelt finden, 
wo sie dann die ^cker, welche sie bebauten, zeitweise auf 
den Wink ihres Herrn verHefsen, um diesem zur Jagd ge- 
wartig zu sein. Natiirlich fehlten unter solchen Umstanden 
die ersten Voraussetzungen zur Entwickelung von Handel 
und Industrie. Das Geld spielte unter derartigen Verhalt- 
nissen keine grofse Rolle. Der Gutsherr bezahlte nicht in 
klingender Munze und konnte es auch nicht, da ihm wohl 
eine Fiille von Naturalien und eine grofsere Flille von Ar- 
beitskraften aller Art zur Verfiigung stand, aber bares Geld 
sehr wenig. 

Dies eben war der Punkt, der eine Umgestaltung so be- 
sonders notwendig und erwiinscht erscheinen liefs. So wie 
die rein pati'iarchalischen Sitten zu schwinden begannen, 
sowie eine Kenntnis etwas verfeinerter Lebensgeniisse und 
zugleich das Bewufstsein, dafs solche mit Gelde zu erlangen 



38 Erstes Buch. Vierter Abschnitt. 

seien, sich zu verbreiten begann, da wollte dies alte haus- 
backene Leben niclit mehr munden, die Armut an Geld- 
einkiinften ward schwer empfunden, und es dammerte Avohl 
auch cine Ahnung davon auf, dafs jene altslavische Wirt- 
schaft eine entsetzliclie Vergeudung von Menscbenkraft be- 
deute. 

Aber wie es iindern? Bekanntlich lassen sicb landliche 
Verhaltnisse nicht so leicht durchgreifend umgestalten, jeder 
Landmann ist ein geborener Konservativer durch und durch. 
Dazu kam, dafs die bestimmte Grestaltimg der landlichen 
Verhaltnisse, wie sie sich eben unter den Slaven heraus- 
gebildet hatte, doch nicht allein ein Werk des Zut'alls war, 
dafs sie eng zusammenhing mit slavischer Eigentiimhchkeit 
iiberhaupt, der eine peinHche Ausniitzung menschUcher Ar- 
beitskraft nicht gegeben erscheint, wilhrend ihi* das Gegen- 
teil, eine gewisse Verschwendung der Menschenarbeit, noch 
bis auf den heiitigen Tag anhaftet. Nun mit einemmale 
aus dieser Menge streng unterthaniger Leute freie Zinsbauern 
zu machen, hatte einen Entschhifs verlangt, ungleich kiihner 
als in neuerer Zeit die Bauernomanzipation in Rufsland, ja 
die grofse Mehrheit der Einwohner wLirde das Geschenk 
der Freiheit um den Preis eines Zinses, dessen Erschwingung 
ihnen ein hoheres Mafs von Arbeit gekostet hatte, schwer- 
lich gewollt haben. So hat man denu, ohne auf allraahhche 
Umgestaltungen ganz zu verzichten, doch lieber zu dem 
Auskunftsmittel gegriffen, deutsche Kolouieen unabhangig 
von den alten slavischen Niederlassungen auf bisher unbe- 
bautem Terrain zu grimden. An Raum dazu fehlte es 
nicht, auf dem herzogUchen Domanenlande , dessen Umfaug 
wir uns gar nicht kolossal genug vorstellen konnen, batten 
viel neue Dorfer Platz, und die Kolonisten verschmahten 
selbst Waklboden nicht, wo sie mit der Rodearbeit beginnen 
mufsten. 

Das Greschaft war fiir den Herzog ganz wanderbar vor- 
teilhaft, or erliielt von einem Stuck Landes, das ihm bisher 
wenig oder gar nichts gebracht hatte, nach Ablauf einer 
Anzahi von Freijahren einen bestimmten Geldzins und auch 
wohl eine Quautitat Gretreide, dessen Preis mit dem Zu- 
nehmen der Kolonisation, in deren Gefolge der Handel sich 
zu regen begann, stetig zu steigen pflegte. Dabei hatte der 
Herzog nicht einmal irgendwelche Bemiihung, er verschrieb 
den Fleck Landes einem Unternehmer, der, selbst entschadigt 
durch ein zinsfreies Stiick Land und gewisse gewerbliche 
Berechtigungen (Kretscham, Miihle, Brot- und Fleischbanke), 
die Sorge fur die Heranziehung der Kolonisten, die Organi- 



Anfange deutscher Ansiedelungen. 39 

sation und Verwaltung der Ansiedelung, und schliefslich 
audi die Einziehung des Zinses auf sich nahm. Das an- 
gewiesene Land ward dann in eine Anzalil gleich grofser 
Ackerlose oder Hut'en (sortes, mansi) verteilt, von denen 
jeder Inhaber durchschnittlich eine Viertelmark , also etwa 
fiinf Mark unseres Geldes, an den Herzog zahlen und da- 
neben an die Geistlichkeit als Zehnten einen Malter dreierlei 
Getreides. Ganz in derselben Weise vollzog sich die Griin- 
dung von Stadten, bei denen dann natiirlicli der Zins noch 
holier, der Vorteil fur den Landesfiirsten nocli grofser war. 

Das Vorteilhafte einer derartigen Unternelimung eiiizu- 
sehen und auszufiihren, liatten nun einen slavischen Flirsten 
jener Zeit nationale Bedenken sicher nicht abgehalten ; wohl 
aber konnten die Scliwierigkeiten der Ausfiihrung nament- 
licli bei dem ersten Scliritte zuriicksclirecken. Denn natiir- 
licli fand sicli fur eine erste deutsclie Ansiedelung in ganz 
slaviscliem Lande nicht eben leicht eiii Unternehmer, und 
fand sich ein solcher, mufsten ganz besonders grofse Vor- 
teile zugesichert werden. Hier war nun natiirlich Boleslaw 
der Lange in ganz besonders gunstiger Lage, er, der selbst 
langere Zeit in Deutschland gelebt und die eigenen Verbin- 
dungen wie die der deutschen Eitter an seinem Hofe zu 
beniitzen vermochte. 

Die wichtigsten Untersttitzungen der deutschen Koloni- 
sation gewahrten aber die damals im 12. und 13. Jahr- 
hundert sich weit nach Osten vorschiebenden Ordenshauser 
der Pramonstratenser und der Cistercienser, namentlich der 
letzteren, fiir welche die Pflege des Ackerbaues eigentlicli 
mit zur Ordensregel gehorte. Diese deutschen Monclie wur- 
den dann ganz naturgemafs die wichtigsten Beforderer der 
Germanisation. Sie selbst im fremden Lande angesiedelt, 
hatten ein ganz unmittelbares Interesse, moglichst viel Lands- 
leute nach sich zu zielien, von denen sie voraussetzen konn- 
ten, dafs sie in der Fremde sich doppelt eng an das Kloster 
anschliefsen und zu dessen Wohlthatern werden wiirden. 
Die Organisation der Orden und die stetige Verbindung 
der Kloster unter einander erleichterte ebensowohl die erste 
Anknlipfung, die Heranziehung der ersten Kolonisten wie 
die des spjiteren Nachschubs. Fiir die deutschen Kolonisten 
aber war die Existenz eines deutschen Klosters in der Nahe 
ihres neuen Wohnortes eine sehr erwiinschte Saclie, eine 
erste Anlehnung, ein Riickhalt fiir alle Fitlle ward ihnen 
hier gesichert, die Vermittelung des Klosters bot ihnen eine 
gewisse Gai'antie dafiir, dafs sie nicht durch triigerische 
Versprechungen in die unwirtbare Fremde gelockt wiirden, 



40 Erstes Buch. Vierter Abschnitt. 

und es lag etwas sehr Trcistliches fiir sie in clem Bewufst- 
sein, eine gottgeweihte Statte mit denselben Einrichtungen, 
wie sie sie in der Heimat kennen gelernt, hier in der Fremde 
wiederzuiinden ; es war wie das antike Mitnehmen der hei- 
mischen Gotter in die Fremde. 

Unter solchen Umstanden mufste die Grilndung des 
Cistercienserklosters Leubus zu einem Ereignis ersten Ean- 
ges fiir die Germanisation Sehlesiens werden. Wir brauchen 
auf die legendenhafte Vorgeschichte des Klosters an dieser 
Stelle nicht niiher einzugehn ; moglich , dafs schon vor dem 
Jahre 1175; wo der erste Stiftmigsbrief ausgestellt ist, 
eine Ansiedelung von Cisterciensern bestanden hat, die aber 
unter der Ungunst der politischen Verhaltnisse nicht recht 
hat gedeihen wollen; jedenfalls kann man namentlich mit 
Riicksicht auf die gleich anzufiihrende Schenkung Siroslaws 
von einer Wirksamkeit des Klosters fiir die Germanisation 
erst von 1175 an sprechen. 

Wie schon hervorgehoben wurde, hatten deutsche Monche 
im Slavenlande ein direktes eigenes Interesse an der Griin- 
dung von Koloniecn ihrer Landsleute , aber speziell bei 
Leubus hat Boleslaw in kluger Weise es einzurichten ge- 
wufst, dafs das dortige Kloster ganz besondere Vorteile aus 
eifriger Betreibung der Kolonisation erwachsen sehen mufste, 
indem er fiir Leubus von Bischof Siroslaw die Schenkung 
der Zehnten von alien neuen Dorfern, den jetzt vorhaudenen 
und den noch zu griindenden, im Lieguitzer Gebiete aus- 
wirkte. Die Unbedenklichkeit, mit der nun 1175 der Bischof 
in Bausch und Bogen eine solche Schenkung aussprach, Uifst 
uns mit Sicherheit schliefsen, dafs Siroslaw noch wenig 
Kenntnis von deutscher Kolonisation hatte, dafs also ihm in 
dem damahgen Schlesien noch wenig Gelegenheit geboten 
worden war, sich dariiber zu unterrichten. Einige Zeit 
spjiter wiirde sich ein Breslauer Bischof gehiitet haben, so 
reich fliefsende Einnahm^equellen in solcher Masse zu ver- 
schenken. 

Die Leubuser Monche haben nun in der That den Er- 
wartungen entsprochen. Nicht dafs sie rund um ihr Kloster 
alles weit und breit mit deutschen Dorfern erfiillt hatten; 
vielmehr haben sie, die Vorschrift ihrer Ordensregel, dafs 
ihre Niederlassungen in der Einsamkeit fern von den be- 
wohnten Stiitten der Menschen liegen sollten, festhaltend, den 
mjichtigen Wald, der die Ufer der Oder auf beiden Seiten 
bedeckte, sorgfaltig geschont, so dafs er aus den Handen 
des Stiftes in die des Staates iibergegangen , noch heute in 
bedeutender Ausdehnung an dieser Stelle vorhanden ist: 



Deutsche Ansiedelungen. Die Kloster. 41 

leicht moglich ilbrigens, dafs auch die Gefahr von Uber- 
schwenimungen, von Ansiedelungen in zii grofser Niihe des 
Stromes zurilckschreckte. 

Dagegen ist es hochst walirscheinlich, dafs eben in jenem 
Gebiete, in welchem dem Kloster die Zehnten der neu ange- 
legten Dorter zugesichert waren, also ira Liegnitzer Lande 
(in potestate Legenicensi, sagt die Urkunde von 1175 und 
meint damit wahrscheinlich einen grofseren Bezirk als die 
Kastellanei von Liegnitz, deren Gebiet schwerlich weiter ge- 
reicht hat als das eines heutigen Kreises), die deutschen An- 
siedelungen im 12. Jahrhundert am zahlreichsten vertreten 
gewesen sind. Namen und Zahlen vermogen wir hier bei 
der Arraut der Urkunden aus jener Zeit nicht anzugeben, 
wohl aber darauf hinzuweisen, dais die schlesische Stadt, 
welche am frlihesten deutsches (Magdeburger) Recht erhalten 
zu haben scheint, Goldberg, hier lag. Das Entscheidende 
enthalt fiir uns die Thatsache, dafs, als 1198 Bischof Jaro- 
slaw zur Regierung kam, er jene Schenkung seines Vor- 
gangers zuriicknahm, ofifenbar weil er die immer steigenden 
Einnahmen den Leubuser Monchen nicht gonnte. Allerdings 
scheint er auch sonst diesen Schiitzlingen seines Vaters nicht 
wohlgewollt zu haben, denn als der letztere ihn bei seiner 
Riickkehr aus Deutschland drilngt, dem Kloster das Ent- 
zogene wiederzugeben oder sonst Ersatz zu leisten, erklart 
er, nicht den Leubusern, sondern nur dem Orden der Cister- 
cienser Genugthuung leistea zu wollen, und weist zu diesem 
Zwecke in seinem Gebiete zwischen den Flilssen Hotzenplotz 
und Straduna ein Stilck Landes in der Ausdehnung von 
luOO Hufen an," wo er dann fiir Cistercienser, die er direkt 
aus Kloster Pforta berufen , ein Kloster zu bauen beginnt 
und wiederum zugleich die Zehnten der dort zu begriinden- 
den Dorfer dem neuen Kloster schenkt. Ehe er jedoch 
dieses vollenden konnte , ereilte ihn der Tod , und nun 
bemilhten sich die Leubuser, jenes Besitztum fiir sich zu er- 
langen, was ihnen aber, soweit wir die Sache zu iibersehen 
vermogen, nur zum Telle gelungen ist, obwohl sich Herzog 
Boleslaw der Sache anuahm und die Monche von Pforta 
zum Verzicht bewog, wie denn auch Boleslaws Nachfolger, 
Heinrich, jene Schenkung bestatigte. 

Fiir uns ist das Wichtigere die Thatsache, dafs die Ein- 
nahmen aus den Zehnten der neugegriindeten Dorfer im 
Liegnitzischen aufgewogen werden durch einen Grundbesitz 
in dem kolossalen Umfange von 1000 Hufen d. h. also etwa 
3 Quadratmeilen , woraus wir denn unter alien Umstanden 
einen glinstigen Schlufs auf die Bedeutung der deutschen 



42 Erstes Bucli. Vierter Abschnitt. 

Neugriindungen zieheu konnen. Auch von deutschen An- 
siedelungen auf dem rechten Oderufer in der Trebnitzer 
Gegend schon zurZeit des Bischofs Siroslaw II. (1170 — 1108) 
erhalten wir zuverliissige Kunde, auch in der Gegend von 
Krossen, Jauer, Strehlen sowie aiif der Tsehepine, westlich 
von Breslau, dilrften schon damals deutsche Ansiedeliingen 
auf Leubuser Klostergiltern entstanden sein, wenngleich 
hier der Umstand, dafs die betrefFenden Urkunden grofsten- 
teils unecht sind, die Festsetzung im einzelnen sehr erschwert. 
Auch die deutsche Kolonisation auf den Sandstiftsgiitern am 
Zobtenberge reicht vielleicht in ihren Anfangen bis ins 
12. Jahrhimdert zuriick, ohne dafs "vvir jedoch dafiir einen 
strikten Beweis zu flihren vermochten. 

Der rechte Aufschwung kommt eben erst im 13. Jahr- 
hundert unter der Regierung von Boleslaws grofserem Sohne 
Heinrichj der flir das schlesische Herzogtum eine geradezu 
beherrschende SteUung zu erringen und der deutschen Kultur 
breite Wege zu bahnen vermag. 



Zweites Buch. 

Schlesien uiiter selbstandigen HerzSgen 
1201 — 1327. 



Erster Abschnitt. 

Heinrich I. der Bilrtige r203 — 1338 uiid seine Oe- 

mahlin, die heilige Hedwig. Klostergriindungen, Grer- 

manisatiou. 



Der Herzog von Ratibor, Mesko, benutzte den Tod seines 
Bruders Boleslaw, um seinen allerdings ursprllnglich knapp 
zugemessenen Anteil zu vergrofsern. Er liberzog seiueu 
jungen Neffen mit Ki'ieg und eroberte bald das Oppelner 
Land; vielleicht auf eine Zusage von dessen friiherem Besitzer, 
dem Bischof JaroslaAv^ gestiltzt, der ja dem oberschlesisclien 
Oheim stets ebenso zugethan sicli gezeigt hatte Avie feindlich 
dem Bruder. Der junge Fiirst mufste nachgeben, und elie 
noch das Jahr 1202 zu Ende gegangen war, batten der 
Erzbischof von Gnesen, Heinrich, und die Bischofe von 
Breslau und Krakau einen Vergleicli zwischen Oheim und 
Neffen vermittelt, infolge dessen dieser jenem 1000 Mark 
zahlen und ihm die bis zum Tage des geschlossenen Vergleiches 
gemachten Eroberungen lassen sollte. 

In grimmem Zorne schieden sich damals die Verwandten; 
alles Erbrecht, das die Bhitsverwandtschaft zwischen ihnen 
begriinden konnte, ward durch beiderseitigen Yerziclit auf- 
gehoben, ja Herzog Heinrich suchte eine Mauer aufzurichten 
gegen den gewaltthatigen Oheim, indem er den meilenbreiten 
Grenzhag, den man einst gegen Bohmen vor dem Wartha- 
passe dadurch errichtet hatte, dafs man im Walde zahl- 
reiche Stiimme geiallt und diese zwischen den stehen ge- 
lassenen zum Blockzaune aufgeschichtet hatte, nun auch 
gegen Oberschlesien fortsetzen hefs, wo wu' Spuren davon 
auf dem rechten Ufer der Neifse hinter der Stadt gleiches 
Namens und auch auf der Grenze der Gebiete von Namslau 
und Kreuzburg noch lange nachher begegnen. 

Nur das, was innerhalb dieses Grenzhages lag, hiefs 



46 Zweites Buch. Erster Abschnitt. 

Schlesien, jenseits desselben begann nach der Meinung jener 
Zeit bereits Polen. 

Doch dieses schlesische Reich war immerhin ansehnlich 
genug. Es begann nordlich von Frankfurt an der Oder, 
wo das Land Lebus niit dem gleichnamigen Schlosse ein 
allerdings viellach bestrittener Besitz Heinrichs I. war, an 
den sich dann auch Teile der Niederlansitz anscldossen. 
Die Unistande, unter denen er diese Besitzungen erworben, 
kennen wir allerdings ebenso wenig, wie wii' Naheres von der 
Ausdehnung seiner Herrschaft nach einer andern Seite hin 
wissen, nach Grofspolen hin, wo wir unseren Herzog iiber 
das Schlofs Kalisch verfiigen sehen. 

Es war namhch im Jahre 1202 der polnische Grolsfiirst 
Mesko der Alte gestorben, dem entsprechend dem Testa- 
mente weiland Boleslaws III. eine gewisse OberheiTlichkeit 
liber alle piastischen Herzoge zustand. Ihm folgte im Be- 
sitze von Krakau, an den jene oberherrliche Wiirde ge- 
kniipft sein sollte, sein Neffe Lesko von Sendomir, nachdem 
der zuerst von den Krakauer Magnaten herbeigerufene 
Wladyslaw Laskonogi (Diinnbein) sich namentlich wegen 
seiner Zerwiirfhisse mit der GeistHchkeit nicht hatte halten 
konnen. Das jenem Hausgesetze Boleslaws III. zugrimde 
liegende Prinzip des Seniorats, wonach immer der alteste 
des ganzen Geschlechtes mit dem Besitze von Ki'akau eine 
hervorragende Stellmig einnehmen sollte, war nun aufgegeben 
worden, denn Wladyslaw wie Lesko hatten sonst beide dem 
oberschlesischen Herzoge Mesko, dem thatsachlichen Senior 
der Familie, nachstehen miissen. 

In der That hat auch dieser letztere einen derartigen 
Anspruch erhoben. Er wandte sich 1210 an Papst Inno- 
cenz III. mit dem Gesuche, die Beobachtung jenes Famihen- 
statutes den polnischen Fiu'sten aufs neue einzuscharfen, und 
Innocenz entsprach wu'khch der Bitte, insofeiTi er unter dem 
9. Juni 1210 den Erzbischof von Gnesen anweist, iiber die 
Ausflihrimg jener Bestimmung zu wachen und gegen die 
dawider Handelnden mit geistHchen Strafen vorzugehen. 

Wir erfahren dann auch, dafs Mesko im Besitze Krakaus 
am 16. Mai 1211 gestorben ist, ohne dafs wir iiber die naheren 
Umstande der Eroberung irgendwie unten*ichtet wai'en. 

Allerdings hat es sich fill' Mesko offenbar nui' um den 
Besitz von Ki'akau gehandelt. Davon dafs er eine Ai-t von 
Oberherrschaft iiber die andern Fiirsten und speziell iiber 
Heinrich I. , wie sie dessen Vater sich noch hatte gefallen 
lassen, auszuiibeu vermocht hatte, kann bei dem Verhaltnisse 
beider zu einander keine Rede sein, und wir durfen daher 



Heinrichs I. Stelluiig zu den polnischeu Fiirsteu. 47 

wohl daran festhalten, dafs Schlesien zwar nicht, wie man 
friiher immer angenommen hat, gleich 1163 als unabhaiigiges 
Herzogtum verliehen worden ist, dafs es aber dies wurde 
beim Tode Meskos des Alten, der ja mit der Thronbestei- 
gung Heinrichs I. ziemlich zusammenfallt. 

In der Erbschaft der grofspolnischen Lande, die Mesko 
der Alte besessen, folgte ihm sein Sohn Wladyslaw Las- 
konogi mit Nichtachtung der Anspriiche seines Neffen glei- 
chen Namens, des hinterlassenen Sohnes eines alteren Bru- 
ders Odo, daher auch Odoniz (Sohn des Odo) genannt. Der 
letztere suchte Schutz und Hilfe bei Herzog Heinrich, die 
dieser ihm ebenso gewahrte wie dem durch den gewalt- 
thatigen Wladyslaw von Grofspolen vertriebenen Erzbischof 
Heinrich von Gnesen; ja Heinrich verHeh dem jungen pol- 
nischen Prinzen sogar das Schlofs KaHsch, das er selbst, 
wir wissen nicht auf welchen Anspruch gestiitzt, anscheinend 
aus der Erbschaft Meskos des Alten erworben hatte. Wlady- 
slaw verpfiichtete sicli damals, Kalisch zuriicl^ugeben , falls 
er in den Besitz seines eigentlichen Erbteiles komme. 

Als nachmals Wladyslaw Laskonogi zum Zeichen seines 
guten Einvernehmens mit dem Sclilesierherzog bei diesem 
in Glogau das Weihnachtsfest feiert und dessen Sohn aus 
der Taufe hebt, versohnt er sich mit seinem Neffen Wlady- 
slaw Odoniz, erkennt diesen als Herzog von Kalisch an 
und gewahrt ihm sogar ein Stiick grofspolnischen Landes 
an der Grenze des Fiirstentums Glogau (1208). 

Mit der giitlichen Auseinandersetzung zwischen den Her- 
zogen Heinrich und Wladyslaw Laskonogi, wie sie dem 
Tauffeste zu Glogau vorausgegangen ist, hat es nun wohl 
in ii'gendwelcher Verbindung gestanden, wenn wii* im Jahre 
1209 bei einem Anschlage des Markgrafen Konrad vom 
Osterlande auf Schlofs Lebus zu dessen Entsatze nicht 
Herzog Heinrich, in welchem wir den Herrn von Lebus 
vorauszusetzen haben, sondern eben Wladyslaw Laskonogi 
heranriicken sehen , der dann jedoch die Besetzung des 
Sclilosses durch den Markgrafen seinen Schwager nicht zu 
verhindern vennag. Von einer Intervention Heinrichs in 
dieser Sache erfahren wii' nichts. 

Im Grunde scheint es, als sei doch Wladyslaw Laskonogi, 
wahrscheinlich um seiner bestandigen Handel mit der Geist- 
lichkeit willen, in einer gewissen Isolierung geblieben. Bei 
einer feierlichen Synode zu Borzychow Ende JuH 1210, wo 
alle polnischen Bischofe sich versammelt iinden, und wo in 
Gegenwart Heinrichs, sowie der kleinpolnischen Fiirstenbruder 
Wladyslaw Odoniz in seinem fiisch erworbenen Lande ein neu 



48 Zweites Bach. Erster Absclmitt. 

gegriindetes Cistercienserkloster Primant mit reichen Gilter- 
schenkungen ausstattet, vermissen wir seinen Kamen, \ind 
sein schlauer Neffe hat daan wohl auch diese Isolieruiig 
seines Gegners in der Weise auszubeuten gewufst, dafs er 
sein Gebiet Aveiter ausdeliute, wie das verscliiedeue in den 
naclisten Jahren von ihm gemachte Schenkiingen an geist- 
liclie Stittungen bezeugen. 

Es kam endlicb so weit, dais Odoniz 1213 die Haupt- 
stadt seines Oheims Gnesen eroberte und nun auch den 
Titel desselben, Herzog von Polen, annahm, ohue allerdings 
das eine wie das andei*e behaupten zu konnen. 

Als dann 1216 ein Friede zwischeu Oheini und NefFen 
zustande gekommen war, welcher dem letzteren die Riick- 
gabe seines vaterHchen Erbteiles verbiirgte, hielt es Herzog 
Heinrich fur an der Zeit, ihn an sein Versprechen der Kiick- 
gabe des Schlosses Kahsch zu mahnen und nahm, als 
WhidyslaAv von jener Zusage niehts mehr wisseu wollte, die 
Hihe des Papstes in Anspruch, der dann auch (121 7/1 8J 
Aviederholte JMahnungen und Sentenzen an den pohiischen 
Herzog in dieser Sache richtete, welche dann doch in einer 
Rllckgabe des Schlosses ihre Erledigung nicht gefuuden hat. 
Denn da Odoniz eben damals den polnischen Fiirsten das 
Beispiel gab, sich den besonderen Schutz des heiligen Petrus 
durch die Zahlung einer Summe von 10 Mark Goldes alle 
drei Jahre zu sichern, war es erklarlich, dafs der Papst 
gegen einen so wohlgesinnten Fiirsten nicht allzu sti'eng 
vorgehen mochte. 

Ein vielleicht im Zusammenhange hiermit und jedenfalls 
in derselben Zeit gefiilu'ter neuer Krieg zwischen Laskonogi 
und Heinrich wird 1218 unter piipstlicher Yermittelung in 
der Weise geschlichtet , dafs Laskonogi von Heinrich das 
S c h 1 f s Lebus auf Lebenszeit erhalt , doch mit der Ver- 
pflichtung, das Land Lebus, das im Besitze Herzog Hein- 
richs blieb, gegen jedermann zu beschiitzen. In dem Briefe, 
in Avelchem Wladyslaw Laskonogi dem Papste Honorius HI. 
den Vertrag mit Heinrich zur Bestiitigung einsendet, be- 
zeichnet er sich und hier zum ersten imd so viel wii* sehen 
zum einzigen Male als Grofsfiirst von Polen, die letzte Er- 
wiihnung des Senioratsgesetzes, die auch schwerlich von be- 
sonderen Konsequenzeu , namentlich fiir Schlesien gewor- 
den ist. 

Was das Schlofs von Lebus anbetrifFt, so ward dasselbe 
1225 dem grofspolnischen Herzoge durch den Landgrafen 
Ludwig von Thiiringen, der damit angeblich die Beraubung 
thiiringischer Kaufleute im polnischen oder schlesischen Lande 



Griinduug des Ordensstaates iu Preufsen. 49 

zu rachen suclite, entrissen, aber an den Erzbischof Albert 
von Magdeburg abgetreten, dem es dann 1226 Kaiser Fried- 
rich II. mit Beziehung auf alle Anspriiche desselben ver- 
leiht. Gegen diesen fiihrt Herzog Heinrich in den Jahren 
1229 und 1230 Krieg und gewinnt auch die Burg Lebus 
wieder, in deren Besitz er sich dann bis an sein Lebens- 
ende behauptet, ohne dafs von Wladyslaw Laskonogi, der 
aHerdings ja 1232 stirbt, nach dieser Richtung bin weiter die 
Rede ware. 

Einen hervorragenden Anteil hat Herzog Heinrich der 
Bjirtige auch an dem grofsen weltgeschichtlichen Ereignisse der 
Grriindung des Ordensstaates Preufsen genommen. Christian 
der kuhne und unternehmende erste Bischof von Preufsen (seit 
1215) hatte von Papst Honorius III. die Erlaubnis erlangt, 
seine Nachbarn zu Kreuzzilgen gegen die heidnischen Preufsen 
zu bewegen, denen der Papst dieselbe Wirkung fiir das 
Seelenheil der Betreffenden zusichert, die ein Kreuzzug nach 
dem heihgen Lande gewahren konnte. Er war nun 1219 
auch in Sclilesien, wo er den 25. August an der feierHchen 
Einweihung der Klosterkirche zu Trebnitz teilnimmt, nnd 
hat sicher bei seinem Bestreben Herzog Heinrich fiir einen 
Kreuzzug nach Preufsen zu gewinnen die Fiirsprache der 
frommen und glaubenseifrigen Herzogin Hedwig gefunden. 

Wirkhch unternahm Heinrich, wahrend die, vermoge der 
Lage ihrer Landgebiete an dem Ganzeu noch naher inter- 
essierten Gebriider Konrad von Masowien u.nd Lesko von 
Krakau und Sendomir sich nicht anschhefsen mochten, im 
Jahre 1222 einen Kreuzzug nach Preufsen. Von seinen 
Begleitern aus Schlesien werden uns genannt der Bischof 
Lorenz von Breslau, der Palatin Dirsco von Breslau und 
die Kastellane Sobeslaw von Breslau und Stephan von 
Bunzlau. 

Von dem Wunsche ausgehend, dem ganzen Werke der 
Bekampfung der Preufsen einen festen Stiitzpunkt zu sichern, 
unternimmt er es, an der Weichsel das von den Preufsen 
zerstorte Schlofs Kuhn wieder aufzurichten, und gewinnt fur 
diesen Plan auch den Bischof Christian, der sich allerdings 
seine Zustimmung von Konrad von Masowien mit ansehn- 
Hchen Scheukungen bezahlen liefs. Die Urkunde, in der 
dies geschieht, vom 3. August 1222, ist uns noch erhalten, 
und in ihr wird nun auch festgesetzt, dafs der Inhaber des 
Kulmer Landes die Einkunfte desselben mit dem Bischofe 
Christian zu teilen und den Zehnten von seinem Anteile 
demselben zu entrichten habe. Doch solle diese letztere 
Bestimmung nicht fiir Herzog Heinrich gelten, dem es iiber- 

G run ha gen. Gesch. ScUlesiens. I. 4 



50- Zweites Bncli. Erster Abscbuitt. 

lassen bleibt, so lange er das Land besetzt halt, sich in 
diesem Punkte niit dein Bischofe zii verstiindigen. 

Herzog' Heinrich hat den Winter 1222/23 aller Wahr- 
scheinlichkeit nach in Preuisen zugebracht, um den Ban der 
Kuhner Burg zu iordern, und dieselbe scbeiut lertig zu sein, 
als im Sommer sich eiu Heer von Kreuztahrern urn ihn 
schart, an dem nun auch die Herzcige Konrad von Masowien 
und Lesko von Sendomir , sowie mehrere Biscluife teil- 
nehmen, wenigstens iinden wir in seiner Unigebung unter 
den Zeagen auch einen Kastellan von Kuhn Namens 
Stephan. 

Uber den -weiteren Verlauf des Kreuzzuges fehlt uns 
jede Xachricht; nur so viel vermOgen Tvir zu ersehen, dafs 
die Knhuer Burg nicht wieder von den Preufsen zerstort 
■\vorden ist, sondern sich zu behaupten vermocht hat, und 
wir diirien es als im hochsten Mafse wahrscheiulich ansehen^ 
dafs Heinrich, audi als er sclbst nach Schlesien heimgekehi't, 
eine Besatzung in der Burg zuriickgelassen hat und diese 
dort geblieben ist, bis (Ende 12 25 oder Antang 1226J Herzog 
Konrad von Masowien den von ihm herbeigerufenen Rittern 
des deutschen Ordens die Kulmer Burg ilbergab. Konrad 
that dies, wie es heifst, auf Veranlassung des Bischofs Giin- 
ther von Block, aber jedenfalls unter Beirat unseres Herzogs, 
der als zeitweiliger Besitzer des Kulmer Landes uber eine 
weitere Vergebung desselben gefragt zu wei'den ein Recht 
hatte, und von dem es feststeht, dafs er nachmals die end- 
gilltige Uberlassung dieses Gebietes an die deutschen Bitter 
herbeigeiuhrt hat, wie denn er zuerst untei* alien piastischen 
Fllrsten kurz vor seinem preufsischen Feldzuge sein Interesse 
fiir den deutschen Orden durch eine Giiterschenkung an 
denselben bekundet hat. 

So sehen wir denn Herzog Heinrich I., dem wir das 
Hauptvcrdienst an der Gestaltuug eines miichtigen, wesent- 
lich auf den Prinzipien deutscher Kultur gegriindeten Her- 
zogtums Schlesien zuschreiben miissen, auch an der Errich- 
tung des Ordensstaates in Preufsen bedeutungsvoll und ent- 
scheidend milwiiken. Wie viel diese beiden Vorlande des 
Deutschen Rciches liir dieses letztere gethan, wie sie, ohne 
zu diesom zu gehoren, doch deraselben die Dienste zweier 
gegen den slavischen Osten vorgeschobeuen Bollwerke ge- 
leistet haben, und in Zeiten, wo es mit der Verteidigungs- 
kraft des Deutschen Reiches gegeniiber den erstarkten sla- 
vischen Machten libel aussah, wie z. B. in der ersten Hlilfte 
des 14. Jahrhundeits und dann wieder des 15. Jahrhunderts 
Deutschland sehi wirksamen Schutz gewahrt haben, das ist 



Kiimpfe niit den polnischeu Fiirsten. 5t 

vielleicht noch niclit in hinreichendem Mafse gewlirdigt wor- 
den, iind wir werden darauf hinzuweisen noch weitere Ge- 
legenheit finden. 

Mit den Gebrtidern Lesko und Konrad, in deren Gesell- 
schaft wir Herzog Heinrich auf dem preufsischen Kreuzzuge 
sahen, entzweite er sicli dann ini Jalire 1225 aus unbekannten 
Ursachen. Wir wissen zuveriassig nar so viel, dafs er in 
diesem Jahre gegen Krakau ins Fekl zog und aeht Tage 
vor der Stadt lagerte. 

Es ist sehr wahrscheinlich , dafs dieser Feindseligkeit 
bald eine aufrichtige Versohnung gefolgt ist, da wir bei-eits 
1227 unseren Herzog als Verbiindeten jener beiden Her- 
zcige wdederum eiuen Kriegszug iinternehmen sehen. Lesko 
hatte in diesem Jahre einen Landtag nach Gonsawa bei 
Trzemesno in Grolspolen berufen zur Beratung iiber einen 
Kriegszug gegen den Pommernfursten Swantopolk , der 
sich seinen Vasallenpiliehten entziehen wollte , welcher 
Kriegszug dann zunachst, wie es scheint, gegen die Burg 
des Wkidyslaw Odoniz, Nakel, gerichtet sein sollte, da 
dieser mit Swantopolk, seinem Schwager, gemeinsame Sache 
machte. 

Hier nun erschien auch Heinrich, dessen Rat sich Lesko 
erbeten hatte. Auch Swantopolk stellte sich ein, und wah- 
rend er dem Scheine nach eine giltliche Verstandigung 
suchte, wufste er schwerlich ganz ohne Wissen seines Schwa- 
gers einen heimlichen Uberfall der beiden Fiirsten ins Weik 
zu setzen (den 23. November 1227). Lesko suchte durcli 
die Flucht zu entkommen, ward aber in Marcinkowo nahe 
bei Gonsawa von den Leuten Swantopolks ereilt und nieder- 
gehaucn. Heinrich ward im Bade iiberrascht und dankte 
seine Kettung nur der Aulbpferung seines geti'euen Ritters 
Peregrin von Wiesenburg, der bei der Yerteidigung seines 
Herrn todliche Wunden empfing. Doch liels man Heinrich, 
auf den es also bei dem Uberfalle nicht eigentlich abgesehen 
war, der aber doch auch selbst ernstlich verwundet worden 
war, ruhig fortziehen und den Leichnam seines Getreuen 
mit sich fortnehmen, dem dann in Kloster Leubus eine 
ehrenvolle Bestattung zuteil wurde. 

Die Regentschaft wahrend der ]\Iinderjahrigkeit des kaura 
17 Monat alten Sohnes von Lesko, Boleslaw, sollte nach 
den Bestimmungen des Verstorbenen ^^'ladyslaw Laskonogi 
llbernehmen. Dem widerstrebte aber Leskos Bruder Konrad 
von Masowicn und uberzog unterstiitzt von den Halitscher 
(galizischen) Fiirsten Daniel und Wasylko (Basihus), AYlady- 
slaw mit Krieg. Grausame Verwiistungen trafen im Jahre 

4* 



52 Zweites Buch. Erster Abschnitt. 

1228 Grofspolen unci, da Herzog Heinrich als Verbiindeter 

Laskonogis angesehen Aviirde, auch Sclilesien. 

Wladyslaw geriet in um so grijfsere Bedrangnis, als nun 
auch sein Neffe Odoniz und Swantopolk von Pommern, der 
sich nach dem Tode Leskos ganz unabhiingig geraacht hatte, 
sich gegen ihn wandten. Sei es nun, dafs er freiwdlig auf 
die Regentschaft in den Landen weiland Herzog Leskos 
verzichtete , sei es dafs sich nur eben thatsjichfich seine 
Unfahigkeit die Schutzherrschaft zu fiihren herausgestellt 
hatte: kurz, die Witwe Leskos Gninislawa entschlols sich 
auf den Rat der Mannen des Krakauer Landes, Stadt und 
Land Krakau an Herzog Heinrich zu ilbei'lassen, der dafiir 
die Beschiitzung des fur Leskos Sohne reserWerten Herzog- 
tums Sendomir iibernahm. Es geschah dies im Sommer 
1228. 

XatilrHch mufste sich Heinrich die Anerkennung seiner 
Herrschaft iiber Krakau erst von seinem Nebenbuhler Kon- 
rad von Masowien erkampfen, und noch im Laufe des Jahres 
1228 besiegt er denselben in zwei Schlachten bei Skala und 
Miendzybrzeze. Dann ruft er nach Krakau eine Versauim- 
lung der Barone sowie der geisthchen AVurdentriiger zu- 
sammen, bestatigt die Freiheiten der Ku'che und erlafst 
Yerordnungen zum Schutze der Gesetze und zur Ziigelung 
der Friedensbrecher. 

Aber Konrad war ein gefahrhcher Gegner, und seiner 
Arghst gelang das, was er mit ofFener Gewalt zu erreichen 
nicht vermocht hatte. Als Heinrich etwa im Fruhhng 1229 
einen Landtag in Opatowitz hielt, llborfiel ihn liier Konrad, 
nahm ihn ti'otz seiner GegeuAvehr verwundet gefangen und 
schleppte ihn nach Plock der Hauptstadt ]\Iasowiens. 
Ihn zu befreien, riistete sein Sohn Heinrich ein Heer, gab 
aber den Vorstellungen seiner Mu.tter der Herzogin Hedwig 
Gehor, welche den Weg giitlicher Vermittelung einzuschlagen 
beschlofs. Sie begab sich selbst zu Konrad nach Plock, 
und der Gewalt ihrer Personlichkeit gelang es, die Freiheit 
ilu*es Gemahls zu erlangen, der dabei allerdings auf den 
Besitz Ka-akaus Verzicht leisten mufste. Der zwischen den 
beiden Gegnern neu geschlossene Friede sollte dann durch 
die Vermahlung zweier Tochter Heinrichs H. mit den bei- 
den Scihnen Herzog Konrads bekraftigt werden. 

Aber in Ki-akau wollte man von der Herrschaft des 
habsilchtigen und gewaltthatigen Konrad nichts wissen, der 
dann auch das Herzog-tum Sendomir seinem Neffen Boleslaw 
entrifs, urn es dem eigenen Sohne gleichen Namens zu ver- 
leihen. Der Papst Gregor IX. entband Heinrich I. von 



Eroberung vou Krakau iind Kalisch. 53 

jener eidlich bekraftigten Verzichtleistung auf Krakau als 
einer erzwungenen ^ und der letztere setzt sich 1230 wieder 
in Besitz der Stadt und behauptet sich nun in demselben 
bis an seinen Tod, wenngleicli nicht ohne nocb weitere 
Kampfe mit Koni'ad von Masowien, allerdings vornehmlich 
im Interesse seines Schiltzlings Boleslaws von Seudomii% von 
dessen Lands er auch selbst 1233 noch ein Stuck erhielt. 
Erst 1236 kani es zu einem definitiven Frieden zwischen 
den beiden Gegnern, bei welclier Gelegenheit dann auch 
die einst von der Herzogin Hedwig verabredeten Familien- 
verbindungen resp. Verlobungen, denen bisher noch das 
zarte Alter der beiden Braute entgegengestanden hatte, ihre 
Sanktion erhielten. 

Doch auch noch nach einer andern Seite hin gelang ihm 
ein ansehnlicher Landerwerb. Die kaiun unterbrochenen 
Kampfe der beiden groispolnischen Herzoge , der beiden 
Wladyslawe, hatten schHefslich den Verlauf genommen, dafs 
der Oheim zwar seinen Neifen gefaugennahm , dann aber, 
als dieser aus der Haft entkommen war, von demselben, den 
wiederum sein Schwager Swantopolk von Pommern unter- 
stiltzte, so in die Enge getrieben wmxle, dafs er landfliichtig 
in Schlesien bei dem oberschlesischen Herzoge Kasimu- in 
Ratibor eine Zuflucht suchen mufste. Als er hier nun den 
18. August 1231 kinderlos stirbt, vermachte er sein Land 
unserem Herzoge Heim-ich. Die Geltendmachung dieser 
Ansprilche Wladyslaw Odoniz gegenilber fand jedoch um 
so mehr Schwierigkeiten , da dieser bei seiner grofsen Frei- 
gebigkeit gegen die Geistlichkeit diese gauz auf seiner Seite 
hatte und deshalb ' auch von der romischen Kiu-ie geschutzt 
wurde. In der That erfahren wir auch, dafs der Feldzug 
vom Jahre 1233, welchen Heinrich begleitet von seinem 
gleichnamigen Sohne im Jahre 1233 gegen Odoniz unter- 
nimmt, zwar die Eroberung von Kalisch zur Folge hat, aber 
bald durch einen von dem Bischofe von Posen vermittelten 
Frieden beendet wird, in welchem Heinrich auf Grofspolen 
Verzicht leistet. 

Ihn dazu zu bestimmen, wirkte wahrscheinlich noch eine 
andere Rilcksicht mit. Im Juni 1233 finden wir in Breslau 
bei ihm Hermann Balk, den Prokm-ator des Deutschen Or- 
dens, und jedenfalls im Zusammenhange damit sehen wir 
nach einer Zusammenkunft, welche er mit Konrad von Ma- 
sowien im Oktober dieses Jahi'es bei Kulm hatte, ihn dann 
im Spatherbst 1233 einen neueu Kreuzzug in das Preufsen- 
land unternehmen, an welchem sich aufser dem masowischen 
Herzoge noch der Pommernfiirst Swantopolk und Wladyslaw 



54 Zweites Buch. Erster Abschuitt. 

Odoniz beteiligen, -wiihrend der jiingere Ileinricli das schle- 
sisclie Corps befehligt. Derselbe iiimmt hier an der Griiu- 
dung von JMarien-werder teil uud hilft mit in streuger 
^^'interzeit den Preufsen die schwere Nicderlage an der 
Sorge zu bereiten. 

lux naclisten Jalu'e 1234 erneuert sicli dann Avieder der 
Krieg rait Odoniz, gegen welehen die rait seiner Herrschat't 
unzutriedenen Edlen des Landes den schlesisclien Jierzog 
lierbeirufen. Siegreich dringt dieser nun vor, ei'obert die Ge- 
biete von Kalisch, Peisern, Schroda, Posen, stellt das im 
Vorjahre von AVladyslaw zerstorte Sclilofs Bnin wieder her 
und bedriingt den letzteren so, dais derselbe, ura nicht alles 
zu verlieren, in eine Teilung des Landes Avilligt, bei welcher 
er alles Land auf dera linken Ul'er der ^^'artha, also den 
ganzen westlichen Teil der heutigen Provinz Posen, an 
Herzog Heinrieli abtritt, fiir diesen eine erfreuliche Abrun- 
dung des Lebuser Landes mit den Lausitzer Besitzungen. 
Auch das Schlofs Schrimra jenseits der Wartha bleibt Hein- 
rieli, der liier seinen Keffen, den mahrisclien I'rinzen Bor- 
ziwoi, zum Statthalter einsetzt. 

Das Schlofs Schriram ward aber nachnials von den 
Polen tiberfallen, Borziwoi ermordet, und so entziindeten sich 
neue Kiirapfe, ura dei*en Schlichtung sich dann der papstliche 
Gesandte, Wilhelm von Modena, eifrig beniuhte. JedenfuUs 
blieb der Teil Grofspolens auf dera linken Wartha-Ufer 
Heinrich dera Biirtigen, der nun auch den Titel eines 
Herzogs von Polen neben dem von Schlesien und Krakau 
flihrte. 

In den weiten Gebieten, die Heinrich so unter seinem 
Scepter vereinigte, und welche von den Grenzen Poramerns 
bis an die Abhiinge des Tatragebirges sich erstreckten, lag 
als selbstandiges Land noch raitteninne das oberschlesische 
Herzogtum Oppeln-Ratibor, wozu dann auch noch das nach- 
mahge Herzogtura Beuthen mit der Herrschat't Siewierz (jetzt 
in Polen gelegen) und das Herzogtum Teschen gehorte, 
Avahrend Troppau und Jagerndorf damals noch zu Mahren 
gerechnet Avurden. Doch auch liber das oberschlesische Gebiet 
hatte Heinrich seit dera Tode seines Vetters Kasimir 122 9 eine 
gewisse Herrschat't erlangt, er filhrt die Vorrauudschaft iiber 
die minderjahrigen Sohne des Verstorbenen , ja gegen das 
Ende seiner Eegierung verbindet er das Oppeln - Ratiborer 
Land seinem Peiche, indera er der Herzogin-Witwe von 
Oppeln, Mola, als Entschadigung dafur das Landgebiet von 
Kalisch und Ruda iiberweist, das also gleichfalls von Wladj- 
slaw Odoniz abgetreten worden sein muls. 



Die heilige Hedwig. o5 

Die heilige Hedwig. 

Es Avaren so ziemlich drei Vierteile des alteu groisen 
polnischeu Reiches, welclie nun der bartige Herzog in seiner 
starkeu Hand vereinigte, und wie es lieifst, iiabe der Herzog 
daran gedacht, seinen Lieblingssohn Heinrich zum Konige 
von Polen einzusetzen, ohne dafs wir jedocli von Scliritten, 
die er zu diesem Ende gethan, etwas Naheres erfahren. 
Hatte einst sein Grofsvater, der vertriebene Herzog Wlady- 
slaw, am Kaiserliofe in Deutschland Zuilucht und Schutz 
gefuuden, hatte die machtige Yerwendung Friedrich des 
Rotbarts die Herausgabe Schlesiens an Heinricbs Vater und 
Oheim herbeigefuhrt, so lohnte jetzt Heinrich dem Deutschen 
Reiche dadurch, dafs er hier auf slavischem Boden deutsche 
Kultur einluhrte und weite Landschaften thatsachhch fur 
Deutschland gewann. Denn das Avar das besonders Bedeut- 
same: der Filrst, dem mit der alten Burg Krakau die Ober- 
herrschaft iiber alle piastischen Fiirsten zugefallen AA'ar, der 
den grofseren Teil des ganzeu polnischen Reiches selbst 
unter seinem Scepter hielt, AA^ar ein Deutscher. Von einer 
deutschen Mutter geboren, in Deutschland erzogen, Avar er 
zum Deutschen geAvorden und fuhrte nun auch eine deutsche 
Prinzessin heim. HedAA'ig, die Tochter des frankischen Grafen 
Bertold, den der Titel eines Herzogs A^on Meran (in Dal- 
matien) zierte, eine Frau von seltenen Gaben des Geistes 
und Herzens , voll AA^ahrer ungeheuchelter Frommigkeit, 
Gottesfurcht und Nachsteuliebe. Nachdem sie in zartester 
Jugend bereits A'ermahlt (angeblich 12 Jahre alt) ihrem Ge- 
mahle sieben Kinder geschenkt hatte, bcAvog sie diesen, mit 
ihr in die Hand des Bischofs Lorenz von Breslau das Gelllbde 
ehelicher Enthaltsamkeit abzulegen. Seitdem zog sie sich 
mehr und mehr in die klosterliche Einsamkeit von Trebnitz 
zuriick, avo einige Meilen ncirdiich A^on Breslau auf dem rechten 
Oderufer in anmutigem Thale ihr Gemahl filr Cisterciense- 
rinnen, die aus ihrer frankischen Heimat liierher berufen 
AAurden, ein reich ausgestattctes Stift gegriindet hatte, in 
dem dann auch eine ihrer Tochter Gertrud (1228) Abtissin 
AA'urde. Diese hatte hier den Schleier genommen, nachdem 
ihr Verlobter Otto von "Wittelsbach die Blutschuld, Avelche 
er durch den Mord Kcinig Philipps A^on SchAA'aben (1208) 
auf sich geladen, mit dem Tode gebiifst hatte. Hier in 
Trebnitz lebte nun Hedwig lange Jahre Werken der Barm- 
herzigkeit, aber auch Ubungen einer fiir Gott gefallig er- 
achteten Selbstpeinigung durch Fasten, Bufsiibungen, Geifse- 
lungen. Und dem Geiste jener Zeit entsprechend, AA-aren es 



36 Zweites Buch. Erster Abschuitt. 

vielleicht niclit zum geringsten Telle eben diese letzteren, 
welche den lluf ilirer Heiligkeit bei ihren Zeitgenossen be- 
griindeten und dann 24 Jaiu-e nach ihi-em Tode 1267 aucli 
ihre Heiligsprechung durcli Papst Klemens IX. herbeifuhrten. 
L'brigens ist Herzogin Hedwig neben ihreu Andachtsiibungen 
doch auch ihrer sonstigen Pflieliten wolil eingedenk geblieben. 
Nach dem Uberfalle bei Gonsawa elite sle schnell lierbel, 
den verwundeten Gemahl zu pllegen, und als dlesen die 
Argllst Konrads von Masowien in die Gefangeuschaft ge- 
braclit hatte, scheute sie den weiten Weg nach Plock nlcht 
imd vermochte, wle wlr wlssen, diu'ch die Maclit ihrer Per- 
sonlichkelt die Fesseln zu losen. 

Schwerlich ganz getreu schlldert uns die alte Hedwigs- 
legende das Bild der hohen Frau. Jedenfalls kommt darin 
nur die eine Seite ihi'es Wesens, das asketlsche Moment, 
recht zur Erscheinung. Dafs es noch eine andere Seite 
gab, zelgt uns die kurze Zelt nach Ihrem Tode gefertlgte 
Statue Hires Hochgrabes, wo sie in reichera herzoglichem 
Schmucke uns entgegentritt und ebenso das Siegel, dessen 
sie sich selbst bedlente, und welches sie in sehr modischer, 
fast iippig zu nennender Gewandung darstellt. 

Es mufste nun von Bedeutung erscheinen, dafs die Ge- 
mahlin des gewaltigen Herzogs, der das kleine Herzogtum 
Schlesien zum ]\{ittelpunkte eines ansehnlichen Reiches machte, 
eine Frau war, die alles Volk schon bei Lebzeiten wie eine 
Heilige vereln-te. Uni so fester schlug das Herrschergeschlecht 
seine Wurzeln in den Herzen der Unterthanen. 



Klostergriindungen. 

Ob Herzogin Hedwig je Polnisch gelernt hat, ist zweifel- 
haft und wie ihr Hofstaat deutsch war, so war er auch die 
Umgebung der Klosterschwestern , unter denen sie in Treb- 
nitz lebte. Herzog Heinrich hat dieses Stift selbst als seine 
eigenste Grlindung bezeichnet im gleichen Mafse, Avie die 
seines Vaters Leubus gewesen ware, aber sie blieb nicht die 
einzige. In Heinrichau slldlich von Breslau wunschte Ni- 
kolaus, des Herzogs erster Minister, ein Ivloster zii errichten, 
bedurfte aber dessen Genehmigung dazu um so mehr, da 
die dazu zu verwendenden Giiter, welche ihm die Huld 
seines Herrn gewahrt hatte, ihm nur auf Lebenszeit ge- 
hcirten. Der Herzog gab die Erlaubnis, jedoch nicht ohne das 
Yerdienst der Stiftung flir sich selbst, resp. filr seinen Sohn 
Heinrich in Anspruch zu nehmen. 1222 ward das neue Stift 
eingerichtet imd mit Cisterciensern aus Leubus besetzt. 



Griindimg der Kloster Heiurichau uud Kamenz. 57 

Gerade dieser Orden, der vornehmlich praktische Zwecke 
verfolgte, war fur die deutsche Koloiiisation von hervor- 
ragender Bedeutung, die ja schon an fruherer Stelle naher 
dargestellt worden ist. Es wird daher wohl erklarlich, daf& 
allmahlich auch Kloster anderer Orten in die Hande der 
Cistercienser ilbergegangen sind, die dann in der zweiten 
Halfte des 13. Jahrhunderts die Mehrzahl der grofseren 
schlesisclien Stifter Leubus, Trebnitz, Kamenz, Heinrichau, 
Griissau innehaben. Xamentlich unter Heinriehs Regierung 
nnd schwerlich ohne sein Zuthun sind dann auch in Polen 
Grilndungen des Ordens erfolgt, es entstanden die Kloster 
Lond und Priment, als sich weiter vorschiebende Posten der 
Germanisation , welcher ubrigens auch schon die in sehr 
grofser Ausdehnung verliehenen Stiftsgiiter schlesischer Klo- 
ster in Polen dieuteu. 

Auch die Augustiner-Chorherren des Sandstiftes zu Bres- 
lau, welche, obgleich wallonischen Ursprungs, sich sehr 
friih den Interessen der deutschen Einwanderung zuwandten, 
der sie das wertvolle industrielle Element der aus Flandern 
eingefuhrten Wollenweberei zuiilhrten, breiteten sich weiter 
liber das Land aus^ 1210 siedelten sich Brilder des Ordens 
am Fufse des altberuhmten Burgberges von Kamenz an^ wo 
ihnen ein Sprofs eines der altesten in unserer Heimat nach- 
weisbaren Adelsgeschlechter Vincenz von Pogarell eine Statte 
bereitet hatte ; 1217 grlindete der Herzog selbst eine Propstei 
derselben zu Kaiimburg an dem Bober, aus welcher nach- 
mals das beriihmte Stift zu Sagan hervorgegangen ist, und 
ihrer Obhut Avird auch das Hospital zum heiligen Geist an- 
vertraut, das Herzog Heinrich 1214 in Breslau und zwar 
auf dem linken Oderufer nahe dem Flusse grlindet und 
reich dotiert, dem dann bald auch ein speciell den Aus- 
satzigen gewidmetes Hospital in der jungen deutschen Stadt 
Neumarkt sich anschlieist, ein besonderer Gegenstand der 
Sorge filr Herzogin Hedwig. 

In grolsem Mafsstabe nehmen nun die Augustiner die 
Ansiedelung von Deutschen in Angriff. Fiii- den grofsen 
Giiterkomplex, welchen dieselben noch von Peter Wlast her 
am Zobtenberge besitzen, erlangen sie bereits im Jahre 1209 
ein grolses Privilege das ihnen unter neuer Umgrenzung 
dieser Besitzungen die Aussetzung derselben zu deutscheni 
Rechte gestattete. Das Gleiche thaten in dieser Zeit die 
Priimonstra tenser, welche seit dem Ende des 12. Jahrhunderts 
in dem Vincenzstifte bei Breslau die Benediktiner abgelost 
hatten, mit ihrem Giiterkomplexe bei Kostenblut und audi 
deren Schwesterkloster in Oberschlesien , welches 1228 aus 



58 Zwcites Buch. Erstcr Abschnitt. 

Rybnik nach Czaniowanz bei Oppeln verlegt wurde, wie 
deiin uberhaupt der Herzog selbst, Biscliot" und Doinkapitel 
uud die verscliiedenen IStil'ter formlich darin wetteifern , sich 
die Vorteile zu sichern, welclie, wie iViilier scbon dargelegt 
wurde, die Neugrluidung ihrer Gliter zu deutschem Kecbte 
ibnen bringen mulste. 

Deutsche Stadte. 

Aber aucb die Anlegung von Stadten zu deutschem Rechte 
ward jetzt eifriger betrieben. 

Wahrscheinlieh waren es Neumarkt, niit welchem Namen 
Heinrich den aut" seinen Reisen zwischen Breslau und Lieg- 
nitz oft besuchten polnischen Ort Szroda umtaut'te, und 
Lowenberg, welche den Reigen der zahh-eiclien von Hein- 
reich I. zu deutschem Reelite gegrilndeten Stiidte erofFnen, 
fur deren mehrere er dann nachmals aus IMagdeburg voll- 
stiindige Abschriften der Rcchtsbestimniungen, nach welchen 
dort die Burger lebten, kommen liefs. L>afs dies oft ge- 
schehen sei, erwahnen die Magdeburger SchofFen in einem 
dieser Schreiben ausdrllckhch. Kach deutschem Rechte wur- 
deu in Heinrichs I. Zeit nachweisHch uoch gegriindet Gold- 
berg, welches von dem hier gefundenen Golde seinen Kamen 
erhielt, Naumburg a. d. Quels, Neifse, Steinau a. d. Oder, 
Guhrau, Ohlau, in Oberschlesien Oppeln, Ratibor, Steinau, 
Leschnitz. Auch in der Landeshauptstadt Breslau befand 
sich schon damals eine deutsche Ansiedelung, deren Vor- 
stand (Schultheifs) Alexander uns in einer Urkunde von 
1229 begegnet. An dem Marktplatze der damaligcn Stadt 
Breslau auf dem linken Oderufer unmittelbar an der Briicke 
liber die Oder (Sandbriicke) an der Stelle des heutigen Ober- 
landesgerichtes stand das steinerne Kaufhaus der Deutschen. 
Von da oderabwitrts zog sich herzogliclies Gebiet, Kurien 
der herzoglichen Familie, die bald insgesamt zu geistlichen 
Stiftungen verwandt wurden. Von der Sandbriicke aber, in 
deren Nahe Avenig oderauiwilrts damals die Ohlau mundete, 
erstreckten sich bereits am linken Ufer dieses Flusses siidwarts 
w^eitere Ansiedelungen bis zu der bereits im 12. Jahrhundert 
vorhandenen Adalbertskirche, und als dann Bischof Lorenz 
1207 — 1232 dieses Gotteshaus dem 1226 damals aufkommen- 
den Dominikanerorden , dem hier unter Leitung des nach- 
mals heilig gesprochenen Polen Ceslaw ein Konvcnt ge- 
grundet Avordeu war, libergab, sah er sich bald darauf ver- 
anlafst, anstatt ihrer eine neue Kirche mit Parochialrecht zu 
erbauen, namlich die zu ]\Iaria ]\Iagdalena, in welcher wir 



Anlegung deutscher Stiidte. 59 

somit difi alteste Stadtpfarrkirche des eigentlicheu Breslaus 
auf dem linken Oderufer zii erkennen habeii. 

Die Bevulkerung, filr welche nun diese Kirche gegriindet 
ward, hat man sich wolil aiis Slaven und Deutsclien ge- 
mischt zu denken. Neben den Wallonen, welqlie, wie friiher 
erwahnt wurde, um die Kirche des heiligen Moritz (heutige 
KJosterstral'se , damals Wallonenstrafse) angesiedelt waren, 
haben sicherlich imter den Slaven auch schou vielfach 
Deutsche, uameutlich Handwerker gewohnt; und es kann 
nicht der mindeste Zweifel obwalten, dafs diese sich in ge- 
sellschaftHch giinstigerer Lage befanden als die slavischen 
Einwohner, dafs sie personhch frei und anderen Gesetzen 
unterworfen wareu, es ist auch nicht zu zweifeln, dafs sie 
mit ihren noch besonders privilegierten Landsleuteu im Kauf- 
hause zu einer Gemeinde verbunden Avaren. Es ist nun 
wohl moglich, dafs ahnliche Verhaltnisse auch noch in an- 
dern schlesischen Stadten vorhanden waren, deutsche Ge- 
meinden mit eigenen Rechten innerhalb einer slavischen Be- 
volkerung. 

Aber in jedem Falle verhalt es sich wesentlich anders 
mit Stadten, welche wirkiich zu deutschem Rechte ausgesetzt 
wurden. Bei diesen ward von der alten slavischen Nieder- 
lassung, die ja meistens an demselben Orte vorhanden war, 
ganz abgesehen und in einer gewissen Entfernung davon, 
auf noch unbebautem Boden, wohl in den meisten Fallen 
auf herzoglichem Grunde die neue Stadt, die danu ganz 
ausschhefslich fiir deutsche Kolonisten bestimmt war, ausge- 
steckt. Ihren Mittelpunkt bildete stets das mlichtige gleich- 
seitige Viereck des Marktplatzes oder, wie man in Schlesien 
es (doch wohl nach einem altslavischen Worte) nannte und 
noch nennt, des Ringes, dessen sehr umfangreiche Anlage 
auch bei recht kleinen Stadten uns haufig noch heute er- 
staunen macht. Mitten auf dem Ringe steht das Rat- 
haus, in dessen unteren Raumen oder in oft sehr winzigen, 
daran angebauten Verkaufsstellen dann die verschieden- 
artigsten Lebensbedurfnisse feilgeboten werden. Ursprllng- 
lich war wohl die Meinung, dafs der Ring alle selbstandigen 
Burger, auf die bei der Anlage gerechnet war, umfassen 
sollte, und wenn z. B. eiue Stadt 40 Ackerhufen also 40 
Ackeranteile mitbekam, konnte es ja sehr wohl angehen, 
jede der 4 Ringseiten in 10 Baustellen zu teilen, auf denen 
sich nun aneinandergereiht die Biirgerhiluser erhoben. Hier 
nach vorn heraus wohnte das Handwork und das stadtische 
Leben, aber zu dem hinteren Thore, welches nach der nach- 
sten Parallelstrafse zuging, blickt bereits das Dorf in das 



60 Zweites Buch. Erster Abschnitt. 

Gehoft des Ackerbiirgers hinein. Die anclere Seite dieser 
Stralsc bildeten wohl schon meistens die iScheuem der Bur- 
ger. Hinter diesen war dann mit Wall und Graben die 
Umfrieduug der Stadt, auf dem ersteren meistens ein Parchen, 
ein Pl'ahlzaun statt der Mauer. An einer Ecke des Ringes 
pflegt die raethodisehe Regelmalsigkeit dieser Einrichtung, 
bei der alles mit der EicLtschnur abgemessen erscheint, durch 
den daran stofsenden Kircbhof mit der Stadtkirche daranf 
nnterbrochen. Fast immer gehorte zur Stadt dann noch 
jenseits des Umfriedigungsgraben neben den Ackerstilcken 
der Biii'ger aucli noch ein gemeinsamer stadtisclier Weide- 
platz. 

Bei der Mehrzahl der schlesischen Stadte erkennt man 
noch heute sehr gut den Zuschnitt der ersten Griindung in 
all seiner Regelmafsigkeit, den miichtigen quadratischen Ring 
mit dem an das Rathaus sich anschliefsenden winkeligen 
Komplex von Bauhchkeiten, die aus den urspriinglichen 
Yerkaufsbuden sich entwickelt haben; bei einigen besonders 
kleinen Orten findet man wohl auch noch schon in der 
ersten Parallelstralse die stadtischen Scheunen als Zeichen 
ursprilnghcher Beschranktheit, bei den meisten hat das schnelle 
Wachstum dies veriindert. Vielfach zogen gleich bei der 
Aussetzvmg zu. deutschem Rechte Deutsche mit hinein, welche, 
auch ohne bei der Verteilung der Ackerlose mitbeteiligt zu 
sein, doch dann als Handwei"ker sich an dem Orte nieder- 
hefsen. Natiirhch fanden sich auch slavische Eingeborene 
in grofserer Zahl ein, welche die niederen Dienstleistungen 
iibernahmen. 

Es ist nicht daran zu zAveifeln, dafs die deutschen Hand- 
werker sich gleich von vornherein zu Innungen zusammen- 
geschlossen haben, und ebenso wahrscheinlich ist, dafs bei 
Streitigkeiten der Deutschen unter einander schon in der 
ersten Zeit der Vogt imter Zuziehung von Schotfen aus der 
Gemeine Recht gesprochen hat. 

Die deutschen Ansiedler zahlten (meistens nach einer 
ihnen zugesicherten und sehr verschieden bemessenen Zahl 
von Freijahi-en) dem Landesherrn eine bestimmte Abgabe, 
die als Geschols (exactio) friih schon iixiert und von den 
Kommunalbehorden auf die Einzelnen umgelegt ward, dazu 
denn noch als MUnzgeld (abegang) eine bald auch festgesetzte 
Summe als Entschiidigung dafur, dafs der Filrst von seinem 
Rechte, die Miinzen alljahrhch umzuprageu, keinen Gebrauch 
machte, aufserdem noch einen Zins fiir die gewerbhchen 
Verkaufsstatten. Die stadtischen Abgaben gingen nebenher. 

AVie bei den Dorfern libernahm auch hier ein landes- 



Anlegung deutscher Stadte. 61 

herrschaftlicher Kommissar als locator die Miihe der Herbei- 
schaffimg der Kolonisten. Derselbe erhielt das Stiick Land 
in Bausch und Bogen, verteilte dasselbe, unterhandelte mit 
den Ausiedlern und fiibrte nacbmals die Steuern ab. Er 
erhielt fiir sich und seine Erben das Richteramt oder die 
Vogtei (daher Erbvogtei) mit verschiedenen Einkiinften, 
namlich unter alien Umstanden den dritten Teil der von 
dem Vogteigericbte verhangten Strafgelder (den sogenannten 
di'itten Pfennig), ferner sehr haufig ein von Abgaben be- 
freites Haus und Hof und wolil auch noch Ertrage ge- 
wisser gewerblicher Institute als Miihlen, Badstiiben, Ver- 
kaufsstellen u. dgl. Der Vogt safs denn auch dem Gerichte 
vor, in welchem stadtische SchofFen das Urteil fanden, von 
welchem eine Berufung an das Gericht des Herzogs zulassig 
war, und vertrat iiberhaupt den Landesherrn, so dafs an- 
:^nglich die Regierung der Stadt thatsachlich in seiner 
Hand lag. 

Die ganze Einflihrung germanischer Kolonisation und 
der Anklang, den diese Einrichtungen auch bei Fiirsten 
fanden, denen sonst eine besondere Begiinstigung des Deutsch- 
tums fern gelegen haben wiirde, beruhte, wie dies bereits 
friiher dargelegt -worden ist, auf der unzweifelhaften finan- 
ziellen Ersprielshchkeit der Neugrlindungen, auf den erhohten 
Einkunften, welche dieselben den Fiirsten brachten. ludem 
dann aiich selbst der deutschfreundliche Heinrich I. diesen 
Gesichtspunkt sehr ins Auge fafste, mufste er sich von den 
Magdeburger Schoffen belehren lassen, dafs die dortigen 
Burger sich maijche seiner finanziellen Einrichtungen von 
ihrem Landesherrn nicht gefallen lassen wiirden. Es ward 
nun fiir die zu deutschem Rechte ausgesetzten Stadte das 
nachsteZiel ihres Strebens grofsere Selbstandigkeit dem Landes- 
herrn und dessen Vertreter, dem Vogte, gegeniiber, mid wir 
werden von den Erfolgen dieser Bestrebungen in spateren 
Zeiten noch zu sprechen haben. 

Es war eine grofsartige Umwalzung, welche sich damals 
in Schlesien voUzog. Der dichte Wald, der noch das Land 
bedeckte, lichtete sich an vielen Stellen unter der Axt der 
Kolonisten, welchen dann an solchen Orten die grofsere Miihe 
eine reichlichere Beraessung der einzelnen Landanteile lohnte 
(fi-ankische oder Wald-Hufen im Gegensatze zu den kleineren 
vlamischen Hufen), Siimpfe wurden entwassert, neue Wege 
durchschnitten das Land; wo bisher nur Weideflachen ge- 
legen hatten, entstanden jetzt Dorfer mit Kli-chen in ihrer 
Mitte; anderwarts erhoben sich neben den slavischen Hiitten, 
die am Bache entlang gestanden batten, die grofsen Rundungen 



62 Zweites Bucli. Erster Abschnitt. 

deutscher Staclte. Der Boden mit besseren Werkzeugen und 
grofsereni Fleifse bestellt, lieferte ungleich reichere Ernten, 
ein Gesclilecht freier deutscher Baucrn erstand untcr den 
leibeigenen slavischen Einwohnern. Wir diirfen annelimen, 
dais gegen das Ende der Regierung Heinrichs I. nament- 
lich aut" dera linken Oderufer zwischen dem Flusse und dem 
Gebirge eine sehr ansehnliche Zalil von Niederlassungen 
sich vom Bober an bis zur Neifse hingezogen Jiat und die 
deutsclie Spracho hier zur herrselienden vieltach gCAVor- 
den ist. 

Das niedere slavische Volk konnte mit dem ganzen Pro- 
zesse wohl zufrieden sein. Ihm ward nichts genommeu, 
wohl aber kam die steigende Kultur auch ihm zugute, es 
lernte eine bessere Form des Landbaus kennen, die Pro- 
dukte stiegen ira Werte, der Absatz ward leichter und be- 
quemer, die Gelegeuheit zum Verdienst besser und die ganze 
gesellschaftliche Lage durch das Zusammenwohnen mit 
Freien gilnstiger; die Arbeit des Feldes, welche jetzt hier 
auch freie Manner vornahmen, stieg im Werte, und der 
Willkiir ihrer Herren waren schon dadurch gewisse Schran- 
ken gezogen , dafs dieselben von mehr Augen beobachtet 
wurden. 

Weniger einverstanden war rait dem Ganzen der ein- 
heimische Adel. In diesen Kreisen empfand man es ja libel, 
dafs an den Hot' des machtigen Herzogs Heinrich deutsche 
Edelleute sich zogen, denen dann wohl auch dessen Gunst 
Landbesitz verlieh, sowie andere sich solchen erkautten, dafs 
am Hofe die deutsche Spraclie die polnische verdriingte und 
deutsches Wesen, deutsche Sitte einen gewissen Vorzug ge- 
nossen. Eine derartige Unzufriedenheit zu thatlichem Aus- 
druck zu bringen , war einem so gewaltigen Fiirsten wie 
Heinrich gegeniiber nicht leicht, doch gab ein Zwist in der 
herzoglichen Farailie selbst dazu Gelegenheit. 

Von den drei alteren Sohnen Heim"ichs I. war der erste 
Boleslaw, dera der Vater angeblich das Lebuser Land zu 
eigener Verwaltung iibergeben hatte, friih verstorben, und der 
zweite Konrad, von seinen Zeitgenossen der Krause (Crispus) 
genannt, also vermuthch von wenig anmutendem Wesen, 
verscherzte die Gunst des Vaters, die sich ganz seinem 
Bruder Heinrich zuwendete. Wahrend Heinrich schon vom 
Jahre 1209 an (Reg. 132) wiederholt in Urkunden des 
Vaters entgegentritt und der letztere sogar Aviederholt imd 
zuerst eben im Jahre 1209 der Zustimmung seines Sohnes 
ausdriickliche Erwiihnung thut, wird Konrad nur einmal am 
AA'eihnachtsfeste 1208, wo bei der Taufe seines jiingsten 



Zwist uuter den berzogliclien Prinzen. Zehutstreitigkeiten. ()3 

Bruclers viele Fiirsten in Glogau versammelt sind, erwahnt, 
seitclem iiiclit mehr. 

Diese Unzufrieclenheit nilhrten in ihm mifsvergniigte pol- 
nisclie Edelleute am Hofe seines Vaters, deren Gesinnungen 
er bald teilen lenite, and als Heinrich der Bartige gegen 
das Ende seines Lebens die Absicht aussprach, Konrad, den 
er mit einer saohsischen Prinzessiu zu vermahlen gedachte, 
durcli das Land Lebus und die niederlausilzischen Besitzungen 
abzutinden, wahrend Heinrich, dem er die Konigskrone von 
Polen zudachte, seine ubrigen Landgebiete erben sollte, er- 
hob Konrad ofFenbar ebenso unzufrieden mit dem ihm zu- 
gedachten kleinen Anteile wie mit der deutschen Heirat 
ofFen die Fahne der Emporung. Gegen die unter seiner 
Fiihrmig gescbarten pohiischen Adeligen entsandte der Herzog 
seinen Sohn Heinrich, dem die deutschen E-itter freudig zum 
Kampfe Iblgten, und bei Rotkirch (unweit von Liegnitz ge- 
gen Goklberg bin) unterlagen in hartem Kampfe die Polen. 
Konrad fluchtete zu seinera Vater nach Glogau, der ihm 
audi Verzeihung gewahrte, land aber bald darauf in der 
Kiihe von Tarnau auf der Jagd durch einen Sturz vom 
Pi'erde seinen Tod. 

An der deutschen Kolonisation beteiligten sich nun, wie 
bereits bemerkt wurde, die deutschen Stifter mit grofsem 
Eifer, und nicht minder avich das Bistum, das Domkapitel 
wie der Bischof von Breslau. Dieser letztere war an der 
Sache in doppelter Weise beteiligt. Nicht nur dafs die 
Neugriindungen die Eitrage seiner Besitzungen sehr wesent- 
lich erhiihten, es verhiefs ihm audi jedes neu angelegte 
deutsche Dorf eine Vermehrung seiner geistlichen Zehnten. 
Die Bedeatung dieser Einnahmequellen leuchtete, wie wir 
bereits sahen, sehr friih den Kirchenhirten ein. Schon Bischof 
Jaroslaw hatte ja die Schenkung des Neubruch- Zehnten, 
welche sein Vorgiinger Siroslaw dem Kloster Leubus ge- 
macht, zuriickgenommen, und sein zweiter Nachfolger, Lorenz, 
ging der Eini'orderung der Zehnten mit solchem Eifer nach, 
dafs er darllber in ernsthchen Streit mit Herzog Heinrich 
geriet. 

Dieser klagte iiber den Bischof bei Papst Honorius HI., 
derselbe bedriicke diejenigen, welche in des Herzogs Lande 
Wald oder anderes unbebautes Land urbar machen wollten, 
mit unberechtigten Auflagen unter dem Namen von Zehnten, 
gegen die Gewohnlieit des Landes, wie sie die benachbarten 
Bischofe beobachteten , so dafs die Kolonisten nicht mehr 
Lust hiitten in dies Land zu konimen, ja sogar an nianchen 
Orten die schon begonnenen Ansiedelungen im Stiche liefsen 



64 Zweites Bucb. Erster Abschnitt. 

und lieber iiber die Grenze gingen. Hieraiis enstanden 
dann nicht nur schwere Yerluste fill' den Herzog, sonderii 
audi Grenzverletzungen und infolge dessen schwere Streitig- 
keiten mit den Nachbarn. Auf diese Besehwerde liin liaben 
vom Papste bestellte Schiedsiichter 1227 einen Vergleicli 
vennittelt, dei' nun im Prinzipe den von den deutschen 
Griindungen zu fordernden jahrlichen Zclmten in Gelde 
festsetzt und zwar in der Hohe von einera Vierdung, d. h. 
einer Viertelraark (etwa 7 Mark unseres Gekles) von der 
Hufe, wahrend die slavischen Bewohner bei Naturalleistungen 
blieben, so dafs z. B. aus den Wald- und Heidestrichen von 
Sagan und Bunzlau Honig, aus dem Bergthale von Lahn 
Eichhomchenfelle geliefert werden sollten. 

Der Herzog verstaud sich dazu, von dem Zehnten, den 
•er selbst von den Goldgrabereien in Niedersciilesien (in der 
Liegnitz-Goldberger Gegend) verlangte, nun wiederura den 
zehnten Teil der Kirclie abzutreten. Jene Festsetzung des 
Zehnten in Gelde hat sich dann nainentHch, nachdem all- 
mahHch eine Verschlechterung der Munzen eintrat, als wenig 
vorteilhaft fiir den Bischof herausgestellt, und es war daher 
erklarhch, wenn bald neue Zehntstreitigkeiten sich erhoben. 
Aber es fehlte auch sonst nicht an Streitpunkten zwischen 
den Breslauer Bischofen und dem Herzoge. Des letzteren 
hiiufige Kriege legten doch dem Lande mannigfache Lasten 
auf, und die Kirche erhob den Anspruch, dafs die auf ihren 
Besitzungen , welclie , auch abgesehen von dem Neifse- 
Ottmachauer Gebiete, dem eigentlichen Kirchenlande durch 
ganz Schlesien zerstreut waren, wohnenden Eiuwohner von 
derartigen Lasten befreit seieu, ohne dafs der Herzog sich 
daran kehrte; und ilberhaupt war die Frage, ob und 
inwieweit die eigentlichen Hoheitsrechte im Neifselande 
dem Herzoge oder dem Bischofe zustanden, eine vielfach 
strittige. 

Da nun Bischof Thomas I., der 1232 Lorenz auf dem 
bisch(iflichen Stuhle zu Breslau nachfolgte, in der Wahrung 
der ku'chlichen Freiheiten kaum minder eifrig war als sein 
Vorganger, so rissen die Zwiste kaum ab; papstliche Le- 
gaten vermittelten wiederholt, der Erzbischof von Gnesen 
als Metropolitan gritf mit ein, und schliefslich ist der grofse 
Herzog, dem die Kirche so reiclie Griindimgen verdankte, 
1238, den 19. ]Marz, im Banne gestorben, und es mochte 
als eine besondere Rucksicht angesehen werden, dafs man 
ihm ein Begriibnis an geweihter Stelle vor, dem Hoch- 
altare der Trebnitzer Klosterldrche, seiner bevorzugten Griin- 
dung gonnte. Das alte Denkmal, das sein Grab zierte, ist 



Herzog Heimich II. 65 

im 17. Jahrhundert durcli ein neues ersetzt word en, nur die 
Verse der Grabsclirift behielt man bei. 



Zweiter Abschnitt. 

Heimich II. unci der Mongoleiieiufall l^ll. 



Unter ung-leich giinstigeren Verhaltnissen als einst sein 
Vater, ergriff nun dessen einziger Sohn Heinricli II. die 
Ziigel der Herrschaft, als der nnbestrittene Erbe eines ge- 
waltig-en Liindergebietes imd einer noch bedeutenderen 
MachtsteUung. Naraentlich die letztere zu behaupten, die 
faktische Oberleitung im polnischen Reiclie, verlangte wohl 
einen ganzen Mann, aber dem neuen Herzog, schon im 
reiferen Alter stehend, etwa 47 Jahre alt, in den Staats- 
geschaften wie im Felde erprobt, fehlte es weder an Mut 
und Entschlossenheit noch an der siclieren Ruhe und 
Mafsigung. Ihm blieben Krakau und die Teile von Grofs- 
polen ohne besondere Kampfe, ihm der Einflufs auf die 
ilbrigen polnischen Fiirsten und vornehmlich auf die minder- 
jahrigen Vettern in Oberschlesien , und als der Erzbischof 
von ]\ragdeburg im Bunde niit dem Markgrafen von Bran- 
denburg 1238 einen Angriif auf Schlofs Lebus versuchten, 
erfuhren sie, zurlickgeschlagen , dafs der Sohn die voile 
Kriegstiichtigkeit des Vaters geerbt. 

Und noch in einem wesentlichen Punkte glich er dem 
Vater. Wie dieser in gliicklicher Ehe lebend, mit der boh- 
mischen Prinzessin Anna, deren Fromraigkeit die GeistHchen zu 
preisen nicht milde wurden, und selbst berilhmt wegen seiner 
Milde und Freigebigkeit gegen die GeistHchkeit , wie er 
denn z. B. 1240 fill* Prager Minoriten das Jakobskloster in 
Breslau (neben dem Oberlandesgerichte) griindete und gleich- 
zeitig Benediktiner aus dem bohmischen Kloster Opatowicz 
in Griifsau ansiedelte, auch die Errichtung eines grofsen 
Hospitals in Breslau in Aussicht nahm, war er doch weit 
entfernt, seine Herrscherrechte geistHchen Ansprilchen zu 
opfern. So hielt er in dem Sti-eite mit dem Bischofe unveiTtickt 
an dem Programme seines Vaters fest , obwohl Papst 
Gregor IX. ihm unter dem 25. Mai 1238 sehr eindringhche 

Grunhagen, Gesch. Schlesiens. I. O 



66 Zweites Bnch. Zweiter Abschnitt. 

Vorstellungen machte unci sogar vor der Drohung, den Leich- 
nam Heinrichs I. aus der geweihten Stelle wieder entfernen 
zu lassen und dessen Sohn mit dem Banne zu belegen, 
nicht zuriickbebte. Bischof Thomas von Breslau, der un- 
beugsam an seinen Anspruclien festhielt, blieb von seiner 
Eesidenz wie von dem eigentlichen Bischofslande (dem Neifse- 
Ottmaclianer Gebiet) verbannt in Glogau, und niu' ver- 
stohlen und niclit ohne Gefahr konnte ein befreundeter 
Mcinch von Heinrichau seine Botschaften uberbringen. 

Ubrigens hiltete man sich in Rom vor scharfen Mafs- 
regeln um so mehr, als man sich sehmeichelte, den Herzog, 
der mit seinem Schwager, dem Bohmenk( inige , eng zu- 
sammenhielt , ebenso wie diesen in dem Kampfe gegen 
Kaiser Friedrich II. gebrauchen zu konnen. Es war auf 
ihn sehr gerechnet, als der papstliche Legat Albert von 
Beham im Sommer 1239 eine Fiirstenzusammenkunft in 
Lebus im Sinne hatte, auf welcher der danische Prinz Abel 
zum Gegenkunig gewahlt werden sollte. 

Hieraus wurde nun nichts, ja Konig Wenzel wenigstens 
zeigte eine so bedenkliche Neigung, sich mit Kaiser Konrad 
zu verstiindigen, dais der Legat im August 1240 vom Papste 
verlangte, er solle iiber Bohmen das Interdikt verhiingen 
und den Erzbischof von Gran oder den Bischof von Breslau, 
der also auch in diesen Angelegenheiten eine sehr bestimmt 
ausgesprochene Stellung eingenommen zu haben scheiut, zum 
Vollstrecker erwahlen. 

Auch dies geschah nun nicht, \nelmehr schopfte der 
Legat bald wieder Hoffiiungen, den Konig auf seine Seite 
zu Ziehen , indem er besonders auf die Flirsprache der 
Sch wester des^Konigs und Schwagerin des Herzogs, Agnes, 
der spjiteren Abtissin von Trebnitz, ziihlte, und noch 1241 
versprach er sich von einer Zusammenkunft mit dem Bohmen- 
konig und jenem allerchristlichsten Fiirsten Polens, dem 
Herzoge Heinrich, sehr viel, als die Katastrophe des Mon- 
goleneinfalls auf einmal alle diese Bestrebungen, denen Hein- 
rich jedenfalls sehr kiihl gegeniibergestanden hat, vereitelte. 

Der Mongoleneinfall 1241. 

Man wufste in Schlesien damals kaum etwas von dem 
ungeheuren Reiche, welches vom Jahre 1209 an im Inneren 
Asiens der furchtbare Tschinggischan, der Chan der Chane, 
iiber Triimmern und Leichen errichtet. Vom nordlichen 
China an erstreckte es sich bis nach Indien hin. Aus den 
kriegerischen Reitervolkern der grofsen Steppen tartarischen 



Der Mongoleneinfall. 67 

Stammes hatte er vermocht sich ungeheure Heere von 
Hunderttausenden zu bilden, welclie dann der Schrecken und 
die beutelustige Raubgier zusammenhielt, und denen in Asien 
ein Reich nach dem andern imterlag. Schon 1222 waren 
ihi'e Heerscharen liber die Wolga in Rufsland eiagedrungen, 
batten 1223 an der Kalka (nordlich vom Asowschen Meere) 
die Macht der Russen vernichtet, waren aber, nacbdem sie 
das Land zur Eincide gemacbt, am Dniester umgekehi't und 
heimgezogen. 1227 war Tsehinggiseban gestorben, und unter 
seinem Sobne und iJsacbfolger Ogodai (Oktai) im Jabre 
1237 bracben die Mongolen, gefiiln-t von Batu, einem XefFen 
Tscbinggiscbans , aufs neue in Europa ein, diesmal weiter 
oberbalb die AVolga iiberscbreitend. Sie verwlisteten meb- 
rere Jabre lang Rufsland, wo die unter einander in Hader 
Hegenden Fiirsten sicb zu gemeinsamem Handebi zu ver- 
einen nicbt vennocbten. Nocb bevor dann am 6. Dezember 
1240 auch die Hauptstadt des slidostHcben Rufslands Kiew, 
von den Mongolen erobert, entsetzlicber Zerstorung anbeim 
gefallen war, scbickte sicb ein Haute des ungebeuren Mon- 
golenbeeres, das russiscbe Cbronisten, sicber ilbertreibend, 
auf 600 000 Kampfer obne den Trofs angeben, unter Baidar 
(Peta) an, in Polen einzudringen, da Fiirsten von Kiew bei 
Herzog Konrad von Masowien Zuflucbt gefunden batten. 

Einer dieser Fiirsten, JVlicbael, Hob weiter nacb Scblesien, 
und seine Nicbte oder Enkelin ward ibm vorausreisend in 
der scblesiscben , damals bereits zu deutscbem Recbte aus- 
gesetzten Stadt Neumarkt, wo ibre mitgeliibrten Scbatze die 
Habsucbt von Bosewicbtern erregt batten, ermordet (wobl 
Anfang 1241), ein Ereignis, aus dem dann die Sage sicb 
gebildet hat, die Ermordung einer tatarischen Prinzessin in 
Scblesien babe den Mongoleneinfall herbeigeflihrt. 

Inzwiscben walzte sich der Schwann der Tartaren naber 
auf Scblesien zu. In Polen fand man zu gemeinsamem 
Widerstande nicbt den Mut. Am 13. Februar iiel Sendomir 
in der Mongolen Hande. 

Fiirchterliche Verwlistungen bezeichneten ibren Weg^ 
und vor ihnen her ging der Schrecken. Den abendlandischen 
Volkern erschienen sie mit ibrer abschreckenden Hafslich- 
keit, den schief gescblitzten, tief Hegenden Augen, den her- 
vortretenden Backenknochen , den gekriimmten Beinen und 
dem kein Alter und kein Gescblecht scbonenden Bkitdurste, 
sowie der Wildheit ibrer AngrifFe, gar nicbt mehr als Men- 
schen, sondern wie Damonen, Ausgeburten der Holle (des 
Tartarus, daher Tartaren, wie sie schon von Zeitgenossen 
genannt werden). 

5* 



OS Zweitcs Buch. Zweiter Abschnitt. 

Ziu' Verteidigung gegen sie war das machtige Deutsche 
Reich in keiner Weise geriistet , der unheilvolle Kampf 
zwischen Kaiser- iind Papsttum lahmte hier alles, und An- 
hanger des Papstes bebten selbst nicht vor der toUen Be- 
hauptung ziu'iick, Gesaudte Kaiser Friedrichs II. hatten die 
Mongolen erst zu ihrem Einfalle angereizt. Man wartete 
darauf, von einem papstlichen Legaten gegen den Feind ge- 
fiihrt zu werden, und indessen regte sich keine Hand, um 
die europaische Kultur vor dem Hereinbrechen asiatischer 
Barbaren, um das Aufsenwerk des Reichs, das Neudeutsch- 
land, das hier so hoffnuugsvoll in Schlesien autblilhte, zu 
verteidigen. Auch in Polen und Schlesien sah es mit den 
Yerteidigungsanstalten iibel aus. OfFenbar ware es eigent- 
Uch Sache des Herzogs von Schlesien und Polen, wie er 
sich nennt, Herzog Heinrichs II. gewesen, mit den gesamten 
Kraften seines Landes die alte Ktinigsburg Ki-akau zu ver- 
teidigen; aber sei es, .dafs er mit seinen Riistungen nicht 
schnell genug fertig wurde, sei es, dafs Yerabredungen mit 
seinem Schwager, dem Bohmenkonige , der selbst ein Heer 
sammelte, ihn zuriickliielten, genug, er llberliefs Polen seinem 
Scliicksale und war nicht einmal mit seinen Scharen zur 
Stelle, als es sich darum handelte, den Oderiibergang bei 
Oppeln den Barbaren zu wehren. 

Schon von Sendomir aus, diesseits der Weichsel, hatten 
sich die Mongolen aufs neue geteilt, und wahrend der eine 
Heerhauf'e die grofspolnischen Landschaften von Sieradz, 
Lenczjc und Kujawien verwiistete, ohne ii'gendwo im freien 
Felde Widerstand zu finden, suchte der andere den Weg 
zur Oder. Bei Chmieluik (elf Meilen nordcisthch von Kra- 
kau) vernichtete dieser ein kleines polnisches Heer, das 
sich unter den Palatinen von Ki-akau und Sendomir ent- 
gegenstellte, und verbrannte bald darauf Krakau, wo nur 
die aufserhalb gelegene Andi*easku-che verteidigt und be- 
hauptet wurde. Bei Oppeln machten die oberschlesischen 
Herzoge, die Gebruder Mesko und Wladyslaw, den Uber- 
gang streitig, unterlagen aber der Uberzahl. Weiter wiilzte 
sich nun auf dem linken Oderufer der Schwarm der Mon- 
golen auf Breslau, wo wie in Krakau die Stadt aufgegeben 
und nur die dm-ch den Flufs geschiitzte Burg auf der Dom- 
insel mit Erfolg verteidigt ward. iS^achdem die Einwohner 
aus der eigenthchen Stadt sich gefluchtet, ziindete die Be- 
satzung der Burg jene an, so dafs die Mongolen nur rau- 
chende Triimmer fanden. Deren Zug gmg nun weiter gegen 
Liegnitz. 

Wenn Konig "Wenzels (der allerdings wohl ilber die 



Die Tartarenschlacht bei Wahlstatt. OH 

naheren Umstande dieser Vorgange unterrichtet sein konnte) 
Augabe, dais die Mongolen den Herzog in der Liegnitzer 
Burg belagert batten, ricbtig ist, so wii'd man zu der An- 
nabme gedriiugt, Heim'icb babe, vermutHcb weil es an 
Nabrungsmitteln fur das in Liegnitz versammelte Heer man- 
gelte, seine Scbaren berausgefiibi't und aucb wii'klicb die 
Einscbliefsungslinie der Feinde za durcbbrecben vermocbt, 
sicb aber dann '^ji Meilen siidlicb von Liegnitz bei "Wabl- 
statt den ibm nacbsetzenden Mongolen zum Kanipfe stellen 
miissen. 

Davon dais sein Scbwager, Konig Wenzel, ibm mit 
einem grolseren Heere bis aut' einen Tagemarscb nabe ge- 
wesen sei, wie der letztere in einem Briet'e bebauptet, kann 
der Herzog kaum etwas gewufst baben, sonst wiirde er 
docb seinen Ausfall lieber nacb der Ricbtung bin, wo er 
das bobmiscbe Heer, das ilber Zittau angeriickt sein soli, 
erwarten konnte, gemacbt babeu, statt gerade nacb der ent- 
gegengesetzten Ricbtung. 

Da wo siidlicb von Liegnitz das Terrain erbebUcb an- 
steigt, auf dem Plateau von Wablstatt, ordnete Herzog Hein- 
ricb seine Scbaren zur Scblacbt am 9. April 1241. Er 
batte schwerHcb mebr als eiuige Tausend Bewaffnete iim 
sicb. Daran werden wir festbalten diirfen, wenngleicb in 
Bericbten jener Zeit, welcbe docb eigentlicb nui' die Art, 
wie das Geriicbt die scbreckbcbe Begebenbeit iibertreibend 
gestaltet batte, wiederspiegeln, bobere Zablen uns entgegen- 
treten. Die Heere des jVlittelalters pflegen liberbaupt nicbt 
stark zu sein und erscbeinen von grolserer Bedeutiing nur 
dann, wenn sicb mebrere Fiirsten mit den Aufgeboten ibrer 
Vasallen vereinigten. Einem einzelnen Fiirsten aber, ganz 
auf sicb selbst angewiesen, wie bier Herzog Heinricb war, 
wiirde es sehr schwer gefallen sein, eine grofse Truppenmacbt 
aufzubringen , um so weniger, da er nicbt einmal iiber die 
Krafte seines Landes verfiigte, nacbdem er dasselbe von 
Krakau bis Liegnitz preisgegeben, aus welcben Gebietsteilen 
sicher nur der kleinere Teil der Vasallen sicb bei der Fabne 
eingefunden baben wii'd, wabrend die iibrigen, wofern sie 
sicb im Besitze gut gelegener fester Burgen befanden, auf 
eigene Hand deren Verteidigung versucbt baben mogen. 

Zuzug batte Heinricb aller ^^'abrscbeinbcbkeit vonseiten 
der in Scblesien angesessenen geistlicben Ritterorden, der 
Templer, Jobanniter und der Deutscbordensritter erbalten, 
welcbe letztere bier unter ibrem Landmeister Poppo von 
Osterna focbten. Dais neben den Rittern aucb die deut- 
scben Ansiedler aus Stadt und Land, welcbe ja damals in 



70 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt. 

keinem anderen Tcile Sclilesiens so stark wie in dieser 
Gegend verti'cten waren, zu den Waffen gegriften haben, 
um ihre neueu Herde zu verteidigeu, dart' vorausgesetzt wer- 
den; der Vogt von Lowcnberg, Thomas, wird unter den 
Gefallenen avisdrlicklich genannt. Von den Adeligen, welche 
in der Schlacht mitgekampft haben, wird uns kein Name 
angetuhi't, und Avir haben kein Kecht, ein Gewicht darauf zu 
legen, wenn mehr als 100 Jahre spater ein Geistlicher am 
Liegnitzer Fiirstenhofe, der die Legende der heiligen Iledwig 
und darin auch die Tartarenschlacht zu illustrieren hatte, 
bei dieser Gelegenheit einigen hervorragenden Adelsgeschlech- 
tern seiner Zeit die Aufmerksamkeit erwies, ihre Wappen 
auf die Schilder einiger gegen die Barbaren zum Kampfe an- 
reitender Ritter zu setzen. In der ersten Hjilt'te des 13. Jahr- 
hunderts sind ja liberhaupt Familiennamen , die von einem 
ganzen Geschlechte gefiihrt wurden, noch aufserst selten. 

Offenbar haben slavische und deutsche Ritter hier ver- 
eint gekampft, wenn gleich vorauszusetzen ist, dafs Bewaff- 
nung und Kampfesart im Grunde deutsch waren. 

Was nun die Mongolen anbetriiYt, so dUrfen wir unbe- 
denklich annehmen, dafs, nachdem sich die beiden Heeres- 
haufen Baidars und Kaidans, der aus Grofspolen und der 
von Oppeln hergekommene vereinigt batten, sie dem Heere 
der Christen mehrfach iiberlegen Avaren. Ihre Zahl allzu 
hoch anzunehmen, mufs uns schon die Erwagung hindern, 
dafs dieselben sonst in den doch diinn bevolkerten Land- 
schaften, die sie durchzogen, unmoglich hinreichend Nah- 
rungsmittel zu linden vermocht batten. 

tjber den Verlauf der Schlacht selbst verraogen wir 
nur auf Grund einer vielleicht doch nicht ganz zu ver- 
werfenden Nachricht anzufuhren, dafs die clmstlichen Sti'eiter 
durch eine stinkenden Dampf ausstromende Kriegsmaschine 
der Mongolen in Schrecken gesetzt, als ob hollische Zauber- 
kiinste gegen sie entfesselt wlirden, sich zur Flucht wandten. 
Herzog Heinrich 11. fand im Kampf seinen Tod, mit ihm 
sein Vetter Boleslaw, ein Sohn des verbannten raahrischen 
Prinzen Diepold, des Gemahls einer Schwester Heinrichs I. 
Die Mongolen schnitten dem gefallenen Flirsten das Haupt 
ab und trugen es triumphierend auf einem Spiefse umher. 
Seinen Leichnam vermochte seine Mutter Hedwig mid seine 
Gemahlin Anna, die von Krossen, wohin sie sich gefluchtet, 
herbeikaraen, unter den Leichen, welche die Walstatt be- 
deckten, daran zu erkeunen, dafs er am linken Fufse sechs 
Zehen hatte. 

Die Mongolen wurden ihres Sieges wenig fi-oh. Sie 



Die Tartarenschlaclit bei Wahlstatt. 71 

batten docli in dem Kampfe so schwere Verluste erlitten, 
dafs sie nicht Lust hatten, einem neuen Kampte mit dem 
andern Heere, welches der Bohmenkonig lieranfiihrte, ent- 
gegenzugehen und lieber langst der Berge in der Richtung 
nacli Mahren abzogen. Insoweit hatte Konig Wenzel ja 
vielleicht ein gewisses Recht zu behaupten, die Mongolen 
seien aus Furcht vor ihm umgekehrt^ obvvohl sein sonstiges 
Verhalten und namentlich die Thatsache, dais er naclimals 
sein Land Maliren den Verwiistungen der Feinde vollstandig 
preisgiebt, ohne auch nm- einen Versuch zur Abwehr und 
Befreiung zu machen, nicht eben fur seine Tapferkeit und 
seinen Kampfesmut spricht und uns es vielraehr nahelegt, daran 
zu zweifeln, ob er wirkHch, wie er es behauptet, am 9. April 
seinem Schwager mit seinem Heere so nahe gewesen ist, 
dafs er demselben einen Tag spater sein ganzes Heer hatte 
zufiihi'en konnen. Ein Zweifel dieser Art kann um so be- 
rechtigter erscheinen, als, wie wir bereits bemerkten, das 
Vorgehen Heinrichs von Liegnitz nach Wahlstatt so gar nicht 
danach aussieht, als habe er auf eine nahe Hilfe seines 
Schwagers sich Rechnung gemacht. Li keinem Falle wiirden 
die grimmen Barbaren vor Wenzels Heere sich gefiirchtet 
haben, hatte nicht die Tapferkeit der Schlesier sie ihren 
Sieg vom 9. April so teuer erkaufen lassen, dafs sie einer 
zweiten Schlacht dieser Art sich nicht mehr gewachsen 
glaubten. 

Das Hauptverdienst und den hochsten Ruhm werden 
wir doch immer dem Herzog Heinrich und seiner tapferen 
Schar zuschreiben mlissen , welche hier an den Pforten 
Deutschlands im offenen Felde den barbarischen Feinden 
tapfer die Stirne boten. Wir haben voUen Grrund, ihrer mit 
demselben Gefiihle zu gedenken, das wir den Streitern der 
Thermopylen zoUen. Die Schlacht bei Wahlstatt war die 
Bluttaufe der jungen deutschen Pflanzung hier im Osten, 
ein erstes ruhravoUes Blatt ihrer Gescliichte. 

Den Riickweg, den die Mongolen genommen, vermogen 
wir mit einem hoheren Grade von Wahrscheinlichkeit an- 
zugeben: iiber Jauer, Striegau, Schweidnitz, Nimptsch, Hein- 
richau, offenbar immer am Fufse des Gebirges bin. Das 
ansehnUche Cistercienser stilt in Heinrichau ward vollstandig 
verwiistet und niedergebrannt. Wenn sie anfanglich, wie 
es scheint, schneller vorwarts gegangen sind^ als ob sie eine 
Verfolgung fiirchteten, so rasteten sie dann, als sie bei Ott- 
machau die Neifse erreicht und wahrscheinlich auch iiber- 
schritten batten, hier um so langer, voile zwei Wochen, 
versuchten auch in dieser Zeit einen Streifzug gegen Glatz, 



72 Zweites Buch. Dritter Abschiiitt. 

doch erfolglos, da sie die Engpilsse gesperi't ixiid wohl ver- 
teidigt fauden. An Neifse vorbei haben sie dann die grofse 
Stralse zwischen Schlesien iind I\Iahren iiber Jiigerndorl" und 
Troppau (aus welcher Gegend wir urkundliche Zeugnisse 
iiber die von ilinen augerichteten Verwiistungen haben) er- 
reicht und etwa zwischen dcm 4. und 6. Mai die nijihrische 
Grenze iiberschritten, avo dann ihre weiteren Schicksale nicht 
niehr der schlesischen Geschichte angehoi'en. 



Dritter Abschnitt. 

Die Sohne Heinriclis II. Neugruuclung Breslaiis. 

Briiderzwiste. Soiiderstelliiiig des Bistums Breslau. 

Fortschritte der Oermanisation. 



Herzog Heinrich II. von Schlesien, der 1241 bei Wahl- 
statt liel , hinterliefs neben fiinf Tochtern fiinf Sohne : Bo- 
leslaw, Mesko^ Heinrich, Konrad, Wladyslaw, Avelche jedoch 
samtlich beim Tode des Vaters noch unmiindig waren, so 
dafs ihre Mutter, Herzogin Anna, zunachst die Vorniund- 
schaft zu fiihren hatte, bis nach einem Jahre, also 1242, 
die JMiindigsprechung Boleslaws es diesem gestattete, zugleich 
im Namen seiner Briider die Regierung zu iibernehmen, von 
denen der Alteste Mesko auf dena Schlosse Lebus, das ihm 
bereits der Vater, wie es scheint, ziim Aufenthalte angewiesen 
hatte, vermutlich kiirz nach diesem starb. 

Wenn es einst Heinrich dera Bartigen schAver genug ge- 
worden war, das grofse Landgebiet zusammenzubringen, das 
er seinem Sohne hinterhefs, so Avar es dann \delleicht noch 
schwerer, es zusammenzuhalten. Je Ijinger je niehr machte 
sich doch der Gegensatz zAvischeu Polen und Deutschland 
geltend und entfremdete dem Herrscher namentlich in den 
altpolnischen Landesteilen die Herzen der Adeligen, deren 
Unzufriedenheit dann mifsgiinstige Nachbarn Avohl zu be- 
nutzen Avulsten, vielfach noch durch die Geistlichkeit unter- 
stiitzt. 

Fiir die Aufgabe, unter solchen Umstiinden das Erworbene 
zusammenzuhalten, hatte es eines ganzen Mannes bedurft, 
eines Herrschers, der mit Ernst und Streuge die AVider- 



Abfall der poluischcn Laudschaften. 73 

strebenclen sich zu unterwerfen, anderseits aber durch eine 
weise abwagende Politik die Gegensatze zu mildern ver- 
mocht hatte. Wie liatte solcher Aufgabe der junge Herzog 
Boleslaw sich gewachsen zeigen konnen; ein unbesonnener 
Jiiugling, keck dareinfahrend und gedankenlos in Lieb' und 
Hafs, im Geben und Versagen den Impulsen seines Wesens 
oder auch seinen wechselnden Stimmungen folgend? Das 
Keich Heiurichs I. zerbrockelte in seiner Hand. 

Am friihesten scheint das Krakauer Gebiet abgefallen 
zu sein, von weichein sogleich, nachdem die Tartarenflut ver- 
laufen war, der alte Konrad von JMasowien Besitz nahm. 
Und wenn diesem nun auch wiederum Boleslaw von Sendomir 
den Raub abjagte, so hatte davon der schlesische Herzog 
keinen Vorteil. 

Bald folgte auch der Abfall der Landesteile, die zu der 
heutigen Provinz Posen gehorten. 

Allerdings gab es docli auch eine Partei unter dem 
grofspolnischen Adel, welche die Riickfuhrung Boleslaws be- 
trieb, und auf diese Verbindungen sich verlassend, unter- 
nahm dann Boleslaw im Friihling 1248 einen Zug nach 
Grofspolen; aber die Verschworung Avard entdeckt und mit 
[Strenge unterdrilckt. Dagegen gelang es Boleslaw damals^ 
den einen der grofspolnischen Herzoge, Premyslaw, durch 
Verschwagerung sich naher zu verbinden, indem er ihm 
seine Schwester Elisabeth, welche er zu diesem Zwecke 
nicht ohne Gewaltsamkeit aus dem Kloster Trebnitz ent- 
fuhrte, zur Gemahhn gab. Infolge davon bahnte sich nua 
doch ein freundlicheres Verhaltnis zwischen den Schwagern 
an, und Boleslaw ward mit einem Streifen Landes im 
Nordwesten bis zum Ober und den drei Schlossern Zan- 
toch, Meseritz und Bentschen abgefunden, ohne dafs er je- 
doch diesen Landteil auf die Dauer zu behaupten vermocht 
hatte. 

Dagegen trat ihm sein oberschlesischer Vetter Wlady- 
slaw, der bis zum Tode seines Bruders Mesko von Oppeln, 
(1246) anscheinend in Gemeinschaft mit seiner Mutter iiber 
Kahsch und Ruda geherrscht hatte, als er nun in Oppeln 
succedierte, Kalisch ab, und Boleslaw behielt sich, als er 
1248 Mittelschlesien Heinrich ilberliefs, Kalisch noch vor^ 
schon weil er den Titel eines Herzogs von Polen noch 
weiter zu fiihren entschlossen war, und noch unter dem 28. Ja- 
nuar 1249 verpflichtet er sich dem Bischofe Thomas gegen- 
iiber, die verbrannte Kirche zu Kalisch wiederherstellen zu 
lassen; aber kurze Zeit darauf benutzten die polnischen 
Adeligen die inneren Zerwurfnisse der schlesischen Herzoge^ 



74 Zweites Bucli. Dritter Abschuitt. 

una jenes Schlofs den polnischen Fiirsten in die Hande zii 
spielen, und am 20. April 1249 vermag der grolspolnische 
Herzog Boleslaw bereits in Kalisch eine Urkunde auszii- 
stellen. Man wird schwerlich irren, wenn man annimmt, 
dafs von 1251 an^ wo die Bezeichnimg Herzog von Polen 
aus dem Titel der mittelschlesischen Fiirsten verschwiudet, 
auch die letzten Reste grofspolnischen Besitzes ihnen ab- 
handen gekommen sind. 

Von dem Lebuser Lande hatte Boleslaw unmittelbar 
nach des Vaters Tode den grofsten Teil dem erzbischof- 
lichen Stuhle von Magdeburg, dessen Inhaber ja nach dieser 
Seite bin alte Anspriiclie festhielten , verpfandet oder ver- 
aufsert und nur sich noch die Burg Lebus selbst vorbe- 
halten, welche aber nach der Teilung (1249) auch dem 
iibrigen nachfolgte. Als dann infolge der Bruderzwiste, von 
denen wir noch zu sprechen haben werden, auch die Lau- 
sitzer Besitzungen verloren gingen, war schliefslich das 
grofse Reich der beiden Heinriche bis auf Nieder- und 
Mittelschlesien zusammengeschmolzen. 

Eine energischere Haltung zeigt in jener Zeit der ober- 
schlesische Herzogsstamm. Nicht nur, dafs sich hier der 
jiingere Bruder Wladyslaw in dem Besitze von Ruda be- 
hauptet, auch der altere, Mesko, vermag es im Bunde mit 
seinem Schwiegervater , dem alten Konrad von Masowien, 
seine Grenzen von Beuthen und Siewierz aus ins Krakauische 
vorzuschieben und wenigstens eine der Grenzburgen, die er 
hier anlegte, bis an seinen Tod festzuhalten. 



Neugriindung Breslaus. 

Auch im Innern begann die Regierung Boleslaws nicht 
«ben giinstig. Wohl mochte nach der entsetzUchen Ver- 
wiistung des Landes durcli die Mongolen die Heranziehung 
neuer Kolonisten doppelt erwiinscht erscheinen, aber auch 
die fremden Ansiedler verlangten doch in dem neuen Vater- 
lande, das sich ihnen ofFnen sollte, einigermafsen geordnete 
sichere Zustande, und solche fanden sich hier nicht. Die 
Gesetzlosigkeit, die damals einrifs, schildert ein Zeitgenosse, 
ein Monch aus Heinrichau, mit kurzen aber beredten 
Worten: nach dem Falle des erlauchten Herzogs herrschten 
in diesem Lande die Ritter, und ein jeder rifs an sich, was 
ihm von den Erbgiitern des Herzogs gefiel. 

Die Regentin Herzogin Amia, deren religioser Eifer seit 
dem Tode des Gemahls niu- noch gewachsen v/ar, ging ganz 
auf in Schopfungen frommer Werke, geistlicher Stiftungen, 



Neugriindung Breslaus. 75 

bei denen wir sie dann noch einer gewissen Vorliebe fiir 
ihre bohmischen Landsleute folgen sehen. So veranlafste 
sie die Giiindung eines Klosters in Griifsau fiir Benediktiuer 
aus Opatowitz, so beschenkt sie die schon im 12. Jahr- 
hundert hier angesiedelten Johanniter in ihrer Komturei 
Striegau, so macht sie aus dem grofsten Teil der in Breslau 
am linken Oderufer sich hinziehenden herzoglichen Grund- 
stiicke geistliche Stiftungen. Auf dem westlichsten Teile 
dieser Grundstiicke errichtet sie, einen Gedanken ihres ver- 
storbenen Gatten ausfiihrend, ein grofses der heiligen Elisa- 
beth geweihtes Hospital, das dann den aus Prag hervor- 
gerufenen Kreuzlierren mit dem roten Sterne iibergeben 
wird; seine Antange reichen wahrscheinlich bereits bis auf 
das Jahr 1242 zuriick. 

Ostlich an diese Griindung stiefs dann das Minoriteu- 
kloster zu St. Jakob, dessen Bau bereits Heinrich II. etwa 
um 1240 begonnen hatte, das aber dann 1241 bei dem 
Mongolenbrande in Flammen aufging. Als diese Monche, 
wie wir gleich zu erzahlen haben werden, anderweitig unter- 
gebracht wurden, grilndet an dieser Stelle Herzogin Anna 
nachmals (1287) ein Kloster der gleicht'alls aus Prag her- 
berufenen Klarisserinnen , denen sie dann auch noch ihre 
eigene anstofsende Kurie schenkte, das spatere Ursulinerinnen- 
kloster. Die drei Kirchen mit ihren Tiirmen unmittelbar 
neben einander auf diesem Platze zeugen noch heute von 
der frommen Herzogin Anna. 

An die Stiftung des Jakobsklosters schliefst sich dann in 
bedeutsamer Weise die Neugriindung Breslaus zu deutschem 
Rechte. Die Zellen der Minoriten waren bei dem Mon- 
golenbrande ein Opfer der Flammen geworden, imd der 
Wunsch der Herzogin, ihren Schiitzlingen ein neues Obdach 
zu verschaffen, gab nun der deutschen Gemeinde in Breslau 
und deren Hauptern Gelegenheit, mit einem Vorschlage her- 
vorzutreten, der Breslau erst wirklich zu einer deutschen 
Stadt machte. Die deutschen Kaufleute zeigten sich bereit, 
ihr an das Minoritenkloster anstofsendes massives Kaufhaus, 
das eben wegen seiner festeren Bauart dem Brande von 
1241 widerstanden hatte, der Herzogin zu iiberlassen, wenn 
diese dafiir eine Neugriindung der Stadt zu deutschem 
Rechte zuliefse. Infolge des Vertrages, der dann mit Herzog 
Boleslaw abgeschlossen wurde, ward nun die neue Stadt, 
die zu deutschem Rechte ausgesetzt werden soUte, abgesteckt, 
wahrscheinlich in dem Umtange, den der Lauf der heute zu- 
geschiitteten Ohlau angiebt, an deren Stelle bereits damals 
ein Graben die Umfriedung; bezeichnete. 



76 Zweuos Bucb. Dritter Abschiiitt. 

Allerdings gehorte keinesAvegs das ganze Gebiet zwischen 
Oder, Uhlau und dem gedachten Graben der ueueu Griin- 
dung. Aucli hier war, wie wir das ja auch sonst als Sitte 
der deutschen Stadtaussetzungen bezeichneten, der Ring die 
Hauptsaclie, und er ward in der That in einem hii:ireichend 
grofsen Mafsstabe abgesteckt, um fiir eine ansehnliche Zahl 
von Burgern Wobnungen zu gewahren. 

Besonders merkwiirdig ist es nun aber, dafs sicb an 
diesen grofsen Platz noch ein zweiter kleinerer anschlofs, 
der Salzring, den man richtiger als polnischen King be- 
zeiehnet haben wiirde, denn er hatte von vornherein die Be- 
stimniung: die polnischen Fuhrleute, die ja vorzugsweise das 
Salz der WieHczkaer Gegend hierher brachten, um dann 
als Riickfracht mancherlei Waren des Westens zu empfangen, 
zu beherbergen. Die Scheidung der beiden Nationalitiiten 
erhielt hier einen eharakteristischen monumentalen Avisdruck: 
ein des Abends geschlossenes Tlior resp. Gitter liefs Avenig- 
stens in spaterer Zeit die Trennung des deutschen von dem 
polnischen Marktplatze noch schitrfer hervortreten. 

So wie im Slldwesten erscheint nun auch an der nord- 
westlichen Ecke des Ringes ein weiterer Platz von vorn- 
herein ausgespart und abgesteckt, namhch nach der herge- 
brachten iSitte fiir die Kirche der neuen Stadt, die sich 
dann auch einige Jahre spater hier erhoben hat, der erst 
kurz vorher kanonisierten deutschen Heiligen, Elisabeth, ge- 
weiht, errichtet (etwa um 1245) walu'scheinlich von Herzog 
Boleslaw und mit einigen Zehnten von dem Bischofe ausge- 
stattet. Diese Kirche ward jedoch nicht lange nach ihrer 
Grilndung (vielleicht um 1248) dem Elisabethhospitale ge- 
schenkt, dessen Verwalter, die Kreuzherren mit dem roten 
Stern , dann hier den Gottesdienst zu versehen batten. 
Hinter diesen beiden Platzen ist dann ofFenbar schon die 
Grenze der neuen Grilndung gewesen, die also, wie das 
nach dem friiher AngefLllu'ten bei den deutschen Stiidte- 
anlagen die Regel war, aufser dem Riuge nur noch die 
nilchste ParallelstraTse umfafste, nui* im Westen etwas Aveiter 
ausbiegend. Hinter dem Elisabethkirchhofe lageu dem Herzog 
gehorige Fleischbiluke , deren Hereinziehung in die neue 
Stadt Schwierigkeiten machte, da die Deutschen durchaus 
die Ablosung eines daraiif haftenden, dem Kloster Trebnitz 
geschenkten Zinses A^erlangten, wozu sich dann der Herzog 
audi A'erstand. 

Man Aviirde also vielleicht sagen konnen, die deutschen 
Kaufleute erhielten an Stelle ihres abgetretenen Kaufhauses 
einen neuen grofsen Kaufhof in Gestalt des Ringes nebst 



Neugrunduug Breslavis. 77 

Hinterhauseru unci Hintergassen , dazu dann noch einen 
zweiten Platz filr die polnischen Fulirleute und in liblicher 
Weise einen di'itten flir eine Stadtkirche. Auf dem Ringe 
erhob sich natiirlich sogleich das Rathaus (noch nicht das 
jetzige) tind um dasselbe grofse Reihen der Verkaufsstatten, 
von denen der Herzog einen Zins heischte. Der landes- 
herrliche Kommissar der Austhuung, der Erbvogt Heinrieh, 
hat in diesem Falle vornehmlich durch Besitzungen aufser- 
halb der Stadt seinen Lohn erhalten. Ira ilbrigen erscheint 
die von der Stadt an den Herzog zu entrichtende Steuer 
(Geschofs, exactio) ein- fiir allemal festgesetzt in der Hohe 
von 400 Mark, also gerade das Doppelte dessen, was vor 
der Aiissetzung zu deutschem Rechte das Kaufhaus der 
Deutschen allein zu zahlen gehabt hatte. 

Es war im Grunde eben eine Aussetzung zu deutschem 
Rechte, wie so viele andere in Schlesien, doch hatte sie 
etwas wesentlich Abweichendes infolge dessen, dafs hier in 
dem umfriedeten Raume zwischen der Oder im Norden, der 
Ohlau im Osten und dem Grenzgraben der neuen Stadt im 
Silden und Westen, doch noch mancherlei mit enthalten 
war, was eben nicht zur Neugrlindung gehorte. 

So im Sildosten die alten Niederlassungen liingst des 
damaligen Ohlaulaufes von der Sandbrlicke bis zur Adalbert- 
kirche und so auch im Norden an der Oder das eximierte 
herzogliche Gebiet, dessen Kurien ja damals nacli und nach 
ganz in geistliche Stiftungen aufgingen, das aber auch Woh- 
nungen von Rittern und Hofbedienten enthielt, auch die 
Hauser der unter besonderem herzoglichen Schutze stehenden 
Juden, die uns schon im Anfange des 13. Jahi'hunderts und 
zwar als Grundbesitzer urkundlich begegnen. NatiirHch 
fixhrte die naturgemafse Entwickelung der Stadt allmahlich 
zur Einverleibung aller dieser Gebiete. 

Im Nordwesten zunachst der Oder lag jenseits des Grenz- 
grabens der neuen Stadt (also an der Stelle des heutigen 
Bm'gfeldes) eine kleiue Ansiedelung der herzoglichen Falk- 
ner, deren jeder eine Hiitte mit einem Ackerstilck hatte 
(Sokolnici d. h. Falknerdort genannt). Westlich stiefs daran 
an der Stelle der heutigen Nikolaivorstadt das Dorf Stepin 
(der Name Tschepine hat sich noch lange erhalten) um die 
uralte, schon 1175 genannte Nikolaikirche , ein Besitztum 
des Klosters Leubus, das aber bereits kurz nach dem Re- 
gierungsantritte Heinrichs I. von diesem nach anderweitiger 
Entschadigung des Klosters erworben wurde. Zu diesem Dorfe, 
das die Leubuser Monche jedenfalls mit Deutschen besiedelt 
hatten, gehorten neben einer kleineren Zahl von Ackerhufen 



^ Zweites Buch. Drittei* xVbschnitt. 

(etwa 8^) eine grofsere Flilche von Weideliindereien, bis an 
Pcipelwitz und die alte Grenzsaule der Hahnenkrahe sich 
erstreckend. Nachdem dann 1241 bei dem Mougoleneinfalle 
auch diese Ansiedelung von Grund aus verwiistet worden 
war, sind vielleiclit die Einwohner mit in die neue deutsche 
Stadt Breslau aufgenommen worden; wenigstens erfahren 
wir, dais die ackerbaren Hufen der Tschepine dem damals 
gegrilndeten Klarenstifte geschenkt wurden, wiihrend jene 
Wiesenflachen an der Oder als Weideplatze der neuen Stadt 
iiberwiesen wiu'den. 

Jedenfalls batten die Deutscben bei der Neugrlindung 
der Stadt ihren Vorteil wahrzunehmen gewufst, so dafs nacb- 
mals, wie wir noch zu erwahnen baben werden , Boleslaws 
Nacbfolger Ursuche hatte dariiber zu zilrnen. 

Bruderzwiste. 

Es war nicbt eben schwer gewesen , Boleslaw zu uber- 
vorteilen. Er war zu gedankenlos, um karg sein zu konnen. 
Die Staatsgescbafte batten wenig Interesse fiir ibn; sein 
Sinn stand nacb allerlei Kurzweil, ritterbeben Ubungen und 
Lustbarkeiten, und es konnte da wobl, wie ein alter Kloster- 
bruder bericbtet, vielerlei jetzt vorkommen, was unter den 
alten rubmreichen Hei'zogen unerbort gewesen sein wiirde. 
Recbt cbarakteristiscb ist fiir ibn folgender Zug. Im Jabre 
1243 geliistete es ibm, am Tage des Apostels IVIattbias in 
Lowenberg ein Turnier zu veranstalten ; da erklarten ibm 
die Ritter, es sei gegen ibr Gewissen, an einem Feiertage 
Lanzen zu brecben, wofern er nicbt durcb ein besonderes 
Gescbenk an die Kircbe sieb gleicbsam Dispens erwirke, 
und der scblaue Albert mit dem Barte, der selbst audi 
seinen Vorteil in dieser Zeit wabrzunebmen verstanden batte, 
erwirkte nun aucb wirklicb unter dieser Firnia das Gescbenk 
eines Landgutes an Kloster Heinricbau. Bei der iiblen 
Wirtscbaft des Herzogs kam es bald so weit, dafs einige 
Bitter ibn unter dem Vorgeben, sie mlifsten das Interesse 
seines damals nocb unmiindigen Bruders Heinricb wabren^ 
gefangen setzten und eine Zeit lang festbielten. 

Vielleiclit durcb die Unzufriedenbeit der Vasallen ge- 
drangt, uimrat dann Boleslaw vom Herl)ste 1247 an seinen 
Bruder Heinricb zum Mitregenten an, und im folgenden 
Jabi'e erfolgt nun unter Vermittelung des Biscbofs Tbonias 
eine Teiluug der Lande. Diese batte ibre Hauptscbwierig- 
keit darin, dafs aufser dem genannten Briiderpaare nocb 
zwei jiingere^ Konrad und Wladyslaw, zu versorgen waren^ 



Zwiste uuter den Sohnen Heinrichs II. 79" 

wahrend das ohnehin bereits so arg zusammengeschmolzene 
Landgebiet eine allzu weitgehende Zersplitterung kaum noch 
zu vertragen schien. Man hatte zu dem Aviskunftsmittel 
gegriffen, die beiden jiiugeren Soline fur den geistlichen 
Stand zu bestimmen, und Konrad befand sich damals be- 
reits auf der Pariser Hochschule, um dort seine Studien zu 
machen, war auch schon durcli die Wahl des Kapitels auf den 
bischoflichen Stuhl von Passau berufen worden. Boleslaw 
und Heinrich erhielten nun jeder einen der Jiingeren auf 
seinen Anteil als Gefahrten mit, um sich mit diesem giitlich 
wegen der Abfindungssumme auseinanderzusetzen , und 
unter _der allgemeinen Bestimmung, dafs, falls einer der bei- 
den Alteren stilrbe, in dessen Anteil dann nur eben der' 
ilim gepaarte Jiingere nachzufolgen das Recht liaben soUte. 
Boleslaw als der Altere erwahlte nun als Gefahrten Konrad, 
der ihm fiir sein Verbleiben im geistlichen Staude bereits 
eine gewisse Sicherheit zu bieten scheinen mochte, und als 
Landanteil Mittelschlesien (also etwa das Gebiet des heu- 
tigen Regierungsbezu'kes Breslau). Indessen reute ihn schon 
bei der Ubergabe von Liegnitz die getroffene Wahl, und 
er driingte den Bruder zum Tausche; so dafs er nun 
Liegnitz und Glogau (uebst Sagan, Jauer, Wohlau etc.)' 
erhielt. 

Doch bald, und zwar wahrscheinlich noch im Jahre 1248, 
beginnt er wieder Handel mit dem Bruder, und mit einer 
Schar von Rittern, die er durch Preisgebung herzoglicher 
Rechte gewoimen, sucht er diesen zu bedrangen. Schwer 
wird das Gebiet von Neumarkt verwiistet und die Stadt 
selbst eingeaschertj so dafs in der Kirche resp. auf dem 
Kirchhofe des Ortes an 500 Menschen in den Flammen 
umgekommen sein sollen. Die Stadt Breslau ward zu dreien 
Malen belagert; die Burger aber, welche den wilden Herzog 
trotz all seiner Freigebigkeit nicht liebten, wehrten tapfer 
alle Angriffe ab. Der Kampf dauerte dann noch das ganze 
Jahr 1249 fort, und beide Teile suchten dabei die Hilfe 
fremder Fiirsten. Boleslaw trat jetzt, um Geld zu erlangen, 
von Schlofs und Land Lebus dem Erzbischofe von Magde- 
burg die eine Halfte ganz ab und nahm die andere von 
demselben zu Lehen, ixnd Heinrich HI. suchte gleichzeitig 
den Markgrafen von Meiisen, Heinrich den Erlauchten, zum 
Kriege gegen Boleslaw dadurch zu bewegen, dafs er ihm 
fur diesen Fall entweder das Land Krossen oder einen 
Landstrich zwischen Bober und Queifs zusagte. Dazu ist 
es nun dann doch nicht gekommen; nur das Schlofs 
Schiedlo, von welchem gleichfalls in dieser Urkunde die Rede 



80 Zweitcs Buch. Dritter Abschnitt. 

ist, scheint Heinrich rlei* Erlauchte danials an sich gebraclit 
zu haben. 

Inzwisclien war nun audi der dritte dei* Brildcr, Konrad, 
nach Schlesien zuriickgekehrt und hatte im Jahre 1249 niit 
dem Titel eines erwiihlten Bischofs von Passau an Boleslaws 
-Seite an der Regierung des Landes teilgenomraen , dock 
bald hatte sich das Verhaltnis zu deni letzteren getriibt, 
namentlich seit Konrad den Wunsch jiufserte, dem geist- 
liehen Stande zu entsagen und ein Stilck Landes aus dem 
vaterlichen Erbe zu selbstandiger Herrschaft iiberwiesen zu 
erhalten. Dieser Wunsch fand bei Boleslaw den heftigsten 
Widerspruch, ja Konrad glaubte, seitdem diese seine Absicht 
laut geworden sei, nicht mehr seines Lebens oder wenigstens 
seiner Freiheit sicher zu sein, und da auch Heinrich III. 
ihm jeden Beistand versagte, entwich er 1250 zu Herzog 
Premyslaw von Grrofspolen, der ihn als Werkzeug weiterer 
ehrgeiziger Plane gern aufnahm. 

Der friedliebende Heinrich mochte mit schwerer Be- 
kiimmernis den neuen Karapfen entgegensehen, die sich hier 
vorbcreiteten. Wohl liels er sich Boleslaw gegenilber zur 
Verstitndigung bereit finden und sohnte diesen sogar mit 
Bischof Thomas aus (l250), aber dariiber, dafs auch er 
in die Streitsache der Briider verwickelt werden wurde, 
durfte er sich um so Aveniger tauschen, als Boleslaw wieder- 
holt die Uberzeugung aussprach, dafs, wenn Konrads An- 
sprllche befriedigt Averden soUten, auch Heinrich zu seiner 
Ablindung beisteuern milfste, wogegen dieser einwendete, 
dafs er ja mit dem ihm speziell zugewiesenen Bruder Wlady- 
slaw in bestera Einvernehmen lebe und mit den Zwistig- 
keiten des andern Briiderpaares nichts zu thun habe. 

Er kam auf den Gedanken, zur Entscheidung dieser 
Streitigkeiten die Vermittolung eines miichtigen Nachbar- 
filrsten, des ihm ja als Oheim nahestehenden Bohmenkonigs 
Wenzel I. zu erbitten, und reiste im Sommer 1251 nach 
Prag, mufste aber dort bald inne werden, dafs Wenzel, da- 
mals vollauf mit dem grolsen Gedanken der Erwerbuug von 
Osterreich beschaftigt, keine Lust hatte, sich in die schlesi- 
schen Handel zu mischen. 

Inzwischen hatte nun Boleslaws unbesonnene Art in 
seinem Lande Zustande vollster Gesetzlosigkeit herbeigefiihrt. 
Die Ritter, die ihm bei seinem Feldzuge 1249 beigestanden, 
spotteten jetzt seiner Macht, pliinderten die Kaufleute und 
erfilllten das Land rait Schrecken und Verwlistung. Mit 
dem Herzoge kam es schliefslich so weit, dafs er zeitweise 
flilchtig umherirrte, zuweilen selbst eines Rosses entbehrend, 



Bruderzwiste, 81 

auf die Gesellschaft eines ihm treu anhangenden fahrenden 
Mamies, eines Fiedlers Surriauus, besclirankt. 

Herzog Heiurich mufste liier endlich selbst einschreiten, 
und nachdem er einige Burgen der scblimmsten Raubritter 
gebrochen, gelang es ibra, den Brnder in sein Liegnitzer 
Herzogtum zuruckzufiibren. Inzwiscben batte aber nun 
aucb Konrad, von dera pobiiscben Herzoge unterstiitzt, 1251 
den Kampf ura sein Erbe begonnen, sicb in Beutben a. O. 
festgesetzt und nocb vor Ende des Jabres das ganze Land 
auf dem recbten Oderufer bis an die Grenzen des Breslauer 
Herzogtums fiir sicb gewonnen, einscbbefsbcb Glogaus. Der 
polniscb gesinnte Teil des Adels fiel ibm iiberall zu und 
spielte ibm dann aucb das Krossener Scblofs in die Hande. 

Am 26. Dezember umgiirtete Prerayslaw seiuen Scblitz- 
Hng feierbcb in der Kircbe zu Posen in Gegenwart des 
dortigen Biscbofs mit dem Ritterscbwerte und gab ibm aucb 
seine Scbwester Salome zvtr Gemablin. 

Es scbien nun, als sollte auf Grundlage dieses tbatsacb- 
licben Besitzstandes ein freundlicbes Verbaltnis zvviscben den 
Briidern sicb berausbilden, schon weil Boleslaw docb eiumal 
nicbt die Macbt batte, Konrad aus seinem neuen Besitze zu 
verdrangen. Im Oktober 1252 werden Nonnen aus Treb- 
nitz feierbcb in dem grofspolniscben Kloster Owinsk ein- 
gefubrt, und neben der Abtissin beteiligt sicb an der Feier- 
licbkeit aucb eine Tocbter Heinricbs II., die in Trebnitz 
den Scbleier genommen, die grofspolniscben Fiirsten be- 
scbenken Trebnitz und Heinricbau, und die alte Herzogin 
Anna bat die Freude (Februar 1253), zu der Dotierung 
des grofsen Elisabethbospitals , welcbes sie in Ausfiibrung 
eines bereits von ibrem Gemable gefafsten Vorsatzes in 
Breslau gegrlindet batte, alle ihre vier Sobne einraiitig ibre 
Zustimmung geben zu seben, und wir erfabren aucb von 
einer Zusammenkunft der Briider in der Hospitalkircbe A'on 
Neumarkt in jener Zeit. 

Aber bald triibte sicb wieder der Ilimmel, obne dafs 
wir die besonderen Griinde zu erkennen vermocbten. Im 
September 1253 fallen Kriegsbaufen der grofspolniscben 
Herzoge mit den Truppen Konrads vereint in das Land 
Herzog Heinricbs ein mid verwilsten die Gegend um Zirk- 
witz und Trebnitz bis zur Weide bin, ja ein Haufe wagt 
es sogar, die Oder zu uberscbreiten und 1^ Meilen vor den 
Tboren Breslaus das Stiidtcben Lissa zu brandscbatzen. Als 
Heinricb ibnen entgegentritt, wird er selbst gefangen ge- 
nommen und von Konrad nacb Glogau gebracbt. Er mufste 
Geiseln stellen und Losegeld zablen, vor allem aber an- 

Grunhagen, Gesch. Schlesiens. I. 6 



H2 Zweites Buch. Dritter Absclmitt. 

scheineud unter Vermittelung des Bischol's Thomas die Herr- 
scbai't seines Bruders Konrad iiber die Herzop;tunier Glogau 
iind Wolilau ancrkennen , deren Grenzcn jetzt (Dezember 
1253) niiher festgesetzt wiirdeu. 

Dock vermoehte diese Verstandigung nicht zu verhindern, 
dais Herzog Prerayslaw, als Heinrich sicli weigerte, fur eineu 
seiner angeseliensten Ritter, den Burggralen von Ritschen, 
Mrozko, welchen der Polenfurst gelangeu gencjmmen liatto, 
das sehr liochgegriifene Losegekl von 500 ^lark zu zalilen, 
einen neuen Einfall (wahrscheinlich im Januar J 254) unter- 
nalnn, bei welchem er die Stadt Ols auspliinderte. Infolge 
davon schritt dann der danials in Schlesien anwesende 
papstliche Legat Opizo ein uud verbilngte am 14. Mjirz 
itber Premyskxw und seine Lande das Interdikt, das er^ 
mit Ende des Monats infolge geleisteter Genugthuung wieder 
aufgehoben ward. Zur Aufbringung eines Losegeldes f'ilr den 
Gefangenen und zugleicb zur Fassung von Beschliissen behufs 
Erriclitung einiger fester Schlosser zur Abwehr almliclier 
Einfalle hielt Heinrich Anfang Juni 1254 eine Versammlung 
seiner Ritter in Breslau ab , zu welcher dann doch audi 
Konrad seinen Kanzler Rambold mit dem herzoglichen Siegel 
ausgeriistet hinschickte, ein BcAveis des fortdauernden guten 
Einvernehmens zAvischen den Brlidern. Als Kimig Ottokar 
von Bohmen, auf seinem Kreuzzuge nach dem Preufsenlande 
begriffen, das Weihnachtsfest 1254 in Breslau feiert, sind 
die Brilder alle um ihn versammelt, und noch weiter im Jahre 
1255 linden Avir die drei alteren Briider zu gemeinsamen 
Rechtsakten vereinigt; doch noch in demselben Jahre schei- 
nen Heinrich und Koni'ad sich gedrungen gesehen zu haben, 
ihren Bruder Boleslaw, dem schon die Zeitgenossen den Bei- 
namen des Wilden gaben, eine Zeit lang gefangen zu halten, 
Avahrscheinlich um ihn zur Erfiillung ilbernommener Ver- 
pllichtungen zu vermogen. 



Die erste Sonderung Schlesiens von Polen in kirchlichen 

Dingen. 

Wenige Jahre spater geriet Boleslaw durch eine Gewalt- 
that an Bischoi Thomas I. in neue scliAvere Verwickelungen, 
Avelche dann bald auch die Bruder in Mitleidenschaft zogen. 

Es ist bei anderer Gelegenheit von uns ausgefuhrt wor- 
den, wie die Frage nach der Natur und Hohe des der 
Kirche zu entrichtenden Zehntens viell'ache Zwistigkeiten 
mit der Geistlichkeit hervorrief. Je weiter nun die An- 
legung neuer deutscher Ortschaften fortschritt, desto mehr 






Zehntstreitigkeiteii. Peterspfennig. 83 

Helen die Abgaben derselben ins Gewicht, und desto Aveniger 
zeigte sich die Geistlichkeit geneigt, sicli mit dera nnter 
Heinrich I. getroffenen Abkommen, welches den Zehnten 
von der Hufe auf einen Malter Getreides oder den vierten 
Teil einer damaligen Mark Geldes festgesetzt hatte, zu be- 
gniigen, und die papstliche Kurie trat nun auch fur er- 
weiterte Ansprllche mit allem Eifer ein. 

In den Satzungen einer feierlichen Synode der Gnesener 
Kirchenprovinz, welche am 10. Oktober 1248 der papstliche 
Legat Jakob, Archidiakon von Liittich, zu Breslau abhielt, 
ward es als Gewohnheit des Landes (namlich Polens) hin- 
gestellt, dafs bei der Ernte die Feldfriichte nicht eher ein- 
gefuhrt werden diirften, bis der der Kirche gebuhrende 
Zehnten (also der voile Garbenzehnteu) zu allererst entrichtet 
sei, und jene erwahnte Ablosung des Zehntens als prinzipiell 
unzulassig bezeichnet. Ja indem hier auch gegen die Be- 
freiung je der sechsten Hufe geeifert ward, griff man in ge- 
wisser Weise die eingebiirgerten Formen der Ansetzung 
deutscher Kolonisten an und erregte natlirlich vielfache Un- 
zufriedenheit. 

Dazu kam noch ein anderer Punkt. Polen gehorte mit 
Skandinavien und England in die Reihe der Lander, welche 
den Vorzug, unter dem besonderen Schutze des heiligen 
Petrus zu stehen, durch einen Tribut unter dem Namen des 
Peterspfennigs lohnten. Die Verpflichtung zu einem solchen 
Tribute reicht in die Zeit Boleslaw Chrobrys und fast bis 
zum Jahre 1000 hinauf Als nun aber das polnische Reich 
sich unter eine Reihe kleinerer Fursten zersplitterte , bei 
denen aufserdem Geldverlegenheiten die Regel waren, mochte 
es dem Papste sehr scliwer werden, einen solchen Tribut 
von den einzelnen Herzogen zu erlangen, und die Zahlungen 
waren alhnahlich sehr in Verfall gekommen. Aber Papst 
Innocenz IV., der, als gerade sein Kampf mit Kaiser Fried- 
rich II. besonders heftig entbrannt war, kein Bedenken 
trug, von dem Erzbischofe von Gnesen fur zwei Jahre den 
fiinften Teil seiner Jahreseinkiinfte als aufserordentliche Bei- 
steuer zu verlangen, trug nun den Bischofen des Gnesener 
erzbischoflichen Sprengels auf, den Peterspfennig als Kopf- 
steuer, von jedem Haupte einen Pfennig, einzuziehen, und 
eben auf jener Breslauer Synode von 1248 ward die Zah- 
lung dieser Steuer noch besonders eingescharft. 

Es lilfst sich ermessen, wie gering die Geneigtheit der 
Deutschen in Schlesien Avar, gerade diese Steuer zu zahlen, 
von der ihre deutsche Ileimat nichts wufste, und zu welcher 
sie um so weniger sich fiir verpflichtet hielten, als man 

6* 



84 Zweites Bucb. DiittL-r Absclmitt. 

ihnen Freiheit von alien Lasteu des polnischen Keclites aus- 
driicklich zugesagt hatte. Von dem hartnackigen Wider- 
stande, den sie dieser Forderung leisteten, weifs die schle- 
sische Gescliichte vieles zu erzahlen uud auch von den 
Folgen jener prinzipiellen Gegensatze, welche sich zwischen 
den deiitsclien Ansiedlern und der Kurie herausstellten. Vor 
allem kamen naturlich die sclilesiscben Fiirsten in iible 
Lage. Sie batten obnebin noeb mit maneben andern 
Scbwierigkeiten zu kanipfen, so mit den weitgebendeu For- 
derimgen der Geistlicbkeit beziiglicb der voUstandigen Be- 
freiung ibrer Untertbaneu von alien Lasten, und in den 
wiederbolten Bruderzwisten jener Zeit fielen docli mancberlei 
Gewaltsamkeiten und Beeintracbtigungen kircblicber Inter- 
essen vor, fur welclie man dann von ilmen Genugtbuung 
verlangte. 

Heinrieb III. mit seiner milden und friedlicben Gesin- 
nung wufste mit Biscbof Tliomas I. von Breslau, so eifrig 
dieser aucb die Interessen seiner Kircbe wabrnabm, ein 
gutes Einvernebmen aufrecbt zu erbalten. In Zeiten seiner 
Bedrangnis ist sogar der Biscbof mebrfacb seinen Geldnoten 
zubilfe gekommen. Aucb Herzog Konrad bat sicb bemiibt, 
in Frieden mit dem Biscbofe zu lebeu. Aber Bole- 
slaws wilde Art war nicbt in Scbranken zu balten, und 
seine Zerwiii'thisse mit dem Biscbofe rissen kaum ab. In 
der Zeit der Not, und wenn ihm die liber ibn verbiingten 
Kircbenstrafen , Bann und Interdikt , unbequem wurden, 
verspracb er alles Mogbcbe, vergafs aber bald wieder seiner 
Zusagen und veriibte Aveitere Gewaltsamkeiten. Als im Jabr 
1256 neue Zwistigkeiten zwiscben dem Biscbof und dem 
Herzoge entstauden , liefs am 2. Oktober Boleslaw den 
ersteren, der gerade zur Einweibung der neu erbauten Kircbe 
in Gorkau am Zobtenberge verweilte, bei nacbtlicber Weile 
mit zwei seiner Domberren, dem Propste Boguslaw und dem 
Kanonikus Eckard, iiberfallen uud nacli Burg Liibn am 
Bober bringen. Die roben Kriegsknecbte rissen den greisen 
Kircbenfursten aus seinem Bette, boben ibn, unzulangbcb 
bekleidet (ein mitleidiger Knecbt gab ibm endlicb noch 
einen Mantel und ein Paar Stiefeln), trotz der Kalte der 
Herbstnacbt auf ein Rofs und zwangen ibn, der wegen der 
Gebrecben des Alters das Reiten batte lange aufgeben 
miissen, zu seiner Qual den weiten Weg von vielleicbt neun 
Meilen zu reiten. Er ward dann von Labn nacb Liegnitz 
gebracbt und in barter Haft gebalten, zeitweise sogar in 
Ketten, ebenso wie seine Begleiter. Der Biscbof mufste 
scbliefslicb , um aus diesen Qualen erlost zu werden, sich 



Gefangennehmung des Bischofs Thomas. 85 

zu einem Losegelde von 2000 Mark Silber verstehen irnd 
die Ablosung des Zehiitens in Vierdunge fur die ganze 
Diocese bewilligeu. Als er dann die Hiilt'te des versproche- 
nen Geldes wirklich gezalilt und i'ur die andere Halfte 
Bilrgen, resp. Geiseln gestellt hatte, ward er Ostern 1257, 
also nacb sechsmonatlicber Halt, endlich wieder in Freibeit 
gesetzt, die beiden Domberren batten nocb besonderes Lose- 
gekl zu zablen, W(jbei Eckard die Lieferimg einiger iStiicke 
Scbarlachtuch llbernommen batte. 

Xaturbcb erregte die an dem Biscbofe verilbte Gewalt- 
tbat in den Kreisen der GeistHcbkeit gi'ofse Entriistung. 
Auf die Klage des Domkapitels liels Papst Alexander IV. 
den Erzbiscbof von Gnesen gegen den Frevler mit Kircben- 
strafen vorgeben. Als nun aber Bann und Interdikt keine 
andere Wirkung batten, als die Haft des Biscbofs nocb 
barter zu macben, griff der Papst zu dem aufsersten Mittel 
und befabl den Erzbiscbofen von Magdebuj-g und Gnesen, 
gegen Boleslaw das Kreuz predigen zu lassen. Ebe dieser 
Erlafs in Deutscbland sein konnte, war nun, wie wir bereits 
anfilbrten, Biscbof Tbomas fi'eigelassen worden, allerdiugs 
unter barten Bedingungen, und eben um dieser willen ward 
er namentlich von der polniscben GeistHcbkeit bart getadelt, 
dafs er mit seiner Einwilligung in die Ablosbarkeit des 
voUen Feldzebntens durcb den Malter- oder Geldzebnten die 
Interessen der Kircbe preisgegeben babe. Diese Stimmung 
fand dann aucb auf der S}Tiode, welcbe der Erzbiscbof 
Fulko von Gnesen am 14. Oktober zu Lenczjc abbielt, 
einen olfiziellen .Ausdruck. Die Meinung der polniscben 
Pralaten ging dabin, der Biscbof solle die gemacbten Zu- 
gestiindnisse als erzwungen widerrufen und, den Weisungen 
des Papstes entsprecbend, ein allgemciner Kreuzzug den ge- 
walttbiltigen Herzog niederwerfen und zur Unterwerfung 
unter die Kircbe zwingen. 

Diesen Planen gegenliber, welcbe Scblesien mit scbreck- 
licher Verwirrung und Verwuistung bedrobten, legten sicb 
nun aber die beiden Brilder Boleslaws, Heinricb und Konrad, 
die ja scbon frilber um die Losung des Biscbofs sicb be- 
milbt und Geld fur diesen Zweck aufgebracbt batten, ins 
]\Iittel. Heinricb unternimmt es, mit dem ibm befreundeten 
Biscbofe Tbomas in Unterbandlungen zu treten auf der 
Gruudlage, dafs die beiden Herzoge sicb verpflicbten, dem 
Biscbofe filr die erlittene Gewalttbat ausgiebige Genugthuung 
zu scbaffen und flir diesen Zweck selbst Opfer zu bringen, 
dafs sie ferner Boleslaw bestimmen wollen, in den sonstigen 
Streitpunkten bezuglicb der Exemtionen der Untertbanen 



86 Zweites Buch. Dritter Abscbuitt. 

der Kirche u. dgl. die kirchlichen Forderiingen ertullen, 
strittige oder entzogene Einkilnfte zuriickgeben zu wolleii 
II. s. w., wogegen der Bischof in dem einen Hauptpunkte, 
der Umwandlung des Feklzelintens in den Maker- oder 
Geklzelmten , sich tliatsaclilich an die Avahrend seiner Haft 
gemaclite Ziisage gekunden ansehen soke. 

Boleslaw woHte erkliirkcherweise von der ihm zuge- 
muteten Genugthuiing zuerst nichts horen, und wie es 
sckeint, kat er erst dadurch, dais ihn Konrad gefangen- 
nahm und in Haft hick, zum Nacligeben gebracht werden 
konnen. Dafs er dann sich verpflichtet habe, wie gewohn- 
Hck erzahk Avird, zum Zeiclien seiner Reue mit 100 Rittern 
und Edelknappen von Goldberg aus nach Breslau im Bilfser- 
gewande und barfufs zu pilgern, um dort vor der Dom- 
kirche die Verzeihung des Bisckofs zu erflehen, erscheint 
bei niiherer Prilfung der QaeUcn als unglaubwiirdig, docli 
mufste er in der Tiiat diirck ansehnUche Zugestandnisse die 
Verzeihung des Bischofs erkaufen, und zwar traute man 
seinen Versprechungen nicht, sondern verlangte die Biirg- 
schaft seiner Brilder Heinrich, Konrad und auch des gerade 
abwesenden Wladyshxw, damals Propstes vom ^A^yschahrad 
zu Frag. Im Namen Boleslaws und unter der Biirgschaft 
seiner Briider gelobt dann unter dem 8. Marz 1260 Hein- 
rich IH., dem Bischofe eine Summe von 2000 Mark Silber 
zu zahlen, ferner Freiheit fiir die Unterthanen der Kirche 
von aUen Landessteuern aufer in bestimmten Fallen dringen- 
der Not, desgleichen Freiheit von den landesherrlichen Ge- 
richten mit Ausnahme der Blutgeriehtsbarkeit, und Wieder- 
gabe der dem Bischofe bisher vorenthaltenen Einklinfte nach 
den Bestimmungen einer daflir niederzusetzenden Kommis- 
sion, Avofiir dann Heinrich eigene G liter zum Pfande setzen 
mufste. Aufserdem erfolgte noch durch Heinrich HL eine 
weitere Uberweisung von Einkllnften spezieil zur Entscha- 
digung fiir das Breslauer Domkapitel. Nachdem dann 
auch Boleslaw in gleicher Weise sich verpHichtet , erteilte 
auf des Bischofs Bitte Papst Urban IV. die Ermachtigung, 
den Bann Boleslaws zu losen. Die dazu ernannten Bevoll- 
machtigten, Johann, Erzbischof von Gnesen, Abt Stephan 
vom Sandstifte und der Provinzial der Dominikaner, Simon, 
emplingen dann im Dezember 1262 vor dem Portale der 
Domkirche zu Breslau den Herzog Boleslaw, der in Gegen- 
wart seines Bruders Heinrich und einer grofsen Versamm- 
lung seine Gelobnisse erneuerte und um Losung vom 
Banne bat, und flihrten ihn nun feierlich wieder in das 
Gotteshaus ein, ihn so der Gemeinschaft der Gliiubigen 



Die Ablosbarkeit des Zehiiteas fiir Sclilesieu zugestaudeu. 87 

uud der Teiluahme an den Sakramenten der Kirclie zurilck- 
gebend. 

Die Geldsiunme; filr welche sich Heinricli III. hier ver- 
biirgt hatte, blieb schliefslich ihm zur Last. Boleslaw hatte 
kein Geld, und auch Konrad scheint den Bruder im Stiche 
gelassen zu haben. Nocli nicht ein Viertel der ganzen 
Summe war bezahlt, als Heinrich III. 1266 den 1. Dezember 
die Augen schlofs. Doch hat Konrad auch seinerseits ein 
grofses Privilegium iur die Geisthchkeit und deren Unter- 
thanen ausgestellt. Ja auch der oberschlesische Herzog 
Wladyslaw zeigte sich durch ein Exemtionsprivileg der 
Ku-chenunterthanen dankbar fiii- die Wohlthat, welche ja 
auch seinem Lande durch des Bischofs fiir dessen ganzen 
Sprengel -geltendes Zugestandnis hinsichtlich der Zehnten 
erwachsen mufste. 

Und in diesem Zugestandnisse liegt daun aach die bisher 
keineswegs in genilgendeni Mafse gewurdigte Bedeutung 
dieser Begebenheiten. In den Kreisen der Geisthchkeit ist 
man sich dieser Bedeutung mehr bewufst geblieben, und 
zwei Jahrhunderte spiiter schrieb der polnische Chronist 
Dlugosz von jenen Begebenheiten : „ es war dies das erst- 
mahge Schisma, durch welches sich die Herzoge und Barone 
Schlesiens von dem Korper des polnischen Reiches zu schei- 
den und unter gewaltthatiger Abstellung der alten Satzungen 
ihre Absichten ins Werk zu setzen begannen". Wahrend 
namlich sonst die polnische Geistlichkeit an dem alten 
Eechte des vollen Garbenzehntens festhielt und dieser For- 
derung durch eine, wie es scheint, besonders eben damals 
1262 zusammenberufene Synode zu Sieradz Ausdruck gab, 
mufste man es sich, wenngleich auch der Bischof von Bres- 
lau dieser Sjnode beiwohnte, doch thatsachlich gefallen 
lassen, dafs in dem Breslauer Sprengel, eben um der hier 
so weit vorgeschrittenen Gerraanisation willen, eine Ablosung 
des Zehnten zu einem Malter fur die Hufe stattfand. Es 
war dabei noch besonders bedeutsam, dafs, wahrend sonst 
in jener Zeit die oberschlesischen Herzoge sich gar nicht 
als schlesische Fiirsten ansahen, sie doch, als mit zum Bres- 
lauer Bistum gehorig, gleichfalls jener Vergiinstigung teil- 
haftig wurden, so dafs wir hier eine ganz einzeln dastehende 
Zusammenfassung Schlesiens als ein Ganzes vor uns haben. 



Aussetzungen schlesischer Stadte zu deutschem Rechte. 

Einen denkwiirdigen Wendepunkt bezeichnet dann auch 
der Geschichte der Gerraanisation des Ostens diese Ab- 



iSti Zweites Bucii. Drittcr Abschnitt. 

sonderung Schlesiens. Wir sahen an andereni Orte bereits, 
iu wie hohera Grade Huanziell vorteilhaft und ersprielslich 
die Ausrietzung deutscher Ortsehafteii fur die Landes- und 
Grundherren war, und man hatte daher in der ersten Hillfte 
des 13. Jalirhundcrts vonseiten der Polen und Deutschen, 
Geistlichen und Laien unbedenklich zu diesem ervvimschten 
Mittel, die Einkiini'te zu erliohen, gegritfen. Allmahlicli hatte 
allerdings im Laute der Zeit und uamentlich scit deni Tode 
Heinrichs III. das Milsvergniigen der polnischen Adeligen ilber 
die Bevorzugung der Deutsehen hier Ilemmungen bereitet, ganz 
besonders aber von jetzt, eben etwa von 12 60 an, stemmte 
sich nun der gesauite pohiische Klervis rait all seiner Macht 
gegen eine weitere Ausdehnung der deutsehen Ansiedelungen. 
^lulste man jetzt sich dazu entschliefsen , Schlesien als ver- 
loren anzusehn, so woUte man doch das tjbel nicht weiter 
greiten lasseu. Die Gernianisation kara zum Stillstand we- 
nigstens auf dem Gebiete der deutsehen Dort'anlagcn. Deutsche 
Stadtrcchte, bei denen ja jene bedenklichen Fragen in un- 
gleich geringerem Mafse in Betracht kamen, sind allerdings 
noch mehrfach nach dem slavischen Osten verpflanzt worden. 
Von der Feindschaft aber, welche der polnischo Klerus 
fortan gegen die Deutsehen in Schlesien hegte, und welche 
doch auch die papstliche Kurie in gewisser Weise teilte, hat 
die hcimische Geschichte noch in spiiteren Zeiten viel zu 
berichten. 

In den unruhigen Zeiten nach dem Mongoleneini'all, wo 
ja die sclueckliche Verwiistung des Landes ohnehin zu 
neuer Besiedelung drilngte, hatte die Germanisation in Schle- 
sien machtige Fortschritte gemacht, und ganz besonders 
ward die Keugriindung von Stadten zu deutschem Rechte 
in dieser Zeit in grofsem Umfange ausgefiihrt. Wir haben 
aus der Zeit von 1241 bis zum Tode Heinrichs III. ur- 
kundliche Nachrichten liber die Griiudung folgender schle- 
sischer Orte: Trebnitz (l24l), Striegau (1242), Steinau in 
Oberschlesien (1243), Landshut (1249), Stiidtel Leubus (1249), 
Brieg (1250), Wansen (1250 und 1252), Liegnitz (1252), 
Schawoine und ZirkAvitz (1252, beide bei Trebnitz gelegene 
Orte sind jetzt nur DiJrler), Hundsleld (1252), Trachenberg 
(1253\ Glogau (1253), Beuthen in Oberschlesien (1254), Ols 
(1255), Konstadt (l26l), Glogau (1263), Bernstadt (1266), 
zu welchen dann nuch verschiedene treten, von denen die 
betreffenden Urkundon nicht mehr erhalten sind, wohl aber 
Xachrichten, welche die Thatsache der hier bereits erfolgten 
Aussetzung bezeugen, wie z. B. bei Neifse. 

Man hat bei diesen Griindungen sich stets bemiiht, die 



Deutsche Sttidte. 89 

neu abgesteckte Staclt auf eineni Grande anzulegen, cler mit 
den bishei' an dem Orte vorhandenen Ansiedelnngen nichts 
zu thun hatte, so dais dann die Ictztere als Dorf neben 
der neuen Stadt und getrennt von dieser fortbestehen blieb, 
wie wir das bei einer grofsen Anzahl der schlesisclien Stadte 
noch heute nachzuweisen vermogen. Wer in der Stadt 
Avohnte, unterstand deren Rechte, gleichviel welcher Nation 
er angehnrte, natllrlich abgesehen von den besondereu Privi- 
legien der Geistlichkeit und der geistlichen Stitter. 

Bei mehreren der genannten Stadte (Stadtel Leubus, 
Brieg, Trebnitz, Schawoine, Ols, Konstadt) ward gleich in 
der Aussetzungsurkunde bemerkt, dafs sie das Stadtrecht 
von Neumarkt haben sollten, also da das Neuraarkter Reclit 
indirekt von Magdeburg herstammte, dafs fur sie die Rechts- 
grundsatze gelten sollten, welche in der letztgenannten Stadt 
galten; von den librigen Orten werden wir das Gleiche 
stillschweigend voraussetzen diirfen. Es werden nait diesem 
Stadtreclite nicht sowohl die eigentlichen Freibeiten der 
Stadtj d. h. die ihr von ihrera Landesherrn gewabrten Zu- 
gestandnisse^ gemeint, als vielmehr diejenigen Reclitsgrund- 
satze, nach welcben in den stadtischen Gericbten der Yogt 
unter Beirat der aus der Gemeinde gewahlten Schoffen die 
Streitigkeiten der Burger unter einander zu entscheiden 
hatte. An eine Ubertragung des Stadti'eehtes im Wege der 
Mitteilung einer scbriftlichen Aufzeichnung etwa z. B. von 
Neumarkt auf eine der genannten Stadte, ist fiir jene iiltere 
Zeit kaum zu denken. Die Mitteilung eines ganzen Magde- 
burger Stadtrecbtes an Breslau im Jahre 1261, von der 
wir noch zu sprechen haben werden, steht ganz vereinzelt 
da, wie hauiig auch in spaterer Zeit derartige Rechts- 
mitteilungen vorkommen. Offenbar war damals zunachst 
der Vogt der Trager dieser Rechtskenntnis , seine Sache 
war es, Streitigkeiten nach den Grundsatzen des Magde- 
burger Rechts zu entscheiden. Inwieweit dann die Schoffen, 
auf eigene Kenntnis gestutzt, selbstjindige Aufiassungen gel- 
tend zu machen vermochten, hing von deren Beiahigung 
ab. Doch Avar es naturlich, dafs die Bilrgerschaft , deren 
ganze EntAvickelung ja darauf ging, der Gewalt des Vogtes 
gegeniiber mehr und mehr Selbstandigkeit zu gewinnen, 
schon friih das Bedurfnis empfand, durch schriftliche Auf- 
zeichnungen der Recht?grundsatzo sich die Mciglichkeit eigner 
Kontrolle zu sichern und jeder AYillkiir des Vogtes Schran- 
ken zu setzen. 

Unter den genannten Stadten geuossen natiirlich die 
Residenzen der Herzoge einen gewisseu Vorzug und gelangten 



90 Zweitos JJuch. Drittci- Abschnitt. 

zu hoherer Bedeutung. So Oiogau, Liegnitz, Breslau und 
dnneben audi Brieg und in Oberschlesien die damalige 
Ilauptstadt Katibur. Dafs die Filrsorge der Herzoge sicli 
dann auch noch auf die Befestigung der Stadte erstreckte, 
erkljirt sich leicht aus der Not der damaligen stiirniischen 
Zeiten. Herzog Konrad urkundet 1253 iiber Glogau, er 
woUe hier eine freie und zugleich feste Stadt begriinden, 
auf dais die Freiheit zahh'eiche Bewohner dort hinziehe, 
die Festigkeit aber sie dann dort sicher leben lasse, und 
ebenso verspricht Heinrich 111. 1250, seine neu gcgrlindete 
Stadt Brieg innerhalb zwei Jahreu zu befestigen. Bei Keilse 
iibcrlaist es dcrselbe Herzog den Bllrgern, resp. dem Bischofe, 
die Kosten der Befestigung zu tragen, und giebt uur seine 
Einwilligung dazu. Die Befestigung soil in einer Mauer 
von Steinen oder Ziegeln bestehen ; wenn das aber den Bllr- 
gern zu grofse Kosten mache, begniigt man sicli auch niit 
einer Scliutzwehr aus Balken. 

Von jenen Stadtegriindungen fiiUt nun bei Aveitem der 
grofste Teil Heinrich 111. zu, der ja unter den Briidern den 
ausgebildetsten Sinn filr staatliche Ordnung besafs und 
iiberhaupt zu einem guten Regeuten nach alien Seiten hin 
veranlagt war. Ein Klosterbruder von Heinrichau berichtet 
zu jener Zeit, Heinrich habe, nachdem er die Kegierung 
angetreten, erklart, er AvoUe das Erbteil seiner Vater Avieder 
haben, und von diesem Grundsatze ausgehend, habe er dann 
manche der Schenkungen seines Bruders Boleslaw zuriick- 
genommen und so auch dem Kloster Heinrichau Jaurowiz 
wieder entzogen. 

Jener Grundsatz des Herzogs brachte ihn auch in einen 
gewissen Konflikt mit seiner neugegrliudeten- Stadt Breslau. 
Wie er selbst dariiber urkundet, batten die Breslauer damals, 
als er noch ein Knabe war, also 1242, sich mehr angeeiguet, 
als ihnen zukam, so z. B. die herzoglichen Fleischbiinke 
und auch die Verfiigung liber die innerhalb der ersten 
Grenzgriiben der Stadt liegenden Garten und Gehofte. 

Als der Herzog zur Regierung kam, forderte er das 
alles einfach zuriick und erbot sich sogar, sein Recht daran 
vor Gericht nachzuweisen. Aber die Breslauer zogen es vor, 
einen glltlichen Vergleich mit dem Herzoge abzuschliefsen, 
infolge desseu nun Heinrich, jedenfalls gegen eine ansehn- 
liche Geldsumme, jene bestrittenen BesitztLimer den Bres- 
lauern liels, ja sogar das stadtische Weichbild Aveiter aus- 
dehnte, namlich ilber die Oderinsel, den Sand genannt, auf 
welche allerdings auch das dort befindhche Augustinerstift 
Anspriiche erhob, und anderseits liber die alte Wallonen- 



Vertrag der Breslauer mit Heiurich III. 91 

kolonie um die Mauritiuskirche (die heutige Klosterstrafse), 
ferner der Stadt die Viehweiden im Westen der Stadt zu 
beiden Seiten der Oder bestiitigte^ imd aulserdem auch zur 
Anlockung neuen Zuzugs jedem Ankomraling, der in der 
Stadt Grundeigentum erwarb, Steuerfreiheit auf eiu Jahr 
zusicherte. 

Es hat wahrscheinlich mit jenen bei der Throubesteigung 
Heinricbs III. von diesem gemachten Riickforderungen zu- 
sammengehaugen , dafs derselbe nun auch die ofFenbar von 
Boleslaw erbaute und vom Bischof dotierte Stadtkii-che zu 
St. Elisabeth dem gleichnamigen, von den Kreuzherren mit 
dem roten Sterne geleiteten Hospitale inkorporierte , so dafs 
die letzteren die Einkiinfte der Kirche zogen und dafur den 
Gottesdienst in derselben durch einen ihrer Brilder ver- 
sehen liefsen 

Als die Hauptsache jenes zwischen Herzog und Blirger- 
schaft geschlossenen Vergleiches diirfen wir jedoch das an- 
sehn, dafs beide vereint von den Ratraannen und SchofFen 
zu Magdeburg eine Abschrift des an ietztereni Orte gelten- 
den Stadtrechtes erbaten und der Herzog Heinrich III. in 
Oemeinschaft mit seinem Bruder Wladvslaw nun den Bres- 
lauern den Gebrauch dieses Stadtrechtes filr den ganzen 
Umfang ihres Weichbildes gestattete. Dieses vimfangHche, 
ims noch in dem aus Magdeburg gekommeuen Originale er- 
haltene Dokument enthalt nun zu gleicher Zeit eine Fest- 
setzung der leitenden Grundsatze der biirgerhchen und 
Straf - Gesetzgebung, sowie des dabei zu beobachtenden 
Rechtsverfahrens und daneben doch auch Grundziige einer 
stadtischen Verfassung , und wir diirfen alle diese Fest- 
setzungen im grofsen und ganzen als giiltig fiir die deutschen 
Stadte Schlesiens ansehen. 

Nach dieser Verfassung behalt der Herzog sich selbst, 
beziehungsweise einem von ihm ernanuten Kommissar, hier 
Landvogt genannt und nicht mit dem Stadt- oder Erbvogt 
zu verAvechseln, die Gerichtsbarkeit liber besonders schwere 
Verbrechen : Mord, Raub und Isfotzucht vor. Derselbe hielt 
sein Gericht (das Vogtding) dreimal im Jahre an genau 
festgesetzten Terminen, und auch kleinere Vergehen fallen 
ihm zu, wenn dieselben in den 14 Tagen vor seinem Ding- 
tage begangen wurden. Ihm gebilhrt ein Strafgeld von 
eO^Schillingen, welches aber der Herzog filr Breslau auf 
diejHalfte herabsetzt. Das gewohnliche Gericht halt dann 
der Erbrichter oder Erbvogt, dessen Gewedde (Strafgeld) 
gleichfalls von 8 Schilling auf 4 herabgesetzt wird, woven 
der]Herzog zwei Telle, der Erbrichter einen erhalt. SchofFen, 



t>j Zweites Buch. Dritter Abschnitt. 

die nils tier Biirgerschaft gekoren werden, helfen bei beiden 
( nTicliten den Vr»gteu das Urteil linden. In Sachen des 
Handi'ls und Verkehrs, also z. B. iiber ungorechte Kiiuio 
tuid zii geringes I^Ials habcn die Ratsherren zu entscheiden, 
welche dann iiberhanpt in der nach Rate der „weisesten 
Leute" zu berufenden Bilrgerversammlung (dem Burdinge) 
Festsetznngen iiber Handel und Verkehr treff'en dilrten. 
Die Ilatsherren oder Konsuln werden nach dem j\lagde- 
Itiirjicr Vorbilde aut" ein Jahr gewalilt; nach dessen Ablaufe 
sie dann selbst ihi*e Nachtblger erkiesen. Diese Form der 
Ratswahl ist nun filr Breslau fort und fort die herrschende 
geblieben, wie wir denn filr Breslau iiberhaupt das Bestehen 
einer stildtischen Obrigkeit, also den Anfang einer Selbst- 
regierung, von dieser Bewidmung mit dem ]\Iagdeburger 
vStadtrechte an rechnen diiri'en. Aus dem Jahre 126(» Aver- 
den uns die ersten Nanien Breslauer Konsuln iiberliefert, 
der authentische Ratskatalog, der dann in ununterbrochener 
Folge die Ratsherren bis zum Jahre 1741 aufzahlt, beginnt 
mit dem Jahre 1287. 

Was die ilbrigen schlesischen Stadte anbetriift^ so haben 
dieselben sich zunachst damit begniigen miissen, dafs der 
Erbvogt, der sie nach aufsen hin vertrat, in wichtigeren 
Angf'legenheiten den Beirat der angesehensten Biirger (se- 
niures) sich erbat, doch haben einzelne von ihneu schon vor 
Ablauf des 13. Jahrhunderts eigene Stadtobrigkeiten , Kon- 
suln. Inbezixg auf deren Wahl ist die Praxis nicht iiberall 
dieselbe. In Weidenau erwiihlt dieselben^ 5 an der Zahl, 
der Erbvogt (129(>); in Patschkan desgleichen 2 (l270), in 
Brieg ernennt noch im 14. Jahrhundert der Herzog die 
Konsuln, nach Liegnitz verpflanzte 1293 die Gewahrung 
der Rechte von Breslau auch die hier ilbliche Form der 
Ratswahl, und denselben Wahlraodus bezeugt (1293) eine 
Rechtsmitteilung der Schweidnitzer an Ratibor; und filr die 
letztere Stadt ernennt dann (1299) Herzog Premyslaw 
5 Ratsherren rait der Bestimmung, dafs diese nach Ablauf 
ihrcs Amtsjahres die neuen Konsuln zu wahlen haben 
sollen. 

Im allgemeinen werden wir daran festhalten dilrfcn, dafs 
die Landesherren den StJidten gegeniiber ungleich weniger 
jingstlich an ihren Hoheitsrechten festhalten als an den dar- 
aus hertliofsenden Einnahmequellen, und dafs daher die Burger, 
so wie ihr A\'olilstand sich hob, es nicht allzu schwer hatten, 
um Geld^ Rechte der Filr.sten abzuiosen und so grofsere 
Sell)standigkeit zu erringen, — ein Weg, der dann ganz regel- 
nijifsig von den Biirgerscliaften eingeschlagen wird. 



Die Neustadt imd der Neuniarkt zu Breslau. 93 

Etwas der Art trug sicli nocli in den letzten Regieruugs- 
jahren Heinrichs III. in Breslau zu. Dieser sparsame Filrst 
hatte es sich hier angelegen sein lassen, nach jenem Yer- 
gleiche mit der Biirgerschaft von 1261 sich neue Einnahme- 
quellen zu eroffnen. Er grilndete 1263 jenseits der Ohlau 
die Neustadt Breslau, westlich von der alten Stadt unter 
einem besonderen Vogte, die dann vorzugsweise ein Sitz 
einer industriellen , der Wollenweberei obliegenden Bevolke- 
rung wurde. Diese Neustadt zeigt nirgends eine Spur einer 
Marktanlage, und obwohl dem Yogte derselben in der Aus- 
setzungsurkunde neben den Einkiinften von einer Badestube, 
einer Miihle an der Olilau, auch die von gewerblichen Ver- 
kaufsstatten zugesichert werden, so dilrfen wir dock an- 
nehmen, dafs wesentlicli fiir sie der Neumarkt, welchen der 
Herzog westlich von der Neustadt, aber auch aufserhalb der 
Grenzen der Altstadt damals anlegte, bestimmt war. Doch 
die Breslauer Burger ertrugen die Konkurrenz sehr ungeru, 
und wenige Jahre spater (1266) sehen wir drei aus der 
Biirgerschaft dem Herzoge die 24 neuen Fleischbanke, die 
er am Neumarkte angelegt hat, wiederum abkaufen, zugleich 
mit dem Schlachthofe , und, was vielleicht das Wichtigste 
ist, der Herzog verspricht bei dieser Gelegenheit, in der 
Stadt Breslau und dem einmeiligen Umkreise derselben hin- 
fort keine neuen Fleischbanke anlegen zu wollen. Wenige 
Wochen spater verkauft der Herzog den Breslauern den 
MarktzoU zu Breslau, desgleichen die Briickenzolle auf der 
Weide in Schweinern, Protsch und Hundsfeld, sowie auf der 
Weistritz bei Lissa, Gohlau und Mochbern, wo er dann auch 
keine Schenke niehr halten Avill, welche Zolle nun die Bres- 
lauer im Interesse ihres Handels ganz und gar aufheben. 
Wiederum acht Tage spater folgt dann noch eine weitere 
Veraufserung des Herzogs an Breslauer Biirger, nilmlich 
von 47| Kramladen, gieichfalls unter der Verpflichtung des 
Herzogs, weder neue derartige Laden eri-ichten noch die 
vorhandenen an eine andere Stelle verlegen zu Avollen: 
insgesamt Geschafte, welche von dem schnellen Aufbliihen 
der Stadt zeugen. 

Es ist eben durchaus wahrscheinhch , dafs Breslau bei 
dem Tode Heinrichs HI. bereits ein verhaltnismafsig reclit 
ansehnlicher Handelsplatz war, bedeutsam nicht allein als 
kommerzieller Mittelpunkt eines ansehnlichen Landstriches, 
sondern noch ganz besonders als der wichtigste Ort, wo die 
Produkte des slavischen Ostens , vornehmlich Pelzwerk, 
Haute, Salz, ausgetauscht wurden gegen die von Westen her 
zu beziehenden Kolonialwaren, Tuch, Wein u. dgl. Das 



94 Zweites Buch. Vierter Abscliuht. 

spjiter urkundlich verbriefte Niederlags- oder Stapelrecht, 
wolclies cine blol'se Diuvlifiihrung von Handelswaren geradezu 
verbut, mochte schon danials thatsiichlich in Geltung sein, 
so dais der grofdc Gcwinn dieser Warenvermittelung den 
Bre.slauern unverkiirzt zufiel. 



Vierter Abschnitt. 

Heiiirich IV. bis 1*290. Der grofse Kirchenstreit. Er 
oberiins Krakaus. 



Heinrich III. hinterliefs bei seinem Tode 1266 einen 
einzigen damals noch unmiindigen Sohn gleichen Namens, 
dessen Vormundsclial't naturgemafs seinem Oheime Wlady- 
slaw zufiel. Dieser seit 1265 Erzbischof von Salzburg, hatte 
doch auch auf einen Anteil an der scldesischen Herrschaft 
nie verzichtet, und nun bei dem Tode Heinrichs 111. setzte eine 
miichtige Partei des Adels, welche immer schon den milden 
und freigebigen Kjrclienfursten dem strengereu sparsamen 
Herzoge vorgezogen hatte, eine voUstandige Teilung des von 
diescm hinterlassenen Landes durch. Als Vormund des 
jungen Prinzen hat er dann thatsachhch liber das ganze 
Land Heinrichs III., etwa den heutigen Regierungsbezirk 
Breslau (mit Ausschluls von Glatz) umfassend, bis an seinen 
Tod (1270) geherrscht. 

Aufserdem fiel ihm auch die Verwaltung des Bistums 
Bresku zu. Als naniHch am 30. ]\Iai 1268 Bischof Thomas 1. 
starb, postulierte das Breslauer Domkapitel ihn als Nach- 
lolger, und wenngleich Papst Klemens IV. in solche Hau- 
fung bischcjflicher Wiirden nicht willigen mochte, so ilber- 
liefs er ihm doch die Verwesung des Bistums und den Genufs 
der Einkiinfte davon. 

Zu seiner Zeit und wahrscheinlich nicht ohne seine Be- 
rn ilhungen erfolgte auch die feierliche Heiligsprechung seiner 
Grolsmutter, der fronimen Herzogin Hedwig. Das Geriicht 
von Wuudern, die an ihrem Grabe in Trebnitz erfolgt seien, 
hatte bereits Papst Urban IV. bewogen, im Jahre 1262 
Kommissare zur Untersuchung derselben abzuordnen, und 
als dann sein Nachfolger Papst Klemens IV., der frllher 



i 



Heinriclis IV. Jugend. 95 

ein Kriegsmann , aus seiner damaligen Ehe eine blinde 
Tochter hatte, wie die Legende ei'zalilte, die Freude er- 
lebte, dais dieser am Grrabe der Herzogin das Gesicht 
wiedergegeben ward, proklamierte dieser unter dem 26. JMarz 
1267 die Kanonisation der Herzogin Hedwig. Wladyslaw 
legte dann selbst den Grund zu dem Ausbau des einen 
SeitenschifFes der Trebnitzer Klosterkirche , in welcher nun 
die Gebeine der Heiligen ein neues, wurdigeres Grab finden 
sollten, und am 17. August 1267 erfolgte dann die feier- 
liche Translation zu Trebnitz in Gegenwart des Bohmen- 
kcinigs Ottokar, sowie vieler sclilesischer und polnischer 
Fiirsten imd Pralaten von zahlreiclien Ablafsbewilligungen 
verschiedener auch auswartiger Kirclienfursten begleitet, ein 
Ereignis, welches einen neuen Glanz dem Hause der schle- 
siscben Piasten verlieh. 

Der junge Priuz Heinrich verweilte in dieser Zeit vor- 
nehmlich in Prag bei seinem Grofsoheime, dem Konige 
Ottokar, den er auch 1271 auf dessen Feldzuge gegen 
Ungarn begleitet, und als dann sein Oheim Wladyslaw am 
27. April 1270 stirbt, legt er mit Riicksicht auf die Unreife 
seines Alters in Gegenwart der Bischofe von Breslau und 
Lebus das feierliche Gelobnis ab, ohne Wissen und Willen 
des Konigs keine wichtigen Entscheidungen treffen zu wollen, 
und dieser setzt ihm dann aus der Reihe der schlesischen 
Adeligen den angesehenen aus der wallonischen Kolonie in 
Schlesien stammenden Simon Gallicus als Erzieher zur 
Seite. 

Etwa vom Jahre 1273 an scheint Heinriclis selbstandige 
Regierung zu beginnen , wo er dann noch einmal dem 
Bolnnenkonig in Erinnerung an vielfach empfangene Wohl- 
thaten gelobt, von niemanden als ihm den Giirtel, das Zei- 
chen der RitterAviirde, anzunehmen und auch seine Diener- 
schaft in die^^Farben des Konigs zu kleiden. 

Es war ein Flirst von seltenen Gabon des Geistes, 
energischem WiUen und voll kiihner Entwurfe. Schon in seinen 
ersten Regierungsjahren bemerken wir ein Anwachsen seines 
Landgebietes. Das Gebiet von Kreuzburg-Pitschen erscheint 
ihm gehorend, und 1276 kauft er von dem Magdeburger 
Erzbischof das Krossener Land zuriick. Aber bald geriet 
er durch die Mifsgunst seines Oheims Boleslaw, dessen ge- 
waltthiitiger Sinn das Alter nicht zu mildern vermocht hatte, 
in die schwerste Bedriingnis. Boleslaw hatte nach dem 
Tode Wladyslaws an dessen Erbe gleichfalls Anspriiche er- 
hoben, welche Heinrich entsprechend dem nach dem Tode 
Heinrichs II. gesclilossenen Famihenpakte als ungegrilndet 



% Z\voit<-s IJiicli. Viortcr Absclmitt. 

ansah. Nun fand Boleslaw alier unter den Vasallen Hein- 
riclis IV. Verriiter, welclie niit dem festen jungen Herzog 
un/.ulrieden zu eincr Gewalttliat an diesen die Hand boten. 

Diese iibertic'len am 18. Februar 1277 Heinrich des 
Kachts in dem Sclilosse Jeltsch bei Ohlau, schleppten ihn 
fort und lieferten ihn an Herzog Boleslaw von Liegnitz aus, 
dor ihn aut' Burg Liilmhaus am Bober in stronger Haft 
hielt. 

Es war natiirlieh, dafs in dieser Bedrangnis Heinrich 
vor allem von seinem bisherigen Beschiitzer, dem Bohmen- 
konig, Beistand erwartete. Diesem mochten die schlesischen 
Hiindel sehr unerwLlnscht kommen. Er hatte eben seine 
kilhnen Plane einer Gewinnung (3sterreichs scheitern sehen 
und sicli zu einem Frieden mit seinem siegreichen Gegner, 
dem rcimischen Kiinig Rudolf von Habsburg, herbeigelassen, 
ohne dafs jedoch dieser Friede schon ganz perfekt ge- 
worden ware und keinenfalls ohne den Hintergedanken, bei 
giinstiger Gelegenheit die Fesseln, die ihm dieser auferlegte, 
wieder abzuschiitteln. In den schlesischen Fiirsten, liber 
welche er bisher eine Art von Oberherrlichkeit thatsachlich 
ausgeiibt, erblickte er seine natiirlichen Bundesgenossen, und 
es kam fiir ihn an erster Stelle darauf an, hier Frieden zu 
stiften, die vorgefallenen Irrungen zu schlichten, ohne dabei 
doch durch ein zu schroffes Auftreten einen Teil dieser 
Fiirsten in das Lager seiner Gegner zu treiben. Diese po- 
litischen Rlicksichten behielt er trotz seiner niiheren Be- 
ziehungen zu dem jungen Herzog von Breslau sehr sorg- 
ialtig im Auge. So begniigt er sich zunachst damit, Ge- 
sandte an Boleslaw zu senden, urn einen Vergleich herbei- 
zufiihren, stellte den Markgraf Otto von Brandenburg, der 
wegon alter noch in Wladyslaws Zeit zuriickreichender An- 
spriiche Heinrich gleichfalls bekriegte, durch Verplandung 
von Krossen zufrieden, und erst als Boleslaw zu hohe For- 
derungen stellte, griff er dazu, natiirlieh gleichfalls auf Hein- 
riclis Kosten, den Herzog Boleslaw von Grofspolen und 
Heinrich von Glogau zu einem Kriegszuge gegen Boleslaw 
zu gewinnen. Doch das von diesen gesammelte Heer, das 
der Polenherzog befehligte, unterlag am 24. April 1277 bei 
Protzan imweit Frankenstein nacli blutigem Kampfe den 
Scharen, welche Heinrich, der alteste Sohn Boleslaws, gegen 
sie ins Fold fiihrte. 

Nun waren ernstliche Konzessionen in Gestalt von Land- 
abtretungen nicht mehr zu vermeiden. Konig Ottokar ver- 
mittelte eiligst einen Waffenstillstand bis zum 13. Juli, 
wahrend dessen dann Boleslaw nach Prag Gesandte scliicken 



i 



Landabtretungen an Boleslaw II. 97 

oolite. In der That kam in dieser Zeit iinter Vermittelung 
des Krakaner Herzogs ein Vertrag zustande, der dem Lieg- 
nitzer Herzog als den dritten Teil der Erbschaft Wlady- 
slaws das Gebiet der heutigeu Kreise Striegau nnd Neumarkt 
iiberliefs, worauf dann anscheinend noch vor Ablauf des 
WafFenstillstandes, also im Juli, die Freilassung Heinrichs 
erfolgte. 

AVas Boleslaw bier erlangte, war im wesentlichen das, 
was ilim nach gewolinlicbem Erbrecbte iind abgesehen von 
den Verabredungen bei der einstmaligen Teilung zwischeu 
ibm nnd Heinrich aus der Hinterlassensciiaft Wladjslaws 
batte zufallen miissen. Dieselben Anspriicbe hatte ja nun 
wohl auch Heinrich von Glogau, der Sobn des jiingsteu der 
drei Briider, Konrad, erheben konnen, doch erfahren wir 
von Entschadigungen nach dieser Seite bin nichts Naheres. 

Die Anschauung, welche bei dem Gauzen zum Aus- 
druck kam , fafste die herzogliche Gewalt immer nur 
unter dem Gesichtspunkte eines privatrechtlichen Besitzes, 
bei dem Erbschaftsteilungen ins ungemessene zulassig, ja 
geboten seien; sie mufste natiirlich die schwersten Folgen 
haben. Mit der Zersplitterung schwanden die Bedingungen 
selbstandiger Entwickelung, und fiir die zahlreichen macht- 
losen und unter einander uneinigen Teilfursten stellte sich 
mehr und mehr die Anlehnung an eine auswartige grofsere 
Macht als Notwendigkeit heraus. Von dem damals iibrigens 
selbst zersplitterten Polen waren die scblesischen Fiirsten 
losgerissen, an das Deutsche Reich batten sie einen Anschlufs 
nicht gesucht, so gerieten sie denn in die Abhangigkeit des 
machtigen Nachbars von Bohmen, und Konig Ottokar rech- 
nete auf ihre Hilfe sehr ernstlich bei dem schweren Kampfe, 
zu welchem er sich seit Ende des Jahres 1277 mit seinem 
machtigen Gegner, dem Konige Rudolf, eifrig rlistete. Aller- 
dings hatte auch der letztere ernstliche Versuche gemacht, die 
Schlesier und vornehmlich Heinrich IV. auf seine Seite zu 
Ziehen, wie denn auch der mit dem Herzoge verwandte und 
wegen seiner Frommigkeit hoch angesehene Minorit Heinrich 
von Brene in diesem Sinne thatig war. Aber umsonst! 
Vielleicht mehr noch als das Band der Dankbarkeit fesselte 
Heinrich an Ottokar dessen Versprechen einer Abtretung 
der Grafschaft Glatz, und so fochten denn in dem Ent- 
scheidungskampfe auf dem Marchfelde am 26. August 1278 
die scblesischen Herzoge Heinrich von Breslau, Wladyslaw von 
Oppeln und Heinrich von Glogau auf der Seite Ottokars, 
dem bekanntlich der Tag den Sieg und das Leben 
kostete. 

Griinhagen, Gesch. Schlesiens. I. • 



98 Zweites Buch. Vierter Abschnitt. 

Fiir Heinrich IV. nahte erst jetzt die Zeit, wo er zur 
vollen Bedeutung kara. 

Nach dem Tode Konig Ottokars nahm er auf "Grund 
seiner Vertriige mit diesem die Grafsehaft Glatz ein und 
erhob nun audi Auspriiclie auf die Vormundsehaft iiber den 
von Otlokar hinterlassenen noch unmiindigeu Priuzen Wenzel. 
Um diese Anspriiche kaniplte er dann mit dem Neffen Otto- 
kars, dem Markgrafen Otto von Brandenburg, und vor den 
Thoren von Prag, bis wohin beide Heere vorgedrungen 
waren, schien es zur Schlacht kommen zu sollen. Doch 
die Partei des Markgrafen behielt in der Stadt die Ober- 
hand, sie ciflnete dem letzteren die Thore, und Herzog Hein- 
rich mufste sich damit beguugen, Glatz zu bebaupten, ohne 
dafs Konig Rudolf ilim diesen Besitz bestritten hatte. 

Dieser war weit entfernt davon gewesen, den schlesischen 
Fiirsten ibre Parteinabme fiir seinen Gegner entgelten zu 
lassen; er hatte sie gern in den Frieden mit Bohmen ein- 
geschlossen, und der machtigste von ihnen, eben Heinrich IV., 
zeigte sich sogleich bereit, gegen die Anerkennung des Be- 
sitzes von Glatz seine Lande vom Kcinig Rudolf resp. dem 
Deutschen Reiche zu Lehen zu nehmeu, wodurch denn nun 
die Trennung Schlesiens von Polen ganz formell besiegelt 
wurde, wenngleich diese Zugehorigkeit zum Reiche nach- 
mals wieder in Vergessenheit gekommen ist. 

Und walirend hier im Herzen Schlesiens einem energischen 
Fiirsten im Besitze eines ansehnlichen Machtgebietes noch 
weitere Erwerbungen gelangeu, sank bei den iibrigen Her- 
zogen ihre Macht durch immer fortgesetzte Landesteilungen. 
Bei den Glogauern hatte schon um 1271 der Tod Konrads 
zu einer Teilung gefiihrt; als jetzt 1278 der wilde Lieg- 
nitzer, Boleslaw, starb, gait es, drei Erben zu befriedigen: 
Heinrich, Bolko und Bernbard, und ebenso zersplitterte sich 
die oberschlesische Herrschaft, als 1281 (oder 1282) der 
ki'iegerische Wladyslaw die Augen schlofs; mit der bedeut- 
samen Rolle, welche der Oppeler Fiii'st in den polnischen 
Handeln und den Kampfen an den Grenzen Mahrens und 
Ungarns gespielt hatte, war es aus, seit hier vier Prinzen 
sich in das Erbe jenes teilten. 

Um so bedeutsamer erschien da die Macht Heinrichs IV., 
der in seiner Hand vereinigte die Herzogtiimer Breslau (mit 
Ausschlufs des Neumarkter Gebietes), Schweidnitz (ohne den 
Striegauer Kreis), die Grafsehaft Glatz, ferner die Herzog- 
tiimer Miinsterberg, Brieg (mit dem grottkauischen und 
dem Bezii'k von Kreuzburg), 01s samt den Landen von 
Polnisch-Wartenberg, MiHtsch, Tracheuberg bis an die pol- 



Auswartige Beziehungen Heinrichs IV. 99 

nische Grenze; ferner Krossen, das er von clem Branden- 
bm'ger Markgrafen 1279 urn 6000 Mark wieder einloste, 
endlich das nachmalige Herzogtum Wohlau, und 1281 auch 
ein Stiick von Grofspolen^ das Land Wielun, zurlickerlangte. 
Er erbte thatsachlich von Ottokar einen gewissen Vorraug 
unter den schlesischen Fui'sten und eine Oberherrlichkeit 
iiber dieselben. Nicht ohne Widersh'eben ward dieselbe an- 
erkannt. 

Im Jalire 1280 erfahren wir von einem Kampfe Hein- 
richs mit den Sohnen seines Oheiras Boleslaw von Liegnitz^ 
bei welchem die letzteren die Unterstiitzung der Branden- 
burger erlangen, wo dann Markgraf Albrecht, der Bruder 
von Heinrichs altem Gegner Otto, mit seinen schlesischen 
Verbiindeten in das Gebiet des Breslauer Herzogs einen 
Einfall macht und Miinsterberg belagert, wiihrend jener das 
Liegnitzische verwiistet, und dann wieder von einer arg- 
hstigen Gefangenschaft der beiden Herzoge von Liegnitz 
und Glogau, sowie des Herzogs Premyslaw von Grofspolen 
in Baritsch bei Jauer, welche eine Haft dieser Fiirsten in 
Breslau bis Anfang Juni zui' Folge hatte, ohne dafs ein 
verwiistender Einfall Herzog Leskos des Schwarzen daran 
etwas zu andern vermochte. 

Die machtigsten der schlesischen Teilfiirstenj die von 
Liegnitz und Glogau, sicherten damals Heinrich IV. fiir jeden 
seiner Kriege eine Unterstiitzung mit 30 Lanzen zu, und 
wir werden noch sehen, wie in der That bei Heinrichs 
letztem grofsen Unternehraen gegen Krakau die schlesischen 
Fiirsten ihm treue und tapfere Heeresfolge geleistet haben. 
Die Feindseligkeit mit den askanischen Markgrafen fand 
endlich auch ihr Ende durch die Vermahlung Heinrichs IV. 
mit Mechthild , der Tochter Markgraf Otto des Langen, 
1288. 

Charakteristik. Regierungsthatigkeit. 

In der That scheint die ruhmwiirdige Zeit Heinrichs des 
Biirtigen in dessen Urenkel noch einmal aufzuleben. Kaum 
minder als in dem Ahnherrn lebte und wii'kte in dem Enkel 
ein kiihn aufstrebender Ehrgeiz, ein gewaltiger, energischer 
Wille, den Schwierigkeiten nicht schreckten, Wechselfalle 
des Scliicksals nicht entmutigteu. Und dabei webt urn 
Heinrich IV. die Romantik einen besonderen Zauber. Er 
ist der glanzendste Vertreter des Rittertums, den Schlesien 
aufzuweisen hat. Seine Zeit hat uns ein BUd hinterlassen, 
welches den ritterlichen Herzog Heinrich von Breslau dar- 

7 * 



100 Zweites Buch. Vierter Abschnitt. 

stellt, wie er auf stolzem Streitrosse, auf dessen Decke als 
Zierat der schlesische Adler rait einzelnen Buchstaben des 
Wortes Amor abwechselt, von seiner Waffen und Banner 
trageuden Dienerschaft iimgeben, in den Schranken eines 
Tm-nierplatzes halt, das lockige des Helms entledigte Haupt 
und den recliten Ai'm zu dem Altan erhebend, den edle 
Frauen zieren, deren vornehmste dem fiirstlicheu Sieger den 
gewonncnen Kranz herabreiclit. 

Und so diirftig unsere Quellen iiber den Herzog sind, 
so beiuchten sie doch auch von Turnieren, die der Herzog 
abhielt ; er liebte glanzende Feste, seine Vermahlung mit der 
askauischen Prinzessin Mechthild ward mit uugewohnlicher 
Pracht gefeiert. Sein Holhalt war glanzend und vermochte 
selbst liervorragende Sanger zu fesseln, deren einer, der 
Tannhauser, von ihm riihmt, wenn er das Gut von tausend 
Fiirsten hiitte, er wiirde es gern und willig verschenken. 
Ja, er zahlt selbst mit unter den deutschen Minnesiingern, 
und obwohl uns niu' zwei Lieder von ihm erhalten sind, so 
sichern ihm diese doch nach sachkundigem Urteile einen 
der ersten Platze in der Reihe der spateren hofischen Dichter. 
Das eine dieser beiden Lieder: 

„Ich klage dir, ISIai, ich klage dir, Sommerwonue, 
Ich klage dir, liebte Heide bx-eit" etc., 

enthalt eine riihrende Klage iiber die Hartherzigkeit der 
Geliebten, mit der zarten Wendmig, dais als die Miichte 
der Natur die Sonne, der Wald, die Blumen und eudlich 
Frau Venus selbst, die er um Beistand angerufen hat, ihm 
versprechen, sie wollten fortan der Sproden alles versagen 
und derselben statt Freuden nur Unlust gewahren, er dar- 
iiber erschrocken seine Bitte zuriicknimmt und lieber in 
seiner Qual sterben -ndll, als die Geliebte von so viel Freu- 
den gesehieden sehen. 

Nicht immer sind die ritterlichen Fiirsten zugleich gute 
Regenten, und eine glanzende Hofhaltung hat oft genug 
eine recht iible Kehrseite, indem sie zerrilttete Finanzen, 
hartherzige Aussaugung des Landes, schranken- und gesetz- 
lose Herrschaft eines iibermiitigen Hofadels, Bedrlickung 
des Biirger- und Bauernstandes uns darsteUt. Anders bei 
Heinrich IV. 

Er ward sehr friih dazu gedrangt, gerade dem Adel 
gegeniiber, der unter der Herrschaft des guten aber schwa- 
chen AVladyslaw in gewisser Weise verwildert war, die 
Wiirde des Landesherrn mit Strenge zur Geltimg zu brin- 
gen. Aufsassige Edelleute waren es ja gewesen, deren Ver- 
schworung ihn in die Haft des Oheims gebracht hatte. So 



Heinrichs IV. Wirksamkeit als Regent. 101 

wie er dieser entledigt war, 1279, zog er die Teilnehmer 
jener Verschworung, soweit er ihrer habhaft werden konnte, 
zu scliwerer Verantwortung, strafte einige durcli liarte Haft, 
andere dui'ch Landesverweisung , imd auch nachdem Konig 
Ottokars Dazwischentreten ihn zum Erlasse einer Amnestie 
gedrangt hatte, ergriff er energische Mafsregeln gegen das 
gesetzlose Fehde- imd Raubwesen des Adels und setzte fiir 
die einzelnen Landesteile Ausnahmegerichte , aus je zwei 
Rittern und zwei Biirgern bestehend, ein, zui' Bestrafung der 
Friedensbrecher, mit der ausdrlicklichen Befugnis, auch Todes- 
strafen zu verhangen. 

Damit schuf er wiederum geordnete Zustande, so dafs ein 
Dichter jener Zeit von ihm singen konnte: „Friede und 
Recht ist ausgesandt von ihm auf seiner Strafse". Schon 
jene Zuziehung des Elementes der Biirgerschaft zu seinen 
Femgerichten zeugt fiir seine Achtung des Biirgerstandes ; 
und es erscheint doch wie der Ausdruck einer biirgerfreund- 
lichen Gesinnung, wenn wir den Herzog (12 81) den Schweid- 
nitzern zusichern sehen, dafs der dortige Erbvogt alle 
Ritter, Sohne von Rittern, Edelleute, Ministerialen , Vogte, 
Schulzen etc. , wofern dieselben Schuldner Schweidnitzer 
Burger seien, vor sein Gericht ziehen und den letzteren 
notigenfalls durch Pfandung zu ihrem Gelde belfen dlirfe, 
oder wenn er (1274) fiir Breslau festsetzt, dafs alle, welche 
innerhalb des stadtischen Weichbildes angesessen seien, 
Ritter, Kanoniker und Ordensgeistliche nicht ausgescblossen, 
zu der zum Zweck besserer Befestigung resp. Ummauerung 
ausgeschriebenen Steuer mit beitragen miifsten. Es ist wohl 
auch mehr als eine blofse_ Redensart, wenn er in einem 
seiner Stadtprivilegien die Uberzeugung ausspricht, das Ge- 
deihen und der Vorteil der Biirgerschaft schlossen das Gleiche 
auch fiir den Landesherrn in sich. 

Ganz besonders wendet er seine Gunst Breslau zu, wie 
er denn der erste Fiirst ist, der seinem Titel: Herzog von 
Schlesien, noch den zweiten: Herr von Breslau, zufiigt, wo- 
durch er unzweifelhaft Breslau als die vornehmste Stadt 
seines Landgebietes anerkennt, moglicherweise zugleich in 
Erinnerung daran, wie die polnischen Fiirsten aus der Herr- 
schaft iiber ihre Hauptstadt Krakau einen gewissen An- 
spruch der Oberherrlichkeit iiber die anderen Herzoge her- 
zuleiten gewohnt waren. Gewifs ist, dafs die Breslauer 
ganz besonders zahlreiche Privilegien von diesem Fiirsten 
aufzuweisen haben, dafs sie von ihm das fiir ihren Handel 
so wichtige, ein besonderes Monopol fiir diese Stadt enthal- 
tende ausschhefsliche Niederlagsprivileg von ihm empfangen 

LIBRARY 
UNIVERSITY OF CATJFORNIA 



102 Zweites Buch. Vierter Abschuitt. 

haben, und dafs eine Periode grofserer Selbstiindigkeit und 
treier Entwickelung, Erschliefsung neuer Quellen des Wohl- 
standes von seiner Ilerrschalt datiert. LFnzweifelhaft haben 
die aufsergewohnlich zalilreichen Privilegien des Herzogs fur 
Breslau dessen Bewohnern ein gut Stilck Geldes gekostet, und 
der Urastand, dafs der freigebige, prachtliebende und unter- 
nehmungslustige Herzog viel Geld brauchte, hat sicher seinen 
Anteil an der Fiille der erteilten Privilegien, aber die Biir- 
ger I'anden schou darin ihreu Vorteil, wenn ihr Landes- 
herr ohne engherzige Riicksichten ihnen fiir gutes Geld 
Freiheit ihrer Entwickelung und dabei einen gewissen raach- 
tigen Schutz geAvahrte, und fiir die grofse Anhiinglichkeit 
der Breslauer gerade an diesen ihren Herzog werden wir 
noch thatsachliche Beweise anzufilhren haben, die es doch 
als wohl begriindet zeigen, wenn ein Zeitgenosse von Hein- 
rich berichtet, er habe mit seinen Unterthanen, ob das nun 
Burger oder Herren, Laien oder Pfaffen gewesen seien, in 
so gutem Verhaltnis gelebt, dais sie allezeit bereit gewesen 
seien, selbst Blut und Leben fiir ihn zu opfern. Der friih 
schon auftauchende Beiname probus, der Biedere, entstammte 
sicher aus Kreisen, wo seine ritterlichen Eigenschaften nicht 
den eigentlichen Mafsstab fiir seine Beurteilung abgaben. 

Der grofse Kirchenstreit. 

Fast das ganze letzte Jahrzehut von Heinrichs IV. Re- 
gierung wird ausgefiillt durcli seinen Kampf mit der geist- 
Hchen Gewalt, bei welchem dem gewaltigen und willens- 
starken Herzoge in der Person des Bischofs von Breslau 
Thomas 11. (1270^1292) ein ebenbiirtiger Gegner gegen- 
iiberstand. Der Bischof hat mannhaft und mit bewunderns- 
werter Ausdauer die Rechte der Kirche verteidigt, und er 
hat unzweifelhaft in vielen Stiicken Recht und gegriindete 
Ursache gehabt, iiber Gewaltsamkeiten seitens des Herzogs 
zu Idagen; aber ebenso gewifs ist, dafs er seiner Sache und 
seinem Rechte schweren Eintrag gethan hat durch die un- 
gebiindigte und riicksichtslose Heftigkeit seines Tempera- 
ments, die ihm viele Herzen entfremdete und einen giitlichen 
Ausgleich aufs iiufserste erschwerte. Es mufsten doch schli)nme 
Dinge vorgekommen sein, wenn die Biirgerschaft der eignen 
Hauptstadt des Kirchenlandes, Neifse, schriftlich ihren Bischof 
als einen Wutenden bezeichnete. 

Die Hauptpunkte , um welche sich der grofse Streit 
drehte, bildete, wenn wir von den nie abreifsenden Zehnt- 
streitigkeiten und den immer sich erneuenden Klagen iiber 



Der Kircheiistreit. lOS 

Gewaltsamkeiten des Herzogs resp. seiner Diener, nament- 
lich bei Gelegenheit etwaiger Kriegszlige, absehen, die strit- 
tige Stellung der Eiuwohner des besonderen Kirchenlandes, 
der Gebiete von Ottmachau und Neifse. Hier war seit den 
Zeiten Bischof Jaroslaws der jedesmalige Bischof von Bres- 
lau Grundherr, ohne jedoch die Landeshoheit zu liaben, auf 
welche der Herzog vielmehr seinen Anspruch aufrecht erhielt. 
Dagegen suchte der Bischof diesem seinem ganzen Lande und 
dessen gesamten Einwohnern alle die Befreiungen zuzuwenden, 
welche filr kirchlichen Besitz iibUeh waren, und es lag auf 
der Hand, dafs, wenn er damit durchdrang, die Rechte des 
Herzogs kaum minder eingeschrankt wurden, wie wenn der 
Bischof die voile Landeshoheit gehabt hatte. 

Heinrich HI., der seiner Zeit um jeden Preis mit dem 
Bischof Frieden zu halten sich bemlihte, mochte hier vieles 
nachgesehen haben, was jetzt von dem Sohne wieder ge- 
fordert zu sehen der Bischof doppelt schwer empfand. 

Dazu kam dann noch ein anderer besonders merkwiir- 
diger Streitpunkt. In alten Zeiten hatte, wie wir oben er- 
wahnten, ein mehr als meilenbreiter Giirtel dichten Waldes, 
in dem man, um ihn noch unzuganglicher zu machen, ge- 
faUte Stamme zwischen den stehen gelassenen Baumen auf- 
geschichtet hatte, der sogen. Hag (preseca), die Grenze ge- 
gen Bohmen resp. Mahren bin bezeichnet, welche von Wartha 
an auf dem rechten Neifse -Ufer nicht gar weit von dem 
Flusse sich hingezogen hatte. Das noch in Herzog Hein- 
richs I. Zeit bestehende Verbot, in dem Grenzhage Baume 
zu fiillen und Land urbar zu machen, war allmahlich aufser 
IJbung gekommen, seit das BedLlrfnis solchen Grenzschutzes 
in den friedlicher gewordenen Zeiten nicht mehr bestand, 
und es waren eine grofse Anzahl neuer Dorfer auf diesem 
ehemahgen Waldlande entstanden, und begreiflicherweise waren 
dieselben, so weit sie zwischen dem neifse- ottmachauischen 
Kirchenlande und der Grenze lagen, zu dem ersteren ge- 
zogen und gerechnet worden. Auf ihren Besitz erhob nun 
aber jetzt Heinrich IV. Anspruch, insofern diese Dorfer auf 
einem von dem Landesherrn zu fortifikatorischen Zwecken 
ausdriicklich vorbehaltenen Grunde angelegt seien. Der 
Gegenstand war wichtig genug, es handelte sich um etwa 
sechzig Dorfer. 

Es scheint allerdings, dafs gerade diese grofsen und 
prinzipiellen Gegensatze erst im Verlaufe des letzten grofsen 
Kirchenstreites in voUer Schroffheit hervorgetreten sind; 
wenigstens finden wir noch im Jahre 1281 den Herzog 
nach Beilegung friiherer Zwistigkeiten in gutem Einver* 



104 Zweites Buch. Vierter Abschnitt. 

nehmen mit dem Bischofe. Diesem letzteren wirkt er eben 
damals von Herzog; Nikolaus, einem natiirlichen Sohne Konig 
Ottokars, der uach des letzteren Tode in den Besitz de& 
damals noch zu Mahren gcrechneten troppauischen Gebietes 
gekommen war, die Abtretung von Zuckmantel nebst dem 
dariiber gelegenen Schlosse Edelstein aus, imd beide Par- 
teien kommen iiberein, ihre sonstigen Streitpunkte dem 
Schiedsspruche des papstlichen Legaten Philipp Bischofs von - 
Fermo zu ilberlassen. Aber das Urteil, welches derselbe 
nun unter dem 10. August 1282 lallt, spricht einerseits dem 
Herzoge thatsachlich jedes Landeshobeitsrecht iiber das 
Kirchenland (abgesehen von einigen besonders namhaft ge- 
machten Notfallen) ab und belastet anderseits denselben mit 
geradezu unerschwinglichen, dem Bischofe zu entrichtenden 
Entschadigungsgeldern , narabch in der Hohe von 5000 
Mark Goldes (etwa 3 Millionen Mark unseres Geldes), von 
denen auch die Hiilfte, auf die der Legat selbst schncll her- 
unterging, noch als ganz mafslos bezeichnet werdeu durfte. 

Es war daher kaum zu verwundern, dafs der Herzog 
diesem Schiedsspruch sich nicht filgen mochte, seine Giiltig- 
keit unter allerlei Vorwanden besti'itt und nach Rom appel- 
lierte ; einer seiner Ratgeber aulserte ganz oifen, der Schieds- 
spruch sei ein Stab von Rohr, welcher dem die Hand 
durchbohren werde, der sich darauf stlitzen wolle. Fast 
zwei Jahre Avartete der Bischof; endlich im Marz 1284 liefs 
er den Schiedsspruch offentlich bekannt machen, was nun 
wieder den Herzog sehr erziirnte. Dem Bischof wurde in 
seiner Residenz auf dem Dom in der unmittelbaren Nilhe 
des Gegners, der damals das alte Schlofs in der nordwest- 
lichen Ecke der Dominsel bewohnte, der Boden zu heifs. 
Ein von Anhiingern des Herzogs gegen einen allzu eifrigen 
Domherrn unternommener Angriff gab Thomas Anlafs, sich 
von Breslau nach dem festen Ottmachau zu fliichten. Von 
dort aus erkliirte er dann den Herzog als dem Banne ver- 
fallen und gehalten, neben jener in dem Schiedsspruche 
festgesetzten unerschwinglichen Entschadigungssumme nun 
auch die gleichfalls ganz unerhort hoch gegriffene Kon- 
ventionalstrafe von 1000 Mark Goldes (etwa 600 000 Mark 
unseres Geldes) zu zahlen. Hierauf erklaren nun unter dem 
15. Mai die Oberen der Stifter und der geistlichen Ritter- 
orden in Breslau und iiberhaupt im Lande des Herzogs, 
sowie eine Anzahl von Pfarrern, sie vermochten im Hinblick 
darauf, dafs des Heinrichs BevoUmachtigte ihnen die An- 
nahme seiner Appellation durch den papstlichen Stuhl nach- 
gewiesen, den Herzog noch nicht als gebannt anzuerkennen 



Der Kirchenstreit. 105 

und cleshalb jede Gemeinschaft mit demselben abzubrechen, 
was ja nicht einmal die Pralaten und Kanoniker des Dom- 
stiftes zu thun geneigt seien. Im Interesse der Kirche flehen 
sie den Bischof an, auf eine baldige Beendigung des Streites 
zu denken. Die Einmiitigkeit^ mit der liier thatsachlich der 
ganze Kegularklerus des Landes dem Bischofe entgegenh'at, 
hatte wohl auf diesen Eindruck machen konnen, und schwer 
fiel auch ins Grewdcht, dais in dieser Opposition auch der 
Name jenes schon erwahnten durch vornehme Abstammung^ 
Gelehrsamkeit und Frommigkeit ausgezeichneten Minoriten, 
Heinrich von Brene, nicht fehlte, der eben jetzt aus Demut 
trotz des vom Papste ausgesprochenen Wunsches den erz- 
bischofliehen Stuhl von Gnesen ausgeschlagen hatte. Aber 
an des Bischofs Hartnackigkeit scheiterte alles, auch die 
Vermittelungsversuche Bernhards von Kamenz, des frommen 
Kanzlers Heinrichs IV., schkigen fehl; Thomas blieb dabei^ 
er konne ohne die schwerste Schadigung der Kirche von 
dem Schiedsspruche der Legaten nicht abgehen. 

Freihch konnte er nicht verhindern, dafs in Breslau in 
den meisten Kirchen der Gottesdienst auch in Gegenwart 
des Herzogs weiter gefeiert wurde, und dafs sogar ein Do- 
minikanennonch Wilhelm, genannt Quaz, bei einer Prozession 
in der Domkirche ofFentHch es aussprach, der Schiedssprucb 
des Legaten sei ungiiltig und der Herzog deshalb nicht als 
gebannt anzusehen, auch in diesem Sinne das auf dem 
Kirchhofe versammelte Volk anredete. Dagegen vermochten 
des Bischofs energische Ermahnungen an die Geisthchkeit 
wenigstens einige auf seine Seite heriiberzuziehen , den Abt 
des Sandstiftes und den Prior der Dominikaner, wie denn 
auch das Domkapitel mit alleiniger Ausnahme von dessen 
Haupte, dem Dompropste Zbroslaw, der test zu dem Her- 
zoge hielt, auf seiner iSeite stand. Sonst bHeb die Mehrheit 
des Klerus, vor allem auch die Weltgeisthchkeit , wo nicht 
in offenem Widerspruche mit dem Bischofe, so doch in einer 
vorsichtigen Zuriickhaltung, jeder FeindseHgkeit gegen den 
Herzog ausweichend. 

Der Herzog verbot jetzt geradezu ihm weitere Mahnungen 
des Bischofs wegen Erfullung des Schiedsspruches vor die 
Augen zu bringen, und wiirdigte den Bischof keiner Antwort 
mehr, wohl aber erhob er jetzt seinen Anspruch auf die 
(oben erwahnten) 65 Dorfer im Neifseschen und lud den 
Bischof in dieser Sache vor das JMannengericht des neifse- 
schen Landes, und als der Bischof gegen diesen Laien- 
Gerichtshof als ihm nicht anstehend protestierte, soil es mit 
dem Kanzler, der den Protest iiberbrachte, zu einer hef- 



t06 Zweites Buch. Vierter Abscbuitt. 

tigen Scene gekommen sein, in der Heinrich jenem das 
Orij^-inal der VoUmaclit gewaltsam entrisseu und ihm dabei 
tliatlich zuleibe zu gehen kauni hatte verhindert Averden 
kiinnen. Er quartierte sich jetzt in des Gegners Hauptstadt, 
Neifse, dauernd ein und angstigte den in dem nahen Ott- 
macliau sich aut'haltenden Bischof mit der Furcht, dort be- 
lagert zu werden. Und als Thomas dann am 30. Juli es 
wagte, die Bannsentenz gegen den Herzog zu erneuern und 
alle Orte, wo derselbe sich auf halten wurde, mit dem Inter- 
dikte zu belegen, war dessen ganze Antwort die, dafs er 
eine glilnzende Versammlung von schlesischen Fursten und 
Edehi nach des Bischofs Hauptstadt Neifse zu einem fest- 
lichen Turniere einhid und nun hier mit den Herzogen von 
Oppeln, Glogau und Troppau, sowie einer grolsen Anzahl 
von Rittern vier Tage hindurch Feste feierte, gleichsam unter 
den Augen des Gegners, dessen Vorrate aufzehrend imd 
seiner Bannstrahlen spottend. Standhaft hielt inzwischen 
trotz der Niihe des Feindes der Bischof in seiner Burg zu 
Ottmachau aus; aber als er im Frllhling 1285 dieselbe ver- 
liefs, um durch eine Reise nach 0})pehi den dortigen Herzog 
womoglich fiir sich zu gewinnen, war Heinrich schnell zur 
Hand, erzwang am 16. April die Ubergabe des Schlosses 
Ottmachau, dessen Befestigungen er bald von Grund aus 
zerstorte, und rilckte dann vor die letzte Burg des Bischofs, 
Edelstein bei Zuckmantel, um audi dieses alien Protesten 
des Gegners zum Trotze einzunehmen, so dafs Bischof Tho- 
mas, aus seinem Lande vertrieben, froh sein mufste, in Ra- 
tibor bei einem der oberschlesischen Teilfiirsten noch eine Zu- 
flucht zu linden. Dieser Mesko, sowie seine Briider Kasimir 
und Primko waren in der That die einzigen unter den 
schlesischen Fursten, welche es mit dem Bischofe noch hiel- 
teu; alle librigen standen rait mehr oder minder Entschieden- 
heit auf Heinrichs Seite. 

Und wiihrend so der Bischof in immer steigende Be- 
drjingnis kam, flihlte er sich doch auch von dem papstlichen 
Stuhle ebenso wie von seinem Metropoliten dem Erzbischofe 
von Gnesen und seinen polnischen Amtsbrlidern im Stich 
gelassen. 

Vergebens hatte er bereits im Juni 1284 in Rom eifrig 
gedrangt, der Papst moge die Sache so bald als moglich 
entscheiden; denn wenn Heinrichs BevoUmachtigter seinen 
Wunsch, die Ernennuug besonderer Richter, durchsetze, sei 
bei der grofsen Macht des Herzogs er, der Bischof, tot 
und die Kirche verloren. Das alles verting iiicht; in Rom 
wirkte das Geld, mit dem Heinrich nicht karg war, und 



Der Kircheustreit. lOT 

die Partei der Minoriten, die mit grofster Entschiedenheit 
zmn Herzog hielten, hatte einflufsreiche Freunde; es wurden 
wirklich besondere Ricliter fiir den Fall delegiert in der 
Person des Erzbischofs von Gnesen, des Abtes von Heinrichau 
und des Archidiakons von Leslau, die dann nun A\dederiim 
zu einem entschiedenen Auftreten gegen den Herzog nicht 
i-echt den Entschlufs fanden. 

Eine gewisse Wendung erhielt die Sache erst dadurch, 
dafs die grofsen nationaleu Gegensatze, welche, wie bereits 
wiederliolt angedeutet wurde^ hier in Sclilesien das Verlialt- 
nis der Deutschen wesentlich bestimmten, sich aiich in 
diesem Streite geltend machten. 

Der erste Anstofs dazu war anscheinend von den Mi- 
noriten gekommen. Bei diesen, die sich ja vorzugsweise 
aus den unteren Volksklassen rekrutierten, kampfte das pol- 
nische Element mit dem deutschen, und es ist uns noch 
ein Brief erhalten, in welchem Konig Ottokars Gemahlin 
Kunigunde ihrer Base Agnes, der Abtissin von Trebnitz, 
Vorwiirfe macht wegen Begiinstigung der deutschen Mi- 
noriten auf Kosten der bohmischen und polnischen. Wah- 
rend des Kirchenkampfes hatte nun das deutsche Element 
die Oberhand gewonnen, und urn dem audi einen aufseren 
Ausdruck zu geben, traten damals (etwa 1284) von zAvolf 
schlesischen Minoritenkonventen acht, nanilich die zu Breslau, 
Brieg, Neifse, Goldberg, Namslau, Sagan, Schweidnitz und 
Lowenberg von der polnischen Kirchenprovinz zur sach- 
sischen iiber, so dafs nur noch die vier Konvente zu Oppeln, 
Ober-Glogau, Grofs-Glogau und Liegnitz bei jener blieben. 

Dieser Vorgang rief bei den polnischen Bischofen eine 
nicht geringe Aufregung hervor, und dieselben richten nun 
von einer im Januar 1285 zu Lenczyc versammelten Pro- 
vinzialsynode aus ein bewegliches Schreiben an den Papst, 
in welchem sie wiederum die alten Beschwerden liber die in 
polnische LandesteUe eingedrungenen Deutschen erheben und 
geltend machen, dafs durch diese ebensowohl der papstliche 
Stulil um den Peterspfennig als die Bischofe um den besseren 
Teil ihrer Zehntrechte kamen, dafs durch sie das polnische 
Volk unterdriickt, geringschatzig behandelt und durch Kriege 
bedrangt, die Freiheit der Kirchen verletzt und die kirch- 
hchen Strafen verachtet Avtlrden. 

Ja die Bischofe giugen bald noch weiter •, sie trugen dem 
1285 neugewahlten Papst Honorius IV. vor, Heinrich IV. 
sei ja ebenso gut wie die iibrigen polnischen Flirsten speziell 
dem heiligen Stuhl unterworfen, um so mehr habe der Papst 
das Recht, wo nicht die Pflicht, gegen den hartnacldgen 



108 Zweites Bucb. Vierter Abschnitt. 

Verachter und Bedriinger der Kirche, der schlimmer als 
Pharao sei, ernstlich vorzugehen, ein materielles Schwert 
gegeu ihn anzuwenden, einen weltliclien Arm gegen ihn zu 
bewaflfnen. Man sieht^ wenn seiner Zeit Thomas I. zum 
grol'sen Verdrusse seiner polnischen Amtsbriider fiir Schlesien 
eben mit Kllcksicht auf die hier vollzogene Germanisation 
eine besondere Praxis in kirchlichen Diugen zugestanden 
hatte, so trieb jetzt der groi'se Kirchenstreit dessen Nach- 
folger wdeder ganz ins polnische Lager, und um diesen Preis 
erkaufte er eifrigen Beistand seitens der polnischen Bischofe. 

Freilich materiell ward zunachst sehr wenig erzielt: 
Heinrich IV. ging mit fm-chtbarer Energie vor. Er belegte 
alles Eigentum und alle Einkilnfte des Bischofs und der 
ihm verbiindeten Domherren mit Beschlag , vertrieb alle 
Pfarrer, welche des Bischofs Edikte zu publizieren und aus- 
zufuhren wagten, und setzte ihm ergebene Geistliche an deren 
Stelle, verbot auf das sti-engste, einem der Anhanger des 
Bischofs Obdach zu gewahren oder ihnen Nahrungsmittel zu 
geben resp. zu verkaufen. Als der Propst von Czarnowanz 
eine Botschaft des Bischofs nach Breslau brachte, ward er 
in dem Kloster seines Ordens bei St. Vincenz von Soldaten 
des Herzogs liberfailen, ausgepliindert und daun aus der 
Stadt getrieben. 

Auch von den durch den Papst ernannten Kichtern 
hatte der eine, der Abt von Heinrichau, aus Scheu vor dem 
Herzoge sich seines Amtes entbinden lassen. Seine Kollegen 
batten nun zwar im Friihhng 1285 die bischoflichen Bann- 
sentenzen bestatigt, und auch Papst Honorius IV. hatte 
unter dem 28. Marz 1285 die feierliche Verkiindigung der 
gegen Heinrich IV. ausgesprochenen Exkommimikation, so- 
wie des ilber sein ganzes Land verhangten Interdiktes be- 
fohlen. Indessen , nachdem sich zur Genlige herausgestellt 
hatte, dafs die kirchlichen Strafen dem miichtigen Fursten 
gegeniiber vollkomraen wirkungslos bheben, woUte das nicht 
allzu viel besagen. Allerdings wufste der Bischof weitere 
Mafsregeln vorzuschlagen. Er riet (unter dem 16. Januar 
1287), der Papst moge die Unterthanen des Herzogs von 
ihi'en geleisteten Eiden entbinden, das Kreuz gegen den 
Herzog predigen lassen und die nachsten Erben Heinrichs, 
die Fursten von Liegnitz und Glogau, zu VoUstreckern 
der papstlichen Urteile ernennen und zwar mit dem Hinzu- 
fugen, dafs, wenn sie sich dieses Auftrags weigerten, andere 
auswartige Fursten damit betraut werden sollten. Aber vor 
solchen Extremen schi-eckte man doch in Rom zuriick, um 
so mehr, da Heinrich sich fortwahrend zum Frieden geneigt 



Der ELirchenstreit. 109 

zeigte und die von deu papstlichen Bevollmachtigten ange- 
knlipften Unterhandlungen nur an der Hartnackigkeit des 
Bischofs scheiterten , obwohl selbst der Erzbischof von 
Onesen ihm zu einer groiseren Nachgiebigkeit riet. Denn 
wahrend der Herzog sich znr Herausgabe des kirch- 
lichen Eigentums und zum Schadenersatze bereit erklarte, 
wollte Thomas jenes Forderung, dafs bis zum voUstan- 
digen Abschlusse des Vergleichs das Interdikt suspendiert 
werden und demgemafs auch die von dem Herzoge be- 
rufenen Pfarrer weiter ihr Amt verwalten sollten, nicht ge- 
wahren. 

An seiner Unbeugsamkeit scheiterten die Unterhand- 
lungen, welche (1287) Herzog Boleslaw von Oppeln im 
Vereine mit dem Bischofe von Samland und dem papst- 
lichen Kapellan Adam ins Werk setzte, ebenso wie die, 
welche dann Herzog Heinrich von Liegnitz versuchte. Im 
Gegenteile ging Thomas immer nur noch weiter, schleuderte 
immer neue Bannstralilen gegen die Anhanger seines Wider- 
sachers und erhob schliefslich unter anderm als Vorbedingung 
jedes Vergleichs auch die Forderung, dafs der Herzog die 
im Kirchenlande (d. h. also wohl auf dem von Heinrich 
beanspruchten Terrain des ehemahgen Grrenzhages) neu 
hergestellten Aussetzungen von Dorfern zu deutschem Rechte 
wieder riickgangig mache, die neuen Ansiedler austreibe und 
die Polen zurilckrufe. 

Das Sclieitern dieser Friedensvorschlage hatte nun ein 
weiteres Voi'gehen des Herzogs zur Folge. Unter dem 
14. April 1287 verlangt er von Herzog Mesko, derselbe 
solle, wofern er sein Freund bleiben wolle, dem Bischof 
nicht langer in seinem Lande eine Zuflucht gewahren, und 
als Mesko zogert, zieht er (etwa im Herbst oder Winter 
1288) selbst mit Heeresmacht gegen ihn und belagert Ra- 
iibor. Dafs die Stadt sich auf die Lange nicht halten 
konnte, lag auf der Hand, und dem Bischofe blieb kaum 
noch etwas anderes iibrig als Ergebung oder der Yersuch 
einer heimlichen Flucht. Bischof Thomas wahlte die erstere, 
die er dann mit grofser Feierlichkeit in Scene setzte. In 
vollem Ornate, umgeben von seinen Domherren, zog er in 
das Lager des Herzogs. Der grofsmiitige Sieger, ge- 
rlihrt durch die endliche Unterwerfung des hartnackigen 
Gegners, kam ihm entgegen, beugte ehrfurchtsvoU das Knie 
vor dem Kirchenfilrsteu , und die langjithrigen ei'bitterten 
Feinde tauschten den Kufs des Friedens aus. Ein darauf 
folgendes langeres Gesprach in der Nikolaikirche besiegelte 
die Versohnung und die Unterwerfung des Bischofs, wie 



l\Q Zweites Buch. Vierter Abscbnitt. 

eine solche ja aus der ganzen Lage der Dinge mit einer 
gewissen Notwendigkeit tblgen mufste. 

HeiDrich I^^ gab, wozu er sich immer bereit erkljirt 
hatte, alles Avieder heraus, was er dem Biscliofe abgenonimen, 
wahrend dieser Baiin vmd Interdikt aut'hob und in die auch 
vom Herzoge erlassene allgemeine Amnestic willigte. Die 
Erledigung der streitigen Punkte hat man unzweitelhaft 
weiteren Verhandlungen und zu erwahleuden Scliiedsrichtern 
vorbehalten, wenn audi vielleicht versohnliche Versicherungen 
bei jener Aussohnung ausgetausclit worden sind. Die Haupt- 
sache vielleicht war, dais von jenen ungemessen hohen Geld- 
anspriichen, iiber welche thatsachlich der ganze Streit ent- 
brannt war, nachdem sie einst, wie wir wissen, jener Schieds- 
spruch des Legaten Philipp von Fermo dem Bischofe zu- 
erkannt hatte, anscheinend gar nicht mehr die Rede gewesen 
ist. Das Fallenlassen derselben bezcugt entschiedener als 
etwas anderes das thatsachliche Nachgeben der geistlichen 
Gewalt. 

Beide Telle griindeten iibrigens nach der Versohnung 
geistlichc Stiltungen, der Bischof ein Kollegiatstift in der 
Stadt, die ihm so lange als Zuflucht gedient hatte, in Ra- 
tibor, und zwar bezeichnend genug zur Ehre des heiligen 
Bischofs Thomas von Canterbury, des standhaften Vorfech- 
ters der kirchlichen Gewalt gegeniiber der des Staates, der 
Herzog ein gleiches zu Ehren des heiligen Kreuzes auf 
dem Territorium der alten furstlichen Burg auf der Bres- 
lauer Dominsel, dessen Kirche noch heute in ihi'cr ursprling- 
lichen Gestalt erhalten ist. Das Stift, reich dotiert, auf fiinf 
Pralaturen und zwolf Kanonikate berechnet, deren Besetzung 
der Herzog dem Bischofe iiberliefs, zeigte von der Frei- 
gebigkeit des Grllnders und wenngleich die umfangliche 
Stiftungsurkunde vom 11. Januar 1288 keineswegs so gefafst 
ist, dais sie etwa, wie dies bei geisthchen Stiftungen des 
Mittelalters sonst nicht ungewohnlich ist, eine bul'sfertige 
Gesinnung des Ausstellers, oder den Wunsch, fiir begangenes 
Unrecht Genugthuung zu leisten, zum Ausdruck brachte, so 
konnte thatsachhch doch Bischof Thomas in den Pfriinden, 
welche ihm die Ratiborer wie die Breslauer Stiftung zur 
Veriiigung stellte, Mittel linden, um Anhanger, welche wah- 
rend des Kirchenstreites um ihre Stellen gekommen waren, 
nun wieder zu belriedigen. 

Erobemng Krakaus. 
Als Heinrich seinen Frieden mit dem Bischofe machte, 
beschaftigten ihn offenbar bereits andere weitaussehende 



Die EroberuDg Krakaus. lit 

Entwiirfe. Waren unsere Quellen nicht so klaglich arm, 
wir wiii'den sicher davon erfahren, dafs miser Herzog die 
polnischen Angelegenheiten mit grofser Aufmerksamkeit ver- 
folgte und nach dieser Seite hin nur auf eine Gelegenheit 
wartete, um in die Ful'stapfen seines Abuherrn Heinricli I. 
zu treten. 

Als er 1288 das Kreuzstift grlindet, erklart er, diese 
Stiftung zu machen speziell zum Seelenlieile seiner ver- 
storbenen Oheime, des Erzbischofs Wladyslaw von Salzburg, 
des Konigs Ottokar von Bohmen und des Herzogs Boleslaw 
vonKrakau, — eine Anfuhrung, die darauf liinzudeuten scheint, 
dais er wie von den beiden ersteren (von Kcinig Ottokar 
hatte er ja die Grafschaft Glatz geerbt) so auch von dem 
letzteren sich als Erben ansab. Dieser Boleslaw von Krakau,. 
der Schambafte genannt, derselbe, dessen Vormundschaft 
einst Heinrich I. gefiihrt, und der zur Zeit der Gefangen- 
scbaft Heinrichs IV. sicli i'iir diesen mit bemiiht batte, war 
1279 Idnderlos gestorben. 

Wenn damals Heinrich IV. sein Erbrecht nicht geltend 
machte, sondern den Thron Krakaus auf eineu Enkel jenes 
aus friiherer Zeit uns bekannten Konrads von Masowien, 
Lesko den Schwarzen, ubergehen liefs, so ist dies wahr- 
scheinlich auf den Wunsch der deutschen Partei in Krakau 
geschehen, AA^elche eben in Lesko einen Beschiitzer erblickte. 
Da nun aber auch Lesko kinderlos blieb, wandten sich die 
Augen der Deutschen ganz naturgemafs auf den ange- 
sehenen schlesischen Herzog als kiinftigen Herrscher. Wir 
diirfen sicher sein, dafs Verbindungen von Krakau aus 
mit den Breslauern wie mit ihrera Herzoge sich ange- 
sponnen batten, denen vielleicht selbst Herzog Lesko nicht 
fernstand. 

In der That bestand in dem sildlichen Polen eine mach- 
tige deutsche Partei ; nicht nur in den damals noch zu Schlesien 
gerechneten, heute galizischen Orten Auschwitz und Zator, 
sondern auch in den Hauptorten des Landes, Krakau und 
Sendomir, sowie der durch ihre Salzbergwerke schon friih 
reich gewordenen Stadt Bochnia bestanden deutsche Gemein- 
den unter deutschem (Magdeburger) Stadtrechte ; und speziell 
in Krakau lag nicht nur der Handel fast ausschliefslich in 
den Handen von Deutschen, sondern auch in den Kreisen 
der gewerbetreibenden Biirgerschaft der Handwerker herrschte 
diese Nationalitiit vor. Vor allem die Kaufmannschaft stand 
in engster Beziehung zu Breslau, und dessen Einwohner 
mufsten einen ganz ungemeinen Vorteil darin erblicken, wenn 
es gelang, in der wichtigsten Station ihres polnischen Handels, 



112 Zweites Buch. Vierter Abschuitt. 

der alten Weichselhauptstadt eine deutsche Herrschaft ein- 
zurichten und fest zu griinden. 

Zu einer darauf zielenden Unternehmung ihren Fiii'sten 
zu ermuntern und ihin filr solchen Zweck die eifrigste Hilfe 
und Unterstiltzung zuzusagen, lag diu'chaus im Interesse der 
Breslauer. 

Am 30. September 1288 starb Herzog Lesko der 
Schwarze, Herzog von Krakau, kinderlos, und dies gab fiir 
Heinrich das Signal zu der Unternehmung gegen Polen. 
Allerdings sclnen auch der junge Bohmenkonig W^enzel II. 
sein Auge auf Krakau geworfen zu haben, und wenn wir 
denselben 1289 einen der oberschlesischen Teill'iirsten , Ka- 
simir von Oppeln, nicht lange nach dem Tode Leskos be- 
wegen sehen, sich der Krone Bohmen zu unterwerfen, so 
scheiut dies eiu Schritt nach Polen liin. 

Sicherheit nach dieser Seite hin suchte Heinrich zunachst 
in einem gegen den Bohmenkonig gerichteten Blindnisse mit 
Wladyslaw von Ungarn; doch mochten die Deutschen in 
Krakau, die Herzogin - Witwe an ihrer Spitze, die Feind- 
schaft gegen den Konig Wenzel, in dem sie gleicht'alls einen 
Beschiitzer ihrer Interessen erblickten, sehr ungern sehen, 
und da einerseits Herzog Heinrich kinderlos war, anderseits 
es diesem ebensowohl wie seinen geti'eueu Breslauern ein- 
leuchten raochte, dais, um die angestrebte Verbindung Ki*a- 
kaus mit Schlesien auf die Dauer den Polen gegeniiber zu 
behaupten, eine grofse Macht notweudig sein werde, so kam, 
wir wissen nicht unter Avelchen Umstanden, schliefslich zwi- 
schen AVenzel und Heinrich IV. ein Vertrag zustande, wel- 
cher dem Bohmenkonig die Nachfolge in den Landen des 
schlesischen Herzogs zusicherte. 

Wahrend nun in Krakau der Adel im Einverstandnisse 
mit dem Bischofe Paul den Vetter des verstorbenen Herzogs, 
Boleslaw von Masowien, zum Nachfolger erwahlt, ruft die 
deutsche Partei Herzog Heinrich IV. um Beistand an. Der- 
selbe eilt herbei, die mJichtige Zunft der Fleischer ofFnet 
ihm die Thore der Stadt, Sulko von Meseritz liefert auch 
die Burg in seine Hande, und in der alten polnischen Konigs- 
stadt gebietet ein deutscher Fiirst. Im Gefiihle einer ge- 
wissen Sicherheit kehrt Heinrich, der jetzt den Titel eines 
Herzogs von Krakau und Sendomir annimmt, nach Breslau 
zuriick, und lalst auch sein Heer, vermutlich mit Zuriick- 
lassung einer Besatzung, in Krakau durch die Herzoge 
Primko von Steinau und Boleslaw von Oppeln nach Schle- 
sien heimfiihren. 

Doch jene Sicherheit erwies sich als sehr triigerisch, 



Die Eroberung Krakaus. 113 

auch die Poleu hatteu im stillen gerilstet, der polnische 
Thronkandidat Herzog Boleslaw im Vereine mit dem Bru- 
der Leskos, Wladyslaw, mit dem Beinamen Lokietek der 
Ellenlange, dessen kleiuer Korper jedocb ein tapferes Herz 
einschlofs, griffen am 26. Februar 1289 das Heer der Schlesier 
bei Siewierz unvermntet an und rieben dasselbe gauz auf. 
Boleslaw von Oppeln ward verwimdet gefangen, dem jimgen 
Herzog Primko bereitete die Wut der Feinde, als er bereits 
-entwaffiiet vor denselben stand, einen grausamen Tod. 

Wladyslaw beeilt sich nun vor Krakau zu riicken und 
gewinnt auch wirkbcb die Stadt. Aber aucb die Schlesier 
riisten ein neues Heer, welches tapfer bis in das Krakauer 
Oebiet vordringt, aber dann zweimal, bei Skala und Swietnice, 
den Sti-eitkraften der Gegner unterliegt. 

Jetzt ergiefsen deren Schwarme samt den barbarischen 
Euthenen, welche in dem Polenheere als Hill'svolker dieuen, 
plilndernd und verwiistend sich liber Oberschlesien. In 
Ratibor wehrt die Tapferkeit der Burger den AngrifF ab, 
-doch bis in die Gegenden von Neifse und Grottkau er- 
strecken sich ihre Raubziige. Aber auch die Schlesier riisten 
von neuem. Wii' sahen bereits, wie Fiirsten aus Nieder- 
und Oberschlesien Heinrich IV. Heeresfolge leisten, und vor 
alien zeigen sich jetzt die Breslauer opferwilHg in einer 
Sache, die ihnen schon ihr Handelsinteresse besonders nahe 
ans Herz legt. Sie stellen allein 3500 Mann und 1200 
AVagen fiir den Transport und aufserdem noch 100 Wagen 
mit Belagerungswerkzeugen, und wahrend den Herzog Hein- 
rich IV. selbst Krankheit an Breslau fesselt , fiihrt sein 
gleichnamiger Vetter von Liegnitz das Heer seines damaligen 
Gegners gegen den Feind und wiederum zum Siege. 

Am Tage des heiligen Bartholomaus , den 12. August 
1289, schlug er die Polen und drang nun unaufhaltsam ge- 
gen Krakau vor. Nachdem viele polnische Hitter gefallen 
sind, wird die Stadt im Sturm erobert, Bischof Paul ge- 
fangen genommen; sein Sclaicksal wiirde auch Wladyslaw 
Lokietek geteilt haben, batten ihm nicht die Minoriten heim- 
liche Fiucht in Monchstracht ermoglicht. Die Herrschaft 
Heinrichs IV. erscheint nun auf die Dauer gegriindet, sie 
wird bezeichnet durch die Aussetzung der Salzstadt Wie- 
liczka zu deutschem (franldscheni) Rechte. 

Aber den Herzog selbst qualte indessen schweres Siech- 

I turn, welches das Geriicht wiederum (wie bei seinem Vater 

und Oheime) auf eine Vergiftung zuriickzufiihren gescbaftig 

"war. In der Johannesnacht (24. Juni) 1290 starb er und 

ward in der schonen von ihm gegrlindeten Kreuzkirche vor 

: Grunhagen, Gescb. Schlesiens. I. 8 



114 Zweites Buch. Vierter Abschnitt. 

dera Hochaltare beigesetzt , wo sich bald eiii stattliches 
noch heute dort vorhandenes Denkmal iiber seinem Grabe 
erhob. 

^lit ihm geht die grofse Zeit der schle«ischeu Geschichte, 
welche eiust am Anfange des 13. Jahrhunderts durch Heiu- 
rich I. begonnen, dann diirch das Unheil des Mungolen- 
einlalls unterbrochen und nun diu'ch Pleinrich IV. erneuert 
Avorden war, zu Ende, die Zeit, wo die deutschen Fiirsten 
Schlesiens einen bestimmenden Einfluls aut" die Gesehicke 
des gesamten Polenlaudes auslibten, und die Hoffnung, die 
Grenzen des von deutsehem Leben eiiilUten, von deutschem 
Einflusse beherrschten Gebietes von der Oder bis an die 
obere Weichsel und ilber dieselbe vorzuscliieben und die 
alte polnische Hauptstadt zu einer Vorburg des Deutschtums 
zu macben, ihrer Eriullung nahegerilckt schien. 

Es Avar fiir derartige Plane A'erhangnisvoll, dais Mechthild 
von Brandenburg ihrem Gemahl keinen Erben besciiert 
hatte, aber wirklicb entsclieidend Avurden erst die hciehst 
merkwilrdigen Vorgange, die am Totenbette Heinrichs IV. 
gespielt haben miissen, und bei denen AAur allerdings nur 
A'on den nach aufsen tretenden Tliatsachen etAvas Avissen, 
Avahrend den Werdeprozefs derselben ein dichter schAverlich 
mehr zu liiltender Schieier bedeckt. 

Heinrich starb, wie bereits erAviihnt, in der Naclit vom 
23. zum 24. Juni 1290. Vom 23. Juni, also streng ge- 
nommen des Herzogs Todestage, datiert nun ein grofses 
Privileg des Herzogs, in Avelchem derselbe unter der aus- 
driickliclien Erklarung, sioli bei gutem Verstande zu be- 
finden, definitiv alle herzoglichen Rechte, d. h. die voUe 
Landeshoheit iiber die Gebiete A^on Neilse und Ottmachau, 
dem Bisehofe von Breslau resp. dessen Nachfolgern abtritt, 
ebenso eine Reihe von bisber strittig geAvesenen Giitern r»st- 
lich A^on Nan;slau, sudlicli von Reiclithal, von denen nach- 
mals der Skorischauer Halt librig goblieben ist, und dazu 
zuriickgiebt „nlle Besitzungen und Giiter, Avelche durch 
seinen Vater, seinen Olieim oder durch ihn bei seinen Leb- 
zeiten unrechtmaisig in Besitz genoramen Avorden seien^'. 

Es kann niemandem entgehen, dais dieses PriA'ilegium 
im Grunde alles aufgab, was der Herzog in dem grofsen 
sechs Jahre hindurch mit solcher Energie geluhrten und 
siegreich zu Ende gebrachten Kirchenstreite behauptet und 
A'erteidigt hatte, unci ganz unerhort ist die zuletzt angefiihrte 
Verfiigung, Avelche so ganz kurz und unbestimmt die Riick- 
gabe aller A'on dem Herzoge selbst oder seinem Vater und 
Oheime jemals der Kirche entzogenen Giiter in Aussicht stellt 



Heiiirichs IV. letzte Verfiigiingeu. 115 

und damit ungemessenen mid in der That kaum erfiillbaren 
Anspriichen Thiir und Thor ofFnet. Wir dlu'l'en so viel als 
ganz unbestreitbar annehmen, dafs eine solche Verleugnung 
aller der Grundsatze, die Heinricli wahrend seiner Regie- 
rungszeit so entschieden ausgesprochen nnd zur Geltung ge- 
bracht hat, denkbar erscheint nur unter der Voraussetzung 
einer vollkommenen Sinnesanderung dieses Fiirsten. 

Indessen wer vermochte zu behaupten, dafs eine solche 
Sinnesanderung angesichts des Todes und seiner Schrecken 
unm(3ghch sei '? A¥ir werden diese Moglichkeit um so we- 
niger von uns weisen konnen, als eine Aufserung seines 
Nachfolgers es bestatigt, dafs Heinrich IV. vor seinem Tode 
und im Hinblicke darauf, dafs er in kurzem vor den Richter- 
stuhl Gottes treten solle, die Plerausgabe der von ihm der 
Kirche entzogenen Besitztlimer befohlen habe. So viel 
scheint festzustehen , dafs das Ohr des Herzogs in seinen 
letzten Stunden Personen offen stand, welche vor allem das 
Interesse der Kirche zu wahren beflissen waren und den 
Sterbenden in diesem Sinne zu sehr weitgehenden Zusagen 
vermocht haben. 

Eine andere Frage ist es, ob mit den uns noch heute 
vorliegenden diese Zusagen enthaltenden Urkunden alles in 
Ordnung ist, ob die Barone, mit deren Zustimmung die- 
selben gegeben worden sein sollen, wirklich zugestimmt haben, 
ob ]e der Kanzler des Herzogs dessen Siegel an diese Ur- 
kunde gehangt hat. Aber wenn dies auch zweifelhaft bleibt, 
so steht doch so viel fest, dafs jenes grofse Kirchenprivileg 
Heinrichs IV. , wii3 wir dies noch weiter sehen werden, 
seinem wesenthchsten Inhalte uach anerkannt worden ist, 
und dafs thatsachlich die Landeshoheit der Bischofe von 
Breslau tiber das neifse - ottmachauische Gebiet auf diesem 
Privilege fufst. 

Aber noch etwas anderes kaum minder Wichtiges hing 
hiermit eng zusammen. 

Es hat ja wohl die Urheber des Kirchenprivilegs locken 

konnen, einen Gemiitszustand , dem man so weitreichende 

Bewilligungen abzugewinnen vermocht hatte, noch weiter zu 

benutzen, und so ist denn von dem Sterbebette Heinrichs IV. 

unter dem Namen eines Testamentes dieses Herzogs noch 

ein zweites Dokument ausgegangen, eine Reihe von Ver- 

tilgimgen enthaltend, die vielleicht noch mehr als die des 

Kirchenprivilegs iiberraschen konnten. 

I Der Herzog vermacht in diesem seinem sogenannten 

i Testamente seine schlesischen Lande und speziell das Bres- 

I lauer Land seinem Vetter Heinrich von Glogau, das Land 



116 Zweites Buch. Vierter Abschnitt. 

Ki'ossen seinem Schwestersohne, dem Landgrafen Friedrich 
von Thiiringen; das Glatzische giebt er dem Konige von 
Bdhjiien zuriick imter der Bedingung, dafs derselbe, ohne 
weitere Anspriiche zu erlieben , des Herzogs Erben in 
Schlesien gegen weitere Angriffe verteidige, Krakau aber 
vind Sendomir an Primko von Grofspoleu. Aulserdera soil 
die Geburtsstatte des Herzogs, die herzogliclie Burg aut' dem 
Dome mit ihrem Umkreise, zur Griindung eincs Nonnen- 
klosters von Cistercienserinnen verwendet werden, welches 
aut" verschiedene namentlich angetuhrte herzogliche Einkiinfte 
in den Gebieten von Nimptsch und 01s fundiert wird. Eine 
Anzahl Legate ausschliefslich fiir geistliche Stiftungen scliliefst 
sicli hier an. Die Ausfiihrung des Testamentes wird dem 
Bischofe iibertragen. 

Dieses Testament darf uns wolil iiberraschen. Wis Avir 
wissen, hatte Heinrich sein Land vertragsmafsig dem Bohmen- 
konig zugesichert ; diesen Vertrag ignoriert die vorliegende 
Urkunde vollstandig. Aber selbst wenn wir annehmen, 
dafs jener Erbvertrag mit Bohmen, dessen Wortlaut wir ja 
nicht kennen, nicht in dem Mafse, wie man wolil glauben 
konnte, bindend gewesen sei, wiirde man immer noch eher 
erwarten, einen andern Vetter des Erblassers, Herzog Hein- 
rich von Liegnitz, den siegreichen Fiihrer seiner Heere, den 
Eroberer Krakaus, zum Universalerben ernannt zu sehen, als 
gerade den Glogauer Herzog, der, so \del wir wissen, an 
Heiurichs IV. UnternehmniTgen nicht den mindesten An- 
teil genommen hat. Vielleicht noch auffallender mufs der 
Verzicht auf Krakau und Sendomir zugunsten eines pol- 
nischen Herzogs erscheinen. Nachdem dieser Besitz erst 
' kui'z vorher mit so Adelem Blutvergiefsen, so grofsen Upfern 
erkauft worden war, hatte eine testamentarische Bestimmung, 
welche den Interessen der deutschen Partei in Krakau 
«benso wenig wie denen der getreuen und opferwilligen 
Breslauer irgend welche Beriicksichtigung gewahrte, etwas 
sehi' Befremdhches. Dieses Testament bringt eben und \ael- 
leicht in noch hoherem JMafse als das Kii'chenprivileg eine 
vollstandige Umkehr, eine ganzliche Anderung aller Gesin- 
nvmgen bei dem Herzoge zum Ausdrucke, eine Verleugnung 
alles dessen, was wir ihn wahrend seiner Regierung er- 
streben und vollfiihren gesehen haben. 

Welche Einfliisse zu einer derartigen Verfugung gedrangt 
haben, darllber kann kein Zweifel obwalten. Dieselbe ist 
nur die weitere Konsequenz des Ku'chenprivilegs und 
steuert augenscheinlich in demselben Fahrwasser; beide Ur- 
kunden sind hervorgerufen durch die Erfahrungen des 



Heinrichs IV. Tod. 117 

grofsen Kirchenstreites und den Wunsch^ solchem ins kiinf- 
tige vorzubeugen. 

Die ilble Folge hatte ja der Kirchenstreit gehabt, dais 
er den Bischof von Breslau wiederum an die Interessen 
der polnischen Pralaten gekettet und in deren Gemeinschaft 
zurilckgedriingt hatte. Diese Bundesgenossenschaft verlangte 
gebieteriscli im nationalen Interesse die Trennung Krakaus 
von Breslau, und dieselbe Rucksiclit ebenso wie der Wunsch, 
nicht wiederum einem allzu machtigen Fiirsten sich gegen- 
iiber zu sehen, verlangte die Ablehnung der bohmischen Erb- 
folge. Die Verdrangung der Aveltlichen Herrscliaft von der 
Dominsel zu Breslau war dann eine weitere gleichfalls durch 
den Kirchenstreit nahegelegte Forderung der Kirche. 

Wie wir im Folgenden noch uiiher sehen werden, ist 
das Testament in seinem ganzen Umfange nicht zur Aus- 
fuhruug gekommen; aber wirkungslos ist es deshalb nicht 
geblieben, vielmehr ist wesentlich infolge dieses Testamentes 
eine Situation geschatfen worden, welche eine Verbindung 
von Breslau und Krakau unter demselben Scepter unmog- 
lich machte und in Schlesien unheilvolle Kampfe und eine 
beklagenswerte Zersplitterung des Landes herbeifuhrte , so 
dafs es in der That schwer fallt, einen Standpunkt zu finden, 
von dem aus man die geistlichen Einflilsse, welche am 
Sterbebette Heinrichs IV. sich geltend gemacht haben, als 
fur die Wolillahrt des Landes erspi'iefsHch ansehen konnte. 



Fiinfter Abschnitt. 

Die Sohne Boleslaws II., Heiiirich V. von Breslau- 
Liegiiitz imd Bolko I. von Schwcidnitz - Jaiier. 



Wir Avissen nicht, welche Verdienste sich Herzog Hein- 
rich von Glogau um die bischofliche Partei erworben, oder 
wodurch er sich bei dieser so beliebt gemacht hat, dafs man 
ihm das schlesische Erbe zudachte; aber gewifs ist, dafs er 
bei dem Tode des Herzogs bereits in Breslau bereit war, 
das Erbe anzutreten. Als Heinrich IV. in der Kreuzkirche 
beigesetzt war, vermutlich am 25. Juni, fand tags darauf in 
derselben Kirche eine feierhche Seelenmesse flir den Ver- 



118 Zweitcs Buch. Fiint'ter Abschuitt. 

storbenen statt, und bei dieser ward daun vor einer Ver- 
sammlung von Vasallen und Vcrtretern der Breslauer Biir- 
gerscliaft das neue grofse Kircheiiprivileg verlesen, oliue 
dais, wie es heifst, sich Widersprucli erhob, und Bischof 
Thonuis bcdrohte jedeu mit dem Banne, dcr fortan diesen 
crlaug-ten Freiheiten zu uahe treten wiirde. 

Bei dieser Versammlung waren, wie es in der vom 
27. Juni ausgestellten ersten Beglaubigung des Kircheu- 
privilegs heifst, zwei der in des Herzogs Testamente zu 
Erben eingesetzten Fiirsten mit anwesend, alio aiifser lleiu- 
rich von Glogau vermutlicli der Landgraf Friedrich; die- 
selben galten also sclion als Erben, wenn wir gleich von 
einer eigentlichen Proklamierung des Testaments nichts er- 
fahren. 

Unsere einzige chronikalische Quelle iiber diese Er- 
eignisse erzahlt den Hergang in folgender Weise: „Kach 
dem Tode des biderben Herzogs gab es einen grolsen Streit, 
indem die einen Heinrich von Glogau zum Herzoge liaben 
wollten, mit Rllcksicht darauf, dafs Heinrich IV. so vor 
seinem Tode in gewisser Weise, wenngleicb nicht vollgliltig, 
verfugt hatte, einige aber ihn nicht mochten, da sie wufsten, 
dafs er nicht eben friedfertig gesinnt sei und, Avie es hiefs, 
nicht zuverlassig in dem, was er sagte." 

Die Breslauer scheinen vom ersten Augenblicke an ent- 
schlossen gewesen zu sein, den Glogauer Herzog nicht anzu- 
erkennen. Sie riisten sich mit dem Aufgebot aller Krafte 
zur Abwehr, bewaffnen die Biirgerschaft und besetzen die 
Thore mit starken Wacheu, fahren Steine darauf und schei- 
nen selbst nach Uberwaltigung der Tliore vor einem 
Kampfe in den Strafsen nicht zuriickgebebt zu sein; vmter 
Androhung schwerer Strafen gebietet der Rat die Bewachung 
der einzelnen Hauser mit Armbriisten und Steinen. Inso- 
fern es kaum zweifelhaft erscheint, dafs der Erbvertrag 
Heinrichs IV. mit Wenzel von Bohmen seiner Zeit unter 
Zustimmuug der Breslauer erfolgt ist, mufsten diese jotzt 
darauf gefafst sein, unter bohmische Herrschaft zu kommen, 
und es ist auch wahrscheinlich, dafs sie, wenn damals der 
Bohmenkonig es verlangt hatte, ihre Huldigung nicht ge- 
weigert hatten; doch nun driingte die Zeit. So nahmen sie 
denn den Liegnitzer Herzog, der sie ja das Jahr vorher zum 
Siege gegen die Polen gefuln-t hatte, als dieser damals nach 
Breslau kam, mit Freuden auf, moglicherweise zunachst nur 
als Fiihrer. 

Mit seiner Ankunft gab Heinrich von Glogau, der bisher 
auf der Dominsel verweilt hatte, fiir jetzt das Spiel auf und 



Heinrichs Y. Kegierungsautritt. 119 

raumte das Feld. Aber audi die bischofliche Partei mochte 
wohl eiiisehen, dafs bei der Stimmung dei' Breslauer es 
kaum gelingen konne, don Herzog von Grlogau hier als 
Herrn einzafiihren, und da, -wemi dies einmal nicht wohl 
erreicbbar schien, die Erbfolge Heinrichs von Liegnitz immer 
noch als kleineres Ubel augesehen werden durfte als die 
bohmische Herrschaft, welche ja doch die den polnischen 
Bundesgenossen besonders verhafste Verbiudung Breslaus 
und Krakaus ermoglicht haben wiirde, so kam es zu einem 
Vergleiche im wesentlichen auf der Grundlage, dafs der 
Bischof das Testament im grofsen und ganzen fallen liefs 
und sich der Succession Heinrichs von Liegnitz nicht wider- 
setzte unter der Bedingung der Anerkennung des grofsen 
Kirchenprivilegs. 

Unter Avelchen ErAvagungen sich die Breslauer in den 
Gedanken gefunden haben, auf die bohmische Erbfolge als 
die einzige Kombination, welche ihnen die Verbindung mit 
Krakau, an der ihnen ja so viel lag, und filr die sie so grofse 
Opfer gebracht batten, zu verzichten, das wissen wir nicht; 
gewifs ist so viel, dafs sie einmiltig Herzog Hemrich von 
Liegnitz als ihren neuen Herrn anerkannteu. Heinrich V., 
wie er sich jetzt nannte, erklart in dem erst en Privileg, 
welches er den Breslauern ausstellte, seinen lieben und ge- 
treuen Biirgern sowie den Vasallen des Herzogtums ver- 
danke er nlichst Gott allein die Erlangung dieses Be- 
sitzes. 

Der Minister Heinrichs IV., der Propst Bernhard von 
Kamenz (in der Ober - Lausitz) , dessen Ratschlagen dieser 
Fiirst, wie wir annehmeu dlirfen, in seinen letzten Lebens- 
jahren vielfach gefolgt ist, scheint sich noch mit weiteren 
Hoffnungen fiir die bohmische Nachfolge getragen zu haben : 
er begiebt sich an den Hof Konig Wenzels, bei dem er 
auch bald zu hohem Ansehen gelangt, und wahrscheinlich 
unter seinem Einflusse lafst sich dieser dann im September 
1290 von seinem Schwiegervater , dem romischen Konige 
Rudolf von Habsburg, sein Erbrecht auf Schlesien und 
Breslau erneuern und diese Lande als Reichslehen sich zu- 
sprechen. 

Weitere Folgen hatte das allerdings jetzt nicht; vielmehr 
scheint es, dafs Wenzel rait dem neuen Herren von Breslau, 
von dem er vielleicht irgendwelche Zusagen fur die Zukunft 
empfangen hat, in ein durchaus freundliches Verhaltnis trat ; 
er sichert ihm und dessen Bruder Bolko, dem er ja, wie 
wir noch anzufiihren haben werden, schon frliher naher ge- 
standen hatte, seinen Beistand gegen etwaige Feinde zu, 



120 Zweites Buch. Fiinfter Abschnitt. 

unter cler einzigen Bedingung, dais die Herzoge die Kosten 
dieses Beistandes zu tragen haben sullen. 

Desto eifriger nahm aber Koiiig Wenzel seine polnischea 
Plane auf, zu deren Durchfiihi'ung nun die Botmiifsigkeit 
der oberschlesist'hen Teill'ursten unerlai'slich schien. Kasimir 
von Beuthen war, Avie wir wissen, bereits seit 1289 Lehens- 
mann der bolunischen Krone, jetzt fanden sich nun im 
Januar 1291 auch dessen beide BriAder, Mesko von Teschen 
und Boleslaw von Oppeln, in Olmiitz bei dcm Konige ein,. 
diesem Heerfolge in dem bevorstehenden Kanipte in feier- 
licher Form auf ein Stllek vom Kreuze Chri:>ti zu geloben. 

Zu dem grofseu Zuge, den dann im August 1292 Konig 
Wenzel gegen Krakau uuternahm, sammelten sich im Landfr 
des Herzogs von Oppeln die bohmischen Kriegsscharen. 
Hier, also wahrscheinlich in Oppeln, Avird Konig Wenzel 
von Markgraf Otto dem Laugen mit dem liittersehwerte 
umgilrtet, und hier nahmen nun auch die oberschlesischeu 
Herzoge ihre Lande feierlich von Bcilunen zu Lehen; ein 
unter Mitwirkung der Schlesier erfochtener vollstandiger Sieg 
iiber Wladyslaw Lokietek, der diesen selbst samt seinem 
Bruder in bohmische Gefangenschaft filhrte, befestigte die 
Herrschaft Wenzels in Krakau. Die Verbindung des Konigs- 
hauses der Premysliden mit den oberschlesischeu Piasten 
ward nachmals int'olge der Vermahlung des bohmischen 
Throntblgers mit Viola, der Tochter Herzog Meskos von 
Teschen (1305), noch enger. 

Die Herrschaft Wenzels ilber Ki'akau hat noch einmal 
starke Anfechtung gefunden durch jeuen Herzog Premyslaw 
von Grofspolen, welchem das Testament Heinrichs IV. die 
Erbschaft von Krakau zugedacht haben sollte. Wenn den- 
selben zu der Zeit, als Heinrich IV. starb, und in der 
nachsten Zeit darauf die Angelegenheiten Pommerellens, wa 
er dem kinderlosen Herzog Mestwin naclizufolgeu Aussicht 
hatte, so in Anspruch nahmen, dafs er damals den Planen 
Wenzels nicht eutgegentrat, so hatte er docli seine Anspriiche 
um so weniger aufgegeben, da er sich des machtigen Bei- 
standes der polnischen Geistlichkeit sicher wufste. Auch 
bei der romischen Kurie sprach flir ihn neben der Befiir- 
wortung durch die polnischen Pralaten die Abneigung gegen 
die bohmische Herrschaft, insofern diese die pjipstlichen An- 
spriiche auf das einst unter den besonderen Schutz des 
heiligen Petrus gestellte Polen und in weiterer Konsequenz 
auch den Peterspfennig in Frage stellen zu kunnen schien, 
und so geschah es denn unter ausdriicklicher Zustimmung 
Papst Bonifaz' VIH., dafs Premyslaw am 26. Juli 1295 



Die letzten Premysliden in Krakau. 121 

von clem Erzbischofe von Grnesen in clem clortigen Dome 
feierlicli zum Konige von ganz Polen und Herzoge von 
Pommern gesalbt unci gekront wurcle. Aber schon am 
6. Februar fiel er von der Hand eines Meuchelmorders, und 
die gesetzlosen Zustande, die jetzt in Polen einrissen, iuhr- 
ten schliefslich dazu^ dais die polnischen Grofsen aucli in 
Grofspolen dem Bohmenkonige mit der Hand der Tochter 
des ermordeten Premyslaw die polnische Eli'one anboteu. 
A^'enzel ward dann auch im Jahre 1300 zu Gnesen feier- 
licli zimi Konige gekront. 

Als eigentlicher Erbe Premyslaws sah sich allerdings der 
cliesem Fiirsten blutsverwandte Heinrich von Glogau an, 
auf eine letztwillige Verfugung desselben sich sttitzend, und. 
wenn derselbe auch als Erbe des polnischen Reiches gegen 
Konig Wenzel nicht das Felcl behaupten konnte^ so ei'langte 
er doch zu dauerndem Besitz einen anselmhchen Teil von 
Grofspolen mit der Staclt Posen und ilber die Warthe hin- 
aus, — ein Besitz, der dann allerdings in der ersten Halfte 
des 14. Jahrhunderts mehr und mehr zusammengeschmol- 
zen ist. 

Inzwischen war, wie wir sahen, in Breslau und Mittel- 
schlesien Heinrich von Liegnitz zur Herrschaft gelangt, ein 
Fiirst, dick von Leibesgestalt, von milder, gerechter und 
freundhcher Sinnesart u.nd dabei trotz der von ihm auf 
verschiedenen Schlachtfeldern gepfliickten Lorbeeren in hohem 
Mafse friedhebend. Aber geracle seine Regierung sollte mit 
Stm'm und Drang sich erfullen. 

In Breslau sah man Aveitere Kiimpfe gegen den Glogauer 
Herzog bestimmf voraus, und eine der ersten Mafsregeln 
Heinrichs V. war eine bessere Befestigung der Stadt da- 
durch, dafs man den Ohlauflufs, der unmittelbar oberhalb 
Breslaus in die Oder miindete, nun (l29i) als Wallgraben 
um die Stadt fiihi'te und erst unterhalb derselben in den 
Hauptflufs sich ergiefsen hefs. 

Beistand und Unterstiitzung hoffte Herzog Heinrich vor- 
nehmlich von seinem Bruder Bolko. Dieser Bolko I. , der 
Begrilnder der Schweidnitz-Jauerschen wie der Miinsterberger 
Herzogslinie , war nur wenig j linger als sein Bruder von 
Breslau, ein tapferer und energischer Fllrst, den Feinden 
furchtbar wie den Ubelthatern im Lande, wo er mit stax'ker 
Hand die Urdnung aufrecht erhielt, der Erbauer zahlreicher 
Burgen zum Schutze des Lancles, den Bllrgern seiner Stadte 
freundlich und wohlgesinnt, so dafs in den Orten am Ge- 
bu'ge, vornehmhch in Schweidnitz, sein Andenken in der 
Tradition des Volkes bis auf den heutigen Tag lebendig ge- 



122 Zweites Huch. Fiinfter Abschuitt. 

blieben ist, wie das kaiun eineiu andern der alten sclile- 
sischen Fiirstcn ziiteil g-eworden ist. 

Der Kut" seiner Tiichtigkeit, seiner Macht, seines An- 
sehens war weit verbreitet, iind der nieifsensche ]\Iarkgraf 
Dietrieb von Landsberg reiste 3 285 selbst nach Schlesien, 
um Bolko sich als Scbwiegersobn zu gewinnen. Derselbe 
batte damals widerstrebend zugeben miissen , dafs seine 
Tocliter Sopbie in dem von ibm gegriindeten Klarenkloster 
zu Weifsenfels den Scbleier nabm, mm AvoUte er wenigstens 
tiir deren Scbwester Gertrud eine Hocbzeit riisten, wie sie 
„seit Abasverus'" Zeiten nicbt geseben worden sei. Aber als 
Bolko nun wirklicb um die Jungfrau warb, zeigte es sicb, 
dafs bei dieser der Hang zum Klosterleben kaum minder 
stark war als bei der Sebwester, und es kam scblielslicb so 
weit, dais Getrud ein Messer ergrifF und sicb damit ibr 
Antlitz so zu entstellen entscblossen zeigte, damit nie- 
mand mebr ibrer begebren solle. Da erklarte Herzog 
Bolko, die Braut dem himmliscben Briiutigam iiberlassen 
zu wollen; wende sie aber ibre Liebe einem andern zu, 
der solle seines Lebens nimmer- sicber werden vor ibm 
(1286). 

Bald darauf vermablte sicb Bolko mit Beatrix , der 
Tocbter ]\Iarkgraf Ottos des Langen von Brandenburg, obne 
dais er jedocb seinem nunmebrigen Scbwager, dem Herzog 
Heinricb IV., niiber getreten ware, dessen Unternebraungen 
er, unabnlicb so vielen auderen sclJesiscben Fiirsten, ganz 
fern geblieben zu sein scbeint. Wobl aber bat ihn sein 
Scbwiegervater, der Vormund Konig Wenzels, mit diesem 
in nabere Verbindung gebracbt. Bei der Unterwerfung 
Kasimirs von Beutben, am 10. Januar 1289, ist er in Frag 
anwesend, und nocb in demselben Jabre scbenkt ibm Konig 
Wenzel zum Zeicben besonderer Huld die Stadt Scbonberg 
mit vier benacbbarten Dorfern, welcbe dann seit dieser Zeit 
von Btibmen getrennt und zu Scblesien gescblagen er- 
scbeint. 

Bolko batte bei der Erbteilung nacb dem Tode seines 
Vaters das Gebiet von Jauer erbalten, wozu dann 1286 
bei dem Ableben seines Bruders Bernbard Lowenberg 
kam, so dafs ibm ein breiter Stricb Landes langs des 
Riesengebirges und bis zu dessen Hobe binaufreicbend unter- 
thanig war. Als dann 1290 sein Bruder Heinricb das um- 
fangi-eicbe Erbe Heinricbs IV. von Breslau antrat, meinte 
aucb Bolko einen ansebnHcben Anteil verlangen zu konnen, 
und bat, wie es den Anscbein bat, als Heinricb die Forde- 
rung zu hoch fand, sicb mit dem auf das Testament 



Herzog Bolko I. 123 

Heinriclis IV. berufenden unci deshalb gleichfalls eiue an- 
sehnliche Abiiadung begehreuden Glogauer Herzog ver- 
biindet und so eine iibermachtige Verbindung hergestellt, 
welclier nun Heinrich V., durch schwere Verwiistungeu des 
Landes und imnier erneute Bedrangnisse schnell miirbe ge- 
macht, wich, und sich zu einer Landesteilung in ziemlich 
grofsem Mafsstabe herbeiliels. 

Bei dieser erliielt nun Bolko die Gebiete von Striegau, 
Schweidnitz , Reichenbach^ Frankenstein, Milusterberg und 
Strehlen, also ungefahr die beiden nachraaKgen Fiirstentiimer 
Sehweidnitz und Miinsterberg; Heinrich von Glogau aber 
die Gebiete von Bunzlau, Hainan, Steinau (welches letztere 
nach Primkos Tode 1289 Heinrich IV. sich angeeiguet 
hattej und dann jenseits der Oder die Gebiete von Guhrau, 
Militsch, Trebnitz, Polnisch- Wartenberg, also den ganzen 
Strich Landes langs der Grenze von Grofspolen hin, wel- 
cher dem Glogauer Herzog zur Arrondierung der von ihm 
wohl schon damals erhoffien poluischen Erbschaft besonders 
begehrenswert scheinen konnte. Diese grofse Landesteilung 
gehort wahrscheinlich noch ins Jalir 1291. 

Als Herzog Bolko seinen neuen Besitz angetreten, er- 
baute er da, wo bei Freiburg aus der Ebene der breiten 
Oderniederung die ersten Hohen des Waldenburger Gebirges 
sich erheben, auf einem Felskegel derselben eine neue Burg 
und verlegte hierher aus der von ihm gegriindeteu Bolko- 
biu'g, nach welcher ja dann auch das dai-unter liegende 
Stadtchen Bolkenhain den Xamen hat, seine Hauptresidenz. 
Er nannte die neue Burg den Fiirstenberg; dieselbe stand 
an der Stella, welche jetzt das wegen seiner romantischen 
Lage so vielfach besuchte Schlofs Fiirsteinstein (und zwar 
das neue Schlofs, nicht die sogen. alte Burg) einnimmt. 
Bolko nahm den Fiirstenberg geradezu in seinen Titel auf; 
er und das ganze Geschlecht, das von ihm abstamrate^ 
nannten sich in den Urkunden Herzoge von Schlesien, HeiTen 
von Fiirstenberg. 

Im Jahre 1292 griindet dann Bolko unfern von Landes- 
hut in Grufsau, wo bis dahin einige Beuediktiner gewohnt 
batten, denen der Herzog ihren Besitz abkaufte, gleichsam 
als Famihenstift seines Hauses und zugleich als letzte Ruhe- 
statte fiir sich und die Seinen, eine Cistercienserabtei , die 
er reich dotierte. Nachdem Briider aus Heinrichau dort 
bereits am 9. August ihren Einzug gehalten, ward am 7. 
und 8. September die eigentliche Griindungsiu'kunde von 
Bolko ausgestellt. Zahlreiche Edle des Landes, auch sein 
Bruder Heinrich V., nahmen an der Feier teil, ein Beweia 



124 Zweites Buch. Fiinfter Abschuitt. 

fur (las wiederhergestellte Einvernehmen der Brilder; der 
Ban des steiueruen Klosters ward 1:296 begounen. 

In der That seheint nach jencr grofsen Abtretung von 
1291 der Friede in Schlesien wiederhergestellt zu sein; der 
Glogauer Herzog hatte selbst versichert, beziiglich seiner 
Ansprilehe belriedigt zu sein. Allerdings war das nicht 
seine Meinung, und er sann darauf, weitere Landabtretungen, 
die er durch oftene Gewalt nicht erreichen konnte, nun dureh 
Hinterlist und Verrat zu erzielen. Eine Gelegenheit dazu 
hot sich ihm bald. 

Unter deni Breslauer Holadel hatte schon in der Zeit 
Heinriehs IV. eine hervorragende RoUe der Marschail Pako- 
slaw gespielt und dieses Ami unter dessen Nachlblger be- 
kleidet. Dieser nun hatte einen andern Adeligen, wenn 
auch vielleicht nicht vorsatzlich, getotet, und mulste sich 
gegen die Klage der Angehorigen des letzteren verantworten, 
that das aber, auf seinen Rang, seine Stellung und die Gunst 
des Herzogs pochend^ in so trotziger und llbermtitiger Weise, 
dais es schwer war, ]\Iilderungsgrunde seiner Schuld zu 
finden, und ubwohl ihn Heinrich, der ihn gern geschont 
hatte, wiederholt mahnte, doch seine Aussagen anders ein- 
zurichteu, blieb er stolz bei dem einmal Gesagten, so dais 
der Herzog endlich nicht anders handeln za konnen glaubte, 
als der Gerechtigkeit freien Lauf zu lassen, die dann den 
Tod des Schiddigen verlangte. So fiel denn das Haupt des 
Marschalls (1292). 

Derselbe hinterliefs fiinf Sohne, deren iiltester, Ludko, 
bereits erwachsen und in den Diensten des Herzogs stehend, 
das schreckliche Ende des Vaters selbst niit erlebt und mit 
angesehen hatte. Ihn zu entlassen, mahnten die Rate Hein- 
riehs, und dieser redete den Jungling an in Gegenwart 
seines ganzen Holes , er habe gesehen , v\'ie der Vater sein . 
Schicksal selbst verschuldet und der Herzog nicht anders 
gekonnt habe, als dem Rechte seinen Lauf zu lassen. Ludko 
moge nun selbst mit sich zurate gehen , ob er glaube es 
fiber sich zu vermogen, wegen jenes Vorfalles ihm, dem 
Herzoge, keinerlei GroU nachzutragen, wo nicht, moge er 
seinen Hof verlassen. Acht Wochen soUe er Bedenkzeit 
haben. 

Xach deren Ablauf aber warf sich Ludko zu des Her- 
zogs Fiifsen und erklarte unter Thriinen, er wisse, dafs sein 
Vater durch eigene Schuld seinen Tod gefunden, und gelobe 
dem Herzoge aus diesem Grunde gegen ihn nie eine Feind- 
schaft zu hegen. Herzog Heinrich bitte er, ihm auch ferner 
ein gnadiger Herr zu sein. Da hob ihn Heinrich geriihrt 



Heinrichs V. Gefangenschaft. 125 

aiif und sprach: „Von nun an werde ich dein Vater sein 
und dir so wolilthun, dafs du und die Deinigen es mil' 
sollt zu danken habeu." In hohen Ehren und in des Her- 
zogs besonderer Gunst und besonderem Vertrauen lebte 
Ludko fortan. 

Aber Abgesandte des arglistigen Glogauer Herzogs fan- 
den doch den Weg zu seinem Ohre, und bei einer person- 
lichen Zusammenkunft mit diesem entflammte derselbe den 
Sinn des Jiinglings zur Eache und verhiefs reichen Lohn, 
wenn ihm Ludko Heinrieh V. in seine Gewalt lief ere. Der 
Verrat ward beschlossen, eine Anzahl unzufriedener Adeliger, 
aufser Ludkos Bruder, Pakoslaw, noch Bogusch von Wiesen- 
burg, ein unwiirdiger Abkommling jenes getreuen Peregrins 
von Wiesenburg, der fiir Heinrieh den Bartigen einst das 
Leben liefs, Jesche von Przilep und Ludwig, Aveiland der 
Schreiber Heinrichs IV., verschworen sich mit Ludko, und 
bei der vertrauensvoUen Sorglosigkeit Heinrichs V. fand sich 
bald eine Gelegenheit zur Ausfilhrung. 

Als um Martini 1293 (November 11) der Herzog un- 
"weit der Breslauer Burg in einem Hause am Oderstrande 
ein Bad nahra, kam ein Haufe Bewaflfiaeter, durch den ge- 
rade sehr seichten Oderarm hindiu-chreitend , auf die Bade- 
stube zu. Wohl gewahrten ihr Nahen die Begleiter des Her- 
zogs, doch dieser glaubte, seit er Ludko erkannt hatte, liber 
die friedliche Ausicht der Kommenden unbesorgt sein zu 
konnen. Als die bewafihete Schar aber dann zum AugrifF 
schritt, konnte von einer Verteidigung der waffenlosen ent- 
kleideten Diener des Herzogs nicht die Rede sein; einer 
derselben biifst den Yersuch, den Fiirsten mit seinem Leibe 
zu schirmen, mit dem Leben. 

Man warf den gefangenen Heinrieh, notdiirftig bekleidet, 
auf ein Rofs und schleppte ihn eilig nach der Burg Sande- 
walde bei Guhrau und von da nach Glogau. Als er, viel- 
leicht in der Hoffhung auf Unteniehmungen zu seiner Be- 
freiung die ihm vorgelegten Bedingungen nicht annehmen 
mochte, verscharfte sein Vetter die Haft und sperrte ihn, 
um den Widerstand zu brechen, schliefslich in einen engen 
Holzkafig, wo er weder stehen noch sitzen noch Hegen 
konnte, bei lebendigem Leibe eine Beute der Wiirmer; da 
gab er nach, und nach sechsmonatUcher Haft kam er frei 
(Anfang Mai 1294), nachdem er einen Vertrag von ganz 
ausgesiTchter Harte unterschrieben i;nd ausreichende Burgen 
gestellt hatte. 

Die hier dem Glogauer Vetter gemachten Abtretungen 
umfafsten die Stadte und Gebiete von 01s, Bemstadt, Namslau, 



120 Zwoites Buch. Fiiiiftcr Abschnitt. 

Konstadt, Kreuzburg, Pitschen, Landsberg-, einschliefslich des 
Pfandbesitzes von Boleslawice in Polen, kurz alles, was Herzog 
Heinrich V. noch ant" dem rechten Oderul'er besafs, bis auf 
einen Streifen Landes in der Breite Von einer halben i\Ieile 
liings des Plusses. 

Ferner mul'ste Heinrich voile Verzeihung den obgenannten 
Verriitern, welche seine Gefangennehmung verursaclit, ge- 
loben, welche ungehindert ihr Besitztum verkaulen und aus- 
wandern diirien, sich auch auf funf Jahre verpflichten, seinem 
Vetter von Glogau gegen alle etwaigen Angreii'er, niit Aus- 
nahme des Konigs von Bohmen, Herzog Bolkos, der Mark- 
gral'en Otto und Albrecht von Brandenburg, des Grafen 
Albrecht von Anhalt und der polnischen Herzoge mit 100 
gerlisteten Ilossen zuhilfe zu kommen, und ebenso wenig 
selbst mit den Verbiindeten des Glogauer Herzogs, dessen 
Bruder Konrad von Sagan oder den oberschlesischen Teil- 
tursten Krieg anzufangen, auch keine Burg an den Grenzen 
seines Vetters anzulegen. Drei seiner Schlosser , Brieg, 
Tietensee bei Grottkau und Rochlitz bei Liegnitz, mulsten 
als Unterptander dem Glogauer Herzoge eingeraumt werden^ 
und 50 Ritter, bei Strale des Einlagers in Breslau, weitere 
Biirgschaft leisten. 

Heinrich V. kehrte als ein gebrochener Mann aus der 
unmensclilichen Halt des Vetters heim •, er hat sich nie wie- 
der ganz zu erholen vermocht. Als er seine Kraf'te ab- 
nehmen und sein Ende herannahen filhlte, bat er seinen 
Bruder Bolko, sich seiner unmlindigen Knaben als Vormund 
anzunehmen. Dieser erkliirte sich bereit dazu, begehrte aber 
als Entgelt das frliher bei der Abtretung des Schweidnitzer 
Gebietes wie eine Art von Enklave von Heinrich zuriick- 
behaltene Zobtenschlofs. Wie unangenehm auch dem Her- 
zoge die neue Forderung war, so bewilligte er sie doch auf 
den Rat seiner Getreuen, nnd nach dieser Seite hin be- 
ruhigt, schlols der schwer gepriilte Furst am 26. Februar 
1290 die Augen und fand im Klarenkloster zu Breslau seine 
letzte Ruhestatte, ein Furst, der wohl ein besseres Schicksal 
verdient hatte. 

Bolko hielt treulich sein Wort und schirmte mit kriif- 
tigem Ann die Miindel. Ja, indem er die Kampfe, in welche 
der Glogauer Herzog mit Wladyslaw Lokietek geriet, klug 
benutzte, gewann er jenem (um 1297) die Gebiete von Hainau 
und Bunzlau Aviederum ab. Das erstere. gab er seinen 
NefFen, das letztere behielt er fiir sich , und weder ist jenes 
von dem Liegnitzer, noch dieses von dem Jauerschen Fiirsten- 
tum fortan wieder getrennt worden. Zwei neu erbaute Bur- 



Heinriclis V. Eude. Bolkos 1. Regentschaft. 127 

gen, Klitschdorf bei Buuzlau unci Kotzenau, einige Meilen 
nordlich von Hainan mufste die neuen Erwerbungen schlitzen. 
Es war seine Art, den Schutz des Landes durcli neue Be- 
festigungen anzustreben, so erneuerte er in seiner Mlindel Ge- 
bieten die Befestigungen von Brieg, Grottkau und Nimptsch. 

Offenbar war es ein Regent, der Ordnung im Lande 
hielt. Er ist der erste schlesische Fiirst, von dem berichtet 
wird, wie er die Einklinfte und Leistuugen der Unterthanen, 
die Lehendienste, genau habe verzeicbnen lassen. Die ge- 
ordneten Zustande, die er so schuf, trugen auch ihre Friichte: 
die Welt spracli von den Scbatzen, die er in den festen 
Gewolben der Bolkoburg sammle ; aber auch fiir die Mlindel 
lullten sich die Gewolbe des Liegnitzer Schlosses. 

Er war den Biirgern freundlich gesinnt, und reiche 
Privilegien gewahrte er den Stadten, wo er das Ansehen 
der stadtischen Obrigkeiten streng aufrecht hielt. Als die 
Burger seiner Hauptstadt Schweidnitz ihr Stadtrecht denen 
von Ratibor mitteilen, berichteten sie mit einem gewissen 
Stolze das Wort ihres Herzogs, er rechne sich zu den fiinf 
Ratsherren als sechster, und wer den Rat schelte, greife da- 
mit auch ihn an. 

Aber auch die Stadte durften nicht vergessen, dais er 
ihr Oberherr sei, und als in der Zeit seiner vormundschaft- 
lichen Regierung die machtigen Breslauer, denen er aller- 
dings nicht geringe Lasteu auferlegte, ihm zu widerstreben 
wagten, fiihrte er ein so stattliches Heer gegen sie, dais sie 
aul schnelle Unterwerfung zu denken Grund batten. 

Zum Zeicheil derselben und zur Warnung fur das kiinf- 
tige zwang er sie dann, ein Stiick ihrer Stadtmauer einzu- 
reil'sen und hielt dann durch diese Bresche, wie weiland 
Friedrich Barbarossa in Mailand, seinen Einzug in die ge- 
demiitigte Stadt. 

Am 9. November 1301 starb Bolko I., offenbar einer 
der bedeulendsten Fiirsten, welche die Reihe der schlesischen 
Piasten aufzuweisen hat, die „ Krone Schlesiens", wie ihn die 
Jahrbilcher von Griifsau nennen. Die Gruft in seiner neuen 
Griinduug Griifsau nahm seine sterblichen Uberreste auf. 
Sein Name lebt in den Traditionen des Volkes bis auf den 
heutigen Tag, und die Sage, welche die Ruinen auf den 
Htihen unseres Gebirges umspinnt, hat viel mit ihm zu thun, 
Seine Herrschaft zersplitterte sich nach der verderblichen 
Sitte der Piasten durch Landesteilung unter drei Sohne. 



128 Zweites Buch. Scchster Absclmitt. 

Sechster Abschnitt. 
Schlesieii komint an Bolimeu. 



Das damalige Schlesien bis zur Neifse, also abgesehen 
von Obersclilesien, hatte durcli die gewaltigen Besitzverande- 
runffeu nach dem Tode lieinrichs IV. etwa die Gestalt an- 
genommen, dafs es in seiner Langenriclitung von Nordwest 
nach Sildost in drei durchgeliende, parallele, nicht eben breite 
Straiten geteilt erscheint, von denen der zunachst der pol- 
nischen Grenze sich hinziehende den Glogauer Herzogen, 
der mittlere der Breslau - Lieguitzer Linie, der am Gebirge 
dem Stamme Bolkos gehorte. Der mittlere war -snelleicht 
der kleinste, umfafste jedoch die fruchtbarsten vind bevcilkert- 
sten Gebiete. 

Bolko hatte von 1296 an liber zwei dieser Gebiete ge- 
boten; aber als er starb, ward nun auch in seinem Gebiete 
eine vormundschaftliche Regierung notwendig, da auch er 
nur minderjahrige Knaben liinterhefs. Hier fiel die vor- 
mundschafthche Regierung ohne weiteres seinem Schwager, 
dem Askanier, Markgrafen Hermann von Brandenburg, zu, 
den wir dann auch mehrfach teils selbst, teils durch einen 
von ihm eingesetzten Hauptmann, Hermann von Barby, Re- 
gierungshandlungen vornehmen sehen, bis etv\'a 1308 der 
alteste der Sohne Bolkos, Bernhard, die Regierung selbst zu 
iibernehmen vermag. 

In Breslau hatte man unmittelbar nach dem Tode Bolkos 
im Rate daran gedacht, den Konig von Bohmen um Uber- 
nahme der Vormundschaft zu bitten. Es mufs bei dieser 
Gelegenheit zu sehr heftigen Debatten gekommen sein, bei 
denen ein Gegner jenes Vorschlags, Walther de Pomerio, 
sich soil zu der Drohung haben hinreifseu lassen, er werde 
den Konsuln und besonders dem Konsul Nikolaus Hellen- 
brecht sowie dem Stadtschreiber Peter die Beine entzwei- 
schlagen, wenn sie an den Konig von Bohmen schrieben. 

Es ist dies die erste Gelegenheit, wo uns der Name 
eines Breslauer Stadtschreibers zugleich mit einer Andeutung 
uber die politische Richtung, die er verti'itt, begegnet. Mit 
diesem Amte mufste sich naturgemafs gegenilber dem jahr- 
lichen Wechsel der Ratsherren ein sehr bedeutender Einflufs 
verbinden, der uns, wenigstens in spaterer Zeit, die Stadt- 
schreiber als die thatsachlichen eigentlichen Leiter des Bres- 



Yormuudschaftliclie Regierungen. 129 

lauer Gemeinwesens ansehen liifst. Die laier tins vorliegeiide 
Notiz iiber die politischen Absiehten, die der Stadtsclireiber 
Peter (im Arate von 1299 — 1320) in Ubereinstiramung mit 
dem damaligen Haupte des Rates Nikolaus Hellenbreclit ver- 
folgt, hat fiir uns ein um so grofseres Interesse, als der hier 
geplante Anschlufs an Bohmen thatsachlich dem entspricht, 
was wir bei spaterer Gelegenheit von den Gesinnungen des 
Rates erfahren und welches deutlich zeigt, wie man in diesen 
Kreisen die Uberhefernngen aus der Zeit Heinrichs IV. treu 
festhielt, vor allem die Idee der pohtischen Verbindung mit 
Krakau, welche sich ja jetzt nur noch iinter dem gemein- 
samen bohmischen Scepter verwirklichen zu lassen schien. 

Dafs man damals, um die Wende des Jahres 1301, fiir 
den Augenblick den Gedanken jenes Anschlusses aufgab, 
haben wohl weniger.die brutalen Drohungen der gegnerischen 
Partei, als die Erwagung bewirkt, dafs Konig Wenzel, der 
zu jener Zeit den grofsen Plan, die Krone von Ungarn fiir 
seinen Sohn zu gewinnen , eifrig betrieb , zur Wahrung der 
Breslauer und schlesischen Interessen schwerlich recht Mufse 
finden wiirde. 

Auch fand sich zur Ubernahme der Vormundschaft in 
nachster Nahe eine Personlichkeit, welche wohl fiir geeignet 
gelten konnte. Es war namlich zehn Tage nach Bolko 
1301 auch der Breslauer Bischof Johannes Romka, der 
Nachfolger jenes oft erwahnten streitbaren Thomas II. (gest. 
1292), gestorben, und walirend bei Johannes' Wahl noch der 
Einflufs des polnischen Metropoliten sich sehr geltend ge- 
macht hatte, hatte jetzt die deutsche Partei des Kapitels 
obgesiegt und in der Person des Kanonikus Heinrich von 
Wiirben den Sprossen eines altschlesischen Adelsgeschlech- 
tes, das, wenn auch urspriinglich polnischer Abkunft, doch 
fiir germanisiert gelten durfte, zum Bischofe gewahlt. 

Die deutsche Partei des Domkapitels hatte, wie wir das 
ja noch weiter sehen werden, enge Verbindungen mit den 
Breslauer Patriziern wie mit dem deutschen Hofadel des 
Landes, und so konnte sich wohl die Berufung des Neu- 
gewahlten zum vormundschaftHchen Regenten fiir den Augen- 
blick empfehlen, wenn auch vielleicht bereits damals die 
Meinung obwaltete, sobald es irgend anginge, auf den An- 
schlufs an Bohmen zuriickzukommen. 

Jedenfalls hat diese Regentschaft niu- ein Jahr gedauert, 
und schon deshalb fallt es uns schwer, den iiberlieferten 
Vorwurf, als habe Bischof Heinrich durch eine verschwende- 
rische Regierung den von Herzog Bolko fiir seine Miindel 
aufgesammelten Schatz, der an 16 000 Mark betragen haben 

Grunhagen, Gesch. Schlesiens. I. 9 



130 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. 

soil, ziim grofsten Telle verbraiicht, fllr walir zu halten. 
Wenn ein derartiger Schatz wirklich da war und schnell 
dahinschwand, so ist es ungleich wahrscheinlicher, dais der 
junge Herztig Boleslaw mit seinen verscliwenderischen Nei- 
gmigen, mit seinen mannigfachen Kriegsziigen, den kost- 
spieligen Keisen nach Prag u. s. w. fiir die Unterbringung 
des Geldes gesorgt hat, aber dann eifrig bemiiht gewesen 
ist, den grolsten Teil der Schuld auf li'emde Schultern zu 
walzen. Aus der Zeit von Bischof Heinrichs Regentschaft 
erfahren wir von erhohten Anforderungen an die Breslauer 
nur, dafs er 100 Mark von ihnen heischt, als es sich darum 
handelt, die Burgen widerspenstiger oder rauberischer Ritter- 
in den Landen der jMiindel zu brechen. 

Der Gedanke eines Anschlusses an Bohmen war in- 
zwisclien in keiner "Weise aufgegeben worden, und bereits 
wiihrend des Jahres 1302, wo der Bischof die Vormund- 
schaft filhrte, und unzweifelhaft ira vollsten Einverstjindnisse 
mit diesem, vielleicht sogar auf dessen Anregung, Avar der 
alteste Sohn Heinrichs V., Boleslaw, damals erst elf Jahr alt, 
mit seiner Mutter an den Prager Hof gegangen, und dort 
von Wenzel mit seiner sechsjiihrigen Tochter Margarete 
noch in demselben Jahre verlobt worden. Damit iibernahm 
dann der Konig auch zugleicli das Amt der Vormundschaft ; 
von ihm eingesetzte Hauptleute, und zwar zuniichst der 
schlesische Edelmann Friedrich von SchafFow, der ubrigens 
auch kurz vor- und nachher in Polen und Pommern ala 
Statthalter waltet, fiihren hier in Breslau 1303 und 1304 
die Regierung, und namentlich jener Schaffow hat hier in 
Breslau strenge Ordnung gehalten, wie die aus seiner Zeit 
noch erhaltenen Statuten bezeugen; selbst von einem Fem- 
gerichte, einem vorzugsweise auf Rauber und Friedensbrecher 
gemllnzten Ausnahmegerichtshofe , wie ein soldier zu ver- 
schiedenen Zeilcn in Schlesien uns entgegentritt , erfahrei 
wir damals. 

Von besonderera Literesse fiir uns ist es aber, wahrzu- 
nehmen, dafs Konig Wenzel, indem er die Vormundschai 
ilber den jungen Herzog Boleslaw, dem er seine Tochtei 
zugesagt, iibernimmt, sich zugleich entschlossen zeigt, die! 
Ausdehnung seiner Herrschaft auch liber Schlesien ernstlichl 
zu betreiben. Der deutlichste Beweis dafiir ist, dafs erJ 
durch seinen Miindel sich schon unter dem 8. Januar 130Sj 
alles das Land jenseits der Oder, welches einst Herzog j 
Heinrich von Glogau dem Breslauer Vetter durch eine un- 
gerechtfertigte Haft abgedruugen und seitdem occupiert hatteJ 
abti-eten lalst. 



Ausgang der Premyslideu iu Bohmen und Poleu. 131 

Eine Geltendmachung dieser Anspruche hinderte nun 
allerdings zunachst der Krieg, in welchen Wenzel mit dem 
romischen Konig Albrecht I. 1304 geriet, bei welchem dann 
auch die Ansprtiche des Bohmenkonigs auf Schlesien gegeu- 
iiber der von dem Reiche festgehaltenen Oberlehenshoheit 
in Frage kamen. In dieser Angelegenheit ward bei dem 
Frieden zu Nurnberg 1305 der entgultige Austrag einem 
Schiedsspruche des Grafen Berthold von Henneberg vmd 
des Burggrafen Burghard von Magdeburg iiberlassen. 

Als jener Friede geschlossen war, weilte Konig Wenzel 
bereits nicht mehr unter den Lebenden. Am 21. Juni 1305 
hatte ein friiher Tod ihn im Alter von 34 Jahren binweg- 
gerafft. Sein einziger Sohn imd Erbe, Wenzel III., behielt 
Schlesien wohl sehr bestimmt im Auge; er vermiihlte sich im 
Jahre 1305 mit Viola, der Tocbter Herzog Meskos von 
Teschen, aber bevor der librigens mehr ungezligeltem Lebens- 
genusse als politischen Interessen nachstrebende Jiingling sich 
zu einer ernstlichen Aktion aufgerafft hatte, traf ihn am 
4. August 1306 der Dolch eines Meuchelmorders auf den 
Tod. Der Stamm der Premysliden ging mit ihm zu Ende, 
und Schlesien war wieder auf sich selbst angewiesen. 

Am schwersten traf dieses Ereignis die Krakauer deutsche 
Gemeinde. Wie sehr bier das deutsche Element die Ober- 
hand hatte, mogen wir aus der Thatsache entnehmen, dafs 
alie Aufzeichnungen des Stadtbuches damals in deutscher 
Sprache erfolgten; der Vogt Albert, der zugleich das wich- 
tige und eintragliche Amt eines Oberdirektors der Salzberg- 
werke bekleidete , • iibte einen Einflufs , der weit iiber die 
Grenzen des stjidtischen Weichbildes hinausging. Aber nach 
dem Ausgang des Premysliden hatte die Stadt sich Wlady- 
slaw Lokietek unterwerfen mlissen und litt jetzt schwer unter 
der Abneigung gegen das Deutschtum, welche der Herzog 
imd mehr noch seine Gemahlin Hedwig zu verhehlen sich 
kaum die Miihe gaben. Da diesen aufserdem auch Gewalt- 
thatigkeiten gegen die Geistlichkeit verhafst machten, ent- 
fachte sich im Jahre 1312 gegen ihn ein Auf stand, in den der 
Vogt Albert, sein Bruder und Heinrich, Propst von Miechow, 
und auch, wie es scheint, der Bischof von Krakau, Jo- 
hannes Muskata, ein geborener Schlesier, verwickelt waren, 
und an dem die ganze deutsche Bevolkerung mit Eifer teil- 
nahm. Wladyslaw mufs die Stadt raumen, vermag sich 
aber in dem Schlosse jenseits des Weichselarmes zu be- 
haupten. Die Deutschen wenden wieder ihre Blicke auf 
Schlesien und rufen Herzog Boleslaw von Oppeln herbei, 
der auch etwa im April erscheint und offene Thore, freudige 

9* 



132 Zwcitcs Buch. Sechster Abschnitt. 

Authahme Hndet. Aber derselbe verliert bald die Lust, den 
schweren Kanipf mit Wladyslaw zu bestehen, seit er wahr- 
niramt, dais das Haupt der Krakauer, der Vogt Albert, 
eigentlich den Plan hat, die Stadt unter die Ilerrschat't des 
Bohmenkonigs Johann zu bringen. Er setzt Albert ge- 
fangcn, schlielst aber bald, nachdem er nur zwei Monate in 
Krakau geherrsclit, mit Wladyslaw eine Kapitulation ab, 
die ihm t'reien Abzug sichert. Den Vogt fiihrt er mit sich 
und halt ihn noch fiinf Jahre lang in Haft. Wladyslaw 
ahndete schwer den Aufstand, liefs die Hiiupter unter Martem 
hinrichten, setzte einen neuen Rat ein und trat auch den 
Deutschen gegeniiber noch viel entschiedener als friiher auf. 
Vera November des Jahres 1312 verschwindet die deutsche, 
Sprache fiii' immer aus den Stadtbiichern von Krakau. Die 
Stadt ging fiir das Deutschtum verloren. 

Inzwischen hatte in Breslau vom Jahre 1305 an Bole- 
slaw bereits Urkunden ausgestellt, und die dortige Aristo- 
kratie verstand es wohl, von dem chronischen Geldbedtlrf- 
nisse des jungen Fiirsten ansehnhche und zahh-eiche Privi- 
legien zu erlangen; doch mochte es Biirgern und Vasallen 
ratlich erscheinen, seiner Jugend einen erfahrenen Beirat 
zur Seite zu setzen, und so sehen wir denn 1308 Bischof 
Heinrich wiederum als Vormund, d. h. als Vertreter der 
Interessen der beiden minderjahrigen Briider Heinrich und 
Wladyslaw thatig. 

Boleslaw hatte fur die Mitgift seiner Gemahlin das Trop- 
pauer Land wahrscheinlich von Heinrich von Karnthen, 
seinem Schwager, der nach Wenzels HI. Tode zunachst die 
Herrschaft iiber Bohmen und Mahren erhielt, zu.m Unter- 
pfande empfangen (1309), und in diesen Pfandbesitz dann 
auch zum Ausgleiche anderweitiger finanzieller Verpflich- 
tungen seine beiden Briider mit eintreten lassen. Doch hat 
Johann von Luxemburg, der seit 1310 seinen Schwager 
Heinrich aus der Herrschaft iiber Bohmen verdrangt, um 
1313 jene Pfandschaft wieder eingelost und 1318 das Her- 
zogtum Troppau als Lehen an Nikolaus gegeben, den Sohn 
jenes gleichnamigen Fiirsten, der als natiirlicher Sprofsling 
weiland Konig Ottokars die Landschaft bereits zeitweise be- 
sessen. 

Die Thatsache gewinnt eine besondere Bedeutung da- 
durch, dafs diese Landschaft, zu der aufser Troppau auch 
die Gebiete von Jagerndorf und Leobschiitz gehorten, eben 
durch jene Verleihung von der Markgrafschaft Mahren, 
ihrem eigenthchen Stammlande, geschieden und nachmals 
gleich den iibrigen oberschlesischen Herzogtiimei-n zu Schle- 



Landerzersplitterung in Schlesien. 133 

sien gerechnet wurde, so clafs eine weseutliche Erweiterung 
der schlesisclien Grenzen damit zusammeiihangt. 

Aus Breslaii erfahren wir von Boleslaw zu der Zeit, wo 
er allein regierte, von kriegerischen Versuchen, dem Glo- 
gauer Oheim das dem Vater abgedrungene Land wieder 
abzunehmen (1306), aber nichts von Erfolgen derselben. 
Eine gilnstigere Gelegenheit dalur konnte sich bieten, als 
1309 der machtige Heinrich I. von Glogau die Augen schlofs 
und seine Lande, zu denen damals ja noch ein grofser Teil 
von Grofspolen mit den Hauptstadten Posen, Gnesen und 
Kalisch gehorte, unter filnf grofstenteils noch unmundige 
Sohne geteilt werden sollten. AUerdings schuf man, um 
grofserer ZerspKtterung vorzubeugen, bei der Erbteilung von 
1312 nur zwei grofsere Anteile, einen westliclien mit Posen, 
Steinau, Sagan, Griinberg, Krossen (von Glogau, Freistadt, 
Beuthen, PoUcwitz, Primkenau, welche Orte zum Leibgedinge 
der herzoglichen Witwe Meclitbild geliorten, hatte man dabei 
ganz abgesehen), und einen ostlichen mit 01s, Kalisch, Gnesen, 
Wohlau. Jener fiel den Briidern Heinrich, Johann und 
Primko zu, dieser Bolko und Konrad, und aus ihm vor- 
nehmlich hat sich das grofse Herzogtum 01s entwickelt, in 
welchem dann von jenem Konrad abstammende Ftirsten, 
die fast ausnahmslos diesen Namen fiihrten, bis zum Er- 
loschen des Stammes am Ende des 15. Jahrhunderts ge- 
herrscht haben. 

Das ganze grofse Landgebiet haben die Fiirsten nicht 
zu behaupten vermocht; die ausehnlichen grofspolnischen 
Gebiete sind im Laufe des 14. Jahrhunderts eines nach dem 
andern abgebrockelt ; im Norden drangte der machtige as- 
kanische Markgraf Waldemar. 1318 gebot er auf Grund 
alter Pfandanspriiche in Sagan, 1319 zwang er schon wie- 
der zu neuen Abtretungen auf grofspolnischem Gebiete, und 
erst sein Tod in demselben Jalire liefs die bedrangten Her- 
zoge wieder freier aufatmen. 

Und auch die Breslau - Liegnitzer Herzoge lernten es, 
ihren Vorteil den Vettern gegeniiber wahrzvmehmeu. Zwar 
scheint die Fehde, welche Boleslaw nach Heinrichs I. Tode 
1309 mit den Glogauern begann, keinen Erfolg gehabt zu 
haben, wohl aber fanden sich Konrad von 01s gegeniiber 
Mittel zu Landerwerbungen. Dieser hatte seine Lande mit 
einem Bruder, der den Namen Boleslaw filhrte, zu teilen, 
und ihn hatte Boleslaw von Liegnitz vornehmlich durcli 
Geldvorschiisse sich verpfhchtet und in eine gewisse Ab- 
hangigkeit gebracht. Bereits in der erwahnten Teilungs- 
urkunde der Glogauer von 1312 ist von Schulden undVer- 



134 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. 

plandungen an die Breshiuer Herzoge die Rede. 1314 er- 
wirbt Ileinrich VI. von Breslau, gegen Zahlung einer Greld- 
suuime, das oderabwarts von Breslau gelegene Schlofs und 
Stildtchen Auras, 1317 linden wir Boleslaw von Brieg im 
Besitze des mitten in dera Olser Anteile gelegenen Stadt- 
chens Prausnitz, und urns Jahr 1321 bildet sich ein lorm- 
liclier Bund gegen den Herzog Konrad von Ols. Boleslaw 
vcrmoclite aulser seinem Bruder Heinrich auch noch den 
Polenkonig heranzuziehen , welcher ja mit den Fiirsten der 
Grlogauer Linie wegen deren Anspriichen auf Grrolspoleu in 
bestandiger Feindscliaft lebte, und ebenso den Herzog Bolko 
von Oppeln, dem er von den Landen Konrads das Stlick 
zwischen Stober und Oder, also im wesentlichen das Gre- 
biet von Rosenberg, versprach. AUerdings gelang es Konrad, 
den im Grunde friedlich gesinnten Heinrich von Breslau 
von dem Biinde abzaziehen, und von diesem nicht uur die 
Hand seiner Tocbter Elisabeth, sondern auch eine Geld- 
summe zu erlangen, fur welche er zuerst seine Hauptstadt 
Ols und anstatt deren dann das Gebiet von Trachenberg ver- 
pfanden muls; aber um so schlimmer setzten ihm die anderen 
Teilnehmer des Bundes zu; das rechte Oderufer ward von 
den Polen wie von den Scharen Boleslaws schwer verwlistet, 
auch das Kloster Trebnitz arg geschadigt, und Konrad 
mufste sich 1323 zu einem von Konig WladyslaAv vermittel- 
ten Frieden bequemen und diesen mit einer grofsen Ab- 
ti'etung von Boleslaw erkaut'en, welche dann Namslau, 
Krcuzburg und Pitschen umfafste und natiirhch auch das 
Rosenbergische dem Oppelner Herzoge liefs. Datiir hatte 
ihn der Tod seines Bruders Boleslaw 1322 in den alleinigen 
Besitz seines immer noch ansehnlichen Landanteiles auf dem 
rechten Oderufer (die Herzogtiimer (,)ls und Wohlau um- 
fassend) gesetzt. 

In Breslau war im Jahre 1311 eine Teilung zwischen 
den drei Brlidern in der Weise verabredet worden, dafs 
drei Anteile gebildet wurden, Liegnitz, Breslau und Brieg, 
von denen der letztere den anderen an Wert so weit nach- 
stehend erachtet wurde, dafs man fiir ihn noch eine Geld- 
entschadigung hinzufiigte, welche angeblich sich auf 32 000 
Mark von Liegnitz (das wegen der in diesem Gebiete be- 
triebenen Goldgewinnung fur besonders reich gait) und auf 
1 8 000 von Breslau behef Gerade aber nach diesem An- 
teile griff Boleslaw, der als der Alteste zuerst zu wahlen 
hatte, um seiner Geldnot willen. Heinrich, der Breslau 
sich erkor als Herzog Heinrich VI. , setzten Vasallen und 
Burger bald in den Stand, die Entschadigung an Boleslaw 



Die Sohue Herzog Heinrichs V. 135 

2U zahlen; doch Wladyslaw von Lieguitz brachte die ihm 
^uferlegte Summe iiicht auf, und er mulste deshalb dem 
Bruder Liegnitz verpfanden und sich dessen Mitregierung 
gefallen lassen^ und als er, sich dieser Beschrankung zu ent- 
ziehen, Krieg mit dem Bruder begann, ward er von diesem 
gefangen genommen und, an Hiinden und Fiifsen gefesselt, 
in grausamer Haft gehalten. Erst der Verzicht auf sein 
herzogliches Erbe befreite ihn daraus, doch bald verschmahte 
er es, sich mit dem ausbedungenem Jahreseiukommen von 500 
Mark, das ihm Boleslaw zugesichert, zu begniigen, und be- 
hauptete, es sei ihm mehr versprochen worden. Und als 
seine Klage von dem Gerichte der Barone, nachdem Bole- 
slaw die Thatsache des erfolgten Ubereinkommens mit drei- 
fachem Eide erhartet hatte, abgewiesen ward, geriet er 
aufser sich, und einem Raubritter sich zugesellend, begann 
er von dessen Burg aus, dem Hornschlosse im Walden- 
burger Gebirge, verwlistende Ziige in das Land hinein. Als 
er mit einem solchen auch die alteu Wallonendorfer bei 
Ohlau , Jankau und Wui'ben , Klostergiiter des Breslauer 
Sandstiftes, heimzusuchen unternahm, liefen die Bauern zu- 
samraen, leisteten tapferen Widerstand, schlugen die Rauber 
in die Flucht und nahmen den Herzog mit etwa zwanzig 
seiner Begleiter gefangen. Nach Liegnitz dem Bruder aus- 
geliefert und dort wieder in Haft gehalten, verfiel er in 
Tobsucht, so dafs niemand ihm zu nahen wagen durfte. 
Endlich wieder beruhigt, ward er nach Jahresfrist freige- 
lassen , doch ohne wieder zu einer Herrschaft zu ge- 
langen. 

Von spateren -Anspriichen auf Liegnitz werden wir noch 
einmal zu berichten haben, aber auch von ihrer Erfolg- 
losigkeit. Boleslaw vereinte in der That nun zwei der 
Erban telle in seiner Hand: die Herzogtumer Liegnitz und 
Brieg, ohne deshalb von Angriffen auf das Erbe des dritten 
Bruders abzulassen. 

Die zunehmende ZerspHtterung des Landes in kleinere 
Herrschaften , deren Inhaber fortwahrend mit einander im 
Zwiste lagen , mufste natiirlich zu einer ernsten Gefahr 
werden und machtige Nachbarn zur Einmischung in die 
schlesischen Angelegenheiten anlockeu. Nun war damals 
auf der einen Seite Polen , dessen Konigswiirde Wlady- 
slaw Lokietek 1320 erneut hatte, unter dem Scepter dieses 
energischen Fiirsten miichtig emporgekommen , anderseits 
hatte auch in Bohmen der tapfere und ritterliche Konig 
Johann von Luxemburg seit 1310 seine Herrschaft immer 
fester begrilndet. Aber auch der romische Konig Ludwig 



Via Zwoitcs Buch. .Sechstcr Absclniitt. 

nahm an den schlesischen Angelegenlieiten teil und zeigte 
sich geneigt, die alte Oberherrlichkeit des Reiches iiber dies 
Land wieder geltend zu machen, um so mehr, da ihn ja ■ 
auch die Erwerbiing der Mark Brandenburg filr sein Haus ■ 
zum Nachbarn der Sclilesier machte. 

Mit diesen machtigen Herrschern selien wir nun in dem 
ersten Viertel des 14. Jahrhunderts die schlesischen Teil- 
fiirsten in vielfaclien, sehr verschiedeuartigcn Beziehungen. 

Aus der Schweidnitzer Linie versucht der eine Hcrzog 
Heinrich von Jauer, der auch die Hand einer jiingeren 
Konigstoehter des ausgestorbenen Hauses des Premysliden 
gewinnt, sich nach dem Tode des grofsen Askaniers ^^'alde- 
mar (1319) in der Oberlausitz festzusetzen, gestlltzt auf die 
von seiner Mutter, einer brandenburgischen Prinzessin, er- 
erbten Anspriiche. 

Noch im August 1319 huldigt ihm Gorhtz. Wohl droht 
zwischen ihm und Konig Johann von Bohmen, der nicht 
minder schnell Bautzen eingenommen hat, erbitterter Kampf, 
aber bereits im September kommt es zwischen beiden zu 
einem giitHchen Vergleiche, in welchem der Bohmenkonig 
schon mit Riicksicht auf die dem Sch wager noch zukommende 
Mitgift seiner Gemahlin demselben den ostlichen Teil der 
Oberlausitz mit Gorlitz lafst und ihm dann diesen Besitz; 
vor dem romischen Konig Ludwig bestiitigt. Doch hat die 
Herrschat't des schlesischen Herzogs hier keine teste Wur- 
zeln zu schlagen vermocht, und zehu Jahre spater hat 
Heinrich 1329 diesen Lausitzer Besitz an den Bohmenkonig 
gegen eine Geldsumme Aviederum abgetreten. 

Heinrichs Bruder, Bernhard von Fiirstenberg, sehen wir 
1322 mit dem Bohmenkonige dem Konig Ludwig dem 
Bayer zuhilfe kommen und in der Scblacht bei Mlihldorf 
I'iir diesen mitkampfen, erfahren audi, dais Bitter aus den 
schlesischen Adelsgeschlechtern von Haugwitz, Peter swaldau, 
Tephwoda, Zedlitz, Tschetschau, Tschu-n in seinem Gelblge 
sich _betunden haben. 

Uber das Motiv, welches den Herzog zu dieser freiwil- 
ligen Hilfeleistmig bewogen, erhalten wir keine Andeutung, 
mogen aber darin ein Zeugnis dafiir erblicken, dafs auch 
Bernhard wie sein Bruder Heinrich die Oberherrlichkeit des 
romischen Konigs anerkannte. 

Von den beiden Herzogen des Breslau - Liegnitzer Stam- 
mes hielt sich der altere, Boleslaw, zu seinem Schwager 
Kcinig Johann von Bohmen, auf dessen Seite sein unruhiger 
Sinn Thaten und Abenteuer und daneben wohl auch Land- 
mid Geldgewinn hoifen mochte. 1321 fuhrte derselbe, als 



Das Deutsche Reich und die schlesischeii Fiirsteii. 137 

Konig Johanu auf einem Kriegszuge abweseud war, als sein 
Stellvertreter die Regierung in Bolimen. Doch hielt ihn 
das nicht ab, auch mit dem Polenherrscher nahere Bezie- 
hiingen zu pflegen, wie denn dieser 1323 jene schou er- 
wahnte grolse Landabtretung Konrads von (3ls auf dem 
rechten Oderufer vermittelte. Wenige Jahre spater, 1326, 
als Konig Wladyslaw, durch] den Papst aufgestachelt , den 
Sohn Lvidwigs von Bayern in Brandenburg bekriegte, liefs 
sich Boleslaw zu einem Einl'alle in Polen bewegen, den 
Wladyslaw zu rachen keine Zeit fand, so dais auch von 
seiner (Boleslaws) Seite eine Hinneigung und Beziehung zu 
dem romischen Konige Ludwig nachweisbar wird. 

Was seinen Bruder Heinrich VI. von Breslau anbetrifffc, 
so zogen diesen Bande der Verwandtschaft eher zu Ludwigs 
Gegenkonig Friedrich von Osterreich , dessen Schwester 
Anna seine Gemahlin war, und in der That sehen wir ihn 
1314 einen Kriegshaufen zu dessen Uuterstiitzung an den 
Rhein fuhren. Doch zu einem treuen und standhaften Aus- 
harren auf dieser Seite reichten bei dem Herzoge weder 
die kriegerischen Neigungen- noch die Geldmittel aus. Er 
ist bald wieder heiragekehrt, den Schwager seinem Schick- 
sale ilberlassend, und hat, als dieser 1322 bei Mllhldorf be- 
siegt und gefangen ward, sich beeilt, mit dem Sieger seinen 
Frieden zu machen. Von Konig Ludwig empfaugt er 
1324 sein demselben aufgetragenes Herzogtum als Reichs- 
lehen zurilck mit der Befugnis, dasselbe zuuachst seiner 
Gemahhn auf Lebenszeit, uud dann, da er mannlicher Erben 
entbehrte, seinen Tochtern zu hinterlassen. 

Was die Herzoge der Glogauer Linie anbetrifft, so stand 
fllr diese in erster Linie die Sorge um die Behauptuug ihres 
grofspolnischen Besitzes, den ihnen die Polen nicht gonnten. 
Der hieraus sich ergebende Gegensatz war doch zu stark, 
als dais es hatte Erfolg haben kcinnen, als sie 1325 der 
Papst aufforderte, um der Ehre der Kirche willen in Ver- 
bindung mit dem Polenkonige den Markgraf Ludwig von 
Brandenbm'g, den Sohn des exkommunizierten romischen 
Konigs, zu bekampfen. 

Uberblicken wir das, was wir hier ilber die Handlungs- 
weise einzelner schlesischer Herzoge m dieser Zeit anzu- 
fiihren vermochten, so erkennen wir, dafs von einer einheit- 
hchen etwa nach spezifisch schlesischen Gesichtspunkten ge- 
regelten Politik nicht die Rede ist, sondern dafs jeder nur 
seinen besonderen Interessen und Neigungen folgt. Indessen 
geht doch, Avenngleich von einer verabredeten tbereinstim- 
mung der politischen Ziele kaum die Rede ist, durch alles 



138 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. 

ein gewisser Zug vou Gemeinsamkeit , der sich negativ als 
eine ALneigung gegen Polen und positiv als eine gewisse 
Hinneigung zu dem Deutschen Keiche und dessen Ober- 
haupte Ludwig vun Bayern bezeichneu lafst. Wie weit 
diese ging, dafur spricht ganz besonders die Thatsache, dais 
132G der Papst gegen mehrere schlesische Abte einschreitet, 
-\veil diese sich weigern, die papstlichen Bannspriiche gegen 
Kuuig Ludwig den Bayer bekanut zu machen. Von einer 
Anlchnung des zersplitterten Schlesiens und seiner Piasten 
an das neu erstarkte Polen und den dort horrschenden 
ihnen stammverAvandten Herrscher konnte keine Rede sein. 

Audi Kcinig AMadyslaw hat, so viel wir sehen konnen, 
keine ernstlichen Schritte gethan, die schlesischen Fiirsten 
gegen ihren Willen in seine Maehtsphare zu ziehen, sie in 
Abliiingigkeit you sich zu briugen; cr mochte erkennen, 
wie die nun einmal nicht wegzuleugnende Thatsache , dafs 
in iSchlesien deutsche Sprache und deutsche Kultur zur 
Herrschaft gekommen Avaren, dieses Land nun iiir immer 
vou Polen schied. 

Es war dies das Resultat, Avelches das 13. Jahrhundert 
geschafien hatte, ein Ergebnis von nicht geringer Bedeutung 
fur die allgemeine und besonders fiir die deutsche Ge- 
schichte. Deutschland hatte im 13. Jahrhundert in dem 
preufsischen Ordenslande einer- und in dem deutschen Schle- 
sien anderseits gleichsam zwei neue Marken, AufsexiAverke 
gegen die slavische Welt, empfangen, und es Avard gerade 
damals, avo nach dem Aussterben der Askanier die Mark 
Brandenburg, Avelche an erster Stelle zur AVacht im Osten 
berufen AA^ar, so AA^enig Aviderstandstahig erschien, A'on nicht 
geringer Bedeutung, dafs, als damals die riimische Kurie 
die Polemnacht zum Angriffe auf Bi-andenburg trieb , der 
Angritf nur in schmaler Front erfolgen konnte und dabei 
noch gehemnit durch jene beiden die polnischen Landesteil^ 
flankierenden deutschen Staatenbildungen. 

UnzAveifelhaft hiitte ein energischer Filrst auf dem deut- 
schen Throne mit etAvas Interesse fllr die Politik des Osteua 
es leiclit gehabt, die schlesischen Fiirstentilmer fest rait der 
Reiche zu verkniipfen, und LudAAdg der Bayer hat ja auch] 
wie AA'ir sahen, die Lehensauftragungen einiger von ihnei 
entgegengenommen ; aber sich nach dieser Seite ernstlicl 
als k^chutzherr zu A'erpflichten , trug er docli Bedenken unc 
iiberliefs es schliefslich dem Bohmenkonig , dem er flii 
tapfcre Kriegshilfe zu Dank verbunden AA-ar, hier in Schle-i 
sien die reif gCAvordenen Frilchte zu pfliicken. 

Natilrlich bedurfte es immer noch aufserer Anljisse, lun 



Lehensauftragungen der obersclilesischeu Fiirsten au Bohmeu. 139 

das grofse unci folgenschwere Ereignis des Anschlusses von 
Schlesien an die Krone Bohmens herbeizufiihren. 

Am einfachsten gestalteten sicli die Dinge in Ober- 
schlesien, wo ja, Avie wir wissen, die dortigen Teilfiirsten 
schon einst Konig Wenzel 11. gehuldigt hatten. Dieselben 
batten das 1289 getban, als der Bobmenkonig gegen Krakau 
zog; und als nun Konig Jobann, der gegen die Kcinigs- 
kronung Wladyslaws protestiert batte und selbst als Erbe 
der Premysbden den Titel eines Konigs von Polen fubrtO; 
1327 sicb zam Kriege gegen jenen entscblofs, wird es 
ibm nicht allzu scbwer geworden sein, die oberscblesiscben 
Herzoge zu einer erneuerten Huldigung zu bewegen. Nun 
vermittelte zwar im letzten Augenblicke nocb Wladyslaws 
Sebwiegersobu, Karl Robert von Ungarn, einen Frieden 
zwiscben den beiden Gegnern, aber Jobann zog trotzdem 
nacb Oberscblesien , um die ibm nun einmal verbeifsenen 
Huldigungen der dortigen Fiirsten zu empfangen. Am 
18. Februar 1327 tragen ibm zu Troppau die Herzoge Ka- 
simir von Tescben und Bolko von Falkeuberg ibre Lande 
zu Lehen auf; tags darauf folgt ibnen ebendaselbst Wladj- 
slaw von Kosel samt seinen Briidern Ziemowit und Greorg, 
und am 24. Februar tbun das Gleicbe zu Beutben Jobann 
von AuscbAvitz und Lesko von Ratibor. Von den ober- 
scblesiscben Fiirsten bielt sicb nur Boleslaw von Oj^peln 
nocb zuriick. 

Man AA^ird nun nicbt sagen konnen, dafs diese Vorgange 
ein Gleicbes in Niederscblesien batten berbeifiibren miissen. 
Die VerbinduDg zwiscben jenen Fiii'sten im Siidosten Scble- 
siens mit denen im Herzen des Landes Avar damals eine 
selu- lose, und ebensowohl Avie 1289 batte aucb 1327 Ober- 
scblesien sebr wobl seinen eigenen Weg geben konnen, obne 
dais das librige Land nacbgefolgt ware. Doch batten bier 
besondere Umstande auf dasselbe Ziel bingedrangt. 

Herzog BoleslaAV von Liegnitz und Brieg war ein 

scblecbter Finanzmann, und seine vielen Febden und Aben- 

teuer verscblangen grofse Summeu. Seine Geldnot mocbte 

nacb dem Feldzuge gegen Herzog Konrad A^on 1323 an doppelt 

driickend gcAvordeu sein, und so driingte er denn seinen 

Bruder Heinricb, ibm sein Herzogtum Breslau tauscbweise 

gegen Liegnitz abzutreten, erwiigend, dafs der Besitz des 

steuerkraftigen Breslau seinen Bedrangnissen Abbilfe scbaffen 

I kiinnte. Natiirlicb weigerte sicb Ileinricb, darauf einzugeben, 

j batte aber seitdem A^on A^erAvii.stenden Einlallen zu leiden, 

• welcbe die Ritter Boleslaws A'on Mertzdorf bei Oblau und 

anderen Bursren seines Landes aus in das Breslauiscbe unter- 



140 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. 

nahraen. Als dann Heinricli den Feindseligkeiten des Bru- 
ders gegeuiibei' Schutz bei Koiiig Ludwig dem Bayer 
suchte und, wie Avir wissen, von diesem dann audi 1324 
das Recht , seine Lande aiif' seine Tochter zu vererbcn er- 
langte, steigerte sieh nur die Feindscliaft Boleslaws. Der- 
selbe suchte den Schi'itt, der ihm seine Hoffnung, in den 
Lehen des Bruders sich oder seine Scihne folgen zu sehen, 
abschnitt, zuuachst an den Ratgebern Heinrichs zu riichen. 

Einer von ihnen, der Domherr und Bistumsadministrator 
Nikolaus von Banz, von dessen grofsem Einflusse "svir noch 
zu sprechen haben werden, wu'd von Leuten des Brieger 
Herzogs Avahrend einer Domkapitelsitzung in der Egidien- 
kirche aufgehoben, nach dem Schlosse Jeltsch bei Ohlau 
fortget'ilhi't und dort eine Weile festgehalten , bis es seinen 
Freunden gelingt, ihn (doch wohl gegen hohes Losegeld) 
Avieder zu betreien. Ungleich sclilimmer erging es einem 
andern von Heinrichs ]\Iinistern, dem Breslauer Patrizier 
Johann von Mollensdort", den Boleslaws Schergen in der 
Elisabethldi-che iibertielen , hinausschleppten und auf ein 
Pferd setzten, um ihn gefangen fortzuf uhren , dann aber, 
da er sich durch alle Bedrohungen nicht abhalten liefs^ 
Hilfe zu schreieuj niederliieben , um ilir Heil in der Flucht 
zu suchen , ehe ein Volkszusammenlauf ihnen Gefahr 
drohe. 

Wenn solches innerhalb der Mauern Breslaus moglicl 
Avurde, dami stand es allerdings libel mit der Macht Herzog 
Heinrichs VI. Avie mit der Wehrhaftigkeit der Burgerschaft, 
und das Bedilrfnis eines machtigen Schutzes von aufsen war 
nicht abzuleugnen. Dais solchen Schutz der feme Herrschei 
des Deutschen Reiches nicht gCAvahren konnte, lag auf der 
Hand, und so tauchte der Gedanke eines Anschlusses an 
die Ea-one Bohmen, Avelchen die Breslauer, Avie Avir sahen^ 
audi schon bei frilherer Gelegenheit betrieben batten, von 
neuem auf. Dem Breslauer Handel konnte ja nur geholfen 
Averden, Avenn ein machtiger Schutzherr in Schlesien ge- 
ordnete Verhiiltnisse herbeifuhrte und Ruhe und^ Sicherheit 
Aviederherstellte. 

So sehen Avir denn die Breslauer Konsuln unzAveifelhaft^ 
im EinA^erstiindnisse mit ihren Landesherren bereits 1325 
zAvei Gesandtschaften an Konig Johann nach Prag ab- 
scliicken. Sie kamen zu ungiinstiger Stunde und mufsten 
erfahren, dais der Konig blofs in Prag verAveile, um zu 
einem Feldzug an den Grenzen Franla-eichs, nach dem ihm i 
der ganze Sinn stand. Geld zusammenzm-aflfen. Da Avar 
filr den Augenblick nichts zu erlangen, und ein Aveiteres 



Heinrichs VI. Bedranguis durch seineu Briidei* Boleslaw. 141 

Vorgehen hatte sie dem Grimme Boleslaws ausgesetzt, ohne 
dafs sie an dem Konige Scliutz gehabt hatten. 

luzwischen aber erneuten mid vermehrten sicli die Be- 
clrangnisse Herzog Heinrichs. Wegen eiues polnischen Raub- 
ritters^ dem man in Breslau den Prozefs gemacht hatte, 
kiindigte Konig Wladyslaw von Polen Krieg an (1326), und 
Heinrich suchte Schutz in einem Bilndnisse mit dem Hoch- 
meister des Deutschen Ordens, ohne sich dadurch recht ge- 
sichert zu fiihlen. 

Als nun im Januar 1327 Konig Johann nach Bcihmen 
zuriickkam und jetzt ernstlich sich den ostHchen Verhalt- 
nissen widmen zu wollen schien, einen Krieg gegen Polen 
riistete und im Februar die Huldigungen der oberschlesischen 
Fiirsten in Troppau und Beuthen entgegennahm , entschlofs 
sich Herzog Heinrich, ihn als Oberlehensherrn anzuerkennen. 
Gesandte der Breslauer, welche den Konig aufsuchten und 
ohm ein Ehrengeschenk darbrachten, haben, wie es scheint, 
dariiber verhandelt. Bei des Konigs Riickkehr aus Ober- 
schlesien nach Prag fand sich der Herzog Heinrich VI. 
dort ein, und nachdem die letzten Verabredungen getroffen 
waren, begleitete ihn nun Konig Johann von Prag nach 
Breslau, wo beide am 4. April eintrafen, und vom 6ten 
datiert dann die denkwiirdige Urkunde, durch welche Bres- 
lau der Krone Bohmen verschriebeu ward. 

In diesem Dokumente erklarte Konig Johann, Herzog 
Heinrich habe ihm das Herzogtum Breslau um des Landes 
Ehre und Besten willen freiwillig abgetreten, wogegen er 
demselben auf das feierlichste zusichert, dais Heinrich Zeit 
seines Lebens die voile Herrschaft ilber das Land haben 
und ausiiben solle, wenngleich unter der Beschrankung, 
dafs derselbe Lehen, die fortan vakant wllrden, zwar aufs 
neue verleihen dilrfe, aber doch nur im Namen des Konigs, 
und dais er diesen im Falle eine Krieges seine samtlichen 
Festungen offen zu halten verpflichtet sei. 

Was hier festgesetzt ward, war doch wesentHch verschie- 
den von den sonstigen Lehensauftragungen der schlesischen 
Fiirsten, wie denn auch in dieser Urkunde die iibhche 
Erklarung fehlt, der betreffende Fiirst habe das in die 
Hande des Konigs iibertragene Land als Lehen zuriick- 
erhalten. Eine derartige Festsetzung, hier eingeschoben, 
wiirde ja dann die MogHchkeit offen gelassen haben, dafs, 
wenn Heim-ich z. B. aus einer zweiten Ehe noch mannliche 
Nachkommen gewonne, die in dem Lehen dann ohne wei- 
teres hatten succedieren konnen, ein Fall, der eben hier 
ganz und gar ausgeschlossen werden soUte. Nicht von einer 



142 Zweites Bueh. Sechster Abschnitt. 

Lehensaiil'tragung- \vird man hier sprechen kunnen, ja nicht 
eininal von eincm Erbvertrage, sonclern von einer einfachen 
Abtretung unter Vorbehalt des Besitzes auf Lebenszeit, doch 
so, dais der Enipfanger schon danials eine Oberherrlichkeit 
eingerjiumt erliielt, die natiirlich, Avoraut" eben hier das nieiste 
ankam, zuglcich eine Verpflichtung zum Schutze seinerseits 
einschlofs. 

Man wird kaum zweifeln kcinnen, dafs es wesentlich die 
Brcslauer Konsvdn waren , welche den Herzog zum An- 
schhisse an Biihnien gerade in dieser Form bewogen. Sie 
batten das lebhai'teste Interesse daran, aus dem Jammer der 
Kleinstaaterei berauszukommen und fiir den Fall, dafs ihr 
gutcr, aber wenig thatkriiltiger Herzog die Augen schlols, ihrer 
aufbliihenden Handelsstadt den Schutz eines mjichtigen Herr- 
schers zu sichern, statt es darauf ankomnien zu lassen, dafs 
der scbwacbe Konrad von 01s, auf das Privileg Konig Lud- 
wigs gestiltzt, das Land Breslau mit seinem Schwager von 
Falkenberg teilte, oder beide mit dem versehwenderischen 
und gewalttbatigen Boleslaw von Brieg, dem nachsten Mannes- 
erben, um das Land rauften. 

Konig Johann hatte sich iibrigens bereit finden lassen, 
dem Breslauer Herzog ansehnlicbe Vorteile filr die definitive 
Verschreibung des Landes zu bieten; den Besitz der Graf- 
schai't Glatz und jahrlich 1000 Mark Silbers hatte er dem 
Herzoge gewahrt. Wie gut die Breslauer auch filr sich 
selbst zu sorgen verstanden hatten, werden wir an anderem 
Orte noch auszufuhren Gelegenheit haben. 

Die Huldigung des Breslauer Herzogs hatte als nachste 
Folge, dafs nun auch der letzte noch iibrige oberschlesische 
Furst Bolko von Oppeln in Breslau am 5. April 1327 sich 
fiir seine Lande Oppeln und Rosenberg zum Lehensmann 
der Krone Bohmen erklai-te. 

Mit der Breslauer Verreichung unzufrieden zu sein 
hatten nun wohl am meisten Ursache gehabt die Schwieger- 
sohnc Heinrichs VI., Konrad I. von Ols und Bolko von 
Falkenberg, da ja, wie wir wissen, Kilnig Ludwig von 
Bayern 1324 ausdriicklich ein Erbrecht der Tochter Hein- 
richs anerkannt hatte. Thatsachlich aber war es des letz- 
teren Bruder, Boleslaw, der sich als den eigentHch Geschadig- 
ten ansah. 

An Gelegenheit, sich an dem Bruder zu rachen, fehlte 
es nun nicht, denn den Konig trieb sein abenteuernder 
Sinn gleich 1327, unmittelbar von Breslau aus, ins weite, 
und er hat sich nun fast zwei Jahre lang in fernen Kriegs- 
handeln an der franzosischen Grenze herumgetummelt. Und 



Reiurich VI. unterwirft sich der Krone Bohmen. 143 

in der That erfahren wir, dais Boleslaw im Bunde mit dem 
gleichfalls ewig unruhigen Herzoge Johann von Steinau zu 
den Waffen gegriffen hat gegen den Konig resp. dessen 
neuen Schiitzling, den Breslauer Herzog, ohne es doch zu 
mehr als einigen verwlistenden Einfallen zu bringen. 

Konig Johann kehrte gegen Ende des Jahres 1328 nach 
dem Osten zuriick, unternahm aber sofort wieder im De- 
zember dieses Jahres einen Kreuzzug gegen die Bistiiraer^ 
auf dem er neue Lorbeeren erntete, pohiische Herzoge zur 
Huldigung verpflichtete und dem deutschen Orden Ausdeh- 
nung seiner Grenzen und Hilfe gegen seine Feinde brachte. 
Als er dann in der Ostervvoche 1329 wieder in Breslau 
eintraf, erhob sein Schwager Boleslaw bittere Vorwiirfe ge- 
gen ihn wegen des Breslauer Vertrages, da er ihm doch 
gelobt habe, ihm keine seiner Anwartschaften zu entziehen, 
sondern ihm vielmehr gegen jedermann beizustehen. ,; Ge- 
gen jedermann " , soil Konig Johann darauf geantwortet 
haben, „aber doch nicht gegen mich selbst", ein Wort, 
welches allerdings nur so viel besagte, dafs der Konig seine 
Versprechungen nur so lange respektiere, als er seinen Vorteil 
dabei lande, und die Frage, ob denn Boleslaw ein Recht 
habe, Breslau unter seine Anwartschaften zu zahlen, unbe- 
rlihrt liefs. 

vSchnell brachte der Konig die ihm widerstrebenden Fur- 
sten zur Euhe. Herzog Johann von Steinau ward einfach 
genotigtj zur Siihne dafur, dafs er das Breslauer Land ge- 
schiidigt, und um ein infolge davon gegen ihn etwa anzu- 
strengendes Rechtsverfahren abzuwenden, alle seine Lande, 
namlich die Gebiete von Steinau, Lllben und Guhrau, von 
dem Konig zu Lehen zu nehmen (1329, 29. April). 

Und auch gegen seinen Schwager Boleslaw wufste der 
Konig sehr wirksame Triimpfe auszuspielen. Noch lebte 
ja dessen Bruder Wladyslaw, den Boleslaw aus seinem Lieg- 
nitzer Erbe vertrieben hatte, und dessen sich bereits 1325 
der Papst in einer besonderen Bulle angenommen hatte. 
Wladyslaw hatte inzwischen in Masowien eine alte Herzogin 
gefunden, die dem halb Wahnsinnigen ihre Hand gereicht, 
hatte aber dieselbe, nachdem das Heiratsgut durchgebracht 
war, wieder verlassen, und fand sich in dem Feldlager Ko- 
nig Johanns ein, ausgeriistet mit einer Urkunde, in welcher 
die Liegnitzer, die des verschwenderischen Boleslaw iiber- 
driissig waren, Wladyslaw als ihren rechtmafsigen Herrn 
anerkannten, und bereit, seine Anspriiche an Konig Jo- 
hann zu verkaufen. Aufserdem vermochte der letztere auch 
Pfandanspriiche auf Haynau und Goldberg, die ihm Bres- 



144 Zweites Buch. Scchster Abschnitt. 

lauer IBiirger , Gliiubiger Boleslaws , iiberlassen , vorzu- 
bringen. 

Vor diesen AVaffen beugte sich Herzog Boleslaw, und 
so wie er sich zur Huldigung bereit zeigte, war naturlich von 
Wladyslaws Ansprlichen keine Rede melir; iinter dem 
9. Mai 1329 erhielt er jetzt sarat seineu Erbeu und Nach- 
komnilingen beide Herzogtiimer Liegnitz und Brieg (letz- 
teres mit Nanislau, Kreuzburg luid Pitschen) als Lehen der 
Krone Bohmens, und ein besonderes Privileg verpflichtete 
dann audi den Konig, sich in die Schuldsachen seines 
Schwagers (wofern nicht adelige Vasallen ini Spiel wilren) 
nicht ferner zu mischen. 

Die Belehnungen Johanns von Steinau und Boleslaws von 
Liegnitz-Brieg waren bei Gelegenheit der Anwesenheit Konig 
Johanns in Breslau erfolgt, und hier hatten sich nun denn 
audi die Brilder des ersteren, Heinrich von Sagan und 
Konrad von Ols, eingefunden und liefsen sich gleichf'alls zur 
Auttragung ihrer Lande als Lehen der Krone Bohmen be- 
wegen. Es erfolgte dies ebenfalls am 9. Mai 1329 in zwei 
ganz ilbereinstimmenden Urkunden, welche dann die Lehens- 
nachfolge den direkten mannlichen Leibeserben der Aus- 
steller und in Ermangelung soldier den Briidern Heinrich, 
Johann und Konrad und ihren mannlichen Nachkommen 
zusichern, aber bei Ausgang des Mannesgeschlechts einen 
Heimfall an die Krone Bohmen in Ausicht nehmen. Ent- 
sprechend dem Privileg, welches Herzog Boleslaw erlangt, 
wird auch diesen beiden Fiirsten zugesichert, dafs nur dem 
Add ihrer Lande und zwar fiir den Fall, dafs sie in Kechts- 
streitigkeiten bei dem Landesherrn kein Recht fandeu, eine 
Berufung an den Konig von Bohmen als Oberlehensherrn 
zustehe. 

Lisofern beide Herzoge ganz freiwillig ihre Lehensauf-j 
tragungen vornehmen, erlangen sie auch noch besonderej 
Gunstbezeugungen vom Konige, welche bei Heinrich von 
Sagan in Gddzahlungen , bei Konrad von 01s in der Zu- 
sage einer Einlosung des an den Breslauer Herzog ver- 
pfandeten Schlosses Praufsnitz bestehen. 

Ganz fern hatte sich diesen Vorgangen ein vierter der 
Glogauer Herzoge, Primko von Glogau, gehalten. Obwohlj 
auch ihn Konig Johann zur Huldigung drangte, weigerte erj 
sich doch ganz entschieden, und ward dafiir dadurch ge- 
straft, dafs sein Name in den Lehensurkunden der Bruder| 
nicht als Anwarter genannt werden durfte, etwas, was that- 
sachlich ohne weitere Folgen blieb, da jener bereits 1331 i 
kinderlos starb. Von grofserer Bedeutung hatte es werdenl 



Die Fiirsten der Glogauer Liuie. 145 

konnen, dafs Konig Johann aus besonderer Gunst im Jahre 
1338 im Wider spruclie mit dem Lehensbriefe von 1329 
Hedwig dem eiiizigen Kiiide dps Herzogs Kom'ad von 01s 
ein Successionsrecht auf die Olser Lande zusprach; doch 
audi bier erledigte sicb aller Streit dadurch, dafs Herzog 
Konrad aus seiner zweiten Ebe mit Eupbemia von Ko- 
sel docb nocb einen mannbcben Erben, Konrad II., ge- 
wann. 

Als Konig Jobann das nacbste Mai in seinen neuen 
Lebenslanden erscbien, im Herbste 1331 , wufste er nun in 
Niederscblesien festeren Fufs zu fassen. Von den Bres- 
lauern bracbte er damals in Gestalt aufserordentlicher Bei- 
steuern die grofse Smnme von 1200 Mark auf, indem er 
denselben die Zusage erneuerte, die etwa zu gewinnenden 
Landesanteile unmittelbar dem Herzogtume Breslau binzu- 
fiigen zu wollen. Darauf riickte er mit einem von ibm ge- 
sammelten Heere gegen Glogau. 

Diese Stadt batte nacb dem Tode Primkos am 11. Ja- 
nuar d. J. dessen Scbwager, Herzog Bolko von Fiirstenberg, 
im Namen von Primkos Witwe, Constantia, seiner Scbwester, 
der sie als Wittum verscbrieben war, zu bebaupten ver- 
sucbt, aber auf einen Kampf mit dem Konige mocbte er 
es nicbt ankommen lassen. Ende September 1331 stand 
Jobann mit seinem Heere bei Kreidelwitz etwa drei Meilen 
vor Glogau und verlangte von der Blirgerscbaft Huldigung. 
Als die Ratsberren, die in sein Lager berausgekommen, 
Einweuduugen macbten, zeigte der Konig auf sein Heer: 
„Mit wenigen seid ibr berausgekommen, mit dieser Menge 
werde icb eucb zuriickfubren, und ebe ibr beimkommt, 
werdet ibr mein Banner auf dem Scblosse von Glogau 
weben seben." Und so gesebab es. Eine macbtige Partei 
in der Stadt bing dem Konige an und oifnete ibm die 
Tbore. Und wie die Burger im Grunde gesonnen waren, 
mogen wir daraus erkennen, dafs, als sie dem Konige nun 
am 1. Oktober buldigten, sie in ibre Privilegienbestatigung 
aucb das aufnebmen liefsen, dafs der Konig versprecbe, 
Stadt und Land Glogau mit alien Einwobnern nie von der 
Krone Btibmen nocb aucb von der Verbindung mit Stadt 
und Flirstentum Breslau zu losen. Aucb bier in Glogau 
mocbte es ungleicb mebr locken, in Verbindung mit Breslau 
in die Hand eines macbtigen auswartigen Fiirsten zu kom- 
men, als die Stadt und ibr Gebiet unter mebrere kleine 
obnmacbtige, aber ewig geldbediirftige Fiirsten geteilt zu 
seben. 

BeziigHcb der Entscbadigungen an die Briider Primkos 

Grunhagen, Gesch. Schlesiens. I. 10 



146 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. 

erfahren Avir nur so viel, dafs Johann von Steinau seine 
Anspriiche aiii' Glogau um 2000 Mark dcm Kcinig verkaiil't 
hat. In der That hat Konig Johann und aiich sem Nach- 
folger von da an Stadt und Land Glogau als unmittelbares 
Besitztum der Ki'one Bohmen beti-achtet, doch hat er sich 
dessen wiederholt, wenngieich immer niu* zeitweise, wieder 
entaufsert. 

Wenn Konig Johann versucht hat, aus der Erbschaft 
Primkos, die er nun einmal beanspruchte , auch Posen fiir 
sich zu erwerben und deshalb damals, im Herbst 1331, von 
Glogau aus in Grofspolen eingedrungon ist und Posen be- 
lagert hat, so hat das doch schhefslich keinen Erfolg ge- 
habt, obwohl auch der deutsche Orden gleichzeitig den Polen- 
konig bedriingte. 

Wohl aber hefs der Tod Heinrichs VI. von Breslau am 
24. November 1335 die Hauptstadt Schlesiens mit ihrem 
Gebiete mid dem von Auras, dem 1327 getrofFenen Ab- 
kommen gemafs, an den Konig fallen, dem auch die Bres- 
lauer Katsherren ilu'e Treue zu geloben sich beeilten. 

Die Unterwerfung der schlesischen Fiirsten lindet dann 
in den Jahren 1335 — 1337 ihren Abschlufs. Bis dahin 
waren von den vier grofsen Stiimmen, in welche sich hier 
die Herzoge spalteten, drei vollstilndig zur Unterwerfung 
gebracht, nur die Sohne Bolkos I. von Fiirstenberg, die 
einen weiten Strich Landes liings des Gebirges besafsen, 
hatten sich bisher noch ganz ferngehalten. Von den drei 
Sohnen Bolkos I. hatte der alteste, Bernhard, den mittleren 
Anteil, Schweidnitz, der zweite, Heiurich, den westlichen^ 
Jauer, der jiingste, Bolko, den ostHchen, Mllnsterberg, er- 
halten. Diese hatten sich, wie wir bereits (wenigstens von 
den beiden Letztgenannten) anflihrten, enger an Konig Lud- 
vrig den Bayer angeschlossen ; einer hatte ja sogar bei Miihl- 
dorf fiir diesen Herrscher mitgekiimpft, und Heinrich von 
Jauer hatte noch 1329, als er Gorlitz an Kcinig Johann 
verkaufte, unter Beruiung darauf, dafs es sich um ein 
Reichslehen handelte, dem Kaiser davon Mitteilung gemacht. 
Es ist Avohl moglich, dafs diese Verbindung sie bewogen 
hat, die Antrage Johann s, auch ihrerseits sich unter den 
Schutz der Krone Bohmen zu stellen, abzulehnen. Hatte 
nun der Konig gleichfalls aus Riicksicht auf Konig Ludwig 
von weiterem Driingen nach dieser Seite hin abgestanden, 
so fiel diese Riicksicht fort, als 1335 wegen des Tiroler 
Erbschaftsstreits zwischen Johann und dem Deutschen Kaiser 
bittere Feindschaft ausbrach und man auf beiden Seiten 
eifrig zum Kj'iege riistete. 



Herzog Bolko von Miinsterberg. 147 

Das Heei* Konig Johanns sammelte sich im Sommer 
1335 in Mahren; da aber, unci zwar wahrscheinKcli auf 
des imgarischen Herrschers Antrieb zunachst nocli einmal 
friedliclie Unterhandlungen versuclit werden sollten, so ward 
dasselbe wieder entlassen; einen Teil davon aber entsandte 
der Konig im September unter seinem Sohn Karl gegen 
Bolko von Miinsterberg, unter dem Vorwande, die Kloster 
Kamenz und Heinrichaii vor dessen Gewaltthatigkeiten 
schiitzen zu miissen. 

Wir erfahren von diesem Feldzuge, dafs das bohmische 
Heer das Land des Herzogs verwllstete, Schlois Cantli er- 
oberte und Frankenstein belagerte, welches jedoch die Bilr- 
ger so tapfer und aufopfernd verteidigten , dafs der Herzog 
ihre Treue naclimals in einem besonderen Freiheitsbriefe 
anerkannt und belohnt hat. Aufserdem erlitten die Belagerer 
auch einen schweren Verlust dadurch , dafs eine Schar der- 
selben, bei welcher sich an 150 Edie befanden, unter ihnen 
die Gebriider Jaroslaw und Albrecht von Sternberg, durch 
zwei Edelleute des Landes, Arnold von Kachenau und 
Michael von Bohrau, deren Flihrung man sich anvertraut 
hatte, in einen Hinterhalt der Feinde und so in deren Ge- 
fangenschaft gefuhrt wurde. Doch fiihrten Unterhandlungen. 
bald zum Ziele; Herzog Bolko erschien auf die Einladung 
Karls in dessen Lager, und bei einem festHchen und glan- 
zenden Mahle gewannen ihm die Thranen und Bitten der 
Frauen der Gefangenen deren Befreiung gegen billiges Lose- 
geld ab, und auch Karl vereinigte sich mit Bolko liber die 
Hauptpunkte eines Vergleiches, der, was das Wichtigste 
war, des letzteren Unter werfung in sich schlofs, wahrend 
Karl das Schlofs Canth gleichsam als Pfand behielt. 

In dem nachsten Sommer (1336) suchte dann Herzog 
Bolko den Konig in seinem Feldlager zu Straubing in 
Bayern auf, und hier erfolgte auch am 29. August die Be- 
lehnung in Gegenwart des Brieger Herzogs Boleslaw und 
mehrerer Adehgen des Mlinsterberger Landes in aller Form. 
Es ward ein Kufs gewechselt, und zum Symbol des ge- 
reichten Lehens bedeckte der Konig das Haupt des vor 
ihm knieenden Herzogs mit dem herzoglichen Barette. Die 
Belehnung erstreckte sich nur auf die direkten mannHchen 
Nachkommen, nach deren Absterben das Land an die Krone 
Bohmen fallen sollte, so dafs ein Erbrecht der Brlider und 
ihres Stammes nicht anerkannt wurde. Dagegen erhielt 
Bolko auf Lebenszeit die durch den Tod Heinrichs VI. von 
Breslau erledigte Grafschaft Glatz. 

Nachtraghch sehen wir dann bei des Konigs nachster 

10* 



148 Zweites Bucli. Sechstcr Abschnitt. 

Anweseiilieit iu Breslau den Herzog noch verschiedene sehi- 
ansehnliclie Zugestiiuduisse an den Konig machen. Abge- 
sehen von Canth, Avelches er offenbar nicht wieder erliielt, 
verptiiudete er an Johann Frankenstein, Strelilen und Wanseu 
imd erteiltc demselben audi das Recht, das an seine Bril- 
dcr versetzte Reichenbaclier Gebiet einzulosen, so dafs ihm 
thatsachlich nur noch das Miinsterberger Land bleibt; er 
verpflicbtet sich dann, binnen Monatsfrist in alien seinen 
Landen dem Konige buldigen zu lassen, ja er gelobt sogar, 
falls ihm seine Gemahlin stilrbe, ohne Zustimmung des Ko- 
nigs keine neixe Ehe einzugehen. 

In denselben Tagen unterwarf sich hier zu Breslau dann 
audi ein zweiter der Sohne Bolkos I., des Konigs Schwager, 
Heinrich von Jauer. Was sich aus den verschiedenen bei 
dieser Gelegenheit ausgestellten Urkunden ergiebt, ist that- 
sachlich Folgendes: Herzog Heinrich bestatigt den eigentlich 
bereits 1329 festgesetzten Verkauf von Giirlitz an den Konig 
und verspricht demselben, dafs, falls er, der Herzog, ohne 
mannliche Erben zu hinterlassen , stlirbe, seine sonstigen 
Lausitzer Besitzungen an Johann fallen sollten. Datilr er- 
halt Heinrich auf Lebenszeit Stadt und Land Glogau imd 
ebenso Schlofs Canth, verpflicbtet sich aber, an beiden Orten 
die Schlosser dem Konig immer offen zu lialten, die Haupt- 
leute dem Konig Treue schworen zu lassen und aufserdem, 
Tvenn und so oft es notig wlirde, dem Konige gegen aUe 
Feinde geti*eulich beistehen zu wollen. Es war dies eine 
vollstandige Verpflichtung zur Lehensfolge, wenn gleich in 
diesen Vertragen der Name der Lehensaufreichuug oder 
Belehnung sorgfaltig vermieden wird. Da Heinrich von Jauer 
kinderlos war, kam wenig darauf an. 

Etwas Wichtiges bei diesen Vertragen war aber, dafs 
es dem Herzoge thatsachlich unbenommen blieb, seiu viiter- 
liches Erbe m Schlesien, das Herzogtum Jauer, in seinem 
Hause an seines Bruders Sohne, Bolko II. und Heinrich von 
Schweidnitz zu vererben, wahrend diese foiian die einzigen 
Fursten in Schlesien waren, welclie die Oberlehnsherrschaft 
Bohmens nicht anerkannten. Der Konig liefs sie in der 
That unbeheliigt, gilnstigerer Gelegenheit wartend. 

Inzwischen hatte der Anschlufs Schlesiens an Bohmen 
doch auch eine internationale Anerkennung gefunden, in- 
sofern im Sommer 1335 Konig Kasimir von Poleu, welcher 
1332 seinem Vater Wladyslaw Lokietek auf dem Thi'one 
gefolgt war, einen Vertrag mit Konig Johann geschlossen 
hatte, des Inhalts, dafs, wahrend der letztere den Titel eines 
Konigs von Polen, welchen er als Nachfolger AVenzels II. 



Verzicht des Polenkonigs auf Schlesieu. 149 

immer noch fiihrte, abzulegeu versprach, Kasimir dagegen 
alien Ansprllchen auf Schlesien, soweit dasselbe sich der 
Krone Bohmen unterworfen hatte, entsagte. 

Dieser Trentschiner Vertrag vom 24. August 1335 ist 
in seiner Fassung merkAvtirdig genug. Es urkunden hier 
polnische Wllrdentrager in Vollmacht Kasimirs, dafs der 
Konig von Bohmen, sein Solm Karl und alle seine Erben 
fur immer alien Ansprtlclien auf Polen entsagen, jedoch mit 
Ausschlufs der Lande Breslau und Glogau, sowie einer An- 
zahl von Fiirsten, welche ihre Lande von dem Konige von 
Bohmen zu Lehen genommen haben. Es werden hier auf- 
geziihlt Boleslaw von Liegnitz und Brieg, Heinrich von 
Sagan und Krossen, Konrad von (3ls und Johann von Steinau 
als Herzoge von Schlesien, darauf die Herzoge von Oppeln, 
Falkenberg, Strehlitz, Kosel und Beuthen, Katibor, Ausch- 
witz, Teschen, und mitten unter diesen Uberschlesiern auch 
der Herzog Wenzel von Masowien. Auf deren Lande ver- 
spricht nun der Polenkonig keinerlei Anspriiche mehr er- 
heben zu woUen. 

Offenbar wird hier eine bisherige Zugehorigkeit Schlesiens 
zu Polen im Grunde anerkannt, und es liluft alles darauf 
hinaus, dafs gewisse Telle polnischen Landes fortan der 
Krone Bohmen iiberlassen werden, von denen eine Anzahl 
(das heutige Oberschlesien nicht) unter dem Gesamtnamen 
Schlesien zusammengefafst erscheinen. Diesem Vertrage zu- 
folge bleibt fiir die schlesischen Lande, wo noch keine Hul- 
digung an Bohmen erfolgt ist, also Schweidnitz - Jauer und 
Mlinsterberg, die Verbindung mit Polen bestehen. Es wllrde 
nun allerdings den Polen schwer genug geworden sein, ihr 
Anrecht auf Schlesien urkundlich nachzuweisen , und es 
knlipft sich auch fiir die spatere Zeit keine besondere Be- 
deutung an diese Anspriiche; jedenfalls aber liegt der 
Schwerpunkt des Ereignisses von 1335 darin, dafs eine Anzahl 
Landschaften definitiv von Polen getrennt werden und zwar 
doch nicht eigenthch als Eroberungen, die aus einer Hand 
in die andere iibergehen, sondern wesentlich infolge des na- 
tionalen Entwickelungsprozesses , infolge des Ubergewi elites, 
welches die deutsche Kolonisation hier erlangt hatte. 

Die Bedeutung des Moraentes soil in keiner Weise iiber- 
schiitzt werden, wir wissen sehr wohl, dafs in manchen der 
oberschlesischen Fiirstentiimer, Avelche hier mit in Frage 
konimen, die Germauisation keniesAvegs so weit vorgeschritten 
war, dafs das nationale Moment hier den Ausschlag gegeben 
hatte, wir haben ja auch selbst die Art der Unterwerfung 
seitens der verschiedenen Filrsten im einzelnen kennen gelernt 



150 ZweitCi Buch. .Scchster Abschuitt. 

und g(3sehen, dafs da selir mamiigfaltige BeweggTilnde mit- 
gewirkt haben; doch darau dilrfen wir I'esthalten, dais den 
eigentlichen ersteu Anstofs zui' Festsetzung der bohniischen 
Macht ia der schlesischen Hauptstadt 1327 das deutsche 
Intcresse der Breslaiier gegeben liat, und dlirfen audi iiber- 
zeugt sein, dafs der kluge Konig Kasimir von Polen Schlesien 
nicht so Icichten Kaufes aufgegeben haben wdrde, hatte er 
nicht empfunden, dafs dies iufolge der hier emporgewach- 
senen nationalen Schranken doch fiir ihn verloren sei. 

Darliber aber kann kein Zweifel obwalten, dafs der 
Anschlufs der Schlesier an Bohmen denselben als ziemlich 
gleichbedeutend erschienen ist mit einem Anschlussc an 
Deutschland. War es doch em ganz deutsches Fiirsten- 
haus, welches hier herrschte, und die deutsche Kok^nisation 
hatte in Bohmen damals bereits kauni minder grofse Fort- 
schritte gemacht, -svie in Nieder- und Mittelschlesien, so dafs 
dort wie hier das slavische Element in die uuteren Schichten 
zm'iickgedrangt scliieu. Was in Schlesien deutsch gesinnt 
war von Fursten, Adel und die Biirgerschaft im grofsen und 
ganzen, das hoffte von der Herrschaft der Luxemburger fiir 
ihre NationaHtat das Mafs von Schutz gegen die polnischen 
Nachbaren, welches ihm ihre Fiii'sten bei der Zersplitterung 
des Landes zu gewiihren nicht imstande waren. 

Dais aber damals die Losreifsung von Polen sich doch 
nicht alleiu auf Grund nationaler Momente voUzogen, son- 
dern zum Teil audi auf Grund sonstiger politischer Macht- 
verhiiltnisse, ist fiir Schlesien sehr zum Gliick ausgeschlagen. 
Auf dem ersteren Wege allein hatte sich z. B. das damalige 
Oberschlesien schwerlich gewinnen lassen. Das Gliick war 
hier ebcn, dafs die Gebiete, welche nationale Sjmpathieen 
Konig Johann gleichsam entgegentrugen, mit denen, welche 
einfach dessen kiihne PoHtik sich zu gewinnen wufste, nun 
zu gleicher Zeit von Polen losgerissen und schon dadurch 
zu einer Art von Gemeinsamkeit vereinigt wurden. Es 
waren dies ja im wesentlichen diesdben Landgebiete, welche 
einst 1163 als eigene Herzogtiimer von dem grofsen Polen- 
reich gesondert und die dann als Diocese Breslau wenigstens 
in Ivirchhcher Beziehung zusammengefafst wurden. 

Diese Gemeinsamkeit erhalten zu haben, ist ein Verdienst, 
das Schlesien dem Konig Johann zu danken hat; ohne ihn 
ware nach menschhchem Ennessen, wenngleicli das ger- 
manisierte Nieder- und Mittdschlesien immer in irgendwelcher 
Form den Anschlufs an Deutschland gesucht und gefunden 
hatte, doch Oberschlesien naturgemafs Polen zugefalleii. 



Drittes Buch. 

SchlesienuiiterKonigen aus demStarome 
der Luxemburger 1327—1437. 



Erster Abschnitt. 

Schlesien miter Koiiig Johanii. Stiidtisehe uiid staii- 

disclie FortentTvickeliuig. Natioiiale Cregeusatze in der 

schlesischeii Kirclie. Streit mit Bischof jSaiiker. 



Die immer fortgesetzten Gebietsteilungen der schlesischen 
Fiirsten bedingten ein Sinken ihrer Macht, aber ein Steigen 
ihrer Geldnote. Von beidem wulsten die Stadte Vorteil zu 
Ziehen und immer neue Privilegien den Fiirsten abzuge- 
winnen resp. abzukaufen. Damit wachs natiirlich die Selb- 
standigkeit der Stadte. Verschiedene Zeichen lassen sich 
dafiir nachweisen. So sehen wir jetzt im Laufe des 14. Jahr- 
hunderts die Mitteilungen geschriebener Rechte; die dann 
doch in gewissem Sinne Verfassungsurkimden darstellten, 
bei den schlesiscben StJidten liberhand nehmen. Vorherr- 
schend blieb hierfilr das sachsische Recht, wie es sich be- 
sonders in ]\Iagdeburg ansgebildet hatte, nur ganz aus- 
nahmsweise erl'ahren wir aus dem Jahre 1310, dafs in 
Neilse das hier geltende Magdeburger Recht^ weil es sich 
nicht bewahrt habe^ durch vlamisches ersetzt wird, und aus 
dem Jahre 1337 von einer Beleihung der Stadt Freiburg 
mit frankischera Rechte. Es handelte sich bei diesen Rechts- 
mitteihnigen nicht blols um die urspriingliche Zusendung 
einer Abschrift des eigenen Stadtrechtes von einer Stadt 
an die andere, sondern auch um gelegenthch notwendig 
werdende Erganzungen desselben durch Mitteihmg von so- 
genannten ^^'eistumern zur Feststelhmg zweii'elliafter Fragen, 
ja sogar um Einhohing von direkten Entscheidungen ein- 
zelner Falle, wo dann das Schoffenkollegium der einen Stadt 
gleichsam eine Appellationsinstanz tiir die andere darstellte. 
Kicht nur erhohtes Ansehen, sondern auch nicht imerheb- 
hche Einkiinfte waren "der Lohn solcher Mitteihmgen. Es 
war daher kein Wunder, dafs die Jiandeshauptstadt Breslau 



154 Drittes Bucli. Erstcr Abscbuitt. 

das ernstliche Bestreben zeigt, sicli ein Monopol auf solche 
]\Iitteilungen zu sichern. 1292 erklilren die Breslaiier sich 
als Oberhof fiir die Stadt Goldberg, imd 1302 verpilichtet 
sich Liegnitz, die von Breslau erlialtenen Stadtrcchte nicht 
welter zu geben oder zu verkaufeu und dagegen Rechts- 
belehruugen nur in Breslau zu holen. Gegen solclie Be- 
strebungen setzte sich nun allerdings die Eifersucht der an- 
deren gnifseren Stadte und mehr vielleicht noch der Par- 
tikularismus einzelner Herzr)ge. Wie hatten die Fiirsten 
aus Bolkos I. Geschlecht, die ja in so vielen Dingen sich 
sehr spr()de abschlossen, solche Superioritiit Breslaus sich 
gefallen lassen sollen? Ihre Stadt Schweidnitz entwickelte 
sich in voller Selbstandigkeit, verkehrte direkt mit Magde- 
burg vind teilte selbst Rechtsbelehrungen aus. Und ebenso 
gewann Liegnitz, jenem Versprechen von 1302 zumTi'otz, unter 
Boleslaw III. das Recht; fiir die Stadte des Liegnitzer Landes 
den Oberhof zu bilden , und auch im Neifseschen wahrte 
man der Landeshauptstadt die Befugnis zu Rechtsraitteilungen. 
Dabei blieb fiir Breslau allerdings immer noch ein recht 
ansehnliches Gebiet, in dem dasselbe als Oberhof anerkannt 
wurde, und es ward doch nicht von geringer Bedeutung, 
dafs Avenigstens in der zweiten Halfte des 14. Jahrhunderts 
auch oberschlesische Stadte von Breslau ihr Recht holten 
und die Qualitat dieser Stadt als ihres Oberhofes feierlich 
anerkannten. 

Die wesentlichste Bedeutung der geschriebenen Stadt- 
rcchte lag in der Herstellung sicherer Rechtsnormen zum 
Schutze gegen Ungorcchtigkeit und "Willkiir, wie solche von 
Verb-etern des Landesherrn und insbesondere von den Vogten 
gefurchtet wurden. Der Kampf mit diesen letzteren bildet 
iiberhaupt ein wesentliches Kapitel in der Geschichte der 
schlesischen Stadte, zu deren Beendigung es allerdings ein 
sehr sicheres Mittel gab, namlich die giinzliche Erkaufung 
der Vogteu'cchte durch die Stadte. Von diesem IVIittel 
haben dann auch schon sehr frilh die bedeutenderen schle- 
sischen Stadte Gebrauch gemacht, und wir besitzen aus 
dem 14. Jahrhundert Urkunden iiber kaufweise Erlangungen 
der Vogteien im ganzen oder in Anteilen von folgenden 
Stadten: Brieg, Haynau, Breslau, Glogau, Glatz, Franken- 
stein, Ohlau, Schweidnitz, Lahn, Jauer, Liegnitz, Hirsch- 
berg, Luwenberg, Milnsterberg, Grottkau, Striegau, Reichen- 
bach, so dafs, abgesehen von Oberschlesien , die Stadte 
Schlesiens hier schon frilh einen gewissen Hohepunkt ihrer 
Entwickelung erreicht zu haben scheinen. 

Einen weiteren Fortschritt der Stadte auf dem Wege 



Stadtisclie EntAvickeluug. 155 

zu vollkommener Selbstregierung bezeichnet die immer fort- 
schreitende Ausdehnuug der Befugnisse des stadtischen Ge- 
richtes ebensowohl iubezug auf die raumlichen Grenzen 
(Weichbild, Stadtgiiter), wie auf die Personen (Adelige, 
Landbewohner) , sogar aiich wohl in dem Falle, wenn der 
Gerichtsstand des Beklagten ein anderes verlangt liatte. Es 
war dies allerdings auch sehr notwendig, wenn der Biirger, 
der einem Edehiiann Geld lieh, dafiir eine gewisse Sicher- 
heit haben sollte. Und fehlte diese Sicherheit, so mufste 
sofort ein hoherer Zinsfufs das grofsere Risiko aufwiegen, 
ebenso wie die Unsicherheit der Strafse fiir die Warenziige 
naturgemafs den Preis der Wareu steigerte. Gegen Gewalt- 
samkeiten seitens eines Ritters mufsten die Verfestungen 
schlitzen, d. h. Erklarungen^ welche dem Betreffenden niit all 
den Seinigen das Betreten eines stadtischen Weichbildes 
untersagten. War es nan gleich fiir den Betreffenden immer- 
hin empfindlich, wenn die nachste Stadt, auf die er mit so 
vielen Lebensbediirfnissen angewiesen war, ihm ihre There 
schlofs , so konnte der voile Nachdruck solcher Mafsregel 
doch erst dann eintreten, wenn damit zugleich auch die 
llbrigen schlesischen Stadtthore sich schlossen, und der kluge 
Konig Johann zeigte den Schlesiern einen der Vorzuge seiner 
Herrschaft, indeni er 1339 fiir den ganzen Umfang seines 
unmittelbaren Besitzes, d. h. neben den Stadten der Ober- 
lausitz noch in Schlesien Breslau, Glogau, Strehlen und 
Ohlau, die in einer der Stadte ausgesprochene Acht iiber 
einen Rauber oder Friedensbrecher allgemein fiir giiltig er- 
klarte, und es ist sehr wahrscheinlich, dafs damals auch in 
anderen Stadten 'Versuche gemacht worden sind, sich dieser 
Mafsregel anzuschliefsen ; aber zu rechter Gemeinsamkeit hat 
es dann doch die Zersplitterung des Landes nicht konimen 
lassen, und man blieb schliefslich auf Verbindungen der 
Stadte unter sich zu gemeinsamen Mafsregeln gegen Friedens- 
brecher angewiesen, fiir die aber die rechte Zeit erst am 
Ausgange des 14. Jahrhunderts kommt, wenngleich der 
erste Anfang dazu bereits 1310 gemacht wird, wo sich in 
der anarchistischen Zeit nach dem Tode Heinrichs III. von 
Glogau die Stadte des Glogau - Saganer Landes zu solchem 
Zwecke verbiinden. 

Die Ausdehnung der stadtischen Jurisdiktions-Privilegien, 
in Verbiudung mit der fortschreitenden Germanisation, mufste 
nun vor allem dem aus der slavischen *Zeit heriibergenom- 
menen Kastellaneigerichte, der sogen. Zaude, mehr und mehr 
den Boden entziehen. Fiir das Fiirstentum Breslau schaffte 
sie Konig Johann 1337 ganz ab, im Fiirstentum Liegnitz 



156 Drittes Buch. Erster Abschnitt. 

konnen Avir aus den Urkunden ihre allmiihliche Einschran- 
kung vertblgeu, und audi mehr nach Obersclilesien hin, wie 
z. B. ira Fiirstentum Brieg, scheiut die Zaude gegen das 
Ende des 14. Jahrliuuderts aufser Braucli gekommen zu 
sein, dock hat sicli an anderen Orten das Gericht, wenn 
auch besehrankt und modifiziert, noch bis in neuere Zeit 
erhaltcn, wie z. B. in Glogaii. 

Aus der Erbscliaft der Zaude empfingen Ansehnliches 
auch die Vasallen des Landes, die nun das j\Iannengencht, 
den Lehenshot" konstituierten und eben als Lehensleute des 
Herzogs, trotz aller personlichen Getblgschaft , docli eine 
hohere SteUung dem Herrseher gegeniiber einnahmen, als 
die Edelleute eines polnischen Fiirsten. Und je mehr die 
Landerteikmgen die Macht der Herzoge minderten, desto 
mehr stieg die der Vasallen. 

Schon im 13. Jahrhundert finden vdr bei Avichtigeren 
Staatsakten den Beirat und die Zustimmung der Vasallen 
erwahnt, wie z. B. bei der Lehensaviftragung an Bohmen 
durch Wladyslaw von Kosel 1289, im 14. Jahrhundert wird 
das mehr und mehr zur Eegel. Natiirlich llel ganz beson- 
ders bei der Minderjahi'igkeit der Fiirsten die Gesinnung 
der Edlen des Landes schwer in die Wagschale. Nach dem 
Tode Bolkos I. sind es die Vasallen des Landes Breslau, 
welche im Verein mit den Breslauern den Bischof Heinrich 
zum Regenten bestellen, und als 1321 Bolko von Miinster- 
berg, miindig geworden, sich mit seinem bisherigen Vor- 
munde Bernhard von Schweidnitz auseinandersetzt, regeln 
die Adeligen beider Lande die Angelegenheit. Desgleichen 
wenn die Thronfolge auf eine andere Herrscherhnie iiber- 
ging. So setzen die Edeln, mit den Breslauer Biii'gern ver- 
eint, 1290 auf eigene Hand die Thronbesteigung des Lieg- 
nitzer Herzogs durch und fiihren 1327 den Ansclilufs an 
Bohmen herbei. Vor dem Gerichte der Mannen stand selbst 
der Herzog zu Eecht. Als einst Heinrich IH. sich erbietet^ 
im Streite mit den Breslauern sein Anrecht auf die Fleisch- 
banke etc. vor Gericht zu erweisen, wird man kaum an 
ein anderes denken konnen, als an das der Mannen des 
Fiirstentums, und sicherHch vor einem solchen Gerichte hat 
Boleslaw HI. von Brieg den dreimahgen Eid geleistet, der 
seine Anspriiche auf Liegnitz erharten soUte, ja dieser letz- 
tere Fiirst hat sogar aus besonderer Gnade darein gewilligt, 
dafs ein besonderer trerichtshof, gebildet aus filnf Vasallen 
des Liegnitzer Landes imd fiinf Liegnitzer Ratsherren, Ab- 
hilfe schaffen soUte, falls er, der Herzog, einem Vasallen 
oder einem Biirger unrecht gethan hatte. Seit die schle- 



Eechte der Vasalleu. 157 

sischen Herzoge sich der Krone Bohmen unterworfen, stand 
den Edlen gegen den Landesherrn auch eine Berufung an den 
Oberlehensherrn fi-ei und zwar nur ihnen, niclit den Bilrgern. 

Auch ein gewisses Steuerbewilligungsrecht besaisen die 
Ritterschaften der einzelnen Fiirstentiimer. Die Landes- 
fui'sten bezogen gerade von ihren Lehensleuten an direkten 
Steuei'n wenig oder gar niebts, hier stellte ja die Verpilicb- 
tung zum Lehendienste eigentlicb vornehmlich den Preis des 
Gilterbesitzes dar, doch waren Beisteuern filr aufserordent- 
liche Falle, an denen dann die gesamte Einwobnerschaft 
teilnabm, immer tiblicb gewesen. Als solcbe Falle warden 
bereits im 13. Jabrbundert angeseben, weun der Furst, oder 
eines seiner Kinder, sicb vennablte, wenn der Herzog, oder 
einer seiner Sobne, webrbaft gemaebt wurde, wenn es sicb 
im Interesse der Landesverteidigung um Wiedergewinnung 
eines frllber zum Lande geborigen Platzes oder Gebietes 
bandelte oder um Abwebr eines feindbcben Angriffs oder 
um Losegeld filr den bei Verteidigung des Landes in Fein- 
desband geratenen Herzog resp. einen seiner Erben. Na- 
tiirbcb bbeb es bei diesen Fallen nicbt, um so meln- bielt 
man darauf, dafs diese aufserordentbcben BewilHgungen dann 
nur als etwas freiwiUig und aus gutem Willen Gegebenes 
erscbienen, den Cbarakter einer „Bede" (petitio) batten, die 
auf besondere Bitte des Fursten in Fallen der Not bewilligt 
wm'den. In Bobmen ward in solcbem Notfalle eine Landes- 
steuer erboben, die sogen. Berna, die pro Hufe bestimmt 
angesetzt war; docb verzicbtete Konig Jobann, als er 1327 
Breslau zugesicbert erbielt, auf die Berna und verspracb, 
sicb mit den iibbcben Diensten und Hilfsgeldern zu be- 
gnilgen. Solcbe Hilfsgelder bat er dann aber in vielen 
Fallen in Ansprucb genommen, zuweilen vom ganzen Lande, 
zuweilen von einzelnen Stadten, aber immer docb nur in 
der Form von aufserordentbcben Bewilligungen, und bei 
anderen scblesiscben Fursten, vorzugbcb_ bei Boleslaw III. 
von Brieg-Liegnitz wiederbolt sicb dann Abnlicbes. 

Offenbar baben wir bereits Anfange der nacbmabgen 
standiscben Privilegien vor uns. Diese Vorrecbte baben 
nun die Mannen an vielen Orten mit Burgern der bervoi- 
ragenden Stadte zu teilen. Am fi'iibesten beobacbten wii* 
das bei der Landesbauptstadt Breslau, wo bei den grofsen 
pobtiscben Akten nacb dem Tode Heinricbs IV., deren wir 
bereits gedacbten, die Barone und die Burger vereint auf- 
ti'eten. Eine der letzten Verordnungen des Konigs Jobann 
vom 15. Februar 1346 setzt eine zur Halfte aus den Ya- 
sallen, zur Halfte aus den Breslauer Ratsmannen gewablte 



158 Drittes BucL. Erstor Absclinitt. 

Kommission ein zur Fortbilclung unci Ergiinzung des gelten- 
den Rechtes, und eine in iihnlicher Weise zusammengesetzte 
Korperschaft aus dem Fllrstentum Liegnitz wurde bereits 
erwabnt. Dazii kani nun nocb, dais scbon sehr friib in 
Breslau, Liegnitz, Scbweidnitz, Brieg u. s. w. angesebene 
und woblhabende Burger Grundbesitz aufserbalb der Stadt 
er war ben und so albnabHch in die Reiben der Edelleute ein- 
traten. Der Stadtadel, das Patriziat, stellte sicb neben den 
ritterlicben Adel des platten Landes. 

Unsere scblesiscben Urkunden keunen den Namen Pa- 
trizier nicbt, sie gebraucben dagegen bereits ini 13. Jabr- 
hundert vieliacb den Ausdruck seniores, Altesten, zur Be- 
zeicbnung der Angesebensten unter der Biirgerscbalt, deren 
Beirat bei wicbtigen Akten erforderKch ist. Ein erbobtes 
Anseben konnten nun sebr verscbiedene Dinge gewabren, 
z. B. vornebme Geburt, insofern unzweifelbal't aucb Adebge, 
wenngleich in geringerer Anzabl, in den Stiidten Grund- 
besitz gebabt und niit den Bilrgern Geklerwerb gesuebt 
baben, ferner aucb altererbter ansebubcber Besitz in der 
Stadt, desgleicben Erfabrung in den Gescbaften, wie solebe 
wiederbolte Bekleidung offentbcber Amter gewiibrt, ebenso 
Reicbtum und scbliefsHcb doeb aucb bervorragende per- 
sonUcbe Tiicbtigkeit. Durcb derartige Umstiinde ausge- 
zeicbnete Manner mocbten wobl als seniores gelten. In- 
dessen linden wir das Wort aucb in einer allgemeinen Be- 
deutung gebraucbt, namlicb als gleicbbedeutend mit Kauf- 
leute und im Gegensatze zu den Handwerkern, und so 
wollen wir beber den Ausdruck Patrizier anwenden zur Be- 
zeicbnung der oberen liber den Ziinften stebenden Scbicbt 
der Bevolkerung, als der eigeutbcben berrscbeuden Klasse. 

Nun war ja allerdings die in Scblesien aus Magdeburg 
eingefubrte und bier fast ausscbbefslicb zur Regel gewordene 
Form der RatsAvabl, der zufolge die nacb Ablauf eines 
Jabres von ilirem Amte zm-ilcktretenden Konsuln ibre Nacb- 
folger ernaunten, welcbe Form aucb bereits 1327 den Bres- 
lauern ausdriicldicb verbrieft ward, sebr dazu geeignet^ die 
eigentbcbe Teilnabme an der Regierung auf einen engen 
Kreis zu bescbrilnken und tbatsacblicb aus der patriziscben 
Aristokratie eine Oligarcbie zu macben ; indessen stand die 
Sacbe docb immerbin so, dais nacb den berrscbeuden Standes- 
begrifien die \A''abl eines HandAverkers in den Rat nui' als 
ein besonderer Ausnabmefall angeseben wm'de, dais also die 
^^'ablbarkeit prinzipiell auf das Patriziat bescbrankt bbeb. 
Natiirbcb waren die Zilnfte, welcbe sicb in den scblesiscben 
Stadten iiberall von dem Zeitpunkt der Grlindung zu deut- 



Patrizier uud Ziiufte. 159 

schem Reclite an gebildet batten unci in ihrer festen Or- 
ganisation, ausgestattet mit gewissen Privilegien ausschliefs- 
Hclien Handwerksbetriebs, auch wiederum aristokratische Ge- 
meinwesen darstellten, mit dieser Ausschliefsung von der 
Regierung sehr wenig einverstanden und auch nicht geneigt, 
sich damit zu begniigen, dafs ihi-e Vertreter, die Geschwore- 
nen der einzehien Ziinfte, bei besonders wichtigen Be- 
schlilssen des Rates zugezogen zu werden pflegten, und sie 
haben in Breslau wirklich einmal in den Jahren 1314 — 1320 
unter Umstanden , von denen wir leider nichts Naheres 
wissen, eine Hinzufligung von vier bis sechs Zunltgenossen 
zu den acht patrizischen Ratsherren durchgesetzt ; aber bald 
kommt man wieder davon zuriick und begniigt sich damit, 
jedesmal ein zunftisches Mitglied im Rate zu haben, ohne dafs 
deshalb die Versuche der Ziinfte, eine wirksame Teilnahme an 
der Stadti'egierung zu erlangeu, aufgegeben worden waren. 

In der That batten die Handwerker auch ein mn so 
grofseres Interesse hieran, da ja doch der Rat als der eigent- 
hche Inhaber der Gewerbepohzei es jeden AugenbHck in 
der Hand hatte, einen Beschhifs zu fassen, der vielleicht 
eine einzelne Zunft auf das allerempfindhcliste traf, indem 
er z. B. um des allgemeinen Wohles willen eine unerwiinschte 
Konkurrenz zuHefs oder auch Preise festsetzte, welche den 
Handwerkern unbiUig schienen. Ein interessantes Beispiel 
hierflir erhalten wir aus Schweidnitz vom Jahre 1311. Da- 
mals batten die dortigen Backer, unzufrieden tlber Brotpreise, 
die der Rat festgesetzt, eine allgemeine Auswanderung samthcher 
Backer beschlossen. Da schritt aber der Rat sehr energisch 
ein, liieit die Backer zuriick und verhangte iiber sie schwere 
Geldstrafen, verbannte den Radelstuhrer Nikolaus, den Boh- 
men, nachdem man ihn mit grofsem Gefolge und zwar zu 
seinem Hohne am hellen Tage mit angeziindeten Fackein 
zur Stadt hinausgeleitet hatte, auf ewig aus dem Gebiete 
des Herzogs Bernhard, seiner Briider und ebenso aus dem 
der drei Herzoge der Breslauer Linie und fiihrte schhefsUch 
wochentKch einen einmahgen freien Brotmarkt ein. In 
Breslau bestand ein solcher am Sonntag; aber Herzog Hein- 
rich VI. giebt, da er wahrgenommen, dafs man zuweilen in 
Breslau filr gutes Geld nicht Brot zu kaufen bekomme, dem 
Rat das Recht, Avenn es ihm notwendig schiene, noch einen 
zweiten freien Brotmarkt einzm'ichten , was natiii'Hch von 
den Backern sehr iibel empfunden wird. 

Die unzufriedenste aUer Inuungen war die der Tuch- 
weber, schon aus dem Grunde, well gerade ihr der Einzel- 
verkauf ihrer Produkte geradezu verboten war, insofern der 



160 Drittos Buch. Erstcr Absclmitt. 

Tuuhaussclinitt eiu eiterbilchtig bewachtes Privileg der Grofs- 
kaut'leute, der KammerheiTeu, d. h. der Besitzer von Tuch- 
kaiumern, war, von denen jeue dann bezuglich der Preise 
ihrer Arbeit abhiingig- Avaren und vielfacli gedrlickt warden. 
Dazu kam nun nocli, dafs in Breslau und ganz ebenso in 
Scliweidnitz die Tuchweber ursprilnglich eine gewisse kom- 
munale Selbstandigkeit hatten, insot'ern aus ihnen griifstenteils 
die Einwolnierschat't der ini 13. Jabrliundert hier wie dort als 
besonderes Gemeinwesen ausgesetzten Neustadt bestand. Un- 
zweifelbait hatte diese Selbstandigkeit auch niaterielle Yor- 
teile, ward aber natlirlich von den Bewohnern der beiden 
Altstadte luit sebr ungiiustigen Augen angeseben; und in 
den Jahren 1305 und 1306 erlangten die Breslauer von 
dem jungen Herzog Boleslaw nicht nur ein erneutes Verbot 
des Gewandausscbnittes, sondern jeder Art von Handwerks- 
betrieb in der Neustadt niit alleiniger Ausnabnie der We- 
berei (nur ein Kleinscbmied zum Ausbessern der A\'eber- 
geriite und filnf Backer werden bier nocb gestattet). Auf 
die Vorstellungen der Neustiidter bebt nun zwar Heinricb VI. 
1311 diese Beschriinkungen wieder auf, dock vermogen die 
Breslauer 1315 den Glogauern mitzuteilen, dafs ibre Neu- 
stadt zwar einen eigenen Vogt dock keine eigenen Fleiscb- 
oder Scbuhbanke babe. Ini Jabre 1327, wo die Breslauer 
Ratslierren dann zur Zeit des Aiiscblusses an Bobmen den 
scliwacben Herzog vollstandig beberrschen , erlangen sie 
neben vielen anderen Zugestiinduissen aucb die Vereiniguug 
der Neustadt mit der Altstadt (in Scliweidnitz erfolgte das- 
selbe erst 1336), scbwerlicb zur Freude der Neustiidte, deren 
Weber nun einen Grund mebr zur Uuzufriedenlieit batten. 
Seitdem scheint bier namentlicb unter den neustadtiscben 
Webern die Unzufriedenbeit gewachsen zu sein. Es war 
die Zeit, wo in vielen Stiidten des Westens die Ziinfte hef- 
tige Angriffe gegen das patriziscbe Regiment ricbteten, wo 
in Giirlitz Konig Joliann gegen die Weber einscbritt (l33l) 
und in Scliweidnitz Herzog Bolko den Rat gegen Ungebor- 
same scbiitzen mufste. Auch in Breslati sielit sich Konig 
Jobann genotigt, das Watfentragen allgemein zu verbreiten 
und dem Rat sebr entschiedene VoUmachten zur Bestrafung "' 
von Aufstiindiscben zu erteilen. ( 

Als dann in diesen Jahren die erhohten Anforderungen'' 
des Konigs Jobann eine starkere Belastung der Burger her- 
beifuhrten und der Rat einen Teil der erforderlichen Summe' 
im Wege eines sogen. Eidgeschosses , d. h. einer auf eid-: 
licher Selbstschatzung beruhenden Vermogens- und Ein- 
kommensteuer aufzubringen versuchte, gab diese ungewohnte 



Die Tuchweber zu Breslau. 161 

Besteuerung im Jahre 1333 Anlafs zu einem Aufstande, an 
dessen Spitze sich die belden Tuchmaclierinnungen der Neu- 
stadt und Altstadt stellten, und wobei der vom Rate eiuge- 
setzte Yogt der Neustadt, Hartmann, selbst einen der Fiihrer 
abgab. Die Geschworenen der beiden Zlinfte erhoben 
schwere Klage iiber den Rat, der es auf den Ruin ilu'es 
Handwerks abgesehen babe und die Gelder der Stadt unred- 
lich und eigenniltzig verwalte. Ibre Tcicbter und Verwandteu 
statteu die Ratsherren damit aus, sagten sie dem Herzog, 
diesem nur wollten sie kiinftig schworen , nicht mehr den 
Konsuln, und ibm gern ansebnlicbe Summen zur Verfiigung 
stellen, wenn er sie scbiitzen woUe. Natilrlicb blieb es ein 
vergebliches Bemiihen, den Herzog von der patrizischen 
Aristokratie abzuziehen, die Gescbworenen wurden dem Rate 
gegenilbergestellt , wo sie dann aucb eigentlicbe Bevveise 
nicbt vorzubringen vermochten und scblielslicb sich dazu 
hinreifsen liefsen, drohend auf 900 Mann hinzuweisen, die 
wohl niit Waffen versehen und bereit waren, ihren Forde- 
rungen Nacbdruck zu verleihen. Ob es dabei noch zu Ex- 
cessen und Gewaltsamkeiten gekommen, wissen wii' nicht, 
wohl aber, dafs die ganze Erhebung mit grofser Strenge nie- 
dergeworfen ward. Drei der Radelsfiihrer wurden enthauptet, 
darunter der neustadtische Vogt, die vier Gescbworenen der 
beiden Zlinfte aber nebst noch zwei andereu verbannt. 

Natilrlicb blieb der Gegensatz und die Unzufriedenheit, 
und Konig Johann erlafst dann noch 1336 eine Weisung 
an den Rat, mit aller Energie den Parteiungen entgegen- 
zutreten, welche zuweilen zu Skandalen Veranlassung gaben; 
doch zu Aufstanden kam es nicht mehr, so lange, wie dies 
unter diesem Herrscher und auch seinem Nachfolger der 
Fall war, die Macht des Landesherrn dem Breslauer Regi- 
mente wirksamen Schutz gewahrte. Wie fest und eng die 
Beziehungen zwischen dem Konig und der Breslauer Aristo- 
kratie waren, das zeigt ganz besonders auch dessen Kampf 
mit Bischof Nanker von Breslau. Um diesen ganz zu verstehen, 
werden wir in etwas friihere Zeit zurilckgreifen miissen. 

Streit mit Bischof Nanker. 

Es hatte sich, vde bereits frllher angedeutet ward, etwa 
seit dem Beginn des 14. Jahrhunderts in dem Verhaltnisse 
der Stadt Breslau zum Bistum ein sehr bedeutsamer Um- 
schwung vollzogen. Der schlesische Klerus spaltete sich 
selbst in eine polnische und eine deutsche Partei, und wah- 
rend jene an den polnischen Pralaten des Gnesener Spren- 
gels und den piipstlichen Legaten einen machtigen Riickhalt 

Grunliagen, Gesch. Schlesiens. I. 11 



162 Drittes Buch. Erster Abschnitt. 

fand, hatte diese mit dem Bischofe Heinrich von Wurben 
1301 einen der ihrigen auf den Breslauer Bischofssitz ge- 
bracht, und es diirt'te wohl als ein Zeichen daliir gelten^ 
Avie sich die Zeiten geandert batten, dafs damals wenige 
Jabrzebnte nacb dem so erbittert gefubrten Kircbenstreite 
die Edeln des Breslauer Landes in Verbindung mit dem 
Rate den neuen Biscbof zum Vormunde der jungen Herzoge 
erkoren. Aber begreiflicherweise war Heinrich niebt in 
gleiebem Mafse der papstbcben Kurie genebm, und man 
nabm von einem Sfcreite, den Heinricb mit dem berzogbcben 
Protonotar Giintber von Biberstein hatte, Anlafs, ibn 1309 
unter Suspension von seinem Amte nacb Avignon zu citieren, 
wo man ibn dann mebrere Jabre festbielt, wabrend welcber 
Zeit der papstHche Legat, Kardinal Gentihs, alle Pfrunden 
nacb seinem Gutdunken vergab. In dieser Zeit (1312) stellen 
die Breslauer dem Papste den Scbaden vor, den die ver- 
waiste Kirche erleidet, und bitten denselben, ibnen den 
Biscbof, der nur ein Opfer der Verleumdung sei, zuriick- 
zugeben. Darauf wird denn Heinricb 1313 restituiert, und 
als er nun zuriickkebrt, lafst er es an Beweisen seines kircb- 
licben Eifers nicbt feblen. 

So tritt er mit iiufserster Energie gegen Aufserungeik 
waldensiscber Lebre auf, die sicb damals, wie an so vielei 
Orten, so aucb bier, regten. Zum erstenmale, so viel wir- 
wissen, sab der schlesiscbe Boden das tram'ige Scbauspiel 
von Ketzerverbrennungen. An 50 Menscben, darunter Wei- 
ber und Kinder,, erlitten im Sommer 1315 zu Scbweidnitz 
den Feuertod; Abnlicbes wiederbolte sicb bald nacbber in;] 
Breslau und vielleicbt aucb nocb in anderen Stiidten. 

Aucb uber den Orden der Beginen, Klosterfrauen , die 
sicb unter etwas laxer Kegel zu gemeinsamer gewerblicber 
Tbiitigkeit vereinigt bielten und an verschiedenen Orten iikl 
Scblesien, in Breslau, Scbweidnitz, Neifse Niederlassungei 
batten, verbangte jetzt Heinricb scbwere Verfolgungen und.] 
erHefs aucb auf einer in Breslau 1316 zusammengerufenen.! 
Synode strenge Bestimmungen , besonders zu dem ZweckeJ 
den Klerus einer strengeren Disziplin zu unterwerfen. 

Natlirlicb blieben die nationalen Gegensiitze im Scbofse 
der scblesiscben Geistlicbkeit unveriindert, und wie starl 
dieselben waren, zeigte sicb recbt deutlicb, als nacb dem^l 
Tode des Bischofs Heinricb das Kapitel zu einer neuenl 
Wabl scbritt. Die deutscb gesinnte Mebrbeit wiiblte den an- 
geblicb aus dem Gescblecbte der Habdank stammenden.1 
Domberni Veit, aber die polniscbe Minderbeit, welcbe furl 
einen ibrer Landsleute, der den allerdings nicbt polnisckj 



Die papstliche Kurie uud das Breslauer Bistuin. 163 

klingenden Namen Luthold fiihrte, gestimmt hatte, focht 
die Wahl an und setzte es durch, dafs die Sache zur Ent- 
scheidung an den papstlichen Stuhl zu Avignon kam, wo 
dann nach vielen Verhandlungen erst 1326 Johann XXII. 
sich mit Riicksicht darauf, dafs Veit als geborener Schlesier 
vor eineni Fremden den Vorzug verdiene, zu dessen Gun- 
sten entschied. Als dieser nun aber acht Tage nach seiner 
Bestatigung starb, behielt sich der Papst selbst die Besetzung 
des bischofiichen Stulales vor und berief dann noch 1326 
einen Polen, den bisherigen Bischof von Krakau, Nanker, 
dessen Stellung in Krakau infolge eines Streites mit Ktinig 
Wladyslaw mifslich geworden war, nach Breslau, naturhch 
nicht eben ziu' Freude des dortigen Domkapitels. 

In diesem hatte die Fiihrung der deutsch gesinnten Mehr- 
heit allmahhch allein der Domherr imd Kantor des Kreuz- 
stiftes Nikolaus von Banz erlangt, der selbst einem Bres- 
lauer Patriziergeschlechte entstammend eine enge Verbindung 
mit dem Herzoge und der Stadt immer im Auge hatte. 
Er war einst bereits in die Handel verwickelt gewesen, 
welche 1309 Bischof Heinrichs Suspension veranlafst batten, 
aber 1319 nach dem Tode des letzteren zu einem der Ad- 
ministratoren des Bistums erwahlt worden, wo dann bald 
thatsachlich die Leitung des Bistums in seine Hande liberging. 
Er hatte liier eine aufserst schwierige Stellimg. Es gait, die 
Rechte der Kirche zu wahren gegeniiber der Laienwelt, die 
damals sich um so weniger fllgsam zeigte, als ihr doch nicht 
ein Bischof mit der Autoritiit seines Amtes gegeniiberstand. 

Und wahrend hier die Kenntnis der Verhaltnisse zu sehr 
vorsichtigem und mafsvollem Auftreten mahnte, drangten 
die papstlichen Legaten unwiUig ilber die ihnen allerorten 
entgegentretende Abneigung fortwahrend und mit drohenden 
Aufserungen auf Anwendung der scharfsten geistlichen Strafen 
hin. Uberhaupt mochte das Breslauer Kapitel in diesen 
Legaten wohl seine allerschlimmsten Feinde erblicken. 

Zunachst waren dieselben Trager sehr unliebsamer Auf- 
trage. Sie batten fur den papstHchen Stuhl von Avignon 
Steuern einzuziehen, in einem Umfang, wie solches nie- 
mals vorher gefordert worden war. Da handelte es sich 
einmal um die Annaten , den vollen Jahresertrag von 
jeder vakanten geistlichen Pfrilnde, ferner um den sogen. 
sechsjahrigen Zehnten, namlich um 10 Prozent aller geist- 
lichen Einkiinfte von alien geisthchen Pfriinden auf sechs 
Jahre hinaus und von 1325 an streng eingefordert, und 
aufserdem auch um den Peterspfennig und zwar in der 
Gestalt einer wirklichen Kopfsteuer, einen Denar von jedem 

11* 



164 Drittes Buch. Erster Abschnitt. 

mensclilichen Haupte, wie ihn Johann XII. seit 1318 ver- 
langtc, wahvend man sich triiher init einer von dem Fiirsten 
gezahltcn Bauschsumme begniigt hatte. War es nun schon 
gehassig genug, von der Geistlichkeit bishcr ungewohnte 
Steuern einzutreiben in einer Zeit, wo ohnehin die Achtung 
vor dem Papsttum sehr gesunken war, so machte die An- 
gelegenheit des Peterspfennigs die Sache nocli besonders 
schlimm, insofern bier die Laien ganz direkt in Mitleiden- 
schaft gezogen wui'den. Wie wir von friiheror Zeit her 
wissen, weigerten sich die deutschen Ansicdler iiberhaupt 
dieser Steuer und nun natiirhch noch ganz besonders der 
kopfweisen Erhebung. Als Bischof" Heinrich starb, war der 
grolste Teil Schlesiens dem Interdikt verf'allen, und die schle- 
sischen Fiirsten protestierten in Avignon gegen die An- 
forderungen der Legaten. AYohl bemiihte sich Nikolaus 
von Banz, einen Ausgleich herbeizuliihren, und dem grofsen 
Einflusse dieses Mannes, der ja zugleich Leiter des Bistums 
und Minister Heinrichs VI. von Breslau war, gelang es 
auch wirklich , die schlesischen Fiirsten und die Stadt 
Breshiu zu Zahkmgen des Peterspfennigs zu bewegen; aber 
die papstlichen Legaten liefsen es zu keinem Frieden kom- 
men. Sie schikanierten das Kapitel mit der verlangten Rech- 
nungsablegung resp. Abheferung der bischoflichen Einnahmen 
aus der Zeit, wo Bischof Heinrich in Avignon gewesen war, 
wobei sie sich sogar zu der nachweisHch unrichtigen Be- 
hauptung verstiegen, der Bischof sei gar nicht wieder in 
sein Amt eingesetzt worden, sondern nach dem Tode Papst 
Klemcus' V. eigenmachtig zuriickgekchrt, um so auch fiir 
den Rest der Regierungszeit Heinrichs Rechnungsablegung 
beanspruchen zu konnen. Die Administratoren schreiben 
nach der Berufung Nankers dem Papste, wenn die Forde- 
rungen der Legaten ei'fiillt werden sollten, wllrde, da das 
Bistum jetzt infolge der Ungunst der Zeiten nicht mehr 
den zehnten Teil seiner sonstigen Einlciinfte besitze, der 
neue Bischof absokit nichts mehr zu leben finden. Ohnehin 
waren grofse Verpfandungen notwendig. 

Die schAvierigen Verhaltnisse verschhmmert dann noch 
die PersonHchkeit der Legaten. Andreas von VeroH, der bis 
1326 amtierte, gait als habsilchtig und eigenniltzig, und 
unter sein em Nachfolger Peter von Auvergne kam es zu 
den schlimmsten Auftritten. Als derselbe einst einem aus 
Breslauer Patrizierkreisen stammenden Kanonikus der Kreuz- 
kirche zu Breslau, Johann Winer, mit der Faust ins Gesicht 
geschlagen und ihn einen Riiuber der papstlichen Gelder ge- 
scholten hatte, erhob sich ein allgemeiner Aufstand gegen 



Bischof mid Domkapitel. 166 

ihn; selbst cler Herzog verlangte, das Kapitel solle den 
Frevler exkommunizieren, Peter muiste sogar in dem Bres- 
lauer Bischofshofe, wo er sicli einquartiert hatte, fiir seine 
Siclierheit furchten. 

Hier land ihn 1327 der neue Bischof Nanker, den der 
Papst, wie wir wissen, dem Breslauer Bistum aufgenotigt 
hatte, und die Klagen des erbitterten Legaten fullten mm 
das Ohr des im Grimde ehrlichen, aber beschrankten und 
allzu eifrigen Pralaten. Derselbe ward bald selbst in Mit- 
leidenschaft gezogen, insofern bei einem neuen Angriffe auf 
den Legaten auch Diener des Bischofs erschlagen warden 
und augeblich selbst der geheihgte Raum der Kii'chen nicht 
respektiert geblieben ist. Um so weniger vermochte der 
Bischof mit seinem Kapitel in gutes Einvernehmen zu kom- 
men. Nanker fliichtete nach Neifse, das Kapitel aber Avei- 
gerte sich, ihm zu folgen. 

Dasselbe liefs seinem Oberhirten (1329) durch dritte 
Hand insinuieren, wenn er sich entschlosse, fortan in Breslau 
seinen dauernden Aufenthalt zu nehmen und in Eintracht 
mit seinen Brlidern im Kapitel zu handeln, so werde er 
durch deren Rat und Beistand, sowie durch den der Burger- 
schaft Breslaus, der Hauptstadt der ganzen Diocese, und vor 
allem durch den Schutz des Beherrschers der Stadt, des 
Konigs von Bohmen, es moglich machen, ilber seine Feinde 
zu siegen; wenn er aber fortfiihre, immer aufseiten der 
Gegenpartei (d. h. der Legaten und der Polen) zu stehen, 
im Zwiespalt mit seinem Kapitel und seinem Klerus, so 
drohe der Kirche vollstandiger Ruin. 

Wirklich naherte sich der Bischof bald wieder dem Ka- 
pitel in demselben Mafse, wie er mit dem Legaten zerfiel. 
Dieser, der nach den iiblen Erfahrungen in Breslau noch 
weiter Schlimmes erduldet, indem ihn der gewaltthatige 
Bolko von Miinsterberg bei Oppeln hatte liberfallen vmd be- 
rauben lassen, hatte sich nach Krakau fliichten miissen, und 
die Klagen wegen Erpressung und Unterschlagung hauften 
sich gegen ihn endlich m solchem Mafse, dais auch der 
Papst ihn fallen hefs und Untersuchungen gegen ihn ver- 
hangte (1335). 

Das Schlimme war nur, dafs sein Nachfolger Galhard 
de Carceribus zwar wohl ehrlicher, aber dafur auch noch 
gewaltsamer und deutschfeindlicher war. Derselbe machte 
sich in kurzer Zeit bei dem schlesischen Klerus so mifs- 
liebig, dafs, als er nach Breslau kam, ihn hier niemand 
aufnehmen wollte und die Kurien der Domherren sich hier 
ebenso vor ihm schlossen wie die Hauser der verschiedenen 



166 Diittes Buch. Erster Abschnitt. 

schlcsischen Stifter. Mit dem Kapitel geriet er in offenen 
Konflikt cladurch, dafs er den Quittungeu seines Vorgaugers 
die Anerkennung versagte, und bald kani es dahin, dais er 
nicht nur Kikolaus von Banz exkommunizierte, sonderu audi 
die niederschlesischen Fiirsten und speziell die Stadt Breslau 
mit dem Interdikte belegte. Aber eine ^Appellation der 
Schlesier verscliafFte ihnen drei schlesische Abte als Richter, 
welche dann, als Galhard sich daran nicht kehrte, nun 
ihrerseits wiederura den Legaten cxkommunizierten. 

Voller Erbitteruiig sclireibt nun Galhard an den Papst, 
in alien Teilen Polens, wo Deutsche herrschten, kiimen alle 
Rechte der piipstlichen Kammer ganz und gar in Verfall, 
und die Nachgiebigkeit, welche man gegen das Breslauer 
Kapitel bewiesen, werde dem papstlichen Stulile schwere 
Verluste bringen. Man habe durch die Ernenuung deutscher 
Richter die Saclie thatsachlich in die Hand des Klilgers ge- 
legt, denn die gesamte schlesische Geistlichkeit stande so 
vollstandig unter dem Einflusse des Nikolaus von Banz, dafs 
aus ihrer Mitte niemand gegen denselben zu entscheiden 
wage und selbst der Bischof eingestandlich es nicht wagen 
diirfe, gegen ihn die Exkommunikation zu vollstrecken oder 
derselben auch nur personHch Folge zu geben. Uberhaupt 
sei Bischof Nanker ein alter, abgelebter Mann, dem als 
Nachfolger der Papst selbst einen Polen setzen miisse, denn 
wenn man die Wahl dem Kapitel iiberliefse oder dem Ein- 
flusse des Konigs oder auch nur der Ubermacht des deutschen 
Klerus, so wiirden alle Anrechte der papstlichen Kammer 
vollstandig in Verfall kommen, wie es bisher uberall ge- 
schehen sei, wo Deutsche die geistliche und weltliche Ge- 
walt batten. Es sei jetzt schon so weit gekommen, dafs 
selbst die sonst noch gutgesinnten Slaven anfingen scliAvierig 
zu werden und mehrfach aufserten, sie wollten nicht allein 
Sklaven sein, wiihrend die in ihrem Lande und von ihren 
Giitern lebenden Deutschen ganz frei seien. 

Bei soldier deutschfeindlichen Gesinnung war es nicht 
zu verwundern, dafs der Legat bald auch einen ernsthchen 
Konflikt mit der weltlichen i\Iacht hervorrief. Dieser drelite 
sich um das Sclilofs MiHtsch, ein uraltes Besitztum der Bres- 
lauer Kii'che und zugleich eine durch die Siimpfe der Bartsch 
wohlgeschiitzte Grenzburg gegen Polen. 

Dasselbe war in der Zeit Bischof Heinrichs an einen 
polnischen Starosten verpfandet, aber eben um seiner mili- 
tiirischen Bedeutung willen noch kurz vor des Bischofs Tode 
wieder eingelost Avorden, und Bischof Nanker hatte dann 
dorthin als Befehlshaber einen seiner Kanoniker gesetzt, den 



Streit um Sclilofs Militscli. 167 

Breslauer Archidiakon Heim'ich von Wilrben, mit Zustim- 
mung des Kapitels, welches wolil mit Nanker darin iiberein- 
stimmen mochte, dafs es zweckmafsig sei, den Archidiakon 
aus Breslau, wo seine Mifshebigkeit schon zu argerhchen 
Konflikten gefiihrt hatte, mit guter Manier fortzubringen. 
AUerdings bereitete Heinrich von Wiirben auch in seiner 
]\lilitscher SteUung durch hochfahrendes Wesen und Unbot- 
miifsigkeit den eigenthchen Herren des Schlosses, den Bres- 
lauer Kapitnlaren, vielen Verdrufs. Dieser Mann gebot nun 
in MiHtsch noch, als im Beginne des Jahres 1337 Konig 
Johann auf seinem Kreuzzuge gegen die Litauer an dem 
Schlosse vorbeizog und dessen Bedeutung fur den Fall eines 
Krieges mit Polen wohl erkannte. 

Er liefs sofort Unterhandlungen ankniipfen iiber den 
Verkauf des Schlosses. Das Kapitel war natiirhch gern 
dazu bereit, und auch der Bischof hatte sich geneigt finden 
lassen, um so mehr, da der Konig ihm eben damals (1337, 
Marz 30) eine grofse Bestatigung aller Freiheiten der Bres- 
lauer Kirche erteilt hatte. Aber der papstliche Legat Gal- 
hard de Carceribus war auf keine Weise zu gewinnen; er 
schlug alle Einladungen des Konigs zu einem Besuche in 
Prag aus und driingte den Papst dazu, die Veraufserung 
des Schlosses geradezu zu verbieten. An diesen schreibt er 
ganz unmnwunden, die Besetzung von Militsch, welches auf 
jener Seite gleichsam der Schliissel Polens sei und die Er- 
werbung anderer benachbarter Schlosser nach sich zieheu 
wiirde, miisse zum grofsten und unersetzlichen Schaden des 
Konigs von Polen gereichen. 

WirkHch Heis sich der Papst bewegen, den Schlesiern 
gegentiber das Interesse ihres Landesfeindes, des Konigs von 
Polen, zur Richtschnur zu nehmen und verbot in strengster 
Form die Veraufserung des Schlosses. Konig Johann aber 
gab seine Plane nicht auf und war entschlossen, zwar nicht 
den Verkauf aber doch ein Mitbesatzungsrecht der Grenz- 
burg, wie es ja die Herzoge friiher wu'khch ausgeiibt, zu 
erzwingen. Als er im Juli 1339 wieder nach Breslau kam, 
sammelte er auf Kosten der Bi^eslauer, die gern zu solchem 
Zwecke beisteuerten , ein kleines Heer und Hefs es vor 
Militsch riicken. Heinrich von Wiirben erschien zu eiuer 
Besprechung im Lager, und reichlicher Weingenufs stimmte 
ihn, wie es heifst, so mild, dafs er in die Aufnahme boh- 
mischer Besatzuug willigte. 

Nun natiirlich grofse Erbitterung der polnischen resp. 
papstlichen Partei, und Bischof Nanker, vermutlich durch 
den Legaten aufgestachelt, entschlofs sich, nachdem der 



168 Drittes Buch. Evster Absclmitt. 

Konig die Zurilckgabe des Schlosses verweigert hatte, zu 
einer grolsen IVIanif estation im Stile des Bischoi's Ambrosius dem 
Kaiser Tlieodosius gegenilber. Etwa im August 1339 suchte 
er, begleitet von drei Domherren, die allein seiner Ladung 
Folge geleistet batten , den Kunig im Jakobskloster zu 
Breslau auf, wo derselbe gerade in einer Ideinen Stubs 
neben dem Refektorium mit den Konsuhi Rates pflog, und 
nachdem er den ihm zuerst verweigerten Eintritt sich durch 
beharrliches Fordern erzwungen^ verlangte er die Rilckgabe 
von Militsch. „Das wird nicbt so bald geschelien, wie ihr 
denkt", antwortete Johann. Da rief der Bischof dem Konig 
das Kreuz entgegenlialtend, „so exkommuniziere icb eucb fiir 
jetzt und immerdar im Namen des Vaters, des Sohnes und 
des heiligen Geistes". Wahrend nun die Anwesenden er- 
schreekt verstummten, sagte Johann ruliig: ;;Bei der Seele 
Gottes, was ist das flir ein Priester, der Avurde gem ein 
Martyrer werden, wenn nur jemand Lust liiitte, ihn dazu 
zu machen." 

Konig Johann hatte dazu entschieden keiue Lust; der 
Bischof ging vuigefahrdet vondannen, nachdem er noch 
den Zeugen des ganzen Auftrittes, den Breslauer Ratsherren, 
welche ihm Vorstellungen wegen seines hel'tigen Verfahrens 
machten, erklart hatte, sie seien als Mitschuldige des Kouigs- 
gleichfalls selbst dem Banne verfallen und auch noch hin- 
zuget'ugt hatte, dieser Herrscher sei gar kein rechter Konig, 
sondern nur ein Koniglein, eine Aufserung, welche sich, wie 
die Konsuln nachmals erl'uhren, darauf griindete , dais der 
Konig von Bohmen in seinem Lande keinen Erzbischof 
habe, sondern, um gekront zu werden, einen solchen erst 
borgen miisse. 

Wahrend Nanker wieder nach Neifse zuriickging, legte 
in Breslau, von wo der Konig bald wieder abgereist war, 
der Landeshauptmann Kunad von Falkenhain im Vei'ein 
rait dem Rate eine Sperre auf alle geistlichen Einkiinfte, 
die allerdings auf die besonders mifshebigen Kleriker be- 
schrankt bliebt, Hefs die Domkirche schliefsen, verlangte aber 
von den Pfarrern der Stadtkirchen Abhaltung des Gottes- 
dienstes trotz des verhangten Interdiktes, setzte die sich 
"Weigernden ab, an ihrer Stelle aber andere fugsamere ein 
und vertrieb einige widerstrebende Klostergeistliche, worauf 
dann im Dezember 1340 der Bischof liber die Urheber 
dieser Mafsregeln den Bann aussprach. 

In dieser Zeit grofser Aufregung gegen die geistlichen 
Gewalten kamen nun auch jene an waldensische Lehr- 
meinungen ankniipfenden Ketzereien, welche unter Bischof 



Dei* Streit mit Bischof Nanker. 169 

Heinrich, Avie wir wissen, hart veifolgt, aber nicht ausge- 
rottet Avaren, wieder zu Worte, imd die Verwerfung des 
Papsttums, das man als die babylonische Hure der Offen- 
barung bezeiclmete, sowie der Vorrechte des Priesterstandes, 
fandeii vielen Beifall. In diesem Sinne lehrte ein aus Klo- 
ster Grulsau ausgetretener Cistercienser, Bruder Martin, den 
der Breslauer Rat zum Pfarrer von Maria - Magdalena ge- 
macht hatte, von der Kanzel dieser Kirche, und einer der 
Breslaiier Konsuln, ein Gerber seines Zeichens, soil auf 
offentlichem Platze von erhohtem Gerils'te aus in gleichem 
Geiste zu vielem Volke gesprochen haben. 

Gegen diese Ausschreitungen ward nun von Bischof 
Nanker der vom Papste zum Ketzerinquisitor bestellte Do- 
minikaner Johann von Schwenkenfeld nach Breslau ent- 
sendet, welcher aueh hier mutig, aber doch mit Vorsicht 
und Malsigung, auftritt. Da nun aueh die Breslauer Rats- 
herren in diese Beschuldigungen der Ketzerei verwickelt er- 
schienen, so rief Konig Johann den Inquisitor wie die Kon- 
suln zu sich nach Prag, und hier verwickelte sich die Sache 
noch niehr dadurch, dafs am 28. September 1341 Johann 
von Schwenkenfeld von unbekannter Hand ermordet wurde, 
wo dann doch den Landeshauptmann und die Ratsherren 
ein wenn aueh unbegriindeter Verdacht traf 

Wie schlimm iibrigens diese Konflikte aussahen, so fan- 
den sie doch ihre glitliche Losung und zwar um so leichter, 
als die vorzugsweise beteiJigten Personlichkeiten samtlich 
vom Schauplatze abtraten. Am 10. April 1341 starb Bischof 
Nanker, am 25. April 1342 Papst Benedikt XIII. Kcinig 
Johann, vollstandig erbhndet, trat im Februar 1342 die Re- 
gierung iiber Bohmen und Schlesien seinem Sohne Karl ab. 
Schwenkenfeld war tot, der Landeshauptmann von seinem 
Amte zuriickgetreten, die Breslauer Ratsherren durch andere 
ersetzt. Die Tiroler Erbschaftsangelegenheit verfeindete die 
Luxemburger vollstandig mit Konig Ludwig dem Bayer, 
und in dem Hasse gegen ihn fand man sich mit dem Papste. 
Der vorsichtige Markgraf Karl, der nachmalige Kaiser, war 
weit davon entfernt, den Konflikt mit der Geistlichkeit auf 
die Spitze zu treiben und fand bei dem neuen Papste, 
Klemens VI., seinem ehemaligen Erzieher, freundliches Ent- 
gegenkommen. 

Derselbe ergab sich sogar darein, dafs das Breslauer Ka- 
pitel, obwohl Benedikt XIII. sich diesmal die Besetzung des 
Bistums ausdrilcklich vorbehalten hatte, in der Person des 
Domherrn Preczlaw von Pogarell, eines schlesischen Edel- 
mannes, einen Bischof sich wahlte und bestjitigte unter der 



170 Drittes Buch. Erster Absehuitt. 

Anuabme, dafs das Kapitel wohl von jenem Vorbehalte 
nichts gewufst babe, den Keugewiiblten, und die Zecbe batten 
scbbersHcb nur die Breslauer Katsberren zu zableu, in Ge- 
stalt einer Geldsumnie an die gescbiidigten Priester und 
einiger berubigenden Versicberungen flir die Zukuni't. 

Mibtscb erbielt die Kircbe zurllck, natiirbcb unter der 
Verpflicbtung; es im Kriegsfalle dem Konig zu uftnen, von 
pobiiscben Sjmpatbieen der Breslauer Biscbofe ist fiirs crste 
niebt weiter die liede, und wir werden Karls sebon weit 
^•ediebenen Plan, BresLau dem 1343 neu gegriindeten Erz- 
bistume Prag anzufilgen, noch spater zu besprecben baben. 

Die Hauptsaebe war, dafs der neue Biscbof sogleicb in 
ein naberes VerbaUnis zu dem Konige von Bobmen trat 
und diesem unter dem 1. JuH 1342 eine Urkunde ausstellte, 
welcbe einerseits dem vollzogenen Anscblusse Scblesiens an 
Bobmen eine gewisse kirebbcbe Weibe gab, anderseits das 
Yerbiiltnis des Breslauer Biscbofs zu dem Oberlebensberrn 
genauer pracisierte. In seiner Gegenwart, so urkundet bier 
Preczlaw, batten die namentlicb genannten Herzoge der 
Breslauer Diocese vor dem Markgrafen Karl, dem Erst- 
gebornen des Konigs Jobann, sicb als Lebensleute der Krone 
Bobmen bekannt und desgleicben die Vasallen des Bres- 
lauer Landes, wie aucb die Burger der Stadt Breslau dem 
Konige Treue gelobt. Indem der Biscbof dies auf Karls 
Wunscb tiffentlicb bekundet, gelobt er zugleicb, die Fiirsten 
notigenfalls durcb geistlicbe Strafen zur Erfiillung ibrer Eide 
anzubalten und ebenso aucb selbst keinem Feinde des Ko- 
nigs Hilfe oder Rat zuteil werden zu lassen, vielmebr 
auf das Wobl der Konige von Bobmen als seiner Haupt- 
patrone bedacbt zu sein, aucb alle seine und der Kircbe 
Scblosser sowie des der letzteren in voller Freibeit geborigen 
Neifser Landes zu Verteidigungszwecken immer dem Konige 
ofFen zu balten. 

Es war docb bier eine wesentlicbe Wandelung einge- 
treten seit dem Jabre 1327, wo damals die geistbcbe Ge- 
walt in der Person des piipstlicben Legaten auf die Hul- 
digung der Breslauer mit einer blofsen Verwabrung der 
papstlicben Recbte geantwortet batte, bis zu dieser Urkunde, 
durcb welcbe der Biscbof fur die neue Ordnung der Dinge 
selbst so bedeutungsvolle Verpflicbtungen auf sicb nabm. 

Markgraf Karl lobnte diese Zusicberungen durcb einen 
von demselben Tage datierenden unumwundenen Freibeits- 
brief, den dann sein Vater imter dem 4. Oktober__desselben 
Jabres bestatigte, rait der kleinen aber bedeutsamen Anderung, 
dafs er die in derselben gebraucbte Bezeicbnung der scble- 



Markgi'af Karls Gefangenschaft in Kalisch. 171 

sischen Lehensfiirsten als Patrone des Bistums wegliefs. Als 
solcher wollte er allein augeselien werden, er der Herrscher 
liber Schlesien. 

Wir haben in dem Yorstehenden an eine Darstellimg 
der Begrilndung der Luxemburger Herrschaft in Schlesien 
die Einfiihrung derselben aucli auf das kirchliche Gebiet 
angereiht, und wollen nun nocli die Ausiibung dieses Re- 
giments, Johanns Wirksamkeit als Herrscher in Schlesien 
kurz zu schilderu versuchen. 

Wie wir wissen, waren in Schlesien zwei Landschaften 
dem Scepter des bohmischen Oberlehensherrn noch nicht 
unterwoiien, die Grebiete von Schweidnitz und Jauer. Von den 
beiden Fiirsten, die hier regierten, hatte, wie wir sahen, der 
eine, Heinrich von Jauer, zwar personlich gewisse Verpflich- 
tungen gegen Kunig Johann ubernomnien, sein jauersches 
Land aber sich frei behalten, der andere, Bolko von Schweid- 
nitz, sich seine voile Freiheit bewahrt. Kunig Johann konnte 
dieses abnorme Verhaltnis um so eher sich gefallen lasseu, 
als keiner jener beiden Herzoge miinnliche Nachkommen 
hatte; aber eine gewisse Spannung war hier doch unver- 
meidlich, und diese hatte dann zur Folge, dais Bolko durch 
enge Verbindung mit dem Bruder seiner Mutter, Konig Ka- 
simir, sich zu schiitzen suchte, was dann natlirlich wiederum 
die Luxemburger im hochsten Grade argwohnisch maclite. 
Lifolge davon kam es noch einmal zu blutigen Kampfen. 

Als im Anfange des Jahres 1345 Markgraf Karl von 
dem Feldzuge gegen die Litauer, auf welchem er seinen 
Vater begleitet hatte, durch Grofspolen zuruckkehrte , Avard 
er in Kalisch trotz aller Geleitsbriefe , die ihm Kasimir ge- 
geben, gefangen genommen, angeblich um einer Geldschuld 
willen. Doch war die Haft leicht genug, um es ihm zu er- 
moghchen, dafs er auf einem Spaziergang nach dem Stadt- 
thore dort ein Rofs besteigen konnte, das ihm der Bres- 
lauer Hauptmann Kuuad von Falkenhain entgegengeschickt, 
und auf dem er dann schnell eine Schar Bewaffueter er- 
reichte, die in einem nahen Walde versteckt seiner warteten 
und ihn sicher nach Breslau brachten. 

Kasimir eutliefs hierauf zwar das Gefolge Karls, das er 
anfanglich nach des letzteren Flucht gefangen gesetzt hatte, 
wiederum, begann aber jetzt den Krieg gegen den Bohmen- 
konig mit einem Einfalle, bei welchem die Stadt Steinau 
erobert und verbrannt wurde. 

Inzwischen war Konig Johann, welcher, obwolil seit 
1340 ganz erblindet, trotzdem die Lust an Kriegszilgen 
nicht verloren hatte und von seinem litauischen Feldzuge 



172 Drittes Bach. Erster Abschnitt. 

aus eiligst nach clein Khein aufgebrochen war, auf die Nach- 
richt von seines Sohnea Abenteuer in Kalisch schleunig zu- 
riickgekelirt uud hatte, in Breslau Ant'ang April angelangt, 
schnell ein Heer gesammelt, das er nun aber nicht gegen 
den Polenkonig, dessen Kriegshaufen wohl also verniutlich 
bereits wieder zuriickgegangen waren, sondern gegen dessen 
Neffen, den Herzog Bolko von Schweidnitz, fuhrte, in dem 
man den Hauptaustifter des Kalisclier Anschlags vermutete. 
Gegen Ende des April ward Schweidnitz eingeschlossen, 
welches jedoch tapferen Widerstand leistete, so dais Kunig 
Johann unverrichteter Sache abziehen mufste. Dafur ei'- 
oberte er Landsliut und hielt es besetzt. So lief denn der 
Feldzug eigentlich auf eine grausame Verwiistung des Lan- 
des hinaus, bis derselbe etwa im Mai durch einen Waffen- 
stillstand beeudigt wurde, welcher deni Schweidnitzer Herzog 
seine voile Unabliiingigkeit liefs. 

Davon, dais Kasimir seineu Neffen unterstiitzt hatte, er- 
fahi-en wir nichts, sondern derselbe hat erst, als dieser Feld- 
zug zu Ende war, im Einverstandnisse mit oberschlesischen 
Fiirsten, welche, wie es scheint, die Vergebung von Ratibor 
an den Troppauer Herzog nicht verschmerzen konnten, einen 
Einfall in Oberschlesien unternommen und dabei die dem 
Herzoge Nikolaus von Troppau gehorige Stadt Sohi-au be- 
lagert und Plefs, Rybnik sowie andere kleinere Orte der 
Nachbarschaft verbrannt , ist aber von den Bohmen ge- 
schlagen, bis vor Ki'akau verfolgt und gencitigt worden, um 
einen Waffenstillstand zu bitten, in welchen daun allerdiugs 
Herzog Bolko mit aufgenommen ward, und welcher unter 
Vennittelung Papst Klemens' VI. 1346 zu einem delinitiven 
Frieden fiihrte. 

So ist die Regierung Konig Johann s zu Ende gegangen, 
ohne dais er die Unterwerfuug Schlesiens, Avie er es wohl 
wvinschte, hatte vollenden konnen. Dagegen hat er in dem 
ihm untergebenen grol'seren Telle seine Herrschaft fest und 
dauerhaft zu grilnden vermocht. Allerdings waren ja auch 
hier doch eben nur das Herzogtum Breslau , die Stadt 
Glogau und einige wechselnde Pfandschaften unmittelbarer 
Besitz, den verschiedenen Herzogen gegeniiber konnte Jo- 
hann nur das Recht des Oberlehensherrn geltend machen, 
welches eigentlich nur auf die Forderung der Lehensfolge 
in Kriegszeiten hinauslief Aber energische Fiirsten haben 
zu alien Zeiten ihrer Oberleheusherrschaft noch einen weiteren 
Inhalt zu geben gewulst, und auch Konig Johann hat das 
sehi' wohl verstanden. 

Bei seinen Anwesenheiten in Breslau hat er mehrmals 



Stellimg der schlesischen Fiirsten. 173 

eine ganze Anzahl schlesischer Fiirsten um sich versammelt 
unci hier daun auch wohl Streitigkeiten derselbeu uuter ein- 
ander entschieden , wie er z. B. 1337 die Streitigkeiten um 
das diu'ch den Tod des kinderlosen Herzogs Lesko 1327 
eriedigte Herzogtum Ratibor in der Weise schlichtet, dafs 
er, hervorhebeud, \\de das alte polniscbe Erbrecht, auf wel- 
•ches sicb die oberschlesischen Herzoge berufen, bier nicbt 
zur Geltung kommen konne, sondern nur das Lebenrecbt, 
das Herzogtum Ratibor als erledigtes Leben einem dem 
piastiscben Hause nicbt angeborenden, aber ibm treu ergebe- 
nen Fiirsten, dem Herzoge Nikolaus H. von Troppau, giebt 
iind nur Kosel und Gleiwitz den Verwandten des Herzogs 
iiberlafst, oder 1342 dureb seinen Sobn die verscbiedenen 
scblesischen Fiirsten nocb emmal vor Biscbof Preczlaw ibre 
Treue und Lebenspflicbt versicbern lafst. Diese Fiirsten- 
zusammenkiinfte, in denen sebr erklarUcberweise spatere 
Cbronisten die Anfange der Fiirstentage gefanden baben, 
batten neben der Wirkung, in den scblesiscben Fiirsten das 
Geflibl ibrer Abbangigkeit von dem Bobmenkonig lebendig 
zu erbalten, aucb die, die Fiirsten von Scblesien und von 
Oppeln, d. b. von zwei scbarf gesonderten Landesgebieten, 
eben in jeuer Abbangigkeit eine geAvisse Gemeinsamkeit 
linden zu lassen, die dann dieselben dazu fiibren konnte, sicb 
als Fiirsten eines Landes zu betracbten. 

Preczlaw batte in der mebrfacb erwabnten Urkunde von 
1342 bereits eine Formel fiir diese Einbeit gefunden, indem 
er alle die Fiirsten als Herzoge seiner Diocese zusammen- 
fafste. Es war dies dieselbe Formel, unter der einst 1163 
die Gebiete von Scblesien und von Oppeln - Ratibor als die 
sacra Silencii provincia von Polen gesondert wurden. Es 
war bier nur nocb ein klemer Scbritt zu thun, um diese 
verscbiedenen Fiirsten der Breslauer oder scblesiscben Diocese 
nun als scblesiscbe Fiirsten zusammenzufassen und fiir die 
Herzogtiimer der Oppelner Linie den Namen Oberscblesien 
festzusetzen. 

Aber wir linden aucb weiter, dafs Kouig Jobann im all- 
gemeinen Interesse des Landes mancberlei Verfiigungen 
trilft, welcbe docb in die Macbtspbare der Einzelfiirsten ein- 
greifen, und von denen wir ja als moglicb voraussetzen 
diirfen, dafs er sicb eben bei jenen Fiirstenzusammenkiinften 
mit den verscbiedenen Herzogen iiber derartige Mafsnabmen 
vorber verstandigt bat. Es wird dies um so wabrscbein- 
Hcber, wenn wir wabi-nebmen, dafs derartige Bestimmungen 
uns vornebmHcb in der grofsen Landesordnung des Fiirsten- 
tums Breslau begegnen, datiert den 20. Marz 1337, also 



174 Drittes Buch. Erster Abschnitt. 

kaum zwei Monate nach jener hier in Breslau abgehaltenen 
Fiirstenzusammenkunlt. Als derartige Verfugungen dllrften 
sich bezeichiien lassen, dafs alle neuen und ungewohnten 
Zolle in den Landen der Fursten zu Wasser wie zu Lande 
autgehoben , desgleichen alle Wehre avif der Oder zwischen 
Brieg und Krossen entfernt werden und der Sti'om bis auf 
sechzehn Ellen verbreitert Averden soil, dais ferner, wofern 
von einem lierzoglichen Gebiete aus Raubereien erfolgen und 
der betreffende Landesfiirst es ablehnt, hier selbst Genug- 
thuung zu schaffen, der Landeshauptmann von ]5reslau die 
Ubelthater zur Genugthuung zwingen und ebenso deren 
etwaige Begiinstiger zur Verantwortung ziehen soil, dais 
gegen Herzog Bolko von Milnsterberg wegen seiner Schul- 
den an Breslauer Bilrger debitum justitiae com^Dlementura er- 
folgen, und dais endlicli die Briicke bei Simmsdorf (damals 
zum Fiirstentum Liegnitz gehorig) ausgebessert und in bau- 
lichem Stande erhalten werden soil. 

Der Breslauer Landeshauptmann erscheint hier nicht 
blofs als stellvertretender Regent des dem Konig unmittel- 
bar unterworfenen Breslauer Herzogtums, sondern darilber 
hinaus als der Trjiger aufserordentlicher koniglicher Voll- 
machten, die er im Interesse des Landes auszufilhren hat, 
eventuell sogar zwangsweise den schlesischen Fursten gegen- 
liber. Insofern nun, wie wir aus sehr vielen Stellen sehen, 
die natilrlichen Berater des Konigs, wie seines Stellvertreters, 
des Hauptmanns, die Breslauer Mannen und die Konsuln 
von Breslau sind, ging doch etwas von der hohen Ver- 
trauensstellung audi auf die letzteren liber. Ohnehin maclite 
ja die wiederholte Zusammenberufung der Fursten aus alien 
Teilen Schlesiens Breslau erst eigentlieh zur Hauptstadt des 
Landes, wiihrend doch friilier die ober schlesischen Herzoge 
jede Beziehung zu Breslau in Abrede gestellt haben wiirden. 

Dazu kam nun noch, dafs der Kcinig die Stadt Breslau 
und deren Rat niit einem ganz besonderen Vertrauen be- 
ehrte. Johann ist keinem der schlesischen Fursten irgend- 
wie niiher getreten, das Interesse, was er ilberhaupt an 
diesen seinen Herrschaften nahm, war nie allzu grofs, sein. 
Sinn stand doch immer nach dem Westen, wo er in alien 
den franzosischen VerAvickelungen seine Hand haben mufste, 
aber die Kriegsziige dorthin kosteten Geld, und er schatzte 
die Breslauer schon deswegen, weil sie ihm gegeniiber eine 
offene Hand hatten. Li der That hat er auf diesem und 
jeneni Wege viel von den Breslauern gezogen und sie schliefs- 
lich mit Privilegien bezahlt, in denen er sehr unbedenklich 
ihnen alle moglichen Hoheitsrechte abtritt resp. verkauft. 



Das Breslauer Patriziat. 175 

Der Fiirst, der sonst seine konigliche Wiirde sehr gut zii 
wahren wvifste, nahm keinen Anstand, den Breslauern zu 
verbi-iefen, dafs sie selbst konigliche Briefe, falls sie die- 
selben dem Wohle der Stadt fiir nicht zutraglicli erachteten, 
ohne Besorgnis vor seiner Ungnade unaiisgeflihrt lassen 
dllrften. 

Wir sahen bereits, wie des Konigs Pri^alegien die Bres- 
lauer Patrizier vollstandig dem Landadel des Fiirstentums 
gleichstellten , und wie unter ihrem Beirate jene Landes- 
ordnung fllr das Herzogtum Breslau erlassen ward; wir 
berichteten auch, wie Bisehof Nanker bei der grofsen Bann- 
scene, die er dem Konige vorfuhrte, diesen in geheimer 
Konferenz mit den Breslauer Konsuln traf. Wir diirfen in 
der That nicht zweifeln^ dafs diese Manner das Ohr des 
Konigs batten. Die natiirliche Folge dieser hohen Stellung 
des Breslauer Rates war eine aristokratischere Gestaltung 
desselben. Die Ratgeber des machtigen Konigs hatten in 
ihrer Mitte fiir Vertreter des Handwerks keinen Raum. So 
darf es uns nicht wundern, wenn unter Konig Johann eine 
Verfassungsveranderung beziiglich des Rates eingefuhrt wird^ 
welche nun den Rat noch oligarchischer macht, als dies der 
eingefiihrte Wahlmodus ohnehin that. 1343, den 31. Marz, 
befiehlt der Konig von Paris aus, auf die Vorstellung des 
als Gesandter an ihn geschickten Tilo von Liegnitz, dafs 
die bisherige jiihrliche Ernennung der Konsuln der Stadt 
mancherlei Schaden brachte, fortan 32 lebenslangliche Kon- 
suln zu erwahlen^ welche dann zu je 8 in regelmafsigem 
jahrlichen Turnus wechseln sollen^ natiirlich unter Vorbehalt 
der Kooptation fur den Fall des Todes oder des Wegzuges 
eines Mitgliedes. Diese Wahl der 32 ist dann in der That 
am 6. Januar 1344 vollzogen^ dock die ganze Einrichtung 
nach dem Tode des Konigs bald wieder beseitigt worden. 

Im grofsen und ganzen wird man behaupten diirfen, 

dafs trotz dieser ohgarchischen Gestaltung des Breslauer 

Stadtregimentes und trotz der ansehnlichen Geldforderungen 

des Konigs dessen Regierungszeit fiir Breslau eine gliick- 

liche gewesen ist, er hat den Breslauer Handel von man- 

chen drlickenden Fesseln und Hemmungen befreit, ihm zahl- 

I reiche Begiinstigungen zuteil werden lassen und die ihm zu 

I dankende Wiederherstellung von Ruhe, Ordnung und Sicher- 

[ heit im Lande war etwas, das in der That ganz Schlesien 

1 zugute kam. 

Fiir Breslau lafst sich der Aufschwung jener Zeit im 

einzelnen nachweisen. Damals erfolgte die grofsartige Er- 

j "weiterung der Stadt, welche einen breiten Giirtel ilber die 



176 Drittes Uuch. Erster Abschnitt. 

Ohlau hinaus bis zu der noch heute von dem Stadtgraben 
bezeicbneten Linie der Stadt hinzutiigte und so deren Um- 
fang nabezu verdoppelte. Es war ein gewaltiger Entschluls, 
das grofse Werk durchzutubren und die nngeheuren Kosten 
der neiien Ummauerung auf sieb zu nebraen, ziigleicb ein 
Beweis des steigenden Woblstandes. Fast zebn Jabre ward 
daran gearbeitet; man wird sagen konnen, dafs von 1336 
bis 1340 die neue Mauer vollendet ward, wo dann von 
1340 — 1346 die Herstellung der Tbore sieb anscblofs. 

Kclnig Jobaun bat den Bau durcb mebrfacbe Bewil- 
Hgungen unterstiitzt, scbHefsbcb aucb dadurcb, dais er dem 
Rate erlaubte, von dem Ku'cbbofe der Juden, der in die 
Stadterweiterung bineiugezogen und desbalb verlegt werden 
mufste, die Leicbeusteine zu den Mauern zu verwenden. 

In der Zeit Kunig Jobanns entstand denn nun aucb vom 
Jabre 1331 an die grcilste arcbitektoniscbe Zierde Bresbaus, 
das stolze Ratbaus mit seinem Turme, und wenugleicb die 
reicbe Sildfagade erst mebr als ein Jabrbundert spater voll- 
endet ward, so zeigte doch aucb die_ damals gebaute Ost- 
seite scbone und originelle Formen. Uber dem Portale er- 
bob sieb bier macbtig der bobmiscbe Lowe als Zeicben, 
welcber Herr bier gebiete. 

Als Konig Jobann 1345 von Breslau aus gegen den 
Scbweidnitzer Herzog zufelde zog, batten ibn seine getreuen 
Burger zum letztenmale geseben. Im Jabre 1346 traf bier 
die Nacbricbt ein, dais er am 26. August bei Crecy ira 
Kampfe gegen die Englander geiallen sei. Nacb der Nieder- 
lage des ibm so eng befreundeten frauzosiscben Herrscbers 
hatte er zu flieben verscbmabt, und der blinde Mann batte 
sieb in das Kampfgewubl fiibren lassen, dem sicberen Tode 
entgegen. 

Bbnd war der Konig scbon seit langer Zeit; aus dem 
preufsiscben Feidzuge von 1337 batte er ein scbweres 
Augenleiden mitgebracbt, und in Breslau war es. wo dann 
im ]\[arz dieses Jabres ein franzosiscber Arzt, den er mit 
sieb fiibrte, ibn so ungliicklicb bebandelte, dafs das Ubel 
die scblimmsten Fortscbritte macbte und der erzlirnte Konig 
den ungliicklicben Arzt in der Oder ertranken liefs; und 
weder die Kunst eines Arabers, dem er sieb dann in Prag 
anvertraute, nocb die Weisbeit der Doktoren von Montpelber 
konnten verbindern, dais er 1340 ganzlicb erblindete, obne 
desbalb von seinen Reisen und Kriegsziigen, auf denen er 
ja wiederbolt Deutscbland vom aufsersten Nordosten bis zum 
fernsten Siidwesten durchmafs, abzulassen. 

Es war das die Art dieser so reicb und grofs ange- 



Die Bedeutuug Kijuig Johanus. 177 

legten Natur sich melir Tielleiclit noch als durch die Stimme 
des halb franzusischen Blutes, das in seinen Adern flofs, 
durcli die Anzieliungskraft einer hoher entwickelten Kultur 
aus den Kreisen seiner eigentlichen Berufspflichten immer 
wieder nach dem fernen Westen ziehen zu lasseu, wo dann 
in minder bedeutungsvollen Handeln der beste Teil einer 
Ki'aft sich aiifrieb, der liier ira Osten das Hochste hatte ge- 
lingen konnen. 

Hatte Johaiin Willeij und Neigung gehabt, seinen rast- 
los vorwarts strebenden Ehrgeiz ganz auf die Erweiterung 
der Grrenzen seiner bohmisch-schlesisehen Lande zu nchten, 
er hlitte wohl das polnische Reich der letzten PremysHden 
wieder aufrichten konnen; der Polenkcinig, der schon bei 
den von Johann nur mit halber Kraft und immer nur ruck- 
weise nach langen Zwischenraumen versuchten AngrifFen sich 
des iibermachtigen Gegners kaum erwehren konnte, hatte 
nach menschUchem Ermessen ihm erhegen miissen, und das 
iiberwiegend deutsche Krakau wiii'de sich Avohl haben ge- 
winnen und behaupten lassen, zum allergi-ofsten Vorteile flir 
die Germanisation des Ostens. 

Aber Johann ist immer nur auf kurze Zeit gleichsam 
besuchsweise in seinen osthchen Landen erschienen, und sein 
Drang, wieder fortzukommen hat grofsen Unternehraungen 
mehr als alles hindernd im Wege gestanden. Dafs er unter 
solchen Umstanden es noch in dem Mafse, wie wir es wahr- 
nehraen, verstanden hat, auch hier im Osten mit so schnellem 
Verstandnis die Lage der Diuge zu erfassen, so energisch 
und so erfolgreich einzugreifen, mufs uns mit BeAvunderung 
fiir seinen Geist erfullen. Bei ihm war in der That die 
Ritterhchkeit , dieser grofse sch wungvolle , heldenhafte Zug, 
den er vor seinem nicht minder khigen Sohn voraus hat, 
mit erstaunhchem poHtischeu ScharfbHck gepaart. 

Die Schlesier mcigen sein Andenken in Ehren hahen. 
In einer Zeit, wo hier alles in jammerlicher Kleinstaaterei 
zu verkiimmern drohte, hat sein Einschreiten Rettung ge- 
bracht, in der Zerfahrenheit wieder den Gedanken einer Art 
von Staatsbildung aufkeimen lassen und dieses Gewirr kleiner 
politischer Existenzen zu einer Einheit zusammengefafst, die 
uns doch wenigstens von einem Lande Schlesien und einer 
Geschichte Schlesien s zu reden gestattet. 



<5runhagen, Gescli. Sclilesions. I. 12 



178 Drittes Biich. Zweiter Abschuitt. 



Zweiter Abschnitt. 

Schlesieii iiiiter Kaiser Karl IV. I nterwerfiiiig Jiol- 

kos II. von Scliweitliiitz. Die sehlesisclieii Fiirsteii. 

Karl als Oesctzgeber imd Landesvater. JiKlenvcrlol- 

guugeii. Der sclnvarzo Tod. 



Dem Kiinice Johann folgte 1346 sein Solin Karl, clem 
ja schon bei Lebzeiten des Vaters audi in Schlesien aller- 
orten gehuldigt -worden war, olnie jeden Widerspriich. Er 
besafs uicht die schAvungvolle Ritterliclikeit seines \'aters, 
aber daiiir audi iiicht dessen unstiites ^Vesen, nocli den 
Hang zu Fehden uud Abenteuern. Dafs er es vermied, avo 
er irgend konnte, zuni Schwerte zu greifen und lieber durcli 
die Kiinste der Diplomatie, in der er ein uniibertrofFener 
Meister Avar, seine Sadie zu I'iihren suchte, durttcn seine 
Untertlianen avoIiI rlihmen, sie dankten dieser Eigenschalt 
friedliche, gluckliche Zeiten. Dabei liatte er nidit nur den 
guten Willen, ein Vater seiner Unterthanen zu sein, sondern 
audi ebensowolil die Fahigkeit, ihre Bediirfnisse richtig zu 
erkennen, Avie die Ausdauer und die Arbeitskraft, seine Re- 
gentenpflicliten treu zu eriullen. Karl IV. ist ein Virtuose 
in der Kunst des Regiereus, der, seiner Zeit A\'eit A^oraus, fast 
in niodernem Sinne seinen Beruf auffafste, llberall teste, ge- 
setzmafsige Formen, geordnete, einfache Verhaltnisse herzu- 
stellen suchte. Wenn seine Walil zum romisehen Koiiig 
ihn AA'ohl in geAAdsser Weise \'on der Surge fiir seine Erb- 
lande abzog, so gab sie ihni doch auf anderer Seite erhuhtes 
Anselien, A^ermdirte Autoritat. 

Es lag nun ganz in seiner Art, dais er seine Stellung 
als Reichsoberhaupt dazu benutzte, ura die neue Provinz, 
die sein Vater erAA'orben, Schlesien, fester an die Krone 
B(ilmien zu ketten, iiidera er 1348 als lomischer Kcinig in 
feierlicher Form dieses Land, die Lchensliustentumer A^on 
Schlesien und Poleu (so AAcrden hier noch die oberschlesi- 
schen Herzoge, niit denen ja allerdings auch der a'oii Ma- 
soAA'ien A-erbunden erscheint, bezeichnet) ebenso Avie den uii- 
mittelbaren Besitz r.ebst den Marken A^on Bautzen und 
Gorlitz der Krone Bohnien fiir evrige Zeiten inkorporiert^ 
und diese Inkorporation dann 1355 als Kaiser A-on neuem 
bestatigt. 



Ausdehnuug von Karls Herrschaft. "^ 179 

Nur die letztere zahlt clann die Fiirsten von Schlesien 
und Polen, Avelche sich der Krone Bohmen unterworfen 
haben, einzeln aiif, und es verdient vielleicht bervorgehoben 
zu werden, dafs sich unter ihnen wohl der Herzog von 
Masowien befindet, nicht aber Nikolaus, Herzog von Troppau, 
obwolil dieser, schon weil er ja seit kurzem zugleich Herr- 
scber vou Ratibor war, eigentlich auch seinen Platz bier 
hatte finden sollen. Jedenfalls ward der Troppaiier Herzog, 
namentHch seit Karl unter dem 7. April 1348 dureb einen 
besonderen staatsrecbtliehen Akt das Herzogtuni Troppau, 
ganz gescbieden von der Markgrafscbaft Mabren, aJs Leben 
der Krone B(ibmen erklart batte, mebr und mebr zur Ver- 
bindung mit Sclilesien gedrangt, dessen Fiirsten derselbe 
dann etwa voni Ausgange des 14. Jabrbunderts imuier zu- 
ffezablt wird. 

Jene Bestatigung von 1355 zablt uns nun aucb einen 
ansebnlicben unmittelbaren Besitz auf, namlicb aufser Bres- 
lau, Neumarkt, Bautzen und Gorlitz und den scbon von 
Karls Vater den Glogauer Herzogen abgewonnenen Stilcken 
Steiuaii, Gubrau und balb Glogau nocb Frankenstein, das 
Karl IV. 1348 von dem bisberigen Pfandbesitzer sieb ab- 
treten befs, und endbcb Namslau, das er von dem schwer 
verscbuldeten Herzog Wenzel, dem Sobne Boleslaws von 
Lieguitz und Brieg, uacb des letzteren Tode gekauit batte. 
Die Inkorporation dieser Stadt in den unmittelbaren Besitz 
und ibre Verbindung mit dem Herzogtume Breslau 1359, 
bei dem dieselbe dann deiinitiv geblieben ist, zeigt uns die 
einzige praktisebe Folge des Versprecbens, welcbes Karl IV. 
in Erneuerung eines abnbchen Gelobnisses seines Vaters 
1352 den Breslauern gab, alles was er sonst nocb von Polen 
(d. b. Scblesien mit eingerecbnet) gewinnen werde, dem 
Herzogtum Breslau einzuverleiben, wenngleicb einzelne An- 
deutungen zeigpn, dafs der Hauptmann von Breslau iiber 
den ganzen unmittelbaren Ki'onbesitz in Scblesien eine ge- 
wisse Macbt ausubte, wie wir z. B. lesen, dafs derselbe bei 
Entscbeidung eiues Streites zwischen dem Abte von Leubus 
und dem Hauptmanne von Gubrau den letzteren als „un- 
seren Hauptmann" bezeicbnet, oder dafs er 1377 fiir die 
Reparatur krmigbcber Gebaude in Glogau sorgte. 

Jene Erwerbung von Namslau, welches der verschuldete 
Herzog Boleslaw 1341 sanit Kreuzburg, Pitscben und Kon- 
stadt an Polen verpfandet batte, bat nun wahrscbeinlich 
aucb in einem gewissen Zusammenhange gestanden mit den 
Beziehungen, in welcbe Karl IV. zu den Kcinigen vou 
Polen und Ungarn trat. Als er den Thron bestieg, fand 

12* 



180 Drittes Buch. Zweiter Abschuitt. 

er noch jene unerwilnsclite Verbindung vor sich zwischen 
dem einzigen schlesischen Herzog, der seine Unabhangigkeit 
bewahrt hatte, Bolko II. von Schweidnitz- Jaiier, und dem 
Polenkonige, dessen Oheim. Bolko, dor seit dem Tode 
seines Vatersbruders Ileinrich von Jauer 1346 auch dessen 
Lande geerbt hatte, war bei weitem der maclitigste Fiirst 
Sclilesiens; er gebot iiber cinen weiten, fruclitbaren Strich 
Landes von den ersten Erhebungen dcs Landes bei Freiburg 
und Striegau bis auf den Kamm des Riesengebirges und 
von Bunzlau bis fast zu den letzten Abhangen des Eulen- 
gebirges. Eng hielt er mit Kasimir zusammen, aber auch 
der machtige Konig von Ungarn, Ludwig, nalim lebhafteren 
Anteil an seinem Schicksale. An seinera Hofe ward die 
Nicbte und Erbin Bolkos, Anna, deren Mutter eine Schwester 
Ludwigs war, ei'zogen. 

Sei es nun, dafs wegen der Erbschaft Heinrichs von 
Jauer Karl und Bolko in Streit geraten, oder dais Kasimir 
nach dem Tode Konig Johanns die Gelegenlieit zu Erobe- 
rungen fiir giinstig erachtete, genug es kam im Jahre 134:7 
zu neuen Kampfen. Bolko gelang es, am Anfange des Jahres 
1348 seine Stadt Landeslmt, welclie Konig Johann 1345 
erobert und seitdem besetzt gehalten hatte, wiederzugewinnen, 
indem er ein Hauflein Bewatfneter, auf Wagen versteckt, 
ohne Verdacht an oder in die Stadt zu bringen vermochte 
(Anfang 1348), und polnische Kriegsbaufen schwarmten von 
der Burg Orla aus (bei Krotoschin) verwlistend bis nalie 
an die Thore Breslaus. Karl, der damals fern in Siiddeutsch- 
land verweilte, iiberliefs es dem Bi'eslauer Rate, durcli Unter- 
bandlung eine Waffenruhe berbeizufiihren ; der Schweidnitzer 
Herzog, froh, seine Feste Landesbut wieder zu haben, liefs 
sich leicht dazu bewegen, und die Breslauer batten nur 
damit Not, die streitlustigen Vasallen des Fiirstentums, wie 
z. B. die Reideburgs, Inhaber des Burglebens Bohrau, von 
einer Fortsetzung der Feindseligkeiten abzuhalten. Aber 
die Polen waren auf eine Verlangerung der urspriinglich 
festgesetzten kurzen Waffenruhe nicht eingegangen und batten 
Ende Mai 1348 einen neuen Raubzug gegen das etwas 
oberhalb von Breslau an der Oder gelegene Schlofs Auras 
unternommen, und zwar das Schlofs nicht zu erobern ver- 
mocht, das dessen Burggraf Konrad von Borsnitz, von den 
Breslauern unterstiltzt, tapfer verteidigte, aber das Land 
schwer verwiistet, und waren auch ungehindert mit ihrer 
Beute wieder abgezogen. 

Gegen Ende Juni uben die Breslauer in gewisser Weise 
Vergeltung, indem sie ein Streifcorps bis in die Gegend von 



Verlialtnis zu Bolko II. von Schweidnitz. 181 

Krotoschin entsenden, wobei jedoch alles auch nur auf die 
Verbrennung- einiger Dorfer hinauslauft. 

Eine durchgreifende Anderung der Verhaltnisse bewirkt 
erst das persouliche Erscheinen Karls im Herbst 1348. Am 
22. November kommt er mit Konig Kasimir in Namslau 
miweit der polnischen Grenze zusammen, und hier wii'd nun 
ein sehr merkwurdiges Schutz- und Trutzbiindnis zwischen 
den beiden bisherigen Gegnern geschlossen, das seine Spitze 
besonders gegen die Wittelsbaeher in Brandenburg richtet, 
denen ja Karl eben in jenem Jahre durch die Anerkennung 
des falsclien Waldemar die schwersten Verlegenheiten be- 
reitet hatte, aber doch auch den deutschen Orden den Polen 
preisgiebt. Kasimir verpfiichtet sich schliefslich hier, nicht 
nur Karl gegen jedermann beizustehen, aufser gegen den 
Konig von Ungana, sondern auch von seinen Eroberungen 
die Halite Karl zu iiberlassen. Infolge dieses Biindnisses 
verzichtete dann Karl IV. auf die Lehenshoheit iiber das 
polnische Herzogtum Masowien, das einst sein Vater er- 
worben, wogegen Kasimir und ebenso dessen Vetter Lud- 
wig von Ungarn ilire Pfandrechte auf die schlesischen Land- 
schaften Kreuzburg und Pitschen aufgaben. Dieselben sind 
dann , obwohl eigentlich zu Oberschlesien gehorig , nach 
manchen wechselnden Schicksalen, Verpfandungen u. dgl. 
doch bei dem Liegnitz - Brieger Fiirstenhause auf die Dauer 
gebheben. 

In jenen Namslauer Frieden war nun auch Herzog Bolko 
von Schweidnitz eingeschlossen , wofern derselbe innerhalb 
drei Tagen zustirame, seinen Streit mit Karl der Entschei- 
dung des Herzogs Albrecht von Osterreich zu iiberlassen. 
Wirkhch kam auch am dritten Tage darauf Bolko mit 
dem Konige in Liegnitz zusammen und verabredete da eine 
Verliingerung des Waffenstillstandes vorlaufig bis nachste 
Fastnacht. Daraus ward dann ein voUer Friede. Bolko 
ist nun ganz fiir die Politik Karls gewonnen, der ihm wohl 
damals bereits Aussichten auf die Niederlausitz eroffnet haben 
mochte; er erscheint bei den Friedensverhandlungen Karls 
mit Markgraf Ludwig dem Romer (Februar 1350) zu Bautzen 
im Gefolge des Konigs, und im August dieses Jahres ist er 
schon so weit, dafs er sich Karl gegentlber verpfiichtet, 
liber sein Land nicht ohne dessen Zustimmung zu verfUgen, 
was ja eigentlich bereits eine gewisse Unterwerfungserklarung 
in sich schlofs. Bald selien wu* ihn dann noch einen grofsen 
Schritt weiter gehen. Unter dem 13. Dezember 1350 schhefst 
er mit Karl einen Vertrag iiber die Erbfolge, dessen weit- 
aussehende Kasuistik, die allerdings bei Karl IV. keineswegs 



182 Drittes Buch. Zweiter Abscbnitt. 

unerhort ist, ims raorkwurdig genug erscheiiit. Bulku eut- 
belirte der Kinder, und auch sein Bruder Heinricli hatte 
niir eine Tochter Anna hinterlasseu , Avelche also jetzt tvir 
die Erbin der reichen Lande gelteu durfte. Diese (damals 
vielleicht elf Jalire alt) ward nun durch den gedacliten Vcr- 
trag Karls Erstgeborneiii; Wenzel, verlobt, der, am 17. Ja- 
nuar 1350 geboren, damals nocli in den Windeln lag. Aller- 
ding.s wai- fur alle moglichen Falle Sorge getragen. Falls 
jener Sohn Karls IV. stiirbe, sollte ein etwa ihm noch ge- 
borener jiingerer an dessen Stelle treten, und falls der 
Herzog selbst vielleicht noch eine Tochter erhielte, sollte auf 
diese das Verlobnis iibertragen werden u. s. w. Es scheiut 
fast, als ob sich dann im folgeuden Jahre die Beziehungen 
zwischen Karl und dem Herzoge noch einraal getriibt haben; 
wenigstens sehen wir im September 1351 den crsteren eifrig 
beflissen, an seinem Hof lager zu Pirna Beweise dafiir zu- 
sammenstellen zu lassen, dafs weiland Herzog Heinrich von 
Jauer seine Lande einst von Kaiser Ludwig dem Bayern 
zu Leheii genummen habe, so dafs Bolko als Erbe Herzog 
Heinrichs vorausseheu kounte, es wiirde bei seinem Tode 
unter alien Umstandeu mindestens ein Teil seiner Lande 
von Karl resp. dessen Nachfolgern auf dem Kaiserthrone in 
Anspruch genommen werden. Anderseits ward auch jener 
Vertrag von 1350 von selbst dadurch hinfallig, dafs im 
Dezember 1351 jenes kleine Sohnchen Karls, das dieser 
bereits verlobt hatte, noch bevor es sein erstes Lebensjahr 
vollendet hatte, starb. Wenn Karl hierdurch in gewisse Ver- 
legenheit kam. so hat dieselbe nicht lange gedauert, denn 
als im Anfang Februar 1353 der Tod seiner Gemahlin 
Anna von der Pfalz ihn zum Witwer machte, zogerte er 
keinen Augenblick, nun selbst an die Stelle seines Solmchens 
zu treten und um die Hand der Erbin von Schweidnitz- 
Jauer zu werben. Er war willkommen; schon Ende Mai 
konnte in Ofen, wo die Braut bei ihrem miitterlichen Oheime 
verweilte, die Vermahlung feierlich begangen werden, und 
Karl dm-fte es sich als Hochzeitsgeschenke anrechnen, wenn 
bei dieser Gelegenheit am 27. Mai 1353 Konig LudAvig 
alien eignen Ansprlichen auf Schweidnitz- Jauer entsagte und 
den Verzicht auf Kreuzburg und Pitschen erneuerte. 

Von Ofen eilte Kai'l mit seiner jungen Gattin nach 
Schweidnitz, wo nun am 3. Juli Herzog Bolko seiner Nichte 
und deren Leibeserben seine samtlichen Lande unter der 
Bedingung vermacht, dafs dieselben zunachst nach seinem 
Tode seine Gemahhn, Agues von Osterreich, Zeit ihres Le- 
bens haben solle, mit der Verpflichtung , die Burggratcn- 



Karls Vermahluug mit Anua vou Schweidnitz. 183 

amter cier festen Sclilusser nur im Einverstandnisse mit der 
bohmischen Krone nea zu besetzeii, wahrend Karl seiner 
Oemahlin 15 000 Schock bulimischer Grosclien unter Ver- 
pfiindung der Stadte imd Gebiete von Koniggriitz, Holien- 
uiauth und Politz verschreibt und anderseits dem Herzog 
Schutz imd Beistand gegeu alle Feinde gelobt. Nun leisten 
die Stadte von Schweidnitz-Jauer, von Karl reich mit Pri- 
vilegien begnadet, der Konigin Anna und deren Nachkommen 
Eventualhuldigungen. Am 28. Juli ward sie feierlich zu 
Prag gekront; Herzog Bolko erscheint forian auf das aller- 
treueste dera Konig verbunden , in dessen Dienste er nocli 
mehrfach wichtige VerLandlungen filhrt. Ansehnliche Ver- 
grofserungen seines Landbesitzes erwuchsen ibm aus diesen 
Beziehungen. Bereits bei der Vermahlung Karls 1353 hatte 
dieser ibm das Schlols auf dem Zobtenberge auf Lebenszeit 
eingeriiumt und wahrscheinlicb um dieselbe Zeit aucb die 
Gebiete von Kreuzburg und Pitsclien iiberlassen. 1356 lost 
er von Heinrich von Haugwitz das diesem verpfandete, 
durch seine Goldbergwerke wichtige Beichenstein nebst 
Silberberg ein. 1358 verkauft ibm der iilteste der Sobne 
Boleslaws von Brieg, Herzog Wenzel, die ihm zugehorige 
Halfte von Brieg und Ohlau und liberlafst ibm auch pfand- 
weise Goldberg. 1360 seben wir ihn dann das von Bole- 
slaw an Biscbof Preezlaw verkaufte oder wohl riclitiger ge- 
sagt verpfandete Grottkau dem letzteren mit bewaffneter 
Macbt wieder abnebinen, wabrscheinlich auf Grund eines 
von Herzog Wenzel an ihn abgetretenen Riickkaufsanspruches. 
Bolko beruft sich in dieser Angelegenheit ganz direkt auf 
ein Mandat Kaiser Karls, und in der That sehen wir diesen 
den Bestrebungen des Schweidnitzer Herzogs, dm'ch welche 
derselbe sein Landgebiet in gewaltiger Weise vergrofserte, 
nicht nur keine Hindernisse in den Weg legen, sondern 
dieselben sogar fordern. Er tritt Bolko nicht nur 1361 
die ihm gehorige Halfte von Glogau ab, sondern verschafft 
demselben sogar 1364 noch die Nieder - Lausitz , indem er 
ihm gestattet, dieselbe von den Gebriidern Markgrafen von 
Meifsen um 21000 Mark lotigen Silbers wieder einzulosen, 
wohl mit Rllcksicbt auf die Ansprliche, welche Bolko als 
Enkel einer Prinzessin aus dem askanischen Hause noch 
zustanden. Zur Aufbringung der ansehnhchen Summe 
steuern die schweidnitz-jauerschen Stadte willig bei. Bereits 
im Mai 1364 nennt er sich in Urkunden Markgraf der 
Lausitz, wenn er gleich erst im November die feierlichen 
Huldigungen empfangt. Unter dem 28. Mai schreibt er an 
die Stadte seiner Lande, er habe an dem heutigen Tage 



184 Drittes Buch. Zweitcr Abschuitt. 

seiii altes grofses Ingesiegel zerschlagen, was sie in ihre- 
Blicher sollten einzeiclmeii lassen, das neue Siegel enthalt 
claun den neuen Titel und den Wappenschild der Lausitz, 
den Stier. 

Karl konnte diese Gebietsvermehrung des schlesischen 
Herzogs sehr ruhig mit ansehen, da ja die ganze Herrlich- 
keit auf zwei Augen stand und dahinsank, wenn sich diese 
sclilossen. Er hat indessen niclits versilumt, die eignen Erb- 
ansprilche zu erhalten und zu festigen. Anna hatte ihrem 
Geiuahl 1358 eine Tochter Elisabeth und 1361 den erselmten 
Erben, den naclnnaligen Konig Wenzel, geboren, war aber 
selbst das Jahr darauf gestorben, so dafs nun der Erb- 
anspruch auf Schweidnitz - Jauer nur auf den vier Augen 
der beiden kleinen Sprolslinge beruhtC; welche Anna ihni 
hinterliefs, ohne dafs dem Kaiser selbst ein solcher zuge- 
standen hiitte. Indessen anderte der Tod Herzog Bolkos 
von Schweidnitz am 28. Juli 1368 die Verhaltnisse voll- 
kommen. Die Nachricht traf den Kaiser in Italien, und 
erst im September 1369 vermochte er nach Deutschland 
zuriickzukehren, wo er dann nun die Ordnung des grofsen 
Nachlasses mit gewohntem Eifer in die Hand nahm. Dafs 
die Niederlausitz jetzt an ihn fiel, hatte er sich bereits frliher 
von den Markgrafen von Brandenburg zusichern lassen ; bei 
anderen schlesischen Besitzungen, welche dem Schweidnitzer 
Hei'zog nur auf Lebenszeit uberlassen worden waren, ver- 
stand sich das von selbst. Die Hauptsache war natiirlich 
Schweidnitz - Jauer. Der Witsve Bolkos blieben, den Ver- 
triigen entsj)rechend , die Einkiinfte des gesamten Gebietes 
fiir ihre Lebenszeit, der nachste mannliche Anverwandte, 
Bolko von Miinsterberg, ward dui'ch Geld und kleinere 
Landabtretungen bewogen, alien Ansprilchen auf die Herzog- 
tiimer zu entsagen; bei Konig Kasimir von Polen gait es 
nur alte Schulden Bolkos zu tilgen; aber auch das Erbrecht 
des iiltesten Kindes der Konigiu Anna , der Prinzessin 
Elisabeth, sollte abgelost werden. Deren Hand war 1363, 
wo Elisabeth fiinf Jahr alt war, dem Markgrafen Otto von 
Brandenburg aus dem Hause Wittelsbach zugesagt worden, 
um diesen als den voraussichtHchen Nachfolger seines kinder- 
losen Bruders Ludwig des Romers in der Herrschaft liber 
die Mark Brandenburg an Karls Interesse zu fesseln. 
Otto hatte dann (l3G4) auch fiir den Fall, dafs er, wenn 
etwa der Bruder seiner kiinftigen Gemahlin, der junge Prinz 
Wenzel, friihzeitig stiix'be, in den Besitz von Schweidnitz- 
Jauer kame, ansehnliche Landerabtretungen in der Neumark 
und dem Lande Lebus dem Kaiser zugesagt. Nachmals 



Karl Herrscher liber gauz Schlcsieii. 185 

aber hatte Karl eine anclere Kombination, Avelche nun audi 
das habsburgische Haus in seine Familienbeziehungen hin- 
einzog, mehr zugesagt; Markgraf Otto ward jetzt mit der 
inzwischen Wit we gewordenen altesten Tochter Karls (aus 
erster Ehe) abgefunden^ die junge Prinzessin Elisabeth 1366 
Albrecht von Osterreich verlobt und diese nunmehr 1369 
ebenso wie ihr Gemalil durch eine Geldzahlung bewogen, 
ihren Anspruch auf Schweidnitz-Jauer ibreni Bruder Wenzel 
abzutreten. Der letztere, damals neun Jahre alt^ wird dann 
durch seinen Vater kraft dessen kaiserlicher Machtvoll- 
kommenheit zur Verfugung liber Schweidnitz-Jauer milndig 
gemacht, und nun vermacht derselbe seineni Vater filr den 
Fall seines Todes die Herzogtlimer Schweidnitz-Jauer, deren 
Stande jetzt Wenzel huldigen und dem Kaiser Eventual- 
huldigung leisten , wogegen dieser ihnen gegenliber mit 
Gnadenbriefen und Freiheiten nicht kargt und diese Lande 
nie von der Krone Bohmen zu trennen und immer dem alte- 
sten Sohne zu iibergeben verspricht. 

Nun erst durfte Karl den Besitz von Schweidnitz-Jauer 
als gesichert, ganz Schlesien in seiner Hand vereinigt an- 
sehen. Diese Herrschaft ist ihm thatsachlich nie bestritten 
worden. Seine kaiserliche Wlirde, der Ruhm seiner Staats- 
kunst und Weisheit sicherten seine Stellung auch den schle- 
sischen Fursten gegenliber. Dieselben als seine Lehensleute 
zu einem grofsen Kriegszuge aufzubieten, hat der fried- 
liebende Monarch nvir sehr vorlibergehend Veranlassung ge- 
habt ; doch verstand er es, was sein Vater immer verschmiiht 
hatte, diese Herzcige naher an seine Person zu fesseln, sie 
seinem Hofadel einzureihen. Mit wenigen Ausnahmen linden 
wir die zahlreichen schlesischen Flii'sten wiederholt an seinem 
Hof lager, sehen dieselben bei dem Austrage iuternationaler 
Streitigkeiten als Schiedsrichter fungieren, ihn aui seinen 
Reisen ins Reich begleiten, seinen Urkunden als Zeugen 
dienen, ja manche derselben, wie z. B. Bolko von Falken- 
berg, Primko von Teschen, Heinrich von Brieg, im kaiser- 
lichen Dienste als Hofrichter amtieren, und es unterliegt 
kaum einem Zweit'el, dafs diese Herzoge, so lange sie im 
Hofdieust des Kaisers standen, auch in gewisser Weise von 
ihm Lohnung empfaugen haben. 

Dais er der Schiedsrichter ihrer Streitigkeiten war, ver- 
stand sich von selbst, wie auch, dafs er dieses Richteramt 
andern libertragen konnte. Es hat nun an Streitigkeiten 
der kleinen Dynasten unter einander nicht gefehlt, und 
einige Falle von allgemeinerer Bedeutung verdienen hier 
wohl hervorgehoben zu werden. 



|g€ Drittes Bucli. Zweiter Abschnitt. 

Als Konig Johann die Herrschaft iiber Schlesieu antrat, 
war unzweil'elhal't der angesehenste Filrst sein Scluvager 
Bulcolaw. Derselbe gebot damals in NiederschJesien iiber 
die Gebiete von Liegnitz, Goldberg, Ilaynau, Liiben und 
oderaufwiirts von Breslau iiber Brieg, Grottkau, Kamslau, 
Berustadt, Ki-euzburg, Pitschen. Aber eine mafslose Ver- 
schwondung brachte ihn um den grofsten Teil seines Land- 
besitzes, es kam so weit, dafs er 1339 die Lande Haynau 
und Liegnitz an vier Breslauer Biirger verptandete, und 
zwar niclit blofs die Einkiinfte, sondern auch alle Hoheits- 
reclite der Lande, so dafs thatsaclilich die ganze Regierung 
derselben in den Handen der Gliiubiger lag, welche sie 
dann allerdings durch zwei Adelige, den Breslauer Haupt- 
mann Kunad von Falkenhain und Johannes Schirnier, ver- 
walteu lassen mulsten, ja Boleslaw ward sogar nieht ohne 
Beiliilte des bohmischen Kouigs Johann resp. seines Thron- 
folgers Karl gencitigt, vor einem aus fiinf adeligen Vasallen 
und fiinf Liegnitzer Biirgern gebildeten Gerichtshofe seinen 
Unterthanen gegeniiber Recht zu uehmen. Die Zustaude 
wurden allmlihlich in solchem Grade unhaltbar, dafs ernst- 
licli zu befiirchten war, die bohraische Krone mochte ein- 
schreiten und die Lande unter irgendwelchem Vorwaude 
sich direkt annektieren, und so entschlofs sich denn der 
Herzog 1341, die wcstliche Halfte seines Gebietes Liegnitz, 
Haynau und Goldberg seinen beiden Scihnen Weuzel und 
Ludwig abzutreten, welche dann niit Zuhilfeuahme der Mit- 
gifteu ihrer Gemahlinnen das Verpfandete einzulosen imd 
so wieder geordnetere Verhaltnisse herbeizufiihren vermoch- 
ten. ,1345 teilten die Briider ihre Herrschaften , doch da 
der Altere die verschwenderischen Xeigungen des Vaters 
geerbt zu haben schien, so begannen die Verpfandungen 
von neuem, und Ludwig, Veriiufseruugen an Konig Karl 
fiirchtend, griff endlich zu dem seltsamen Mittel, dem Bruder 
auch seinen xVnteil abzutreten gegen bindende Zusicherungen 
fiir den Fall von dessen Tode, worauf dann Ludwig das 
verpfandete Liiben fiir sich einloste und auf diesem kleinen 
Besitztume haushielt, bis beim Tode Herzogs Boleslaw 
1352 oder eigentlich erst 1358 nach dem seiner Wit we 
Katharina, welche die Lande als Leibgedinge besafs, auch 
die ostliche Halfte des Landbesitzes, von der allerdings Bo- 
leslaw das Grottkausche 1342 an den Bischof, das Gebiet 
von Namslau an Konig Karl und Kreuzbui'g, Pitschen und 
Konstadt an die Krone Polen verpfiindet resp. verkauft 
hatte, zur Teilung kamen, wo dann Wenzel sich beeilte, 
seine Halfte wiederum an den Schweidnitzer Herzog zu 



Die Herziige vou Liegnitz-Bricg. 187 

versetzen. Nacli dessen Tode 1368 ist es nun Ludwig I., 
einera sorgsamen imd sparsaraen Fursten, gelungen, nacli 
mannigfaclieu Streitigkeiten rait dem unruhigen Bruder, in 
welcliem nielir als eimnal Ktiaig Karl zii vermitteln hatte^ 
wenigsteus die Lande Brieg imd Olilau (auf der andern 
Seite noch Liiben dazu) vollstandig in seine Gewalt zu be- 
komnien und eudlich auch Kreuzburg und Pitschen wieder 
zu erlangen, welches ilnn allerdings die Herzoge von Oppeln 
streitig raachten und erst, nachdem sie bei Kreuzburg in 
einem Treffen den Waffen Ludwigs unterlegen Avaren, her- 
gaben. 

AYiihrend inzwischen in dem Liegnitzer Lande die ilble 
Wirtschaft Herzog Wenzels bis an dessen Tod (1364) fort- 
dauerte, wenngleich auch er zur Grilndung eines Kollegiat- 
stiftes in Liegnitz (zum heiligen Grabe) die Mittel gefunden 
hat, erlebte das Herzogtum Brieg unter der langen Kegie- 
rung des Herzogs Ludwig (f 1398) ungleich bessere Zeiten. 
In seiner Zeit erhob sich in Brieg der Neubau der statt- 
lichen Nikolaikirche , deren Pati'onat den Johanniterrittern 
in Lossen zustand, und 1368 errichtete der Herzog hier ein 
Kollegiatstift, dessen gotische Kirche neben den Ruiuen des 
Piastenschlosses noch heute von jenen Zeiten Kunde giebt. 
Ludwig weihte das Stift seiner berilhmten Ahnfrau, der 
heiligen Hedwig, aus deren haudschriftlicher Legende er 
sich auch durch Nikolaus von Posen, den Hofnotar Bischof 
Preczlaws, einen Auszug fertigen und denselben 1353 mit 
64 noch heute uns erhaltenen Bildern illustrieren liefs. Offen- 
bar besafs Herzog Ludwig ein gewisses historisches Literesse, 
eine Eigensciiaft , die wir sonst nicht allzu vielen der schle- 
sischen Teilfiirsten nachzuriihmen vermogen, und wie wir 
"von ihm erfahren, dafs er nach den Grabstatten der alten 
schlesischen Bischofe in Schmograu, wo ja einst zeitweise 
ihre Residenz war, hat nachgraben lassen, so erkennen wir 
auch bei der bedeutendsten alteren schlesischen Chronik aus 
ihrer Widniung an Herzog Ludwig wie aus der unverkenn- 
bareu Parteilichkeit fllr denselben, dais er auf ihre Ent- 
stehung einen gewissen Einflufs geiibt hat, so dais auch die 
Vermutung manches fiir sich hat, dieselbe sei aus dem 
Brieger Hedwigstit'te hervorgegangen. Es ist dies die etwa 
138485 geschriebene sogenannte Chronica principam Po- 
loniae. Wenn es uns befremden kann, dais hier die ganz 
und gar deutschen Fiirsten des damaligen Schlesiens als 
polnische Fiirsten bezeichnet werden, so mufs darauf hin- 
gewiesen werden, dafs es dem Verfasser oflfenbar nur darum 
zu thun war, die Abstararaung dieser schlesischen Herzoge 



18S Drittes Buch. Zweiter Abschuitt. 

von dcr bis in die sagenhafteste Vorzeit zurllckreichendeii 
pulnisclicn Ilerrsclierlaxnilie naehzuweisen und damit den 
Eulim des Geschlechtes zu erhohen, nicht anders, wie Avenn 
■\vir noGh jetzt diese Fiirsten als Piasten bezeichnen, welches 
Wort auch eigentlich nur die Bedeutung des eingeborenen 
Pulentums entlialt. 

In Ludwig 1. tritt uns einmal das Bild eines Avirklicii 
landcsvilterlicli gesinnten und wirkenden schlesischen Fiirsten 
entgegen, ein Typus, wie er docli nicht allzu hiiufig hier 
sich vertreten fiudet. 

In Oberschlesien erlosch wahrend der Regierung Karls IV. 
der Mannsstamm eines der dortigen Teiliiirsten im Jahre 
1355 niit dem Tode Bolkos von Kosel-Beiithen, und wieder- 
um stellte sich, wie schon 1336 bei der Erledigimg des 
Herzogtums Ratibor, das alte polnische Erbrecht mit aus- 
gedehnten Erbansprlichen der Verwandtschaft dem Lehen- 
recht entgegen, und erst ein Urteil des kaiserHchen Hof- 
gerichtes entschied den Streit auf Grund der Lehensurkunde 
weiland Herzog Wladyslaws zugunsten des Erbrechts der 
darin ausdi'iickhcli als Erben anerkannten nachsten weib- 
lichen Verwandten , namlich der Schwester des letzten 
Herzogs Bolko, resp. ihres Gemahls Konrad von Ols und 
der altesten Tochter Bolkos, vermiihlt mit dem Herzog 
Primko von Teschen, welche nun allerdings wieder zu ver- 
schiedenen Abfindvmgeu genotigt waren. Es trat hier mit 
Plerzog Konrad von Ols, der nun den auch auf seine Kach- 
kommen vererbten Titel eines Herzogs von Kosel annimmt, 
ein Fiirst aus dem eigentlichen Schlesien in die Reihe der 
oberschlesischen Dynasten. 

Unter den oberschlesischen Piasten jener Zeit verdient 
einer besonders hervorgehoben zu werden, wenngleich der 
eigenthche Hauptschauplatz seiner Thatigkeit aufserhalb der 
schlesischen Greuzen gelegen hat. Es war dies Wladyslaw 
von Oppeln, mit seinem jiingeren Bruder Bolko der Erbe 
Bolkos n. von Oppeln. Schon vor dessen Tode (1356) in 
jungen Jakren war er an den Hof seines Oheims von 
miitterUcher Seite, des Ungarnkonigs, gekommen, in dessen 
Dienste getreten imd schnell zu grofseu Ehren gelangt, als 
einflufsreichster Ratgeber und geschatztester Diplomat. In 
dieser Eigenschaft wirkte er dann, als Konig Ludwig sich 
durch ein ehrenkrankendes Wort liber die Konigin - Mutter 
von Ungarn beleidigt fand, an der Herstellung eines grofsen 
gegen Karl IV. gerichteten Biindnisses, das Ungarn, Polen, 
die osterreichischen Herzoge und Herzog Meinhard von 
Bayern umschlofs, eifrig mit (1362), ja er stand sogar an 



Herzog Wladyslaw vou Opx^eln. 189 

der Spitze des Heeres, welches Ludwig gegen Mahren ent- 
sendete. Freilich trug der Bund keine Friichte ; der Ungarn- 
konig, von den Yerbiindeten im Stich gelassen, liefs sich 
bald wieder zu Unterhandlungen bereit finden, und als diese 
Erfolg batten, gewabrte Karl seinem ungetreuen Lebens- 
manne gern wieder Verzeibiing, ja er gab ibm sogar, um 
einen dankbaren Freund in Ludwigs Umgebung zu ge- 
winnen, einen besonderen Beweis seiner Gunst, indem er 
ibm 1367 gestattet, seine scblesiscben Lande in Ermangelung 
mannlicher Nacbkomraen auf seine Tochter zu vererben, 
wodurcb er allerdings die Erwartungen und Hoffiiungen seines 
treuen Dieners, des Herzogs Bolkos III., Wladyslaws Bru- 
dei', welcher darauf rechnete, der Bruder werde mit seinen 
Erfolgen in Ungarn zufrieden auf seine scblesiscben Be- 
sitzungen verzicbten, arg tauscbte. 

Wladyslaw fand vielfacbe Gelegenbeit, sicb dankbar zu 
zeigen, indem er am Hofe Ludwigs zugunsten Karls tbiitig 
war, wenn die Eifersucbt Konig Kasirairs und die unver- 
scibnlicbe Feindscbaft der Wittelsbacber zu neuen Anscblag-en 
gegen die wacbsende Macbt des Kaisers zu drangen sucbten. 
Recbt deutlich zeigte sicb das 1372, als in Ofen die ersten 
Unterbandlungen iiber eine Vermablung des kaiserlicben 
Prinzen Sigisraund mit Maria, der Tocbter Ludwigs, ge- 
pflogen wurden, und Primko, Herzog von Tescben, als Ge- 
sandter Konig Karls mit Wladyslaw von Oppeln, dem un- 
gariscben Bevollmachtigten, zu verbandeln batte. Damals 
eilte Herzog Stepban von Bayern selbst berbei, um die 
Sacbe zu bintertreiben , und zwiscben ibm und Wladyslaw 
ist es damals zu so beftigen Auftritten gekommen, dafs nur 
das Dazwiscbentreten des Konigs Thatlicbkeiten verbin- 
dert bat. 

^Alady slaws Stelkmg war durcb den Tod Kasimirs 1370 
nur aufs neue befestigt worden. Sein Eifer babnte Ludwig 
die T\^ege zur Nacbfolge aucb in Polen, und der Konig 
kargte nicbt mit seinem Danke. War der Herzog bereits 
Palatin von Ungarn, Graf von Presburg gewesen, so erbielt 
er jetzt das Wieluner Land, d. b. das ganze von dem 
oberen Lauf der Wartba eingescblossene , dem Oppelner 
Herzogtum benacbbarte Land (allerdings bei Emiangelung 
mannlicber Erben nur auf Lebenszeit), und im Herbste 1372 
aucb das beutige ostlicbe Galizien als eigenes Lebensfursten- 
tum. Und in Scblesien batte man alien Grund, sich der 
wacbsenden Macbt des Landsmannes aufserbalb der scble- 
siscben Grenzen zu freuen. Eifirig wirkte derselbe in den 
ibm unterworfenen Landen fiir Verbreitung deutscber Kultur, 



190 Drjttes lUicli. Zweitcr Absclmitt. 

gewJihrte den schlesischen Kaui'leuten Handelsvorteile und 
hielt Kuhe und Ordiiung aufrecht. Freilich hatte er die 
pohiisclie Adelspartei gegen sich. Dauerndes hatte er in 
seinem langen Leben (er stirbt erst 1408) und in den 
wechselnden Stellungen, die er dann noeh bekleidet, nirgends 
zu schafFen vermocht, und speziell fiir die Geschichte ^chle- 
siens ist er im grol'sen und ganzen olme Einfiufs geblieben. 
In seinen Oppehier Landen innerhalb deren alter Grenzen 
sind ihm seine Neffen gefolgt, seine Tocliter haben sich mit 
Gehlabtindungon begniigen miissen. 

Flir das ganze System Karls IV. wiirde es natiirhch von 
grofser VVichtigkcit gewesen sein, in dem nun ganz und gar 
unter seiner Herrschaft vereinigten ISchlesierlande auch den 
Laudesbischof in die geistliche Hierarchic des bohinischen 
Eeiches eingeiugt zu sehen, wozu dann also die Losung von 
dem Metropolitanverbande mit Gnesen, dem letzten Bande, 
das Schlesien noch mit Polen verkniipl'te, notwendig ge- 
wesen ware. 

Die Griindung eines eigenen Erzbistums fiir das Ktinig- 
reich Bohmen im Jahre 1344, welche Karl noch als Kron- 
prinz durchsetzte, schien dazu die beste Gelegeuheit zu 
bieten, und der damalige, dem Kaiser so wohlgesinnte Papst 
Klemens VI. (1342 — i352) zeigte sich auch in der TJiat 
geneigt, gegen das Versprechen, den Peterspfenuig in der 
ganzen Breslauer Diocese einzut'iihren, Karls WAmsch zu er- 
tiillen und das schlesische Bistum dem Prager Sprengel hinzu- 
zutiigen. Von dem Breslauer Bischof Preczlaw, dem Karl 
eben den wichtigcn ansehnlichen Erwerb des Grottkauer 
Landes gestattet und vermittelt hatte, der dann selbst als 
Kanzler in seine Dienste trat, raochte er keinen Widerspruch 
furchten, und in der That sehen wu' im Jahre 1348 Precz- 
law in wichtigen staatsrechtlichen Urkunden unter den 
Hauptwurdentragern Bohmens neben dem Erzbischof von 
Prag und desseu Suffraganen, den Bischolen von Olmiitz 
und Leitomischl, auftreten, als sei or schon einer von diesen. 
Dennoch kam die Sache nicht recht in den Gang; der Erz- 
bischof von Gnesen wehrte sich aus alien Ki'aften dagegen, 
und Konig Kasimirs Kanzler sparte am Hofe zu Avignon 
weder Geld noch Miihe, gegen den Plan zu wirken, und 
nahm sogar keinen Anstand, einen von Karl produzierten 
Brief Kasimirs liir gefiilscht zu erkliiren. Selbst Klemens VI. 
schreibt loOU dem Konig bedauernd iiber die Hiudernisse, 
die sich dem verabredetcn Werke entgegenstellten, wenn er 
gleich noch immer seinen guten Willcn beteuert. Als 
dann im folgenden Jahre Kfinig Kasimir mit dem Erzbischofe 



Vergeblichev Versucli einer Treunung d. Bist. Breslau v. Guesen. 191 

von Gnesen in Breslau erschien, gewann nun audi hier die 
polnische Partei im Domkapitel wieder neuen Mut. Es ist 
ja vvohl schwerlich wahr, wenn die Breslauer nachmals be- 
liauptet haben, die Herren vom Kapitel batten damals da- 
nacb getrachtet, den Polenkonig hier wieder zum Herrn 
zu rnachen ; aber scbon der Verdacht zeugt fiir die grofse 
Spannung der Geister, und es war docb ein starkes Stuck, 
dafs jener Kanzler Kcinig Kasimirs, der in Avignon so 
schroff und beleidigend dem bobmischen Plane entgegen- 
getreten war, dabei eine der bochsten Pralaturen der Bres- 
lauer Kircbe, namlich das Amt eines Decbanten, bekleidete. 
Dem Biscbof Preczlaw mifsfiel es docb sebr, als damals der 
Erzbipcliof von Gnesen seine Zustimmung zu der Lostren- 
nuug Breslaus von der Abzweigung eines Teiles dieser Diocese, 
also wobl Oberscblesiens, abbangig macbte, und Konig Karl 
mufste durcb eine besondere Urkunde berubigen, dafs er an 
derartiges nicht denke. 

Inzwiscben starb nun audi Karls Freund, Klemens VI. ; 
mit seinem Nacbfolger Innocenz VI. kam er scbon wegen 
seines grofsen Werkes, der goldenen Bulle, welcbe das Reicb 
zu unabbangig vom Papste zu stellen scbien, in Mifshellig- 
keiten, und so verlor der grofse Plan immer mebr an Aus- 
sicht auf Verwirklicbung. Umsonst tauscben audi in Scble- 
sien Kaiser und Biscbof nocb einmal 1358 eifrige Treu- 
versicberungen und reicbe Privilegienbestatigungen aus, die 
Beziebungen werden bier von Jabr zu Jabr gespannter, und 
Karl niufs mit Preczlaw sebr unzufrieden gewesen seiii, 
wenn er 1360 seinen Freund, den Herzog Boiko von 
Schweidnitz, so gewaltsam gegen jeiieii vorgehen^ und Grott- 
kau von ibm zuriickfordern lafst. Audi die Ubertragung 
der Haiiptmannscbaft .1360 an den Breslauer Rat empfanden 
Biscbof und Kapitel als einen gegen sie gefiibrten Scblag 
bei der Feindscbaft, die zwiscben beiden Gewalten berrscbte. 
Preczlaw scbien es eben mit biifsen zu sollen, dafs Karl in 
jeneni Jabre, um einer drobenden Verbindung von Ungarn 
und Polen gegen ibn vorzubeugen, Kasirair das Versprechen 
gab, an einer Lostrennung Breslaus von der Diocese Gnesen 
nicbt mebr zu arbeiten, und 1365 ver.«;icbert Papst Urban V. 
dem Konige Kasimir, der Kaiser babe niemals bei ibm 
Scbritte in dieser Angelegenbeit getban. 

In der Tbat scbeint Karl nicbt einmal bei Gdegenbeit 
seines zweiten Romerzuges 1368, wo er, dessen Waffen 
Urban V. nacli Rom zurilckfiibrten, von diesem vieles batte 
verlangen kcinnen, jencn Plan wieder aui'genommen zu baben. 
Wobl aber bat er damals die Gdegenbeit benutzt, ein papst- 



192 Drittes Biicli. Zweitei- Abschuitt. 

liches Mandat zur Entscheidung eines Streites zwisclien der 
Breslauer Donigeistliclikeit uiid dera dortigen Rate zu er- 
langen. Der Scliied ging jetzt dahin, dais der Rat das 
Reclit liabcn solle, alle Unterthanen des Bischofs und des 
Kapitels wegen irgendwelcher Verbrechen oder Vergelien, 
unci audi wegen Geldschulden, falls sie in der Stadt be- 
troffcn wiirdeu, festzuhalten und vor dem Stadtgerichte liber 
sie Recht zu sprechen, ohne dafs es dem Bischofe und dem 
Kapitel gestattet sein solle, deshalb die Stadt mit dem Inter- 
dikte zu belegen; alle entgegenstehenden Statuten Avurden 
fiir aufgehoben erklart, und jede Art von Appellation ward 
von vornberein ausgescblossen. 

Die Strenge der Entscheidung bat damals wolil das Ka- 
pitel naraentlich rait Rucksicbt auf des Kaisers dem Klerus 
sonst so giinstige Gesinnung iiberrascbt , und auch der 
Biscbof Preczlaw, der im Verlaufe dieses Streites, wenngleicb 
nicbt obne eine reservatio mentalis, auf" das Verlangen des 
Kaisers ausdriicklicb erklart batte, dafs dem Bischofe kein 
Recht an Stadt und Fiirstentum Breslau zustebe, ist dem 
Vorwurf allzu grofser Nacbgiebigkeit nicbt entgangen, aber 
in AA'^abrbeit baben auch die Breslauer Domberreu nacli des 
Kaisers Tode diesen lebbaft zuriickgesebnt, und die Bres- 
lauer Kirche bat unter dera friedliebenden Preczla^v (1341 
bis 137G), welcber ibr auch den grofsen Giiterkomplex am 
mahrischen Gesenke, dessen sie sich noch heute erfreut, er- 
worben hat, ibre beste Zeit gehabt; von dieser stararat der 
stolze Beinarae des goldenen Bistums her, den nicbt alle 
Folgezeit zii bebaupten vermocht bat. 

Kaiser Karl hat bei dem eben erwabnten Sti'eite der 
Breslauer mit dem Domkapitel sebr sorgfaltig Gutacbten 
eingefordert von den scblesiscben Fiirsten, den Stadten des 
Landes, der Breslauer Ritterscbaft, deren viele noch heute 
erhalten sind. Es ist dies recht charakteristisch fiir diesen 
Regenten, dessen Siegel den schonen Spruch fiihrt: „urteilt 
gerecht, ibr Menschensobne". Es lagen, wenn man so sagen 
darf, konstitutionelle Neigungen in ihm; iiberall bei wich- 
tigen Entscbeidungen spricht sich der Wunsch aus, die Ge- 
rechtigkeit seiner Entscbeidungen durch die Zuziehung kom- 
petenter Berater aufser alien Zweifel zu stellen, und ebenso 
diirfen Avir ibn als ein hervorragendes organisatorisches Genie 
bezeichnen. 

]\Ian hat wohl gesagt, es babe sich um die Mitte des 
13. Jabrbunderts allerorten bei den roraanischen wie bei 
den gerraanischen Volkern ein Streben nach erneuten Ver- 
fassungen gezeigt. In Spanien wie in Italien, in England 



Gesetzgebung in Schlesien. 193 

^de in Frankreich lassen sicii derartige Bestrebimgen in 
jener Zeit nacliweisen. Als einen Hauptvertreter dieser Rich- 
tung diirfen wii* eben Karl IV. bezeichnen; und in dem 
Geiste, in dem er 1356 mit der goldnen Bulle der Verf as- 
sung des romischen Reiches auf Jahrhunderte hinaus ein 
festes Grundgesetz gegeben, und ebenso fiir Bohmen ein 
allgemeines Gesetzbuch, die sogenannte majestas Carolina, 
abfassen liefs, deren Annahme dann allerdings den boh- 
mischen Stiinden bedenklich erschienen ist, in diesem Geiste 
hat er audi in Schlesien gewirkt, in Gesetzgebung und Ver- 
waltung. AVir gedenken der letzteren zuerst, weil gerade 
liier Karls Einflufs am bestimmtesten naclizuAveisen ist. Es 
handelt sich dabei an erster Stelle um jenes denkwlirdige 
Landbuch Karls IV. fur das Herzogtum Breslau, eine Auf- 
zeichnung, welche, ohnegleichen in ilirer Zeit und nur noch 
iibertroffen von desselben Herrschers 1373 fur die Mark 
Brandenburg veranstalteten Landbuebe, auf einmal hier dem 
gesamten Grundbesitze im Fllrstenturae Breslau mit den 
darauf haftenden Zinsen und Renten eine teste und gesetz- 
mafsige Grundlage gab und jeder Willkiir Schranken setzte ; 
eine groisartige Arbeit, welche alien spateren Katastrierungen 
zur Grundlage gedient hat und zugleich auf die Ausdehnung 
der menschliclieu Besiedelungeu in jener Zeit ein iiber- 
raschendes Licht wirft, indem sie uns mit verschwindenden 
Ausnahmen alle die Dorfer, welche wir jetzt in den Ki'eisen 
Breslau, Neumarkt und Namslau antreffen, schon damals 
vorhanden zeigt. Die Vorarbeiten djizu wui-den im Februar 
1352 von Konig Karl den Breslauer Konsuln und dem 
Kanzler des Fiirstentums Dietmar von Meckebach aufge- 
tragen und das Landbuch, wie wir annehmen dlii'fen, im 
Jahre darauf ausgefuhrt. Und um dieselbe Zeit und mittel- 
bar oder unmittelbar aus denselben Impulsen entstand 
dann auch das denkwlirdige sogenannte schlesische Land- 
recht, welches die Sechser-Kommission, jene zur Fortbildung 
des materiellen Rechtes auf Grund eines Privilegs Konig 
Johaans von 1346 eingesetzte und halb aus den Mannen 
des Fiirstentums , halb aus Breslauer Konsuln gebildete 
Kommission, im Jahre 1356 hier zusammenstellte , eine Be- 
arbeitung des imter dem Kamen des Sachsenspiegels be- 
kannten Gesetzbuches. Dasselbe erlitt hier einige Ande- 
rungen, namentlich auf dem Gebiete des Erb rechtes, zu- 
gunsten der weibHchen Erbfolge, ohne dafs Avir jedoch fest- 
zustellen vermochten, ob hierbei eine Erinnerung an das 
polnische Recht oder Einwirkungen des rfimischen Rechtes, 
von welchem wir ja schon aus dem 14. Jahrhundert 

Grunhagen, Gesch. Sclilesiens, I. 13 



194 Drittes Buch. Zweiter Abschuitt. 

in Schlesieu urkundliche Spuren praktischer Anwendung 
naclnveisen konncn, oder nur allgemeinc BilligkeitsrUcksicliteu 
jeiie Abweichungen von den den Mannsstanini strenger be- 
giinstigenden Festsetzungen des sachsischen Rechtes lierbei- 
gefilhrt haben. War dasselbe gleich ursprilnglich aucli nur 
fur das Fiirstentum Breslau bestimmt; so hat es unzweifclhaft 
doch bakl ungehindert durch die papstliche Verdanunung 
des Sachsenspiegels 1356 Geltung fiir den grofsten Teil 
Schlesiens gewonnen, wie das schon die zahlreichen ilberall 
verbreiteten Handselu'iften desseiben beweisen. 

Neben diesem „Landrechte" entstand dann aucli um die- 
selbe Zeit (wahrselieinlich 1359) ein eigenes Breslauer Stadt- 
recht, eine systematische , aber den Unterscheidungen des 
rcimischen Rechtes noch ganz fernstehende , zum Gebrauche 
flir die Schott'en bestimmte Zusanimenstellung des aus 
Magdebiu'g eingebiirgerten Rechtes, das dann gleichfalls aus 
Breslau in viele andere schlesische Stildte iiberging. Einige 
Jahre friiher (l350) war auch der Schatz der Breslauer 
Privilegien, welche man doch von den R^chtssatzungen sehr 
bestimmt trennle, in einem besonderen Buche zusammen- 
geschrieben und durch eine beigegebeue deutsche Uber- 
setzung dem allgemeinen Verstandnisse zugaiiglicher gemacht 
worden. 

Die angetllhrten Gesetzbllcher entstanden in Breslau, und 
wenu nicht auf Anregung Karls IV., so doch in dessen 
Geiste. Der letztere mulste ja in dem, was er fur die Her- 
stelhmg geordneter Rechtsverhaltnisse in Schlesien zu thun 
unternahm, die Breslauer Stadtbehorden als seine Avichtig- 
sten Organe ansehen, wie deun doch liberhaupt in den 
Stadten der meiste Sinn fiir Gesetzlichkeit und auch das 
grtil'ste Interesse dafiir gefunden ward, insofern ja Handel und 
Verkehr zu ihrem Gedeihen gesetzliche Zustiinde, Ridie und 
Sicherheit zur notwendigen Yoraussetzung batten. 

Wir diirfen in der That nicht zweifeln, dafs Karl IV". 
die Stadte sehr hoch liielt. Als bei einem Besuche in Liibeck 
die dortigen Ratsherren den Titel „Herren", rait dem er sie 
begriifste, bescheiden ablehnen wollten, versichert er ihnen 
nachdriicklich : „Ihr seid Herren." Und so hat auch den 
Breslauern gegeniiber der Kaiser nie mit Beweisen seiner 
Gunst und seines Vertra.iens gekargt. In seinem grofsen 
Gesetzbuche tiir Bohmen, der majestas Carolina, setzt er 
einige Biirgerschaften, „ welche er, weil sie vor den iibrigen 
durch die Tugenden und die Reife ihrer Biirger und die 
Menge ihrer Einwohner sich auszeichneten, besonders geehrt 
"wissen will", gleichsam zu Wiichtern jener Verfassung ein. 



Begunstigung Breslaus. 195 

Es sind dies Frag, Breslau, Bautzen und die Bergstadt 
Kuttenberg. 

Wir sahen bereits, wie Karl zur Ausarbeitung seines 
Breslauer Landbuches die Hilfe der Konsuln in Anspruch 
nimmt. Diesen ilbertrligt er dann audi bereits 1357 ganz 
mid gar die Hauptmanuschaft des Breslauer Landes, d. h. 
die gesamte Regierung desselben, die kaiserliche Statthalter- 
schalt, und Avenngleicli von 1369 an, infolge Streitig- 
keiten des Breslauer Rats mit der Domgeistlichkeit, aus 
Rucksicliten der Unparteiliclikeit ein bohmiscber Edelmann, 
Timo von Kolditz, als Landeshauptmann genannt wird, so 
war das mehr pro forma. Thatsachlicli besorgte der Rat 
dock die Gesckafte, und noch 1377 sehen wir diesen liber 
die Verwaltung der kaiserlichen Einkiinfte Rechnung fiihren, 
so dafs wir getrost annehmen diirfen, der Breslauer Rat liabe 
von 1357 bis an des Kaisers Tod 1378 thatsachkch das 
Fiirstentum regiert. 

Insofern nun aber der Inhaber der Breslauer Haupt- 
mannschaft das niichstliegende Organ der Willensakte des 
Oberlehensherrn war und derselbe anderseits schon seit Konig 
Johanns Zeit mancke Belugnisse besals, die, wie z. B. 
bei der Verfolgung von Ubeltkatern , iiber die Grenzen 
des Fiirstentums kinausgingen , so kamen mekr und mekr 
die Breslauer Konsuln in eine selir acktunggebietende Stel- 
Imig auck den scklesiscken Flirsten gegeniiber, die ja auck 
so kaufig die Ga^tfreLindsckaft der Stadt Breslau genossen, 
und es hat daker kaum etwas Wunderbares , wenn wir die 
Breslauer Konsuln vielfack als Sckiedsrickter in Streitigkeiten 
der scklesiscken Herzoge unter einander fungieren seken ; 
wiederkolt vermitteln sie in den Handeln der Gebrilder von 
Lieguitz - Brieg , Wenzel und Ludwig; auck den endlicken 
Sckiedsspruck fallt 1359 Kaiser Karl unter ikrem Beirate, 
und ebenso werden sie berufen, um nack dem Tode des 
letzten Beutkener Herzogs alle zwiscken den Erben nock 
obsckwebenden Streitpunkte auszugleicken. 1362 begiebt 
sick sogar eine Deputation des Breslauer Rates im Auftrage 
des Kaisers nack Beutken in Oberscklesien, um die dortige 
Biirgersckaft zur Hvddigung an Herzog Primko von Tescken 
zu bewegen, und 1367 seken wir dann wieder eine aus 
Breslauer Patriziern gebildete Kommission gleicksam als 
Beisitzer des erkorenen Sckiedsrickters, des Herzogs Ludwig 
von Brieg, Streitigkeiten zwiscken den Herzogen von Tescken 
und Troppau einer- und Herzog Bolko von Falkenberg 
anderseits entsckeiden. Im Jakre 1370 tragt Kaiser Karl 
dem Landeshauptmanne und den Ratmannen von Breslau 

13* 



1% Drittes Bucli. Zweiter Absclmitt. 

auf, den Glogauer Besitz zwisclieii ilim, dem Kaiser, and 
Herzog lieinricli VI. zu teilen. 

Das Ansehii des Breslauer Rats kam dem Ganzen zu- 
gute, dcnn cs befurderte die allgemeine Sicherheit, insofern 
die kleinen Teiltursteu es nun doch weniger wagten, Kaub- 
rittern und Fehdern Schutz und Ruckhalt zu gewiihren, 
oder durch willkurliche Zolle die Kauf leute zu drilcken und 
zu brandscliatzen , und auch sonst Beschwerden der Bres- 
lauer gegeniiber sich nachgiebiger zeigten. Ein einziges 
recht schlagendes Beispicl uiuge hier angelilhrt werden. 

Im jMittelalter berrsclito bekauntlich an vielen Urtcn 
die Meinung, der lubalt eines umgestiirzten Fuhrmanns- 
wagens sei dadurcb herrenloses Gut geworden, eine gute 
Beute des ersten besteu, der dazu kame, ganz ebenso wie 
das Gut eines gestrandeten Schiffes. Diese lible Gewohn- 
heit, die sogen. Grundruhr — um so verderblicber, weil sie 
nioglicbst schlecbte Strafsen als im Interesse der nacbsten 
Urawobner begend erscbeinen Hefs — , war nun aucb auf der 
grolsen iStrafse nach Miibrcn bei Gratz unfern von Troppau 
an Breslauer Kaufmannsgutern erprobt worden. Auf eine 
Bescbwerde des Breslauer Kates aber gelobte der llerzog 
Johanu von Troppau und Katibor 1371 Abstellung jeues 
alten Mifsbrauches , von dem wir aucb in der Tbat uicbt 
weiter boren. 

Karl bat aucb gieicb bei seinem Regieruugsantritte (1347) 
eine denkwiirdige Verfilgung an alle scblesiscben Herzcige 
erlassen, sicb aller Febden zu enthalten und Ubeltbatern 
und Raubern in keiner Weise Scliutz und Riickbalt zu ge- 
wabren, damit alien seinen Landen uud insonderbeit dem 
breslauiscben Lande die Wohltbat des Friedens gewabrt 
bleibe, und das Jabr darauf teilt er den Glatzei'n die Be- 
scbliisse des Prager Landtages zur iSicberung des Landes- 
friedens mit und verlugt, dafs dieselben proklamiert werden, 
ja er sicbert alien den stildtiscben und litndbcben Obrig- 
keiten der Grafscbaft Ersatz des Scbadens zu, den sie 
bei Erfolgung des Feindes erleiden soUten, und tiberlafst 
ibnen die Beute. Und dem Beispiele des Oberlebensberrn 
folgen nun aucb bald die Filrsten. Herzog Wenzel giebt 
1347 den Liegnitzern ausgedebnte Vollmacht, gegen Friedens- 
brecber energiscb einzuscbreiten und bestatigt im voraus 
alle dabin gebenden Mafsregeln des Rates; Heim'icb von 
Glogau-Sagan ordnet 1349 fiir alle Stadte seines Gebietes 
cin gemeinsames Verfabren an, so dafs die m der einen 
Stadt ausgesprocbene Acht m alien anderen Geltuug baben 
sollte, was Herzog Bolko II. von Scbweidnitz - Jauer bereits 



Kuhe unci Ordnung aufrecht erhalten. 197 

1346 fur seine Stadte angeordnet hatte, und der letztere 
liefs sogar in seinen Stiidten ein eigenes sogenanntes 
Burnegeld erheben zu dem ausdriicklichen Zwecke der Ver- 
wendung gegen Rauber mid Friedensbrecher. 

Aulserdem bestanden ja schon seit Konig Johanns Zeit 
zwischen den Stadten verschiedener Furstentiimer \aelfache 
Verbindungen zur gemeinsamen Aufrechterhaltung der gegen 
Friedensbrecher erlassenen Verfestungen , nnd speziell ward 
dann aueh die bereits 1339 geschlossene Verbindung aller 
unmittelbaren Landesteile und Stadte in Schlesien und den 
Lausitzen 1369 sicherlich auf des Kaisers Weisung erneuert 
und weiter ausgedehnt; dieselbe erklart die liber Rauber, 
Diebe, Moi'der und Mordbrenner in einem der Landesteile 
ausgesprochene Acht aueh fur die anderen als giiltig. Die 
Einigung umfafste jetzt die Nieder- und die Oberlausitz 
(mit den dieselbe bildenden sechs Stadten), die Grafschaft 
Glatz (mit Glatz und Habelschwerdt) und den schlesisclien 
immittelbaren Besitz mit den Stadten Breslau, Glogau, Neu- 
markt , Goldberg , Frankenstein , Namslau , Steinau und 
Gulirau. 

Das Gesamtresultat war nun in der That ein geradezu 
grofsartiges, dafs namlich, wie dies ein bohmischer Chronist 
hervorhebt, man in Konig Karls Landen allerorten unge- 
fiihrdet ruhig seine Strafse ziehen konnte, zum unschatz- 
baren Vorted fiir das Gedeihen des Landes, das Aufblilhen 
des Verkehrs. 

Uberhaupt machte der Handel Schlesiens und besonders 
Breslaus unter d§r Regierung Karls IV, gewaltige Fort- 
schritte. Er trat gewissermafsen jetzt in eine neue Phase. 
Die Breslauer waren, seit die Stadt einen gewissen Wolil- 
stand und damit ein nicht geringes Mafs von Selbstvertrauen 
erlangt hatte, also etwa seit dem Beginne des 14. Jahr- 
hunderts, schrittweise vorgegangen, batten urn 1310 fiir Geld 
ztun Teil in Gemeinschaft mit Sehweidnitz, von mehreren 
schlesischen Herzogen eine Reihe von Zollbefreiungen er- 
langt, und dann, als sie 1327 bei ihrem Herzoge die Unter- 
werfung unter Bohmen dui'chsetzten , dies benutzt, um als 
Lohn dafiir sich fiir ihre Waren die Zollfreiheit in Bohmen 
verbriefen zu lassen. Aber erst unter Karl IV. vermogen 
sie es, ihrem Handel nacli Bohmen hin recht solide Grund- 
lagen zu geben. Erst jetzt 1359 ei'langen sie die Befreiung 
von dem Xiederlage- oder Stapelrechte , das die bohmische 
Haviptstadt Prag besafs, und welches sie bisher genotigt 
hatte, alle nach Prag gebrachten Waren nun audi hier zu 
verkaufen, also zu einem Handel, der weiter gehen sollte, 



198 Drittes liucb. Zweiter Abschnitt. 

die Vemiittelung Prager Kaufleute in Anspruch nehmen, 
und diesen cincn anschulichen Teil ihres Gewinnes zu gon- 
nen, ein Recht, welches ja bekanntlich Breslau selbst bereits 
seit 1274 besafs und anderen Stiidten gegenliber mit Strenge 
ausiibte. Ja 1377 versprachen die Prager sogar, einem 
neuen Privilcg des Kaisers naclikommend , unter Vorbehalt 
der Gegenscitigkeit, dafs fortan die Breslauer Kaufleute in 
Prag ganz ebenso, wie die Prager selbst, aacli mit fremden 
dort gerade anwesenden Handelsleuten Geschafte machen 
diirften. 

Aber auch nacli dem Auslande hin zeigte sicli Karl IV. 
geneigt, das Gewicht seines Tveit reichenden Einflusses zu- 
gunsten des Breslauer Handels in die Wagschale zu werfen. 
Gegen Konig Kasimir von Polen, der im Interesse der 
eigenen Unterthanen den Breslauern ihre alte Handelsstrafsc 
nach Polen und Rtifsland zu sperren ]\Iiene machtC; crgreift 
Karl 1352 die strengsten Gegenmafsregeln , und sein Be- 
fehl verpflichtet nicht nur alle seine Bearaten , sondern 
ebenso auch alle Fiirsten des bohmischen wie des heiligen 
romischen Reiches, auf Requisition der Breslauer polnische 
Kaufleute anzuhalten und deren Waren mit Beschlag zu 
belegen. 

Und ebenso erwirkte Karl 1365 von Konig Ludwig von 
Ungarn ein Privilege welches die Breslauer den durch be- 
sondere Freibriefe vorzugsweise begiinstigten Kaufleuteu von 
Prag und Niirnberg gleichstellte , und 1358 erwidert der 
Doge von Venedig die seiuen Landsleuten von Karl erwiesene 
Forderung durch die Gewahrung gleicher Gunst flir die 
Kaufleute des Reiches, des Konigreichs Biihmen und der 
sonst ihra unterworfenen Lande. 

Lafst dieser Freibrief uns an cine Ausdehnung des 
Breslauer Ilandels bis an den grofsen Weltstapclplatz am 
Adriatisclien Meere dcnken, so finden wir anderseits auch 
urkundliche Zeugnisse flir einen uberseeischen Handel der- 
selben aus dem Haupthafen der Ostsee Danzig. In der 
Zeit Karls IV. schreibt der dortige Rat an den von Breslau 
beziiglich eines bei Helsingborg gestrandeten Schiffes, auf 
welchem die Breslauer Kaufleute Peter Schwarze, Peter 
Beyer und Genossen Tuche und andere Waren gehabt hatten, 
und das Danziger Archiv bewahrt eine Reihe von Korre- 
spondenzen avich mit Biirgern anderer schlesischer Stiidte 
auf (Brieg, Sagan, Schweidnitz, Liegnitz). 

Die Hauptstrafse ging hier quer durch Grofspolen auf 
Thorn zu, und es verdient bemerkt zu werden, dafs die 
Schlesier, wenn sie nach Norden zu die See suchten, sich 



Schutz des Handels. 199 

nach Preufsen wandten, iiicht nach Stettin, der Miin- 
dung ihres Stromes zu. Aber in der That scheiut dieser 
Weg nocli niehr Hindernisse geboten zu haben als jener 
trotz des Handelsprivilegs , welches Karl bereits 1349 fur 
die Kaufleute seiner Lande von Markgraf Ludwig von 
Brandenburg ausgewirkt hatte. Es gait da immer noch, 
sicli mit dem alten Niederlagsprivileg, das die Stadt Frank- 
furt behauptete, abzufinden. 

Es hing damit wohl zusammen; wenn wir sehen, dafs 
€s doch nicht gelingen wollte, die Oder zwischen Breslau 
und Krossen vollstjindig der Schiffahrt zu erofFnen. Schon 
Konig Johann hatte 1337 die WegschafFung der Wehre und 
die Herstellung eines bequemen Fahrwassers in der Breite von 
16 Ellen angeordnet. Aber es kam nicht dazu, obwohl 
sein Nachfolger diese Weisungen noch zweimal 1349 und 
1355 erneuerte, und wenn Karl^ um 1370, um die Stadt 
Frankfurt, der er wegen friiherer AViderspenstigkeit grollte, 
zu trefFen, bei deni lausitzischen Stadtchen Furstenberg 1370 
eine Briicke zu bauen begann, um von hier aus eine Strafse 
auf dem rechten Ufer zu schatfen, welche Frankfurt um- 
gehen konnte, so hat er diesen Plan dann doch fallen ge- 
lassen, nachdem er selbst die Mai'k erworben und Frank- 
furt ihm gehuldigt hatte. Die letztere Stadt behauptet ihre 
Niederlage, und aus der Schiffahrt oderabwarts von Breslau 
wird nichts. Im Oberwasser kann man eher von Anfangen 
einer solchen sprechen. Aus dem Jahre 1365 erfahren wir 
von Kahnen, welche Kalksteine aus der noch heute kalk- 
reichen Gegend hinter Oppeln hergeflihrt haben, und es 
wird oberhalb von Breslau 1359 sogar von einem Oderhafen 
gesprochen, der dann allerdings vorzugsweise fiir geflofstes 
Holz bestimmt erscheint. 

Nach Westen zu fiihrte eine uralte Handelsstrafse iiber 
Niirnberg nach Flandern, von wo die Tuchfabrikation und 
vielleicht audi die Kunst des Bierbrauens hierher gekommen 
war. Noch immer wurden von da feinere Sorten von Tuch 
eingefiihrt, und die Tuche von Ypern und Poperinghen 
behaupteten auf dem Breslauer Markte noch immer einen 
hoheren Rang vor den minder feinen Geweben aus Grimma, 
Zerbst, Burg, Gorlitz, Brilnn. Bereits 1330 konnte die 
papstliche Kurie die Vermittelung von Breslauer Kauf leuten 
behufs Abfllhrung papstlicher Gelder zu Brugge in Anspruch 
nehmen, wie dies dann auch in den Jahren 1360 und 1362 
wiederholt geschieht, und 1347 erbittet der Breslauer Rat 
die Vermittelung Karls IV. zur Ermafsigung der von den 
dortigen Kaufleuten auf dem Wege ilber Niirnberg nach 



200 Drittes Buch. Zweiter Abschnitt. 

Flandem verlangten Geleitsgelcler. Aus deui Jalire 1372 
bositzen wir clanii zwei Schreiben tier j\Iagistrate von Koln 
unci Briissel, welche auf eine Anfrage cles Breslauer Rates^ 
betr. den zu beanspnichenden Feingehalt der Gold- unci 
Silberarbeiten, Auskunft erteilen. 

Es lag nun ganz in den Anschauungen jener Zeit, dais 
jede Stadt ihr ZoUsysteni fiir sich liatte; nur auf Grund be- 
sonderer Vertrage liefs eine Stadt die andere an ihren ZoU- 
vergiinstigungen teilnebmen, und dorartige Vertriige waren 
nicht einmal allzu hilutig, wie wir denn in der That nicht nach- 
zuweivsen vermogen, dafs fiir gewohnlich aucli nur die Stadt > 
eines und desselben Herzogtums gegenseitige Zollfreiheit ge- 
habt batten. In Breslau. allerdings bestand eine solche mit 
Neumarkt; das bereits seit deni 13. Jahrhundert jenem po- 
litisch enger verbunden war; 1347 ward sie aucli auf das 
benaclibarte Stildtchen Canth ausgedehnt, und eine Reihe 
weiterer derartiger Vertrage fiilirte dann die Politik Karls IV. 
herbei; als dieser sich, wie wir oben sahen, 1363 in den 
Landen Herzog Bolkos II. ein Erbfolgerecht zusichern liefs, 
wurden die grofseren Stadte dieser Landschaften Schweid- 
nitz, Striegau, Lowenberg, Landshut, Hirschberg, Bolkenhain 
vom Zolle und Ungeld in Breslau befreit. Ganz vereinzelt 
steht es dagegen da, wenn wir in der Liegnitzer Zollrolle 
von 1328 unter den Kanfleuten, welche die Stadt passieren, 
die in Schlesien wohnenden nur halb so hocli besteuert sehen 
wie fremde. 

Wenn wir in den hier gegebenen kurzen Notizen liber 
den Breslauer Handel den Kaiser iiberall bereitwilhgst seine 
getreue Stadt unterstiitzen sehen und iiberhaupt Privilegien 
in ungewohnlich grofser Anzahl von diesem Herrscher aus- 
gehend finclen, so werden wir das doch nicht so ohne wei- 
teres mit dem den mittelalterlichen Fiirsten gelautigen Handel, 
der sie bereitwillig fiir gutes Geld gute Privilegien geben 
liefs, erkliiren diirfen; denn einmal lafst sich wenigstens aus 
den uns zugebote stehenden Materialien nicht nachweisen, 
dafs Karl den Sackel der Stadt ungebiihrlich in Anspruch 
genommen habe, wenn er gleich Anleihen sich hat geben 
lassen, und bei zwei besonderen Gelegenheiten audi wolil 
aufserordentliche Beisteuern, so 1367 zu seinem zweiten 
Rcimerzuge, und bei der Erwerbung der Mark Brandenburg 
1373; anderseits werden wir schwerlich fehlgehen, wenn wir 
Karl einen gewissen direkten Anteil an der Gesetzgebung 
der Stadt in jener Epoche zuschreiben, hervorgehend aus 
einer wirklich landesvaterlichen Fiirsorge und einer ihm 
eigenen Vorliebe fiir die Einzelheiten der Staatsverwaltung. 



Die stadtischeu Verfassungen. 201 

In manchen Fallen, wenn er z. B. aus Tangermiincle 1377 
den Ratsherren eine Weisung fiir die Ausrottung der den 
Fischen schadlichen Wasserraben sendet, oder 1355 die 
Wegschaffung der Oderwehre auftragt, mochten wir eine 
direkte Initiative Karls voraussetzen. Und wenn Avir die 
uns noch erhaltenen Bi'uchstucke des liber die Korrespon- 
denz der Stadt mit dem Kaiser gefiihrten Journals durcli- 
selien, kann es uns nicht entgelien, mit welchem Vertrauen, 
welcher Zuversicht sich die Breslauer an ihn wenden. Ja ein 
uns erlialtener Brief Karls aus Berlin vom 23. Mai 1377, 
an den Landeshauptmann und den Eat gerichtet, tragt einen 
Charakter, kaum anders wie ein Freund ein em Freunde 
schreiben wiirde, Mitteilungen von Erlebnissen, am Schlusse 
mit der Mahnung: „Thut uns dicke (oft) Botschaft, also 
wollen wir hinwieder thun", ja ein Chronist des 17. Jahr- 
hunderts weifs von einem eigenhandigen Briefe Karls, der 
den Rat frage, wie es ihm gehe, er sei um die Stadt be- 
kiimmert. 

Die Vorliebe fur Breslau hat nun aber Karl nicht, wie 
dies bei seinem Vorganger in gewisser Weise der Fall war, 
dazu gefilhrt, eine strengere Durchfiihrung aristokratischer 
resp. oligarchischer Formen zu begiinstigen. Was er von 
den Magistraten seiner Stadte verlangt, war das, was er 
selbst zu iiben sich ehrlich bemuhte: eine streng unpartei- 
liche Regierung und Rechtspfiege. Und so wie zu seiner 
Person auch der Armste an bestimmt festgesetzten Tagen 
freien und leichten Zutritt fand, so scharfte er auch gleich 
bei seinem Regierungsantritte den Breslauern ein, ohne jedes 
Ansehen der Person die liberkommenen Rechte, Satzungen 
und Gewohnheiten aufrecht zu erhalten, und der Zusatz 
„verwandt oder nicht verwandt" soil augenscheinlich der 
oft gehorten Beschwerde, als ob die „ratsverwandten" Bur- 
ger besondere Begun stigungen genossen, entgegentreten. So 
sehen wir ihn denn auch 1348 die von Konig Johann ein- 
gefiihrten Ratsherren auf Lebenszeit wieder abscliaffen und 
zu der alten Gewohnheit der jahrliclien Ratserneuermig zu- 
ruckkehren. 

Es lafst sich daher auch nicht behaupten, dais Karl trotz 
seiner lebendigen Teilnahme an der Entwickelung der Stadte, 
in Breslau oder anderswo, auf die grofse mehr und mehr 
bedeutungsvoll Averdende Frage der Teilnahme der Innungen 
am Stadtregimente einen bestimmenden Einflufs geiibt habe. 
Leider fliefsen unsere Quellen viel zu durftig, als dais wir 
von den verschiedenen Stiidten Schlesiens liber den Stand 
der Dinge nach dieser Richtung hin in der Zeit Karls IV. 



202 Diittcs Bucb. Zweiter Absclinitt. 

genauere Angaben iiiachen konnten, und wir miissen ims 
damit bej::niigen , Avenigstens aus einigen grofseren Orten 
einzelne Kotizen anzufilhren. In Breslaii blieb es, wie es 
seit lange gewesen war*, man wiililte gelegentlich auch ziinf- 
tische Mitglieder in den Rat wie in das Schuffenkolleg, ohne 
dafs darin ein feststehendes Prinzip nachweisbar ware, und 
obne dais es aufserdem den Konsuhi verschrankt gewesen 
ware, in besonders wicbtigen Angelegenheiten sicb des Bei- 
rats der Innungsgeschworenen zu bedienon. Auch in Schweid- 
nitz bleibt der Rat im Grande patrizisch, nur dafs die neue 
Handfeste Herzog Bolkos von 1355 festsetzt, es sollten, 
wenn bei der jahrlichen Ratserneuerung die abtretenden 
Konsubi den neugewiihlten Rechnung legten, aus der Zahl 
der Ilandwerker die zugezogen werden, welehe den Konsuhi 
als die „ niitzlichsten und f iiglichsten " scbienen. Filr Lieg- 
nitz dagegen und Hainau erliefs 1353 Herzog Wenzel cine 
Bestimmung, wonacb der jahrlicb zu wiihlende Rat von 
sechs Personcn zur Hiilfte aus den ,, seniores oder Kauf- 
leuteii'^, zur Halfte aus den Zunften gcwahlt werden sollte. 
Die Wabl der neuen Konsubi durcb die abtretenden alten 
erscheint iibrigens als die Regel bei den grofseren Stildten 
weuigstens, wenn wir gleicb z. B. in Brieg noch in Karls IV. 
Zeit einer Ernennung durcb den Herzog begegnen. In 
Schweidnitz traf das erwiihnte Privileg von 1355 die merk- 
wilrdige Einrichtung, dafs die abtretenden Konsubi fiinf von 
den sechs jalirlichen Konsubi erwiihlten, worauf diese iieu- 
gewjihlten daiin einen der vorjahrigen sich als sechsten koop- 
tierten. In alien den Stadten aber liatte die Zeit des Frie- 
dens und der Sicherheit, Avelche Karl IV. heraufflihrte, 
audi materielles Gedeihen und ein Zunehmen des Wohl- 
standes im Gefolge, so dafs wir damals, iiamentlich in 
Schweidnitz-Jauer, selbst kleinere Stadte mit der kaufweisen 
Erwerbung der Vogtci ihre voile Selbstiindigkeit erlangen 
sehen. 

Wir Averden aber nun auch der Ungliicksfalle gedenken 
miissen, welehe in dieser Zeit Schlesien heimsuchten. Ab- 
gesehen von den Feuersbriinsten, welehe sich ja in den Stadten 
schon wegen der Bauart der Hauser, bei deueii doch nur 
sehr allmahlich Ziegelbauten an die Stelle der holzernen 
treten, nur zu oft wiederholen, miissen wir da in erster 
Linie an eine europiiische Kalamitiit, jene entsetzliche Seuche, 
der „ schwarze Tod " geuannt , die orientalische Beulenpest, 
denken, welehe voni Jahre 1348 an jahrzehntelang in 
Europa Verwiistungen aiigerichtet hat. 

Das (istliche Deutschland und so auch unser Schlesien 



Der sch-warze Tod. 203 

lilieben zunachst von der Seuche selbst verschont, nicht aber 
von den Wirkungen, Avelclie die Not der Zeit auf den Volks- 
geist auslibte, und welclie in allerlei schwarmerisch-asketisclien 
Neigungen zutage treten. 

Allerorten tauchten wieder die Geifselbriider auf, wie 
sie schon fast ein Jahrhundert friiher (126 1) hier erscliienen 
waren. Aus Ungarn kam ein Scliwarm derselben (1349) 
nacli Schlesien, trieb in Ratibor sein Wesen und gelangte 
endlich auch nach Breslau. Bufspsalmen singend und den 
Leib mit Geifselhieben zerfleischend , zogen sie einher; die 
Hungersnot , welciie in jenem Jahre in Schlesien herrsclite; 
machte auch bier die Gemiiter fiir derartiges empfanglicber. 
Viele zogen mit, weil sie in der Not der Zeit eine Strafe 
ihrer Silnden erblickten, welche sie abbilfsen miifsten, viele 
aber auch, weil in dem allgemeinen Elend die Scbaren der 
Biifser bemitleidet , wo nicht bewundert, noch am eliesten 
sicker waren, nicht zu verhungern. Freilich kam es natur- 
gemafs bald dahin, dafs die frommen Brllder und Schwestern 
solche Gaben als ihr Recht ansahen, sie erzwangen und 
wohl auch nalnnen, wenn man sie nicht gutwillig gab ; ge- 
schlechtliche Excesse, wie sie bei der Gemeinsamkeit dieser 
Wanderungen nicht ausbleiben konnten, kamen hinzu, und 
•dieselben miissen arg genug gewesen sein, da sie es dahin 
brachten, dafs der sonst so milde Bischof Preczlaw den Flihrer 
des Haufens, einen aus Breslau gebilrtigeu Diakon, fest- 
nehmen, seiner geistlichen Weihen eutkleiden und mit Hilfe 
der weltlichen Gewalt verbrennen liefs. Die iibrigen war- 
den aus der Stadt vertrieben, aber es mochten doch manche 
zuriickgeblieben sein, und der einmal erregte Fanatismus 
im Verein mit der herrschenden Not gebar ein Verbrechen, 
welches sonst bei den gesetzlichen und geordneten Verhalt- 
nissen, die hier herrschten, kaum denkbar gewesen ware. 
Am 28. Mai zilndeten boswillige Hande mehrere Hauser 
von Juden zu gleicher Zeit an, und als die um sich grei- 
fende Flamme Schrecken und Verwirrung erzeugte, benutzte 
dies eine verbrecherische Rotte, brach in die AVolmungen 
<ier Juden ein , totete dieselben , soweit man ihrer habhaft 
werden konnte, und raubte und pliinderte nach Herzenslust. 
Wir haben nun keinen Grund, in die Aussage der Breslauer 
Konsuln Zweifel zu setzen, welche die Urheberschaft des 
Verbrechens wesentlich fremden Herumtreibern zur Last 
legen und auf den grofsen Schaden, den die Stadt selbst 
durch den Brand erlitten, hinweisen, der Konig hat von 
ihnen auch Bestrafung der tJbelthater gefordert; aber wir 
diirfen doch nicht verschweigen , dafs sie keinen Anstand 



204 Drittes Bxich. Zvreiter Abschnitt. 

nahiiien , die Hinterlassenschaft der ermurdeten Judeii als 
herrenloses Gut zu beanspnichen , woboi sie allerdings niit 
den k(inigliclien Behorden in Konkurrenz kamen, welche 
gleiche Wunsche hegten. Der Rat machte den praktischen 
Vorschlag, diese unerwartet angefallenen Keichtumer zur 
Einl(isung der verpiaudeten Einkiintte des Herzugtums zu 
verwenden; dock seheint Karl anders entschieden zu haben: 
am 7. Oktober jenes Jahres schenkte er der Stadt die 
Hjiuser und liegenden Grilnde der Juden nebst den zwei 
►Synagogen, soweit dieselben nicht den Wert von 400 Mai'k 
iiberstiegen, und noch im folgenden Jahre gewinnen sie an 
aufsenstehenden Forderungen der Juden, und Geld, das man 
in ihren Hot'en vergraben getimdeu hatte, 445 Mark. 

Ob damals auch in auderen Stadten Sclilesiens Juden- 
verfolgimgen stattgefunden haben, erfaln-en wii' nicht; nur 
von Neilse berichtet eine allerdings sehr junge Chronik, es 
hatte allda am 2. April 1349 ein Jude sein Haus angezundet 
und sich selbst mit Weib und Kindern verbrannt, um nicht 
Christ werden zu mussen. Mehr als 40 Hauser seien da- 
mals durch eine Feuersbrunst verzehrt worden, so dais man 
auch hier wie in Breslau nur an das gewaltthatige Treiben 
einer Rotte von Ubelthatern glauben muls, welche die Ver- 
wirrung einer Feuersbrunst zur bequemeren Ausilbung ihrer 
Raubereien zu benutzen suchten. 

Dais in Breslau die Juden weder ausgerottet noch alles 
Geld ihnen abgenommen worden ist, erhellt am besten dar- 
aus, dafs es den Breslauern moglich Avird, bereits zwei Jahre 
nach der Verfolgung 1351 ein Darlehen von 500 Mark bei 
ihnen aufzuuehmen. Ja die Breslauer beschweren sich bei 
dem Konig Karl dariiber, dafs Herzog Bolko II. ihnen ihre 
Juden abspenstig zu machen und zur Ubersiedelung nach 
SchAveidnitz zu bewegen sich bemiihe, und dafs die Juden 
dazu Lust zeigten, obwohl ihnen doch alle Versprechungen 
des Konigs und des Rates getreulich gehalten wlirden, und 
infolge davon finden wir nun dann auch au.s den nachsten 
Jahren neue Schutzbriefe fiir die Juden, PriAnlegien fur die- 
selben in Breslau, Neumarkt, Namslau und Guhrau, und 
Festsetzungen iiber den von denselben zu entrichtendeii Zins. 

Aber es begann doch noch einmal eine Priifungszeit fur 
die Juden, als die Pest, die in den fiinfziger Jahren in 
Bcihmen nur hier und da Opfer gefordert hatte, nachdem 
sie 13G0 in Polen schrecklich gewiitet und nachdem i. J. 
1361 schreckliche Dilrre die Ernte vernichtet hatte, im Ge- 
folge der Hungersnot von Bcihrnen her die Gebirgsgegenden er- 
griff und dann 1362 sich nun auch in Schlesien ausbreitcte. 



JudeDvcrfolguugen. Karls Tod. 205 

Nilheres liber die Pest erfahren wir einzig und allein 
aus Sagan, namlich dafs hier die Pest 14 Briider des Au- 
gustinerstiftes hingerafft habe, auch der Abt selbst die Stadt 
verlassen und eiu ganzes Yierteljahr auf dem Gute Waliren 
Zuflucht gesucht habe. Wie an anderen Orten Avurden auch 
in Schlesien die Juden als Anstifter der Pest verfolgt, die 
sie durcli Ausstreueu von giftigeu Pulvern erzeugt batten; 
aus Guhrau, Brieg und Breslau erfahren wir von Juden- 
verfolgungen , und an dem letztgeuannten Orte war sogar 
ein grofser Brand (am 25. JuH) die Folge jener Ausschrei- 
tungen, zugleich ein BeAveis, dafs hier nicht sowohl der 
Fanatismus als viehnehr Raubsucht die Ursache war, wie 
schon weilaud 1349. Die Ubelthater erlangten librigens 
aus Anlafs der Vermahkmgsfeier Karls IV. mit Ehsa- 
beth, seiner vierten Gattin (April 1363); Amnestie. Wir 
erfahren dann noch einmal zum Jahre 1372 von einer 
Pest, ohne jedoch zu wissen, wie weit dieselbe Schlesien be- 
troffen habe. 

Gerade in diesem Jahre hat Kaiser Karl IV. die ersten 
Monate bis zum Marz in Breslau zugebracht, und in seinem 
dortigeu Schlosse (an der Stelle der heutigen Universitat) 
wurden damals unter eifriger Teilnahme des friiher mehr- 
fach genannten Herzogs Wladjslaw von Oppeln wichtige 
Unterhandlungen mit Ungarn augesponnen, welche, Avenn- 
gleich fiir den Augenblick erfolglos, doch in spaterer Zeit 
das grofse Resultat der Erwerbung der ungarischen Krone 
filr Karls Sohn Sigismund mit der Hand der Tochter Lud- 
wigs von Ungarn haben soUten. Als dann im ]\Iarz 1372 
der Kaiser von seiner getreuen Stadt Breslau schied, geschah 
es auf NiramerAviederselni. Wohl konnten fur die Breslauer 
die wiederholten IMahnungen des Kaisers , seine hiesige 
Bm'g zu restaurieren , als Unterplander erneuerten Besuches 
gelten, aber die Erwerbung der Mark Brandenburg 1373 
nahm ihn dann doch allzu sehr in Anspruch^ und am 29. No- 
vember 1378 setzte zu Prag ein schleichendes Fieber seinem 
I'astlos thatigen Leben ein Ziel. Die Stadt Breslau rilstete 
zu seinen Ehren ein Totenfest mit ungewolmHchem Auf- 
wande. Wenn bohmische Chronisten melden, die Nachricht 
von seinem Tode habe in Prag allgemeines Klagen und 
Weiuen hervorgerufen , so ist es wahrscheinlich , dafs dies 
in Breslau nicht anders gewesen ist. Auch liier und in 
ganz Schlesien Avird man es Avohl empfunden haben, dafs 
man einen Herrscher A^erloren hatte, Avie sie selten nur eiuem 
Volke beschieden sind. In der That hat Schlesien AA'eder 
vor noch nachlier eine solche lange Zeit ungestorten Frie- 



206 Drittes Buch. Dritter Absclmitt. 

dens, geordneter Zustande, eine solche Epoche des Auf- 
schwungs und des Gedeihens erlebt. 



Dritter Abschnitt. 

Schlesien imter Koiiig Weuzel. Der Pfatfeukrieg. 
Die Oppelner Felicle. Laiidfriedensbuiidnisse. 



Der Sohn und Nachfolger Kaiser Karls IV., Wenzel, 
liatte Avenig vom Vater. NamentKch felilte ihm ganz dessen 
aus weiser Selbstbeherrschung entspringende besonnene staats- 
manniscbe Art, an deren Stelle hier eine leicht in wilden 
Jahzorn ausbrecbende Heftigkeit trat, die unter dem Ein- 
flusse einer rait den Jahren sich steigernden Trunksucbt niir 
um so schroffer sich geltend machte. Dais er bei solcher 
Leideuschaftlichkeit Ungereciitigkeiten verubte, war unver- 
meidlich trotz seines im Grunde gutmiltigeu Naturells und 
eines gewissen Eifers, als Landesvater unparteiische Gerechtig- 
keit zu liben und sein Volk zu begbiicken. Obnebin konnte 
dieser Eifer nie recht frucbtbar werden, da ibra nicbt die 
nacbbaltige Energie zur Seite stand, die er bedurft batte, 
einmal um seinen Entscbeidungen und EntscbHefsungen 
das Fundament sorgsamer Einsicbt und Saebkenntnis zu 
gebeu und anderseits eritgegenstebende Hindernisse zu iiber- 
winden. 

Die Scblesier fanden bereits kurze Zeit nach seinem Re- 
gierungsantritte Gelegenbeit, die Art ibres neuen Herrscbers 
in ihrer Eigentiimlicbkeit kennen zu lernen. Es bandelte 
sicb damals um die Angelegenbeiten des Bistums. Am 
6. April 1376 war Bischof Preczlaw gestorben, und die 
ewig geldbedilrftige Kuiie von Avignon batte sofort die 
Hand auf das Bistum gelegt, um durcb das Spolienrecbt, 
die Annaten und Reservation der neuen Besetzung von 
„ dem goldenen Bistume " moglicbst viel zu gewinnen. Aber 
das Kapitel batte kkig und energiscb operiert, sicb durch 
eine Karl IV. gewiibrte Anleibe dessen Gunst gesichert, sich 
dann mit dem papstlichen Legaten giitlich abgefunden und 
in dem Breslauer Dechanten Dietrich eine dem Kaiser ge- 
nehme Personlichkeit zum Bischof gewablt. Als dieser aber 



Das Bistum Bieslau nach dein Tode Preczlaws. 207 

nun nach Avignon ging, um sich bestatigen zu lassen, fand 
er den ,Papst Giegor XI. nach ItaHen verreist, und wahrend 
man ihn in Avignon hinhielt, starb Gregor den 27. Miirz 1378 
zu Rom. Die dortigen Kardinide erwiihlten Urban VI,, die 
zu Avignon aber Klemens Vll., der dann von hier aus die 
von Rom gegen ihn geschleuderten Bannfluche erwiderte. 
Dietrich, in Avignon festgehalten, konnte sich der hier herr- 
schenden Richtung nicht wohl entziehen, wahrend inDeutsch- 
land, wo man die Abhangigkeit der Avignoner Papste von 
Frankreich schon litngst mit ungilnstigen Augen angesehen 
hatte, die offenthche Meinung dem rcimischen Pontifex zu- 
neigte. Es dauerte nicht lange, bis der neue Bohmenkonig 
Wenzel dem Breslauer Kapitel die Anerkennung Dietrichs 
verAveigerte , da dieser ein Schismatiker sei, wahrend der 
Papst auch gleich dessen Breslauer Pralatur einem andern, 
dem Herzoge Heinrich von Liegnitz, zusprach. Ftigsam hefs 
das Kapitel seinen Erwahlten fallen, obwohl dadurch eine 
neue kostspielige Auseinandersetzung mit dem rcimischen 
Papste notwendig ward , postulierte den hochverdienten 
greisen Kanzler weiland Karls IV., Johann von Neumarkt, 
zur Zeit Bischof von Olmiltz, der aber, ehe er seine neue 
Wiirde antreten konnte, am 20. Dezember 1380 starb. Nun 
zogerte man mit einer Neuwahl, da man den von Konig 
Wenzel empfohlenen bohmischen Edelmann, von Duba, nicht 
mochte; dem Namen nach administrierte der Bischof von 
Lebus, Herzog Wenzel von Liegnitz, in papstlichem Auftrage 
das Bistum, thatsachlich war der Archidiakon Nikolaus, ein 
feingebildeter, in weiten Kreisen berilhmter, aber, wie wir 
hinzufiigen mlissen, als Politiker nicht gliicklicher Pralat, die 
leitende Personlichkeit des Kapitels. 

Oifenbar Avar das letztere in iibler Lage. Wahrend ihm 
eben die Vakanz erhohte Lasteu auferlegte, flossen die Ein- 
nahmen unregelmafsiger als sonst, gar manche Herren, selbst 
Fiirsten, wie der gewaltthatige Bolko von Miinsterberg, ver- 
weigerten die Zahlung der Bischofsvierdunge , da |a kein 
Bischof da sei, und die papstlichen Strafen versagten nur 
zu oft ihre Wirkung. Um so unzweckmiifsiger war es des- 
halb, geringfugiger Ursachen halber auch mit der machtigen 
Landeshauptstadt , dem Sitze des Bistums, einen Konflikt 
heraufzubeschworen. 

Geringfiigig war die Ursache in der That: Herzog Rup- 
recht von Liegnitz hatte seinem Bruder Heinrich, dem Bres- 
lauer Dechanten, ein Fafschen Schweidnitzer Bieres 1380 
als Weihnachtsgeschenk gesandt, die stadtischen Behcirden 
jedoch dasselbe konfisciert, da sie dem Kapitel das Recht, 



208 Drittes Ikich. Di-ittcr Abschiiitt. 

fremclc Biere einzufiiliren, nicht zugestauden. Haben iiiui 
audi vielleicht die Domherren mit ihrem Vorwurfe, die 
Breslauer brauten ein gar zu grobes Bier, man miisse sich 
an fremdes lialten, reclit gehabt, den Domherren kam es 
dock allzii teuer zu stehen, dais sie, der zornigen Aufwal- 
lung des in seiner Wurde gekrjiukten kerzogliehen Em- 
plangers nachgebend, die Kontiskation jenes Bierfasses durch 
Verhangung des Interdiktes iiber die Stadt rachten uud sich 
dann das Recht dazu von dem Erzbischoie von Gnesen 
noch ausdrilckHch bcstatigen liefsen. Freihch noch uugleich 
schUnuner und thorichter war es, dafs, als dann der neue 
Herrscher, Kfinig Wenzel, vor den inzwischen die Breslauer 
den Streit gebracht hatten, im Sommer 1381 zum ersten- 
male in Breslau erschien, und wahrend er unparteiische 
Priifung des Streites zusagte, zunitchst die zeitweilige Auf- 
hebuug des Interdiktes verlangte, das Kapitel dieses Be- 
gehren schrofi, ja, wie es heifst, geradezu unehrbietig zu- 
riickwies. 

Da ergrimmte der leicht zu cntfiammende Konig und gab 
zui* Strafe die zunachst an Breslau liegenden Giiter der Dom- 
herren, nachdem diese selbst liingst die Stadt gcravmit hatten, 
der Plunder ung der bohmischen Krieger preis, welche Wenzel 
zur Verwunderung der Breslauer, die solehes voni Kaiser 
Karl nie erlebt, gleichsam als seine LeibwJichter mit nach 
Breslau gebracht liatte. Am 29. Juui 1381 sah die Stadt 
das merkwiirdige Schauspiel, dafs in ihren Strafsen wilde, 
fremde Kriegsgesellen allerlei Vieh und Gerat zu Spott- 
preisen feilboten. 

Der Schaden war geschehn, und die Geschadigten fanden 
nirgends Beistand. Der Papst sehr weit entternt, sich mit 
dem romischen Konige um des Breslauer Kapitels willen zu 
llberwerfen, ignorierte in seinen Entscheidungeu die Gewalt- 
samkeiten Wenzels voUkommen und schien nur eine Differenz 
zwischen dem Domkapitel iind dem Breslauer Rate vor sich 
zu sehen; der ernannte papstliche Richter Kardinal Pileus, ,j 
der als Rat Wenzels von diesem einen Jahresgehalt bezog, ,j 
wilrde sich gleichfalls sehr gehiitet haben, mit seinem konig- 
lichen Herrn Streit anzufangen, und der jetzt von dem Ka- • 
pitel zum Bischof postulierte Wenzel von Lebus strebte nur j 
danach, die Anerkennung des Konigs zu erlangen. Das 
Interdikt Avard einfach aufgehoben, und Wenzel erklarte 
den Domgeistlichen kurzweg, er wolle Herr sein in seinem i 
Reiche. Um eine Bestatigung ihrer PrivUegien zu erlangen, j 
mufsten Administrator und Kapitel sehr unumwunden Wenzel j 
als den Hauptpatron ihrer Kirche und bezuglich ihrer Giiter 



Konig Wenzel mid das Domkapitel. 209 

als iliren Herrn anerkennen, dem sie Respekt und Ver- 
ehrung, Treue und Gehorsam schuldig seien, dessen Feinden 
sie nie und auf keine Weise Vorschub leisten, dem sie alls 
Schlosser der Kirche offen halten sollten. Dafiir sichert 
ihnen der Konig- zu, er werde fortan auf keine Weise dul- 
den, dafs der Papst oder seine Einnelnner das Kapitel 
wahrend der Vakanzen durch Steuern, Annaten oder Avel- 
chen Namen solclie Abgaben luhrten, belastigten, einzig aus- 
genommen soUte die dem Konige bei seiner Rorafahrt zu- 
stehende Steuer des Hundertsten von den geistlichen Ein- 
kilnften sein. Bier durfte sicli fortan das Kapitel kommen 
lassen, woher es wollte, doch streng darllber wachen, dafs 
dasselbe niclit an Biirger der eigentlichen Stadt verkauft 
werde. Wenn der Konig ursprimglich die Domherren auch 
hatte verpflichten Avollen, die Dominsel auf ibre Kosten zu 
befestigen und ihm sogar in der Ecke, wo einst die alte 
herzogliche Burg stand, ein neues Scblofs zu erbauen, so 
hat das Kapitel sich dem docli sclilau zu entziehen gewufst, 
ohne dafs der Konig dann besonders test darauf bestanden 
hatte. 

Die Anerkennung ihres neuen Bischofs Wenzel durch 
den Konig mufsten die geistlichen Herren erst noch durch 
neue Geldopfer, durch Quittierung alter Geldforderungen 
im Gesamtbetrage von 4000 Mark erkaufen. Den Kapi- 
tularen mufste dann der neue Bischof ein jetzt erst ent- 
worfenes Statut vom 10. Juni 1383 bestiitigen, welches 
zur Zeit der Vakanzen das Kapitel als alleinigen Regenten 
des Bistums proklaraierte und dem erwahlten, postulierten 
oder vom Papste providierten Bischofe nicht eher einen 
Einflufs gestatten wollte, bis er dem Kapitel seinen Eid ge- 
leistet und von diesem wirklich acceptiert worden ware. 
Wenzel Herzog von Liegnitz hat dann bis 1418 als Bischof 
hier gcAvaltet nicht eigentlich zu besonderem Segeu des Bis- 
tums. Wohlwollend aber ohne Energie und freigebig ohne 
rechte Wahl liefs er die Zeit des tinanziellen Verfalls be- 
ginnen, der das goldne Bistum so schnell von seiner Hohe 
herabbrachte. 

Die Breslauer haben sicherlich wenig Mitgefuhl empfunden 
fiir die Auftritte, welche sich hier 1381 abspielten, und 
welche schon frilli den Namen des Pfaffenkrieges erhielten, 
aber soviel ist gewifs, dafs das ganze gewaltthatige Auf- 
treten Konig A^^enzels, die Raubzilge seiner Soldateska auch 
bei der Burgerschaft einen huchst unglinstigen Eindruck 
machten. Mifstrauisch wandte man sich allgemcin von dem 
neuen Herrscher ab, das schone Band der Anhiinglichkeit 

Grunhagen , Gescli. Schlesieus. I. 14 



210 Drittes Bucli. Dritter Abschnitt. 

und des Verti*auens, welches zu Konig Karls Zeiten die 
Sclilesier und speziell die Breslauer niit ihrem Herrscher 
verbunden hatte, war zerrissen. 

Die Folgen konnten nicht ausbleiben. Was zunachst 
die Fursten anbetrifft, so konnte es seheineii; als sei gerade 
in dieser Zeit ein Gefuhl provinzieller Gemeinsamkeit bei 
ihnen wahrzunehmen, insof'ern jetzt erst auch die ober- 
schlesischen Herzoge als schlesische Fursten bezeichuet wer- 
den. Dock King dies wohl auch damit zusammen, dafs jetzt 
zuerst oberschlesische Herzoge wie z. B. Primko von Teschen 
niederschlesische Besitzungen erlangten, kraft deren ihnen 
dann jener Titel naturgemafs zukam. Sonst und in Wahr- 
heit konnen wir uns dariiber nicht tauschen, dais jc niehr 
mit dem sinkenden Ansehen des Oberlehensherrn dieser 
aufser Stand gesetzt wurde, mit starker Hand die Lehens- 
flirsten in dem Kreise seiner Politik festzuhalten^ jeder der- 
selben, ohne irgendAvie nach dem Allgemeinen zu fragen, 
Anlehnung und Beziehungen nach aulsen hin da suchte, wo 
ihm die meisten Aussichten zu winken schienen. Eiue Weile 
ging ja nach dem Todc Karls IV. noch alles in den Gleisen 
fort, die Karl IV. geschafFen. Schlesische Fursten, wenn 
auch in minderer Zahl als voi'her, suchen den Hof ihres 
Oberlehensherrn auf, begleiten ihn auf Reisen und amtieren. 
als seine Hofrichter, ja der von ihn-en, dessen Dienste be- 
reits Karl IV. ganz besonders schatzen gelernt hatte, Herzog 
Primko von Teschen steht sogar an der Spitze der Gesand- 
schaft, welche 1381 zu London die Ehepakten zwischen 
dem Konige Richard 11. von England und Anna, der Tochter 
Wenzels, festsetzte, und der Herzog hat zur Belohnung dafiir 
nicht nur einen Jahresgehalt von 500 Pfund Sterling von 
dem englischen Konig, sondern aufserdem auch von Wenzels 
sorgloser Freigebigkeit den ganzen unmittelbaren Besitz der 
Krone in Niederschlesien , namlich die Hiilfte von Glogau 
und dazu Steinau und Guhrau ganz erhalten. Es war da- 
her nicht mehr als billig, dais er fur AVenzel eingetreten 
ist, als es sich 1394 um dessen Befreiung aus den Handen 
Josts von ]\Iahren und der bohmischen Verschworenen ban- 
delte. 

Derselbe hat denn avich im Jahrc 1400 als Wenzels 
Gesandter zu Frankfurt von der beabsichtigten Absctzung 
des Konigs wenngleich vergeblich abgemahnt. Auch den 
anderen schlesischen Filrsten , die . wir im Hofdienst 
Wenzels begegnen, den beiden Herzogen von Miinsterberg, 
Bolko und Nikolaus, so wie den Liegnitzern, Ruprecht und 
Ludwig, miissen wir nachriihraen, dafs sie ihrem Herrn die 



Die schlesischen Fuvsten. 211 

Treue bewahrt haben. Die Mliusterberger Fiirsten und 
Herzog Ruprecht liaben sogar Wenzels Gefangenschaft in 
Wien mit ihm geteilt^ ja wir werden nocli einer allgemei- 
neren Kundgebung zugunsten Wenzels aus dem Jahre 1402 
211 gedenken haben. 

Aber nebenher gehen doch mancherlei deutlicbe Zeiclien 
der Auflosung der staatliehen Ordnung, Avelche unter Konig 
Karl geherrscht hatte. Besonders ward Oberschlesien in 
dem letzten Jahrzehnt des 14. Jahrliunderts von liblen Han- 
deln heimgesueht. Hier wirkte Verschiedenes zusammen. 
Es war eine gewisse Spannung geblieben zwischen den 
Premysliden von Troppau , die bekanntlich seit Konig 
Johanns Zeit auch das Herzogtum Ratibor erhalten batten, 
und den librigen piastischen Fiirsten, namentb'ch denen von 
Oppeln, welcbe den Eindringlingen den schlesischen Besitz 
niclit gonnten. Dazu kam die eigentilmliche Stellung Wlady- 
slaws von Oppeln, der, wie wir bei anderer Gelegenheit 
sahen, neben seinem fiirstlichen Erbe in Schlesien noch 
grofse Lehenschaften in Polen, das Herzogtum Kujawien, die 
Lande Dobrin und Wielun besafs und in alien polnisch- 
ungarisch-bcihmischen Verwickelungen seine Hande im Spiel 
hatte. Endlich erscheinen die schlesischen Herzoge auch 
in die mahrischen Handel verwickelt, avo die beiden Briider 
Prokop und Jost einander unaufhorHch befehdeten. Durch 
Vermittelung des Bischofs von Breslau hatte 1389 ein schle- 
sischer Landfriedensbund dem Bischof von Olmiitz Schutz 
zugesagt gegeu den gewaltthatigen und rauberischen Adel, 
der sich um Markgraf Prokop scharte. Doch Konig Wenzel 
stand auf Prokops Seite, unci es kann uns genugen, wenn 
wir erfahren, dais 1390 Wladyslaw von Oppeln die von 
Herzog Johann erworbene Herrschaft Jagerndorf an Mark- 
graf Jost weiterverkauft habe, um es erkliirlich zu finden, 
dafs noch in demselben Jahre die reisigen Genossen Mark- 
graf Prokops im Verein mit den Troppauern die Oppelner 
Herzoge befehdeten, wobei es denn allerdings zu nichts 
weiter als Verwiistungen des Landes kam , welche die 
Herzoge im nachsten Jahre zu erwidern sich alls Mtihe 
gaben. 

Bald aber geriet nun Herzog Wladyslaw von Oppeln, 
dem die Poleu die Verplandung des Dobriner Landes an 
den Deutschen Orden nicht verzeihen mochten, in Streit 
mit Konig Wladyslaw Jagiello, welcher 1386 in Polen eine 
neue Dynastie begrlindet hatte; polnische Herren gritFen 
1395 das Oppelner Land an, hielten das feste Schlofs Bole- 
slawice (jetzt in Russisch - Polen nahe der Grenze) eng 

14* 



212 Drittos Buch. Diittcr Abschuitt. 

blockiert und belagerten sogar die Landeshaiiptstadt Oppeln. 
In deren ]\Iauern waren damals die Neffeu Wladyslaws, 
Bolko und Bernhardt eingeschlossen , und obwolil eine der 
Ursachen dcs Zerwilrfnisses zwischen ihrera Oheira vuid 
Polen dcssen Beraiihungen gewesen waren, den altesten der 
Oppelner Briider, Joliann Bischof von Kujawien, einen allcr- 
dings sehr wenig geistlichcn Herrn (wegen seiner gecken- 
haften Haartracht ,, Sprengwedel " genannt), auf den erz- 
biscboflichen Stuhl von Gnesen zu bringen, so suchten dock 
dessen Briider, Bolko und Bernhard, die Avobl auch friiher 
scbon Geliiste nacb des machtigen Oheiras scblesischen Lan- 
den gezeigt batten, eibgst Frieden mit dem Polenkonig zu 
macben, und unter dem 6. August 1396 kam zwiscben 
ibnen (zugleicb im Namen des abwesenden Bischofs Johann) 
und dem Konige von Polen ein sebr merkwiirdiger Vcrtrag 
zustande, durcb welchen sicb die beiden Hcrzoge verpflicbten, 
die Lande und Festen ihres Oheims Oppeln, StreUitz und 
Damraratscb (Kreis Oppeln) zu besetzen, so dafs von diesen 
aus fiirder dem Polenkonige kein Scbade gescbeben konne, 
wie sie denn aucb dem blockierten Scblosse Bolesla\ace keinerlci 
Beistand leisten, nocb die Zufiibrung von Proviant nacb dem- 
selben dulden, sondern vielraebr die etwa unter den Ver- 
teidigern der Burg sicb findenden Adeligen des Oppelner 
Landes abberufen soUen. Diesen Vcrtrag vermittelt der 
scblesiscbe Fiirstenbund, dessen wir noch weiter zu gedenken 
baben werden, es werden als Vermittler genannt Biscbof 
Wenzel von Breslau sowie die Herzoge ' Konrad von 01s- 
Kosel und Primko von Troppau und unter den Biirgen 
aucb nocb Herzog Ludwig von Brieg. Trotzdem bat nun 
aber WladyslaAV von Oppeln, und obwobl er seine polniscbe 
Herrscbaft wie seine Bedeutung in den (istlicben Handeln 
am Abend seines Lebens dabinscbwinden sebeu mufste, sicb 
in seinem Erblande siegreicb zu bebaupten vermocbt. Das 
Scblofs Boleslavice bat eine mehrjiibrige Belagerung nicbt 
bezwingen konnen, und aucb in Oppeln bat Wladyslaw bis 
an seinen Tod 1402 geberrscbt. 

Dafs Wenzel an den erziiblten Ereignissen, bei welcben 
ein auswiirtiger Fiirst in Scblesien mit bewaffneter Hand 
einfiel und scblesiscbe Herzoge mit demselben Vertrage 
scblossen, u'gendwie Anteil genommen batte, erfabren wir 
nirgends; abgeseben davon, dafs er damals mit dem Polen- 
konig in engem Biindnis stand, erscbeint er aucb in jener 
Zeit tief verwickelt in iible Handel mit den mabriscben 
Vettei-n und seinem Bruder Sigismund, und 1397 baben 
die Breslauer gewifs nicbt obne Entsetzen gebort, dafs am 



Die Oppelner Fehde. 213 

11. Juni vier der vornehmsten kouiglichen Rate und unter 
ihnen auch jener Stephan von Opoczno, den ihnen Wenzel 
erst 1395 zum Hauptmann gesetzt hatte, in dem koniglichen 
Schlosse Karlstein niedergemetzelt worden seien, und dafs 
an der Spitze der Morder ein sclilesischer Flirst, Johann 
von Troppau, der neuernannte Oberhofmeister Wenzels, ge- 
standen habe. Uber dem ganzen furchtbaren Vorgange und 
seinen Motiven liegt ein dichter Schleier, aber gewifs ist, 
dafs Wenzel den Mordern Amnestie erteilt und ihrem An- 
fiihrer, dem Herzog Johann, unmittelbar nach der That 
Gnadenbeweise gegeben hat. 

Wie weit war man bei solchem wlisten gewaltthatigen 
Treiben von den Zeiten und Sitten Kaiser Karls abgekom- 
men. Vor allem empfanden das die Breslauer, und wir 
mlissen eines besonders charakteristischen Handels gedenken, 
bei welchem dieselben um ihres Konigs willen und infolge 
der anarchischen Zustiinde, die unter seinem Regimente ein- 
zureifsen begonnen, zu schwerem Schaden kommen. Wir 
niogen diese Angelegenheiten unter dem Namen der Op-- 
pelner Fehde zusammenfassen , die ziemlich 20 Jahre 
iang die Breslauer schwer bedrangt hat, und deren Her- 
gang mehr als alles andere den liber Schlesien in der Zeit 
Konig Wenzels hereingebrochenen Verfall uns vor die Augen 
tiihrt. 

Als einst Kaiser Karl IV. die Anwartschaft auf Schweid- 
nitz-Jauer erworben, hatte es sich daruni gehandelt, eine 
Oppelner Herzogin als Tochter Bernhards von Schweidnitz 
abzufinden. Die ' Geldschuld von 10 000 Mark war von 
Karl auf seinen Sohn vererbt worden, schon well ja that- 
sachlich die Krone Bohmen nicht in den Besitz der Herzog- 
tumer kam, so lange die Wltwe Bolkos II. von Schweidnitz- 
Jauer Agnes lebte. Doch noch ehe diese starb (1392), batten 
die Enkel und Erben jener Oppelner Herzogin eben jene 
bereits mehrfach erwahnten drei Brlider, der lockige Bischof 
Johann, Bolko und Bernhard, 1389 von Konig W^enzel, dem 
die Ausstellung einer Schuldurkunde nicht grofse Beschwer 
machte, die Zusicherung erlangt, die ganze Schuld, die hier 
au.f 8000 Mark beziffert wird, in acht Jahreszahlungen zu 
je 1000 Mark abzahlen zu woUen. Als Biirgen waren in 
der Urkunde genannt einige bohmische Edelleute, ferner die 
Stadt Prag vmd die sehlesischen Stadte Glatz, Frankenstein, 
Breslau, Namslau und Neumarkt, welche siimtlich zum Ein- 
lager in Brieg oder Neifse mit je vier Pferden (zwei Rittern 
resp. Ratsherren und zwei Knechten) verpflichtet werden. 
]Mit diesem Briefe erschien dann der Bischof von Wladvslaw 



214 Drittes Buch. Dritter Abschiiitt. 

iu Breslau uud iiberraschte die Konsiilu durcli die Weisung 
des Konigs, nun schleiinigst ihr, Siegel daran zu hangen. 
Der Rat zeigte geringe Neigung, aber Bischof Johann rcdete 
giitlich zu, scbon babe der Kunig 1000 Scbock von den 
8000 gezalilt, er werde es sicber aucb ferner tbun, bei der 
Menge der Blirgcn sei das Risiko klein, und er verspreebe 
zugleicb im Namen seiner Briider die Breslauer vor allem 
scbonen zu wollen. 

Daraufbin iibernabmen nun die Breslauer fiir ibren 
Oberlebensberrn die Bilrgscbaft, welcbe ibnen dann so sebr 
teuer zu steben kommen sollte. Wenzel zablte natiirbcb 
niebt, und scbon 1390 fanden zwei Breslauer Ratsberren 
im Einlager zu Neifse voile Mufse, liber die Erspriefslicbkeit 
der Biirgscbaften fur gekronte Haupter nacbzudenken , sie 
mufsten aucb mit sebwerem Grelde ausgelost werden ; aber 
damit nocb nicbt zufrieden, bielten die Oppelner Herzoge 
nun aucb nocb Breslauer Kaufieute in Grols - Streblitz an 
und scbatzten dieselben um Geld und Pferde. Vergebens 
klagen die Breslauer bei dem scblesiscben Filrstenbunde, 
scbon riisten sie, um Gewalt der Gewalt entgegenzusetzen, 
da crscbeint 1397 Biscbof Joliann bei ibnen, und durcb ein 
Darlebn von 50 Mark giinstig gestimmt, gebt er auf den 
Wunscb der Breslauer ein, ibren Anteil an der Biirgscbaft 
festsetzen und so ablosen zu lassen. Die Haupter des 
Fiirstenbundes Biscbof Wenzel und Herzog Ruprecbt von 
Liegnitz fixieren denselben auf 1428 Mk. 29 Gr., wovou 
jedocb 100 Mark als bereits den Opplern vorgescbossen ab- 
geben sollen. Eibg zablen die Breslauer in der HofFnung, 
nun den boseu Handel los zu werden. Aber die Herzoge j. 
beansprucben Entscbadigung flir den bisberigen Zinsverlust, i 
und Avabrend sie die Festsetzung der Surame verscbleppen, j| 
begeben sie neue Gewalttbiitigkeiten, obne sicb dadurcb ab- <' 
balten zu lassen, von den Breslauern wiederum ein Anleibcn 
von 300 Mark zu begebren. Diese erkaufen nun endlicb 
damit von Bolko und Bernbard das beimlicbe Versprecben,, 
bis zur Riickzabluug Frieden balten zu wollen. 

Darauf gestiitzt wagen nun die Breslauer, 1399 wiedei: 
mit ibren Waren nacb Ungam zu zieben, und bescbicken 
dann aucb Anfang Mai den Floriansmarkt zu Ki-akau, nicbt 
obne vorber von Herzog Bolko unter Hinweis auf das Ab- 
kommen sicb das sicbere Geleit erneuern zu lassen. 

Aber als der Herzog dann vom Oppelner Scblofs au3 
die reicben ^^'agenzuge der Breslauer voriiberzieben siebt, , 
rent es ibn docb zu sebr, sicb die raublustigen Hande baben 
binden zu lassen, und er fafst einen Plan von fast ergotz- 



Die Oppelner Fehde. 215 

licber Arglist. Es sei rauberisch Volk liber die Odei' ge- 
kommeu, das ihuen Gefahr drohe, sagt ei' deu Kaufleuten, 
sie mochten ein paar Tage verziehen, bis er erkundschaftet 
habe, ob sie sicker weiter konnten. Inzwischen aber sckickt 
cr eilig zusammeugeraffte 300 Mark nach Breslau, damit 
das Abkommeu und seine Gewahr zu kiindigen. Das Ge- 
schiift war nicht schlecht. Die Pliinderung der Kaufinanns- 
karawane braclite dem wilrdigen Fursten Beute im Werte 
etwa von 4000 Mark. Und nun das Eis einraal gebrochen, 
scbwindet alle Scheu. Herzog Bolko sieht jeden Breslaiier 
Kaufmann als willkommene Beute an, und auch seine 
Mannen sucken es ihm gleich zu thun und machen Ein- 
falle ins Breslauer Land, dort nach Gefallen zu pliindern 
und zu rauben. Der Rat richtet indessen ohmuachtige Kla- 
gen an den roniiscken Konig, an die von Ungarn und Polen, 
Herzog Bolko antwortet darauf nur dadurch, dafs er ihnen 
in Aussicht steUt, ihnen Arme und Beine abhauen zu lassen, 
wenn er sie in seine Gewalt bekomme. Nun endlich wer- 
ben die geplagten Breslauer Soldner und beginnen den 
Kampf, doch Herzog Bolko besiegt sie, nimmt Diener der 
Stadt gefangen, die man dann wieder mit teuerem Losegeld 
loskaufen niufs. Inzwischen hatte Bolko nun doch auch 
Konig Wenzel personlich in Prag gemahnt; Wenzel hatte 
wieder eine Rate gezahlt, doch sein Kammerer Sigismund 
Hiiler unterschlug das Geld und schob die Schuld dann 
geschickt auf die kuniglichen Rate, die, wie Avir wissen, am 
11. Juni 1397 Herzog Hans von Troppau auf dem Karl- 
stein ermorden liefs. 

inzwischen iMte die Beraubung und Schadigung der 
Breslauer ihren ungehemmten Fortgang. Schutz fanden sie 
bei niemandem, am wenigsten bei dem schlesischen Fiirsten- 
bunde, zu dessen Hauptleuten Herzog Bernhard, einer der 
rauberischen Oppelner Fursten, gehorte. Ihr Schaden, deu 
sie gewissenhaft buchten, stieg hoher, 1405 berechnen sie 
ihn ganz abgesehen von dem baar bezahlten auf 13244 
Mark. Die Hauptsache aber war, dafs die Biirgerschaft, 
welche noch ein Jahrhundert friiher ihrem Herzog so tapfer 
Krakau erobert hatte, jetzt in der laugen Friedenszeit des 
Kaisers Karl der Waffenilbung und der Wehrhaftigkeit sich 
so entwohnt hatte, dafs sie nun zu mutvoller Abwehr der 
Unbilden sich aufzuraffen nicht vermochte und diese Sorge 
angeworbenen Soldnern iiberhefs, die dann schliefshch blofs 
den Oppelner Fursten Gelegenheit zu wolilfeilen Triumphen 
verschafften. 

Noch einmal schien eine Hoffnung der bedrangten Stadt 



216 Drittes Buch. Dritter Abschnitt. 

zu leuchten, als 1404 Kunig Wenzel einc Zusammenkimft 
mit clem Polenfursten in der Bieslauer Burg veranstaltete, 
wo dann charakteristisch genug dem fremden Herrscher 
Konig Wladyslaw als Schiedsricliter die Schliehtung dieser 
Handel zufiel. Er machte es sicli niclit allzii selnver, sou- 
dern wies eintacli beide Teile zur Rulie, indem er den 
Zinsverlust der Oppelner Herzoge gegen die Schaden der 
Bi'eslauer kompensierte, obwuhl ilin die umfangliche uud 
nns noch erhaltene Klageschrit't der letzteren ilber die Hohe 
dieser Schaden hinreicliend aufklarte. So wenig nun auch 
die Stadt mit solclier Entscheiduug zufrieden seiu mochte, 
so gewann sie doch wenigsteus filr einige Jahre Kuhe. 
Aber die Schuld war noch immer nicht bezahlt, wenn- 
gleich Wenzel inzwischen sich von der Unredlichkeit seines 
Kiimmerers iiberzeugt und diesen 1405 zu warnendem Bei- 
spiele hatte enthaupten lassen, und etwa 1409 tlammte der 
Streit von ueuem auf, als damals die Oppelner Herzoge nun 
auch einmal mit den Pragern anbanden uud deren Kauf- 
leute zu pliindern begannen, wobei dann wiederuni auch 
die Breslauer zu Schaden kamen. Ernstlich suchte jetzt 
Wenzel eine definitive Abfindung der Herzoge, und als 
diese seine Vorschliige zuriickwiesen , ordnete er endlich 
im Herbste 1410 eine grolse liustung gegen dieselbeu an 
und gebot auch den Breslauern, falls sich einer der Her- 
zoge in Breslau blicken liefse , denselben sofort festzu- 
nehmen. 

Die Breslauer waren nun unvorsichtig genug, diesen Be- 
fehl zu eri'uUen, und als im Dezember 1410 der alteste der 
Brllder, Bischof Johann von Wladyslaw,' ganz dreist in 
Breslau erschien, sich in dem Hause der Oppelner Herzoge 
(auf der Schuhbrilcke der Matthiaskirche gegeniiber) ein- 
quartierte und dort Verbindungen mit mancherlei dem Rate 
verdachtigen Personen pflog, lielsen ihn die Breslauer hier 
am 6. Dezember 1410 verhaften. Aber nun batten sie erst 
recht in ein Wespennest gestochen. Die gesamte schlesische 
Fiirstlichkeit geriet in gewaltigen Unwillen darllber, dafs 
;, solche geringe Leute'^ einen Herzog gefangen zu nehmen 
Avagten, und auch die Geistlichkeit zeigte sich, wenngleich 
Bischof Johann nicht gerade fiir ein wilrdiges Glied der 
Kirche gelten konnte, doch sehr aufgeregt darliber, dafs 
man an einen Kirchenfilrsten Hand zu legen sich unter- 
fangen habe. Bischof Wenzel beeilte sich, liber die ganze 
schlesische Diocese das Interdikt zu verhlingen und die 
Breslauer noch besonders zu exkommunizieren. Als infolge 
dessen in der Adventszeit die Glaubigen iiberall verschlossene 



Die Oppelner Fehde. 217 

Kirchenthilren fanclen, ziirnte man an vielen Orten auf die 
Breslauer, die an dem alien allein schuld seien. 

Diesen aber half es wenig, dafs Wenzel ihnen seine 
voile Anerkennung- aussprach iind sie geradezu aufforderte, 
„ dreinznschlagen " und gegen ihren Breslauer Bischof Ge- 
waltmafsregeln zu ergreit'en; sie hatten es doch verlernt, von 
ihrem Konig Sclmtz zu erwarten, aber auch die Vermitte- 
lung Sigismunds von Ungarn, der in dem letzten Decennium 
Wenzels hier so ziemlich die Rolle des nach Popularitat 
strebenden Thronfolgers spielte^ gelang doch nicht so weit, 
dafs er die Entscheidung in seiner Hand gehabt hatte. 
Vielmehr sah sich der Rat, nachdem er den Bischof ent- 
lassen, genotigt, den Schiedsspruch dem schlesischen Fursten- 
bunde zu iiberlassen, der dann unter dem 2. Februar 1412 
erfolgte durch den Mund des Bischofs Wenzel und des 
Herzogs Konrad von 01s. Die beleidigte hei'zogliche und 
kirchenfilrstliche Wilrde hatte in diesem Schiedsspruche fast 
ausschliefslich ihren Ausdruck gefunden; weder dem Um- 
stande, dafs die Breslauer mit jener Gefangennelnnung nur 
einen Befehl ihres koniglichen Herrn ausgefuhrt hatten, noch 
der Erinnerung an die jahrzehntelangen Unbilden der Op- 
pelner Herzoge war irgendwie Rechnung getragen, sondern 
einfach eine Form der Genugthuung fur den Bischof von 
Wladyslaw war festgesetzt worden. Der Rat sollte zur 
Sllhne ein ewiges Licht von 4 Pfund Wachs vor dem Hoch- 
altar der Breslauer Domldrche stiften, das Oppelner Herzogs- 
haus zu Breslau filr steuerfrei und jedem stadtischen Be- 
amten unzuganglich erkliiren und selbst in corpore bar- 
hauptig auf den Dom pilgern, um dort in GegenAvart des 
Bischois Wenzel dem Bischof Johann Abbitte zu leisten, auch 
geloben, Gleiches nicht wieder zu thun. 

Die ersten beiden Punkte Avurden erfullt, die Abbitte 
verzugerte sich, angeblich weil Bischof Johann es vermied, 
in Breslau zu erscheinen, und noch einmal haben die Op- 
pelner Herzoge (den Bischof Johann eingeschlossen) zu den 
Waffen gegriffen und in schlimmen Raubzilgen eine Reihe 
von Dorfern des Breslauer Gebietes gepllindert und gebrand- 
schatzt. Ohne dafs die verlangte Abbitte der Breslauer er- 
folgt ware, ist der widerwiirtige Streit in der Not der 
Hussitenzeit erloschen, wo dann schhefslich 1420 der durch 
das Kostnitzer Konzil eingesetzte Papst ]\Iartin V. zugunsten 
der Breslauer entschieden und den Bischof Johann zur 
Tragung siimtlicher Kosten verurteilt hat, Avovon natiirlich 
die Breslauer keinen Avesentlichen Nutzen versplirt haben. 

Es ist in der vorstehenden Darstellung mehrfach des 



21S Diittes Bucb. Dritter Abscbuitt. 

schlesisclien Fiirsteubundes gedacht worden, und wir habeii 
wolil audi erkannt, Avie wenig derselbe seinem eigentlichen 
Zwecke, zur Wahrung des Landfriedeus zu dieuen, ent- 
sprochen liat. "\Venn wir 'nun doch diesem Fiirstenbunde 
nocli einige Blatter Avidmen, so geschieht das einerseits wegen 
des Zusammenhangs mit dem im Deutschen Reiche vorge- 
nommcnen Versuche zur Herstellung eines allgemeineii Land- 
friedeus, dann auch weil diese ersten Versuche zur Zu- 
sammenschlicfsung der schlesischen Fursten doch iramer 
Keime darstellen, aus denen die nachmalige standische Ver- 
fassung Schlesiens hervorgegangeu ist. 

Es ist bekannt, dafs in den ersten Jahren der Regie- 
rungszeit Ktinig Wenzels im Deutschen Reiche die Stadte 
sich im Interesse ihrer Sicherheit iiberall zu groi'sen Biind- 
iiissen zusaramenschlossen. In Schlesien bestanden ja, wie 
wir wissen, Vereinigungen von StJidten zu gemeinsamen Mafs- 
regehi gegen Rauber und Friedensbrecher bereits seit den 
Zeiten Konig Johanns, und wir horeu nun auch von neuen 
derartigen Vertragen. 1383 verbiinden sich die Hauptstadte 
des Bistums: Neifse, Grottkau, Patschkau, keinem Feinde der 
Krone Bohmen, der schlesischen Fursten oder der Stadt 
Breslau in ihren Maueni Zuflucht zu geAvahren, und im 
Jahre daraiif vereinen sich unter der Agide Herzogs Wlady- 
slaAV von Oppeln alle dessen Stadte diesseits und jenseits 
der schlesischen Grenzen (22 an der Zahl) zur Erhaltung 
des Friedens und gemeinsamer AbAvehr von Ruhestorern. 
Aus Niederschlesien erfahren Avir von einem Bunde der 
Stadte aus den Flirstentumern Breslau und SchAveidnitz- 
Jauer. Derselbe mochte geschlossen Avorden sein, nachdem 
1392 mit dem Tode der Herzogin Agnes, Witwe Bolkos II. 
von Schweidnitz - Jauer, diese beiden Fiirstentiimer Avirklich 
an die Krone Bohmen heimgefallen Avaren, und aus den 
Jahren 1397/98 Avird uns nun auch ein Anschlag der von 
den einzelnen Stadten zu stellenden BcAvafFneten iiberliefert. 
AUerdings lassen, obschon hier an 400 Bewaffnete zusamnien- 
kommen , die Erfahrungen der eben erzahlten Oppelner 
Fehde uns von der militarischen Tiichtigkeit dieses Bundes 
uicht allzu hoch denken. 

Mit derartigen Einigungen und den Mafsregeln zur Er- 
haltung der oflfentlichen Sicherheit steht nun in einem ge- 
wisscn Zusammenhange die Einflihrung A^on sogen. Fem- 
gerichten. Wir werden dabei nicht an eine Nachwirkung 
der westfalischen Femgerichte zu denken haben, die, bereits 
unter Karl IV. eingerichtet, seit Wenzels Zeit und spezieU 
seit dem Jahre 1382 im Avestlichen Deutschland zu immer 



Landfriedensbiiuduisse. 219 

steigender Bedeutung gelangen. Wir mogeu uns erinnern, 
dafs in Schlesien bereits im ersten Jahrzelint des 14. Jahr- 
hunderts uns Femgeri elite entgegenti'eten, und wir diirfen 
sie uns in erster Linie als Ausnahmegerichte denken^ bei 
denen ein niit aufserordeutliehen vermutlieh aber vom ober- 
sten Landesherrn ausgeriisteter Riehter unter Zuziehung von 
Schi)ffen gegen Eauber und Friedensrichter eine summarisehe 
Justiz iibte^ mit der Befuguis ilber sonstige Standes- und 
Jimsdiktionsprivilegien dabei liinwegzuseheu, aber ohne dafs 
wir hier von jener Heiralichkeit , die wir sonst als eine be- 
sondere Eigentiimlichkeit der westdeutschen Fenigerichte an- 
zuseben gewohnt sind, etwas vorauszusetzen Grund batten. 

Im Jahre 1381 bestatigt Konig Wenzel zur Friedung 
der Landstralse den Sechsstlidten der Oberlausitz die Feni- 
gerichte ^ wie sie weilaud sein Vater derselben zugelassen. 
Eine ahuliclie Befugnis ist vermutlieh aucli fiir Schlesien 
erteilt worden. Eine besondere Urkunde besitzen wir dar- 
iiber nicht, wohl aber iiehmen Avir wahr, dafs die aus jener 
Zeit uns erhaltenen Rechnuugsbiicher von 1386 und 1387 
einen Ausgabetitel fiir das Femgericht enthalten, und wir 
erfahren auch aus dem Jahre 1387 von dem Falle eiuer 
vor dem zu Breslau residierenden Femrichter und seineii 
SchofFen angebrachteu Klage wegen Bruches des Land- 
fi'iedens. Weiteres lioren wir von dieser Sache und dem 
ganzen Institute iiicht. 

Bei dem Landfriedeii nun, uni dessen Scliutz es sicli in 
der letzterwahnten Urkunde wie in so manchen anderen 
dieser Art handelt,- werden wir natiirlich an den allgemeinen 
Landfrieden denken, welchen Konig Wenzel, wie bekannt, 
unter dem 11. Marz 1383 zu Niirnberg feierhch in grofser 
Reichsversammlung proklamierte, und dessen erste „Partei" 
ja ausdrilcklich „das Konigreich zu Beheim und alles, was 
zu der Krone desselben Konigreich s rait alien Fiirsten, 
Grafen, Herren, Land und Leuten gehort" in sich begreifen 
sollte, und in der That werden wir ja auch ganz bestimmte 
Bezugnahmen auf ilin noch zu verzeichnen haben. Doch 
diirfen Avir anderseits nicht verschweigen, dafs es mit diesem 
Landfrieden insoweit eine besondere Bewandnis hatte, als 
derselbe eigentlich auf eiiier Fiirstenvereinigung beruhte, die 
als solche den im Reich so nuichtig emporgekommenen 
Stadteblindnissen doch in gewisser Weise die Sorge fiir die 
offentliche Sicherheit aus den Handen zu winden beal^sich- 
tigte. So war denn auch in Schlesien die nachste Folge 
des Niirnberger Landfriedens ein schlesischer Fiirstenbund, 
dessen eigentliche Stiftungsurkunde uns nicht mehr erhalten 



220 Drittes Buch. Dritter Abschuitt. 

ist, wohl uber eiu Lebenszeichen von ihm aus dem Jahre 
1387, wo vor ihm ein beriichtigter Felider, Bartusch von 
AMesenburg, die Stadt Breslau verklagt. Aus dcm Jahre 
1389 besitzen wir dann eine groise Urkunde dieses Bimdes^ 
durch welche imter dem Vorsitze des Bischofs Wenzel von 
Breslau 14 schlesische Fiii'sten sich mit allerlei lublichen 
Bestimmungen zum Einschreiteu gegen Storer des von Konig 
Wenzel zum Schutze fur jederniann aufgerichteteu Friedens 
verbuuden , zugleich in engem Bllndnisse mit Markgraf 
Jodok von Miihren iind dem Bischofe Nikolaus von Ulmiitz. 
Aus dem Jahre 1396 erfahren wir gelegentlich von der 
Wahl eines Bundesiiltesten , und auch weiter haben wir ja 
oben bei Grelegenheit der Oppelner Fehde mehrfach dieses 
Bundes zu gedenken gehabt, und Avir horen auch aus dem 
Jahre 1402 von einer neuen Konstituierung des Bundes, 
diesmal im Verein mit den Stiidten des Filrstentums Breslau, 
wo dann die Mehrzahl der schlesischen Herzoge sich zur 
Abwehr von Raubereien und Fehden zusammenthut, jedem 
der Teiluehmer eine bestimmte Anzahl von Lanzen (ein ge- 
waffneter j\Ianu mit zwei bewafFneten Knecliten) und Bugen- 
schiltzen zu stellen aufgiebt , Avelche Zahl auch , wenn 
es den Bundesaltesten , als welche zunachst die Herzoge 
Ruprecht von Liegnitz und Bernhard von Falkenberg be- 
stellt werden, notwendig erscheint, noch erhoht werden kann. 
Die Macht des Bundes soil dann dazu verweudet werden, 
um Rauber und Friedensbrecher, sowie solche, die denselben 
Vorschub leisten wiirden, zur Strafe zu ziehen. Der Bund 
wird unter Vorbehalt der Bestatigung durch Kiinig Wenzel 
zimachst nur aut ein Jahr geschlossen , und die vereinigten 
Fursten und Stadte geben zugleich bei dieser Gelegenheit 
eine politische Erklarung dahin ab, an Konig Wenzel, den 
eben damals sein Bruder Sigismund gefangen gesetzt hatte, 
unverbrilchlich fest halten zu woUen. 

Wir werden die Bedeutung dieser Kundgebung nicht 
ilberschatzen diirfen ; was die Treuversiclierungen fiir Konig 
AVenzel anbetrifft, so horen wii' nichts davon, dafs den 
AVorten Thaten gefolgt sind, im Gegenteile zeigt sich, dafs 
die schlesischen Herzoge, mit Ausnahme von Ruprecht von 
Liegnitz und den herzoglichen Briidern von Miinsterberg, 
welche in Wenzels Hofdienst stehend, treu an ihm hielten 
und eine Zeit lang sogar seine Haft in Wien teilten, unbe- 
kiimmert um ihren Oberlehensherrn , dessen Ohumacht ja 
von Tage zu Tage mehr offenkundig ward, sich nach an- 
deren Seiten hin wandten, um dort die Anlehnung zu finden, 
welche ihre Interessen ebenso wie ihre perscinlichen Nei- 



Auswartige Beziehungen der schlesischeu Fiirsten. 221 

gungen verlangten. Schon die Oppelner Fehde zeigt uns 
die steigende Bedeutung des Polenkouigs Wladyslaw Jagiello 
fiir Scblesien, den selbst die Breslauer sicb als Schiedsrichter 
erwahlen. Fiir die obersclilesischen Herzoge mufste allmah- 
lich der Krakauer Hof das ersetzen, Avas der Prager nicbt 
mebr zu bieten vermochte^ eiue Gelegenheit fiir die Fiirsten, 
aiis der driickendeu Enge ihrer kleinen Besitztiimer in dera 
Glanze eines voruebmen Hofbaltes Abwecbselung, Spannung, 
Abenteuer, ja nacb Umstanden sogar aucb Geldgewinn zu 
finden. Als der grofse Krieg zwischen Polen und dem 
deutscben Orden ausbracb, sind unzweifelbaft die Sjmpa- 
tbieen mancber oberscblesiscber Fiirsten anf der Seite des 
befreundeten Polenkouigs gewesen, und wenn es gleicb nicbt 
erweislicb ist, dafs 1410 in der Scblacbt bei Tannenberg 
einer derselben auf polniscber Seite mitgefocbten bat, so 
haben sie docb wenigstens zugegeben, dafs polniscbe Wer- 
bungen eine ganze Anzalil scblesiscber Bitter in den Kampf 
gefiihrt baben, wabrend auf der andern Seite Herzog Konrad 
der Weifse von (3ls, der einst in Krakau als Page der Ko- 
uigin gedient batte, dann aber vom Vater nacli Preufsen 
gesendet worden war, um das Kriegshandwerk zu lernen, 
auf der Seite des Ordens kampfend gefangen ward und 
Herzog Ludwig II. von Brieg Avenigstens dem Hochmeister 
Beistand versprocben batte. Der letztere batte sonst seine 
Anlehnung nacb einer andern Seite gesucbt; ibm batte die 
Vermahlung mit Elisabetb, der Tocbter Friedricbs des ersten 
hobenzoUernscben IMarkgrafen von Brandenburg einen macb- 
tigen Riickbalt an diesem angesebenen Fiirsten gesicbert. 
Die Glogau - Saganer Fiirsten endlicb waren mit ihren In- 
teressen so an die der Secbsstadte und die sachsiscben Fiirsten 
gekniipft wie die von Troppau an die Angelegenbeiten Mab- 
rens. Unzweifelbaft ti'ug solcbe weitgebende ZerspHtterung 
der Interessen mancbe Gefabren mit sicb namentlicb fiir ein 
so vorgescbobenes und exponiertes Grenzland, wie Scblesien 
war. Es war in der Tbat ein Gliick, dafs der Polenkonig 
nacb der scblesiscben Seite keine BegebrHchkeit zeigte, nicbt 
einmal damals, als Wenzel 1404 bei Gelegenbeit der Bres- 
lauer Zusammenkunft sicb zu Abtretungen resp. Verpfan- 
dungen scblesiscber Gebiete bereit zeigte. 

Nocb weniger aber als nacb der poUtiscben Seite bin 
i hat der Bund von 1402 fiir die offentlicbe Sicberheit zu 
( bedeuten gebabt. Der Verlauf der Oppelner Febde, den 
j wir ja oben erziiblten, vermag dafiir Belege zu liefern und 
i was Avir von Einzelbeiten erfabren, zeigt uns wenig eiii-eu- 
I licbe Zustande in Scblesien am Ausgange des 14. Jahr- 



222 Drittes Buch. Dritter Abschnitt. 

himdcrts. (^ffenbar hat sich damals eiiie gewisse lieaktion 
der schlesischen Furstliclikeit gegen die Bevorzugung der 
Stadte und speziell Breslaus, wie sie unter Karl IV. im 
Schwange war, hier vollzogen, und es war natilrlich, dais 
nun auch der Adel von dieser veriindcrten Sachlage Yor- 
teile zog. 

Dieselbe Gesinnung, welche in dieser Zeit den Bres- 
lauer Landadel mil einer umtanglichen Beschwerdeschrift 
gegen die Ubergriffe und Anmalsungen der Breslauer lier- 
vortreten liels, iiihrte dann auch wohl dazu, dais die Edel- 
leute zur Selbsthille griften und eine vermeintliche Schii- 
digung ihrer Interessen an Kaufleuten der betr. Stiidte 
rachten. Sie bemerkten ja sebr wohl, dais trotz aller Land- 
frieden und Landfriedensbiindnisse ihnen jetzt niclit mehr 
eine so prompte Justiz auf deni Nacken safs, wie weiland 
unter Kijnig Karl. So konnte ganz wohl ein notorischer 
gefurehteter Raubritter Bartusch von Wiesenburg, „der 
Sehalke Prinzipal", wie ihn ein alter Chronist nennt, 1387 
mit t'recher Stirn die Breslauer, die er wiederliolt aufs 
freventlichste geschiidigt hatte, vor dem schlesischen Flirsten- 
bunde belaugen, und es mulste doch schon weit gekommen 
sein, Avenn es moglich ward, dafs derselbe Bartusch mit 
einem auderen Bitter gleichen Schlages Heinrich von Haug- 
witz 1390 die Hauptstadt eines der sclilesischen Herzoge, 
Ols^ ilberfallen und brandschatzen konnte. 

Wie hiitte solchen Zustiinden gegenliber der Bund von 
1402 Abhilfe schaffen sollen? War es doch bezeichnend 
genug, dafs eben danials zu einem der beiden Altesten des 
Bundes jener Herzog Bernhard von Oppeln-Falkenberg ge- 
wiihlt ward, der in der riicksichtslosen und gewaltthiitigen 
Schiidigung der Breslauer immer mit seiuem Bruder Bolko 
Hand in Hand gegangen war. Wenn aber auch wirklich 
der Bund hier Avenigstens iiir eine Zeit lang etwas mehr 
Ordnuug hergestellt hat, so war er doch entschieden dazu 
nicht miichtig genug, die fortAvahrenden Raubziige, AAelche 
von polnischen Edelleuten ilber die ganze lange uugeschiitzte 
Grenze hierbei untemommen A\'urden, zu A-erhindern. ^^'obl 
wurden AA'iederholt VertrJige zum Zwecke geo;enseitifirer 
Sicherheit gegen Grenzverletzungen A'on Konig Wladyslaw 
mit einzelnen schlesischen Fiirsteu AA'ie mit dem Fiirsten- 
bunde geschlossen, aber die Eaubziige dauerten fort, und 
noch im Jahre 1410 schildert der Brief eines Unbekannten 
diese Zustiinde anschaulich genug: „die polnischen Haupt- 
leute auf den Grenzen wie die von Scharwinski, von Zaremba, 
von Drzyrski haben viel iibrig Gesinde, die miissen rauben; 



Bedeutuug des Fiirstenbundes von 1402. 22S 

die polnischen Hauptleute sehen durcli die Fioger, da Avehren 
sich die Schlesier, so gut sie konnen". 

Doch trotz alledem enthalt der Bund von 1402 eine fur 
die schlesische Geschichte bedeutsame Thatsache. Es ver- 
dient wohl hervorgelioben zu werden, dafs hier zum ersten- 
male, soweit wir es nachzuweisen vermcigen, der grofste 
Teil unserer Fiirsten einschliefslich der oberscblesischen , so 
gut wie der Herzog von Troppau und zvvar ausdriieklich 
samtlich als Herzoge in Schlesien bezeicbnet, im Verein 
mit den Stadten sich zu einer gemeinsamen politischen Er- 
klarung zusammenthun. Der Begriff Schlesien, unter den 
sich subsumieren zu lassen die oberscblesischen Herzoge 
jahrhundertelang vermieden batten, ist nun innerhalb der 
Grenzen, die dann mit geringer Ausnahme fest geblieben 
sind, festgestellt, selbst der alte mahrische Landesteil TropjDau 
erscheint fur Schlesien gewonnen, und filr eine Gemeinsam- 
keit aller dieser auf der langen Linie vom Qiieis bis an die 
Weichselquellen zerstreuten und zersplitterten Landesteile 
erscheint eine bestimmte Form gefunden und das erste Mai 
zur Anwendung gebracht, ein Keim, den dann doch schon 
die Not der Hussitenzeit in gewisser Weise zur Entwicke- 
lung gebracht hat. 

Bevor wir jedoch von diesen Zeiten bericbten, werden 
wir noch von dem grofsen Aufstande zu Breslau aus dera 
Jahre 1418 zu erziihlen baben, in welchem eine Periode 
der Verfassmigskampfe dieser Stadt gipfelt, nachdem Konig 
Wenzel hierein wiederbolt und nicht eben mit gliickHcber 
Hand eingegriffen hatte. 

Die zweite Halfte des 14. Jabrhunderts ist die Zeit, wo 
allerorten in den Stadten des Deutschen Reiches die Zunfte 
eine grofsere Selbstandigkeit, eine gewisse Teilnabme an dem 
Stadtregimente verlangen imd grofstenteils auch durchsetzen, 
und natiirlich bandelte es sich dabei in den seltensten Fallen 
um ein blofses abstraktes Herrschaftsgeliist der Handwerker, 
sondem vielmehr darum , dafs dieselben im Besitze der 
Macht, oder wenigstens eines Einflusses auf dieselbe darauf 
rechnen duriten, ihre Erwerbsinteressen wirksam zu fordern, 
unerwiinscbte Konkurrenzen abzuwehren, lastige Beschran- 
kungen zu beseitigen. Wir vermogen das im Hinblick auf 
Breslau speziell bei den einzelnen Ziinften nicht darzuthun, 
aber es liegt doch auf der Hand, wie sehr das aus alter 
Zeit von den grofsen Kaufherren behauptete Eecht des all- 
einigen Tuchausschnittes d. h. des Detailverkaufs den drei 
grofsen Ziinften der Tuchmacher, die hier bestanden (in der 
Altstadt, in der Neustadt und auf dem Ketzerberge) , zu- 



224 Drittes liucli. Dritter Absclmitt 

wider sein raufste, unci ebenso leuchtet es ein, dafs der seit 
1387 bier eingefuhrte einmal in der AVoche abgehaltene 
freie Fleischmarkt den Fleischern ein Dorn im Auge war, 
so dafs es uns nicht wundern darf, gerade in diesen beiden 
Innungen besonders eifrige Mitglieder der (Opposition gegen 
den Rat zu linden. 

Gewifs ist, dafs von dem Augenblicke an, wo man inne 
wurde, dafs Kiinig Wenzel nicbt raehr wie sein Vater die 
Autoritat des Rates zu scbiitzen sich fest entschlossen zeigte, 
sondern viehnebr uach seiner leicbt beweglicben und gern 
nacli Popularitat hascbenden Art VorsteUungen und Be- 
scbwerden der Ziinfte freundbcb aufnahm, diese sicb zu 
kiibnerem Verge hen zusaniraenfanden. Bereits 1388 baben 
sie Gesandte bei dem Konig, und die freundbcbe Auf- 
nabme, welcbe dieselben linden, I'librt dann dazu, dafs 
1389, den 27. September, 30 Breslauer Ziinfte sicb ver- 
binden, nicbt nur durcb Handwerksgescliworenen ihre Inter- 
essen vor dem Rate vertreten zu lassen, sondern aucb einen 
Ausscbufs derselben zu bevolbnaclitigen und zugleicb auf 
gemeinsarae Kosten mit den Geldmittebi zu verseben, um 
etwaige Klagen iiber den Rat personlicb vor den Konig zu 
bringen. Es wird also aus den Vertretern der Ziinfte bier 
eine Art von Tiubunat gebildet, das dann berufen ist, Be- 
scbwerden dei'selben an das Obr des Konigs zu bringen. 
Durcb die Gunst des letzteren erlangen sie nun aucb 1390 
neue Innungsstatuten, welcbe ibnen voile Unabbiingigkeit ver- 
biirgeu; jede Zunft darf sicb jetzt audi Waifen lialten, ja 
ibre Macbt ist bereits soweit gestiegen, dafs sie vor der 
RatsAvabl von 1390 den Ausscblufs von secbs Patriziern, 
die sie als ibnen besonders feindlicb gesinnt kennen mochten, 
durcbsetzen. Aufserdem erlangen sie es, dafs der Rat, von 
acbt auf elf Personen vermebrt, vier Ziinftler entbiilt, ebenso 
wie das Scboffenkollegimn , und dafs der Kiirscbner Peter 
RafFsaf, der Fiibrer der ziinftiscben Deputation an Konig 
Wenzel, seine Stelle oben unter den Patriziern findet. Bald 
setzten 1391 und 1395 die "NVollenweber jetzt aucb ihre 
alte Forderung , ibr selbstgefertigtes Tuch verkaufen zu 
diirfen, durcb. Vor der Wabl von 1395 verbietet sogar 
Wenzel den Konsuln solche „ benannte Leute ", d. h. welche 
von den Ziinften als ibnen mifsliebig bezeicbnet waren, 
zu wiiblen, wofern sie nicbt Avollen, dafs er selbst durch 
seinen Hauptmann den Rat ernennen liefse. Docb des 
Konigs Gunst war wandelbar, und als die Patrizier seiner 
Geldverlegenbeit mit ansebnlicben Summen zubilfe kommen, 
neigt er sicb (1399) wiederum ibnen zu, der Rat erlangt 



Bre.slauer VerfassuugskJimpfe. 225 

'wieder seiii altes patrizisches Geprage, den Zunften werden 
ihre Waffen abgenommen, z. T. audi ihre Siegel, soweit sie 
Tiicht ein altes Recht darauf nacliweisen kornien, Versamm- 
lungen melirerer Zliiifte oder Verbindungen derselben wer- 
den verboten. Eine Weile ging es in diesem Gleise fort, 
um so leicbter als Konig Wenzel in den niichsten Jahren, 
wo sein Ansehen immer tiefer sank, die Kurfiirsten ibn 
seiner romischen Konigswiirde entsetzten, in Bohmen der 
Adel gegen ibn aufstand und sein Brnder Sigismund ibn 
jahrelang in Banden bielt, niebt mebr einzuscbreiten ver- 
mocbte. Als aber Wenzel seiner Haft endHcb entledigt 
1404 wieder in Breslau erscbien, urn in enger Verbindung 
mit dem Polenkonige sein Heil zu sucben, gewannen die 
Zlinfte von neuem sein Obr, der Konig setzt mitten im 
Amtsjabre den ganzen Rat ab nnd einen den Zunften ge- 
nebmeren neuen ein, der dann aucb 1405 weiter amtiert 
Tind 1406 sicb in gleicbem Sinne erneuert, aber dann nocb 
in demselben Jabre dureb eine Bewegung gesturzt wird, bei 
der nun nicbt eben blofs die grofsen Standesunterscbiede, 
sondern die Gegensatze von Familienkoterien tbiltig gewesen 
zu sein scbeinen. Und wabrend so der grofse Kanipf mebr 
und mebr seinen urspriinglicben Cbarakter des Gegensatzes 
-zwiscben zwei mit gleicber Engberzigkeit an ibren Standes- 
interessen festbaltenden Korperscbaften verliert, da ja eigentlicb 
die Teilnabme der Ziinftler am Rate kaum mebr bestritten 
wird, erbalt dieser Streit zugleicb ein eigentumlicbes soziales 
Element, insofern die Stadt mebr luid mebr in Scbulden 
gerat und die steigende Steuerlast allgemeine Unzufrieden- 
heit bervorruft, fiir die natiirlicb der Rat verantwortlicb ge- 
inacbt wird. 

Wir mogen uns der friiber gescbilderten langdauernden 
Oppelner Febde erinnern, die dem Breslauer Handel scbwere 
Wunden gescblagen batte ; dann kam der grofse Krieg 
zwiscben Polen und dem Deutscben Orden, welcber nun 
den auswartigen Handel der Stadt in seiner wesentlicbsten 
Ricbtung labmte, und endlicb zerriittet dann 1413 eine grofse 
Pest mit alien den Ubeln, die eine solche im Gefolge 
zu baben pflegt, die Zustande nocb mebr. Wenn nun an 
der scblimmen Lage der Stadt die Mifsregierung Konig 
Wenzels unzweifelbaft grofse Scbuld trug, so bat derselbe 
aufserdem nocb aucb ganz direkt zu der Scbuldenlast, welcbe 
die Biirgerscbaft immer driickender empfand, das Allermeiste 
beigetragen, insofern er deren Steuerkraft auf das riicksichts- 
loseste ausbeutete. Wir wissen ja, dafs es eine Biirgscbaft 
fiir eine Scbuld Wenzels war, welcbe die von ibrem Koni^ 

GriinhageD, Gescli. Scblesiens. I. 1& 



226 Drittes Buch. Dritter Abschnitt. 

im Stich gelassenen Breslauer den Oppelner Herzogen 
gegenilber zu blifsen batten; wir sehen dann Wenzel fur 
die kleine Revolution von 1406 die unerborte Sti-afsumme 
von 8000 Mark Groscben, d. b. das Doppelte einer da- 
mabgen stiidtiscben Jabreseinnabme, der Stadt aiiflegen und 
scbleunigst eintreiben und erfabren dann aucb weiterbin 
Aviederbolt von Extrasteuern in der Hobe von 1000 Mark 
u. dgl. Dabei fabrt er fort, in die Stadtregierung selbst 
einzugreifen , Eate ab- und einzusetzen, Gesandte zu sich 
nacb Prag zu entbieten, Verordnungen zu erlassen, die 
dann docb unausgefiibrt bbeben. Kurz , er tbat alles , um 
die Mascbinerie der Breslauer Stadtregierung, die jabrbun- 
dertelang ganz gut ibre Dienste geleistet batte, in Verwir- 
rung zu bringeu. Natilrlicb mufste das fortwabrende Ex- 
perinientieren, das die Stadt zu einem Gefiihle der Sicberbeit 
und Rube gar niebt konnnen liefs, aucb wiederum die ma- 
terielle Wohlfabrt empfindlicb sebadigen, die Einnabmequellen 
der Stadt minderten sieb, die Scbuldenlast wucbs, die im- 
mer niebr erbobten Steuern gingen scblecbt ein, und ver- 
scbarfte Mafsregeln zur Eintreibung derselben niitzten wenig, 
steigerten aber die Erbitterung der Menge. Was konnte es 
unter solcben Umstanden belfen, wenn dann der Konig im 
Jahre 1417 einen Ausscbufs von acbt Personen, zur Halfte 
aus den Kaufleuten, zur anderen aus den Ziinften gewablt,. 
zur Kontrolle der Finanzverwaltung dera Rate beigab? 

Wenn dieser dann wiederum Ordnung in die Finanzen za 
bringen, der Scbuldenlast abzubelfen versucbte, so konnte 
das eben docb nicbt gelingen obne ein stiirkeres Anzieben der 
Steuerscbraube, dies aber eben bat dann, wie es scbeint, 1418 
einen Ausbrucb berbeigefubrt, so furcbtbar, wie ibn die 
Stadt nie friiber und nie nacbber erlebt bat. Geboren hat. 
den Aufstand unzweifelbaft die allgemeine Not und Unzu- 
friedenbeit, aber weitere Gestalt gegeben baben demselben 
die Elemente, welcbe scbon immer in Opposition gegen die 
Stadtregierung standen. Handwerker der verscbiedensten 
Ziinfte, ja eine ganze Anzabl von Geschworenen, selbst ziinjp- 
tiscbe Mitglieder des Rates aus den letzten Jabren, ja ein 
Mitglied der Acbterkommission von 1417 erscbeinen bei 
dem Aufstande beteiligt. Die Fleiscber, welcbe den Frei- 
markt nie verscbmerzt batten, boten zur Gewalttbatigkeit. 
bereitwillig die Hand, und in den Tucbmacbern der Neu- 
stadt, der macbtigsten der drei biesigen Weberinnungen, wirkte 
die alte iiberlieferte Eifersucbt der Neustadter auf die Alt- 
stadt mit, der sie vorzeiten selbstandig gegeniibergestandea 
batten und nun untergeordnet waren. 



Der Aufstand von 1418. 227 



Der Aufstand zu Breslau im Jahre 1418. 

Wie uns eine allerdings vielleicht nicht in alien Einzel- 
heiten unanfechtbare tjberlieferung erzahlt, batten sicb am 
Montag, dem 18. Juli 1418, in der kleinen Kirche zu 
St. Klemens in der Neustadt auf der heutigen Basteigasse 
die Hiiupter der Verschworung versammelt, und von bier 
aus babe dann in der Morgenfriibe das verabredete 
Signal, das Horn des Hirten bei St. Moritz, die Scbar in 
Bewegung gesetzt. Ibr Andrang fand den Rat versammelt, 
aber so wenig auf einen Angriff gefafst, dafs es nicbt ein- 
mal gelang, die Thlir des Ratbauses zu. scbliefsen und zu 
verrammeln. Die Uberrascbten flucbteten aus dem Sitzungs- 
zimmer die gebeime Treppe binauf nacb der Ratskapelle 
(dem Fiirstensaale) , docb ibnen nacb drangte die Menge, 
nicbt lange aufgebalten durcb die Tblir unten, die noch 
heute die Spuren der sie sprengenden Beilbiebe tragt. 

Die geangsteten Haupter der Stadt dachten nur an 
Flucbt oder Versteck, und in der Tbat bat die, welcbe in 
die Gewalt der Aufrubrer lielen, ein trauriges Scbicksal ge- 
troffen. Sie wurden ergriifen, vor das Ratbaus gescbleppt 
und dort ibnen zu besonderem Schimpfe unter der Staup- 
saule entbauptet und zwar mit einem Scbwerte, welcbes 
einst Karl IV. der Stadt gescbenkt, und das die Emporer 
jetzt mit anderen Waflfen geraubt batten. 

So endeten der zeitige Burgermeister Nikolaus Freyberg, 
drei Patrizier aus dem ScbofifenkoUegium und zwei friibere 
Ratsberren, beide den Zunften angeborig. Jobannes Megerlin, 
ein Konsular, batte sicb auf" den Ratsturm gefliicbtet, ward 
aber axicb dabin verfolgt und scbliefslicb iiber den Kranz 
desselben berabgestiirzt. Der Ratsberr Tilo Zacbe ward bei 
seiner Gefangennebmung scbwer verletzt. Die Tbiir des 
Ratsturmes batte man eingescblagen und Sturm gelautet, 
aucb in dem Ratbause die Truben erbrocben, einige Privi- 
legien vernicbtet, andere bescbitdigt, Gelder der Stadt ge- 
raubt, ebenso Waifen, aucb die Getangnisse erbrocben und 
I die Gefangenen befreit. Von einer Gefabrdung des Privat- 
' eigentums boren wir nicbts, nur gegen Juden scbeinen Ge- 
i walttbatigkeiten vorgekommen zu sein. 

I Der Sitz der Stadtregierung war somit in die Hilnde 
ider Aufstandiscben gekommen, sei es aber, dais diese docb 
I dann inne wiu'den, wie die groise Menge der Bevolkerung 
jihr Tbun nicbt bUlige, sei es dafs die Erniicbterung nacb 
iden Bluttbaten wieder gemiifsigte Elemente an die Spitze 
'■ 15* 



228 Drittes Buch. Dritter Abschnitt. 

der Bewegung fuhi-te, soviel ist gewifs, dafs man vergebens 
nacli den Kesultaten forscht, die der wilde Ausbruch der 
Volksleidenschaft schliefslich erzielt habe. Es scheint in der 
That nicht einmal zu einer Absetzung des Rates und der 
Einrichtung einer provisorischen Regierung gekoramen zu 
seiu, sondern man liefs, was voni Rate am 18. Juli zufallig 
nicht gekopft wordeu war, ruhig weiter amtieren, setzte 
diesem niir eine Art von Volkstribunat, einen Ausschufs der 
Gremeine, zur Seite und iiberliefs weiteres der Entscheidung 
des Konigs, dem man das Vorgefallene aber auch die Be- 
schwerden der Biirgerschaft vortrug. 

Und in der That hat sich nun Konig Wenzel vielleieht 
infolge der feindhchen Stellung, die sein berufener Ver- 
treter im Fiirstentum Breslau, der Unterhauptmann Hans 
von Wiltberg, gegeu den patrizischen Rat eingenommen zu 
haben scheint, vollstandig fiir die Interessen der Bewegung 
gewinuen lassen, und ohne eine besondere Suhne fur die er- 
folgten Gewaltthaten zu verlangen, lafst er nun unter dem 
10. August 1418 eben durch Hans von Wiltberg einen 
neueu Rat einsetzen, der dann unter dem Prasidium eines 
alten gemafsigten Patriziers nm- Ziinftler, oder Avenigstens 
neue dem Ki'eise der alten Geschlechter tremde Manner ent- 
hielt, und in gleichem Sinne auch die Inmmgsgeschworenen 
wie die Finanzkommission neu konstituieren. 

Nun erst schien der Sieg der Aufstandischen besiegelt 
Die besonders Mifsliebigen von der unterlegenen Ai'istokratie 
mieden die Stadt; dagegen unterdrlickte man hier Ver- 
suche neuer Unruhen mit Strenge. FreiHch mufste doch 
auch die neue Regierung an die schwierigste Aufgabe heranr 
gehen, die Ordnung der zerriitteten Finanzen, und sie griff !| 
dazu, der Bevolkerung eine Vermogenssteuer von etwa zwei ; 
Prozent aufzulegen , Avas dann sicher ihre Popularitat i 
wesentlich gemindert hat. Inzwischen hatte aber nun doch ! 
Wenzel sich veranlaist gefuhlt, auch den anderen Teil zu " 
horen und Vertreter der unterlegenen Aristoki-atie sich nach 
Prag beschieden, zugleich unter ernster Mahnung darau, 
dafs die Stadt durch das Vorgefallene eigentUch selbst ihre j 
Privilegien zerstort und gebrochen habe, sich eine Bestatigung ' 
oder Verwerfung der Ratswahl vorbehalten , und dann, 
allerdings unter der Voraussetzung , dafs man fiir die Zu- . 
kunft alien Unfrieden abstelle und auch die Fliichtiggewor- 
denen in Ruhe und Sicherheit zuriickkehren lasse, Amnestie i 
erteilt. 

In Breslau hat man darauf , da das Schreiben Wenzels 1 
«rst nach dem regelmafsigen Wahltermine, dem Aschermitt- 



Ergebnisse des Aufstandes. Envachen des Czechentums. 229 

woch, eintraf; dies zum Vorwande genommen, von der Wahl 
diesmal ganz abzusehen und den Eat von 1418 weiter am- 
tieren zu lassen, und so lagen dann die Verbal tnisse noch, 
als am 16. August 1419 der plotzliche Tod des Konigs die 
Lage der Dinge aufs wesentlichste anderte. 



Vierter Abschnitt. 

Kaiser Sigisnmnd und die Hussiteiikampfe. 



In Bohmen war die seit Wenzels Tlu'onbesteigung be- 
ginnende und dann immer fortgeschrittene Minderung des 
kciniglichen Ansehens naturgemafs zunachst dem Adel zu- 
gute gekommen. Indem sieb dieser nun aber wieder zu 
fiiblen begann, bracbte er bier zugleich ein nationales Mo- 
ment zur Geltung, insofern gerade der Landadel doeb am 
meisten zugleicb an der czechiscben Nationabtat festbielt. 
Nachdem der bohmische Herrenbund, der 1393 bis zur 
Gefangennehmung Konig Wenzels verging, die Riickkebr 
zu dem, was unter den Vorfabren Recht gewesen sei, auf 
seine Fabnen gescbrieben, ricbtete sicb die Spitze dieser Be- 
strebungen gegen die Einricbtungen, welcbe das in Bcibmen 
macbtig vorgedrungene Deutscbtum und dessen Beglinstigung 
namentlicb unter Karl IV. hervorgerufen batte, und der 
Gegensatz des Adels gegen die Stadte, in denen ja natur- 
gemafs das Deutscbtum seine Hauptstarke batte, erbielt bier 
eine besondere Scbarfe, eben durcb das Hinzutreten des 
nationalen Elementes. Es ist, obwobl der Gegensatz immer 
nocb vorsicbtig verbuUt erscbeint, doeb scbon das eine be- 
zeiebnend genug, dafs die Urkunde vom 25. August 1394, 
in welcber Wenzel mit den Forderungen des Herrenbundes 
sicb abzufinden sucht, die erste bobmiscbe Konigsurkunde 
in czecbiscber Spracbe ist. Dafs diese Bewegung in dem- 
selben Mafse wucbs, wie die Macbt Wenzels dabinscbwand, 
war selbstverstiindlicb. 

Aber von ganz besonderer Bedeutung ward es nun, als 
zu derselben Zeit eine gewaltig religios populare Bewegung 
sicb erbob, die dann je langer je mebr auf denselben Punkt 
binsteuerte. Urspriinglicb war es eine rein religiose Be- 



230 Diittes Biich. Vierter Abschnitt. 

wegung gewesen abzielend auf eine Reform der Kirche und 
der Sitten der Geistlichkeit, wie solche in dem Zeitaltcr der 
grofscn Schismen sebr erkliirlich Avar, zugleich aber auch 
dogniatische Fragcn in Anlebnung an Lehren des englischen 
Theologen Wiklef beriibrend und aus den Kreisen der 
scbnell zu bober Bliite emporgekommenen UniversitJit Pi-ag 
bervorgegangen. Wie fern die Bewegung in ibrem Beginne 
den nationalen Gregensatzen war, mogen wir daraus erken- 
nen, dafs einer der bedeutendsten Vorganger Hus', Mibcz 
von Kremsier, Avie tins glaubwiirdig bericbtet wird, in der 
ausgesprocbenen Absicbt , seinen Predigten ein grofseres 
Pubbkiim zu gewinneu, nocb in seinem Alter das Deutscbe 
erlernt bat. Aber die Bewegung ward national, namentlicb 
seitdem Jobann Hus, Prediger der Betblebeniskapelle zu 
Prag und Professor der Universitat, an ibi-e Spitze trat. 
Aucb ibn freilich trieben, ganz abgeseben von den aus 
seiner Gemlitsart entspringenden Motiven scbon die Umstiinde 
zu immer stiirkerer Betonung des nationalen Standpuuktes. 
Von den vier Nationen, in welcbe die Universitat Prag sieb 
spaltete, die bobmiscbe, die bayerisebe, siicbsiscbe und pol- 
niscbe (aucb diese letztere namentbcb seit der IStiftung der 
Universitat Krakau fast ausscbliefslicb aus Deutscben und 
vornebmlicb Scblesiern, Pommern, Preufsen bestebend) lung 
die erstere ibm an, wabrend die drei iibrigen also die 
Gesamtbeit der Deutscben sicb mit Entscbiedenbeit gegen 
die Aviklefitiscben Ketzereien, die man seinen Lebreu sebuld 
gab, erklarten. Wabrend sicb nun die Gegensatze raebr 
und mebr verscbarften , Avard auf der einen Seite mancber 
aus dem bobmiscben Adel fur die Bewegung gewonnen, 
Avobl eben aucb um des nationalen Elementes, das derselben 
anbaftete, und endlicb trat aucb Konig Wenzel auf diese 
Seite, als die drei deutscben „Nationen" der Prager Uni- 
versitat 1409 sicb von der Obedienz des ibm Avegen seiner 
Begiinstigung des Gegenkouigs verbafsten Papstes Gregors XII. 
nicbt lossagen mocbten und nur eben die Czecben ibm zu 
Willen Avaren. Den letzteren lobnte er nun dadurcb, dafs 
er ibnen fortan drei Stimmen statt der bisberigen einen 
einraumte. Das Dekret A'om 18. Januar 1409, das dies 
festsetzte, und das dann den Passus entbielt, es sei unziem- 
licb, „dafs Auslander und Fremdlinge A^on dem Yermogen 
der Eingeborenen , welcben die recbtmafsige Ei'bfolge zu- 
komme, scbwelgten, jene aber Nacbteil, Zuriicksetzung und 
Unterdrlickung litten", bedeutete nun allerdings eine Kriegs- 
erklai-ung gegen die Deutscben in Br»bmen und gab der 
Auffassung A^on Hus \'olles Recbt, welcber es ausgesprochen 



Anfange der hussitischen Beweguug. 231 

hatte, Gott habe einmal Bohmen den Czechen gegeben, wie 
einst dera Volke Israel das gelobte Land, und es sei nicht 
fein, dais man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es 
vor die Hunde. Die deutschen Lehrer und Studenten ant- 
worteten auf das Dekret dadui'ch, dafs sie allesamt, mehrere 
Tausend an der Zabl, Prag verliefsen. Der Vorschlag einiger 
angesehener Sclilesier, sich nach ihrer Heimat zu wenden, 
fand nicht allgemeiuen Beifall, da Breslau zu weit vom 
Herzen Deutschlands abliege, und so pilgerten die Vertrie- 
benen nach Leipzig, wo auf der hier schnell gegriindeten 
Universitat auch die Schlesier ein eigenes der heihgen Jung- 
frau gewidmetes, bald mit reichen Stiftungen dotiertes und 
noch lieute bestehendes Kollegium erhielten. Der Schlesier 
Johann von Miinsterberg war der erste Rektor der neuen 
Leipziger Universitat. 

Es ist nun nicht wohl denkbar, dafs diese Vorfalle in 
Schlesien ohne tiefen Eindruck geblieben sein sollten. Wenn 
derartige deutschfeindliche Grundsatze in dem Nachbarlande 
zur Geltung kamen, konnten die Schlesier, die ja auch 
ein altslavisches Land im Wege der Kolonisation sich ge- 
wonuen batten, am Ende auch auf eine slavische Beaktion 
gefafst sein, und wenn jetzt die bohmische Krone, von der 
die Schlesier zu Lehen gingen, abhangig gemacht ward von 
den Einfliissen eines spezifisch czechisch gesinnten Adels, 
mufste das filr Schlesien doch von der allerernstesten Be- 
deutung werden. Indessen felilt es uns an zeitgencissischen 
Aufzeichnungen aus Schlesien, welche den Eindruck der 
Vertreibung der Deutschen aus Prag wiederspiegelten. 

Inzwischen aber ging nun die BcAvegung weiter, und zu- 
nachst trat die kirchliche Seite in den Vordergrund, um so 
mehr, da der iramer wachsende Konflikt des langst ge- 
bannten Prag-er Professors mit den kirchlichen Gewalten 
allmahlich weit iiber die Grenzen Bohmens hinaus Aufsehen 
erregte. Das 1414 zu Kostnitz versammelte allgemeine 
Konzil sollte auch diese Angelegenheit schlichten, und Jo- 
hann Hus selbst war dahin aufgebrochen , nachdem ihm 
Wenzels Bruder, Sigismund, 1410 zum romischen Konig 
gewahlt, freies Geleit zugesichert liatte. Dies Geleit ward 
gebrochen, vind am 6. Juli 1415 ging Hus mit ewig be- 
wundernswurdiger Standhaftigkeit fiir seine Uberzeugung 
in den Tod auf dem Scheiterhaufen , und nun loderte der 
Aufstand in Bohmen zu heller Flamme auf Wahrend der 
Adel dem Kostnitzer Konzile, das Hus verurteilt hatte, einen 
Absagebrief sandte, an dem nicht weniger als 452 Siegel 
hingen, erhob sich auch das niedere Volk in grofsen Ver- 



232 Drittes Bucb. Vierter Abschnitt. 

sammlungen, von eit'rigen Priestern autgereizt. In Prag- 
wurden die Geistlichen, welche der hussitischen Bewegung 
sicli feindselig gezeigt hatten, vertrieben, zum Teil gemifs- 
liandelt, ualiegelegene Kloster zerstcirt und gepliiudert, und 
als Konig "Wenzel, der zuerst schon aus Hafs gegen Sigis- 
niuud den Hussiten mit Nachsicht und einer gewissen Sym- 
pathie begegnet war, sich endlich zu strengeren Mafsregeln 
entsehlofs und in Prag einen neuen dor Bewegung feindiichen 
Rat einsetzte, ward dieser am 30. Juli 1419 von einem 
wilden Volkshauten grausam ermordet, die Ratsherren und 
einige ilu-er Anhanger zum Fenster herausgestiirzt in die 
Spielse der erbitterten Menge, die ihnen dann voUends den 
Garaus maclite. Siebzehn Tage nachher endete ein Schlag- 
fluls das Leben Kdnig Wenzels (1419, 16. August). 

Bohmen mit seinen Nebenliindern stand nun vor einer 
grofsen Entsclieidung. Der nachste Erbe der Krone Avar 
Wenzels Bruder, der ungarische Konig Sigismund, in dem 
die Bohmen den wortbrllchigen Henker von Hus verab- 
sclieuten. Sigismund zeigte sicli entschlossen, dieses Erb- 
reclit zu behaupten und ohne der hussitischen Bewegung 
Konzessionen zu machen, Bohmen sich zu unterwerfen. In 
der That ist es auch durchaus wahrscheinUch, dais, weun 
er den Mut gehabt hatte, mit den Truppen, die er gerade 
gegen die Tiirken gesammelt hatte, gegen Bohmen zu mar- 
schieren, er hier, wo man zu bewaffnetem Widerstande doch 
in keiner Weise geriistet war, wohl einen durchschlagenden 
Erfolg hatte erzielen mogen. 

Er that das nicht, sondern Bohmen vorliiufig der macht- 
losen Regentschaft von Wenzels Witwe iiberlassend, ergriff 
er zunachst von Schlesien Besitz. Hier Avard er mit ofFenen 
Armen aufgenommen. Es mufs ausgesprochen werden, dafs, 
obAvohl die Schlesier und ganz besonders die Breslauer an 
Streitigkeiten mit der Geistlichkeit so gewohut waren, dafs 
sie niemand hatte fiir besonders klerikal gesinnt ausgeben 
dilrfen, sie doch von dem reformatorischen Element, das 
offenbar in der hussitischen Bewegung lag, nicht im Ent- 
ferntesten sich angezogen fiihlten; dazu war dieselbe von 
vornherein zu sehr mit deutschfeindlichen Tendenzen ver- 
quickt gOAvesen; und als jetzt nach Wenzels Tode die Ex- 
cesse des fanatisierten niederen Volkes immer iirger Avurden, 
vielfach Kirchen und Kloster zerstort und geschiindet, Geist- 
hche, vornehmlich deutsche Klosterbrlider vertrieben, gemifs- 
handelt, Avohl gar getotet Avurden, da erschienen den Schle- 
siern diese wilden Haufen einfach als Feinde der Christen- 
heit und aller christlichen Urdnung, und in diesem Sinne 



Konig Sigismund unci die Schlesier. 23B 

ist der unversohnliche Hals der Schlesier gegen die „bosen 
verdammten Ketzer"; wie hier die Hussiten vorzugsweise 
genannt werden, aufzufassen. Zu deren Bezwingung ja 
Vertilguug Beistand zu gewahren, war man hier allerorten 
bereit. Ebenso wenig wiirde hier jemand an dem Rechte 
Sigismunds auf die bohmische Krone gezweifelt haben. Die 
Schlesier miifsten ihrem eigensten Interesse nach an der 
Erbhchkeit der bohmischen Krone festhalten, damit nicht 
die Wahl ihres Oberhauptes in die Hand einer deutsch- 
feindlichen bohmischen Adelsversammlung kame. 

So ward denn Sigismund, als er am 5. Januar in Breslau 
einzog, allgemein mit Freuden empfangen, und eine kleine 
MifsheUigkeit, welche er mit dem schlesischen Klerus ilber 
die Hohe des von Papst Martin V. dem Konig iiberlassenen 
Zehnten hatte, wurde schnell ausgeglichen. 

Unzweifelhaft batten die Schlesier schon mit aufrichtiger 
Freude die Nachricht begrlifst, Konig Sigismund habe fiir 
den Anfang des Jahres 1420 einen Reichstag nach Breslau 
berufen. Wie wir wissen, waren die am Ende des 13. und 
am Anfange des 14. Jahrhunderts angeknlipften Verbin- 
dungen zwischen dem deutschen Reiche und Schlesien wie- 
der ganz in Vergessenheit gekommen, die Luxemburger 
Fiirsten batten es nicht in ihrem Interesse liegend gefunden, 
daran zu erinnern, und erst jetzt schien es Sigismund zweck- 
mafsig, als er in einem der Kronlander Bohmens festen Fufs 
fafst, dann sich auch hier zugleich mit dem vollen Glanze 
der kaiserlichen Majestat zu umgeben. Auf die Schlesier 
hat das Mittel seinen Zweck nicht verfehlt. Zu einer Zeit, 
wo in dem Lande', mit dessen Krone sie in Leheusverbin- 
dung standen, eine slavische Reaktion das Haupt erhob, 
konnte ihnen die Erneuerung der Verbindung mit dem Deut- 
schen Reiche nur hochst erwiinscht sein, und nachdem sie 
bis jetzt einen Herrscher gehabt, der sie in alien Noten im 
Stich gelassen, den Verwandte und Vasallen vielfach ge- 
fangen von einem Schlosse aufs andere geschleppt batten, 
mufsten sie wohl mit einem gewissen freudigen Stolze auf 
Sigismund blicken, der sich hier mit einem Glanze einfixhrte, 
wie solchen die alten Mauern von Breslau nie geschaut 
hatten, wo in der koniglichen Burg (an der Stelle der heu- 
tigen Universitat) drei deutsche Kurfiirsten knieend ihre 
Lehen von ihm empfingen und hohe Wiirdentrager des 
deutschen Ordens neben polnischen Magnaten den Schieds- 
spruch, der ihre Streitigkeiten schlichten sollte, aus seinem 
Hunde erwarteten. Am 5. Januar 1420 war Sigismund 
mit seiner Gemahlin Barbara und einem glanzenden Gefolge 



234 Diittes Buch. Vicrter Abscliuitt. 

in Brcslau eingetroften; sclion tags darauf cmpfing er die 
Huldigung der schlesischen Fiirsten uud Stande. 

Unter den Grofsen, die damals den romischen Konig 
liier in Breslau unigaben; gewahrte man nun audi cine An- 
zahl bohmischer Herren. Selbst ihnen war es melir und 
raehr unbeimlieh geworden in der engen Vei'bindung mit 
den kirchenrauberiscben fanatiscben Taboriten, die im Zaume 
zu balten ibnen doch scbwer erscbeinen mocbte. Wie wenig 
ibnen nun aucb Sigismund als Herrscber erwunscbt war, so 
ersebnten sie docb die Wiederberstelbmg einer gewissen 
staatHcben Ordnung und Avaren geneigt, unter bestimmten 
Bedingungen, die sie dem Konige vorscblagen wollten, diesen 
anzuerkennen und ibm zur Erlangung der Herrscbaft iiber 
Bobmen Beistand zu leisten. 

Ibre AA'iinscbe fanden bei Sigismund wenig Gebor. Es 
war im Grunde wenig zu verwundern, wenn ibm bier in 
Breslau die Meinung sicb bildete, das ganze Deutscbe Eeicb, 
ja die ganze Cbristenbeit nabme ein gemeinsames Interesse 
daran, ibm gegeniiber dieser alle gesellscbaltbebe Ordnung 
bedrobenden bcibraiscben Emporvmg zu seinem Recbte zu 
verbelfen. Wie batte er iiber solcbe Krafte verfugend sicb 
zu drlickenden Zugestandnissen geneigt tinden lassen sollen? 
Fur die nationalen Fordeinmgen der Ozecben batte er kaum 
ein A^erstandnis und sicber nicbt die geringste Neigung, in 
deren Kreisen erzablte man sicb damals von einer allerdings 
sebr radikalen Aufserung des Kunigs: „Er gabe gauz Ungarn 
darum, wenn es in Bobmen keine Czecben gabe'', und Avas 
die bussitiscbe Bewegung anbetraf, so sprecben die Scbrift- 
stiicke Sigismunds aus Breslau immer nur von einer „Ver- 
tilgung und Aiisjatung der AYiklefiten". Mocbte nun auch 
Sigismund den bobmiscben Herren sicb perscinlicb freundlich 
zeigen, so liefs diesen doch, was bier unter ibren Augen in 
Breslau geschab, keinen Zweifel dariiber, wie sicb Sigismund 
eine Wiederberstellung der staatlicben Ordnung in Bobmen 
dacbte. 

Zunacbst kam bier in Betracbt das Strafgericbt des 
neuen Herrscbers iiber die Teilnebmer des Aufstandes von 
1418. Wie wir wissen, batte ja s. Z. Wenzel eine Amnestic 
fiir das damals Vorgefallene gegeben, aber es war sebr er- 
klarlicb, wenn die Breslauer Patrizier damit wenig einver- 
standen waren und bei Sigismund, zu dem in dem Glanze, 
Avelcber ibn bier umgab, natiirlicb vorzugsAveise nur sie und 
nicbt mebr die Ziinftler Zutritt fanden, BescbAverde erboben 
dariiber, dafs das Blut der Opfer jener Emporung noch 
keine Siibne gefunden babe. Der Kiinig war um so mebr 



Das Strafgericht von 1420. 235 

bereit, ein Exempel zu statuieren, als er es den Bolimen 
gern zeigen Avollte, dafs er der Mann dazu sei, die staat- 
liche Ordnung wiederlierzustellen und Excessen, wie sie jetzt 
in Prag ungestraft vorgefallen waren, energisch entgegen- 
zutreten. 

Er begann also damit, die, welche der Teilnahme an 
dem Aufstande verdachtig erschienen, gefanglich einzuziehen 
und andere, die iuzwischen fliichtig geworden waren, auf 
den _17. Februar vorziiladen. 

Uber sein Recht dazu, diese Angelegenheit nocli einmal 
zu untersuchen und zugleich iiber die Strafwiirdigkeit der 
damals 1418 begangenen Verbrechen heisclite er einen be- 
sonderen Wahrspruch, ein Weistum von einer hierzu be- 
sonders von ihm berufenen Versammlung, gebildet aus dera 
yollen Rate von Breslau', also den Ratsherren^ Schoffen, 
Altesten, Kaufleuten, Zunftgeschworenen , wozu dann noch 
hinzutreten die Ratsmannen der neun grofseren Stadte aus 
den dem Konige unmittelbar unterworfenen Landen (also 
den Fiirstentumern Breslau, Schweidnitz und Jauer). Vor 
diese Versanimlung brachten dann eine Anzabl bohmischer 
und schlesischer Beamten des Konigs ihre Klage iiber 
die Auf Stan dischen von 1418. Diese Klage betont nun in 
der entschiedensten Weise die Solidaritat der stadtischen 
Obrigkeit mit der koniglichen Gewalt. Sie klagt iiber Ver- 
rater, die des Konigs Rat vergewaltigt , in sein Rathaus 
mit gewaffneter Hand gelaufen. sein en Ratsturm aufge- 
hauen, seine fiirstliclieu Briefe vernichtet, seine Rats- 
mannen und Schoffen ermordet resp. ohne Recht und Schuld 
gericbtet haben urid sich von eigener Gewalt die Regierung 
angemafst, sein Geld und seine WafFen geraubt, seine 
Gefangnisse erbrochen haben u. s. w. 

Unter jenen offentlichen Anklagern befand sich auch der 
Unterhauptmann Hans von Wiltberg, der, wie wir wissen, 
der ganzen Bewegung von 1418 sich in gewisser Weise 
giinstig gezeigt hat. Durch ihn als Beauftragten Konig 
^\''enzels war ja auch im August 1418 eine Erneuerung des 
gesamten Rates mit allem Zubehcir vorgenommen worden, 
augenscheiulich im Sinne der revolutionaren Bewegung, und 
alle diese stadtischen Obrigkeiten batten nun, wie wir sahen, 
im Jahre 1419. ohne Wechsel weiter amtiert und waren 
noch in ihren Amtern, als jetzt der Konig von ihnen einen 
Wahrspruch iiber den Aufstand heischte, dem sie ja that- 
sachlich ihre Wiirden verdankten. Aber so miichtig war 
doch der Zwaug der so sehr veranderten Lage der Dinge 
noch unterstiitzt durch die Gegenwart der Kollegen von 



236 Drittes Bucb. Vierter Abschuitt. 

auswiirts, dafs sie ohne Bedenken ein Gutachten abgeben, 
das in seinen Konsequenzen den Empdrern von 1418 ans 
Leben ging. 

Die Versammlung erklarte : obwohl der Kunig aucli ohne 
sie „von seiner Herrliclikeit" soldi Eecht zu vollfiihren 
jMacht gehabt lititte, so erkiinnten sie doch nun auf dessen 
Verlangen tur Recht, dafs die, welche jene unter Anklage 
gestellten Frevel wirklich gethan hatten, dem Konige niit 
Leib und Gut verfallen wjiren, die minder Gravierten mfige 
derselbe nach Gefallen strafen; die sich der Untersuelning 
durch die Flucht entzogen batten, moge der Konig gleich- 
falls an Leib iind Gut richten, wo er ihrer niacLtig Avurde. 

Schon vorher hatte ISigisniund verscbiedene aus der Ge- 
raeine gefiingHcb einzieben lassen, einige derselben gegen 
Burgschaft wdeder entlassen, bei anderen die Annahme der 
Burgscliaft verweigert, denen aber, welcbe bereits gefloben 
waren, den 17. Februar als Termin der Vorladung bestimmt, 
worauf sie dann verfestef und gerichtet wurden. 

Obwobl nun die ersten Verhaltimgen ganz in der Stille 
vorgenonimen Avurden und man anfanglich gar niebt Avufste^ 
AA'as des Konigs eigentbebe Absicbt Aviire, so batten doch 
Aaele es fur ratsam gebalten, sich alien Fabrlichkeiten durch 
die Flucht zu entzieben, und Sigismund liefs nun, nachdem 
er das Weistum A'om 19. Februar erbalten, die Untersuchung 
beginnen, aa^o dann zunacbst von den Avirklich Einge- 
kerkerten 23 zum Tode verurteilt und am 4. Marz auf 
dem Rings an der Ecke des Elisabethkircbhofs enthauptet 
Avurden. Von den Geflllcbteten Averden dann noch drei 
Wochen spater 30 in contumaciam zum Tode A'erurteilt 
und 27 auf CAvig des Landes A'erAA'iesen , audi A'on dieseni 
Urteile alien koniglicben Beamten in den Kronlanden \'on 
Bohmen imd Ungarn Kenntnis gegeben. Hire Giiter AA'ur- 
den eiugezogen, die der Hingerichteten blieben den Ange- 
horigen. 

Die Urteile trafen Leute aus alien Innungen und doch 
auch mancbe A^on deren Hiiuptern, GescliAvorene, ja selbst 
Teilnehmer an dem Rate der letzten Jahre resp. der von 
diesem ernannten Kommissionen. Ja es Avard die ganze 
Stellung der Zilnfte zum Rate eine andere, ibre Selbstandig- 
keit gebrochen, ibre Vorrechte ihnen genommen. Eine 
koniglicbe Verordnung vom 13. Miirz verbietet die Brlider- 
schaften, die Morgensprachen der Zilnfte, entziebt ihnen die 
VerAvaltung ihrer Stiftungen, die gcAvisse bisher geiibte Po- 
lizeigeAvalt, verbietet ihnen das "NA'affentragen, iiberlafst dem 
Rate die Ernennung der beiden aus jedem HandAverke zu 



Das Strafgericht von 1420. 237 

wahlenden Vertreter, der Geschworenen und uuterwirft die 
Innimgeu durchaus der Aufsiclit des Rates. Die Fleischer 
als die Hauptanstifter der Unruhen werden gauzlich aus 
der inneren Stadt verwiesen. 

Der Rat, den Sigismund am 23. Februar 1420 ernennt, 
schlielst die Handwerker ganz aus, und nicht lange darauf 
wird sogar ahnlich wie zuzeiten Konig Johanns eine Rats- 
wahl von 24 Personen filr sechs Jahre festgesetzt, welclie 
dann zu je 8 fur das Jahr sich ablosen sollten. Die aristo- 
kratische Reaktion liatte eben vollstandig und fur die Dauer 
gesiegt. 

Ganz unzweifelliaft hat zu der Strenge, mit der hier 
Sigismund einschritt, der Wunsch, den Pragern ein drohen- 
des Quos ego! zuziu'ufen viel beigeti'agen. Hier hatte es 
nun der Konig allerdings nicht blofs mit politischen Em- 
porern zu thun, die Triebfedern waren vielmehr religiose Uber- 
zeugungen, und es war nicht zu verkennen, dafs die Stand- 
haftigkeit, mit der Johann Hus fur diese Uberzeugungen in 
den Tod gegangen war, die Bewegung machtig entfacht 
hatte, und dafs die Schuld, welche Sigismund an dem Tode 
von Hus trug, ihn den Bohmen besonders verhafst machte. 

In des Konigs Umgebung waren die Meinungen dariiber, 
wie man sich der hussitischen Bewegung gegeniiber ver- 
halten solle, nicht ungeteilt, und selbst sein treuer Ratgeber 
Friedrich von HohenzoUern, Kurfiirst von Brandenburg, soil 
fur Konzessionen in den kirchlichen Dingen namentlich in 
der allmahlich bei den Hussiten in den Yordergrund ge- 
tretenen Frage des Abendmahls unter beiderlei Gestalt ge- 
stimmt haben, beziiglich deren man Avenigstens die Ent- 
scheidung einem kiinftigen Konzile iiberlassen konne, und 
die bohmischen Herren, die hier in Breslau anwesend waren, 
thaten natiirhch alles, um irgendwelche Verstandigung herbei- 
zufuhren. 

Aber Sigismimd war doch in der Atmosphare von An- 
erkennung und Zustimmung, die ihn hier in Breslau umgab, 
zu sehr von Hoffmmgen auf sicheren Erfolg berauscht, um 
sich lastige Zugestandnisse abgewinnen zu lassen. Mit den 
Kraften von Ungarn, Mahren und Schlesien, mit der Unter- 
stiitzung des Deutschen Reiches, wo allerorten die fanatischen, 
selbst (£e heiligen Statten bedrohenden Ausschreitungen der 
Taboriten und ihre Verfolgung der Deutschen Unwillen er- 
regt batten, glaubte er um so sicherer den bohmischen Auf- 
stand niederschlagen zu konnen, wenn er nun auch die 
Kirche sich fest verband und diese bewog, ihre machtige 
Stimme zu seinen Gunsten zu erheben. Aber als Preis 



238 Drittes Buch. Vierter Abschnitt. 

dieses Bcistandes verlaugte die Kirche vollste Entschieden- 
heit in dem Streben, die verderLliche Ketzerei auszurotten. 
Den Kouig Sigismiind hatte zunachst schon der Papst 
]\rartin V. durch das Zugestiindnis des zehnten Teiles des 
Jahreseinkoniniens aller geistlichen Plriinden in den boh- 
niischen Kronlanden sich verpflichtet und jetzt einen Anfruf 
zu einem Kreuzzuge an alle Gliiubigen zugesagt. Uni so 
mehr tiihlte jener sich verpflichtet, fur seinen rechtglaubigen 
Eifer ein sprechendes Zeugnis abzulegen. Eine Gelegenheit 
fand sich hier in Breslau. 

Ein Prager Gastwirt, Johann Krasa, der sich gerade in 
Breslau in Geschal'ten aufhielt, hatte das Kostnitzer Konzil 
wegen der VerurteiUing von Hus geschmaht und sich fur 
das Abendmahl unter beiderlei Gestalt ausgesprochen. Er 
ward dennnziert, gefangen und in Anklagezustand versetzt^ 
und da er Widerruf wcigerte , als hartniickiger Ketzer 
zum Tode verurteilt und liier am 15. Milrz 1420 auf dem 
Scheiterhaufen verbrannt. Zwei Tage spiiter am Liitare- 
sonntag Avard dann hier ganz direkt das Kreuz gegen die 
Hussiten gepredigt auf Grund einer besonderen BuUe Papst 
Martins V. 

Diese Ereignisse enthielten thatsachhch eine vollstandige 
Absage an die brihmischen Herren, welche nun auch erzlirnt 
die kitadt verliefsen und damit das Signal zum Beginne 
jener unheilvollen Kiimpfe gaben, die dann lilnger als- 
ein Jahrzehnt von 1420 — 1434 schwere VerwUstungen iiber 
Schlesien gebracht haben, wenngleich es sich in der ersten 
Periode dieser Kiimpfe von 1420 — 1425 zunachst nur um 
Angriffskriege gegen Bdhmen handelt. 

Die Bohmen beeilten sich natiirlich, die Vorgiinge in 
Breslau gegen Sigismund zu verwerten. Ihr Manifest klagte 
liber die Enthauptung unschuldiger Burger, welchen Konig 
Wenzel bereits Amnestic gewiihrt habe, die grausame Hin- 
richtung Krasas und vor allem „das blutige Kreuz, das die 
Kirche, nicht mehr ihre IMutter, sondern nur noch ihre 
Stiefmutter, jiingst in Breslau mit grausamen Hilnden gegen 
sie erhoben habe". Es half Sigismund sehr wenig, dafs an 
der Stelle der Taboriten die bohmische Aristokratie zunachst 
an die Spitze der Bewegung kam 5 wenn diese den religiosen 
Gegensatz etwas weniger stark betonte, so legte sie dafiir 
um so grolseres Gewicht auf die czechische Nationalitat, 
und Bohmen flir ein Wahlreich erkliireud, boten sie dem 
Kcinige von Polen die Krone des heiligeu Wenzel an. 

Die Schlesier waren in dem guten Willen, ihrem HeiT- 
scher Beistand zu leisten, voUkommen eiuig; sie hatten auch 



Kreuzzug gegen die Hussiten. 239 

in cler That vollen Grund; cler von den Bohmen geplanten 
neuen Ordnung der Dinge zu widerstreben^ welche ihnen 
fur alle Zukunft die Aussicht eroffnete, aus der Hand einer 
ausgesprochen deutschfeindlichen Adelsversamniluug den Herrn 
zu empfangen, der sie regieren sollte. In der Bekjimpfung 
der Hussiten stritten sie fur das Erbrecht der Luxemburger 
und damit zugleich fur das Prinzip, das sie einst zur Unter- 
werfung unter die Krone Bohmens gefuhrt hatte, wo es sicli 
doch an erster Stelle um den Schutz ilirer deutschen Na- 
tionalitat gegen die Slaven gehandelt hatte, wiihrend jetzt 
das Slaventum iiber diese Krone zu gebieten unternalini. 

Obwohl nun aber die Schlesier ihren Konig vom ersten 
Augenblicke an eifrig unterstiitzten^ so war doch der Erfolg 
kein glanzender. Der Feklzug des Jahres 1420 gegen 
Prag, den Sigismund mit um so grofseren Aussichten unter- 
nommen hatte, da die beiden Festen der Stadt, der Hradschin 
und der Wyschehrad, sich noch in den Handen seiner An- 
hanger befanden, war eigenthch schon als miiskingen anzu- 
sehen, nachdem am 14. Juli ein Angritf auf den Witkower 
Berg (seitdem Zizka-Berg) im Nordosten der Stadt an 
dem Genie des grofsen Heerfiihrers Ziska, der die artiile- 
ristischen Feuerwatfen auf die wirksamste Weise zum 
Schrecken seiner Feinde anzuwenden verstand, gescheitert 
war. Es half nun Sigismund wenig^ dafs er sich am 28. Juli 
auf dem Hradschin kronen liefs, er konnte der emporten 
Stadt nicht Meister werden, der Sieg hatte seinen Gegnern 
neuen Mut gegeben, wiihrend seine deutschen Hilfsvolker 
ungeduldig abzogen; und als er dann seine Hofiiiung auf 
eine giitliche Verstandiguug setzte, auf die ihn ein Teil der 
bohmischen Adeligen, die mit der Partei Zizkas nicht iiber- 
einstimmten , vertrostet batten , zeigte es sich doch , Avie 
driickend die Verpflichtungen waren, welche er ohne rechten 
thatsachlichen Vorteil der Kurie gegeniiber eingegangen war; 
die Verstandigungen scheiterten, und ein letzter Versuch, mit 
Waffengewalt, den Wyschehrad zu entsetzen, endigte am 
]. November 1420 mit einer neuen Niederlage. Der Feld- 
zug Avar verloren , die Macht der Aufstandischen unbe- 
zwungen. 

Das folgende Jahr 1421 brachte dann Avohl eine festere 
Organisation der Schlesier zu krieg-erischem Zwecke, in deren 
Interesse dann audi der Kcinig 1422 zum erstenmale einen 
Landeshauptmann flir ganz Schlesien in der Person des 
klugen und thiltigen Breslauer Bischofs Konrad, Herzogs von 
01s, ernannte, fiihrte aber thatsachlich zu nichts weiter als 
verwustenden, durch unnlitze Grausamkeiten befleckten Ein- 



240 Drittes Bucb. Viertcr Abscliuitt. 

fallen in Bohmeu 1421 ohue weitere Konsequenzen und 1422 
zu einem nicht besser endenden Feldzuge unter Kurfurst 
Friedrich von Brandenbiu'g und Markgraf Wilhelm von 
Meifsen, bei deren Heerhaufen auch die Schlesier standen. 

Am Eifer der Schlesier lag es im Grunde nicht; die 
Breslauer, Schweidnitzer und Keifser verstanden sich ihren 
Privilegien entgegen zum Kriegsdienste aufserhalb der 
Landesgrenzen, duldeten im Widerspruche mit ihren Tra- 
ditionen den Oberbefelil in geistlicher Hand, ja einer der 
schlesischen Flirsten, Johann von Ratibor, ging in seiner 
Aufopferung sogar so weit, auf den Wunsch Sigismmids 
bohmische Edelleute, welche auf dem Wege nacli Polen, 
wo sie die Krone wiederum d«m Kcinige Wladyslaw resp. 
dessen Vetter, dem Groisiursten von Litauen, anbieten soil- 
ten, durch Ratibor kamen, dort gefangen nehmen zu lassen 
und trotz aller polnischen Drohungen an Sigismund aus- 
zuliefern. Es war eine verwegene Handlung; es hatte 
scliAverlich jemand den Hei'zog wirksam geschiitzt, vvenn 
die Polen Ernst gemacht hiitten, doch Konig Wladyslaw 
mochte sich schon im Hinblick auf seinen strengglaubigen 
Klerus nicht fiir die hussitischen Ketzer ernsthaft ins Feuer 
begeben , und der Arm seines mehr bohnienfreundlichen 
Vetters von Litauen war weit. Wladyslaw hat es wohl 
aufi-ichtig gemifsbilligt, als sein Neffe Sieginuud Korybut 
1422 nacli Bohmen zog als Vertreter des zum Konig postu- 
lierten Grofsfiirsten Witold. 

Aber obwohl der Prinz noch vor Ablauf des Jahres 
1422 nicht ohne mannigfache Enttauschungen nach Krakau 
zuriickkehrte ; so traf die Polen doch seitdem grofses jMifs- 
trauen, und infolge davon liefs sich der im Planemachen 
immer grofse Konig Sigismund von dem Hochmeister des 
Deutschen Ordens 1423 zu einem gi'ofsen Bunde gegen 
Polen bewegen, zu dem dann auch die Ungarn bereitwilhg 
die Hand boten, und bei dem auch auf die schlesischen 
Fiirsten Avieder bestimmt gerechnet wurde. Es war dabei 
ernstlich auf eine Losreifsung verschiedener Landesteile von 
Polen abgesehen, auch erschrak Konig Wladyslaw wirklich 
auf die Kuude davon und suchte durch eine personhche 
Zusammenkunft mit Sigismund den Stui*m zu beschworen, 
was ihm auch gelang. Dafur sagte er thathchen Beistand 
gegen die Bohmen zu. Allerdings ward nicht viel daraus; 
des Konigs SchAviegersolm und Heifer Albrecht von Oster- 
reich mochte von der polnischen Bundesgenossenschaft nichts 
wissen, nachdem ein zweiter Zug des Prinzen Korybut nach 
Bohmen (1424) wieder neues Mifstrauen erregt hatte, und 



Beginn der Raubziige nach Schlesieu. 241 

Sigismund, den jetzt sein Konflikt mit den Kui'fursten aller 
Hilfe vom Reiclie her beraubte, war sehnell bei der Hand 
mit dem Worte: „Wollte unser Bruder, der Konig von 
Polen, so mochte die Ketzerei zu Bohmen nieht so grofs 
sein/' 

Es war nun erklarlich genug, dafs die Hussiten, die 
jetzt fiinf Jahre lang ihr Land Bohmen vollkommen sieg- 
reich gegen alle Augriffe verteidigt batten, allmahlich durch 
das steigende Bewufstsein ihrer Macht auch auf den Ge- 
danken gebracht wurden, die versuchten Einfalle ihrer Gegner 
in ihr Land zii erwidern, schon um jetzt auch fremde 
Lande zur Erniihrung der immer mehr anschwellenden 
Kriegshaufen heranzuziehen, und so beginnt denn nun eine 
zweite Epoche dieser Kriege, namlich die der Raubziige 
nach Schlesien 1425 — 143 0. Im Jahre 1425 be- 
kampften die Hussitenheere in Bohmen selbst mit grofsem 
Erfolge die Schlosser verschiedener Edelleute, die zugleich 
in einem gewissen Einverstandnisse mit Prinz Siegmund 
Korybut die Moglichkeit einer glltlichen Verstandigung mit 
Konig Sigismund nicht aufgeben wollten. An diesen Kampfen 
hatte auch der Hauptmann des Glatzer Landes Puota von 
Czastolowitz, wohl der ttichtigste Kriegsmann jener Zeit auf 
der schlesischen Seite, thatigen Anteil, und vielleicht war es 
eben die Entfernung der Glatzer Kriegsmannschaften, welche 
dann die Bohmen zu einem Einfalle in diese Grafschaft 
lockte. Im Dezember 1425 ward derselbe von dem Konig- 
gratzer Aufgebote unter der Fiihrung des fanatischen Prie- 
sters Ambrosius ausgefiihrt, wir lesen, dafs das kleine Stadt- 
chen Wtinschelburg erobert, Wartha, bereits damals ein be- 
liebter Wallfahrtsort und Propstei des Klosters Kamenz, 
ausgepliindert und auch das Kloster selbst gebrandschatzt 
worden ist. 

Genaueres erfahren wii' hierbei nur liber das erstgenannte 
Stiidtchen Wiinschelburg , dessen Schicksal bei dieser Ge- 
legenheit uns von einem Zeitgenossen mit einer Ausfiihr- 
lichkeit und Anschaulichkeit geschildert wird, wie wir sie 
sonst sehr vermissen. Die kleine Stadt versuchte Wider- 
stand j^ als die Hussiten am 1. Dezember 1425 vor ihren 
Thoren erschienen, aber am Tage darauf brachen dieselben 
eine Bresche in die Mauern, und die geangstigten Einwohner 
fluchteten sicli allesamt in das geraumige steinerne Haus des 
Vogtes, die Stadt selbst den Flammen preisgebend. Bald 
auch da von den Feinden eingesclilossen , dachte man an 
Kapitulation, und der Vogt Nikolaus Oblcr ward in einem 
Tuche an Stricken herabgelasseu, um zu unterhandeln. Die 

Grunhagen, Gescli. Sclilesicns. I. lo 



242 Drittes Buch. Vierter Absclniitt. 

Bedingimgen, -vvelclie er erlangen konnte, waren Frciheit 
fur Weiber und Kinder, Gei'angenschaft durch Geld losbar 
fvir die Manner mit Aussehlufs der ,,Pfaffen", denen die 
Hussiten keinen Pardon geben wollten. Nun befand sich 
unter den Geflilchteten auch der greise Pfarrer Herr Ni- 
kolaus Megerlin; ihn hatte, als es noeli Zeit zu fluchten ge- 
wesen wiire, seine Gemeine beschworen, sie als guter liirte 
nicht zu verlassen und treues Ausharren bei ihni gelobt; er 
wufste, dais er kein Erbarmen zu hoffen habe. Der Fllhrer 
der Gegner war sein personlicher Feind, den er, der friiher 
in Kuniggriitz amtiert hatte, als Ketzer verfolgt hatte. Jetzt 
liefsen die Wiinsclielburger in der Todesangst ihn im Stiche, 
vergebens von ihm zu todesmutigem Kanipte gemahnt. Aber 
den Vorschlag der Frauen, ihn in Weibertracht vermummt 
in ihrer Schar mit fortzubringen, wies er als seiner un- 
wiirdig zuriick, wahrend seine beiden Kaplane diesen Ret- 
tungsversuch Avagten, bei dem dann der eine erkannt und 
niedergemacht wurde, wahrend der andere entkam. 

Dem Pfarrer wollte der Hussitenfuhrer das Leben schen- 
ken, wenn er seinen Glauben abschworen wolle, doch Hen 
Megerlin spracli : ,, Das wolle Gott nicht, dafs icli widerrufen 
wollte die Wahrheit unseres heutigen Christenglaubens uni 
dieser kurzen Pein willen. Ich habe gelehrt und gepredigt 
die Wahrheit zu Prag, zu Gorlitz, zu Koniggratz, fiir die- 
selbe Wahrheit will ich lieber sterben." Darauf unigiirteten 
die Ilussiten ihn rings mit Stroh und steckten dasselbe in 
Brand, dafs er als lebendige Fackel umhertaumelte , bis er 
tot zusamnienbrach. Dann warf man die Leiche in ein© 
Braupfanne voll siedenden Wassers und liefs darin auch 
einen alten Dorlpfarrer, den man hier mit gefangen hattej. 
ein qualvolles Ende linden. 

Wenn wir ein Gefuhl des Abscheus iiber solche barba- 
rische Art von Kriegfuhrung kaum zuriickdriingen konnen, 
so zwingt uns doch die historische Gerechtigkeit nicht zu 
verschweigen, dafs gerade die Gegner der Hussiten, insonder- 
heit die Schlesier, hier mit dem iibelsten Beispiele voran- 
gegangen sind, dafs dieselben gleich bei ihrem ersten Ein- 
falle in Bohmen 1421 die ersten Gefangenen, welche sie 
gemacht, verbrannt haben, und dafs Sigismund noch im 
Jahre 1424 ein Edikt erlassen hat, die Schlesier sollten 
jeden, den sie trafen, und der in Wahrheit ein Ketzer sei^ 
„an Leib und Gut aufhalten, tilgen und grliudlich ver- 
derben, wie dies Ketzern gebiihre", auch das Gut eine& 
solchen ohne weiteres an sich nehmen. 

Das Jahr 1426 ist nur durch einen kurzen Streifzug 



Hussitischer Einfall von 1427. 243 

der Czechen liber die schlesische Grenze bezeichnet, der 
aber doch hinreichte, um die Stadt Landshut in Asche zu 
legen. 1427 machen dann die Schlesier im Zusammenhange 
mit den neuen im Reiche begonnenen Riistungen ganz be- 
sondere Anstrengungen. Zu Strehlen vereinen im Februar 
sich fast alle schlesischen Stande zu eineni umfassenden 
Aufgebote, von dem niemand ausgeschlossen sein soil, >;der 
irgend vor Jugend oder Alter kann"; und wo immer der 
funfte Mann mitziehen soil, den dann die Zm-iickbleibenden 
auszurtisten haben. Die koniglich gesinnten bohmischen 
Herren in Bohmen scliliefsen sich dann in einem besonderen 
Vertrage dieser Einigung an. 

Doch ist dieser Anschlag in voUer Ausdehnung niemals 
znr Ausfiihrung gekommen, und was davon an Riistungen 
thatsachlich zustande kam, hat sich schlecht bewahrt, als 
die Hussiten, allerdings angeblich in der ansehnlichen Starke 
von 18 000 Mann, unter der Flihrung von Welek Kaudelnik 
von Brzeznik im April 1427 gegen Zittau, eine der den 
Schlesiern in jener Zeit eng verblindeten Oberlausitzer 
Sechsstadte, heranriiekten. Zittau widerstand, aber Lauban 
ward am IG. Mai mit stiirmender Hand genommen, wobei 
dann eine grofse Anzahl Menschen erschlagen wurden. Da- 
gegen hielt sich Lowenberg, obwohl die Hussiten 300 der 
Stadt zuhilfe gesandte Soldner beim Uberschreiten des Bobers 
abgeschnitten und dann grofstenteils aufgerieben hatten. 

Vor Goldberg hatte das aus den Fiirstentlimern Liegnitz 
und Schweidnitz-Jauer zusammengebrachte Heer die Feinde 
erwarten wollen, aber ehe man noch handgemein wurde, 
wandten die schlesischen Soldner sich zur Flucht. Viele 
Gefangene und der gesamte Trofs geriet in die Hande der 
Hussiten, welche die ganze Gegend auspllinderten und ihre 
Beute dann auf bohmischen Boden in Sicherheit zu bringen 
suchten, indem sie an Jauer und Bolkenhain vorbei den 
Landeshuter Pafs aufsuchten, ohne dafs der grofse Zug mit 
der fortgeschleppten massenhaften Beute von der gewafFneten 
Macht der Schlesier in den Engpiissen des Gebirges aufge- 
halten worden ware. In der That macht sich der blinde 
Schrecken, der ja z. B. am 4. August 1427 bei Tachau 
das Reichsheer beim ersten Nahen der gefiirchteten Feinde 
die wildeste Flucht ergreifen lafst, auch hier allerorten 
geltend. 

Solcher Kleinmut aufseite der Landesverteidiger mufste 
die Feinde locken, und schon im nachsten Jahre 1428 ward 
ein grofser Raubzug unternommen, der jetzt Schlesien in seiner 
gauzen Ausdehnung traf. Hussitenschwarme, die im Winter 

16* 



244 Drittes Buch. Vierter Abschuitt. 

1427/28 in Ungarn eingcfallen waren imd sich dann in 
Mahren mit den dort karapfcnden Bohmen vereinigt hattcn, 
drangen aiif der gi'ofsen Strafse, die von ]\Iahrcn nach 
Sclilesien flllirt, an Troppau vorbei in Schlesien ein. Nir- 
gends wagte man es, ihnen in offenem Felde entgegen- 
zutreten. 

Wohl vermochte sich die Ilauptstadt dieser Gegend, 
Troppau, hinter ihren ]\[auern zn halten, doch sonst lag das 
ganze linkc Odeinifer in Oberscblesien Avehrlos den AngrifFen 
der Feinde offen, nur dafs hier und da die Landest'iirsten 
durch Geldzaldungen sich Schonung erkauften, Avie dies 
z, B. die Troppauer Herzcige fiir Leobschiitz und Griitz er- 
zielten. Katscher , Neukirch und die Leubuser Propstei 
Kasimir wui'den verbrannt, und als Ober-Glogau, die Residenz 
des jiingeren Oppehier Herzogs Bolko, Widerstand wagte, 
ward es am 13. Miirz rait stiirraender Hand eingenommen 
und an 1000 ]\ranner gefangen fortgeschleppt , woraut' dann 
Bolko sich beeilte, seinen Frieden mit den Hussiten zu 
macben. Wahrend darauf Streifcorps zur Hnken Hotzenplotz 
und Neustadt pliinderten und zur rechten Klein - Strehhtz 
und Krappitz, walzte sich das Hauptcorps von Ober-Glogau 
liber Ziilz und Steinau, wo dann auch die bischofliche Burg 
Greisau erobert ward, dem Bischofslande und dessen Haupt- 
stadt Neifse zu. 

Vor Neifse vereinigten die Hussiten alle ihre Kriegs- j 
haufen, deren manche auf requirierten Wagen eilig herbei- ' 
kamen. Die Schlesier, welche in Neifse die Streitmacht 
des Bischofs, 400 gewappnete Pferde der Breslauer, einige 
Fahnlein der Liegnitzer unter dem Johanuiter Rupprecht 
und Ludwig von Ohlau und Glatzer Mannschaften unter 
dem Hauptraann Puota von CzastoloAvitz vereint batten, 
wagten am 18. Marz den Kampf, schon um ibren Wagen- f 
park vor der Stadt zu verteidigen ; doch des Biscbofs be- 
watFnete Bauern ergriffen die Fluclit, der Wagenpark ward 
weggenommen, die Vorstiidte gingen in Flarameu auf, viele 
Gefangene blieben in der Feinde Handen; kaum dafs die 
urasichtige Tapferkeit Puotas von Czastolowitz die Neustadt 
zu retten vermochte. 

Wahrend nun Bischof Konrad den Uj ester Halt ver- 
pfanden mufste, um das Losegeld fiir seine Gefangenen zu 
beschaffen, ward sein Land auf das furchtbarste heim- 
gesucht, die Kirchcn und Herrenhcife alleroiien verbrannt, 
Ziegenhals, Weidenau, Ottmachau (wo sich das auf dem 
Berge gelegene Schlofs hielt), Patschkau eingeaschert und 
von dem Mlinstez'berger Lande und Strehlen nur durch Geld- 



Der grofse Raubzug vou 1428. 245 

zahlimgen gleiches Verderben abgeAvendet. Die Hussiten 
entsandten ein Streifcorps nach Falkenberg, das gleichfalls 
in Triimmer gelegt ward, wahrend das Gros des Heeres ilber 
Grottkau, das auch der Zersturung anbeimfiel, vor Brieg 
riickte (2G. Miirz). 

Der Herzog von Liegnitz-Brieg, Ludwig II., hatte nacb 
der ungiilcklicben Affaire bei Neifse den Mut verloren, die 
Stadt zu balten. Die Einwohner fllicbteteu sicb und ihre 
beste Habe liber die Oder, deren Briicke sie abbrachen, und 
iiberliefsen die verlassene Stadt den Feinden, die dann, 
uacbdem der kleine Teilfurst von Oblau (gleichfalls ein 
Ludwig) dnrch Geld die Pliinderung seines Gebietes abge- 
wendet durcli das Sti'ehlen-Miinsterberger Gebiet gen Eeichen- 
bach zogen, wo sie den grolsten Teil der zusammeuge- 
schleppten Beute nacli Bohmen entsandten, aber zugleich 
aucli selbst um Ostern (Anfang April) einen ansehnliclien 
Zuzug aus Bohmen erhielten. Dieser Heerhaufen kam dnrch 
die Grafschaft heran, wo er mehrere Burgen gewann, die 
Schlosser Landfried (Hummelschlofs) und Hradisch bei Levin 
(an das jetzt nur nocli der Name Eatschenberg erinnert), 
angeblich auch den Karpenstein bei Landeck, das alte Be- 
sitztum der Familie Glaubitz, deren Wappen, ein Fisch, mit 
der Burg in Verbinduug gebracht wird. Glatz hatte sich 
einer ernstlichen Belagerung tapfer erwehrt, die Einwohner 
batten das Minoritenkloster vor der Stadt, das den Feinden 
leicht hatte einen Stutzpunkt gewiihren konnen, noch recht- 
zeitig geschleift, und Puota von CzastoloAvitz leitete umsieh- 
tig die Verteidiguug, wahrend der Augustinerprior Heinrich 
Vogtsdorf durch mutigen Zuspruch die Bewohner, die schon 
kleinmlitig zu werden begannen, wieder aufrichtete und an- 
feuerte. Ein besonders schweres Schicksal bereiteten die 
Hussiten am 30. Marz dem Kloster Kamenz, das sie jetzt 
grundhch auszupliindern und eiuzuascheru sich die Zeit 
nahmen. Die Monche, welche zuriickgeblieben Avaren, fan- 
den fast siimtlich den Tod ; am 2. April ward daim auch 
Frankenstein in Asche gelegt. Dem Subprior der dortigen 
Dominikaner, Nik. Carpentarii, der den Feinden ins Ge- 
wissen zu reden gewagt hatte, liefs man auf einem aus den 
Triimmern von Altiiren errichteten Scheiterhaufen den 
Flammentod sterben. 
I Das dann in dem von seinen Einwohnern gleichfalls 

! verlassenen Reichenbach vereinigte Hussitenheer gewann dar- 
auf das Schlols auf dem Zobten , das seine Verteidiger frei- 
willig preisgegeben batten. Die Hussiten dagegen meinten 
es als Stutzpunkt fernerer Operationen zu behaupten, ver- 



246 Drittes Buch. Vierter Abschnitt. 

starktcn seine Mauern uud lielsen hier eine starke Besatzung 
zuriick, die sie wohl verproviantierten, insoferu sie die Dorfer 
der Umgegend, die Augiistinerpropstei Gorkau, sowie die 
Stadtchen Zobten und Cantli auspliinderten. Dana aber warfen 
sie sich mit ihrer ganzen Maclit kiihn in die JMitte Schlesiens 
zwischen Neumarkt und Parchwitz, um so eine Vereiuigung 
der Streitkriifte, -welche die Schlesier einer- und die Ober- 
lausitzer anderseits endlich gesamraelt batten, zu verhindem. 
Sie erreicbten ibren Zweck voUkommen, selbst als die Hus- 
siten weiter gegen das Gebirge in die Gegeud von Jauer 
zui'Lickgingen, wagteu sicb die Scblesier nicbt Aveiter vor, 
als niitig war, um Licgnitz zu decken, und die Oberlausitzer 
scheucbte eine kleine Bewegung der Bobraen gegen Lowen- 
berg weit liber den Bober ziu'iiek. Angstvoll sebrieben sie 
damals: „Die Waude zwiscben uns und Scblesien brennen, 
die Axt ist an den Stamm unseres Gedeibens gelegt." Am 
24. April erlag dann Haynau, von seinem Ilerzog, dem Jo- 
banniterritter Kuppreclit, mutlos im Sticbe gelassen. Den Ver- 
sucb der Burger, sicb zu webren, racbten die Hussiten durch 
ein furcbtbares Blutbad. Der macbtige massive Pfarrtm'm, 
auf dem sicb 15 Biirger tapfer gegen alle Angritfe ver- 
teidigt haben sollen, stebt nocb beute. Bunzlau ward auf 
die Nacbricbt dann von seinen Bewobnern verlassen und 
selbst in Brand gesteckt. 

Dagegen fanden die Hussiten einen unerwarteten Wider- 
stand vor dem kleinen Liiben, das ebenso wie Steinau an 
der Oder sicb zu balten vermocbte. Die Oder aufwarts 
erscbienen jetzt die Feinde zum erstenmale vor der Laudes- 
hauptstadt Breslau. Die Stadt, in der zablreicbe Fllicbt- 
linge aus ganz Scblesien Zuflucbt gefunden batten, durfte 
auf die Festigkeit ibrer Mauern vertrauen, aber die dicbt 
bevolkerte Umgebung ringsum war webrlos den fui'cbtbar- 
sten Verwiistungen preisgegeben, und ohne Riicksicbt auf 
friibere Vertrage ward jetzt aucb der Weg slldlicb nach 
Bobmen bin, den die Hussiten zogen, auf das scbi'eckbcbste 
beimgesucbt. Wie es scbeint, baben sie dann ]\liene ge- 
macbt, von Frankenstein aus wieder durcb das Keifsescbe 
und Oberscblesien ziu'iickzukebren imd, um das abzuwenden, 
bequemte sicb die Mebrzabl der oberscblesiscben Herzoge 
zu Vertragen, welcbe dann deren NeutraUtat, also ibr Feru- 
bleiben von den weiteren Rllstungen des Landes, festsetzten. 
Vertrage, die allerdings von anderen Hussitenfilbrern nicht 
respektiert und so bald wieder binfaUig geworden sind. 

Um Pfingsten erreicbten die bobmiscben Scbaren wieder 
die beimiscben Grenzen niit sehr grofser Beute. Die 



Der grofse Raubzug vou 1428. 247 

Kinder, die sie mit forttrieben, zahlten nach vielen Tau- 
senden. 

Nacli ihx'em Abzuge brachen die Schlesier auf, um das 
Zobtenschlofs , in dem die Hussiten eine Besatzung zurilck- 
gelassen, wieder einzimehmeu , doch naclidem man an vler- 
zehn Tage vor der Burg gelegen und von einem heran- 
kommenden bolimischen Entsatzheer borte, war man froh, 
das Schlofs durch eine Kapitulation zu gewinnen, welche 
den Verteidigern sicheres Geleit bis an die Grenze zusicherte. 
Die Befestigungen wnrden geschleift. 

Einen besseren Erfolg vermochten nach den wenig ruhm- 
voUen Ergebnissen dieses Jahres die Oberlausitzer nocli zu 
erringen. Durch schlesischen Zuzug verstarkt (Herzog Hans 
von Sagan und Eitter Schaffgotsch vom Greifenstein werden 
uns genannt) iiberiielen sie einen Kriegshaufen der Hussiten 
unweit Kratzau am 11. November 1428 und rieben den- 
selben nahezu auf, so dafs wenigstens der Nimbus der Un- 
besiegbarkeit, hinter dem sich die Mutlosigkeit so gerne 
versteckte, zerstort ward. 

Aber das Jahr 1428, das schlimmste in dem Kriege, 
sollte nicht zu Ende gehen, ohne den Schlesiern noch einen 
schweren Schlag zu bringen. Im Dezember hatte sich im 
Schutze des Hummelschlosses ein bohmischer Kriegshaufe 
zusammengefunden, welcher sich dann auf der Strafse nach 
Glatz bis gegen Schwedeldorf vorscliob und dort etwa vier- 
zehn Tage unthafig liegen blieb, sich auf die Aussaugung 
des Landes beschrankend. Sie warteten, dafs Verbindungen, 
welche sie unter der Dienerschaft der nach Glatz gelltich- 
teten koniglich gesinnten bohmischen Edelleute hatten, ihnen 
die Stadt in die Hande spielten. Aber dieselben wurden 
entdekt und mit blutiger Strenge gestraft. Inzwischen 
mahnte der Hauptmann von Schweidnitz , Albrecht von 
Kolditz, der Schwiegervater des tapferen Puota von Czasto- 
lowitz, dringend dazu, die Hussitenschar, deren Starke er 
nicht hoch anschlug, mutig anzugreifen, und der Erfolg von 
Kratzau, an dem Albrecht selbst nicht geringen Anteil hatte, 
mochte zu kiihnerem Auftreten ermutigen. Wirklich sam- 
melte sich unter Herzog Johann von MiVnsterberg ein kleines 
Heer, der letztere hatte seine Lehensleute aufgeboten, der 
Bischof Konrad desgleichen, die Breslauer und Schweidnitzer 
hatten Scildner geschickt. Ein unverrauteter Uberfall sollte 
den Bnhmen am 27. Dezember bereitet werden. Doch diese 
waren gerlistet, und als die Schlesier bei schon anbrechen- 
der Dunkelheit unweit Alt-Wilmsdorf an die Feinde heran- 
kamen, empfing sie aus der wohlkonstruierten Wagenburg, 



24S Drittes Buch. Vierter Abschnitt. 

auf cler die Hussiten alle ihre Schiefswaffen vereinigt hatten, 
ein so tiu'chtbares Feuer, dafs der AngrifF sich schnell ziu* 
Avilden Flucht kelirte, worauf dann die Bohmeii eilig zur 
Verlblgung iibergingen. Beim Flammenscheine der von 
ilmen angeziindeten nachsten Dorfei- lasen sie, wie ein Chro- 
nist erzalilt, von den beschneiten Feldern die Fliehenden auf 
wie die Hiihnlein. Als Herzog Hans auf der Flucht ilber 
einen Graben setzen Avollte, hinderte die Schwere der Rll- 
stung sein Rofs, den jenseitigen Rand zu erklimmen, die 
nachsetzenden Feinde ereilten und erschlugen ihn. Mit ihni 



fc)"^ 



sank der letzte Sprofs des Geschlechtes, das einst der tapfere 
Bolko I. von Schweidnitz-Jauer begrllndet hatte, ins Grab. 
Hunderte von Streitern teilten sein Schicksal. Der erstc 
Versuch der Schlesier, in offener Feldschlacht den Feinden 
zu begegnen, hatte ein fiu'chtbares Ende genommen. 

Die Scbaren der Sieger ergossen sich bakl durch deu 
Warthapafs in die schlesischen Gefilde. Abermals ward 
Brieg heimgesucht, vind wenn es den Breslauern gelang, der 
hussitischen Vorhut in Ohlau eine Schlappe beizubringen. 
so diente das nui- dazu, den Zorn der Feinde zu reizen. 
Ohlau Avard, als das Gros des Heeres uachrilckte, den 
Flammen ubergeben, und das ganze kleine Land des jilngeren 
Ludwig, der hier als Herzog gebot, gi'lindHch „verderbt", 
auch Strehlen, Milnsterberg, so wie das von den Monchen 
verlassene Kloster Heinrichau in Asche gelegt, die Stifts- 
giiter fiu'chtbar ausgeplilndert, selbst das zur Verteidigung 
giinstig gelegene Niinptscher Sclilofs kapitulierte nacli kurzer 
Belagerung, wohl aber vermochte Schweidnitz zu wider- 
stehen. Erst in der zweiten Halfte des Februars 1429 ver- 
liefsen die schlimmen Giiste wieder den schlesischen Boden, 
und nur ein Zipfel von Niederschlesien Avard in diesem 
Jahre dann von ihnen heimgesucht, wobei die Stadt Bunzlau, 
Avelche jetzt GegenAvehr versucht hatte (den 18. Juni), dafiir 
dadurch gestraft ward, dafs man die Biirger, die dem 
Tode im Kampfe entgangen, als Gefangene nach Bohmen 
schleppte, von wo dann die, Avelche den Entbehrungen der 
Haft nicht erlagen, erst 1430 zuriickkehrten, nachdeni es 
inzwischen doch gelungen Avar, noch 300 Mark als Losegeld 
filr sie zusammenzubringen. 

Mit dem lolgenden Jahre 1430 beginnt eine neue Epoche 
dieser Kampfe , eine Aveitere hohere Stufe der Drang- 
sale, Avelche die Schlesier damals trafen, bezeichnet durch 
dauernde Festsetzungen der Hussiten an A^erschiedenen Stellen 
des ungliicklichen Landes , Avelche so die Not und den. 
Schrecken permanent machten imd zum Teil, Avie dies von 



Festsetzungen tier Hussiteu iu Schlesieii. 249 

den Eroberungen polnischer Parteiganger in Oberschlesien 
gesagt Averclen mnls, zngleich die Gefahr Avirklicher Landes- 
verluste in sicli schlossen. 

Im Jahre 1430 war von Uugarn herkommend ein 
grofseres hussitisches Heer in Oberschlesien eingefallen. Sein 
Anfuhrer war ein Pole, Dobko Puchala, Avelcher schon 
friiher in die Dienste der Bobmen getreten bier zu bobe- 
rem Eange sicb autgescbAvungen batte. Unter seine Fab- 
nen liibrte die Lust am Kriegsbandwerke und die Aus- 
sicbt auf Beute zablreicben Zuzug aus Polen, vind auf dem 
recbten Oderiifer stiefs audi nocb ein besonderes Corps zu 
ibm, das der polniscbe Prinz Siegmund Korybut, nacbdem 
seine ebrgeizigen Plane in Bobmen gescbeitert waren, in 
Polen gOAvorben batte und nun beraniiibrte. Als dritter im 
Bunde gesellte sicb dann bald zu ibnen der jiingere Herzog 
Bolko (V.) von Oppeln, der einzige der scblesiscben Fursten, 
der mit den Hussiten gemeinsame Sacbe gemacbt bat. Ibre 
vereinigte Kriegsmacbt durcbzog dann verwllstend Ober- 
scblesien, obne Widerstand zu linden. Aber bald treten 
bestimmte Absicbten bier naber bervor. Pucbala bewog 
den Oppelner Herzog, ibm den iiufsersten Zipfel des Brieger 
Landes, das Kreuzbuiger Gebiet, das dieser erobert, zu 
iiberlassen und ricbtete sicb bier zu dauernder Herrscbaft 
ein, eroberte Konstadt, Pitscben und den Landstricb umber 
und sucbte audi nacb der scblesiscben Seite bin seine Er- 
oberungen auszudebnen, land aber vor Namslaus Mauern 
tapferen Widerstand. Seine Kriegsscbaren erganzte er obne 
Mllbe aus Polen ber, wo an kriegs- und beutelustigen Han- 
den kein Mangel war. 

Ibm zur Seite scliien aucb Prinz Korybut, wabrend er 
dem Oppelner Herzog ilberliels, sicb seineii Anteil in dem 
Neifser Biscbofslande zu erobern, auf der oberscblesiscben 
Besitzung der Herzoge von 01s, Kosel, sicb eine Herrscbaft 
griinden zu wollen. Er verfolgte offenbar Aveitergebeude 
Plane, die wir mit einem modernen Worte vielleicbt als 
panslavistiscb bezeiclmen dlirfen. Wenn seine inimer fest- 
gebaltenen Ideen einer engen Verbrixderung zAviscben den 
stammveiAvandteii Vulkern der Czecben und Polen zur 
Wabrbeit AA^urden, mocbte ibm Avobl die Griindung eines 
oberscblesiscben Lebensflirstentums nicbt allza scbAver wer- 
den. Der Polenkonig AYladyslaw Avar alt und scbwacb, und 
bei Konig Sigismund ist der Verdacbt, dais die Polen es 
docli insgebeim mit den Czecben bielten , nie erloscben. 
Recbt cliarakteristiscb ist dafilr eine Aulserung von ibm aus 
dem Jabre 1429. Als danials bei einem Besucbe, den er 



250 Drittes Buch. Vierter Abschnitt. 

dem Grofsfilrsten von Litauen machte, von einer Hilfeleistung 
der Polen gegen die Tiirken die Rede war, sagten die pol- 
nischen Gesandten: ^Gnadiger lieber Herr, sieh an das 
grofse Elend, die INIorde und das Blutvergielsen deines Lan- 
des Schlesien, da woUen wir dir lielt'en, denn sic (die Hus- 
siten) sind ilrger als Tiirken oder Heiden." Aber Sigismund 
hatte das mit fast beleidigender Scharfe zurilckgewiesen : 
„Was soil ein Slave gegen den anderen lielt'en? — Sclilesien 
ist unser, und so wollten wir der Ketzer wolil miichtig sein, 
wenn uns das gut diinken wird." 

Der sehlimmste Verdacht schien jetzt zur Wahrheit wer- 
den zu sollen, wo ein Vetter des Polenkonigs in einer er- 
oberten oberschlesischen Stadt Hot" liielt, als ware er bereits 
hier Herrscher, wo polnisehe Kriegsleute nach Hei'zenslust 
raubten und pliinderten, t'lir ihre Beute auf polnischem Bo- 
den sich bequemen Absatz suchten, auch wohl gelegentlich 
einnial ein in Polen gelegenes Kloster brandschatzten. 

Fur die Schlesier lag in dem alien eine sebr grolse Cxe- 
fahr. Es war nocli bei weitem nicht das Sehlimmste, wenn 
1480 nun auch der Teil Ubersehlesiens, der 1428 noch ver- 
schont gebheben war, schwerer Verwiistung anheimiiel, und 
viele Stadte, Avie Ujest, Tost, Peisla-etscham und das Cister- 
cienserldoster Himmelwitz mit seiuen Stiltsglltern in Asche 
gelegt wurden, es schien jetzt eine vollstandige Losreilsung 
des wenig germanisierten Oberschlesiens zu drohen. Wenn 
Polen und Czechen wirklich gemeinsame Sache machten, 
war das kaum mehr abzuwenden. Von dem Landesherrn, 
Konig Sigismund, durfte man wohl immer neue Projekte 
aber keine Thaten erwarten. Noch 1429 im April hatte er 
von einem Heere gesprochen, dais er diesen Sommer ver- 
sammeln wolle, so grofs wie man noch keines gesehen, wo 
Ungarn und das gesamte Deutsche Reich alle Ki-atte auf- 
bieten und niemand als Kinder und Greise zurlickbleiben 
sollten. Wie die Breslauer Gesandten berichteten, hatte er 
sich verschworen, er Avolle nicht ablassen, bis er das bose 
Volk niedergelegt habe oder sein Blut vergiefsen bis zum 
Tode. Aber thatsachlich war auch dieser grofse Plan eine 
taube Frucht geblieben, kein Mann des Riesenheeres ist 
ausmarschiert, und die Hussiten sind nicht einen Augenblick 
in ihren Plunderungen gestort worden. 

Das einzige Hindernis, das dem geplanten Zusammen- 
gehen von Polen und Czechen noch entgegenstand, war die 
polnisehe Geistlichkeit , welche von einem Bunde mit den 
hussitischen Ketzern uichts wissen wollte. Dieses Hindernis 
hinwegzuraumen war Prinz Siegmund Korybut aufs eifrigste 



Rettung Oberschlesieus 1431. 251 

bemiilit, und sein Einflufs am polnischen Hofe war Avirklich 
maclitig genug, um in der zweiten Halfte des Miirz 1431 
ein Religiousgesprilch herbeizufiiliren , das einen Ausgleicli 
zwischen der bohmischen und pohiisclien Geistlichkeit ins 
Werk setzen wollte. Hervorragende Haupter der Hussiten, 
wie der Priester Prokop und Magister Peter Payne suchten 
den Prinzen in seiner Residenz Gleiwitz auf, um sich danu 
von ihm nach Krakau geleiten zu lassen. 

Aber gerade diese Zeit benutzten nmi die drei Olser Her- 
zoge, die Briider des Bischofs, Konrad der Weiise, dessen 
Land ja eben der Prinz occupiert hatte, Konrad der Canthner 
und Konrad der Junge, Deutsciiordensritter, zu einem Ki-iegs- 
zuge gegen Gleiwitz, das am 4. April durcli nachtliche 
Uberrumpelung eingenommen ward. Der Umstand, dafs 
dieser Erfolg mit dem vollstandigen Scheitern des Krakauer 
Religion sgespraches zusammenfiel, machte denselben zu dem 
entscheidendsten Kriegsereignisse , das diese Kampfe aufzu- 
weisen haben. Der Prinz vermochte die doppelte Nieder- 
lage nicht zu verwinden, seine politische Rolle ist damit 
ausgespielt, und mit ihm tritt der gefahrlichste Feind der 
Unabhiingigkeit des schlesischen Landes vom Schauplatze 
ab. Wenn es nun gleich nicht gelang, auch Puchala aus 
Ki"euzburg zu vertreiben, so erscheint doch Oberschlesien ge- 
rettet. 

Die Leiden des ilbrigen Sehlesiens freiKch gingen erst 
jetzt recht an, da eben 1430 die Hussiten auch Nimptsch 
nebst einigen anderen Burgen besetzt, sorgsam verprovian- 
tiert und rait hinreichenden Besatzungen versehen hatten, 
ja sogar am 19. November 1430 das auf steiler Anhohe 
iiber der Neifse gelegene als besonders lest beriihmte Schlofs 
Ottmachau, die Hauptbui^g des Kirchenlandes , die Zuflucht 
aller Kirchenkleinoden der Umgegend, gewannen. Niklas 
Zedlitz -son Alzenau, der hier kapituliert hatte, ward nach- 
mals als Verrater verurteilt und zu Breslau liingerichtet. 

Seitdem ist nun das Bestreben der Schlesier an erster 
Stelle darauf gerichtet, diese Burgen wiederzuerobern , und 
namentlich um Ximptsch, das so ini Herzen des Landes 
imd in bedrohlicher Kahe der Hauptstiidte des Landes, 
Breslau, Schweidnitz, Neifse lag, hat man wiederholt An- 
strengungen gemacht, doch immer mit schlechtem Erfolge. 
1432 ward sogar eine Belagerungstruppe , der sich diesmal 
auch verschiedene Breslauer Patrizier angeschlossen hatten, 
durch ein mit iiberraschender Schnelle herbeigeeiltes hus- 
sitisches Entsatzheer nach zweitagigem Kampfe in Strelilen 
zur Kapitulation genotigt, und die Losegelder, welche die 



252 Drittcs Buch. Vierter Abschuitt. 

hier geiuachten Gelaugeneu zu zablen batten, Avaren nielit 
niedrig bemessen. Das Entsatzbeer aber benutzte die Ge- 
legeubeit zu eiiiem neuen Raubzuge in Scblesien, der nun 
die Sebreeken der Vei'wiistuug auch auf das bisber nocb 
verscbont gebliebene recbte Oderufer in Nieder- und ^littel- 
scblesien trug, avo dann die Kloster Leubus und Trebnitz 
soAvie die Stadte Winzig, Prausnitz, Mibtscb, Bernstadt in 
Ascbe gelegt AA^urden. ( )ls Avar von seinen P^inAvobnern 
Aerlassen und dann in Brand gesteckt Avorden, aus Furcbt, 
die Hussiten konnten sicb aucb bier Avie in Kreuzburg t'est- 
setzen Avollen. Aucb bei dieser Gelegenbeit Avieder zeigten 
sich die scblesiscben Streitkriifte unvermcigend, den Einlallen 
der Bobmen zu AA^ehren. 

Der Zustand des Landes Avard nun A'on Tage zu Tage 
trostloser , und es Avar niebt zu verwundern , Avenn an 
A^ielen Orten die VerzAveifluug Leute, die das Ibrige ver- 
loren batten, unter die Fabnen der Bobmen trieb, oder Avenn 
bei der Anarcbie, die ja docb jetzt einrils, die iramer nur 
miibsam zuruckgebaltene Beute- und Febdekist viele Adelige 
boAvog, in ganzem oder halbem EinA^erstUndnisse mit den 
Hussiten und jedenfalls auf deren Konto sicb auch an frem- 
dem Gute zu bereicbern. In keinem Falle fragten die Hus- 
siten viel danacb, ob und iuAAdeAveit die neuen Buudes- 
genossen ibre rebgiosen Ansicbten teilten._ Die streugen 
Edikte Konig Sigismunds gegen solcbe Ubertritte AA'aren 
natiii'licb ganz macbtlos, und obAvobl die Breslauer und 
ScbAveidnitzer Soklnerscbaren eifrig bemiibt Avaren, Avenn 
gerade eiumal hussitiscbe Heere sich in der Niihe nicbt sehen 
liefsen, diesen Eaubrittern unter czecliiscber Fkigge zuleibe 
zu gehen, so konnten sie doch vollkomraene Abbilfe nicbt 
schafFen. 

Rettung schien bier niu" ein Friedensscbluls bringen zu 
konnen, und die Scblesier zeigten sicb schon im Sommer 
1432 bereit, einen solchen selbst diu'ch Opfer zu ei'kaufen 
und scblossen Avirkbcb Mitte Juli mit einigen Hussiten- 
biluptbngen einen Vertrag, der ihnen dann allerdings zAvar 
den Abzug von deren Scbaren, docb nicbt das, Avorauf es 
ihnen am meisten ankam, einbrachte, nambch die Riickgabe 
der besetzten Burgen, avozu jene nicbt kompetent zu sein 
behaupteten. Weitere Verhandlungen darilber blieben resul- 
tatlos, A^ermutbch deshalb, Aveil die Bobmen, die eben einen 
Zug gegen das Deutscbordensland im Bunde mit Poleu 
planten, sich mit Rilcksicbt dai-auf ibrer Stiitzpunkte in 
iScblesien nicbt entaufsem mocbten. 

In der That kani es in jenem Jahre 1432 zu dem Blind- 



Die Hussitenkiimpfe 1432 imd 1433. 253 

nisse cler Hussiten mit Polen. Hatten friiher die Schlesier 
dies als liiichste Gefahr gefllrchtet, so scheiut es damals 
aiclit mehr einen so erschreckenden Eiudruck gemacht zu 
haben, man -wufste recht wohl, dafs hier alles darauf hinans- 
lief, die Kriegsscharen der Hiissiten, die zu erhalten mit 
jedem Jahre schwerer wiirde, gegen den Erbfeind der Polen, 
den Deutschen Orden zu verwenden, olme dafs damit eine 
innerliche Anniiherung der Polen an die Hussiten und deren 
Ziele irgendwie verbunden gewesen ware. 

Avich die Schlesier sahen es eher als etwas Giinstiges 
an, dafs jetzt ein grofseres Heer ihrer Bedranger sich fern 
an den baltischen Kilsten umhertreiben solle, wiihrend gleich- 
zeitig ein anderes den Sclirecken ihrer WafFen ilber die 
Karpathen in die ungarische Zips trug. 

Sie eilten, die Gunst der Situation zu benutzen, und wirk- 
lich weist nun das Jahr 1433 eine solche Reihe von Waffen- 
erfolgen der Schlesier auf, wie kein frliheres. In Ober- 
schlesien schlug der junge Herzog Xikolaus von Ratibor im 
Mai den Hussiteufiihrer Kutlibozy aufs Haupt, belagerte 
dann Rybnik, besiegte den zum Entsatze herbeieilenden, 
den Bohmen, wie wir wissen, verbiindeten Oppelner Herzog, 
worauf Rybuik und Beuthen in seine Hand iielen. Ebenso 
schlug um dieselbe Zeit ein Kriegsoberster der schlesischen 
Herzoge, Heinrich von Landsberg, den polnischen Partei- 
ganger Puchala und obwohl die dann begonnene und durch 
sieben Wochen fortgesetzte Belagerung des Schlosses Kreuz- 
burg, in dem sich Puchala festgesetzt hatte, entschlossener 
Abwehr begegnete, so liefs sich doch Puchala bereit finden, 
Kreuzburg und Pitschen gegen Zahlung einer Geldsumme 
von 1750 Scliock Groschen zu iibergeben und nur das 
kleine Konstadt sich. noch vorzubehalten. So Avar wenig- 
stens Oberschlesien im wesentlichen den Feinden wieder ent- 
wunden. 

Und audi in Niederschlesien gelang den Schlesiern im 
Friihling 1433 ein Handstreich. Die Breslauer besandten in 
diesem Jahre die Schweidnitzer, um mit diesen vereint den 
Befehlshaber in Nimptsch auf der Riickkehr von einem 
grofseren Streifzuge zu ilberfallen. Der Sti-eich gelang ganz 
nach "Wunsch. Bei Gohlau unweit des Zobtens wurden die 
Hussiten ilberfallen und ihr grofster Teil samt dem Anfuhrer 
gefangen genommen. Man zahlte in der Beute 120 gesattelte 
Pferde, 200 Feuergewehi-e , geraubtes Vieh im Werte von 
300 Schock und noch eine betrachtUche Summe baren Gel- 
des, womit die Bewohner der heimgesuchten Orte sich von 
der Pliinderung losgekauft hatten. Wenn wir erwagen, dafs 



254 Drittes Bucli. Vierter Abschuitt. 

die starken Besatzungen von Niiiiptscli und Ottmacbau von 
derartigen Raubzugen jahrelang gelebt baben, mogen wir 
ermessen, welchen Scbaden diese Pfiihle im Fleische dei- 
Scblesier dem Lande verursacht haben und nur staunen, 
dais nach den grofsen allgemeinen Raubzugen, welche nach 
xmd nach ziemlich alle Gegenden Schlesiens getrofFen batten, 
sicb_ innner nocb etwas zu pliindcrn vorfand. 

Ubrigens vermocbten die Scblesier auch jetzt, trotzdem 
sie den Befeblsbaber von Kimptsch und einen guten Teil 
der Besatzung gefangen genommeu batten, des Scblosses 
sicb nicht zu bemeistern, ebenso wenig Avie im Jahre daraut^ 
wo sie wiederum den Konniiandanten von Xiniptscb, den 
bekannten Hussitenfilbrer Priester Bedrzicb, mit vieleu der 
Seiuigen in ibre Hand bekamen, nacbdem dieselben ein 
scblesiscber Edelmann Hayn von Tscbirn, der friiberen 
Verrat durcb neueu Eifer wieder gut zu niachen strebte, 
auf eine Burg Falkenstein bei Scbonau gelockt batte. 

Wirkbcbe Befreiung scbien bier erst von einem allge- 
meinen Frieden zu boffen. Und zu einem solcben eroffiieten 
sicb Aussicbten, seitdem 1433 das Konzil zu Basel auch 
von den Hussiten bescbickt liber eine Verstandigung unter- 
bandelte und in Bobmen selbst, wo man der ewigen Kriege 
berzlicb milde war, eine gemafsigtere Adelspartei ans Ru- 
der gekommen war, die im Dezember 1433 in der Person 
des Alexius von Riesenburg einen zugleicb zu Unterband- 
lungen mit Sigismund bevollmacbtigten Verweser des KCinig- 
reiches bestellt batte und die der neuen Ordnung wider- 
sti'ebenden radikaleren Hussitenparteien am 30. Mai 1434 in 
der Scblacbt bei Bobmiscb - Brod (oder Lipan) unterlegen 
waren. 

Der neue Gubernator scbien nun die nocb in Scblesien 
bebaupteten Scblosser Nimj^tscb, Ottmacbau und Wiirben 
wesentlicb nur als Unterplander fiir Forderungen einiger 
Hussitenbauptlinge anzuseben und Hefs sicb jetzt als Scbieds- 
ricbter zwiscben den letzteren imd einer Anzabl scblesiscber 
Filrsten und Stadte wliblen, entscbied aucb scbbelslicb im 
Dezember 1434 definitiv ilber die Hobe der Summen, welcbe 
die Scblesier fur die Losung der Scblosser zu zablen haben 
sollten. Sowie die erste Rate dieser Summe gezahlt war, 
nocb vor Ablauf des Jabres 1434 rilckten die Breslauer 
eibgst vor Nimptsch, um die Mauern und Tiirme des Scblosses, 
das ihnen so vielen Scbaden gebracbt batte, aufs grixndlicbste 
niederzulegen. Das Gleicbe auch bei Ottmacbau zu thun, 
binderte sie, obwohl sie datilr eine Zusage des Biscbofs 
Konrad hatten, der entscbiedene Widersprucb des Dom- 



Ausgang der Hussitenkriege. Deren Wirkungen. 255 

kapitels, das dann aucli Konig Sigismund auf seine Seite zu 
Ziehen wiilste. 

Mit dem Ende des Jahres 1434 horten die Kiimpfe auf, 
die filnfzehn Jahre lang Schlesien von einem Eude zum 
audern heimgesucht und das vorher bllihende Laud zur 
Einode gemacht hatten. 

Den Umfang der Verwllstungen kounen wir uns kaum 
grofs genug vorstellen. Das Stilt Leubus hat uns eine Auf- 
zeichnung hinterlassen iiber den Schaden, den nur der eine 
Raubzug von 1428 angerichtet hat. Von 30 Stiftsgiitern 
auf dem linken Oderufer haben nur 5 ihre Scheuern und 
Wirtschaftsgebaude erhalten, 10 dieser Dcirfer werden als 
vollstandig, 8 als teilweise verbrannt bezeichnet, bei 7 hat 
man sich begniigt, die Vorrate und das Vieh fortzuschleppen, 
bei 6 sind auch die Kii'chen mit verbrannt. Den Schaden 
veranschlagte man auf 5390 Mark^ nach heutigem Gelde 
mindestens das zwolffache, ohne dabei die Differenz des 
Geldwertes zwischen damals und heute anzuschlagen. Wenn 
das die Wirkung eines Kriegsjahres, eines Raubzuges war, 
wie mochte es da dort aussehen, wo die Schwarme der 
Feinde wiederholt drei- bis viermal durchgezogen waren, 
wie in Aveitem Umkreise um die Burgen Nimptsch und Ott- 
machau, wo starke Besatzungen vier Jahre lang ausschliefs- 
lich vom j\[ark der Einwohner gezehrt hatten? Im Herzen 
des Landes, im Bezirke von Neumarkt, liegt noch 1443, 
also neuu Jahre nach dem Frieden, der funfte Teil alles 
landlichen Grundbesitzes wllst und unbestellt; die Besitzer 
hatten sich verloren , waren in dem Kriege gestorben. 
Das „goldene" Bistum Breslau ist jetzt mehr zum Wiist- 
tume gewordeu. Die Gliter verwustet und verodet, die Ein- 
kiinfte verpfandet, und wo sie dies nicht waren, grofstenteils 
auslallend wegen der Unverraogenheit der Einwohnerschaft. 
Als es sich um einen Nachfolger flir Bischof Konrad han- 
delt, suchen die Herren vom Domkapitel hier und da nach 
einem vermoglichen Manne, der aus eigenen Mitteln dem 
heruntergekommenen Stifte wieder aufhelf'en konue. 

Der Landadel war uberall verarmt, und an vielen Orten 
mochte die Not viel dazu beitragen, wenn jetzt das Un- 
wesen der Buschklepperei wieder machtig ins Ivi-aut schols. 
Als Mittel dagegen schliefsen, wie es heifst, auf Konig Sigis- 
munds Anregung unter dem 21. September 1435 fast siimt- 
liche schlesische Flirsten einen Bund zur Erhaltung und 
Schiitzung des Landfriedens und erwiihlen in der Person 
des Bischofs Konrad einen Bundeshauptmann, dem sie aus- 
gedehnte Machtbefugnisse zuteilen. 



256 Drittes Buch. Vicrter Abschnitt. 

Allerdings wareu ja audi die Fiirsten in jenen Zeiten 
der Not arg heruntergekommen, ilire nie glanzend gewesenen 
Geldverhiiltnisse hatteu sich durch den Scliaden, den sie er- 
littcn, den Ausfall ihrer Einnahmen, die Unkosten des er- 
haltenen Kriegsvolkes noch sehr verschlechtert , ihre Scliul- 
denlast war furchtbar gestiegen. 

Und nun die Stiidte. Von den kleineren waren nicbt 
viele totaler Auspliinderung entgangen, von etwa vierzig 
haben wir bestimmte Nachrichten, dafs sie in Asche gelegt 
warden. Handel und Gewerbe lagen naturlich voUstandig 
darnieder. Die Zahl derer, welche binter ihren ]\Iauern wirk- 
samen und dauernden Schutz zu finden vermocht batten, war 
nicbt allzu grofs, aiicb diese mufsten ja fiircbtbarcn Scbaden 
erbtten haben, dennocb waren sie es, die grofseren Stiidte, 
welcbe aus diesen Zeiten der Not noch mit erbohterem An- 
seben bervorgingen. Stadte wie Breslau und Schweidnitz 
batten doch in diesen Kiimpfen von dem, was iiberhaupt 
mit den Waffen gescbeben war, das meiste gethan ; sie batten 
sich im Laufe der Zeit darauf eingericbtet , Soldner zu 
halten und mit diesen etwas auszuricbten ; sie waren un- 
gleicb webrbat'ter geworden, als sie es in den guten Zeiten 
des 14. Jabrbunderts gewesen waren, sie hiltten nun nicbt 
mehr sich so mifshaudehi lassen, wie es ibnen in Kihiig 
Wenzels Tagen widerl'abren war; sie haben im Laufe des 
15. Jabrbunderts ihre Waffen manchem Raubritter fiihlbar 
gemacht, und wir werden noch vieltacb davon zu erzilblen 
haben, wie stolz Breslau in jenen Zeiten sein Haupt erbob. 

Inbezug auf das geistige Leben des Volkes macbte sich 
zunacbst nur eine gewisse Reaktion zugunsten der Kirche 
geltend. Davon, dafs der bussitiscben Lehre in dem, was 
sie ja wirklich Reformatorisches in sich ti*ug, ein Einflufs 
moglicb gewesen wiire, konnte keine Rede sein. Aus den 
Hiinden der feindlichen Dranger hiitte niemand in Scblesien 
rebgicise Wahrbeiten empfangen mogen. Die Art der Geber 
batte bier auch die beste Gabe diskreditiert. Aber schon 
die Exzesse der Taboriten gegen Kirchen und sonstige bei- 
lige Statten waren binreicbend, um ibr Treiben und Tracbten 
den Scblesiern vei-bafst zu macben, der Abscheu vor „den 
verdaramten Ketzern " war aufrichtig imd allgemein. Ubrigens 
haben auch die Hussiten sich nirgends in Scblesien die 
Miibe genommen, fur ihre Lehre Propaganda zu macben, 
dieses Bekenntnis schien immer eng mit czecbischer Natio- 
nalitat verschwistert , es unter den Deutscbeu zu verbreiten, 
versuchte man nicbt. 

Wenn wir nur aufserdem erwiigen, dafs in Tagen der 



Folgen der Hussitenkriege. 257 

l!Tot und Drangsal ohnehin die Menschen religioser Tro- 
stungen bediirftiger scheineu, dafs in solchen Zeiten die 
Mabnungen der Priester, die Heimsucbungen als Strafe der 
Siinden und des Unglaubens anzuseben, leicbter Eingang 
finden, so wird es uns nicbt befremden konnen, was wir 
von Schlesien wenigstens mit Bestimratheit bebaupten konnen, 
dafs die bussitiscbe Bewegung, weit entfernt Regungen eines 
freieren Geistes zu bringen nur die kirchliche Reaktion ge- 
bracbt hat. Und wie im ganzen die Scbrecken der Hus- 
sitenkriege dazu geflihrt haben, der durch eigene Siinden, 
durch Schisma und Entscbeide der KonzQien arg gescbwacbten 
Hierarcbie erbobte Bedeutung in den Augen der Menge zu 
verleiben, so bat dieselbe Ursacbe in Scblesien die Gemiiter 
bis zu wirklicbem Fanatismus zuriickgescbeucbt in die Arme 
der Kircbe. 

Allerdings warden ja die Schlesier sicb nicbt mit solcher 
Entscbiedenbeit von dem ganzen Treiben der Hussiten ab- 
gewendet baben, ware nicbt zu dem reHgiosen Gegensatze 
aucb der nationale gekommen. Auf diesem letzteren, dem 
nationalen Gebiete, liegt denn nun die scbwerwiegendste be- 
deutungsvoUste Folge der scblesiscben Hussitenkampfe. 

In Bobmen batte, wie wir wissen, der tjberdrufs des 
Volkes an dem wilden Kriegstreiben , die Sebnsucbt nacb 
Frieden und geordneten Zustanden 1434 eine gemafsigtere 
Adelspartei ans Ruder kommen lassen, die jetzt nun aucb 
mit Sigismund in Unterbandlungen trat und sicb wu-klicb 
1436 zu dessen^ Anerkennung als Konig bereit finden Hefs, 
nacbdem eine tjbereinkunft mit dem Baseler Konzile 1435 
die kircbbcbe Seite der Frage gelost hatte. 

Die Zugestandnisse, welcbe bier durcb die sogen. Baseler 
Korapaktaten auf kiixbbcbem Gebiete den Bobmen gemacbt 
worden, entbielten im Grunde nur die nocb dazu vielfacb 
verklausuberte Bewilligung des Laienkelcbes, ein Resultat 
in scblecbtem Verbaltnis stebend zu den Stromen von Blut, 
die fur diese Sacbe geflossen waren; docb die eigentbcben 
Verfecbter der bussitischen Lebre waren auf dem Blacbfelde 
von Bobmiscb-Brod unterlegen, und weder die siegreicbe 
Adelspartei, der die demola-atiscbe Priesterberrscbaft der 
Taboriten langst verbafst geworden war, nocb die grofse 
Menge des Volkes, das die gewobnten Formen der alten 
Kircbe im Grunde eifrig zuriicksebnte , griimte sicb besou- 
ders urn die Geringfiigigkeit jener Konzessionen. Desto 
mebr nabmen beide an der Sacbe der czecbiscben Natio- 
naUtat Anteil, das niedere Volk, das sicb fi-eute, seine Spracbe, 
die Spracbe des gemeinen Mannes so zu Ebren kommen zu 

Grunhagen, Gesch. Sclilesiens, I. •'■• 



258 Drittes Buch. Vierter Abscluiitt. 

sehen, unci cler czecliische Landadel, dem nuu eiu Anteil an 
der Herrschalt winkte, uhne dais ein deutsclier Hofadel und 
ein selbstbewulstes, wohlhabendes und angesehenes deutsches 
Biirgertum ihm hier dariu entgegentrat. Erben der im- 
posanten j\[achtstellung, welche die fanatische Tapferkeit der 
Hussiten errungen, verfugteu diese czechischen Edelleute 
jetzt ilber die ELrone Karls IV. und waren in der Lage, 
den Preis zu bestimmen, den sie Konig Sigismund dafur 
zalilen liefsen. 

Die Verhandlungen , welche der bohmische Landtag im 
Soramer 1436 mit Konig Sigismund pflog, tilhrten dazu, 
dafs Konig Sigismund unter dera 20. Juli sein Siegel an 
einen ihm vorgelegten Majestiitsbrief hiingte, der thatsaoh- 
lich aus Bohmen einen czechischen Staat machte, in welchem 
fortan kein Deutscher ein Amt bekleiden durfte, in welchem 
alle Kirchen ausschlielslich den Czechen gehoren sollten, 
wo die Wiedereinliihrung der vertriebenen Geistlichen und 
Klosterleute nur nach eingeholter Erlaubnis des (hussitischen) 
Erzbischofs und der in Frage kommenden Dominialherren 
oder munizipalen Obrigkeiten zuliissig sein sollte, und wo 
der Konig sich verpflichtete , seine Regiei'ung in tlberein- 
stimmung mit den Ansichten einer aus dem czechischen 
Adel gewiihlten Landesversammlung zu fiihren. 

Flir die Schlesier war das ein Ereignis von der aller- 
ernstesten Bedeutung. Allerdings war es in dem Majcstiits- 
brief ausgesprochen, dafs die Verpflichtung, nur Czechen an- 
zustellen, fur die Nebenlander Bohmens nicht gelten soUte, 
sondern es hier so gehalten werden solle wie unter Kaiser 
Karl und den frilheren bohmischen Konigen; doch im ilbri- 
gen eroffaete die Aussicht, fortan an einen slavischen Staat 
gekniipft zu sein, den Schlesiern sehr wenig lockende Per- 
spektiven. Sie mufsten doch sich daran erinnern, dafs ihre 
Vorfahren einst bei der Krone Bohmen Schutz fur ihre 
deutsche Nationalitat gesucht hatten, gegeniiber dem damals 
neu erstarkten Polenreiche, und so gewifs es war, dafs die 
schlesischen Fiirsten nimmermehr dem Bohmenkonig gelmldigt 
haben Aviirden, wenn dieser damals schon seine Krone aus den 
Handen einer slavischen Adelsversammlung und unter der 
Verpflichtung, an erster Stelle flir die Starkung der czechi- 
schen Nationalitat thiitig zu sein, empfangen hatte und unter 
dem Gesange des Swaty Waclawe sich hiitte kronen lassen, 
ebenso gewifs war es, dafs die Schlesier nur mit Sorgen 
an die mogHchen Folgen der Veriinderungen denken konn- 
ten, welche mit dem ilmen so eng verbundenen Nachbar- 
lande vorgegangen waren. 



Nationaler Gegensatz zwischeu Schlesien unci Bohmen. 259 

Dafs Sigismund selbst im tiefsten Herzen dem ganzen 
czechischen Wesen abgeneigt war, gab ihnen nur einen 
mafsigen Trost, kannten sie doch die grofse Schwache dieses 
Fiirsten; etwas mehr mochte es wohl bedeuten, dais die 
Iglauer Vereinbarungen den Schwiegersohn Sigismunds 
schliefslich doch ira Besitze Mahrens liefsen, als eines Unter- 
pi'andes der Nacbfolge, falls der Konig stiirbe, der selbst 
ja mannlicher Erben entbehrte. 

In jedem Falle aber war von jetzt an fur die Schlesier, 
die sich von dem czechisierten und standiscli organisierten 
Bohmeu als innerlich geschieden anseben mufsten, die sorg- 
samste Wahrung ihrer Selbstandigkeit geboten, wenn sie 
nicht einfach die Messenier dieser neuerstandenen czechi- 
schen Spartaner werden wollten; eine mifstranische Wach- 
samkeit ward die Losung der Schlesier Bohmen gegen- 
iiber, und dieser dem Verhaltnis der beiden verbundenen 
Nachbarlander nunmehr aufgepragte Charakter hat dann 
jahrhundertelang seine Wirkung gelibt, in den Zeiten 
Georg Podiebrads, in denen des schmalkaldischen Kampfes, 
wie in den Tagen des bohmischen Aufstandes, mit dem 
der 30jahrige Krieg sich eroffnete, und schhefslich hat dieser 
Gegensatz der Nachbarlander das Seine mitgewirkt zu dem 
Resultate, dafs Schlesien zu wenig mit dem habsburgischen 
Staate verwachsen war, als dafs eine Abtrennung, wie solche 
1740 erfolgte, inn^rhche Schwierigkeiten gehabt hatte. 

Wollten nun aber die Schlesier ihre provinzielle Selb- 
standigkeit wahi'en, so mufsten sie sich auch zu einer pro- 
vinziellen Gemeinsamkeit zusammenschliefsen ; nur ein in 
sich einiges Schlesien konnte um die Unabhangigkeit von 
dem miichtigeren Nachbarlande ringen; es war dies erne 
Voraussetzung, die in dem zerstiickten Lande, wo unmittel- 
barer Ea-onbesitz und ein Dutzend Lehensfiii'sten , Stadte, 
Adel, Bischof, Geistlichkeit ihre auseinandergehenden In- 
teressen hatten, aufserst schwer zu erfiillen war. Doch 
die Forderung war zu einleuchtend , die Umstande waren 
zu zwingend, als dafs sich nicht die Notwendigkeit eines 
gewissen Zusammenschhefsens bei den Schlesier alien wider- 
strebenden Interessen zum Trotz immer wieder hatte geltend 
machen soUen. Wohl haben sie nicht immer auf der Bahn 
einer eintrachtigen Politik sich festhalten lassen und haben 
oft genug die Folgen der Uneinigkeit zu blifsen gehabt, aber 
sie sind doch immer wieder durch den Zwang der Verhiilt- 
nisse auf den richtigen Weg zuriickgefuhrt worden. Und so 
haben wir denn auch auf dieser Seite eine bedeutungsvolle 
und dauernde Nachwirkung der eben geschilderten Kampfe 

17* 



260 Drittes Buch. Vierter Abschuitt. 

zu verzeiclinen. Die Hussitenkriege uud cler aus ihnen her- 
vorgehende Gegensatz zwischen den czechischea Bohmea 
uud deu deutscben Schlesiern haben den Begriff eines die ober- 
schlesiscbeu so gut wie die niederscblesischen Fiirsten und 
Stiidte in sich begreifenden Scblesierlandes thatsiicblicb erst 
geschaffen, und so wie gleich beim Beginn dieser Kriege 
1422 in Biscbof Konrad uns zum erstenraale eia fur ganz 
Schlcsien gewiihlter Landeshauptmann entgegentritt, so zeigte 
dann der bereits erwahnte, alle schlesischen Fiirsten ura- 
fassende grofse Landfriedensbund von 1435, dafs auch nach 
dem wiederhergestellten Frieden ein gewisses Gefiihl der 
Notwendigkeit des Zusammenscbliefsens sich erbalten hatte. 

Daraus, dafs auch bei diesem Bunde wiederum Bischof 
Konrad als Hauptmann erwilhlt wii'd, erkennen wii', dafs der- 
selbe trotz der schlechten Erfolge, welche cr als Landeshaupt- 
mann im Elriege mit den Hussiten erzielt, das Vertrauen der 
schlesischen Fiirsten nicht eingebiifst hat. Gerade von ihin 
aber wird man sagen konnen, dafs er sich der nationalen 
Bedeutung des Widerstandes gegen die Bohmen, als dessen 
eigenthche Seele wir ihn ansehen dllrfen, voUkommen bewufst 
gewesen ist. Am deutHchsten zeigt sich dies darin, dafs er 
mitten im Kriege mit „deu buhmischen Ketzern" und trotz 
der ungiinstigen Weudung, die derselbe genommen, doch die 
Bundesgenossenschaft des rechtgliiubigen polnischen Klerus 
von der Hand weist und sogar auch nach dieser Seite liin 
ganz entschieden Front macht, in diesem Punkte augen- 
scheinHch gleicher Ansicht mit Kaiser Sigismunds Ausspruch: 
„Was soil ein Slave gegen den andern helfen?" 

Aus diesem Grunde ti'ug er, obwohl rechthch die Unter- 
ordnung des Breslauer Bischofsstuliles unter das Erzstift 
Gnesen noch fortbestand, doch kein Bedenken, eine Visi- 
tation, welche Erzbischof Albert von Gnesen 1427 bei ihm 
vornehmen wollte, hoflich und unter anderweitigen Vor- 
wanden aber bestimmt abzulehnen; und aufserdem erhefs er 
unmittelbar nach dem Frieden 1435 mit Zustimmung seines 
Domkapitels ein nachmals auch von der Baseler Synode be- 
statigtes Statut, dem zufolge fortan schon im Hinbhck darauf, 
dafs ohnehiu die Gilter und Einkiinfte der Breslauer Kirche 
arg herunter gekommen seien, niemand, der nicht in Schle- 
sien geboren sei, wofern er nicht als akademisch graduiert 
sich besonderer Auszeichnung wiirdig gemacht habe, eine 
Pfriinde in der Breslauer Diocese erlangen soUe. Die Polen 
sahen dies Statut als vorzugsweise auf sich gemiinzt an und 
erklarten dasselbe fiir um so ungerechter, da sie die Do- 
tierung der Breslauer Kii'che vorzugsweise polnischen Her- 



Die nationale Gesinnung des Bischofs Konrad. 261 

zogen und Kirchenfursten zuschrieben. Ihre Chronisten 
haben sich dafilr an Bischof Konrad dadurch geracht, dafs 
sie dessen Bild in den schwarzesten Farben der Nachwelt 
iiberliefert haben. 

Im Sinne des Kaisers Sigismund war das Statut sicber- 
lich. Derselbe bat die mifstrauiscbe Feindseligkeit gegen 
Polen kaum jemals verleugnet. Ihni aber war es nicbt be- 
sebieden, sicb des wiederhergestellten Friedens, der ihn erst 
in den Besitz seiner Lande batte kommen lassen, lange zu 
erfreuen. Am 9. Dezember 1437 ereilt ihn der Tod, und 
trotz all des Unheils, das seine inkonsequente und kraftlose 
Politik iiber Scblesien gebraebt, wird man ibn bier betrauert 
haben. Die Leutseligkeit und Liebenswlirdigkeit seines 
Wesens hatte ibm bier docb viele Freunde erworben. 



I 



Viertes Buch. 

Schlesien unter Fursten aus verschie- 

deiien Hausern vornehmlicli nichtdeut- 

seller Abkunft 1437—1526. 



r 



Erster Abschnitt. 

Albrecht II. 1438 — 1439. Die koniglose Zeit 1440 

bis 1452. Der Liegnitzer Lehensstreit. Johann Ca- 

pistran in Sclilesien. Konig Ladyslaw Posthumus 

1453—1457. 



Unmittelbar nach dem Tode Kaiser Sigismimds hatten 
die Ungarn kein Bedenken getragen, das Erbrecht seiner 
Tochter und damit zvigleich auch das seines Schwiegersohnes, 
des Herzogs Albrecht von Osterreich, anzuerkennen und 
ihm sowie seiner Gemahlin zu huldigen. Am 18. Marz 
1438 war Albrecht dann auch in Deutschland zam romischen 
Konig erwahlt Avorden und hatte^ um diese Wahl annehmen 
zu konnen, einem gegebenen Versprechen gemafs, die Zu- 
stimmung der ungarischen Stande einholen milssen. Schwie- 
riger stand die JSache in Bohmen, wo man doch schwer 
dariiber hinwegzukommen vermochte, dafs Konig Albrecht 
die czechische Sprache weder verstand noch zu lernen Nei- 
gung zeigte und aus seiner Abneigung gegen die hussitische 
Lehi'e kaum ein Hehl machte. Allerdings hielten sich die 
eigentliche Aristokratie und die gemafsigten Kahxtiner^ wohl 
filhlend, dafs jede andere Kombination sofort Avieder die 
radikalen und demokratischen Taboriten ans Ruder bringen 
und aufserdem die Losreifsung Mahreus von der bohmischen 
Krone zur Folge haben werde, zu Albrecht, und so fanden 
denn auf dem am Ende des Jahres 1437 zu Prag ver- 
sammelten Landtage die Vorstellungen von Sigismunds 
Kanzler, Kaspar Sclilick, welcher die letzten mit allem Eifer 
auf die Nachfolge Albrechts gerichteten ^^'unsche des ver- 
storbenen Herrschers iiberbrachte, nicht ungiinstige Auf- 
nahme, und selbst die anwesenden Gegner lielsen sich, um 
nicht Aviederum Uneinigkeit und Zerrutti\ng hervorzurufen^ 



2<>6 Viertes Bucb. Erster Abschuitt. 

dazu bereit finden, Albrecht als Herrscher anzunehmen, wo- 
fern derselbc die jMajestiitsbrieie Sigismunds von 1436 gleich- 
falls bestjitigte und Mahren wieder der Krone Bohmen zu- 
briichte. Auch Osterreich wunschte man der bohniischen 
Krone einverleibt zu selien, wogegen man dann Albrecht 
und seine Descendenz als Herren und Erben dieser Krone 
anerkennen wollte. 

Albrecht ging auf diese Propositionen (mit Ausnahme 
des Punktes wegen Osterreich) ein und ward infolge dessen 
von Iglau nach Prag geleitet und dort am 29. Juni 1438 
feierlich gekront; er selbst vollkommen daraut" gefafst, sich 
die Krone erst durch einen Kampf mit Polen gewinnen zu 
mlissen, da eine machtige Partei in Bohmen bereits am 
29. Mai in einer Versammlung zu ]\Ielnik beschlossen hatte, 
den 13jahrigen Prinzen Kasimir, den Bruder des Polen- 
konigs als Konig von Bohmen anzunehmen, nachdem man 
sich vorher iiberzeugt hatte, dafs Kasimir die Wahl an- 
nehmen und, was noch wichtiger war, die Krone Polen die- 
selbe mit WafFengewalt aufrecht erhalten woUe. 

Scharfer noch als in der Hussitenzeit schien das Slaven- 
tum den Germanen sich entgegenzustellen, und wenn Albrecht 
bei dem deutschen Reichstage die Gefahren schilderte, welche 
eine Vereinigung der Streitkriifte von Polen und Bohmen 
filr die gauze Nation haben miifste, nachdem man vor nicht 
langer Zeit erst erfahren habe, wie viel Bohmen allein der- 
selben zu schaffen gemacht, so berief sich aut der anderen 
Seite Kiinig Wladyslaw den Gesandten Albrechts gegeniiber 
auf die Stamraes- und Sprachgemeinschaft der Czechen und 
Polen, die mit den Deutschen nichts gemeinsam hatten, und 
in Bohmen faiid eine Denkschrift vielen Beifall, welche 
nachzuAveisen suchte , wie seit der Thronbesteigung der 
Luxemburger die Deutschen iiberall auf Kosten der Czechen 
begunstigt worden seien, und wie sich die letzteren vor 
vollstJindigem Untergange nur dadurch schlltzen konnten, 
dafs sie, wenn sic keinen Herrn aus ihrer Katiou haben 
konnten, dann sich wenigstens einen Slaven erwlihlten. 

Wenn in der Hussitenzeit der religiose Gegensatz zwischen 
Czechen imd Polen die nationale Gemeinsamkeit zuriick- 
gedrilngt hatte, so war dieser jetzt mehr in den Hintergrund 
getreten, wjihrend man in der Versammlung der polnischen 
Grofsen, welche fi-iiher die Annahme der Wahl Kasimirs 
entschieden, neben jenem Motive der vStanuuesgemeinsamkeit 
auch das noch betont hatte, wie unbequem fiir Polen ein 
Nachbar sein wiirde, der als roraischer Konig liber die Macht 
des Deutschen Reiches und aufserdem liber die Hilfsquellen 



Albrecht II. und sein Gegenkonig. 267 

Uugarns, Usterreichs und Bohmens mit seinen Nebenlandem 
verfuge. 

Die schnell kriegeri seller Aktion entgegenreifende Ver- 
■wickekmg bedi'ohte nun kaum ein anderes Land mit so 
nahen und schweren Gefabren als das zwiscben Polen und 
Bobmen eingekeilte Scblesien. Scbon war von Wladyslaw 
an den Bund der scblesiscben Fiirsten eine Aufforderung, 
Kasimir als Konig anzuerkennen, gericbtet, aber von dem 
Bundeshaupte, Biscbof Konrad, abgelehnt worden. Fiir die 
Scblesier konnte kaum irgendwelcber Zweifel obwalten, dafs 
sie auf jede Gefabr bin zu Albrecbt als einem deutscben 
Fiirsten steben miifsten^ sie konnten ja aucb von ibrem 
Standpunkte aus ein Wablrecbt der bobmiscben Stiinde nicbt 
anerkennen; fiir sie war, wie sie dies in ibrer Eidesformel 
klar ausspracben, Albrecbt als der Gemabl „ ibrer gnadigen 
angeborenen Erbfrau" ibr recbtmafsiger Oberberr, wenn sie 
gleicb dafiir gesorgt batten, dafs in die Versprechungen, welcbe 
der neue Konig den Bobmen gegeben, aucb eine Versicberung, 
die Recbte der Scblesier zu scbiitzen, mit eingeilossen war. 

Scblesien unmittelbar bedi'obte nocb im Laufe des Jabres 

1438 der Einfall eines der beiden Heere, welcbe die Polen 

mit grofser Scbnelligkeit ausgeriistet batten. Albrecbt, der 

selbst zunacbst in Bobmen kampfte, verbiefs den Scblesiern 

bereitwilligst Beistand, seine Getreuen aus Usterreicb sollten 

sicb bierber wenden, und aucb Sacbseu sollte Hilfe bringen ; 

docb als die Polen Ende September wirklicb einriickten, 

bbeben die Scblesier auf sicb selbst angewiesen, und wenn 

die Herzogin Elisabetb, die Witwe Ludwigs II. von Brieg, 

audi den wicbtigen Oderiibergangspunkt bei Bi'ieg zu 

scbiitzen vermocbte, so blieb docb das zersplitterte Ober- 

scblesien den Feiiiden preisgegeben , und das ansebnlicbe 

polniscbe Heer, bei welcbem Konig Wladyslaw selbst samt 

seinem Bruder Kasimir anwesend war, fand keinen Wider- 

I stand, als es unter scbrecklicber Verwiistung quer dm-cb das 

j Land iiacb der miibriscb - bobmiscben Grenze zog, ja die 

, oberscblesiscben Fiirsten liefsen sicb sogar (mit alleiniger 

I Ausnabme des Troppauer Herzogs) zur Unterwerfung und 

! zur Anerkennung Kasimirs bewegen, allerdings erst fiir den 

jZeitpimkt, wo derselbe rite gekront sein wiirde. Dies war 

I aber aucb der einzige Erfolg, den der Zug fiir Polen batte ; 

I da in Bobmen Albrecbt siegreicb gewesen war, so kebrte 

idas polniscbe Heer (Ende Oktober) an der Grenze dieses 

jLandes um und erlitt nun auf dem Riickmarscbe von den 

j Scblesiern, welcbe die gi-ausame Verwiistung des Landes 

lerbittert batte. nocb mancbe Verluste. Inz-\\-iscben batten 



2t)8 Viertes Buch. Erster Abscbuitt. 

profspolnisclie Heerhaul'en weithin an verscliiedenen Stellen 
das rechte Oderufer bis nahe an die Thore Breslaus ver- 
heert und ein Haufe sogar die Oder iibcrscliritten , um 
Grottkau, Wansen und Sta-ehlen zu brandschatzen, wo dann 
allerdings der Kliekzug nicht ohne Verlust gelang. Erst An- 
fang November scheuchte eine Schar. von 800 Reitern, 
welche der heranziehende Konig Albrecht vorausgesandt 
hatte, die zuchtlosen Krieger, die, wie ein Zeitgenosse klagt, 
in Obersclilesien zwei Meilen breit und lang nicht einen 
Stecken mehr hatten stehen lassen, voUends liber die Grenze 
ziu'lick. 

Durch die Lausitz, wo er freudige und bereitwillige Hul- 
digung gefuuden, zog nun Konig Albrecht gen Breslau. 
An der Pelzbriicke iiber die Lohe, westhch von der Stadt, 
ti'af er am 18. November das Ehrengeleit, welches ihn in 
die Thore fiihrte, wo ihn Bischof Konrad mit seiner Geist- 
lichkeit und den Spitzen der stiidtischen Behorden feierlich 
empiing. Im goldenen Becher am Binge nahm er Quartier 
und empfing am 25. November in einem an der Ecke des 
Binges und Salzmarktes besonders zu diesem Zwecke er- 
richteten holzernen Palas die Huldigungen zunachst des 
Rates und der Stadt, dann am 3. Dezember die der schle- 
sischen Fursten, unter denen bis aul" zwei auch die ober- 
schlesischen Herztige trotz der ihnen abzwungenen Anei'ken- 
nung des polnischen Pi-atendenten figurierten. 

Wiederum wie weiland 1420 sahen die Mauern Breslaus 
eine aufserst glanzende Versammlung um den machtigen 
Herrscher sich scharen. Deutsche Reichsf'iirsten, unter ihnen 
die Hohenzollern Friedrich und Albrecht Achilles sowie des 
letzteren Sohn Johann, papsthche Legaten, ^Vlirdentrager des 
Deutschen Ordens, bohmische Maguaten gesellten sich hier 
zu den schlesischen Herzogen, welche den neuen Oberlehens- 
herrn hier umgaben. Aber wie einst 1420 zwangen diesen 
inmitten der allgemeinen politischen Handel auch speziell 
die Breslauer Angelegenheiten zu entschiedenem Eingreifen, 
und Albrecht sah sich gezwungen, die Ordnung der Dinge, 
welche einst eben 1420 sein Vorganger Sigisraund hier auf- 
gerichtet hatte, wesentlich umzugestalten. 

Jene eng geschlossene Aristokratie der 24 lebenslang- 
lichen Ratsherren, in deren Hande einst Sigismund ver- 
trauensvoll das Regiment der Stadt legte, hatte sich doch 
wenig bewahrt. Wahrend die Schuldenlast der Stadt seit- 
dem in den allerdings stiirmischen und verlustvollen Zeiten 
sich eher gemelu-t als vermindert hatte, beschuldigte die oflfent- 
liche Meinung die 24 einer geradezu unredlichen, den eigenen i 



Albreclit II. in Breslau. 269 

Vorteil und den der Vetterschaft mehr als das allgemeine 
Beste im Auge haltenden Verwaltung, und auf diese Klagen 
bin entschlofs sich denn der Ktiiiig nach angestellter Unter- 
suchung „niit Rate der Fllrsten, Edeln und Getreuen" die 
stadtischen Grewalthaber ilu-es Amtes zu entsetzen und ihnen 
die ansehnliche Geldstrafe von 10 000 Goldgulden aufzu- 
legen, dann aber nacb Anborung der Wiinscbe der Burger, 
Kaufleute und der ganzen Gemeinde einen neuen Rat zu 
ernennen und alle die einzebien Amter der Stadt selbst zu 
besetzen, wobei aucb nun die Ziinfte wieder zu einer stan- 
digen Vertretung im Rate gelangen. 

Hier in Breslau suchte nun aucb eine polniscbe Gesandt- 
sebaft, der sicb dann aucb einige den Polen anbangende 
bobmiscbe Grofsen angesclilossen batten, den Konig auf, 
docb mufste ibr Antrag, beide Pratendenten sollten zuriick- 
treten und die Entscbeidung einer neuen Wablbandlung 
iiberlassen, fur Konig Albrecbt, der sicb auf ein Erbrecbt 
berufen konnte, unannehrabar scbeinen, und zur Freude der 
Breslauer verHefsen die Gesandten unverricbteter Sacbe die 
Stadt, und wenn die ibnen nacbgereisten papstHcben Ge- 
sandten dann in Namslau nocb einen Waffenstillstand bis 
Jobanni und den Plan einer Zusaramenkunffc der beideu Ko- 
nige an den Grenzen von Polen und Ungarn verabredeten, 
so erwartete niemand allzu viel davon. 

Albrecbt wurde langer als er wollte in Breslau festge- 
balten, er batte sicb in seinem Quartiere, dem goldeuen 
Becber am Ringe, als er da ritterlicbe Kurzweil trieb, durcb 
einen Fall die Kniescbeibe so verletzt, dafs er fortan hinkte. 
Als er dann Anfang Marz die Stadt verbefs, wollten die 
Breslauer viele, namentlicb ungariscbe Herren seines Ge- 
folges nicbt zieben lassen, ebe dieselben ibre Scbulden be- 
zablt, und der Konig batte Milbe genug, seinen Hofstaat 
bier loszumacben. 

Fiir den Wiederausbrucb des Krieges mit Polen batte 
Albrecbt mancbe Veranstaltungen getroffen. Zum Ober- 
bauptmann Scblesiens und gleicbzeitig speziell aucb des 
Fiirstentums Breslau, batte der Konig den Markgrafen Al- 
brecbt Acbilles auserseben, aucb die scblesiscben Fiirsten er- 
mabnt und angebalten, sicb ibm als ibrem Hauptraanne zu 
Treue und Geborsam zu verpflicbten, und wir diirfen sicber 
seiu, dafs Albrecbt dieses bescbwerlicbe Amt nicbt ange- 
nommen baben wilrde, batte er nicbt weitergebende Plane 
damit verbunden. Ein Festsetzen in Scblesien unter der 
Agide der koniglicben Gewalt, wie es seinem Vater in der 
Mark Brandenburg gelungen war, konnte ibm um so leicbter 



270 Viertes Buch. Erster Abschnitt. 

vorschweben, als zwei seiner Tochter an schlesische Herzoge 
verheiratet Avaren. Duch Markgraf Albrecht, sehr fruchtbar 
ira Projektemachen, wechselte auch scbnell seine Plane, 
iind so selien wir ihn denn, nachdem die Verlangerung des 
Waffenstillstandes bis zum Herbst ilim die Gelegenheit, sich 
im Kampfe gegen die Polen kriegerische Lorbeeren zu er- 
ringen, abgesclmitten , bereits unter dem 5. Jiili auch von 
der Landeshauptmannschaft von Breslau zuriicktreten. 

Im iibrigen schien fiir den Herbst der Ausbrueh des 
Krieges kaum zu verineiden, da die Polen ihre hochge- 
spannten Ansprliche t'esthielten ; aber Konig Albrecht brachte 
von einem ruhmlosen Feldzuge gegen die Turken im Sep- 
tember 1439 deu Keim einer Dysenterie zurilck, die sich 
verschlimmernd am 27. Oktober in einem kleinen Orte bei 
Gran seinem Leben ein Ziel setzte. Der jiihe Tod des von 
Freund und Feind geachteten Herrschers war ein schwerer 
Schlag fiir das Deutsche Reich wie fiir die deutsche Sache 
hier im Osten und speziell in Schlesien. 

Die koniglose Zeit 1440 — 1452. 

Konig Albrecht hinterliefs keinen mannlichen Erben, 
doch hatte sein Testament den Fall wolil ins Auge gefafst, 
dafs seine Gemahlin Elisabeth, die er gesegneten Leibes 
zuriickliefs, nach seinem Tode einen Sohn zur Welt brachte, 
der dann in alien Reichen seines Vaters nachfolgen konnte, 
und mit Eiicksicht hierauf bis zur Entscheidung der Sache 
seine Witwe zur Regentin eingesetzt. Allerdings war ja 
auch fiir den Fall, dafs jene HofFnung sich erfiillte, die 
Aussicht auf eine so langjiihrige vormuudschaftliche Regie - 
rung wenig erfreulich, und es war daher kein Wunder, dafs 
in deu verschiedenen Landen, iiber welche Albrecht II. ge- 
boten hatte, man in sehr verschiedener Weise zu dem Testa- 
mente Albrechts II. Stellung nahm. Wahrend die deutschen 
Kurfiirsten ihre Stimmen bei der Konigswahl auf einen an- 
deren Habsburger, den Vetter Albrechts, Friedrich von 
Steiermark, vereinigten und diesen auch die osterreichischen 
Staude als Regenten erwahlten, wenngleich unter einem ge- 
wissen Vorbehalte der Rechte eines etwaigeu mannlichen 
Erben Konig Albrechts, suchte in Ungarn, wo allerdings 
die drohenden Tiirkeneinlalle ein kraftiges Haupt doppelt 
wiinschenswert erscheinen liefsen, eine machtige Partei einen 
Anschlufs an Polen, und in Bohmen zeigte sich das merk- 
wiirdige Schauspiel, dafs, wahrend zu erwarten stand, dafs jetzt 
nach dem Tode des Nebenbuhlers alles sich dem Erwahlten 



Schlesiens Haltimg nach dem Tode Albrechts 11. 271 

von 1438, dem Prinzen Kasimir, zuwendeu wiirden, von diesem 
thatsiichlich gar nicht mehr die Rede war, and als die ta- 
boritiscli nationale Partei an seiner Stelle den Polenkonig 
selbst vorschlug, dieser zwar mit in die engere Wahl kani, 
aber doch nui- neben drei anderen (Markgraf Friedrich von 
Brandenburg, Herzog Albreeht von Bayern und Pfalzgraf 
Ludwig) iind im weiteren Fortgange der Wahl so unterlag, 
dais schliefslich der Bayernherzog, dem Kenntnis der Sprache 
und Sitte Bohmens naehgeriihmt ward, fast einstimmig ge- 
wahlt wurde. Fiir den nachgeborenen Sprofs Albrechts II. 
hatten sieh kaum Stimmen erhoben. 

So war es wirklich nur eben Schlesien, welches vom 
ersten Augenblicke an die Partei der Konigin Witwe mit 
vollem Herzen ergriifen hatte. Fiir die Schlesier bildete ja 
in der That die Erblichkeit der bohmischen Krone das 
Prinzip, welches sie hochhalten mufsten, wollten sie anders 
die PoHtik, die einst ihre Vorfahren zum Anschlufs an Boh- 
men geflihrt hatte, nicht aufgeben, eine gewisse Selbstiin- 
digkeit sich wahren, sich nicht blofs ins Schlepptau nehmen 
lassen von der deutschfeindlichen bohmischen Adelsherrschaft. 
Am entschiedensten ward dieser Standpunkt verti'eten von 
der schlesischen Landeshauptstadt , deren Vertreter doch, 
wie man wird zugestehen miissen, die deutsch-nationale Ge- 
sinnung der Bewohner dieses Grenzlandes zu alien Zeiten 
am treuesten zum Ausdruck gebracht haben. 

Es sah mit der Einigkeit des zerkliifteten Landes da- 
mals libel aus; eine gesetzlich bestehende Form, die alle 
Stande zusammenget'afst hatte, gab es nicht, und wenn die 
Breslauer gleich nach dem Tode Konig Albrechts eine Ver- 
sammlung aller Stildte Schlesiens und der Lausitz nach Neu- 
markt einberufen hatten, so zeigte schon diese Form hin- 
reichend, dais sie selbst daran verzweifelten, die Filrsten zu 
einer gemeinsamen Politik heranzuziehen. Doch ehe noch 
I diese Versammlung gehalten war, ehe noch die Entbindung 
ider Konigin Elisabeth die grolse Frage gelost hatte, ob dem 
jhabsburgischen Hause ein Erbe beschieden sein sollte, mufsten 
tiie Breslauer das entscheidende Wort sprechen. 

Am 9. Januar 1440 trug Herr Mosticz zur Horla als 
jesandter Wladyslaws dem Rate das Begehren seines Konigs 
'yor, die Schlesier mcichten sich, da sie nun keinen Erbherrn 
■ latten, der Krone Polen anschliel'sen. Tapfer und miinnlich 
Ivar die Antwort der Breslauer, sie hatten nicht blofs Konig 
JAlbrecht sondern auch dessen Gemahlin Elisabeth und ihren 
ii^rben geschworen, und ihre Privilegien verpflichteten sie, 
•mmer bei der Ki'one Bohmen zu bleiben. Diese Gelobnisse 



272 Viertes Buch. Erster Abschuitt. 

zu brechen, konnten die Polen ihnen selbst nicht raten, sie 
wiirden ja mit Recht von aller Welt als ti'culose Meuschen 
gemifsachtet Averden. Uud elie die Breslauer zu solchem 
Thun sich verstanden, wollten sie lieber alle darum sterben. 

Und sie fanden bald Gelegenheit , diesen Standpunkt 
auch in weiteren Kreisen zu vertreten. Die Bohmen batten 
bei ihrer Wahl die Nebeulande nicht zugezogen, abei' nacli- 
dera Albrecht von Bayern die Wahl abgelehnt hatte und 
inzAvischen Kiinigin EUsabeth, die in Ungarn sich rait Gliick 
behauptete und von dem neuen romischen Konige Friedrich 
imterstiitzt "woirde, auch in Buhmen mehr und mehr An- 
hanger gewann, drang dieselbe in ihrem wohlverstandenen 
Interesse auf" Zuziehung schlesischer Abgeordneter , ebenso 
wie solcher aus Mahren und den oberlausitzischen Sechs- 
stadten. 

Wer von den Schlesiern aufser den Breslauern sich noch 
an der Wahl und Ausriistung dieser Gesandten beteiligt 
hat, da von schweigen die Quellen, und nur als Vermutung 
konnen wir aussprechen, dafs Bischof Konrad, Elisabeth, die 
Herzogin-Witwe von Liegnitz-Brieg, und die mit den Bres- 
lauern naher verbilndeten Fiirstentumer Schweidnitz - Jauer 
teilgenommen haben. Wohl aber wissen wir von den schle- 
sischen Gesandten, dafs sie eben bei der Wahlversamm- 
lung zu Prag im Marz 1441 ihren Standpunkt auf das ent- 
schiedenste verti-aten. Sie erklarten dort, obwohl sie ilir 
Recht an der Wahlhandlung teilzunehmen gewahrt wissen 
wollten, vermochten sie diesmal nicht zu wahlen, denn sie 
hatten ja einen Erbherren, dem sie nach der goldenen BuUe 
Karls IV. Treue zu leisten schuldig seien, eine Erklarung, 
durch welch e sie allerdings ebenso den Zorn der Bohmen 
reizten, wie sie den Beifall der Konigin Elisabeth fanden. 

Freilich war damit nicht allzu viel gethan; aller Herois- 
mus der Mutterliebe, den Elisabeth zeigte, vermochte doch 
nicht, die grofsen Schwierigkeiten ihrer Lage zu iiberwinden. 
In den Krieg , den sie vornehmlich durch angeworbene 
Soldnerscharen mit den Polen fiihrte, suchte sie nun auch 
die Sclilesier hereinzuziehen und sandte diesen 1442 in der 
Person des Leonhard Azenheimer einen Feldhauptmann, den i 
dann in der That die Schlesier, natiirlich wiedcr vornehm- 
lich die Breslauer, mit Geld versahen, um Mannschaften zui 
werben. Nicht ungliicklich begiunt hier der kriegserfahrene i 
Kondottiere seine Laufbahn, dringt in Polen ein, aber baldi 
zeigt sich, dafs die Schlesier nicht zusammenhalten , dafs 
einer ihrer Herzoge, Konrad der Weifse, und schwei'lich en 
allein zu den Polen stand, so dafs in den Kampfen, diei 



Mangel eines Hauptes fiir Schlesien. 273 

bald docli auch den schlesischen Boden mit Verwiistung be- 
drohten, Bruder gegen Bruder, dem genannten Herzog der 
Bischof Konrad gegenuber zu streiten hatte. 

Die Verhaltnisse verwickelten sich nur noch mehr, als 
am Weihnachtsabend 1443 die Konigin Elisabeth starb, 
gerade in dem Augenblicke, avo es ihr gelungen war, mit 
ihrem Hauptgegner, dem jungen Konige von Polen, Wlady- 
slaw, einen Frieden zustande zu bringen. Es war kein 
giinstiges Auskunftsmittel , als jetzt der konigliche Knabe 
Ladyslaw, gewohnlicli der Nachgeborene (Postluimus) ge- 
nannt, unter die Vormimdschaft des selbstsiichtigen und 
schwaclien romischen Konigs Friedrichs HI. kam , der fiir 
die Erblander seines Miindels in keiner Weise ein Herz 
hatte. 

Es begannen mit jenem Tage Zeiten traui'iger Gesetz- 
losigkeit fiir alle die Erblande. In Ungarn flammte der 
Biirgerkrieg, Avelchem der Frieden eben hatte ein Ziel setzen 
soUen, von neuem auf, in Bohmen und Schlesien erhob das 
wiiste Fehdewesen, das die vielen Kriege grofsgezogen batten, 
und das kaum wieder etwas hatte eingediimmt werden kon- 
nen, dreister als je sein Haupt; und gerade Schlesien bietet 
doch von alien das unerquicklichste Schauspiel. Denn wahrend 
in Ungarn sich am Ende das Volk um einen nationalen 
Helden, den tapferen Vorkampfer gegen den tiirkischen Erb- 
feind, Johann Hunyad, scharte und auch in Bohmen in der 
Person Georgs von Podiebrad zugleich die volkstiimlichen 
Gruridsatze des Czechentums wie die kalixtinischen Grund- 
satze eines gemiifsigten Hussitismus zu immer steigender 
Macht gelangten, hat Schlesien fort und fort eines Vertreters 
national-deutscher Politik entbehren miissen, dem die Be- 
deutung seiner Personlichkeit wie die Fiille seines Ansehens 
es hiitten ermogHchen konnen, das zersplitterte Land zu einer 
einheitlichen Politik fortzureifsen. Denn wie sehr auch da- 
mals die mjichtige Landeshauptstadt Breslau im Mittelpunkte 
der Ereignisse stand, ihr Vertreter, der jahi'lich wechselnde 
Rat, hiitte doch nimmermehr fiir ganz Schlesien die Rolle 
zu spielen vermocht, wie dies etwa vormals die Herzoge von 
Breslau, die machtigen Heinriche, in friiheren Tagen ge- 
konnt hatten. 

Der schlesische Fiirst aber, der schon in den Hussiten- 
zeiten den nationalen Gedankcn vielleicht am konsequente- 
sten und ausdauerndsten vertreten, der dem polnischen Erz- 
bischofe die Anerkennung verweigert und den Polen den 
Zutritt zu den Breslauer Dompfriinden verschriinkt hatte, 

Grunhagen, Geach. Schlesiens. I, 18 



274 Vieites Buch. Eister Abscliuitt. 

und der ja auch lange Zeit an der Spitze aller sclilesischen 
Eiuuugen gestanden hatte, der Biscliot" Konrad von Breslau, 
ging in den Geldnoten, in welche ihn und sein Bistum die 
Bedriingnis der Zeit und vielleicht auch eigne Sorglosigkeit 
gestiii'zt hatte, schlierslich unter, um so mehr, als ihn auch 
eben seme SteUung als Kirchenfurst notwendig in die Zwistig- 
keiten verwickehi mulste, welche daiuals zwischen dera Konzil 
zu Basel und dem Papste Eugen IV. ausgebrochen waren,., 
und die, um das Chaos dieser verworrenen Zeit noch zu 
steigern, auch in kirchlicher Beziehuug die Christenheit in 
zwei feindliche Heerlager spalteten. Bischof Konrad hatte 
sich entschieden auf die Seite des Papstes gestellt, aber in 
widerwjirtigen Hiiudeln mit dem Dompropste Nikolaus Gra- 
mis um die von diesem I'lir das Baseler Konzil gesammelten 
Indulgenzgelder und in kaum minder argerlichen Fehden mit 
seinem Bruder Herzog Konrad dem Weilsen verzehrte sich 
eine Kraft, die unter geordneteren Verhiiltnissen eine ein- 
heitliche deutsche Politik Schlesiens vielleicht hiltte herbei- 
fiihreu konnen. 1444 war es so weit gekommen, dafs 
Bischof Konrad selbst seine Wiirde niederlegte und es seinem 
Domkapitel iiberliefs, sich einen Hirten zu erwiihlen, der 
Neigung zeigte, dem hei'untergekommenen Stiff aus eigenen 
Mitteln die Schuldenlast zu minderu. 

In dieser Zeit hat Schlesien von den unabliissigen Fehden 
auf das schwerste gelitten; in Mittelschlesien waren 1444 
die Fiirstentiimer Breslau und Schweidnitz- Jauer mit der 
Herzogin Elisabeth von Liegnitz in einen Landfriedensbund 
getreten, der wenigstens diesen Gebieten ein gewisses Mais 
von Ruhe und Ordnung sicherte, wohl auch einmal mit 
seinen Streitkriiften einen ilbermlitigen Raubritter niederwarf 
und bis 1452 in "SVirksamkeit geblieben ist. 1444 strafte 
sein Aufgebot die Plilnderung von Bolkenhain an dem Un- 
ruhstifter Jan Kolda auf Nachod, sowie dessen Verbiindeten 
Jan von Ebersbach und Hain von Tschirn. 1445 legen die 
Breslauer dem alteu Kondottiere Leonhard Azenheimer, den 
ihnen einst Konigin Elisabeth als Feldhauptmanu gesandt hatte, 
der aber nachmals, obwohl ihm die Breslauer das Burglehn 
Neumarkt eingeraumt batten, von Fehden und Riiubereien 
nicht lassen mochte, ebenso wie seinem Geuossen Hans Hain 
die Kopfe vor die Fiifse; 1447 gewinnt der schlesische Bund 
im Verein mit den Oberlausitzer Sechsstadten teils durch 
Geld, teils durch WaffengeAvalt eine gauze Anzahl bcihmischer 
Bm-gen, in deneu sich Raubritter eingenistet batten ; so 
Wiesenburg, Ebersbach, Schatzlar, Belver und Skal, um 
diese dann ganz zu zerstciren, ohne auf die zugehorigen 



Gesetzlose Zustande. 275 

Outer irgendwelchen Anspruch zu erheben. 1451 erobem 
und zerstoren die Breslauer mit den Schweidnitzern die 
Kcaubburg Rochlitz im Katzbachthale, luid erst 1452 scheint 
dann, als sich die Verhaltnisse namentlich in Bohmen wie- 
der einigermafsen befestigt batten, der Bnnd seine Wirk- 
samkeit eingestellt zu baben. 

Doch _ in den librigen Teilen des zerstiickten Landes 
dauert die An archie fort, die Herzoge von Oppeln und 
Teschen-Glogau erschopften ihre Krafte in Febden, und der 
alte Konrad der Weifse von Ols konnte erst dadurcb, dafs 
ilm seine Neffen diu'cb lange Haft notigten, ibnen alle seine 
Lande abzutreten, zur Rube gebracbt werdeu. Aber die 
librigen Teile des zersplitterten Landes schlossen sieb doch 
nicbt zusammen, und es erscbeint fast wunderbar, dafs in 
dieser gesetzlosen Zeit nicbt nocb mancbe scblesiscbeu Fllr- 
sten dem Beispiele der Herzoge von Auscbwitz und Zator 
gefolgt sind, welcbe in den Jabren 1441 — 1457 ibi'e aller- 
dings fast vor den Tboren Krakaus gelegenen Lande 
von der Krone Polen zu Leben nabmen und so fiir ini- 
mer von Scblesien losrissen. Eine Art von Patronat iibte 
der Polenkonig nocb iiber mancbe scblesiscben Fiirsten 
aus. 

Solcbe Zeiten waren nun recbt geeignet, die Geduld der 
Untertbanen der scblesiscben Fiirsten auf scbwere Proben 
zu stellen. Sie, die durcb die ewigen Geldnote ibrer kleinen 
Herren obnebin arg bescbwert, dabei nocb baufig deren Ge- 
waltsamkeiten in den daraus entspringenden Fehden mit 
Gefabr ibres Leibes und Gutes zu biifsen batten und so ge- 
ringen Scbutz von deren Macbt genossen, mocbten wobl mit 
einem gewissen Neid auf die der Krone Bobmen unmittelbar 
unterworfenen Lande blicken, wie Breslau und Scbweidnitz- 
Jauer, die eine ungleicb grofsere Selbstandigkeit besafsen, 
geringer besteuert und dabei docb mebr in der Lage 
waren, ibre Scbicksale selbst zu bestimmen. Es bat etwas 
Rlibrendes, wenn wir wabi-nebmen, dafs trotzdem die An- 
bangHcbkeit an das gesamte Flii'stenbaus docb immer solcben 
Gedanken ein wirksames Gegengewicbt zu balten vermag, 
so dafs Bestrebungen, bei gunstiger Gelegenbeit einen direkten 
Heimfall an die Krone herbeizufiibren im ganzen Verlaufe 
der scblesiscben Gescbicbte uns sehr selten begegnen. Ein 
derartiger Versucb ausgebend von einer der am meisten 
entwickelten und selbstbewufsten scblesiscben Fiirstentums- 
bauptstadte, namHcb Liegnitz, verleibt dem sogen. Lieg- 
nitzer Lebenstreit (1449 — 1469) ein besonderes In- 
teresse. 

18* 



276 Viertes Buch. Erster Abschnitt. 



Der Liegnitzer Lehensstreit. 

In den Fiirstentiimern Liegnitz - Brieg , welche einst 
unter die beiden Sohne Boleslaws III. (f 1352), des Griin- 
ders der Dynastie, Wenzel und Ludwig, geteilt worden 
waren, war der Liegnitzer Stamm bereits 1419 mit Bisehof 
Wenzel ausgestorben , und der Eukel Ludwigs I., des jiin- 
geren jener beiden Brilder, Ludwig II., hatte Liegnitz und 
Brieg wieder vereinigt, wiihrend seinem Brudcr Heinrich IX. 
Haynau, Liiben und Ohlau zugefaUen waren. Doch auch 
er hinterliefs bei seinem Tode 1436 von seiner Geniahlin, 
der hohenzollernschen Prinzessin Elisabeth, Tochter Kurfiirst 
Friedriclis I. von Brandenburg, nur cine Tochter Hcdwig, 
so dais der nachste Manneserbe sein Bruderssohn von der 
Haynau - Llibener Linie Ludwig III. gewesen ware, resp. 
dessen Suhne, deren iiltester dann seine Anspriiche durcli 
seine Vermahlung mit jener Hedwig, der Tochter Lud- 
wigs II., vermehrte. 

Nach strengem Lehenrechte soUte nun immer nur die 
dii'ekte miinuliche Nachfolge cinen Successionsanspruch haben, 
und es hatte einer besonderen oberlehensherrlichen Geneh- 
migung bedurft, um die Ubertragung des Liegnitzer Herzog- 
tums auf die Brieger Linie herbeizufiihren. Ob nun jetzt 
die vorhandenen Gnadenbriefe dazu ausreichten, um die 
Succession in Liegnitz von der Brieger auf die Haynau- 
Liibener Linie zu rechtfertigen , das konnte damals streitig 
erscheinen. Bei dem Tode Ludwigs II. schien die Frage 
noch nicht brennend, da Liegnitz als Leibgedinge rechtlich 
der Herzogin Ehsabeth verschrieben war. Erst bei deren 
Tode konnte es fraglich werden, ob Liegnitz als Lehen an 
die Krone heimfallen oder an Elisabeths Schwiegersohn Jo- 
hann von Lllben kommen solle. 

Der Stand der Rechtsfrage lafst sicli in kurzen Worten 
etwa so zusammenfassen , dafs die Nachfolge der Haynau- 
Liibener Linie noch bei Lebzeiten Herzog Ludwigs II. zwar 
durch Hausvertraffe festgesteUt war und auf Grund der- 
selben auch bereits Eventualhuldigungen vorgenommen wor- 
den waren, dafs dieselben jedoch der Zustimmung des Ober- 
lehensherrn entbehrten und das letzte konigHche Privileg 
in dieser Sache, das Konig Wenzels vom Jahre 1411, sich 
seinem Wortlaute nach kaum fiir die Anspriiche jener Her- 
zoge anfuhren liefs. Bei solcher Lage der Dinge war es 
nicht zu verwundern, wenn am bohmischen Hofe der Ge- 
danke, das Fiirstentum Liegnitz in seiner damaligen Gestalt, 



Bestrebungen fiir den Heimfall von Lieguitz an die Krou 277 

d. h. mit den beiden Gebieten von Liegnitz imd Goldberg, 
als erledigtes Lelien einzuziehen, sicker ernsthaft in Aussicht 
genommen ward, als im Jalire 1449 Herzogin Elisabeth die 
Augen schlofs. 

Ganz besonders versclilechterten sich nun aber die Aus- 
sichten der Liibener Herzuge dadiu'ch, dafs filr den Heim- 
fall des Landes docli eben auch Vertreter der in Frage 
kommenden Landschaften eintraten. 

In Liegnitz waren es die Haupter des Patriziats, welche 
fiir ibre Stadt unmittelbar unter der bohmisclien Krone eine 
grofsere Selbstandigkeit , freiere Bewegung , zunehmenden 
Wohlstand und fiir sich selbst in der Befreiung von der 
bedriickenden Gegenwart eines in der Stadt regierenden 
Landesherrn erhuhtes Ansehen erwarteten. Die Seele der 
Bewegung war der Stadtschreiber Ambrosius Bitschen, der 
1420 seinem Vater Johannes in diesem Amte gefolgt war. 
Es ist durchaus wahrscheinHch , dafs der letztere erst in 
Liegnitz eingewandert ist und seinen Namen seiner Vater- 
stadt, dem sclilesischen Orte Pitschen, verdankt. Mehr als 
ein Vierteljahrhundert hindurch hatte Ambrosius in seiner 
wichtigen Stellang der Stadt die grofsten Dienste zu leisten 
vermocht. Thatsiichlich war ja der auf Lebenszeit gewahlte 
Stadtschreiber gegenilber den jahrlicli wechselnden Ratsherren 
der eigentliche Leiter der Geschafte, anderseits pflegte die 
patrizische Aristokratie , die ganz wie in Breslau alljahrhch 
den Rat dadurch erganzte, dafs die abtretenden Ratsherren 
ihre Nachfolger wiihlten, und die deshalb es vermochte, in 
sehr engem Kreise die Ratswurde wechseln zu lassen, in 
dem Stadtschreiber immer doch einen von ihr abhangigen 
und bezahlten Beamten zu erbHcken, und es haben auch 
thatsachlich weder hier noch z. B. in Breslau die Stadt- 
schi'eiber den Weg in das Ratskollegium gefunden. 

Gerade hiernach mufste nun aber der Ehrgeiz Bitschens 
streben , seitdem er sich zur Durchfiihrung des grofsen 
Planes, seine Stadt unmittelbar unter die Krone Bohmen zu 
bringen, berufen glaubte, und wirklich ward er, was vor 
ihm kaum noch einem audereu gelungen war, zum Jahre 
1447 nicht nur in den Rat, sondern gleich zu dessen Prases, 
zum Blirgermeister, gewahlt. Er eilte, sich WatFen fiir den 
, bevorstehenden Kampf zu Schmieden. Aus den Jahren 
! 1446, 1447 und 1451 datieren die drei noch heute er- 
1 haltenen Werke seines bewandernswilrdigen Fleifses, ein 
I Zinsbuch, ein Pri^^legienbuch , ein Geschofsbuch von Lieg- 
nitz, und es ist sicherHch kein Zufall, Avenn unter den Pri- 
! vilegien alle die fehlen, Avelche irgendwie fiir die Liibener 



278 Viertes Buch. Erster Abschnitt. 

Herzoge sprechen konnten. Es ist auch we nig zu zweifeln, 
dafs er Gelegenlieit genommen hat, am Wiener Hole fiir 
den Fall des Todes dei' Herzogin Elisabeth vorlaulige Ver- 
abredimgen eiuzuleiteu. 

Umsonst hatte die letztere sich beraiiht, durch Grunst- 
bezeugungen den einflufsreichen Mann fiir ihre Sache zu 
gewinnen. Als sie dann auf dem Krankeubette lag, blieb 
ihrer Tochter Hedwig, der Gattin des einen Ltlbener lier- 
zogs Johaun, die Ungunst nicht verborgen, mit der sie von 
den Liegnitzern angesehen wurde. Ihr klcines Sohnlein 
Friedrich beeilte sie sich auswarts in Sicherheit zu bringen, 
und sie selbst ward, sowie sie ihrer Mutter am 31. Uktober 
1449 die Augen zugedrlickt hatte, von den Biirgern zur 
Abreise gedrangt. Nachtlicherweile ging sie fort, um in 
Haynau eine Zuflucht zu suchen. Ihr Gemalil machte 
keinen Versuch, durch personliches Erscheinen seiner Sache 
den Sieg zu verschaffen. Wohl aber beeilte er sich wie 
sein Bruder Heinrich, von Goldberg und Liegnitz Huldigung 
zu verlangen auf Grund der friiheren Hausvertrage und 
Gelobnisse, wahrend mit kaum minderer Eile drei Wochen 
nach dem Tode der alten Herzogin Kaiser Friedrich 111. 
die Lande als heimgefallene Lehen fiir sein Miindel, den 
jungen Konig Ladvslaw, in Anspruch nahm. Die Lieguitzer, 
unvermogend die Goldberger zu kiihneren Entschliissen mit 
fortzureifsen, bequemten sich dazu, zuniichst von den Hul- 
digung heischenden Herzogen noch eine Frist bis zum 
6. Januar 1480 zu erbitteu, als aber diese ablief, trennten 
sich Goldberg Laud und Stadt und auch die Ritterschaft 
des Fiirstentums Liegnitz von der Stadt, die ihrerseits ihren 
fast gefafsten Entschlufs am besten dadui'ch bekundete, dafs 
sie Ambrosius Bitschen im Februar 1480 aufs neue zum 
Biirgermeister erkor. 

Was die Liegnitzer erstrebten, hatte zu anderer Zeit 
vielleicht noch mehr locken konnen. Die Krone, der sie 
heimzufallen wiinschten, war eben damals aufs neue ein 
Zankapfel und Spielball der Parteien geworden. In Boh- 
men empfand man es doch sehr iibel, dafs der junge Konig, 
der kiinttige Herrscher des Landes, in Wien erzogen ward, 
in'einer Umgebung, von der niemand voraussetzen konnte, 
dafs sie dem Knaben Neigung und Verstilndnis fiir czechische 
Art und Sprache noch fiir hussitische Traditionen einflofsen 
werde, und die Partei der Utraquisten, an deren Spitze der 
junge aber tapfere und kluge Georg von Podiebrad zu im- 
mer steigendem Ansehen gelan gte, setzte es bei den boh- 
mischen Standen durch, dafs man von Kaiser Friedrich die ' 



Der Liegnitzer Lehensstreit. 279 

Auslieferung seines Mlindels Ladyslaw begehrte, um ilm in 
Prag zu erzielien. 

Und als Friedrich sicli dessen weigerte, verklagen ihn 
die Bohmen bei dem Papste iind alien christlichen Fiirsten 
tind machen Miene, von Ladyslaw abzufallen, klopfen auch 
wegen einer neuen Konigswahl hier und da an , ohne rechte 
Geneigtheit zu iinden, weder bei Kurfiirst Friedrich von 
Brandenburg, den seine Kenntnis der czechischen Sprache 
besonders empfahl, noch bei dessen Bruder Albreelit Achilles, 
noch bei Wilhelm von Sachsen, dem Gemahle von Lady- 
slaws Schwester. Podiebrad aber bemachtigt sich am 3. Sep- 
tember 1448 durch einen nachtlichen Uberfall Prags und 
spielt nun thatsachlich die Rolle eines Gubernators von Boh- 
men , in der er bald mehr und mehr in ganz Bohmen an- 
erkannt wird, wahrend man in Schlesien mit kaum ver- 
hehltem Mifstrauen auf den czechischen Edelmaun blickt, 
den seine hussitischen Neigungen noch besonders verdachtig 
erscheinen lassen. 

Es konnte einen Augenblick Avohl scheinen, als solle die 
Liegnitzer Sache im Zusammenhange mit den grofsen Streit- 
fragen hier im ostlichen Deutschland entschieden Averden. 
Der Kaiser benlitzte sie zunachst vornehmlich dazu, um 
den Herzog von Sachsen, Friedrich, zu verpflichten und an 
seine Politik zu fesseln, als Bundesgenossen gegeniiber der 
feindseligen Partei, die eben jetzt in Bohmen emporgekommen 
war. Im Jahre 1450 verschreibt er dem Sachsenherzog 
Liegnitz, nachdem er demselben bereits frliher die Nieder- 
lausitz, um welche dieser mit Brandenburg stritt, zugesprochen 
hatte. Auf der anderen Seite unterliefsen es die Bohmen 
nicht, solche Preisgebung der Landesinteressen zum Gegen- 
stande neuer Anklagen gegen den Kaiser zu machen, und 
die brandenburgischen Markgrafen, die ja ohnehin in Lieg- 
nitz das Interesse ihrer Schwester zu vertreten hatten, nah- 
men natiirlich auch gegen die Plane der Liegnitzer Partei. 

AUerdings gab nun Friedrich von Sachsen seine An- 
spriiche auf die Lausitz auf, verfolgte aber um so eifriger 
seine Liegnitzer Anwartschaft. Ganz im Einverstiindnisse 
mit ihm verfuhr der seit 1451 in Liegnitz schaltende kaiser- 
liche Koramissar Reinprecht von Ebersdorf, das Schieds- 
gericht, das in Breslau die Sache zum Austrage bringen 
soUte, erschien den Lubener Herziigen ganz parteiisch zu- 
sammengesetzt, am 28. April 1451 huldigte die Stadt Lieg- 
nitz dem Sachsenherzoge , der Ritter hierher gesendet und 
Rllstungen eifrig betrieben hatte, unterstiitzt von dem ritter- 
lichen Patrizier Matthias Griltzenschreiber, dem eifrigsten 



280 Viertes Bucb. Erster ALsclmitt. 

Gesinnimgsgenossen Ambrosius Bitschens uud Biirgermeister 
von 1451. Als dann die Liibener Herzcige endlich uiige- 
dvddig zu den Waffen griffen, erlitt Joliann (sein Bruder 
Heinrich starb kurz vorlier) am 27. August 1452 bei Wal- 
dau unweit Liegnitz cine schwere Niederlage, worauf er 
seine Sache auigebend im September dieses Jahres einen 
Vertrag mit Ebersdorf scldofs, vermdge dessen er gegen 
sine Summe von 28 000 Gulden alle Anspriiche auf die 
Lande und Stadte Liegnitz und Goldberg aiifgab. 

Aber zu eben dieser Zeit Latte sich die ganze Lage der 
Dinge wiederum veriindert, ein Aufstand der Osterreiclier 
entrifs deni Kaiser gerade am Tage des Treffens bei Waldau 
die Vormundschaft ilber den jungen Konig Ladyslaw, und 
das Ilaupt der Verschworenen, der Graf von Cilly, ver- 
standigte sich mit Georg Podiebrad, den Ladyslaw jetzt 1453 
als Landesverweser bestatigte. Nun war von einer Abtretung 
von Liegnitz an Sachsen nicht mehr die Rede, Podiebrad 
hatte eine derartige Schmalerung eines Ei'blandes nimmer- 
mehr zugegeben; wenn gleicli die Sache Herzog Johanns, 
der, da die versprochene Geidzahlung ausblieb, seine An- 
spriiche erneute, dadurch nicht gewann, vielmehr Liegnitz 
1453 aufs neue dem Konig LadyslaAv zu Hiiuden Herrn 
Protzkes von Kunstadt; eines Verwandten des Landesverwesers, 
huldigte. 

Herzog Johann starb in demselben Jahre, doch ercifFneten 
sich seinem Sohne Friedrich bald bessere Aussichten, in- 
sofern ■ sein Grofsoheim , der kluge Diplomat Albrecht 
Achilles, 1454 eine Heirat zwischen ihm und Georg Podie- 
brads Tochter Sidonia vorschlug und damit dem Ehrgeize 
des machtigen Bohmen, der eben damals ja, wie wir 
noch sehen werden, ganze Flii'stentiimer in Schlesien erwarb^ 
schmeichelte. 

Thatsachlich hat man audi in viel spaterer Zeit auf 
diesen Plan zurilckgegriffen; zunachst aber erfolgte in Lieg- 
nitz eine sehr unerwartete Wendung der Dinge, augenschein- 
lich im Zusammenhange mit dem, was in Breslau vor sich 
gegangen war, seitdem Georg Podiebrad 1453 die Zilgel 
der Regierung in seine Hand bekommen hatte. 



Joliann Capistran in Schlesien. 

Der alte Hafs der Scidesier gegen die hussitischen Ketzer, 
hinter d em sich ja zugleich die Abneigung gegen das deutsch- 
feindliche Czechentum versteckte, hatte aufs neue Nahrung 



Johann Capistran in Schlesien. 281 

erhalten , dadurcli dais mit Georg Podiebrad die ge- 
mafsigte Hussitenpartei wieder ans Kuder gekommen war. 
Doch auch aufserhalb ScLlesiens, vornehmlich unter der 
Geistlichkeit, empfand man es libel, dais jetzt wirklich ein 
anerkannter Hiissit Rokycan als Erzbischof vou Prag an 
der Spitze der bohmischen Kirche stand, und die Zurilck- 
flihrung der Abgefalleuen ziim recliten Glauben erschien 
fortan als eine der wichtigsten Aulgaben der Kirche. 
Als ein Werkzeug dieser Mission Avar nun damals der 
italienisehe Minorit Johannes, nach seinem Geburtsorte ge- 
wohnHch Capistran genannt, aufgetreten, der einerseits in 
dem Schofse seines Ordens eine strengerer Disziplin zuge- 
wendete Richtung begrtindet hatte und bald als „aposto- 
hscher Kommissar und Generalinquisitor ketzerischer Ver- 
derbtheit" die cistlichen Lande zu bereisen begann, liberall 
Bufse und Rllckkehr zuni rechten Glauben predigend. Dafs 
er dies in lateinischer Sprache that, welche nur sehr wenige 
seiner Zuhorer verstanden, that der Wirksamkeit seiner Be- 
redsamkeit keinen Eintrag, der Menge genilgte es, den kleinen 
Mann zu sehen, dem der Puf grofser Wunderthiitigkeit vor- 
ausging, und dessen magerer Korper die Spuren arger Ka- 
steiungen trug, der mit sudlieher Lebhattigkeit zu gestiku- 
Heren verstand und auch wohl den Schiidel seines Meisters, 
des heihggesprochenen Paters Bernhardin, vorwies, um alles 
mit sich fortzureifsen. 

Gerade in den Landern, in denen das Hussitentum Ein- 
gang gefunden hatte, wie in Miihren, z. B. in Brilnu und 
Olmiitz predigte Capistran im Sommer 1481 unter unge- 
heuerem Zulaufe und bewirkte zahlreiche Bekehrungen. In 
Prag wiinschte er eine Disputation mit Pokycan abzuhalten, 
doch weigerte ihm der, Landesverweser das Ireie Geleit, so 
dais er in Bohmen nur auf den Posenbergischen Besitzungen 
und in dem deutsch- und katholisch-gesinnten Eger sicheren 
Aufenthalt land. Die Breslauer konnten es kaum erwarten, 
dais er auch ihre Stadt besuche. Der Bischof Peter lud 
ihn ein, augesehene Burger suchteu schriftlich um Aulbahme 
in die von ihm gestiftete Brilderschaft nach, und als er 
einen Besuch in Breslau von der Griinduiig eines Klosters 
seines Ordens abhaugig machte, willfahrte man ihm und 
verschaffte, nachdem die Versuche, ihm das Franziskaner- 
kloster zu St. Jakob einzuriiumen, an der Feindschaft von 
dessen BeAvohnern gescheitert Avaren, ihm einen ansehnlichen 
Bauplatz in der Breslauer Neustadt, von dem daun Capistran, 
der am 13. Februar 1453 hier seinen ieierlichen Einzug 
gehalten, am 18. Marz Besitz nahm, und avo sich denn 



282 Viertes Bucli. Er.stei" Abschuitt. 

iiun audi bald der Bau der Kirche zu St. Bernhardin und 
des dazu gehorigen Klosters erhob. 

Aiif dem Salzringe (dem heutigen Bliiclierplatze) und 
auf dem Elbing vor dem Vincenzstifte prcdigte Capistran 
wiederholt vor Versammlungeu, welche aus ganz Schlesien und 
bis von den baltisehen Grestaden her zusammengcstromt 
nacli vielen Tausenden ziililten, die in atemloser Stille der 
lateinischen Predigt zahorten, aber sich zu zerstreuen pflegten, 
wenn des Redners Begleiter die Predigt deutsch zu verdoll- 
metschen begann. Man wufste ja auch ohnedies, was cr 
woUte, und zum Zeichen der Balse schleppte man auf den 
Salzring einen grofsen Haufen allerhand Gregenstiinde des 
Putzes, des Luxus und der Kurzweil, um sie auf eineiii 
Scheiterliaufen zu verbrennen. Aber der erregte Fanatis- 
mus suclite bald noch weiteren Ausdrack. Hier in Breslau 
taucliten Bescliuldigungen gegen die Juden auf, als hiitten 
dieselben gestolilcne Hostien beschimpft und einen Christen- 
knaben getotet, um sein Blut zu rituellen Zwecken ihres 
Gottesdienstes zu brauchen. Auf Grund derselben beeilte 
man sich, alle Juden gefangen zu setzen und ihre Besitz- 
tiimer mit Beschlag zu belegen. Die Folter, in deren Ge- 
brauch Capistran selbst die Henker zu unterweisen ver- 
mochte, erprefsten Gestandnisse, 41 Juden wurden verbrannt, 
die iibrigen aus der Stadt verjagt, in Schweidnitz, Jauer, 
Striegau, Lowenberg, Reichenbach und auch in Liegnitz be- 
gannen gleichfalls Judenverfolgungen unter leicht gefundenen 
Vorwanden. In gleicher Weise gegen die Hussiten vor- 
zugehen, dazu fehlte den Breslauern nicht der Wille, son- 
dern nur die Gelegenheit, und dafs Capistran ihnen in die- 
sem Punkte keinen Zweifel dariiber liel's, wie gern er sie 
statt gegen die Juden gegen die bohmischen Ketzer gefiihrt 
haben wiirde, machte das leidenschaftliche Mannlein ihnen 
doppelt wert. 

Capistran blieb langere Zeit in Breslau 5 gehalten eben- 
sowohl durch das eigene Behagen an der fast abgottischen 
Vei'ehrung, die er hier genofs, wie durch die Berechnung 
hiesiger hussitenfeindhcher Geistlichen , die in ihm das trefF- 
lichste "NVerkzeug erkannten, um auf die Stimmung der 
grofsen Menge zu wirken. Der Fiihrer dieser Partei war 
der gelehrte Domkantor und Prediger bei St. Elisabeth, 
Dr. Nikolaus Tempelfeld, und seinem Einflusse fugte sich 
zeitweise selbst der sonst minder eifrige Bischof Peter von 
Breslau. Es war merkwllrdig genug: die czechen- und 
hussitenfeindliche Stimmung der Breslauer hatte Capistran 
hierher gezogen und ihm eine so begeisterte Aufnahme ver- 



Erreguug des Volkes durch Capistran. 283 

schafft, nun aber diente wiederum seine Gegenwart dazu, 
diese Gesinnung zu steigeru und zu verscharfen , die Oppo- 
sition gegen den hussitisch gesiunten Landesverweser von 
Bohmen gleichsam zur Gewissenssache zu machen. So 
dachte die Menge; aber auch in den hochsten Kreisen des 
Breslauer Patriziats begegnen wir Anzeichen einer hoch- 
gradigen Verebrung fiir Capistran, der ja naturgemafs eine 
gleicb tiefgewurzelte Feindscbaft gegen Podiebrad entsprach. 

Unverdient genug traf den bobmischen Landesverweser 
der Hafs der Scblesier. In ibm war kaum ein Zug von 
jenem finsteren Fanatismus der alten Hussitenfuhrer. Was 
er begebrte , war nur Duldung filr die sehr gemafsigte 
Form utraquistiscber Lebre, die er bekannte, obne diese 
Anderen autdrangen zu wollen, und wenn er jetzt den neuen 
14jabrigen Konig Ladyslaw, dem er dureb seine Klugbeit 
allein die Anerkennung und Kronung verscbafft batte, an 
sicb zu fessebi sucbte und ibn mit czecbiscb und utra- 
quistiscb Gesinnten umgab, so war dabei weder Zauberei 
"noch Argbst im Spiele. Aber die Eiferer in Breslau bangten 
um das Seelenbeil des jungen Konigs, der mebr und mebr 
von den Ketzern umstrickt werde, und als es nun gar be- 
kannt ward, dafs Podiebrad zum Lobn fur seine Dienste 
von dem Konig das Recbt erlangt babe, die verpfandeten 
Lande Glatz, Miinsterberg und Frankenstein fiir sicb ein- 
zulosen, und somit ansebnbcbe scblesiscbe Laudscbaften in 
den Besitz eines bobmiscben Ketzers fallen sollten (1453), 
da geriet man vollends in Harniscb, und scbon in der Hul- 
digungsfrage zeigten sicb die feindlicben Gegensatze. 



Konig Ladyslaw 1453—1457. 

Nacbdem am 28. Oktober 1453 Ladyslaw zu Prag feier- 
lich gekront worden war, beiscbte er audi von den Neben- 
landern Huldigung. In Mahren war dies scbon friiber ge- 
scbeben, die Lausitzer geborcbten der ersten Aufforderung, 
und aucb in Scblesien wagten die macbtlosen kleinen Teil- 
fursten keinen Widerstand; anders die Vertreter der un- 
mittelbarfin Kronlande , der Fiirstentiimer Breslau u»d 
Scbweidnitz - Jauer , derselben, in denen Capistran und die 
Geistlicbkeit iiberwiegenden Einflufs erlangt batten; bier er- 
folgte eine feste Weigerung und die Forderung, dem Her- 
kommen gemafs in Scblesien buldigen zu dllrfen, dem Ko- 
nige in Person oder Beauitragten desselben. Die Forderung 
hatte wobl ibre Berecbtigung, insofern die Scblesier ja gegen- 



iJ84 Yicrtes JLJuch. lilrster Abscliiiitt. 

liber dem Streben der buhmischen Stiinde, Bijlimen zu einera 
Wahli'eiche zu machen, an der Erblichkeit der Krone fest- 
liielten iind deshalb uicht gern durcli Ableistung der Hul- 
digung in Prag den Anscliein erzeugen wollten, als ge- 
dilchten sie, das Treugeltibnis an iliren Erblierren irgendwie 
von der AA^ahl resp. Annahme desselben durch den boh- 
mischen Landtag abliangig zu niachen. 

Am Prager Hofe konnte man im Grunde einer Auf- 
fassung nicht ziirnen, der das Prinzip der Erblichkeit im 
Gegensatze zu den Wahlpratensionen der Czechen zugrunde 
lag; und der Forderung der Breslauer entsprechend sandte 
man eine Kommission bolimischer Grolsen nacli Breslau ab, 
mufste aber nun erleben, dafs die inzwischen durch die 
Geisthchkeit noch welter aufgereizten Breslauer am 7. Mai 
1454 den Gesandten die Huldigung audi jetzt noch wei- 
gerten, das personliche Erscheinen des Konigs verlangend, 
sowie vorliergehende Beruhigung dariiber, dafs angeblich 
dem Kunige Kasimir von Polen, bei dessen Vermiihlung 
mit Ladyslaws Schwesterj fur deren Mitgift die bohraischcn 
Kronlande zum Pfande gesetzt seien, wiihi'end doch nach 
den Privilegien der Schlesier ohne deren Zustimmung nichts 
von dem Lande verpfandet werden diirfe. 

Als die Breslauer zu dieser erneuten Weigerung schritten. 
standen sie schon sehr allein, die Fiirstentlimer Schweidnitz- 
Jauer hatten sich zur Hiddigung an die bohmische Gesandt- 
schaft in Schweidnitz bereit linden lassen, und als Podiebrad 
dem Breslauer Bischofe drohte, er werde eine Fortsetzung 
derartiger feindsehger Gesinnung zmiiichst an den Landen 
der Kirche rachen, gab auch dieser nach, zog in aller 
Stille am 11. Juli 1454 zur Huldigung nach Prag und 
brachte von da eine neue Aufforderung an die Breslauer 
mit, sich doch auch zu fugen. 

Diese aber bheben dabei, Ladyslaw soUe ebenso gut, 
wie es sein Vater gethan, personhch in Breslau die Hul- 
digung entgegennehmen , und wie sehr auch die Weigerung 
die Bohmen und wohl auch den Landesverweser verstimmte, 
der junge Konig, dem die Breslauer ihre personHche Er- 
gebenheit zu versichern nicht mllde wurden, dem auch 
Capistran selbst in einem die letzten Motive der Bres- 
lauer andeutenden Sinne geschrieben hatte, und der schliefs- 
lich doch in seinem Herzen dem Hussitentum nicht wohl- 
wollte, mochte von scharfen Mafsregeln gegen die Bres- 
lauer nichts wissen, und auf seinen Wunsch ward unter 
dem Vorwande einer Zusammenkuuft mit seinem kiinftigen 
Schwager, dem Polenkonig, eine Reise nach Breslau in Aus- 



Verhandlungen wegen der Huldigung. 285 

sicht genommen, bei der nun auch die Huldigung der Bres- 
lauer erfolgen konnte. 

Die Saiten nicht zu hoch anzuspannen, mochte auch die 
kleine Revolution mahnen, welclie inzwischen in Liegnitz 
den dort so lange fortspielenden Erbfolgestreit in ein ganz 
neues Stadium hatte treten lassen. 

Es hatte nicht ausbleiben konnen, dafs in diesem Streite 
allmahlich grundsatzliche Gegensatze sich geltend machten. 
Die gesamten schlesischen Fiirsten zeigen sich erschreckt 
darilber, dafs man jetzt bezilglich der Vererbung ihrer Lande 
eine strengere lehenrechtliche Praxis einfuhren wolle^ sie er- 
kennen darin „eine grofse Beschwerung und Schwachung 
ihrer fiirstlichen Herrlichkeit", eine Herabsetzung ihrer selbst 
unter andere Fiirsten der Christenheit und erachten es als 
ein sehr iibles Beispiel, wollte man den Liegnitzern es nach- 
sehen, was doch nie erhort sei in diesen Landen, „dafs 
solche Leute mit ihrera Eigenwillen und Ubermut von ihren 
Erbherren treten sollten'^ Fast drohend schreiben diese 
Fiirsten dem jungen Konig, diese Sachen grifFen in ihre 
Herrlichkeit , Gewohnheit und altes Herkommen, und falls 
die Liegnitzer in ihrem Hochmute und Mutwillen beharrten, 
mlifsten sie als Fiirsten sich ins Mittel legen, und es konnte, 
meinen sie, dem Konige nicht entgehen, dafs ihm ihre (der 
Fiirsten) Dienste doch wertvoller seien als die der Lieg- 
nitzer. 

Trat so auf der einen Seite das fiirstliche Interesse dem 
stadtischen scharf gegeniiber, so liefs sich anderseits doch 
auch den Liegnitzer Patriziern, den Urhebern der ganzen 
Bewegung, gegenilber das Interesse ihrer Gegner, der ple- 
bejischen Ziinfte ausspielen, und die Herzoglichen hatten 
das vou Anfang an gethan, den Ziinften gegenilber hatte 
Herzog Johann von Lilben mit Versprechungen nicht ge- 
' kargt. 

; Auf der anderen Seite war ihm auch nicht entgangen, 

I dafs der seit 1453 neu entflammte Ketzerhafs auch zu 
I Liegnitz in der grofsen Menge eine seinen Interessen giln- 
j stige Stimmung hervorrufen konnte; so sehen wir ihn denn 
1 zu Breslau an der feierlichen Prozession teilnehmen, mit 
I welcher Capistran am 18. Marz 1453 von dem fllr das 
I neue Kloster bestimmten Platze Besitz ergrifF. Dafs die 
i Saat, welche Capistran auszusti-euen so beflissen war, auch 
\ in Liegnitz aufgegangen war, zeigt uns die auch hier in 
Scene gesetzte Judenverfolgung. 

Die Rllckwirkung dieser Stimmung auf den Streit in 
I Liegnitz erlebte Herzog Johann freiUch nicht mehr, wohl 



280 Viertes Buch. Erster Abschnitt. 

abcr seine Witwe Hedwig, die an Rachdui'st wider ihre Be- 
dranger, die rebellischen Patrizier in Liegnitz, niemandem 
nachstand. Es war nicht allzu schwer, die letztereu bei der 
grolsen ]\[enge um ihren Kredit zu bringen. Was batte 
ihr Streben bisher der Stadt lilr Nutzen gebracht? Kost- 
spielige Ililstungen und erhohte Steuern. War es recht, 
war es verniinftig, so durften die Herzoglichen fragen, die 
Abkcimmlinge der angcstammten Fursten zu verjagen, um 
sich dafiir einen Czeehen als Herrn einzutauscben , einen 
Vetter des verhafsten Ketzeroberbauptes , namlicb jenen 
Protzke von Kunstadt, der seit dem Dezember 1453 als 
bobmiscber Hauptinann im Lieguitzer Scblosse residierte? 
Am 24. Juni 1454 bracb die Menge los, verjagte den Haupt- 
mann, nachdem Hermann von Zettritz, der an der Spitze 
eines kleinen Hiiufleins Widerstand versucbt batte, gefallen 
war, deniolierte und plunderte die Wobnungen der patri- 
zisclien Ftlbrer, vor allem des Matthias Griitzenscbreibers, 
und scbleppte Ambrosius Bitscben ins Gefangnis. Nachdem 
dann unter Flibrung der GeistHchkeit am 4. Juh die Her- 
zogin-Witwe feierhcb in die Stadt zm'uckgefiibrt worden 
imd ihrem Sobne Friedrich gebuldigt worden war, wurde 
der gestllrzte Stadtsebi-eiber vor einen Ausnahmegericbtsbof 
gestellt, gebiklet aus Adel und Stadten der Lande Haynau 
und Goldberg, den alten Feinden der Liegnitzer Patrizier- 
partei, denen es nun nicht schwer fiel, ein Todesm'teil zu 
sprecben. Am 24. Jub 1454 fiel von Henkershand das 
Haupt des Ambrosius Bitscben, und seine Plane gingen mit 
ihm zu Grabe. 

Die Folgen dieser Gewalttbat wurden nun durch die 
eigentiimbche Verschobenheit der allgem einen Verbal tnisse 
sehr modifiziert. Unter normalen Verhaltnissen batten die 
Plane Bitschens auf die vollste Sympatbie seitens der Bres- 
lauer recbnen dilrfen; denn es lag doch auf der Hand, dafs 
fur eine Pohtik, wie sie die schlesische Hauptstadt sonst zu 
treibeu gewobnt war, ein freistiidtisches Regiment in der 
Immediatstadt Liegnitz bequemer sein muiste als die Herr- 
schaft eines Herzogs; bei der jetzt in Breslau dominierenden 
Stromung aber begrvifste man die monarchische Reaktion 
in Liegnitz mit Freuden, schon well dieselbe einen Vetter 
Podiebrads verjagt batte, und es bildete sich ein stillscbwei- 
gendes Bilndnis zwiscben der Liegnitzer Herzogin und der 
Stadt Breslau. Beide waren der Autoritat des Oberlehens- 
berren, des Konigs von Bohmen, zu nabe getreten, und eine 
Siihne dafiir zu beiscben, batte unter anderen Umstanden 
die erste Pflicht Konig Ladjslaws sein milssen. Aber in 



Konig Ladyslaw in Breslau. 287 

dessen Augen warden beider Vergehen dadurch gemildert^ 
dais er selbst iiberzeugt war, diese Opposition gelte nicht 
sowohl ihm selbst als der Person seines Gubernators resp. 
der religios-politischen Richtimg, die derselbe vertrat, und 
die geringe Geueigtheit, die er personlich dieser Richtung 
entgegenbraclite, maclite ihn nun aiich gegen jene Opposition 
nachsichtiger; mochte er doch selbst wohl auch an die Mog- 
lichkeit denken, unter Umstanden gegen die Einfliisse, die 
ihn jetzt ganz umsponnen hielten, feindlich auftreten zu 
miissen, wo er dann solclie Andersglaubige wohl brauchen 
kounte. 

Und nun endlich Podiebrad selbst. Immer gewohnt, sich 
nicht von Oefuhlsregungen, sondern von sorgsamen politi- 
schen Erwagungen leiten zu lassen, gab er der Ki-ankung 
liber die ihm entgegengetragene Feindschaft keinen Raum, 
sondern iiberlegte nur, dafs er, der im eigenen Lande Boh- 
men manche ihm feindHchen Einfliisse aufkeimen sah, nicht 
durch schroffes Auftreten die Schlesier in die Arme aus- 
wartiger Fiirsten treiben diirfe, etwa Wilhelms von Sachsen, 
der ja einen gewissen Anspruch auf Liegnitz aufweisen 
konnte oder der braudenburgischen Markgrafen, der Oheime 
der Herzogin Hedwig. 

So wurden denn die Widerspenstigen in Schlesien nicht 
eben hart angefafst. Im Dezember 1454 filhrte Georg 
Podiebrad seinen konighchen Schiitzling nach Breslau, wo 
sich eine glanzende Versammlung um ihn scharte, namlich 
aufser den fast vollzahlig erschienenen schlesischen Fiirsten 
noch die Bayernherzoge Ludwig und Otto, die brauden- 
burgischen Markgrafen Friedrich und Albrecht, ersterer von 
einer liebhchen Tochter begleitet, die man dem jungen Ko- 
nige zudachte; am Weihnachtstage celebrierte im Breslauer 
Dome der Erzbischof von Gnesen das Hochamt und am 
12. Januar weihte hier der Breslauer Bischof Peter den neuen 
Bischof Bohusch von Olmiitz, assistiert von dem Bischofe 
von Grofswardein und dem Breslauer Weihbischofe. Konig 
Ladyslaw zeigte geflissentlich bei jeder Gelegenheit kirch- 
Uchen Eifer und grofste Hochachtuug vor den Stiltten und 
Zeremonieen des Gottesdienstes, und empfing von den Schle- 
siern allerorten Beweise aufrichtiger Ergebenheit. Fiir die 
jHuldigungsfeier war wiedei'um wie 1439 an der Ecke des 
|Ringes und Salzringes ein holzernes, reich geschmiicktes 
iHaus aufgerichtet worden, und als hier am 11. Dezember 
iier Rat der Stadt Breslau den Eid der Treue leistete, pra- 
pisierte die Huldiguugsformel den Sonderstandpunkt der Schle- 
sier noch scharfer, als es hier bei weiland Konig Albrecht 11. 



288 Viertes Buch. Erster Abschnitt. 

geschehen war. Von der erfolgten Konigswahl war cliesraal 
keine Rede, die Iluldigung ging an „Herrn Ladyslaw, ge- 
kronten Konig zu Bohmen, unseren gnadigen angebornen 
Erbherrn und seine Leibeserben Konige zu Bohmen". 

Wenn dann der Konig auf seines Grubernators Driingen 
von der Stadt gleichsam als Strafe des bewiesenen Unge- 
horsanis eine aufserordentliche Konti'ibution verlangte, die 
schlielslich auf 15 000 Gulden festgesetzt ward, so versichert 
uns der Breslaiier Stadtschreiber Esclienlocr , die Burger 
batten die Summe mit Freuden daflir gegeben, dafs sie da- 
durch der Huldigung in Prag iiberhoben worden seien, und 
nur der Gedanke habe sie gewurmt, dafs schliefslich von 
diesem Gelde Georg Podiebrad die schlesischen Landschaften, 
in denen er sich festsetzte, kaufte oder einloste. 

Gegen diesen blieb in der That die Gesinnung der Bres- 
lauer von iramer gleicher Unversohnlichkeit , wie gemafsigt 
und vorsichtig er sich auch zeigte. Die Glut des Czechen- 
hasses lag hier unter leichter Decke, und bei einem Haare 
ware sie hier in hellen Flammen aufgelodert. Als namlich 
bei einem Turniere bolunische Herren unwillig darllber, unter- 
legen zu sein, aus deni Scherze Ernst machend, wilder auf ihrc 
Gegner eindrangen, ergrimmten die Zuschauer, durchbrachcn 
die Schranken und machten Miene, die gewaltthatigen Gaste 
niederzuschlagen, so dafs nur die vereinten Anstrengungen 
der anwesenden Fiirsten, vor allem der Bayernherzoge und 
des j\Iarkgrafen Albrecht Achilles, eine blutige Katastrophe 
abzuwenden verinochten. 

Der bis zuni 31. Januar 1455 fortgesetzte Aufenthalt 
Ladyslaws in Breslau hat zur Ausgleichung der Gegensatze 
so wenig vermocht "\vie die Kachbarschaft, in welche die Bres- 
lauer zu Podiebrad als Landesherren von Miinsterberg und 
Glatz treten: die Reibungen dauerten hier fort, die Breslauer 
weigerten sich, die Milnzen anzunehraen, die Georg in seinera 
Lande schlagen liefs, sie entzogen sich dem hoflichen Ver- 
kehr mit Besuch und Glilckwunsch, den andere schlesische 
Fiirsten dem machtigen Manne gegeniiber angebahnt batten, 
sie hielten ihre Unterstutzung zurllck, selbst wo es ein ge- 
meinsames Interesse wie etwa die Bezwingiing eines Raub- 
ntters gait. 

Allerdings iinderten diese Reibungen nichts an der den 
Breslauern so unerwunschten Thatsache, dafs der verhafste 
Ivetzer sich in Landen festgesetzt hatte, wo ehedem schle- 
sische Fiirsten gethront batten. Bald griff bohmischer Ein- 
flufs noch weiter. Die Breslauer Hauptmannschaft hatte seit 
Konig Albrechts II. Zeit der Rat der Stadt verwaltet, doch 



Feindseligkeit der Breslauer gegeu Podiebrad. 289 

es war vorauszusehen, dafs Podiebrad dies nicht langer zu- 
lassen Averde; die Hauptmannschaft iiber Schweidnitz - Jauer 
und schliefslich die Oberhauptmaunschaft iiber ganz Schle- 
sien war damit zu verbinden, und schon um der dabei in 
Frage kommenden Einkilnfte willen warben schlesische 
Fiirsten eifrig darum. 

Aber Georg hatte andere Absicliten ; es war seiner Klug- 
heit und Mafsigung gelungen, sich mit dem hoch angesehenen 
Geschlechte der Rosenberg auszusohnen, welche zwar eifrige 
Czechen doch dabei nicht minder eifrige Katholiken waren; 
also ganz besonders verwendbar fur die bohmischen Neben- 
lande, wo ja in ueuester Zeit der Einflufs der argwoh- 
nischen Geistlichkeit mafsgebend war. So erhielt Heinrich 
von Eosenberg nacb und nach die Vogtei der Sechsstadte 
(Oberlausitz) , die Hauptmannschaften iiber den mittelbaren 
Besitz der Krone in Schlesien (Breslau, Schweidnitz - Jauer) 
und endhch auch die Oberhauptmannschaft iiber Schlesien. 

Obwohl nun Heinrich von Rosenberg des Deutschen 
wenig machtig war, so geniigte das Zeugnis seiner Recht- 
glaubigkeit; um ihn den Breslauern annehmbar erscheinen 
zu lassen, ja sein Emflufs wuchs so schnell, dafs, als im 
Februar 1456 Bischof Peter von Breslau starb und Heinrich 
jetzt seinen Bruder Jost zum Nachfolger empfahl, der Rat 
und die Schoffen einstimmig beim Domkapitel diese Wahl 
befiirworteten und schhefslich auch durchsetzten, obwohl es 
mit Josts Deutschtum nicht besser bestellt war wie mit dem 
seines Bruders. 

Soweit war es also in der That gekommen. Eine Be- 
wegung , welche einstmals einen vorzugsweise nationalen 
Charakter getragen und dem treuesten Festhalten an dem 
Deutschtum, worin Breslau immer ganz Schlesien vorange- 
leuchtet, den Ausdruck gegeben hatte, war in den Handen 
der grofsen durch Manner wie Capistran fanatisierten Menge 
ganz auf das religiose Gebiet hintibergedrangt worden, so 
dafs jetzt das Czechentum unter dem Losungsworte der 
Rechtglaubigkeit hier einen siegreichen Einzag halten konnte. 
Wohl habeu die Rosenberge die Breslauer und die Schlesier 
nicht zu Czechen gemacht, es auch nicht versucht, immer- 
hin aber ist der Umstand, dafs jetzt das geistliche Haupt 
Schlesiens ebenso wie der weltliche Vertreter des Ober- 
landesherrn Czechen waren, von einer nicht zu unterschiitzen- 
den Bedeutung geworden fiir die Stellung, in welche Breslau 
1457 gedriingt ward. 

Natiirlich mufste bei der Anwesenheit Lady slaws in 
Breslau nun auch die Liegnitzer Angelegenheit zur Ent- 

Grunliagen, Gesch. Schlesiens. I. 1" 



290 \'icites Bucb. Erster Abschuitt. 

scheidung komineu. Unter deiu Vorsitze Heinrichs von 
Rosenberg, des neueii Hauptmanns, ward ein Gericht aus 
b(ihmischen Hei'ren bestehend eingesetzt, vor dem nun naniens 
der Krone Georg von Podiebrad vind der bohmische Kanzler 
Prokop von Rabstein durch den Mund des beredten Gregors 
von Heimburg ani Wiederherstellung des Zustandes vor der 
Revolution (also auf Zurilckberulung des bohmischen Haupt- 
mannes und Zahlung einer Geldbufse von 120000 Gulden) 
klagten. Die Liegnitzer leisteten der Ladung keine Folge, 
wohl aber erhoben Gesandte der Herzogin Einspruch gegen 
jenen Antrag, insofern er dock auch einer Entscheidung der 
Erbtblge prajudiziere , liber welche die Herzogin und ihr 
Sohn dem Herkommen nach vor den schlesischen Fiirsten 
zu Recht zu stehen hiitten, und in der That vermogen diese 
Vorstellungen soviel durchzusetzen, dafs das von jenem Ge- 
richtsliofe gefallte Urteil vom 30. Januar 1455 die Liegnitzer 
kurzweg des Bruchs ihrer Huldigung, Eide und Gelubde 
von wegen der Austreibung der koniglichen Bearaten schuldig 
erklilrt, die Art der Bestrat'ung aber dena Konigc anheim- 
stellt. Damit war fur die Ansprilche der Lilbener Her- 
zogsfarailie sehr viel gewonnen; die Frage der Liegnitzer 
Revolution war ganz nach deren Wunsche von der Ent- 
scheidung iiber die Erbtblge losgelcist und die letztere einem 
anderen Forum vorbehalten. Ein Hinziehen der Sache aber 
war, seit Herzogin Hedwig wiederum in Liegnitz festsafs, 
ihr das "Willkommenste. 

Augenscheinlich tiel bei der ganzen Sache die Stimmung 
der schlesischen Fiirsten schwer ins Gewicht. Wir sahen 
bereits, wie erregt diese geworden Avar, je mehr man in 
diesen Kreisen inne wurde, dafs es sich hierbei um eine liir 
die Frage, inwieweit die schlesischen Herzoge liber ihre 
Lande zu disponieren berechtigt seien, hochst bedeutungs- 
vollen Vorgang handle. Dieselben hatten bereits in ihrer 
ersten Vorstellung stark hervorgehoben, der unmllndige Konig 
habe an der ganzen Sache keine Schuld, also mit anderen 
Worten dem Landesverweser erklart, dieser trage in ihren 
Augen die ganze Verantwortlichkeit fllr die mit dem Lieg- 
nitzer Handel beabsichtigte Unterdrilckung und Benach- 
teiligung der schlesischen Fiirsten und fiir alle verderblichen 
Folgen, die daraus entspringen konnten. 

Bald vermogen sie nun auch sich darauf zu berufen, 
dafs Kcinig Lady slaw dem verstorbenen Herzog Johann 
zweimal, einmal durch den Grafen Cilly, ein ander Mai durch 
Herrn Ulrich Eytzinger habe versichern lassen, das feind- 
selige Auftreten des bohmischen Hauptmanns Reynprechts 



Fortsetzuug des Lieguitzer Lehenstreites. 291 

von Ebersclorf in Liegnitz gegen die Llibener Herzogs- 
familie sei nicht mit seinem Willen erfolgt. Es entsprach 
ganz diesen Anscliauungen , wenn nun auch Herzogin Hed- 
wig tlber den Kopf des Gubernators liinweg sich an den 
Konig mit der Bitte wendete, die Entscheidung iiber die 
Liegnitzer Erbfolge bis zur Miindigkeit des jimgen Herzogs 
Friedrich oder wenigstens auf ein bis zwei Jahre auszu- 
setzen, inzwischen aber Georg Podiebrad alle Feindseligkeiten 
zu iintersagen. 

Den Landesverweser konnten diese Dinge wohl stutzig 
machen. Die schlesische Landeshauptstadt stand ihm in un- 
versolinlicher Feindseligkeit gegeniiber, sollte er jetzt auch 
die sclilesisclien Herzoge dadurch, dafs er sie an enipfind- 
lichster Stelle ti-af, gegen sich ganz und gar in Harnisch 
bringen? Selbst des jungen Konigs war er nicht mehr 
sicher. Von Wien aus befahl derselbe ganz im Sinne jenes 
Antrages der Herzogin Hedwig, bis zui- Rilckkehr Heinrichs 
von Kosenberg nach Schlesien nichts mehr gegen die Lieg- 
nitzer zu unternehmen, wahrend dagegen Podiebrad von 
Prag aus unter dem 11. August 1456 den Liegnitzern Fehde 
ankiindigte. AUerdings bleibt es bei der Armut unserer 
Quellen zweifelhaft, inwieweit es jenem mit solcher Fehde 
Ernst war, und ob er nicht blofs dem Prager Landtage 
gegeniiber, welcher liber den durch die Liegnitzer der boh- 
mischen Krone angethanen Schimpf sehr unwillig war, einen 
gewissen guten Willen zeigen wollte, und ebenso ist es 
wohl moglich, dafs Kcinig Ladyslaw, wenn er 1456 Podie- 
brad von FeindseHgkeiten gegen die Liegnitzer abhielt, in 
der That nur daran dachte, zuforderst alle Ki*afte gegen 
die drohende Tilrkengefahr zu vereinen, wie wir denn wahr- 
nehmen, dafs auch von ihm im folgenden Jahre 1457, als 
er siegreich von dem Tiirkenfeldzuge heimkehrte, scharfere 
Edikte gegen die Liegnitzer erlassen werden. 

Auf der anderen Seite aber spricht doch vieles dafiir, 
dafs der junge Konig in Bem'teilung der schlesischen An- 
gelegenheiten liberhaupt keiueswegs auf dem Standpunkte 
Georgs von Podiebrad stand. Es gelang diesem letzteren 
nun einmal nicht, Ladyslaw so an sich zu fesseln, dafs 
nicht auch anders gesinnte Eatgeber demselben hatten nahen 
konnen. In Wien und Ungarn herrschten . doch sehi* andere 
Einflilsse. Filr die anspruchsvolle Adelsversammlung , die 
im Prager Landtage gebot, hatte der konighche Jiing- 
ling geringe Sympathieen, dem ganzen hussitischen Wesen 
stand er mit kaum verhehlter Abneigung gegeniiber, und 
dieses Gefuhl mochte in dem Tiirkenfeldzuge von 1456 nur 

19* 



292 Viertes Buch. Erster Abschuitt. 

noch verstarkt worden sein. War damals audi der Sieg 
an ci'stcr Stelle der Tapferkeit Johann Hunyads zu ver- 
dankeu, so hatte docb audi Capistran, der grolste Feind der 
Hussiten, dabei seine Haiide im Spiel geliabt, die Geiiiiiter 
zum Kampfe gegen den Erbfeind cntflammt und allein aus 
Sclilesien einen Zuzug von 800 wohlgeriisteten Kreuzfabrem 
dem Heere des Konigs zugefiibrt, von denen mr erfahren, 
dafs sie am 7. September 1456 in feierlicher Prozession von 
der Gcistlicbkeit und den Scbiilern geleitet aus den Thoren 
Breslaus ausgezogeu sind. 

Aufserdem mocbte Ladyslaw je alter er wurde, um so 
mehr die Abbiingigkeit empfinden, in die ilm Georg Podie- 
brad gebannt batte, ein Gefuhl, dem die dankbare Erinne- 
rung an geleistete Dienste auf die Lange niclit die Wage 
zu halten vermocbte. Wessen der junge Fiirst fabig sei, 
das erfubr eben im Friibbnge des Jabres 1457 die Welt 
mit Staunen und Grauen, als derselbe die Erben des ge- 
feiertsten Namens in Ungarn, des Tiirkensiegers Johann 
Hunyad, nacbdem er sie mit vollendeter Verstellung in 
Siclierbeit eingewiegt, gefangennebmen und dem Altesten 
Ladyslaw Hunyad das Haupt vor die Filfse legen liefs, zur 
Strafe dafiir, dafs er des Konigs Ratgeber Graf Ulrich von 
Cilly erscblagen und Ladyslaw gezwungen batte^ sicli seinem 
Einflusse zu beugen. 

Dem, der solcbes auf ungariscbem Boden gewagt batte, 
koiinte aucb in Bobmen kein Haupt zu boob diinken, um 
es nicbt zu fallen, wenn sicli Zeit und Stunde dazu bot. 
Georg Podiebrad empfand das wolil, und nui' mit den grofsten 
Vorsicbtsmafsregeln nabte er darauf seinem koniglicben 
Pflegling, der sieb jedocb endbcb bereit finden liefs, Georg 
nacb Prag zu geleiten, wo er bald wieder durdi die Un- 
gunst, die er dem greisen geistlicben Haupte der Hussiten, 
dem Erzbiscbofe von Prag, Rokycan, zeigte, grofsen An- 
stofs erregte. 

Nur wcnige Monde verweilte er zu Prag mit Anstalten 
zu seiner Vermablung mit des Konigs von Fraukreich 
Tocbter bescbaftigt; da erkrankte er plotzlicb; binncn zwei 
Tagen, am 23. November 1457, war er eine Leicbe. 

Mit der Kunde aber von dem jaben Tode des ISjabiigen 
Jungbngs, eines Bildes der Kraft und Gesundheit, erstand 
aucb das Gerucbt, die Hussiten und ihr Haupt, Georg 
Podiebrad, batten mit Gift den Konig aus dem Leben ge- 
scbafft, ein Gerucbt, das fest geglaubt wurde allerorten, wo 
man dem macbtigen Bobmen nicbt woblwollte, und es fehlte 
ibm nicbt an Feinden. 



Der Tod cles Kouigs Ladyslaw. 293 

Der Historiker aber, der sorgfaltig abwag-end sein Ver- 
dikt abgiebt, wird bekennen milssen, es konne der Umstand, 
dafs dieser Tod Georg Podiebrad sehr gelegen kam vmd ihn 
aus einer Lage befreite, die von Stunde zu Stunde gefahr- 
licher und bedenklicher flir ihn wurde, ja ihm liber Nacht 
einmal Stellung, Ansehn, vielleicht selbst das Leben kosten 
konnte, doch nicht als hinreichend angesehen werden, um 
bei dem Mangel sonstiger Beweise das Andenken Georgs 
von Podiebrad niit der furchtbaren Beschuldigung eines sol- 
chen Meiichehiiordes zu belasten. 



Zweiter Abschnitt. 

Konig Greorg Podiebrad 1458 — 1469. Widerstaiid der 

Breslauer mid dereii Isolieruiig. Die Kegentsehaft 

des Legateii. Kitinpfe in Schlesien 1466 und 1467. 



Es sind wenig erii'eidicbe Blatter der scblesischen Ge- 
schichte, die jetzt folgen, wo die Zersplitterimg des Landes 
nach alien Seiten bin unheilvolle Friichte triigt, wo das alte 
Bollwerk des Deutschtums hier im Osten von aller Welt 
im Stich gelassen in die Hande der Fremden fallt und 
selbst die Standbaftigkeit der Breslauer uns vielfach be- 
dauern lafst, dais sie nicht in einem anderen Kampfe, unter 
anderen Fahnen und fur andere Preise zur Geltung ge- 
bracht worden ist, da sie thatsachlich _ doch nur darum 
kampft, statt des drohenden grufseren tJbels ein kleineres 
auf die Schultern zu nehmen. Und gerade fiir diese un- 
erquickliche Zeit fliefsen unsere Quellen so reich wie kaum 
jenials, und ein Geschichtschreiber, auf den unser Schlesien 
mit Recht stolz sein kann, der Breslauer Stadtschreiber 
Peter Eschenloer (geboren zu Niirnberg nach dem Jahre 
1420) schildert uns die Kampfe der Podiebradischen Zeit 
mit aktenmafsiger Genauigkeit, um dann am Abend seines 
Lebens das ursprlinglich lateinisch geschriebene Werk in 
deutscher Sprache neu zu bearbeiten zu einem Geschichts- 
werke voll Geist und Leben, dem niemand einen hervor- 
ragenden Platz in der nationalcn Ilistoriograpbie streitig 
macht, wenn gleich der Forscher lieber auf die altere diirrere 



294 Vicrtes Bucb. Z-weiter Abschnitt. 

und aktenmafsige aber audi minder teudeuziose lateinische 
Bearbeitimg zuriickgreitt. 

Flir die tSchlesier schien eins durch den Tod Lady slaws 
mit voller Bestiramtheit gegeben. Waren sie bislier inimer 
fur den erblicheu Charakter der bohmischen Krone einge- 
treten, die ja aucli bereits mehrfach in weiblicher Linie 
fortgepflanzt worden Avar, wie z. B. nach dem Tode Sigis- 
munds, so durften sie dies Prinzip auch jetzt nicht ver- 
leugnen, sondern hochstens das unentschieden lassen, ob fur 
den niichsten Erbberechtigten nun der Gemahl der iiltesten 
Schwester Ladyslaws oder aber der iilteste Vetter aus habs- 
burgiscbem Mannesstamme gelten diirfe. 

Aber ehe darllber auch nur Bescliliisse gefafst werden 
konnten, iinderte das Vorgehen der ungarischen und boh- 
mischen Stande die ganze Lage der Dinge. Kaum war 
Ladyslaw tot, so verlangten die Ungarn den Sohn ihres 
Nationalhelden Johann Hunyad, ]\Iatthias, der seit dem Miirz 
1457 von Ladyslaw gefangen gehalten wurde, als kilnltiges 
Oberhaupt. Sein jetziger Kerkermeister Georg Podiebrad 
zeigte sich einem Wunsche, der doch auch fur die eigenen 
Plane einen erwunschten Vorgang lieferte, sehr geneigt. Der 
kiinftige Konig Ungarns ward schnell aus einem Gefangenen 
zu einem geehrten Gaste des Landesverwesers, der ihm sogar 
die Hand seiner Tochter Katharina zusagte, und dem un- 
garischen Beispiele folgend wahlte im Miirz 1458 der boh- 
mische Landtag Georg Podiebrad zum Konig. Thatsaclilich 
loste sich das grofse luxemburgisch - habsburgische Keich in 
seine Bestandteile auf, und zwar auf der Grundlage der 
Nationahtat. Die Magyaren walilten einen der Ihrigen, die 
Czechen in Bohmen desgleichen; es hatte nun blofs noch 
gefehlt, dafs auch die ganz deutschen Stammlande, die Lausitz 
und Schlesieu, einen Fiirsten ihrer Nationalitat auf den 
Schild gehoben hatten. 

Das Recht zu solchem Vorgehen den Schlesiern zuzu- 
gestehen, war man allerdings auf bohmischer Seite weit 
entfernt. Die Nebenlande Bohmens sah man hier an als 
festgeschmiedet fiir alio Zeiten an die Krone Wenzels, so 
dafs sie einfach dem zu huldigen hatten, den jener Reif 
schmiickte. Rechthch durfte die Sache wolil als aufserst 
fraghch erscheinen, denn wenn auch die grofsen Privilegien 
Karls rV". von 1348 und 1355 Schlesien und die Lausitz 
fur alle Zeiten der KJrone Bohmen einverleibt hatten, so 
hiefs es doch in den Ausfiihrungsbestinunungen dieser Ur- 
kunden, dafs die Huldigungen der schlesischen Fiirsten an 
die Erben und Nachfolger Karls IV. zu erfolgen hatten, so 



Georg Podiebrads Konigswahl. 295 

dafs kaum ein Zweifel darilber obwalten konnte, der Aus- 
steller habe bei dera ganzen Privileg die Erblichkeit der 
bohmisclien Krone vorausgesetzt. 

Flir einen Erben Karls IV. konnte nun aber Pocliebrad 
in keinem Falle gelten. Noch schwerwiegender war jedoch 
ein anderes Bedenken. Weiland Kaiser Karl IV. hatte bei 
seinem Bestreben, liberall feste gesetzmafsige Normen zu 
schaffen, in seiner Eigenschaft als romischer Konig von 
Reichs wegen 1348 ein Statut fur das Konigreich Bohmen 
erlassen, dahin gehend, dafs nur in dem Falle, wenn einst- 
mals von dem bohmisclien Konigsstamrae kein mannlicher 
o d e r w e i b 1 i c h e r legitimer Erbe mehr vorhanden sei, den 
Pralaten, Herzogen, Filrsten, Baronen, Edlen und der Ge- 
samtlieit des Ktinigreichs und seiner Pertinentien, 
nachdem dieselben den Rat einiger Reichsfilrsten, der Wahler 
des kimftigen Kaisers und sonstiger Filrsten aus der Um- 
gebung des Kaisers, eingeholt, das Recht zur Wahl eines 
Konigs zustehe. Die ganze Bestimmung wird dann in der 
grofsen goldenen Bulle von 1356 ausdriicklich angezogen 
und bestatigt. 

Jenes Grundgesetz der bohmisclien Krone war unzweifel- 
liaft durcli die Wahl Georg Podiebrads verletzt wordeii. 
Einmal war der darin vorgesehene Fall jetzt niclit vor- 
handen, iiisofern noch weibliche Erben des Kcinigsstammes 
vorhanden waren, und ferner war die Wahl niclit in der 
vorgeschriebenen Weise erfolgt, insofern weder die Vertreter 
der Pertinentien zugezogen waren noch der Rat der Reichs- 
fursten eingeholt word en war. 

Sicherlich batten hiernach die Schlesier das vollste Recht, 
der geschehenen Wahl ihre Aiierkennung zu versagen und 
sich jeder aus dieser Wahl abgeleiteten Huldigungspflicht zu 
weigern. In weiterem Verfolg einer solchen Politik konnten 
sich zwei Wege darbieten. Entweder man liielt an dem 
Erbrechte fest und entschied sich flir einen legitimen Erben 
der bohmischen Krone, oder aber man erklarte: die Krone 
Karls IV., der wir inkorporiert worden, imd deren Trager 
wir zu huldigen gehalten waren, existiert nicht mehr, der 
Prager Landtag hat die Grundgesetze des Reiches grobhch 
verletzt; das luxemburgisch - habsburgische Reich hat sich 
aufgelost, wir sind unsere eigenen Herren, und rait dem- 
selben Rechte, mit dem die Magyaren einen der ihrigen, die 
Czechen einen ihrer Adeligen zu ihreni Haupte gewiihlt 
haben, werden wir Deutschen uhs auch einen der unseren 
zum Herrscher erkiesen. 

In solcher Weise mutig das deutsche Banner zu erheben. 



296 Viertes Buch. Zweiter Abschnitt. 

die dentsche Nationalitjit als Trumpf auszuspielen gegen die 
czechische, die magyarische Nationalitiit ware vielleicht 
wenn gleich die kiihnste so doch auch die klligste Politik 
filr die Schlesier gewesen, vorzuziehen dem blofsen Beharren 
auf dem Erblichkeitsprinzipe, insofern sie dann der Gefahr 
entgangen waren, bei eiaiem Vergleich der Erbberechtigten 
als blolses Korapensationsobjekt niit verhandelt zu Averden. 

Eine derartige Politik ist nun aber von der Gesamtheit 
der Schlesier nie und selbst von den Breslauern nur vor- 
iibergeliend ins Auge gefafst worden; war doch Schlesien 
nicht wie Ungani oder Bohmen ein einheitlich konstituiertes 
Reich, sondern in klaglichster Weise zersplittert und zwar 
thatsiichlich in noch schlimmerem Mafse als friiher. Neben 
einer Anzahl ohnmiichtiger Teilfiirsten, von denen keiner 
dazu geartet war, eine fiihrende RoUe zu spielen, die mittel- 
baren Kronlande Breslau und Schweidnitz-Jauer, in welchen 
den Stadten die leitende Stimme zuliel, ohne dais jedoch 
hier die Hauptstadt eine solche dominierende Stellung hatte 
einnehmen konnen, wie sie es einst unter Karl IV. ver- 
mocht hatte. Wir sahen ja bereits, wie sehr Breslau in 
den letzten Zeiten Konig Ladyslaws isoliert dagestanden 
hat. Und wer hatte auch behaupten mogen, dafs die stad- 
tischen Gewalten von damals die Zixgel so test und sicher 
gefilhrt hatten wie zu Karls IV. Zeit? Die Stadtregierung 
war unvermerkt demokratischer geworden, die jetzt erregtere 
grofse Menge wirkte und drilckte mit ihren wechselnden 
Stimmungen auf die Entschliefsungen der Herren am Rats- 
tische. Und wenn schon im Rate der deutschen Burger- 
schaften Breslau an Einflufs eingebiilst hatte gegen friiher, 
so war das natlirhch noch ungleich schlimmer den Fiirsten 
gegeniiber. Deren Selbstgefiihl, ihr Standesbewufstsein war in 
demselben Mafse gewachsen, als der Druck eines machtigen 
Oberlehensherrn geschwunden war. Deutlich spricht aus 
den fiirstlichen Verwendungsschriften in der Liegnitzer Sache 
ihr Unwille gegeniiber den angeblichen Uberhebungen des 
stadtischen Patiiziats. 

So sah es libel aus mit den Bedingungen einer einheit- 
Hchen Pohtik der Sclilesier. Und dazu nun die Thatsache, 
dafs die beiden Organe der schlesischen Einheit, das geist- 
Hche Haupt der Bischof von Breslau und der Landeshaupt- 
mann Johann von Rosenberg, der seinem 1457 gestorbenen 
Bruder Heinrich in dieser Wurde gefolgt war, beides Czechen 
waren. Es ware lacherlich gewesen, daran zu denken, den 
Karapf filr das Deutschtum unter der Agide zweier Bruder zu 
imtemehmen, die kaum der deutschen Sprache mJichtig waren. 



Haltung der Schlesier in cler Fragc d. bohmischeii Thronfolge. 297 

Bei aUeclem hatte ein solcher Kampf, wie man meinen 
konnte, anderer Hilfe gewiis sein dilrfen. Waren Magyaren 
und Czechen allein auf sich angewiesen, so stand doch 
hinter den Deutsclien in Schlesien das grofse Deutsche Reich, 
dessen Haupt und Gliederu es ja nicht gleichgiiltig sein 
durfte, ob dieses so schcin aufgebluhte Vorland des Reiches 
in die Hiinde der Slaven fiel. Aber diese Erwartung ist 
griindlich getauscht worden. Soil man das Haupt anklagen, 
jenen Friedrich III. den klaghchsten Kaiser, der je die 
Kj-one Karls des Grofsen getragen, oder die Glieder, z. B. 
jenen Wilhelm von Sachsen, den Schwager Ladyslaws, den 
nachsten Erbberechtigten, dem aber zum Kampfe mit einem 
Manne, wie Georg Podiebrad war, ziemHch alles fehlte, die 
Macht, der Geist, der starke Wille? Eher mag sich da 
unser Blick auf die beiden Gestalten der Hohenzollern heften, 
jenes Briiderpaar, Friedrich und Albrecht, beide tapfer, klug, 
hoch angesehen, die seit langen Zeiten ihre Hande in den 
schlesischen Angelegenheiten batten, bei wichtigen Anlassen 
wiederholt auf schlesischem Boden erschienen waren, und 
durch Blutsbande mit den hiesigen Fiirstenhausern ver- 
kniipft wohl wufsten, was hier auf dem Spiele stand. Auch 
sie aber haben die Schlesier im Stich gelassen, auch der 
Schiltzer der Ostmarken des Deutschen Reiches hat die 
Hand nicht erhoben fiir die Deutschen an der Oder. 

Wohl fallt es schwer, hier den Stein zu erheben, anzu- 
klagen wegen versiiumter Pflichterfilllung ; der Historiker hat 
alien Grmid, sich immer bewufst zu bleiben, wie wenig von 
den treibenden Motiven ferner Zeiten sich ihm enthilllt. ( Jb 
es moglich gewesen ware fiir Markgraf Friedrich II., Schle- 
sien sich zu gewinnen und zu behavipten, wer will es sagen? 
Immerhin aber erscheint es bedenklich, noch besonders die 
damalige „deutsche Politik" der Hohenzollern zu riihmen, 
welche in Wahrheit doch die Gesichtspunkte der Mai'kgrafen 
von Brandenburg denen der Nilrnberger Burggrafen auf- 
geopfert hat. Vermag wirklich alle ihre ghibellinische Da- 
naidenarbeit im Dienste des unverbesserlichen Kaisers Fried- 
richs III. die eine Thatsache aufzuwiegeu, dafs wahrend der 
Regierung Kurfiirst Friedrichs II. von Brandenburg die bei- 
den Bollwerke des Reichs gegen Osten bin, das Ordensland 
Preufsen und das deutsche Schlesien, in die Hande der Slaven 
gefallen sind? 

Widerstand der Breslauer. Isolierung derselben. 

Wie das in Schlesien kam, miige jetzt in Kiirze erziihlt 
werden. Auf dem bohmischen Landtage, der die Wahl 



298 Viertcs Buch. Zweiter Abschuitt. 

Georgs ziini Konige voUzog, liatten Gesandte des Herzogs 
A\'illiclm vuu Sachsen, des Geraalils der altesten Schwester 
A-on Ladyslaw, die durch die Gesetzgebung Karls IV. ver- 
brietteu Erbrechte der weiblichen Linie hervorgehoben und 
soviel erzielt, dais die betr. Urkunden aus dem Archive aiif 
dem Karlsteine lierbeigeholt wurden, docli hatten die Boh- 
men aus ihnen ein unbescliranktes WaWrecht herauszulesen 
veriiiocht und die Wahl iiur um so schneller vollzogen, am 
2. Marz 1458. Als die Nachricht hiervon nach JSchlesien 
kam, waren es zunachst die schlesischen Filrsteu (docli mit 
Ausschluls der oberschlcsischcn), die auf einer Versamnilung 
zu Liegnitz I'lir sich allein^ d. h. ohne die Stiidte oder die 
Vertreter der unmittelbaren Lande vlber die Wahl und deren 
an sie gekommeue Xotifikation berieten und dieselbe auzu- 
erkennen Bedenken trugen, Aveil sie selbst nicht zugezogen 
worden seien. 

Der bohmischen Gesandtschaft gegeniiber ward die 
Entscheiduug einer aus ganz Scblesien zu berufenden Ver- 
samnilung vorbehalten. Auf dieser, zu der also nun auch 
die ubersehlesischen Fili'steu wie die Verti'eter der Erb- 
furstentiimer eingeladen wurden, und die Mitte April in 
Breslau zusammentrat, sorgten sebon die Gesandten Herzogs 
^\'ilhelm von Saehsen dafui*, dais man bier die Frage etwas 
ernster ins Auge fafste. Man legte den bohmiscben Ge- 
sandten jenes Grundgesetz Karls IV. von 134 8 vor und 
fragte, ob man im Einklang mit diesem vorgegangen sei, 
indem man gewablt babe, wiibrend doeb nocli Sprossen des 
Kunigsstammes vorbanden seien, und aufserdem die Walil 
gleichialls im ^^'iderspruche mit jenem Grundgesetze unter 
AusscblieJsung der JSchlesier vollzogen babe. Die bohmischen 
Gesandten liefsen es im Grunde dahingesteUt, ob nicht viel- 
leicht Unregelmiifsigkeiten bei der Wahl vorgefallen seien; 
solche soUten fur die Zukunft verhiltet Averden; um so 
eitriger mahnten sie dazu, die Wahl anznerkennen, verhiefsen 
grol'se Vorteile dafiir und liefsen im Weigerungsfalle schweren 
Schaden befiirchten. 

Die Antwort der Breslauer Versammlung, die iibrigens 
aus (Jberschlesien nur von Herzog Bolko von Oppeln be- 
schickt Avar, ging dahin, dafs die Schlesier, obAvohl sie an 
der Krone Brdnnen unverbriichlich festzuhalten gemeint Avaren, 
doch mit Riicksicht auf die von verschiedenen Seiten nam- 
lich von dem Herzoge von Saehsen, den osterreich ischen 
Filrsten und nun auch von den bohmischen Herren geltend 
gemachten Anspriiche auf jene Krone ihre Anerkennung so 
lange hiuausschieben mufsten , bis „an gebilhrhchen Statten 



A'erweigerte Anerkenuung des ueueii Konigs. 299 

erkannt sei, wen sie billig als eineu christlichen Herrn und 
Konig aufnehmen sollten". 

Wer wollte die Antwort als besonders tapt'er bezeiclineu"? 
Eine prinzipielle Geltendmachung des Nationalitatsprinzips, 
wie es die Slagyaren und Czechen zur Anwendimg gebracht 
hatten, scblofs sie eigentlich bereits aus, ohue dabei doch 
fiii- das Recht der Erblichkeit, der weiblichen Succesion ein- 
zutreten. Von den schwerwiegenden verfassungsniafsigeu 
Bedenken, welche die Schlesier der Prager Wahl gegenilber 
zu aufsern ein voiles Recht batten, ist nicbt Aveiter die 
Rede, und wenn die Berufung auf eine kiinftige Entschei- 
dung „an gebubrlichen Statten" unbestimmt und vieldeutig 
genug scheint, ura nocb alle Losungen offen zu balten, so 
zeigt dagegen die Formel des Bilndnisses, zu welchem eben 
auf jenem Breslauer Tage Bischof Jost die Schlesier zu ver- 
einen vermocht hatte, aucb diesen Punkt in sehr kaptivieren- 
der Bestimmtheit. Diese Einung verbindet die Vertreter von 
]\Iittel- und Mederschlesien zu gemeinsamer Yerteidigung 
gegen alle, welche sie etwa anfechteu wollten wegen ihres 
Entschlusses , sich der Anerkennung der Prager Wahl so 
lange zu versagen, „bis sie einen christlichen Herrn und 
Konig haben wilrden ", und anderseits fest an der romischen 
Kirche zu halten. 

Der besondere Standpuukt des Breslauer Bischofs fand 
in diesem Biindnisse seinen vollkommenen Ausdruck. Jost 
von Rosenberg war ein bohmischer Patriot, kaum minder 
czechisch gesinnt als sein Bruder Johann, der Hauptmaun 
Schlesiens, einer der Wahler Georg Podiebrads; nimmer 
hatte er einer Lostrennung Schlesieus von der bohmischen 
Ki'one zugestimmt, doch er war kathoUscher Priester. Als 
solcher hatte er Bedenken wegen der hussitischen Gesinnung 
des neuen Konigs, und eine Pression, welche den letzteren 
von der Linie der Baseler Kompaktaten abdriingen konnte, 
war ihm sicher willkommen. Es war daher ganz charakte- 
ristisch, dafs er nicht lange nach dem Breslauer Tage sich 
nach Rom begab , um aus sicherster Quelle zu erkunden, 
wie man hier iiber die Glaubigkeit des neuen Herrschers 
dachte. 

Von seinem Standpunkte mochte das alles durchaus 
korrekt scheinen, schwieriger ist es zu fassen, dafs er die 
iibrigen Schlesier hat mit sich fortreifsen konnen, da man 
sich doch darilber kaum tauschte, dais I'iir die schwierige 
Frage, ob die Schlesier einen mit Verletzung der bohmischen 
Grundgesetze von dem Prager Landtage tumultuarisch ge- 
wiihlten czechischen Adeligen als ilu-en Oberlehensherrn an- 



300 Vieitt's Buck Zweitcr Abscbuitt 

ziierkennen verniocliten, ohne f'ilr ihre iiationale Besonder- 
heit furcliten zu milssen, niclit allzu vnel damit bewiesen 
ware, wenn der Papst dem Gewahlten ein Zeugnis der 
Rechtglaubigkeit ausstelltc. 

Es war sehr erkliirlicli, dais der alte Ilerzog Bolko von 
Oppeln, der selber als der einzige unter den sehlcsischen 
Fiirsten von friih an hussitische Sympathieen gezeigt, hus- 
sitischen Predigern Schutz und Zullucht gewiihrt, ja in Be- 
thatigung derartiger Ansicliten sogar die Giiter des Ober- 
Glogauer Kollegiatstiftes sich angeeignet hatte, Breslau wieder 
verliefs, ohne dem Bunde beizutreten, sowie er wahniahni, 
dais die Frage auf das kirchliche Gebiet hinllbergespielt 
werde, und sein Beispiel hat dann wohl auch Wlodko von 
Teschen bewogen, die Anhiingung seines Siegels an den 
Bundesbrief zu verweigern. Aber auch die anderen sclde- 
sisehen Stande haben zuni grofsen Teile, wie es den An- 
schein hat, an dem Vorschlage des Bischofs vor allem das 
geschatzt, dais derselbe nicht allzu grolses Risiko in sich 
schlofs, im stillen dabei entschlosscn , in keinem Falle Miir- 
tyrer ihres kirchlichen Eifers zu werden. 

Wenn aber die entschiedener Gesinnten, vor allem die 
Breslauer, schon deshalb zugestimmt haben, weil Avenigstens 
die verhafste Huldigung hinausgeschoben , Zeit gewonnen 
und die Mehrheit der Sclilesier dabei doch in gewisser Weise 
gebunden schien, so zeigte es sich doch bald, wie wenig der 
Bund bindende Kraft hatte. Versprechungen und Drohungen 
brachten die einzelnen Bundesglieder , eines nach dem an- 
deren, sehr schnell der Uberzeugung niiher, dafs Georg doch 
wohl ein christlicher Konig sei ; Gesandschaften , halbe Zu- 
sagen u. dgl. erfolgten, und es war kaum ein Jahr ver- 
gangen, da fanden sich die Breslauer mit dem einzigen 
Herzoge Baltasar von Sagan, der aus den Kriegen de» 
Deutschen Ordens, in denen er tapfer mitgekampt't , einen 
dauerhaften Slavenhafs heimgebracht hatte, nocli in dem hart- 
nackigen Zweifel an der Rechtglaubigkeit des staatsklugea 
Bohmen zusammen. 

Und auch rait der auswiirtigen Kombination, auf welche 
die Breslauer ihre Hoffnungen gebaut, sah es libel aus. 
Thatsachlich kam hier eben nur Herzog Wilhelm von i 
Sachsen in Betracht. Er hatte ja gewisse Anstalten ge- 
macht, um das Erbrecht seiner Gemahlin zui' Geltung zu ( 
bringen, und ware natiirlich gern bereit gewesen, seine An- 
sprilche auf den bohmischen Konigsthron gegen Abtretung 
von Schlesien aufzugeben. Hier hatte man ihn nun wohl 
(wenigstens in Mittel- und Niederschlesien) als Herrscher 



Zuriicktrt'teu der audereu Thronbewerber. 301 

Oeorg Podiebrad vorgezogen, daran aber, dafs hier mm die 
Schlesier Avie ein Mann batten flir ibn aufstehen imd Gut 
nnd Blut fllr ibn einsetzen sollen, konnte nicbt gedacbt 
■vverden; und es Avar schon recbt seblimm, dafs seine niicb- 
sten Nacbbarn^ die Oberlausitzer , auf die docb aucb sebr 
^•erecbnet Avurde, so geringe Sympatbieen fur ibn begten, 
dafs gerade sie unter den ersten mit den Bohmen sieb A'er- 
trugen. 

Und aucb der seblesiscbe Bund ist selbst in seiner kurzen 
BUltezeit nicbt gar Aveit mit Herzog Wilbebn gekommen. 
Der letztere verlangte, die Scblesier sollten sicb bestimmt 
flir ibn erklaren, dann Avilrde er ibnen Hilfe leisten, diese 
aber verlangten zu allererst Scbutz und Beistand flir die 
abAvartende Haltung, Avelcbe die Breslauer Bescbliisse ibnen 
zur Pflicbt macbten, d. b. sie Avunscbten, bcA^or sie sicb 
-durcb eine Erklaruug fllr den Herzog banden, erst dafllr 
Sicberbeit zu liaben, dafs derselbe aucb ernstbcb fllr sie 
eintreten Averde. Wenn so ein Teil dem anderen die Haupt- 
summe von Entscblossenbeit und Risiko zuscbieben Avollte, 
so mufste es docb Wilbelm einleucbten, dafs er Scblesien 
nimmermebr baben Avurde, A\'enn er nicbt mutig A^orginge. 
Docb fllblte er sicb allein dem Kampfe mit der jMacbt 
Bobmens um so Aveniger geAvacbsen, je Aveniger er der 
Scblesier fllr alle EA^entuabtateu sicb sicber fllblte ; er sucbte 
.also Bundesgenossen und klopfte natllrlicb zunacbst bei den 
beiden Brildern aus dem Hause Hobenzollern an, bei Fried- 
ricb von Brandenburg und Albrecbt Acbilles; und es konnte 
eine Weile scbeinen, als ob die beiden Brllderpaare A^on 
Hobenzollern und Wettin mit seltener Einmlltigkeit fllr die 
Sacbe der Deutscben in Scblesien gegen Greorg Podiebrad 
eintreten AA^ilrden. 

Docb sie batten es mit einem klugen und gefabrlicben 
Gegner zu tbun, der aucb die verAvickelten Faden der 
reicbsstandiscben Diplomatic sebr AA'obl llbersab. Es kostete 
ibm Avenig ]\Illbe, gegen die Hobenzollern deren alte Gegner, 
die Wittelsbacber, unter die Waffen zu bringen, und als 
Markgraf Albrecbt dies inne Avurde, maskierte er seinen 
Rilckzug durcb eine eifrige Vermittelung. Konig Georg 
kam ibm balbAvegs entgegen , Albrecbts Bruder und die 
Sacbsen folgten mebr oder AA^eniger Avilbg, und bald endigte 
die ganze Sacbe damit, dafs auf dem Tage zu Eger (April 
1459) Herzog Wilbelms bobmiscbe Ansprllcbe durcb Ab- 
4;retung einer Anzabl bobmiscber Scblosser abgelost AA'urden 
und im llbrigen eine zAviscben dem Hause Wettin und dem 
Podiebrads verabredete Doppelbeirat und ein daran ge- 



302 ^'iertes Buch. Zweiter Abschnitt. 

kniipl'ter Erbvertrag- die Intei'essen beicler auf das engste 
verband. Diese Vertriige liaben ilire Bedeutung auch tiir 
die sciilesisehe Geschichte; mit ihncn findet der Plan der 
Schlesier, auf Grund des Erbrechtes der weiblichen Linie 
einen deutsclien Fursten zum Oberherrn zu erlangen, sein 
Ende; wenn schon im September 1458 der schlesischc Bund, 
allerdings im Widerspruche mit den Breslauern, den Bolnnen 
gegeniiber die Bedingung gestellt hatte, zunachst von den 
anderweitigen Ansprechern der bohmischen Krone gefreit zu 
werden, so war diese Bedingung jetzt zu Egcr erlullt wor- 
den; nachdem der Konig von Polen ebenso wie der Kaiser 
und sein Bruder thatsiichlich bereits ihre Anspriiche batten 
fallen lassen, war nun der einzige Flirst, der sich wenig- 
stens bei den Sclilesiern ernstlicher um das Erbe Lady- 
slaws bemiiht hatte, durch seine Verstandigung rait Georg 
Podiebrad thatsachlich von seiner Bewerbung zuriickge- 
treten. 

Vom nationalen Standpunkte aus konnten wir ja viel- 
leicht das Scheitern der an den Namen Herzog \\'ilhelms 
gekniipften Kombination beklagen, doch dlirfen wir dabei 
nicht vergessen, dafs^ falls diese letztere besseren Erfolg ge- 
habt hatte, die Gefahr einer Zerreifsung Scblesiens, eines 
Abfalls Oberschlesiens an Polen sehr ernstlich heraufbe- 
schworen worden ware. Dieser Teil Scblesiens war doch 
ungleich weniger germanisiert, die Fursten waren hier in 
der langen Zeit, wo die konigiiche Gewalt sich ihnen wenig 
mehr flihlbar gemacht hatte, mehr und mehr in die Macht- 
sphiire Polens gezogen worden; dazu hatte der polnische 
Kcinig, wie wii" wissen, als Gemahl einer Schwester Lady- 
slaws gewisse Erbrechte. Das also werden wii- wohl sagen 
miissen; indem Georg Podiebrad Sclilesien behauptete, hielt 
er es wenigstens zusammen. 

Was jetzt noch als zwaschen dem neuen Kcinige von 
Bohmen und den Schlesiern stehend geltend gemacht wurde, 
hatte eigentlich nichts mehr mit den staatsrechtUchen Prin- 
zipien, die bei seiner Wahl in Frage gekommen wai'en, zu 
thun; es handelte sich vielmehr nur noch darum, ob nicht 
in der Person des auf den bohmischen Konigsthron Be- 
rufenen sich ein Mangel fande, ein Defekt an Rechtglaubig- 
keit, liber den die Schlesier nicht hinwegsehen zu konnen 
glaubten, ohne sich selbst von der katholischen Kirche zu 
trennen. Diesem ^Langel konnte der Papst jeden Augen- 
bhck diu-ch eine Erklarung abhelfen, und Georg, der so 
bewundernswiirdig klug seine Stellung nach alien Seiten 
hin zu befestigen vermocht und bei Kaiser und Pteich wie 



Kr.uig uml Papst. 303 

bei den Naclibarstaaten schnell Anerkennung gefunden hatte, 
mviiste nun noch danach streben, von dem Papste eine An- 
erkennung seiner Rechtglaubigkeit zu erlangen, ohne dabei 
doch die utraquistische Partei in Bolimen, die ihn auf den 
SchikI gehoben hatte und ihn besonders stiitzte, zu ver- 
leugnen. 

Zwischen ihm und dem nicht minder schlauen Aneas 
Sylvius Piccolomini, der 1458 als Pius II. den papstHchen 
Thron bestiegen hatte, entspann sich bakl ein feines diplo- 
matisches Spiel, bei dem es lange zweifelhaft blieb, welcher 
von beiden den anderen zu uberlisten vermogen wiirde. 
Wenn Pius dafilr schwarmte, auf einem Flirstenkongresse 
zu Mantua einen grofsen Kreuzzug gegen die Tiirken be- 
schliefsen und in Scene setzen zu lassen, so zeigte Konig 
Georg fur diesen Gedanken grofse Sympathieen und brachte 
dadurch den Papst zu Aufserungen freundlichster Anerken- 
nung, aber wenn anderseits Pius des Konigs etwas unbestinunte 
Versprechungen, die Ketzerei zu bekampfen, nun ausgefuhrt 
sehen wollte, wich dieser aus und meinte im Hinblick auf 
die noch immer an seiner Rechtgliiubigkeit zweifelnden Bres- 
lauer, derartige Schritte konne er erst unternehmen, wenn 
er aller seiner Unterthanen Herr sei, wahrend doch Pius 
wiederum Bedenken trug, seine getreuen Streiter ganz ab- 
zuwiegeln oder zu entwafFnen. 

Was die Mehrheit des schlesischen Bundes anbetrifft, so 
bedurfte es keiner grofsen Anstrengungen, um hier die Ge- 
miiter zur Ruhe zu bringen. Als im Marz 1459 das papst- 
liche Einladungssctjreiben zu dem Kongresse von Mantua 
bekannt wurde, in welchem Pius II. den Konig von Bohinen 
als seinon teuersten Sohn anredete, den er allezeit fiir einen 
vorziiglichen Verehrer des Glaubens und der Rehgion ge- 
halten habe , zweifelte man in diesen Kreisen keinen 
Augenblick mehr, dafs Georg mit der Kurie sich verstan- 
digt habe, und nachdem dann nicht lange darauf die Nach- 
richten von den sachsisch - bohmischeu Vertragen aus Eger 
eintrafen, blieben eben nur noch die Breslauer ilbrig, die 
im Verein mit * Herzog Baltasar von Sagan sich der Hul- 
digung weigerten. 

Hier in der schlesischen Hauptstadt hatte sich aus na- 
tionaler Antipathic, die jetzt schon lange gewuhnt war, in 
dem Gewande rechtglaubigen Religion seifers einherzuschreiten, 
und auch in Wahi'heit mit solchem verquickt war, aus dem 
Unraute iiber das Scheitern der auf den schlesischen Bund 
gebauten Plane und aus dem auf die festen Mauern der Stadt 
pochenden Biirgertrotze eine so feindselige Stimmung gegen 



304 Viertes Bucb. Zweiter Absclmitt. 

Georg Podiebrad herausgebildet, dafs da jeder Versuch einer 
Vcrsuhnung scheitern raufste. 

Bereits^im Juni 1458 hatten in Breslau Ratmiinner, 
Sclioffen , Alteste , Kaufnianuscliaft , alle Geschworene und 
die gauze Gemeinde „diu"ch eine eiumiitige und unverbrilcli- 
liche Abstimmung beschlossen und sich vereinigt, mit Gottes 
Hilfe den Herrn Georg von Podiebrad als Konig und Erb- 
herrn nimmermehr zu halten, noch in irgendweleher Weise 
aufzunehmen " — in der Verteidigung dieses Beschlusses 
woUten sie alle fiir eineu stehen, und wer sich in dieser 
Zeit der Mitverantwortung dadurch zu entziehen meinte, 
dafs er die Stadt verliefse, der solle sein Bllrgerreclit fiir 
immer einbiifsen. Noch heute ist dieses Verbiindnis mit 
aufsergewohnhch grofsen Buchstaben geschrieben im Bres- 
lauer Stadtbuche zu lesen. 

Wollten sie nun in dieser Feindschaft gegen den Bohmen- 
konig weiter beharren, so blieb ihnen, nachdem die ubrigeu 
Schlesier abgefallen waren und nachdem auch der Filrst, 
desseu Ansprliche man hatte verteidigen wollen, seinen Frie- 
den mit dem verhafsteu Gegner gemacht, nur noch die 
Kurie als mogliche Bundesgenossin ilbrig, und wir sehen 
die Breslauer nun nach dieser Seite die allergrofsten An- 
strengungen machen. Briefe liber Briefe gehen von hier 
aus an den Papst, welche die Gefahr fiir den katholischen 
Glauben und die Tyrannei des Hussitentums mit den schwarze- 
sten Farben schildern. Georg Podiebrad wird hier als ein 
Aviltender Nero, als ein zweiter Decius bezeichnet, als der 
riiuberische ^A'olf, der in den Schafstall der Barche einge- 
brochen , als der allerschi'ecklichste Lowe , als der grosse 
Drache. Ihnen alien drohe das Schicksal, aus dem Lande : 
gejagt zu w^erden, wenn sie nicht bohmische Art sich an- 
eignen wollten u. s. ^\. 

Sie thaten augenscheinhch damit Georg Podiebrad schweres 
Unrecht. Dieser war durchaus kein Fauatiker, weder in 
religioser noch in nationaler Hinsicht, es fehlte ihm weder 
an Einsicht und Mafsigung noch an Energie, und die 
Breslauer hatten vielleicht bei einigem guten Willen mit 
ihm in ein fiir das Land gedeihliches Verhaltnis kaum min- 
der gut kommen konnen, Avie Aveiland mit Karl IV. That- 
sachlich war aber bei der Aufregung, die hier herrschte, 
von so etwas gar keine Rede; als im Herbste 1459 Bischof i 
Jost wieder in Breslau jerschien mit papstlichen Briefen, 
welche die Breslauer ermahnten, mit Georg Frieden zu halten, 
mufste auch er feindselige Worte horen , als sei der Papst ' 
selbst durch falsche Berichte getauscht worden, und sogar 



Die Stadt Breslau wider Konig Georg. 305 

sein Domkapitel beharrte, ebenso wie das des Stiftes zum 
heiligen Kreuz bei der Memiing der Breslauer. 

Aber auch der Bischof verhehlte den Breslauern nicht, 
dafs er an die Aufrichtigkeit ihres Religionseifers nicht 
glaube, sie wiirden, raeinte er, wenig sich um die Recht- 
glaubigkeit ihres Oberherrn kiimmern, wenn derselbe nicht 
gerade ein Czeche ware, den sie um seiner Nationalitat 
willen nicht leiden mochten, und dies sei eben Unrecht, sie 
wiirden die Czechen nicht verjagen , diese seien die Herren 
der Schlesier und wilrden es bleiben. Inzwischen sahen 
sich die Breslauer bereits von Feindseligkeiten ihrer nachsten 
Nachbarn bedroht, welche der Konig gegen sie unter die 
Waffen rief, und auch die bohmischen und raahrischen 
Herren kiindigten der Stadt Freundschaft und Frieden. In 
zwei Koffern sind am 28. August 1459, wie Eschenloer er- 
zahlt, 265 Fehdebriefe der Stadt zugesandt worden, bald 
erschien dieselbe von alien Seiten blockiert, so dafs die Zu- 
fuhr knapp wurde. Georg selbst traf am 27. August zu 
Schweidnitz ein, um dort die Huldigungen der schlesischen 
Flirsten zu empfangen. Doch Avard die Standhaftigkeit der 
Breslauer durch das alles wenig erschiittert , hinter ihren 
Mauern fuhlten sie sich voUkommen sicher, ihren geworbenen 
Soldnern gelang auch nach aufsen liin zuweilen einmal ein 
klihner Streich, wie am Hedwigstage (15. Oktober) 1459 
die Eroberung von Burg Bohrau. 

Von ernsterer Bedeutung ward es, als im November 
1459 papstliche Gesandte, der Erzbischof von Ki'eta und 
der grofse Kanonist -Franz von Toledo, in Breslau erschienen 
und nun auch namens des Papstes zur Huldigung an Podie- 
brad mahnten. Damit allerdings bilfsten sie, welche hier 
mit ganz unerhorten Ehren- und Freudenbezeugungen em- 
pfangen worden waren, sofort wieder den besten Teil ihrer 
Popularitat ein, und obwohl man ihren Ausfilhrungen nicht 
du'ekt widersprach, so wurden sie doch bald inne, dafs sie 
tauben Ohren predigten, da ja alle ihre Beredsamkeit nicht 
den wesentlichsten Punkt traf, der den bohmischen Konig 
den Breslauern so verhafst machte, seine czechische Natio- 
nalitat. Nichtsdestoweniger gelang es ihnen und dem Bres- 
lauer Stadtschreiber, dem Chronisten Eschenloer, einen 
Verti'ag zustande zu bringen, der, so ungewohnlich er auch 
war, doch eigentlich beide Parteien befriedigte. Der 
Konig von Bohmen verstand sich dazu, die feierliche Hul- 
digung der Breslauer (d. h. des Rates und der beiden Ka- 
pitel) noch drei Jahre hinausschieben zu lassen, nach deren 
Ablaufe ihm die letzteren als wahrera und unbezweifeltem 

Grunhagen, Gesch. Schlesiens. I. ^^ 



306 Viertes Biich. Zweiter Abschuitt. 

Katholiken, als christlichem Kcinige zu huldigen versprechen. 
Inzwisclien aber wollen die Breslauer ihm gehorsam sein 
und ihm das audi durch eine besondere Gesandtschaft an- 
geloben. AUe kriegerischen Mafsregeln sollen sogleich aiif- 
horen und alle Privilegieii der Stadt bestiitigt werden, ja 
sogar die Hauptmannschaft liber das Fiii'steutum Breslau 
wii-d dem Eate wiedergegeben. Wenn der letzte Verbundete, 
der Herzog Baltasar von Sagan, in den Frieden uiclit eiu- 
geschlossen ward, so uiiterblieb dies, weil der Herzog docb 
an dem in Prag zu leistenden Gelobnis Anstofs nahm und 
es da vorzog, die Vermittelung des Meifsener Herzogs zu 
suchen. Der Konig trug kein Bedenken, als ihm die papst- 
lichen Legaten jeue Vorschlage personHch vortrugen, sie 
ohne weiteres zu acceptieren und bestatigte, nachdem die 
Breslauer Gesandten ihm in Prag mit ehrfurchtsvoller Knie- 
beugung und nicht ohne flir die bisherigen verungUmpfen- 
den Exzesse Verzeihung zu erbitten, treue Beobachtung ihrer 
Zusagen angelobt hatten, die gesamten Vertrage unter dem 
13. Januar 1460. 

Dem Konige mochte es wohl geuugen, dafs die Bres- 
lauer ihn um Verzeihung gebeten und Gehorsam gelobt 
batten, und die Hinausschiebung der formellen Huldigung 
wenig bedenkhch scheinen. Die Hauptsache war ihm, dafs 
mit der thatsachlichen Uuterwerfung Breslaus seine Plerr- 
schaft nun uberaU zur Anerkennuug gebracht war. 

Doch auch der Breslauer Rat vermochte der aufgeregten 
Blirgerschaft gegeniiber geltend zu machen, man sei jener 
feierHchen Verabredung vom 25. Juni 1458 nicht untreu 
geworden, man habe Georg Podiebrad nicht gehuldigt, und 
ganz im Sinne der ersten Bescliliisse des schlesischen Fili'sten- 
bundes sei die Huldigung liiuausgeschoben , bis man Georg 
als unzweifelhaften christhchen Konig werde begrilfsen kon- 
nen, wofiir man die kostbare Frist von di'ei Jahi'en ge- 
wonnen habe. 

Konig Georg zeigte in Schlesien iiberhaupt die aufserste 
Versohnlichkeit, als wiinsche er bier hauptsachhch alles recht 
zm- Ruhe kommen zu lassen. So begniigte er sich auch in 
dem so lange hingeschleppten Liegnitzer Erbfolgestreite mit 
einem neuen Provisorium, das die Herzogin Hedwig in vor- 
laufigem Besitze lassend, die letzte Entscheidung auf unbe- 
stimmte Zeit vertagte, so dafs am Ende, wie es Hedwig 
immer gewiinscht hatte, der Termin der Miindigkeit ihres 
Sohnes Friedrich hei'ankommen mochte. 

Nur gegen Herzog Baltasar von Sagan, der, wie wir 
sahen, es verschmaht hatte, sich in die Verti-age der Bres- 



Abkommen iiber die kunftige Huldigung. 307 

iauer mit einschliefsen zu lassen, schritt der Konig ein, ver- 
trieb den Herzog aus seiner Stadt Sagan und schenkte die- 
selbe dessen Bruder Johann, ein Vorgang, den die Bres- 
lauer dem Papste gegeniiber zu verwerten nicht unterliefsen, 
als ein Beispiel dessen, worauf von dem ketzerischen Konige 
diejenigen gefafst sein mlifsten, die ihm nicht in allem zu- 
willen Avaren. In der That mochte in der Landeshauptstadt 
die feindselige Gesinnung gegen die Bohmen nicht weichen, 
sondern hochstens der Trotz, mit dem man sie offen gezeigt 
hatte. Die Biirgerschaft trug im Griinde das Haiipt hoher 
als je, man benutzte eihg den wiederhergestellten Frieden, 
i;m wieder etwas Ordnung im Lande zu schafFen , die 
Soldner der Stadt vermochten es, einigen rauberischen Edel- 
leuten derb auf die Finger zu klopfen, und als es^ ihnen 
im Bunde mit Herzog Konrad dem Weifsen von 01s ge- 
lang, 1461 Konstadt, die Hauptbui'g des gefurchtesten aller 
Raubritter, des Johann von Borschnitz-Jeltsch, zu bezwingen, 
begriifste man diese That dankbar selbst in Polen, bis wohin 
die Raubziige oft sich ausgedehnt batten, und in Schlesien 
hielten es die meisten Bitter fiir geraten, mit der Stadt Frie- 
den zu halten. Unter Vermittelung des Rates versohnte 
sich 1461 Herzog Nikolaus, der Nachfolger des hussitisch 
gesinnten Bolko VI. von Oppeln, wegen Occupierung der 
Oberglogauer Stiftsgiiter mit der Kirche. 

Niemals, schreibt Eschenloer, war Breslau so gefurchtet, 
und mit nicht geringem Selbstbewufstsein bezeichnen sich 
die Breslauer dem Papste gegeniiber als „einen Turm und 
eine gefiirchtete Kriegsschar und hier im Osten einen Schild 
des Christenglaubens'^ Und wahrend man daheim eifrig 
liber den Befestigungen der Stadt arbeitete, als erwartete 
man neue Kiimpfe, wiihlten in Rom die Breslauer Prokura- 
toren unermiidlich gegen Podiebrad und betrieben, als sie 
die wachsende Entfremdung zwischen diesem und dem hei- 
hgen Stuhle bemerkten, eine weitere Hinausschiebung des 
Huldigungstermins fur Breslau. 

In der That fiihrte diese Entfremdung bald zu vollstan- 
digem Bruche. Bekanntlich bildeten die Grundlage der 
kirchhchen Sonderstellung des Hussitismus die sogenannten 
Kompaktaten, Zugestandnisse im wesentlichen auf das Abend- 
mahl unter beiderlei Gestalt hinauslaufend, welche die Boh- 
men aus langen Kampfen als Sieger hervorgegangen 1433 
von dem Baseler Konzile erlangt hatten. Von der romischen 
Kurie waren nun diese Vertrage nie bestatigt worden, aber . 
bei aller Feindsehgkeit, die man von hier aus den Kom- 
paktaten zeigte, war man doch einer direkten Verurteilung 

20* 



308 Viertes Bach. Zweiter Abschnitt. 

derselben immer noch aus dem Wege gegangen, uud so 
lange eine solche nicht erfolgt war, wai' es den Utraquisten 
in Bohmen nicht zu verdeuken , weun sie ihre durcli ein 
Konzil gebilligte Lehrmeinung nicht schlechthin als Ketzerei 
gelten lassen woUten, uud Konig Georg hat nachmals mit 
gewissem Schein von Recht geltend machen konnen, wenn 
er nach seiner Thronbesteigung dem Papste die Verfolgung 
und Ausrottung der Ketzereien in Bohmen zugesagt habe, 
sei ihm doch nicht eiugefallen, man konne ihm zumuten, 
in jenen Begriff der Ketzereien auch die Lelu'e der 
Kompaktaten einzuschhefsen. Allerdings hatte er sich ja 
auf die Lange dariiber nicht tauschen konnen, dafs die 
Kiu'ie doch emstlich dem Utraquismus an den Leib wolle, 
und er hat dann diesen Bestrebungen gegenllber Jahre hin- 
durch eine liinhaltende Pohtik mit allerlei halben Zusagen 
zur Anwendung gebracht, um zuniichst erst selbst sich in 
seiner Stellung zu befestigen. Diese zweideutige Hakung, 
sowie die grofse der Stadt Breslau gegeniiber bewiesene 
Langmut waren nun nicht dazu angethan , der Kurie zu 
imponieren, sondern liefsen hier vielmehr die Meinung ent- 
stehen, eine etwas starkere Pression werde am Ende doch 
den Konig bewegen, sich selbst von den Kompaktaten los- 
zusagen. Pius II. beschlofs, den Versuch zu wagen. Auf 
die erneute Bitte einer bohmischen Gesandtschaft um Be- 
statigung der Kompaktaten antwortete der Papst dadurch, 
dafs er am 31. Marz 1462 in einem feierHchen Konsistorium 
in Gegenwart von 4000 Personen die Baseler Kompaktaten 
fur null und nichtig und die Obedienz des Konigs filr nm' 
dann aunehmbar erklarte, "wenn sie mit einer Lossagung 
von jener ketzerischen Neuerung verkniipft Avare. Durch 
den Mund der Gesandten Hefs er zugleich den Konig noch 
besonders auffordern, das Abendmahl unter einerlei Gestalt 
zu nehmen, wo er dann das Volk bald nach sich ziehen 
wiirde. 

Es ware ja nun wohl denkbar, dafs Georg Podiebrad, 
der doch an erster Stelle ein kalt berechnender Staats- 
mann war, im Herzen gewiinscht hat, dem Papst zu Willen 
sein zu konnen. Die Anerkennung des papsthchen Stuhles 
gait ihm viel, und es wiederholt sich in der Geschichte im- 
mer wieder die Erscheinung, dafs jemand, der auf nicht 
ganz legitimem AYege zm' filrsthchen Gewalt hinaufgelangt 
ist, bald nur darauf aus ist, diesen seinen usurpatorischen 
Ursprung vergessen zu machen und deshalb sich mit mog- 
lichst guter Manier von denen loszumachen sucht, auf deren 
Schulteru er emporgekommen. Gewifs ist soviel, dafs der 



Zerwiirfnis Georgs mit dem Papste. 309 

Konig die Antwort aiif jene Herausforclerung des Papstes 
monatelang hinaiisgeschoben und sich inzwischen sorgtaltig 
erkundigt hat, in welcher Form wohl Pius II. sich die 
Konsequenzen seines Verdiktes, die Zuriickfuhrung der boh- 
mischen Utraquisten zum katholischen Glauben, vorstellte; 
und wir diirfen auch sicher sein, dafs Georg in dieser Zeit 
den bohmischen hohen Adel, den Herrenstand, der zum 
grofsten Teile dem Hussitentum fremd geblieben war, eifrig 
sondiert hat, wie weit er seiner ftlr aUe Falle sicher sei. 
Aber das letzte Resultat aller Erwagungen war doch, dafs 
er der Utraquisten, in denen er bisher seine Hauptstlitze 
gehabt, nicht entbehren zu konnen meinte und deshalb dann 
am 12. August in einem feierlichen Hoftage zu Prag den 
papstHchen Gesandten eine entschieden ablehnende Antwort 
erteilte, die in dem Gelobnisse gipfelte, er gedenke in der 
Lehnneinung, in der er geboren und erzogen und mit 
Gottes Hilfe auf den Thron gekommen sei, zu leben und 
zu sterben. Den papstlichen Gesandten Fantin, seinen ehe- 
maligen Prokurator, Kefs er als ungetreuen Diener gefangen 
setzen. So war zwischen ihm und dem Papste der Krieg 
offen erklart. 

Konig Georg meinte den besten Gegenzug wider das 
ihm von der Kurie gebotene Schach dadurch zu thun, dafs 
er seinen merkwiirdigen Plan eines Bundes aUer christlichen 
Fursten zur Sicherung ewigen Friedens mit verdoppeltem 
Eifer verfolgte. Kam derselbe hinter den Riicken des 
Papstes oder iiber dessen Kopf hinweg zustande, so nahm 
er offenbar dem Papsttume den Hauptteil seiner Bedeutung 
flir das europaische Staatensystem. Diesem Interesse sollte 
nun auch cUe Glogauer Zusammenkunft Georgs mit dem 
Polenkonig dienen (im Mai 1462). Wohl war der Plan, 
an dem eigentlich nur noch der Konig von Frankreich, 
Ludwig XL, ein naheres Interesse nahm, zu weitaussehend 
und phantastisch , um wirkKch realisiert zu werden, aber 
immerhin sehen wir gerade in dieser Zeit den Bohmen- 
fllrsten in einer imposanten Machtstellung. Mit dem Kur- 
fiirsten von Brandenburg ward eben damals der alte Sti'eit 
wegen der Lausitz giithch beigelegt und auch mit dessen 
Bruder Albrecht Waffenstillstand geschlossen. Dem Kaiser 
aber brachten im November 1462, als er in Wien von auf- 
standischem Adel im Bunde mit seinem Bruder Albrecht 
belagert ward, die bohmischen Waffen Rettung und erhohten 
I dadurch seine Abhangigkeit von dem machtigen Fursten. 
[ Und einem so gewaltigen allgemein respektierten Herr- 
I scher wagt nun eine einzelne Stadt auf eigene Hand hart- 



310 Viertes Buc'n. Zweiter Abschnitt. 

niickigen fortgesetzten Widerstand zu leisten. Freilich stand 
die Macht des Papsttums Iiinter ihr, und wenn sie je liinger 
je mehr an dieses sich anschloft, um einos rechtlichcn Vor- 
wandes flir weiteren Widerstand nicht zu entbehren, so 
legte doch audi Pius II. seinerseits den grufsten Wert darauf, 
neben den geistlichen WafFen, welche die Rilstkammer der 
Kirche ihm darbot, dcm Gegner auch auf weltlichem Ge- 
biete im eigenen Lande vermittelst der standhaften Feind- 
schaft der Breslauer Schwierigkeiten und Verlegenheiten bc- 
reiten zu kijnnen und zeigte sich deshalb eifrig beflissen, 
die letzteren bei Stimmung zu erhalten, wie er denn unter 
den Griinden fiir die Verwerfung der Kompaktaten auch 
den anfllhrt, dafs der Konig, wenn er sich nicht von jenen 
ketzerischen Neuerungen freimache, niemals das Vertrauen 
und die AnhangHchkeit aller seiner Unterthanen gewinnen 
werde ; zugleich vertagt er den Wilnschen der Breslauer ent- 
sprechend deren Verpflichtung , dem Konig nunmehr nach 
Ablauf der drei Jahre zu huldigen auf unbestimmte Zeit bis 
auf weitere Entscheidung (24. September 1462) und schickt 
ihnen den eifrig kirchlich gesinnten Erzbischof Ilieronymus 
von Kreta als Legaten zu. 

Mit Jubel nehmen diesen die Breslauer auf und senden eine 
ganze Kriegsschar (2000 Fufsgiinger und 300 Reiter) nach 
Parchwitz ab, um ihn sicher in die Stadt zu holen (No- 
vember 1462). Hier spielt derselbe dann in den nachsten 
Jahren eine hochst merkwiirdige Rolle. Die Breslauer selbst 
hatte er nicht notig filr die papstliche Politik zu entflammen, 
im Gegenteil mufste er sich bemlihen, ihren allzu grofsen 
Eifer zu zugeln. Zm- Charakteristik ihrer Gesinnung mag 
die Anfilhrung genligen, dafs, als sie in der nachsten Zeit 
von Geriichten einer Verstandigung des Konigs mit dem 
Papste geangstigt worden, sie diesera bestimmt erklaren, sie 
wiirden bis aufs aufserste Widerstand leisten, ja ehe sie sich 
unterwiirfen, lieber ihre Stadt den Flammen iibergeben und 
mit Weib und Kind ins Elend gehen. Bei solcher Gesin- 
nimg mochten sie natiirlich von ihrem friiheren Gelobnisse, 
dem Bohmenkonige wahrend des Interimistikums Gehorsam 
zu leisten, nichts mehr wissen, sondern brachen vielmehr 
alien Verkehr mit demselben ab, schon um ihm nicht den 
koniglichen Titel geben zu mlissen. 

Die Regentschaft des Legaten. 

Die Obrigkeit der Breslauer wird jetzt thatsachlich der 
papstliche Legat, dem sie gewissenhait Folge leisten, und 



Breslau unter papstlicher Regentschaft. 311 

derselbe bemiiht sich aucb, die Rolle eines papstlichen Statt- 
halters auf ganz Schlesien auszudehnen. Er berufit Ver- 
samralimgen der schlesischen Flirsten, ladet einen derselben, 
namlich Johann von Sagan, der die Laude seines von 
Konig Georg abgesetzten Bruders Baltasar in Besitz ge- 
nommen, vor seinen Richterstuhl , erhebt Einspruch gegen 
Gebietsveraufserungen resp. Vertauschungen, die der Bohmen- 
konig betrieb, und ist im grofsen und ganzen eifrig tliatig, 
um das ganze Land ziim Abfalle von Podiebrad zu be- 
wegen. 

Gerade damit hatte er nun so gut wie gar keinen Er- 
folg; die Breslauer blieben in ihrer Isolierung, dagegen ver- 
mieden es die schlesischen FiirsteU; dem Erzbischofe von 
Kreta schrofF und entschieden entgegenzutreten , ja sie ver- 
steckten sich sogar, wo es ihr Vorteil erforderte, wie in der 
Landtauschsache dem Konige gegeniiber hinter die papst- 
lichen Weisungen. In direkten Konflikt kam der Legat 
nur mit dem Bischofe von Breslau, Jost von Rosenberg. 
Wenn derselbe ein zu guter Katholik war, um sich ent- 
schieden auf die Seite des Konigs zu stellen, so war er 
doch auch auf der anderen Seite ein zu guter Czeche, um 
nicht vor dem Gedanken zu erschrecken, ein fortgesetzter 
Widerstand Breslaus konne schliefslich doch zu einer Los- 
reifsung von der Krone Bohmen filhren, und da nun aufser- 
dem der Legat in seiner Eigenmachtigkeit vielfach in die 
Befugnisse des Bischofs iibergriff, so ward das gegenseitige 
Verhaltnis der beiden Kirchenfursten bald ein aufserst ge- 
spanntes, und es konnte vorkommen, dafs am 6. Juni 1463 
in der Herberge des Legaten, dem goldenen Becher am 
Ringe, bei einer Besprechung, der audi die beiden Herzoge 
von 01s und Wohlau beiwohnten, der Erzbischof von Kreta 
dem Breslauer Bischofe die ergrimmten Worte ins Gesicht 
schleuderte: „Du bist ein Gift des Vaterlandes und ein 
Stein der Schande", worauf dann dieser mit dem paulini- 
schen Citate antwortete: „Die Kreter sind allezeit Liigner, 
bose Tiere und trage Bauche." Wiitend sprang da der 
Legat auf und schlug mit der Faust nach dem Gegner, 
und nur das Dazwischentreten der Fiirsten konnte eine 
Schlagerei verhiiten, wahrend die Ratsherren eilig die Thilr 
isperrten, damit nicht eine Kunde von dem hiifslichen Auf- 
Itritte nach aufsen drange,..wo dann bei der Stimmung des 
IVolkes dem Bischofe das Aufserste gedroht haben wiirde. 
I Im Grunde wird man von dem Letzteren wohl sagen 
jkonnen, dafs gerade er ehrlich bestrebt gewesen ist, zwischen 
I Rom und Prag zu vermitteln, und da auch der dem Bohmen- 



312 Viertes Buch. Zweiter Abschnitt. 

konige so sehr verpllichtete Kaiser in gleichem Sinne wirkte, 
so erzielte er auch in der That Erfolge, iind wenn Pius 
bereits im Frilhling 1463 den Breslauern nimmehr direkt 
verboten hatte, Konig Georg zu hvJdigen und jeden mit 
dem Banne bedrohte, der an Zwangsmalsregeln gegen Breslau 
teilnehmen wiirde, auch die etwa entgegenstehenden Unter- 
thaneneide t'iir autgehoben erklart hatte, so vermoehten die 
Beraiihungen Bischof Josts und die Verwendung des Kaisers 
doch die Ausfiihrung dieser Erlasse, bei denen es allerdings 
auf direkte Insurgierung von ganz Schlesien hinausgelaufen 
ware, wenigstens vorlaulig zu suspendieren. Auf der an- 
deren Seite war der Bischof bemiiht, auch Konig Georg von 
Gewaltmafsregeln gegen Breslau zurilckzuhalten. Es gelang 
ihm dies um so leichter, da der letztere ohnehin nicht so- 
wohl einen dii'ekten Angriff auf die wohlbefestigte Stadt als 
eine alhnahliche Ausdehnung seiner Hausmacht in solcher 
Weise im Sinne gehabt zu haben scheint, dafs die wider- 
strebende Stadt auf alien Seiten emgeengt und ihrer Ver- 
bindungen beraubt keine andere "W'ahl als Unterwerfung 
gehabt hatte. 

Bereits war der Konig in dem unmittelbaren Besitze 
eines grofsen Teiles von Troppau, der Grafschaft Glatz, des 
Fiirstentums Milnsterberg mit dem Bezii'ke von Franken- 
stein ; aus den wichtigeren Burgen des Landes, wie Liihn- 
haus, dem Bolkosclilosse bei Bolkenhain und dem Fiii'sten- 
stein , veririeb Georg die bisherigen Besitzer und setzte 
darauf ihm unbedingt ergebene Anlianger, und wenn er 
einem bohmischen Herrn, Albrecht Berka von der Duba, 
der ihm Huldigung weigerte, den Tollenstein (unfern der 
sachsisch bohmischen Grenze) wegnahm, so zweifelten die 
Breslauer keinen Augenblick, er thue dies, um ihneu ihren 
Haupthandelsweg nach Westen zu sperren. Aber noch wei- 
tere Plane wurden ihm zugeschrieben. Dem Herzoge Hein- 
rich von Freistadt, hiefs es, wolle er Liiben abkaufen resp. 
abdrangen, um damit den jungen Herzog Friedrich zu ent- 
schadigen, und den so lange hingeschleppten Liegnitzer 
Lehenssti'eit nun definitiv durch die Erwerbung dieser Stadt 
zu beendigen, und ebenso sollte eine Schar hussitischer 
Soldner, sogenannte Zebraken, die er in Oberschlesien in 
seinen Dienst nahm, ihm dazu helfen, von Herzog Kikolaus 
von Oppeln sich Brieg abtreten zu lassen._ Wenn er dann noch, 
wie dies angeblich seine Absicht war, Ols erwarb und dazu 
das wenige Meilen von Breslau oderab warts gelegene Auras 
von dem Wohlauer Herzog Konrad, an den es verpfandet 
war, wieder einloste, so war in der That Breslau von alien 



Feindseligkeiten des Koiiigs gegen Breslau. 313 

Seiten so blockiert und eingeschlossen, dafs alle Festigkeit 
seiner Mauern es nicht mehr zu schiitzen vermochte. 

Doch wissen wir in der That nicht, ob von diesen Planen 
nicht vieles nur in der geangsteten Phantasie der Breslauer 
existierte. Jedenfalls sind derartige Bestrebungen weniger 
wohl durch das Verbot des Legaten an alle schlesischen 
Flirsten , derartige Veraufserungen oder Vertauschungen, 
durch welche Rechtglaubigen Schaden zugefugt werden 
konnte, vorzimehmen (1464, 11. Januar), als durch den 
passiven Widerstand der betr. Flirsten selbst hintertrieben 
worden. 

Die Breslauer fiirchteten allerdings auch einen direkten 
Angriff des Konigs, und wufsten von besonders kiinstlichen 
Belagerungswerkzeugen zu erzahlen, welche derselbe in Prag 
anfertigen hefse, sowie von zahlreichen aut" der Oder in 
Oberschlesien angefertigten Flolsen, vermittelst deren er die 
Stadt von Osten her an ihren schwachsten Stellen, der Neu- 
stadt und dem Dome, angreifen wolle. Man beeilte sich hier 
durch neue Befestigungen nachzuhelfen, ja die Breslauer er- 
bauten sogar eine neue Briicke von der Neustadt heriiber 
nach dem Dome, ein Werk um so mlihevoller und kost- 
spiehger, als es im Winter (von 1462 zu 1463) in grofser 
Eile zustande gebracht wurde. Der Bischof Jost, der zuerst 
liber die Eigenmachtigkeit, mit der man auf seinem Terri- 
torium, dem Dome, fortifikatorisch vorgegangen war, geziimt 
hatte, ward schhefslicli doch von seinem Kapitel zu einem 
Vertrage mit der Stadt und einem ansehnlichen Beitrage zu 
den Kosteu der neuen Befestigungen veranlalst (1463, 
6. Januar). 

Wenn Konig Georg soweit gegangen ist, den Breslauer 
Rat resp. einzelne Patrizier eines Anschlags gegen sein 
Leben zu bezichtigen und auf Grund solcher Beschuldigungen 
einen schlesischen Edelmann namens Johann von \^^iesen- 
burg hat foltern und schhefshch grausam hinrichten lassen 
(im Friihhng 1464), so hat er damit schwerhch recht ge- 
habt, und die Breslauer haben auch nicht unterlassen, ihrer 
Entrlistung liber solche Verdiichtigung sehr entschiedenen 
Ausdruck zu geben. 

Dagegen steht es fest, dafs eben sie immer von neuem 
bei dem Papste darauf hindrangen, dafs dieser den Konig 
als unwlirdig des Thrones erkliiren und ihm einen recht- 
glaubigen Flirsten als Pratendenten entgegenstellen solle; es 
darf da auch nicht verschwiegen werden, dafs sie sich sogar 
den Polenkonig schlimmstenfaUs als solchen batten gefallen 
lassen. Doch der war damals eben zu tief in seine Handel 



314 Viertcs Biich. Zweiter Abscbnitt. 

mit dem Deutschen Orden verwickelt. Einem Versuch des 
piipstlichen Legaten , den Kiirfilrsten von Brandenbiu'g, 
Friedrich II., fllr diese Pratendentenrolle zu gewinnen, hat, 
wie es sclieint^ der Einflufs von Friedrichs Bruder Albrecht 
Achilles scheitern lassen. Von Herzog Liidwig von Bayern 
ist in den Kreisen der Knrie auch die Rede gewesen: an 
den Kaiser haben die Breslauer wohl gedaeht, aber sclnver- 
lich ihra zu solchem kiihnen Auftreten enistlich den IMut 
zugetraut. 

Papst Pius begniigte sich damit, die Breslauer dem 
Schutze des Markgrafen von Brandenburg und des Konigs 
von Polen zu empfehlen, er machte geltend, er dllrfe Georg 
nicht eher das Reich absprechen, bis er eines Fiirsten sicher 
sei, der die Macht und den Willen habe, die Sache auch 
dui'chzufiihren , sonst wilrden er und die Breslauer nur 
Schande von dem Schritte haben. Und als er endlich 1464 
im Juni sich dazu entschliefst , ein Verl'ahren gegen den 
Krinig einzuleiten und diesen unter der Anklage der Ketzerei 
nach Rom zu citieren, wird daun doch die Ausfertigung der 
Bolle so lange verzogert, dafs inzwischen der Tod des 
Papstes (1464 am 15. August) wieder alles in Frage zu 
stellen droht. Doch sein Nachfolger Paul II. zeigte sich 
noch minder geduklig als Pius, und nach kurzem Aufschub 
wird 1465 (im August) die Citation Georgs nach Rom in 
schroffer Form erneuert und dann, ohne den hier gestellten 
Termin von 180 Tagen abzuwarten, im Dezember desselben 
Jahres in einer neuen Bulle Georg, der Sohn des Verderbens, 
wie er hier genanut wird, als rilcklalliger Ketzer dem Ver- 
dammungsurteil bereits verfallen bezeichnet und fiir aUe 
seine Unterthanen jedes demselben geleistete Gelobnis als 
aufgehoben und gelost erklart, bis filr das Reich ein wirk- 
lich katholischer Fiirst geschafft sein wiii'de. Der neu er- 
nannte papstliche Legat Bischof Rudolf von Lavant sorgte 
fiir geeignete Verbreitung dieses harten Spruches. 

Allerdings kam nun alles darauf an , ob sich auch 
aufser den Breslauern noch andere Arme auf das Wort des 
Papstes hin erheben wiirden. Es war wohl von grofser 
Bedeutung, dafs gerade unter dem hohen Adel Bohmens, 
dem sogenannten Herrenstande , die Opposition gegen den 
Konig in stetem "Wachsen geblieben war. Diese Herren 
batten sich ganz im Gegensatze zu dem niederen Adel 
grofstenteils von dem Utraquismus fern gehalten, doch was 
sie jetzt bewog, eine feindselige Stellung gegen den Konig 
einzunehmen, war im Gninde viel weniger kirchhcher Eifer 
als vielmehr Unzufriedenheit mit dem personlichen Regimente 



Auftreten des hohmisclicu Herreubuudcs. 315 

eines Mannes, cler aus ihren Kreisen liervorgegangen , nun 
sie gewissermafsen beiseite schob, ihrer Mitwirkung ent- 
behren zu konnen glaubte. Bereits hatte Georg zuerst (l459), 
seinen altesten Sohn Viktorin, dann (1462) die beiden jun- 
geren, Heinrich und Hynko (auch Heinrich), durch den Kaiser 
zu Reichsfiirsten ernennen lassen; im Dezember 1465 belehnte 
er sie mit seinem Anteil an Troppau, mit dem Herzogtum 
Miinsterberg und der Grafschaft Glatz. Dem Altesten, 
Viktorin, verlieh er nicht nur die Landeshauptmannschaft 
von Mahren, sondern er iibertrug ihm auch die Hut der 
Krone und der Reicbskleinodien, so dafs die Meinung nahe 
lag, der Konig arbeite darauf bin, eine Dynastie zu griin- 
den, den Thron in seiner Familie erblich zu machen, etwas, 
was die eigentlicben Aristokraten des Landes mit mifsgiin- 
stiger Unzufriedenheit um so mehr erfiillte, je karger er sich 
ihnen gegeniiber mit weiteren Verpfandungen und Ver- 
gebungen von Krongiitern und beimgefallenen Leben zeigte. 
Im November 1465 traten sie auf dem Schlofs Griinberg 
zu einem Bunde zu.sammen; und wenngleich dieser Bund 
zuniicbst nur die eigenen Standesinteressen ins Auge fafste, 
so erbielt dock ibre Opposition auch fiir den eben jetzt mit 
grofster Erbitterung aufflammenden Kampf zwischen dem 
Konige und der romiscben Kurie eine besondere Bedeutung, 
und erfreut streckten ebensowohl der Papst wie die Bres- 
lauer, in deren Fubrung jetzt der Bischof Rudolf von Lavant 
als papstlicher Legat den Kretenser Erzbischof abgelost 
hatte, die Hande den neuen Bundesgenossen entgegen. Aller- 
dings war nun ein Zusammengehen mit den Breslauern sehr 
wenig nach dem (>eschmacke des Bischofs Jost, dem als 
■einem Gliede des bohmischen Herrengescblechtes der von 
Rosenberg in der Leitung des Bundes ein wesentlicber An- 
teil zufiel, und im Verein mit dem Bischofe von Olmlitz, 
Protas, war er eifrig bemiiht, zu vermitteln und iuzwiscben 
den Papst von extremen Schritten abzuhalten, doch hat 
vielleicht gerade er mit seinen rechtglaubigen Gewissens- 
skrupeln viel dazu beigetragen, dafs die Sache der bohmischen 
Herren, die wohl durch einige Konzessionen sich batten be- 
befriedigen lassen, mehr und mehr verwickelt ward in den 
grofsen Streit um die Kompaktaten und der Herrenbund 
vom Ende des Jahres 1466 an als kathohscher Bund ein- 
tritt in den Kampf der Kurie gegen den Konig. 

Der letztere erwartete sein Heil von einer allgemeinen 
Intervention der europaischen Fiirsten, welche ja, wie er 
voraussetzte , durch das Vorgehen des Papstes sich sanit- 
lich in ihrer ^^'urde bedroht seben milfsten, doch ohne 



yi6 Viertes Bucb. Zweiter Abschiiitt. 

rechten durchbchlagendeii Erfolg, wenn gleich im Ilerbst 
1466 der Nlirnberger Reichstag auf Markgraf iUbrecht 
Achilles' Antrag eine Verwendung t'lir den Konig bei dem 
Papste beschlol's. Audi die miihrischen Stadte iind eine 
Anzahl schlesischer Herzoge hatten im November dieses 
Jahres auf Georgs Drangeu sich iii dieser Absicht an den 
Papst gewendet; doch hatten die letzteren dem vom Konig 
ihnen zugesandten Entwurfe eine sehr abgeschwachte Fas- 
sung gegeben, die eigentlich nur noch die Bitte entliielt. 
es moge dem Konig noch einmal Gehor gegeben werden. 

NaturKch hielt das alles den Papst nicht ab, unter dem 
23. Dezember 1466 in feierHchem Konsistorium das delinitive 
Verdammungsurteil auszusprechen , welches nun dem Sohn 
des Verderbens Girsik von Kunstadt und Podiebrad als 
meineidigen und sakrilegischen Ketzer die konigliche Wiirde 
absprach und alle seine Unterthanen von jeder Verpflich- 
tung gegen denselben loste. 

Kampfe in Schlesien 1466'67. 

Inzwischen war nun schon im Jahre 1466 in Schlesien 
der Ki'ieg entbrannt. Ein Haufen sogenannter Zebraken^ 
bohmischer Landsknechte im Dienste des Konigs, hatte im 
Einverstandnisse mit Herzog Konrad dem Schwarzen von 
Ols und einigen I'ehde- und beutelustigen Rittern des rechten 
Oderufers un August 1466 einen Anschlag auf die Stadt 
Namslau versucht, aber vor einer aus Breslau gegen sie 
entsandten Soldnerschar schleunigst den Rilckzug angetreten. 
Waren die Breslauer schon auf diesen Erfolg sehr stolz, so 
wuchs ihre Zuversicht dann noch ins ungemessene, als einer- 
seits das papstliche Verdammungsm'teil publiziert ward und 
anderseits auch der bohmische Herrenbund gegen den Konig 
unter die Waffen trat, wo dann auch der Bischof Jost eifrig 
Kriegsvolk riistete und aufser Herzog Baltasar von Sagam 
nun doch wenigstens einer der schlesischen Fiirsten, Nikolau*' 
von Oppeln, sich ihnen anschlofs, Avahrend die iibrigen Her- 
zoge, ohne fiir den Konig einzutreten, doch zunachst ab- 
warten zu wollen schienen, fill- wen sich das Kriegsgliick 
entscheiden wiu*de. 

Im Mai 1467 ergriffen nun die Breslauer mit ihren Ver- 
biindeten auf das Drangen der bohmischen Herren d\& 
Offensive, obwohl sie es eigentlich Ijeber gesehen haben 
wiii'den, erst noch die Ernte ihrer Hauptmesse, des Jo- 
hannismarktes, bei welchem auch die Geisthchkeit auf die 
Einnahme eines vom Papste zugestandenen Ablasses rech- 



Krieg der Breskuer mit den Sohuen Georgs 1467. 317 

nete, einheimsen zu konnen. Ihr Zug ging unter Fiihrung 
des Ritter Christoph Schkopp gegen das Land Viktorms, 
des Sohnes ihres verhafsten Gegners. Die Hauptstadt 
Miinstei'berg ward schnell erobert, audi die Besatzung des 
Schlosses kapitulierte, bald fiel audi Frankenstein, und selbst 
die feste Burg daselbst ergab sich, als die grofse Bilchse, 
welche die Breslauer nicht ohne grofse MUhen dorthin ge- 
schafft batten, ilu- Zerstorungswerk an den Mauern begann. 

Diese Erfolge maditen gewaltigen Eindruck , in der 
Oberlausitz wie in Mahren erhoben sicb die Gegner des 
Konigs, die grofseren Stadte Mahrens, in denen die Deut- 
schen die Oberband batten, fielen jetzt von Georg ab. In 
Breslau herrschte der grofste Siegesjubel; doch die Freude 
wabrte nicht lange, denn aus Glatz rlickte bobmiscbes Kriegs- 
volk heran, um die Eroberer von Frankenstein in der kauni 
genommenen Stadt einzuscbliefsen. 

In den Kampfen, welche sich da entspanneu, ist es ge- 

scbeben, dafs die Bobmen Gefangene, die sie geniacbt, und 

die auf ibren Kleidern rote Kreuze trugen zum Zeichen 

des Kreuzzuges, auf welchem sie sich der Predigt des Le- 

gaten entsprechend begriffen glaubten, zwangen, diese Kreuze 

zu verschlingen , audi wobl anderen Kreuze aus der Stirn- 

haut schnitten, wogegen Christoph Schkopp dann gefangene n 

Bobmen eiiieii Kelch in die Haut schneiden .liefs, Grausam- 

keiten, die jedoch bald durch gegenseitiges Ubereinkommen 

abgestellt wm-den. Wobl erwelu'te sich die Besatzung Fraii- 

kensteins ibrer Driinger, doch mufste ibre Lage hoclist ge- 

fahrvoll werden, als aus Mahren Stibor von Cimburg zur 

Hilfe herbeieilte und auch Prinz Viktorin die Bdagerung 

von Sternberg aufgab, um sein Land wiederzuerobern. Zum 

Entsatze riisteten nun auch die Breslauer und der Bischof 

in Eile. Ihr unter Herzog Baltasar von Sagan gesammeltes 

Heer zogerte jedoch angebhch infolge einer Verraterei der 

den Breslaueru immer mifsgiinstigen Burger von Schweid- 

i nitz, deren vorgespiegelter Zuzug erst abgewartet werden 

! sollte, allzu lange, und als es endlich gegen Frankenstein 

[ anriickte, fand es Viktorui mit so ilberlegenen Streitkraften 

vor sich, dafs es erst neuer Eilstimgen bedui'fte. Die Boh- 

I men gewannen Mlinsterberg, das die Scblesier voreilig auf- 

i gegeben batten und dann nicht wiedergewinnen konnten; 

I auch Patschkau fiel nach eineni blutigen Kampfe am 1 1 . Juni, 

i und in Frankenstein, welches Viktorin eng blockiert liielt, 

I brach schnell Hungersnot aus. Infolge davon versucbte in 

der Nacht vom 15. zum 16. Juni 1467 der grofste Teil der 

1 Besatzung sich durchzuschlagen. Die Bischoflichen , die 



318 Viertc's Buch. Zweiter Abschuitt. 

voranzogen, kamen gliicklich davon, doch von den Bres- 
lauern wurden an tausend gefangen, und die in der Stadt 
Zuruekgebliebenen fielen natlirlieh audi in die Hiinde der 
Feinde mit sehi' anselinlichem Ki'iegsmateriale, worunter auch 
die grofse Bilchse sich befand, welche allein den Breslauern 
tausend Dukaten gekostet hatte. 

Diese Schlappe verfehlte nicht eines gewissen Eindrucks. 
Die Gorlitzer und auch Herzog Heinrich von Freistadt, die 
schon den Breslauern batten Zuzug senden woUen, besannen 
sich schnell eines anderen, und in der Hauptstadt selbst trat 
arger Kleinmut an die Stelle des frilheren Ubennutes. Der 
grofse Haufe tobte gegen die HeerfUkrer und klagte die- 
selben des Verrates an, erzwang auch die Ausstofsung 
zweier besonders niifsliebiger Ratsglieder, sowie die Kontrolle 
des Rates durch einen Ausschufs der Blirgerschaft ; und es 
war sehr gut, dafs Prinz Viktorin nicht seinen Sieg weiter 
vertblgcnd gegen Breslau zog. Er hatte die Blirgerschaft 
fassungslos und kaum recht tiichtig zu ki-Jiftigem Wider- 
stande gefunden. Doch ihn rief der Aufstand in Mahren 
schnell wieder dorthin zuriick. 

Bischof Jost hatte in der Zeit der Blockade Franken- 
steins, wenigstens fur sein Kriegsvolk, eine Kapitulation zu 
erwu'ken sich bemilht und Geld geboten, doch die Buhmen 
hatten als Preis einer solchen verlangt, er solle beim Papste 
die Anerkennuug Georgs als Konig durchsetzen. Davon 
konnte nun nicht wohl die Eede sein, wie denn iiberhaupt 
die Entscheidung des grofsen Konfliktes nicht in diesen 
schlesischen Kiimpfen gesucht werden konnte. Es kam doch 
schliefslich alles darauf an, ob sich der Arm eines machtigen 
Fiirsten filr die Vollsti-eckung der papstlichen Verdammungs- 
urteile fand. 

Wenn schon Papst Pius II. liierbei besonders an den 
Polenkonig gedacht hatte, so hatte sein Nachfolger diesen 
Gedanken noch weiter verfolgt, und als sein Legat Rudolf, 
Bischof von Lavant, sich 1466 nach Preufsen begab, um 
den Frieden Polens mit dem Orden zu vermitteln, Hefs er 
Konig Kasimir keinen Zweifel dariiber, dafs er als Preis 
der Vermittelung und der bei dieser der einen Partei er- 
wiesenen Gunst erwarte, der Konig oder einer seiner Stihne 
werde als Priitendent der buhmischen Krone auftreten, fur 
welchen FaD er ihm den sofortigen AnfaU von Schlesien 
und der Lausitz in bestimmteste Aussicht stellte. Doch 
dieser, wenig einverstanden mit dem gewaltsamen Vor- 
gehen des Papstes und diu'ch den langen Krieg selbst in 
alien seinen Hilfsquellen erschopft, versagte sich dem Ver- 



Der Papst sucht ThronprJitendeiiten gegeu Georg. 3i9 

langen, imbekiimmert clarum, clafs der Legat clem Papste 
die Bestatigung des Thorner Friedens vorbelialten, uud die- 
ser wieder sie von dem Eintreten des Ktinigs in den Kampf 
gegen Podiebrad abliiingig gemacht hatte. Nur zu Ver- 
mittelungen erklart er sich bereit, olme aber damit beson- 
dere Erfolge zu erzielen. Um so bedeutsamer ward es 
dann, dafs 1468 der Kouig von Ungarn Matthias Korvinus 
die Waffen gegen Georg Podiebrad ergriff, und nachdem 
dies einmal geschehen, sich bald avich in die Rolle eines 
Gegenkonigs, eines Pratendenten der bohmischen Krone, hin- 
eiudriingen liefs. Das Band der Verwandtschaft, das ihn 
mit Georg verkniipft, hatte 1464 der Tod seiner Ge- 
mahhn , der Tochter des Bohmenfilrsten , gelost ; bereits 
1465 hatte er sich in gewisser Weise dem Papste zm' 
Verfugmig gestellt, und seitdem waren die Beziehungen 
beider Fiirsten immer gespannter geworden, bis endHch 
1468 ein Einfall Viktorins in Osterreich Matthias bewog, 
zuniichst zur Untersttitzung des Kaisers den Kampf zu be- 
ginnen. 

Inzwischen hatte im Dezember 1467 der papsthche 
Legat, der seit dem Tode des Bischofs Jost von Breslau 
am 13. Dezember d. J. noch unbeschriinkter herrschte als 
bisher, einen Kongrefs der Gegner Georgs zusammenberufen, 
den Vertreter der beiden Lausitzen, die Hiiupter des boh- 
mischen Herrenbundes, Bischof Protas von Ohniitz und von 
schlesischen Fiirsten noch Nikolaus von Oppeln und Bal- 
tasar von Sagan besuchten, welcher letztere erst kurz vorher 
eine neue von den Breslauern ausgeriistete Expedition zur 
Wiedereroberung seines Saganer Herzogtums mit einer Nie- 
derlage unweit Freistadt hatte endigen sehen milssen. Auch 
polnische Gesandte waren in Breslau, freihch ohne Vollmacht, 
den hier laut werdenden Wiinschen entsprechend zu ver- 
heifsen , der Polenkonig werde seinen Sohn Wladyslaw 
wenigstens mit 1000 Reitern nach Breslau schicken, um 
sich hier von dem Legaten zum Konig von Bohmen kronen 
zu lassen. 

Das Hauptresultat der bei geschlossenen Thiiren vam 

17. bis 31. Dezember gepflogenen Verhandlungen war die 

bestimmte Verpihchtung aller Bundesgheder, unter keinen 

Umstanden mit Georg Frieden zu machen. Am 20. Januar 

1468 ward dann der papsthche Legat Rudolf auf das 

i Drangen besonders der Breslauer bin zum Bischofe von 

j Breslau postuliert, welche Wiirde derselbe jedoch erst an- 

j nahm, nachdem die Bilrgerschaft ihm treuen Beistand auf 

1 alle Falle feierlich versprochen hatte, eine Zusage, welche 



320 Viertes Buch. Zweiter Abschnitt. 

nachmals, wie Eschenloer klagt, die Stadt vim viele tausend 
Gulden gebracht hat. 

Tliatsachlich betrachtete sich auch Rudolf in seiner 
Eigenschaft als Legat als Regenten Schlesiens und be- 
muhte sich eitrig, hier alle Fiirsten und Stande unter 
Androhung der Kirchenstrat'en zu dera Bunde gegen Podie- 
brad heranzuziehen. Wirklich gelang es ihm auch, den 
Furstentiimern Schweidnitz - Jauer , die bisher immer noch 
diesem Bunde sich versagt hatten, in dem bohmischen Edel- 
manne Ulrich von Hasenburg einen ligistisch gesinnten 
Hauptmann zu geben und diesem Anerkennung zu sichern, 
und auch dem Herzoge Baltasar von Sagan verschaffte seine 
machtige Vermittelung sein Land wieder; aber die anderen 
schlesischen Fiirsten hielten immer noch, wenn auch ohne 
direkten Widerspruch zu erheben, unter allerlei Vorwiinden 
vorsichtig zuriick. 

Matthias Corvinus tritt gegen Georg Podiebrad auf. 

Grofsen Jubel erregte dagegen in Breslau die gerade 
um das Osterfest eintrefFende Nachricht von der Kriegs- 
erklarung des Ungarnkonigs gegen Kr»nig Georg, nachdem 
kurz vorher auch der Kaiser den Schlesiern und Lausitzern 
geboten hatte, Georg von Podiebrad Fehde anzusagen. Die 
Breslauer beeilten sich mit Konig Matthias in Verbindung 
zu treten, vmd Bischof Protas von Olmiitz gelobte demselben 
im Namen des Breslauer Bundes treuen Beistand unter 
Ausschlufs jedes einseitigen Abkommens mit dem Gegner, 
Avie ja auch der Konig seinerseits den gegen die Ketzerei 
Verbiindeten seinen Schutz zusagte, aber allerdings nun auch 
Unterstiitzung mit Kriegsvolk begehrte. Zu einem solchen 
ist es nun aber trotz der Aviederholten dringenden Mahnungen 
nicht gekommen, da ja in Schlesien selbst die Anhiinger 
des Konigs, unterstiitzt von mehreren schlesischen Adeligen 
den Breslauern zu thun machten. 

Da gait es, die wohlgeschiitzte Bolkoburg bei Bolkenhain, 
von der aus Hans von Tschirn das Land beunruhigte, einzu- 
nehmen , dann Miinsterberg und Frankenstein zuriickzu- 
erobern, um den Einfiillen, mit denen die Bohmen von 
dem festen Glatz aus Schlesien bedrohten, einen Riegel vor- 
zuschiebeu. Die Breslauer zeigten sich sogar bereit, Zuzug 
zu Konig Matthias abzusenden, doch konnten sie es bei der 
Lauheit ihrer Bundesgenossen nicht durchsetzen, in ihren 
Postierungen vor Frankenstein von anderen Streitkraften 
abgelost zu werden. Dagegen unternahmen die Breslauer 



Matthias von Uugarii Gegeukouig. 321 

Soldner mehrfache Eiufalle in das Glatzer Gebiet, und ihr 
Fiihrer Gregor Unwiirde kampfte (Anfang Marz 1469) tapfer 
und siegreich bei Habelschwerd mit den Bolimen, obwohl 
ihn die ilim beigegebenen bischoflichen Kriegsleute klein- 
miitig im Stich liefsen.- 

Die Haltung der Melirzahl der Schlesier blieb inzwisclien 
fort und fort schwankend. So lange im Jahre 1468 nur 
immer Nachriciiten von einem siegreichen Vordringen des 
Konigs von Ungarn einliefen, erhielt der Legat von alien 
.Seiten gute Worte und Versicherungen der Ergebenheit, als 
aber im Jahre 1469 von einer Wendung der Dinge ver- 
lautete, die Matthias bewogen habe, unter polnischer Ver- 
mittelung sich zu Waffenstillstand und Frieden zu bequemen, 
regten sich hier wieder vielfach Wiinsche einer giitlichen 
.Verstandigung mit dem Konige. Doch die Zusammenkunft 
-von Olmiltz zwischen den beiden Konigen (April 1469) 
endigte nur mit grofserer Entfremdung, und die dort au- 
wesenden bohmischen Grofsen, unter denen nun auch der 
Legat Rudolf als Bischof von Breslau eine einflufsreiche 
Stimme hatte, fiihrten die Wahl Matthias' zura Konige von 
Bohmen am 3. Mai 1469 herbei, die dieser auch annahm 
iind dadurch hinreichend seinen Entschlufs kundgab, die 
Entscheidung zwischen ihm und Georg auf die Spitze des 
Schwertes zu stellen. 

Als die Breslauer die erste Nachricht von der Geneigt- 
heit Matthias', die bohmische Konigswiirde anzunehmen, er- 
hielten , war alles voll Jubel. In den Kirchen sang man 
Psalmen, auf dem Ringe bewirtete der Rat das Volk mit 
-Bier, und eine Illumination, im Stile jener Zeit durch zahl- 
-reiche brennende Pechpfannen dargestellt, verherrlichte den 
•Tag. 

Wenn die Breslauer schon vorher den neuen Konig 
-hatten bitten lassen, er moge doch geruhen, Breslau zu be- 
suchen, das wiirde am besten die in Schlesien noch un- 
-schliissig Zogernden zur Entscheidung bewegen, so erledigte 
^sich das jetzt von selbst. Matthias beeilte sich, die Schlesier 
zur Huldigung nach Breslau zu entbieten. 

Der immer festgehaltene Wunsch der Breslauer, an Stelle 

des gehafsten Bohmen einen anderen Herrscher zu erhalten, 

; ging in Erfiillung, und wenn auch der Kampf noch nicht 

j zu Ende war, so gab es doch jetzt selbst Kiinig Georg auf, 

I die Nachfolge einem seiner Sohne zu sichern ; die Griinduug 

einer czechischen Dynastie durfte als abgethan angesehen 

werden. An diesem Resultate, dessen welthistorischen Cha- 

I rakter man ja kaum wird in Abrede stellen konnen, haben 

i Grunhagen, Gesch. ScUlesiens. I. ^1 



g22 Vicrtes Buch. Zweiter Abschuitt. 

nun die Brcslauor unzweii'elhaft ihren bedeutsamen Anteil. 
Es ist sehr fraglich, ob der Papst ohne den sicheren Rilck- 
halt der Breslauer Unvers(>hnlichkeit den Kampf gegen Georg 
so ernsthaft unternommen hiitte. 

Aiif der anderen Seite aber liegt- es doch sehr naho zu 
fragen, ob das Kesultat, das die Breslauer nun also mit 
herbeigetuhrt haben, als ein von einem hciheren Standpunkte 
Erspriefsliches anerkannt zu werden vermag, ja ob dasselbe 
auch nur dem eigenen Interesse der Breslauer entsprochen 
hat, ob diese langjilhrigen Kampfe mit ihrem Blutvergielsen, 
ihren Verwustungeu , ihi'en Verkehrsstorungen wirklicli auf- 
gewogen werden konnten durch das Resultat, dafs niclit ein 
Czeche sondern ein Magyar resp. spater ein Pole liber 
Schlesien das Scepter fuhrte. Man kann die Berechtigung 
dieser Frage sehr wohl zugeben, man kann sogar einraumen, 
dafs Georg Podiebrad sicherlich keinen schlechteren Herr- 
scher abgegeben haben wiirde als die, welche an seine Stella 
traten; und dennoch wird man daran festhalten diirfen, dais 
die Breslauer, bei denen wir das nationale Bewufstsein der 
deutschen Ansiedler im Osten allezeit am starksten ausge- 
pragt tinden, auch ganz abgesehen von dem religiosen oder 
kirchlichen Momente doch bei ihrer hartnackigen Feindschaft 
gegen Podiebrad von einem im Grunde richtigen, wenn 
auch vielleicht nur instinktmafsig empfundenen Bewufstsein 
geleitet wurden. Das Czechentum, als dessen Reprasentanten 
wir eben Podiebrad ansehen miissen, war seinem ganzen 
Wesen nach in der That darauf angewiesen, die Resultate 
der deutschen Kolonisation in den Landern des bohmischen 
Reiches anzugreifen und nach bestem Vermogen zu ver- 
nichten ; eine imversohnliche Feindschaft gegen das Deutsch- 
tum lag in seinem eigensten Wesen. Eine derartige Gefahr 
drohte von Matthias ganz und gar nicht und selbst kauni 
von Polen, welches im sicheren Besitze eines national ge- 
schlossenen Staates die Nationalitjiten von Nebenlandern, die 
luiter soin Scepter kamen, zu bedrohen keinen zwingen- 
den Grund hatte und thatsachlich, in jener Zeit wenigstens, 
nach der Seite hin wenig Anlafs zu Beschwerden gegeben 
hat. So bewegt uns, obwohl in diesen Kampfen ein allge- 
mein menschUches Interesse uns vielfach mehr auf die Seite 
des Kiinigs Georg ziehen mochte, doch die Erwagung der 
nationalen Interessen, das schliefsUche Resultat im grofsen 
und ganzen willkommen zu heifsen. 



323 



Dritter Abschnitt. 

Konig Matthias von Liigaiii 1409—1490. Kiiuipfe in 
Schlesien mit den Anliiingeru des Gegenkonigs IVlady- 
slaw Yon Polen. Behauptung Sehlesiens diircli Mat- 
thias gegen die polnisch - hohuiischen Heere 1474. 
Matthias als Re|ent Ton Schlesien. Vertrag Ton 01- 
miitz 1479. Niederwerfung Johanns ron Sagan. 
Oeorg Ton Stein. 



Als im April 1469 Konig Matthias zu Olmiitz mit dem 
Haupte des bohmischen Herrenbundes wegen tJbernahme 
der Konigswiirde verhandelte und der letztere die diu'ch 
Matthias geforderte Beisteiier von 250000 Gulden uner- 
schwinghch hoch land, wies dieser darauf hin, dais, wenn 
statt seinei' oder neben ihm deutsche Fiirsten Hillsvolker 
herfuhren miifsten, diese nicht verfehlen wilrden, ihi-e etwaigen 
Eroberimgen fiir sich zu behalten, wo dann eine Zerstucke- 
lung des bohmischen Reiches die notwendige Folge sein 
werde. 

Ahnhches liefse sich vielleicht ilberhaupt von der Re- 
gierung dieses Konigs und gerade eben in der Anwendung 
auf Schlesien aussprechen, dafs namlich das Eintreten von 
Matthias dieses Laud vor der drohenden Gefahi* einer Zer- 
stlickeluug bewahrt hat. Gerade die schlesischen Fiirsten, 
"welche den losesten Zusammenhang zeigten und am Icichte- 
sten abzughedern gewesen wiiren, die oberschlesischen, mulsten 
bei einer Kombination, welche Schlesien mit Ungarn ver- 
band, notwendig festgehalten werden, weil ihre Lande die 
unentbehrliche Briicke zu dem iibrigen Schlesien bildeten. 

Am 21. Mai 1469 zu Pfingsten war Konig Matthias in 

Neifse, geleitet von 2000 Reitern in prachtiger Riistung auf 

stolzen Rossen. In seinem Gefolge waren neben Gesandten 

des Kaisers ungarische Pralaten und Magnaten und boh- 

mische Grofse. Am 26. Mai holten die Breslauer ihren 

neuen Herrscher in ihre Stadt ein. Fast eine Meile zogen 

i sie ihm entgegen in feierlichem Zuge mehr als 400 Beritteue, 

I die Schliissel der Stadt reichte man ihm dar, und ihre 

1 Banner neigten sich vor ihm. In Breslau bcgriifsten ilin 

I auch auswartige Fiirsten, so der Kurfiirst Friedrich von 

I Brandenburg und dessen Neffe Markgraf Johann, der Sohn 

i 21* 



324 Viertes Buck. Dritter Abschnitt. 

von Albrecht Achilles. Am ersten Juni begingen die 
Fiirsten das Frolinleichnamsfest durch Teilnahme .an der 
feierlichen Prozession: die beiden Herzoge von (Jls und 
Kosel, Konrad der Sclnvarze iind Konrad der "Weifse, Fried- 
rich von Liegnitz, Heinrich von Glogaii, Baltasar von Sagan 
und der junge Markgraf von Brandenburg trugen den 
Baldachin iiber dem AUerheihgsten. Auch durch cine Wall- 
faln-t nach Trebnitz zum Grabe der heihgen Hedwig zeigte 
Matthias seine Frommigkeit. Am 31. ]\lai huldigte der 
Rat; nach der Ableistung des Treuschwures llbergaben die 
papstHchen Legaten die Stadt Breslau, die bisher unter pjipst- 
lichem Schutze gestanden habe, dem Kunige, und die kaiser- 
lichen Gesandten thaten dasselbe namens ihres Herrn. Im 
Laufe des Juni huldigten dann die schlesischen Fiirsten 
einer nach dem andem dem neuen Herrscher, der einzige, 
der prinzipielle Bedeuken aufserte wegen des an Georg 
Podiebrad gethanen Gelobnisses, Herzog Konrad der Schwarze, 
liefs sich schhefshch auch bereit finden (18. Juni), und der 
jmige Herzog von Liegnitz, Friedrich, erhielt bci dieser Ge- 
legenlieit sein ihm so viel bestrittenes Land detinitiv zuge- 
sprochen, womit dann der lange Liegnitzer Lehensstreit sein 
Ende fand, und ebenso empfing damals Heinnch XI. von 
Glogau die bisher im immittelbaren Besitz der bohmischen 
Krone belindHche Halfte elieses Herzogtums. Auch die 
Sechsstadte und die Niederlausitz huldigten in Breslau. 

Die Schweidnitzer erhoben auf Grund eines uoch aus 
Karls IV. Zeit herstammenden GcAvohnheitsrechtes den An- 
spruch, dafs fur die Fvlrstentiimer Schweidnitz - Jauer in 
ihi-en Mauern die Huldigung erfolge, und Matthias liefs dem 
nachgebend, sich selbst aber mit Krankheit entschuldigend, 
dui'ch Bischof Rudolf und Zdenko von Sternberg dort die 
Hiddigung vornehmen (den 13. Juni). Erst am 5. Juli 
verliefs der Konig wiederum die schlesische Stadt, deren 
Sackel dm-ch die bei dieser Gelegenheit geiibte Gastfreund- 
schaft um \'ieles leichter geworden war. 

Inzwischen hatte Konig Georg in seiner Bedrangnis dazui 
gegriffen, "Wladyslaw, den Sohn Konig Kasimii's von Polen, 
zum Konig von Bohmeu walilen zu lassen, unter der Be- 
dingung, dafs derselbe seiner Tochter LudmUa sich venuahle; 
und ihm bis an seinen Tod die Herrschaft iiber Bohmcaii 
lasse: ein Antrag, den Kasimu' nicht abwies, wenn gleich 
die Ehe mit der ketzerischen Prinzessin bei dem recht- 
glaubigen polnischen Klerus grofses Bedenkeu erregte. Umi 
dieses Umstandes willeu zogen sich auch die Unterhand- 
lungen noch eine Weile hin, und es kam wenigstens nichtt 



Parteiungen iu Schlesieu 1469/70. 325 

zu einem direkten Eingreifen der polnischen Streitkrafte zu- 
gunsten Georgs, wie dieser es begehrte. 

Ein solches hatte die Schlesier in eine verzweifelte Lage 
gebracht. Denn sie wurden ohnehin schon von Bohmen 
aus, wo auf die Nachricht von der Huldigung Schlesiens 
an Matthias ein schnell entflamniter opferwilliger Kriegseifer 
dem Konig Georg ansehnliche Streitkrafte zur Verfligung 
gestellt hatte, auf das schwerste bedriingt. Mit den Rii- 
stungen der Schlesier sah es libel aus; die Fiirsten be- 
sehickten zwar die vielen von dem Breslauer Bischof oder 
den Landeshauptleuten zusammenberufenen Versammlungen, 
gaben auch wohl die besten Versicherungen, hielten dieselben 
aber nicht, sondern verzogerten unter irgendwelchen Vor- 
wanden immer aufs neue die Truppensendungen , so dafs 
es schien, als solle wiederuni die ganze Last des Krieges 
auf die Schultern der Breslauer gewalzt werden. Bei diesen 
aber hinderte schon die immer drlickender werdende Geld- 
not ausreichende Werbungen. Umsonst sandte Matthias 
seinen besten Feldherrn, Franz von Hagen, mit einigen hun- 
dert Reitern nach Schlesien. Dessen Ki'iegserfahrung und 
Tapferkeit vermochte wohl hin und wieder einen Erfolg zu 
gewinnen, doch nicht auf die Dauer das Mifsverhaltnis der 
Streitkrafte auszugleichen. * ThatsachHch ward, wie einst in 
den Hussitenkriegen , eine breite Zone langst des Gebirges 
vom Neifseschen an bis in die Oberlausitz hinein von boh- 
mischen Kriegsscharen ungestraft auf das schlimmste ge- 
pliindert und verwiistet, wie damals blieb den armen Be- 
wohnern kaum etwas anderes llbrig als durch freiwillige 
Unterwerfung und" die Zahlung grofser Geldsummen sich 
eine gewisse Schonung zu erkaufen. 

In Breslau machte sich schnell die grcifste Entmutigung 

geltend, die von Konig Matthias angeordnete Pragung ge- 

riugwertigen Geldes brachte mannigfache Verluste und er- 

regte grofse Verwirrung und Unzufi'iedenheit ; man begann 

nun auf die Prediger zu schelten, welche dm'ch ilu' Eifern 

gegen den ketzerischen Konig die Gemiiter verfilhrt und 

I die Stadt in die iible Lage gebracht batten. Auch auf 

' einer Versammlung in Trebnitz (im Januar 1470) klagte 

I man einst darliber in Gegenwart der beiden Olser Herzoge, 

I und einer von deren Raten meinte, es miisse das alles wohl 

! Gottes Ratschlufs sein und, um mit den Astronomen zu 

j sprechen, die Planeten es so wollen. Da rief Herzog Konrad 

der Schwarze aus: „Was sprichst du von den Planeten, 

welche Gott wohl lenkt, und die uns zu nichts zwingen. 

Waren nur die [beiden verfluchten Breslauer Planeten, der 



326 Viertes Biich. Dritter Abschnitt. 

Propst Joh. Duster imd dcr Kantor Nik. Tempclf'eld (die 
beiden Haupteiferer gegeu Podiebrad), iiicLt iu der Welt 
gewesen, wir mochten wohl guten Frieden haben. Das siud 
die Planeten des Teufels, welche das Vaterland angesteckt 
haben." 

Noch ilblcr sah cs in Oberschlesien aus, avo die Hei'zOge 
doch einmal mehr zu Polen neigten. Umsonst sandte ]\Iat- 
thias 1000 Goldgulden an die Herzoge Primko von Teschen 
und AVenzel von Rybnik zur Werbung von Kriegsvolk, mit 
dem dann die bedrobte Herrschaft des Ungarnfilrsten all- 
gemein zur Anerkennung gebracht werden sollte. Sie rich- 
teten wenig aus. In Troppau behauptete sich tapfer der 
bohmische Oberst Berka von Nassidel und bewog schliefs- 
lich den Herzog von Troppau und Ratibor Johann IV., iui 
Januar 1470 sich geradezu von Matthias loszusagen und 
fiir Georg zu entscheiden, Avofilr allerdings der Ungarnfiii'st 
Rache nahm und durch seinen Ea'iegsobersten Franz von 
Hagen Johanns Ilauptstadt Ratibor belagcrn liefs, die sich 
durch eine ansehnliche Geldsumme loskaufen mufste. 

In Schlesien war die Sache des Konigs JMatthias nicht 
wesentKch verbessert worden durch dessen Erfolg vom 
27. JuH 1469; die Gefangennehmung des Prinzen Viktorin, 
und selbst der Tod Georg Podiebrads 1471, 22. Marz, ward 
zwar in Bi'eslau durch Freadenfeuer begriifst, brachte jedoch 
die Dinge dem Frieden nicht niiher. Die Bohmen wilhlten 
zu Kuttenberg im Mai 1471 den polnischen Prinzen Wlady- 
slaw zum Konige, obwohl hier auch ungarische Gesandte, 
unter ilmen der Bischof von Erlau (ein geborener Breslauer, 
Johann Beckensloer) fiir Mattliias gesprochen batten und 
selbst Prinz Viktorin, der iilteste Sohn des verstorbenen 
Konigs, den Matthias in seiner Haft wolilwollend behandelt 
und jetzt frei gelassen hatte, fiir diesen eingetreten war. 
Mattliias hatte inzmschen zu Iglau durch den papstUchen 
Legaten Rovarella unter Zustimmung der ihm anhangenden 
bohmischen Edeln seine Wahl aufs neue bestatigen lassen. 
Am 25. Juli brach Prinz Wladyslaw mit grofsem Gefolge 
von Krakau durch Oberschlesien nach Bohmen auf, wo 
einige oberschlesische Herzoge sich ihm anschlossen, niimHch 
von der Teschener Linie Primko mit seinem Bruderssohne 
Kasimu', von dem Auschwitzer Fiirstenhause Johann von 
Zator und sein Bruderssohn Johann von Gleiwitz und aus 
dem premyslidischen Stamme die beiden Briider Johann der 
Altere von Jagerndorf vmd Wenzel von Rybnik. Am 
3. August war Wladyslaw in Troppau, doch den Zug durch 
Miihren verwehrte feindliches Kriegsvolk, so dafs man sich 



Stelluiig- der schlesiscben Fiirsten. 327 

genotig-t sail, den Weg dnrch Schlesien liber Neifse und 
Olatz zu nehmeu. Auf einer Hohe jeuseits Wartha, wo ein 
steinerues Kracifix die Grenze zwischen Schlesien und Boh- 
men bezeiehnete, empfing- mit zahleicheu Edlen und Rittern 
Herzog Heini'ich der Altere von Miinsterberg, der Sohn 
Konig Georgs, den neuen Herrscher. 

Audi in Niederschlesien war trotz der geleisteten Hul- 
digung die Stimmung seb' geteilt, und selbst Biscliof Rudolf 
mit seinem Kapitel ware am liebsten zu Wladyslaw abo-e- 
fallen. Die Stadt Breslau blieb standhaft, wenn sie glefcli 
den mangebiden guten Willen der ilbrigen Sclilesier schwer 
erapfand und der Erwartung ihi-es neuen Konigs, sie werde 
^us eigenen Mitteln ein Heer von 20 000 Mann stellen, zu 
entspreclien sicli aufser Stande fiihlte. 

Yon den schlesisclien Herzogen wareu nur zwei in ein 
naheres Verhaltnis zu Matthias getreten. Friedrich I. von 
Liegnitz und Johann II. von Priebus. Den ersteren er- 
nannte der Konig 1471 an der Stelle des Jaroslaw von 
Sternberg zum Hauptmann der Oberlausitz, indem er zu 
gleicher Zeit seinen getreuen Feldobersten Franz von Hagen 
iiber die Filrstentiimer Schweidnitz - Jauer setzte und die 
Breslauer Hauptmannschaft dem Breslauer Rate ziu-iickgab. 
Herzog Friedrich hat auch treu bei dem Ungarnkonig ge- 
stauden und hat fllr die Sichemng Schlesiens speziell da- 
diu'ch gesorgt, dafs er das Liegnitzer Schlofs ausljaute imd 
befestigte und auf den Triimmem der alten Groditzbiu'g 
ein neues Schlofs erbauen hefs, das seine Lage auf isohertem 
Bergkegel fest genug machte. 

Herzog Johann II. fuhrten sehr eigenniltzige Beweggriinde 
aut Matthias' Seite. Sein begelu'hcher Sinn mochte sich mit 
dem kleinen Priebuser Lande nicht begniigen. Schon ein- 
mal hatte er, wie wir sahen, mit Georg Podiebrads Hilfe 
seinem Bruder Baltasar dessen Herzogtum genommen, es 
aber 1467 Avieder zuriickgeben mlissen. Hatte er sich da- 
mals mit dem klinftigen HeimfaUe des Landes nach dem 
Tode des kinderlosen und verwitweten Bruders getrostet, so 
hatte dessen Wiederverheiratung 1469 diese Hoffhung wan- 
kend gemacht und den Herzog bewogen, diu'ch eine Reise 
zu Konig Matthias dessen Gunst und damit neue Aussichten 
zu gewinnen. In der That fand er hier freundhche Auf- 
nahme und erhielt Geld zur Anwerbung von Kriegsvolk. 
Ja der Konig -n-ies die Breslauer an, Johann die zum Bres- 
lauer Filrstentume gehorige Stadt Kamslau einziu-aumen, 
damit derselbe von diesem festen Punkte aus den Kiieg 
Igegen Polen fiihren konne. Doch die Breslauer fui'chteten, 



328 Vieites Buch. Dritter Abschnitt. 

den gewaltthiitigen Herzog dann nicht wieder los werden 
zii konnen, und wul'sten ihre Weigerung selbst bei dem 
Konige zu rechtl'ertigen. 

Johann aber trug keiii Bedenken, die 3000 Mann, die 
er gesammelt, uhne Aveiteres zur Bekriegung seines Bruders 
zu verwenden, er riickte vor Sagan (1472), notigte durch 
eine Beschiefsung, die einen Teil der Stadt in Feuer auf- 
gehen liefs, Herzog Baltasar, sich auf das teste Schlofs zu- 
rlickzuziehen, und zAvang dann auch dieses einige Tage spiiter 
zu kapitulieren. Johann fuhrte den Bruder getangen nach 
Priebvis und verwahrte ihn dort in dem festen Wartturm 
des Schlosses in grausamer Hat't. Dort starb derselbe einige 
Monate spater am 15. Juli, und bald verbreitete sich das 
schwerlich gegrilndete Geriicht, man habe den UngltickHchen 
verhungern lassen, der Herzog oder Avenigstens sein ver- 
trauter Diener namens Busch trage die Schuld daran. 

Auf Herzog Johann blieb die feindliche Erregung, die 
sich infolge dieser Geriichte allerorten gegen ihn zeigte, nicht 
ohne Wirkung, und als dann Konig Matthias ihn zur Ver- 
antwortung zog wegen der eigenmachtigen Verwendung 
seiner Kriegsvolker , verzichtete er darauf, sein neu erwor- 
benes Saganer Land zu behalten, und wahrend er dem Ko- 
nige gegeniiber sich mit Ki^ankheit entschuldigte , eilte er 
heimlich zu den sachsischen Herzogen Ernst und Albrecht^ 
die damals ihre Lande noch ungesondert regierten , um 
diesen das Herzogtum Sagan zum Verkaufe anzubieten. 
Schon im Dezember 1472 kam der Verkaut" zustande, und 
Johann erhielt von der festgesetzten Kaufsumme von 55 000 
Gulden 10000 sogleich ausgezahlt. Matthias, dem in seiner 
damaligen Lage viel daran lag, sich moglichst die deutschen 
Reichsfiirsten geneigt zu erhalten, weigerte seine Bestatigung 
nicht, und es kam so Sagan an das Wettiner Haus. Dat; 
zu derselben Zeit der letzte Sprofs des Glogauer Filrsten- , 
hauses, Heinrich XI., Herr der Lande Krossen, Glogau^. 
Freistadt, Herrnstadt und Liiben, der selbst die Vierzigr 
bereits iiberschritten hatte, sich mit der damals achtjahrigem 
Barbara, der Tochter von Albrecht Achilles, verlobte und 
dabei fur den Fall seines kinderlosen Todes alle seine Land© 
ihr verschrieb, so war auch hier ein Anfall dieser Herzog- 
tiimer an ein fremdes Haus angebahnt, und es schienen 
hier jetzt im Westen die Abgliederungeu schlesischer Landes- 
teile erfolgen zu sollen, die, Avenn von deutscher Seite her 
fur Schlesien ein Herrscher gekommeu ware, vielleicht auf 
der anderen Seite im Osten sich voUzogen haben wurden. 

Inzwischen sah es im Herzen von Schlesien noch immep:i 



Sagan an Sachseii. Die Sohne Koiiig Georgs. 321) 

sehr ilbel aus. Die Sohne Konig Georgs hatten im Marz 
1472 auf ihrem Stammschlosse Podiebrad ihre Erblande so 
geteilt, dafs von den schlesischen Besitzungen dem altesten, 
Viktorin, Troppau, dem zweiten, Heinrich dem Alteren, 
Miinsterberg iind Glatz zufallen sollten. Wahrend nun 
Viktorin, dei' ja mir bedingungsweise aus der ungarisclien 
Gefangenschaft entlassen worden war, sich hiitete, gegen 
Matthias Partei zu nehmen, verfocht Heinrich entschiedener 
die bohmische Sache, wenngleich auch er darauf bedacht 
war, durch Vermittekmg des Augustinerpropstes von Glatz, 
den er durch Freundlichkeit sich gewonnen hatte, die Lo- 
sung vom Banne zu erreichen. Sein testes Schlofs Glatz 
bildete den Ausgangspunkt immer erneuter Streifziige nach 
Schlesien hinein, welche um so schwerer das Land scha- 
digten, als auf verschiedenen Burgen im Gebirge, wie Lahn- 
haus, Nimmersatt, Neuhaus bei Waldenburg und Fllrsten- 
stein, die dort hausenden Ritter begierig die Gelegenheit er- 
griffen, ihre rauberischen Gelliste mit dem Vorwande der 
Parteinahme fur die Bohmen zu decken. 

Wohl war die Menge der Streiter, welche das Land 
straflos verwllsteten und brandschatzten , nicht eben grofs, 
und nicht mit Unrecht liefs Konig JVIatthias durch Johann 
von Rabstein vorstellen, wie es doch eine Schande sei, dais 
soviel Fiirsten, Lande und Stadte sich von solch kleinem 
Hauflein Feinde mifshandeln und brandschatzen liefsen. 
Man sah das wohl ein, aber als nun von den Schlesiern 
verlangt ward, dem Herzog Friedrich von Liegnitz, den der 
Konig ihnen als obersten Landeshauptmann setzen woUte, 
bestimmte regelmalsige Beitrage zur Werbung von Kriegs- 
volk zur Verfligung zu stellen, fanden sich nur die Bres- 
lauer und der Bischof dazu bereit, die ubrigen wollten von 
solcher Neuerung nichts horen, sondern erkliirten, lieber 
selbst ihre Mannschaften stellen zu wollen. Natlirlich waren 
selbige dann nicht zur Stelle, und so blieb alles beim alten. 
Einzelne Fili'sten suchten lieber die Freundschait des Her- 
zogs Heinrich; Konrad der Schwarze von Ols-Kosel ver- 
lobte sein Tochterlein Barbara dessen altestem Sohn Al- 
brecht (1472), und selbst Herzog Friedrich von Liegnitz 
trat in Unterhandlungen mit jenem, die bald zu seiner Ver- 
mahlung mit Heinrichs Schwester Ludmila fiihrten (1474). 
Am schHmmsten waren die Breslauer daran. Ihre Messen 
verodeten, die besten Kunden aus Polen hielten strenge Be- 
fehle Konigs Kasimir daheim fest, und aufserdem lauerten 
iiberall vor den Thoren Wegelagerer ihren Warenziigen auf. 
Das platte Land weithin nach dem Gebirge zu zahlte an- 



o30 ^'iel•tos Bucb. Drittur Abscliaitt. 

sehnliche vSummen nach Glatz , um sich von der sonst 
drolienden Plilndei'img loszukaufen. Bis fast vor die Thore 
Breslaus ward dieser Tribut eingefordert , und wehmiitig 
klagten die Landbewohner aus dem Neumarkscheni darilber 
bei dem Rate, so dafs dieser endlich eiue Gesandtschaft an 
Heinrich nach Glatz abzusenden beschlofs, welcher auch der 
Chronist Eschenloer, der damalige Stadtschreiber, angehcirte 
(Dezember 1472). Sie faud gnadige Authahme, es schmei- 
chelte dem Herzog, dais die stolzen Breslauer, die seinem 
Vater so kilhnlich getrotzt, nun ihm bittend nahten. Das 
Geschenk einer rotsamtnen Schanbe mit Zobel gefiittert fur 
den Herzog und einer dito von blauem Damast fiir seine 
Gemahlin land Beitall, und der Tribut ward den Neu- 
markter Landbewohnern erlassen. 

Verschiedene verfangliche Fragen des Herzogs, warum 
die Breslauer sich so batten „von den PfafFen verfilhren 
lassen'', warum sie seinen Vater, der doch dem ganzen 
Konigreiche wohl hatte dauernden Frieden geben konnen, 
nicht hiitte annehmen mugen u. s. w., liefsen die Gesandten 
unbeantwortet, dagegen richteten sie einen Auftrag an 
den Abt vom Sandstitte treulich aus, und dieser, der in 
einer Kapelle seiner Kirche hatte aufmalen lassen, wie zwei 
Teufel den Konig Georg auf einer Bahre in die Hiille 
trugen, beeilte sich, das auziigliche Bild zu tilgen. Er ver-j 
zichtete darauf, den Ketzer den hollischen Flammen iiber- 
antworten zu sehen, um seine Stiftsdorfer vor den irdischeni 
Flammen zu behiiten, mit denen Herzog Heinrich sie heim- 
zusuchen gedroht hatte. 

Im Friihliug 1473 erfahren Avir von einem Feldzuge ober- 
schlesischer Herzoge, unter denen uns Viktorin von Tro])pau 
und sein Bruder Heinrich von Miiusterberg (der nach dem 
Tode Konrads des Schwarzen 1471 das Koseler Land kauf- 
weise an sich gebracht hatte), Johann von Ratibor, Primkoi 
von Teschen und Nikolaus von Oppeln genannt werden, I 
und zu welchem auch Breslau und der Bischof Zuzug sen- 
deten, gegen Herzog Wenzel von Rybnik, der, anscheinend 
halb wahnsinnig, durch vielfache Gewaltthatigkeiten alias 
gegen sich aufgebracht hatte. 

Die Verbiindeten eroberten des Herzogs Residenz Rybnik, 
doch als sie auch Sohrau belagerten, rief Wenzel die Ver- 
mittelung des Kiinigs von Polen an, dessen Kanzler Jakob 
von Dubna er gleichzeitig Sohrau und bald auch Myslowitz 
mit mehreren Dorfern verpfjindete. Jakob von Dubna ver- 
teidigte Sohrau tapfer und vermittelte endlich im Juni 1473 
einen Waffenstillstand. 



Der Feldzus von 1474. 331 



Der Feldzug von 1474. 

Sonst Aviirde das Jahr 1473 fast ganz ausgefiillt durch 
Friedensuntei'handlungen , welche der iieue papstliche Legat 
Kardinal Marcus, Patriarch von Aquileja, auf einer grofsen 
Versanimlung zu Neifse im Friihling dieses Jahres angebahut 
liatte, die aber schliefslicli auf einer neuen Zusammenkuuft 
in Troj^pau (im Herbste 1473) voUstandig zum Scheitern 
gekommen. 

Es schien hier eben nur das Los der Waffen entschei- 
den zu konnen, und da Kasimir von Polen sich entschlossen 
zeigte, die Wahl seines Sohnes zum Konige von Bohmen 
mit gewaffneter Hand zu verfechten, so stand dem Ungani- 
fursten ein schwerer Kampf mit den polnisch - bohmisclien 
Streitkraften bevor, dessen Preis an erster Stelle das von 
beiden Parteien beanspruchte Schlesierland war. 

Gerade dies konnte Matthias, nachdem er in Breslau 
mit so offenen Armen aufgenommen war, nicht wohl preis- 
geben, und so bheb denn den Schlesiern das Schicksal nicht 
erspart, im Jahre 1474 zum Schauplatze eines erbitterten 
Kampfes zwischen den beiden Gegnern zu werden. 

Konig Matthias hatte ein kleines Heer von Soldnern ge- 
sammelt, wilde Gesellen, die bald Avegen ihrer dunkelfarbigen 
Rilstungen und ihrer gebritunten Gesichter die schwarze 
Schar genannt wurden, den Bewohnern der Landstriche, die 
sie durchzogen, um ihres riicksichtslosen Zugreifens willen 
kaum minder furchtbar als den Feinden. Im Jahre 1474 
erschien an der Spitze dieses Heeres der Konig Matthias 
von Mahren her in Oberschlesien , um, wie er sagte, die 
Ungehorsamen zu ziichtigen. Er nahm es damit selir ernst, 
und an den schlesisch-mahrischen Grenzen hefs er verschie- 
dene Raubritter, deren Burgen er eingenommen, vor deren 
1 Pforten ohne weiteres aufkniipfen , was einen heilsamen 
Schrecken verbreitete. 

Jetzt ereilte auch Herzog Wenzel ein schwerHch unver- 

dientes Schicksal, seine Stadt Plefs Avurde erobert und er 

selbst dem Herzog Heinrich von Miinsterberg, der, wie wir 

noch naher sehen werden, sich mit Konig Matthias ausge- 

; sohnt hatte, als Gefangener llbergeben, in dessen Haft er 

! auch 1479 zu Glatz gestorben ist. Auch sein Bruder Jo- 

j hann von Jagerndorf , der sich zu Polen liielt , war von 

I Herzog Viktorin gefangen genonnnen worden und hatte seine 

j Freiheit durch Abtretung der Stadte Jagerndorf, Freuden- 

thal und Bauerwitz, sowie des Schlosses Lobenstein erkaufen 



332 Viertes Buch. Dritter Abschnitt. 

milssen. In dera ihm ilbrig gelassencn Loslau ist er dann 
148o gestorben, ohne Erben zu hinterlassen. 

Matthias zog, nachdem er den grolsten Teil seines Heeres 
nacli Mahi'en entsendet hatte, nach Neifse (31. August), 
gesonnen, nun auch die Schlusser langst des Gebii'ges zu 
breelien. Da erhielt er die Xachricht, dais ein grolses 
polnisches Heer, dessen Starke man vielleicbt ilbertreibend 
aut" 60 000 Mann, darunter 20000 lieiter, anschlug, unter 
des Konigs eigener Fuhrung von Czenstochau her gegen 
Schlesien vordringe, wo dann noch ein ansehnhches Hills- 
corps aus Bohmen von Wladyslaw herangefilhrt werden 
sollte. Es war erldiirhch, wenn die Polen im Hinblick aut" 
solche Streitkrafte kaum zweifelten, den Gegner erdriicken 
zu konnen, und die voUste Siegesgewilsheit sprach auch aus 
der Antwort, welche des Ungarnfiirsten Friedensbote Zdenko 
von Sternberg aus Kasimu's Lager zuriickbrachte. Dieselbe 
lief daraut" hinaus, der Polenkonig gedenke den Frieden in 
Breslau zu diktieren, und keinen besseren Bescheid erhielt 
der sachsische Herzog Ernst, welcher nach Breslau ge- 
komraen, um fiir das Filrstentum Sagan zu huldigen, 
nun an Matthias' Sache verzweifelnd nach dem polnischen 
Lager gegangen war, um unter dem Vorwande von Friedens- 
unterhandlungen die eigenen Angelegenheiten zu betreiben 
und sich mit dem voraussichtlichen Sieger moghchst gut zu 
stellen. 

Seine kleinmiitigen Ratschlage fanden bei dem Ungarn- 
konig kein Gehor, ebenso wenig wie die Angst der schnell 
eingeschiichterten Breslauer. Mitte September war er in 
Breslau erschienen. Sein langsamer nachrilckendes Heer 
stellte er zunachst westHch von der Stadt aul". Den eiligst 
zusammenberufenen Fiirsten und Standen erklart er kurz- 
weg, er konne die Stellung ihrer Kontingente nicht ab- 
warten, sondern verlange von ihnen und zu ihrem Schutze 
eben nur Geld und legte deshalb eine aUgemeine Grund- 
steuer auf seine schlesischen Lande (einen halben Gulden 
von jeder Hul'e, jeder Schenke, jedem Milhlrade), zu welcher 
die Breslauer allein fiir sich 12 000 Goldgulden zu entrichten 
hatten. Schlimmer aber als diese schwer empfundene Steuer 
war der Schaden, den die Requisitionen der schwarzen Rotte 
machten und die Kosten, die der lilngere Aufenthalt des 
Konigs den Breslauern verursachte. 

Es entging dem Konige nicht, dafs der Plan des Geg- 
ners, den ja jene iibermiitige Botschaft Kasimirs eigentlich 
bereits offenbart hatte, darauf hinauslaufe, nach der Ver- 
einigung mit den bohmischen Hilfsvolkern , ohne sich mit 



Krieg iu Schlesien 1474. 333 

der Eroberuug der kleineren Platze aufzuhalteu die Ent- 

scheidung vor der Landeshauptstadt zu suchen. Diese nun 

beschlofs Matthias vom rechten Oderufer aus zu decken. 

Indem er diese Flufsseite beliauptete, gewann er daiin auch 

den Vorteil, durcli Fouragierungen und Pliinderungen in 

dem nahen Grofspolen den Schaden, welchen die Feinde in 

Schlesien anrichteten, vergelten vind rachen zu konneu. Alle 

die festen Platze auf dem linken Odenifer versah er mit 

liinreichenden Besatzungen, hierher mufsten die Bauern bei 

schwerer Strafe alle ihre Vorriite schaffen. So sollte das 

^rofse feindbcbe Heer der Subsistenzmittel beraubt und 

dabei durch einen von den festen Platzen aus fortwahrend 

^efuhrten kleinen Krieg geschadigt und nacli und nach auf- 

.gerieben werden. Er selbst hatte inzwischen rait dem Reste 

seines durch die zahlreichen Detachierungen sehr geschAvachten 

Heeres auf dem rechten Oderufer oberhalb Breslaus ein ge- 

raumiges Lager bezogen (nicht viel kleiner als die Stadt 

selbst, sagt Eschenloer). Eechts lehnte es sich an den Flufs, 

links an die Mauern des Vincenzstiftes und deckte so, rings 

durch Basteien und Pallisaden verschanzt, die Stadt, wah- 

rend eine schnell geschlagene Briicke nach dem Ziegelplatze 

am linken Ufer die Verbindung nach dieser Seite liin auf- 

Techt erhielt. Das poluische Heer war inzwischen von 

Czenstochau her in der Bichtung gegen Krappitz gezogen, wo 

dann die Oder bei der in diesem Jahre herrschenden ganz 

imgewohnlichen Diirre leicht iiberschritten werden konnte. 

Entsetzliche Verwilstungen bezeichneten seinen Weg, alle 

Dorfer, die man beriihrte, wurden niedergebrannt, die Back- 

<)fen, die Miihlen zerstort, eine Grausamkeit, die sich schnell 

an ihren Urhebern rachte, denen es bald an Lebensmitteln 

gebrach. Dabei thaten ihnen von den Stadten Oppeba, 

iBrieg, Ohlau, Grottkau aus die erprobten Hauptleute des 

Konigs Matthias wie Franz von Hagen , Georg Tunkel, 

Abraham von Dohna und Melchior von Lobel mit ihren 

Streifscharen vielfachen Abbruch; wohl ward eine Schar 

derselben, die zu unvorsichtig vorgegangen war, vor der 

polnischen Wagenburg bei Schwanowitz mit Verlust zuriick- 

geschlagen, doch der Triumph der Polen war kurz, es war 

fiir sie ein furchtbarer Schlag, als die Ungarn ihnen einen 

gi'ofsen Transport von 600 Wagen, der ihnen Lebensmittel 

aus Polen zufiihi-en sollte, schon auf dem hnken Oderrufer 

vollstandig wegnahmen. Herzog Nikolaus von Oppehi war 

nach Breslau geflohen, aber seine Hauptstadt verteidigten 

die von Matthias gesendeten Krieger aufs tapferste, obwohl 

es den Polen selbst an Artillerie nicht fehlte. Auch vor 



334 Viertes Bueh. Dritter Abschuitt. 

Brieg richteteii dieselben nichts aus, ebenso wenig vor Ohlau, 
nur das teste Schlols von Klein-Ols hatte die Besatzung mut- 
los iibergeben, und ebenso konnten die Polen Streblen, das 
Matthias preisgab, besetzen, uachdera die EinAvohner ge- 
tlilclitet waren. Die Menge der pohiischen Gefangenen war 
ganz ungeheuer, so dais Matthias endlich anordncte, man 
soUe die Vornehmen unibringen, die Niederen laufen lassen, 
nachdem man ihnen quer i'lber das Gesicht einen Schnitt ge- 
macht. Eines Tages iiberlieferte der Konig dem Breslauer 
Rate 200 vornehme Polen, mit dem Bemerken, man moge 
sie nur ersaufen. Dies thaten die Breslauer zwar nieht, 
aber das Los der Gefangenen war fort und fort ein sehr 
hartes. In den kleineren Stadten Brieg, Oppeln, Grottkau, 
Ohlau lagen sie in elenden Raumen eng zusammengepfercht, 
bei der allgemeinen Not schlecht verpHegt, so dais sie vor 
Entbehruugen und zugleich iufolge der unter solchen Um- 
stiinden sich schnell entwiekelnden Epidemieen massenhaft 
dahinstarben. Auch in Breslau sah es ilbel aus. Bei dem 
Heranrtlcken der Polen war das Landvolk haufenweise in 
die Stadt gefllichtet mit allem Vieh und sonstigen Vorriiten. 
Diese Leute lagen nun meist alien Unbilden der hei'bstlichen 
Witterung preisgegeben auf den Sti-afsen und an den Mauern, 
so dais bald auch hier schwere Ki-ankheiten die Einwohner 
decimierten. 

Soviel aber zeigte sich, dafs Matthias sich siegreich zu 
behaupten vermochte. Derselbe mufs iibrigens auch mitj 
Herzog Heinrich von Mlinsterberg, der frilher von Glatzj 
aus den Breslaueni so vielen Schaden zugefugt hatte, sichj 
irgendwie giitHch verstiindigt haben. Im (Jktober 1474 be- 
wirkt er, dafs die von Bischof Rudolf eroberte Stadt Mlinster- 
berg Herzog Heinrich zuriickgegeben wird, imd im DezemberJ 
verleiht ihm dann der Konig noch um seiner ti'euen Dienstej 
willen das dem Herzog Wenzel abgenommene Plefs. 

Filr die Verwilstung Schlesiens liefs j\Iatthias Grofspolenj 
bilfsen. Schon im FriiliUnge dieses Jahres batten Herzog] 
Johann von Sagan, der also wieder zu Gnaden angenommeni 
erscheint, in Gemeinschaft mit Melchior Lobel auf des-j 
Konigs Kosten Soldner geworben und in Grofspolen das: 
fraustadtische Gebiet schwer heimgesucht. Herzog Hans- J 
stilrzte bei dieser Gelegenheit in dem Stadtchen Kiefel, das; 
seine Leute angezllndet, mit dem Pferde und Avare beinahe 
im Feuer umgekommen. Der Volkswitz macht auf diesen 
Vorfall einen Spottvers filr den allgemein mifsHebigen Herzog : 

„ Herzog Hans ohne Land, 

Hat das Maul vor der Kiefel verbrannt." 



Matthias verteidigt Breslau gogeii die Poleii. 335 

Jetzt im Herbst sandte cler Konig die Herziige Friedrich 
von Liegnitz und Heinrich von Griogau mit 2000 Mann, 
die sie aufgebracht batten, und denen er dann noch 1000 
Reiter unter dem tapferen Grafen Stephan von Zapolya zu- 
fiigte, zu einem Einfalle nacb Grolspolen. Sie besetzten 
Meseritz, wo sie reicbe Vorrate fanden, und liier in dem 
ii'uchtbarsten Teile des Landes erstrecken sich ihre Ver- 
wiistungen bis vor die There der Hauptstadt Posen. 

Inzwischen war Konig Kasimir, dem sein Solin Wlady- 
slaw aus Bohmen noch an 15000 Mann zugefiihrt hatte, 
von Ohlau aus gegen Breslau vorgerilckt bis nach Kattern, 
eine Meile osthch von der Stadt, wo dann ein grofses Lager, 
das sich an den Ohlauflufs lehnte, aufgeschlagen wurde. 
Die Biirgerschaft Breslaus genet wiederum in die grufste 
Bestiu-zung und Angst ; um so unerschrockener aber zeigte 
sich der Konig, obwohl er nach seinen vielfachen Detachie- 
rungen nur wenig Kriegsvolk in Breslau hatte. Aber er 
hatte es, wie uns erzahlt wird, selbst gewagt, in Bauern- 
tracht auf einem geringen aber schnellen Raizenpferde das 
feindliche Lager zu durchreiten und mochte da manches 
gesehen haben, was ihn die Menge der Feinde verachten 
liefs. Als die Breslauer um der bequemeren Verteidigung 
willen die Ohlauer Vorstadt abbrennen wollten, verbot er 
es: „wenn die Polen etwas anzlinden", sagte er, „so sollen sie 
es mit ihrem Blute bezahlen". Eifrig Hefs er die Befestigungen 
der Stadt avif alien Seiten verstarken, nur wenig unterstiltzt 
von den unlustigen und weuig kriegsmutigen Einwohnern, 
denen ihr Chronist nachsagt, sie waren alle zu Weibern ge- 
worden, so dafs, wenn sie nicht einen so tapferen Feld- 
herrn wie Matthias gehabt batten, die Feinde mit ihnen 
hiitten nach Belieben umspringen mcigen. 

An den bedrohtesten Platz gen Osten hinter den Aus- 
satzigen von St. Lazarus, deren Kirchlein noch heute gegen- 
ilber dem Kloster der barmherzigen Brilder steht, legte er 
600 Fufsknechte in verschanzter Stellung, und als ihm 
Kunde kam von einem beabsichtigten Sturm der Polen am 
27. Oktober, brachte er noch 1400 Mann' aus der Stadt 
auf und postierte sie am Ende jener Vorstadt, bewehrt mit 
40 Tarrasbiichsen und der Artillerie der Stadt, so dafs als 
die Feinde an 5000 Mann stark heranriickten, sie keinen 
Angriff wagten und durch die Artillerie des Konigs schliefs- 
lich zu eihgem Rllckzug bcAvogen Avurden. 

Ihre Lage Avurde mit jedem Tage iibler. Die leichten 
Truppen der Ungarn thaten ihnen grofsen Schaden, und sie 
litten in dem verwiisteten Lande grofsen Mangel, um so 



336 Viertes Bucb. Dritter Abschnitt. 

mehr, als audi den zweiten grofsen Zufulirti-ansport , der 
aus Biilimen ilinen nachgeschickt wui'de, Frauz von Hagen 
bei Nimptsch abgefangeu hatte. Endlich zogen sie in gi'ofsem 
Bogen urn Breslau herum, in der Hoffiiung, auf der noch 
nicht heinigesuchten Westseite der Stadt eher Lebensniittel 
zu fiuden, und lagerten sicli hinter der Weistritz zwischen 
Schalkau und Hermannsdorf. Aber die steigende Not 
zwang sie bald, einen Waffenstillstand zu suchen, zu dessen 
Yermittelung sich das alte Haupt des bohmischen Herren- 
bundes, Zclenko von Sternberg, iiufserst bellissen zeigte. 
Nachdem Gesandte beider Parteien eine Woche lang ver- 
bandelt batten, -ward fur den 15. November 1474 eine Zu- 
sammenkunft der Monarcben verabredet, die dann aueh an 
diesem Tage auf einem Hiigel bei Grofs - Moehbern unweit 
Breslau stattfand, vermutlich an der Stelle, welcbe noch 
beute zwei macbtige Steinkreuze kennzeicbnen. 

Am 15. November kamen bier nur Matthias und Ka- 
simir zusammen. WladyslaAv hatte nicht vor das Angesicht 
des Mannes kommen mogen , der ihm den Konigstitel wei- 
gerte. Auf dessen bestimmtes Verlangen aber erschien auch 
er am folgeuden Tage und reichte dem Gegner mit weg- 
gewendetem Antlitz die Hand. In Pracht ihrer Kleidung, 
in dem Schmucke ihrer Zelte wetteiferten die Fiirsten mit 
mit einander; -vver aber der Herr der Situation war, dariiber 
konnte nicht der kleinste Zweifel obwalten, als sich Kunig 
Kasimir und sein Sohn zu der instandigen Bitte an ihren 
Gegner genutigt sahen, ihrem Heere drei Tage Fouragierungen 
zu gestatten, ohne Sturung durch die jimgarischen Streif- 
scharen. Matthias erftlUte zum grofsten Arger der Schlesier 
die Bitte, da man auch sonst in den wesentlichsten Punkten 
sich geeinigt hatte, und aiach Ablauf der drei Tage zogen 
Polen und Bohmen heim, wie unser Chronist sagt, „mit 
schonen Ehren, als die Maid aus dem Siindenhause ", die 
ersteren iiber Lliben und Guhrau nach Grofspolen, die letz- 
teren durch den Landshuter Pafs, beide natilrlich nicht, ohne 
neuen schweren Schaden dem Lande zuzufiigen. Als die 
Polen bei Steihau liber die Oder wollten, batten sie sich 
eine Fui-t durch in den Sti'om gesteckte Baumaste bezeichnet, 
aber die Fischer hatten aus Hafs gegen die rauberischeu 
Fremden die Zeichen weggenommen, und eine Menge Polen 
fanden in den "Wellen ihr Grab. 

In Breslau ward inzwischen weiter unterhandelt und am 
8. Dezember ein Waffenstillstand geschlossen, aus dessen 
unendhch weitschweifigen Bestimmungen wir nur soviel ent- 
nehmen wollen, dafs zunachst bis nachst Pfingsteu Waffen- 



Abzug des poluiscli-bohniischen Heeres. 337 

ruhe heiTschen imd die Fiirsten und Herren, welche beide 
Telle iiamhaft machen wiirden, in den WafFenstillstand mit 
eingeschlossen sein sollten. wobei natlirlich alle die schle- 
sischen Raubritter im Gebirge nur allzu gut wegkamen. 
Der Sobn Podiebrads, Herzog Heinrich von Miiusterberg, 
ward von beiden Teilen genannt, er Avar eben, wie Eschen- 
loer sagt, „ein froramer Fiirst waschend aiif beiden Banken". 

Die Hauptsache war und blieb, dafs Matthias Schlesien 
gegen zwei ilbermachtige Heere ruhmvoll und siegreich be- 
hauptet hatte. Seine Herrschaft ilber dies Land war fortan 
besiegelt und test gegrimdet, und im Prinzipe war siclier 
sclion damals eine Trennung Schlesiens von Bohmen, we- 
nigstens so lange Matthias lebte, zugestanden, wie dies denn 
auch auf dem von beiden Parteien beschickten Landtage 
zu Prag im Februar 1475 beschlossen ward, wenn man 
gleich hier noch versuchte, die Flirstentlimer Schweidnitz-Jauer 
fur Bohmen zuriickzubehalten. 



Matthias als Regent von Schlesien. 

Fiir die Schlesier horten die Leiden mit dem Abzuge 
der Polen nicht auf. Die Soldner ihi'es Konigs, von diesem 
eine Zeit lang ohne Sold gelassen, hausten im Lande schlim- 
mer als die Feinde, pliinderten Trebnitz ganz aus und 
hemmten lange alle Zuftihr, der die Hauptstadt so sehr be- 
durfte. Fiir den Schaden, den das Land erlitt, wurden 
von den Edelleuten draufsen noch die Breslauer verantwort- 
lieh gemacht; und ihnen ward gedroht, man werde sich an 
den Waren ihrer Biirger schadlos halten. Dabei lag des 
gewaltigen Herrschers Hand schwer auf dem Lande; er er- 
hob fort und fort schwere Steuern und liefs neue gering- 
wertige Miinzen pragen, denen er in ganz Nieder- und 
Mittelschlesien (Oppeln mit eingeschlossen) Zwangskurs ver- 
lieh; den Breslauern, denen sein dauernder Aufenthalt bei 
ihnen natiirlich auch schwere Kosteu veranlafste, entschlofs 
er sieh, um dem stadtischen Regimente mehr Stetigkeit und 
Festigkeit zu sichern, im Februar 1475 eine neueWahlordnung 
zu geben, nach der zu den abgehenden Ratsherren, welche 
bisher die Wahler der neuen gewesen waren, nun ein stehen- 
des WahlkoUegium hinzutreten sollte, gebildet aus 48 Mtinnern, 
zur Halfte von den Kaufleuten, zur anderen Halfte von den 
Innungen erkoren. Ihren Vorsitzenden , den Ratsaltesten, 
behielt sich der Konig vor, selbst ein- oder auch nach Ge- 
fallen abzusetzen, nur wollte er ihn immer aus der Biirger- 

Grunliagen, Gescli. Sclilesiens. I. ^^ 



338 Viertes Buch. Dritter Abschuitt. 

schaft nehmen, eine bedeutsame Anordnung, welche that- 
siichlich der Stadt von Freiheit und Selbstbewegung nur 
soviel iibrig liefs, als dem Konige gut schien. Schwer klagt 
der treue Esclienloer darllber, die JStadt, welche am meisten 
fur Matthias gethan und geduldet, am treuesten allewege zu 
ihm gehalten, sie gerade werde am allerschlechtesten be- 
handelt, alle ihre Sti'eitigkeiten zu ihren Ungunsten entschie- 
den, ja der Rat noeh fortwiilirend auf das ungerechteste 
verdachtigt, als hingen viele heimlich den Polen an. Ant- 
wortete doch einer der Giinstlinge des Konigs, Georg von 
Stein, ein ehemaliger Geistlicher, der aus OsteiTeieh hatte 
fluchten miissen, den Breslauer Konsuln, als diese einmal vor 
ihm ihr Schicksal beklagten: „Ihr habt den Tanz gehegt, 
ihr miifst den Pfeifern und Lautenschlagem lohnen, man 
mufs euch dahin bringen, dafs ihr euch nicht mehr unterfangt, 
mit Konigen zu kriegen, Konigen den Gehorsam zu ver- 
weigera, Konige Ketzer zu heifsen. Dem Papste gebiihrt 
es, Ketzer zu erkennen, nicht euch Bauern von Breslau. 
Man mufs mit euch es so machen, dafs andere Stadte daraus 
lemen, gehorsam zu sein, ihrer Nahrung zu warten, Frieden 
zu begehren und sich nicht in Kriege einzulassen." 

Mit der Handhabung von Ruhe und Ordnung nahm es 
der Konig ernst genug. Im Januar 1475 zog er nach 
Schweidnitz, um von da aus den Raubschlosseni im Gebirge 
zuleibe zu gehen, und wahrend er Neuhaus und Bolkenhain, 
welche die Inhaber nur pfandweise besafsen, wieder einloste, 
beschofs er die festeste dieser Burgen, den Fiirstenstein, 
die samt dem Hornschlosse gleichfalls verpfandet war, da 
man hier Widerstand versuchte, mit den grofsen Biichsen, 
die er aus Breslau hatte nachkommen lassen, so eindringlich, 
dafs Hans Schellendorf sehr froh sein mufste, im Wege 
einer Kapitulation durch die ausgicbigsten Zusicherungen 
und Versprechungen sich den weiteren Besitz des Schlosses 
zu sichern. 

Auch hatte der Konig noch im Dezember 1474 auf 
einem grofsen nach Breslau berufenen Landtage sehr ein- 
gehende Festsetzungen gemacht beziiglich der Aufrechterhal- 
tung des Landfriedens , wouach der vom Konig gesetzte 
Oberlandeshauptmann Stephan von Zapolya, Graf von der 
Zips, jeden schlesischen Fiirsten, jeden Hauptmann oder Ma- 
gistrat fiir einen in seinem Gebiete veriibten Raub zur Ver- 
antwortung zu ziehen und zum Schadenersatz anzuhalten 
das Recht haben sollte, desgleichen fiir jede Art von Schutz 
oder Hilfe, die Landesschildigern zuteil geworden, und worin 
auch der Schutz der Handelsstrafsen namentlich durch Ober- 



Bedrangnisse tier Schlesier. 339 

schlesien bestimmtenFlirsten ausclrllcklich verantwortlich iiber- 
tragen wurde. 

Freilich half das alles nicht viel; sowie 1475 Matthias 
Schlesien wieder den Rllcken gewendet hatte, wucherte das 
alte Rauberunwesen aufs neue miichtig empor ; in den Fiirsten- 
tiimern Schweidnitz-Jauer liielten die Schlofsherren eng zu- 
sammen und verbanden sich zu gemeinsamem Widerstande, 
und die Autoritat des Ungarnkonigs, die sonst in ganz Schle- 
sien anerkannt wurde, vermochte in diesen Gegenden nicht 
zu voller Geltung zu kommen, so dafs es uns erldarlich 
wird, wenn wir horen, dafs, wie schon erwahnt wurde, bei 
den iramerfort gepflogenen Friedensunterhandlungen der Ver- 
such gemacht Avard, die beiden Filrstentiimer Schweidnitz- 
Jauer von dem ilbrigen Schlesien zu trennen und zu Bohmen 
zu schlagen. 

In der That sind hier nach dem Weggange des Konigs 
aus Schlesien noch merkwiirdige Dinge vorgekommen. Ein 
bohmisches Corps kam im April 1477 liber die Berge, und 
niemand war da, der es zu bekampfen gewagt hatte. Die 
ungarischen Soldner, welche Matthias zm-iickgelassen hatte^ 
weigerten sich, Kriegsdienste zu thun, bis sie ihren riickstan- 
digen Sold erhalten batten. Sie hausten ilbel im Lande und 
drohten schliefslich, zu den Bohmen iiberzugehen. Mit Not 
brachte der Landeshauptmann, Graf Stephan, im Verein mit 
dem Bischofe noch 40 000 Gulden zusammen zur Befrie- 
digung der Unzufriedeneu. Aber als diese das Geld em- 
pfangen hatten, erklarten sie ihre Dienstzeit fur abgelaufen 
und zogen aus dem Lande, zm' Freude der Einwohner des 
Gebirges, die schwer von ihnen gelitten hatten, wahrend 
umgekehrt das bohmische Kriegsvolk gute Mannszucht hielt. 
Um so mehr fand es Anklang, wenn die Bohmen erklarten, 
sie kamen nur, um das Land von der Tyrannei der Ungam 
zu befreien und an der alten Verbindung mit der Krone 
Bohmen festzuhalten. Der Adel der Fiirstentiimer ti-at dem 
gern bei, und hatten nicht die Stiidte sich vorsichtiger zu- 
riickgehalten , die Lande waren zu der Partei Wladyslaws 
hiniibergegangen; aber auch die Stadte boten dazu die Hand, 
dafs die Vertreter der beiden Fiirstentiimer, Adel und Stadte, 
am 2. Mai 1477 auf eigene Hand ilu'en Frieden machten 
mit Konig Wladyslaw, so dafs zwischen ihnen und Bohmen 
die Strafsen frei' und offen sein sollten. Es war auch in 
dieser Form nicht besser als ein halber Abfall. 

Graf Stephan vermochte trotz des besten Willens gegen 
die Widerspenstigen wenig zu thun, Fiirsten und Stiinde liielten 
ihre Versprechungen schlecht, wenn einmal Emst gemacht 

22* 



340 Viei-tes Buch. Dritter Abschuitt. 

werden sollte, und seiue Wii'ksamkeit wui'de thatsaclilich 
scbon dadurch lahm gelegt, dafs er der deutschen Sprache 
giiuzlich unkundig war. 

Das Erbe der Herzoge von Glogau und Ols. 

Bald entzilndete audi neuen Ki'ieg der Tod des letzten 
Herzogs von Glogau, Heinrichs XI. (1476, 22. Februar), der, 
wie wir wissen, 1472 seiner noch nicht dem Kindesalter 
entwachsenen Gemahlin Barbara, der Tochter des branden- 
biu'giscben Kurfiii'sten , Albrecbt Acbilles, alle seine Lande 
vermacbt hatte. Wobl hatte Mattbias so gut Avie Sagan den 
Sachscn auch Glogau dem braudenburgiscben ]\Iarkgrafcn 
gegonut, dem er ja wiederbolt bereits die Lausitz angeboten 
hatte; es ware dazu kaum etwas anderes erforderlicb ge- 
wesen, als dafs Albrecbt sich in dem bohmiscben Thronstreite 
entscbieden auf die Seite des Ungarnkonigs gestellt hatte. 
Aber der Markgrat" mochte es auch mit seinem machtigen 
Nachbar, dem Polenkonig, nicht ganz verderben; es schien 
zunachst, als woile er sich seine Glogauer Erbschalt eben- 
sowohl von Matthias wie von Wladyslaw bestatigen lassen; 
als er dann doch Farbe bekennen mufste und sich ihm 
anderseits die Aussicht eroffnete, die junge Witwe an Wla- 
dyslaw zu vermablen, entschied er sich fur diesen. Matthias 
aber begiinstigte nun die Anspriiche des Herzogs Joliann 
von Sagan, der als nachster mannhcher Anverwandter des 
Glogauer Fiirsten das Testament anfocht; er gebot, diesem 
Huldigung zu leisten, sandte ihm Geld und Hilfstruppen, 
und in langem landverwiistenden Kriege kampft nun der 
Saganer Herzog gegen Markgraf Johann, den altesten Sohn 
des brandeubm'gischen Kurfiirsten. Barbara ward wirkUch 
noch im Jahre 1476 durch Prokuration dem Konig Wlady- 
slaw, der sich bei der Zeremonie dm'ch Herzog Heinrich 
vertreten liefs, angetraut, ist aber nachmals von ibrem 
Gemahl, der anderen Sinnes gewordeu, nicht heimgefiihrt 
worden, so dafs sie thatsacliHch den ilir angetrauten Gatten 
nie zu sehen bekoramen hat. 

Den Brandenburgern vermochte AMadyslaw in dem Glo- 
gauer Erbstreite wenig zu belfen; die Kriegsscharen des 
wilden Hans von Sagan verwusteten die Mark Brandenburg 
weithin, und wenn es gleich dem juugen Markgrafen gelang, 
ihnen vor Krossen 1478 eine Niederlage beizubringen, so sah 
sich dor Kurfurst doch genotigt, da im Jahre 1478 auch Wla- 
dyslaw seinen Frieden mit i\Iatthias machte, diesem letzteren 
die Entscheidung des gauzen Streites zu ilberlassen, wo 



Das Glogauer unci Olser Erbe. 341 

dann Barbara mit einer Summe von 50 000 Goldgulden ab- 
getunden ward. Da jedocli Kiirfiirst Albrecht Land imd 
Leiite der Geldsumme vorzight, erhalt er 1482 anstatt der- 
selben Ki'ossen mit Bobersberg, Ziillicbau und Soramerfeld 
abgeti'eten, welclie Landschaften seitdem von Schlesien ab- 
gegliedert erscheinen iind wenn gleich als bohmische Kron- 
lehen den brandenburgischen Landen angeschlossen betrachtet 
werden. Die glogausche Erbschalt blieb zunachst in den 
Handen des wilden Herzogs Hans von Sagan. 

Wabrend so in Niederschlesien die alten piastischen 
Furstengeschlechter in merkwlirdiger Weise zusammenschmol- 
zen und baldnur noch auf zwei Aiigen gestellt erscheinen, 
vollzog sich Abnliches aiich im Herzen Scblesiens bezliglicli 
des Olser Fiirstenbauses, das zu einem sebr ansehnliehen 
Besitze auf dem rechten Oderuler, von Woblau an bis iiber 
Polniscb- Wartenberg hinans, noch Besitznngen in Ober- 
schlesien, das erheiratete Herzogtum Kosel - Beuthen , hinzu- 
fugte. Hier hatte noch Herzog Konrad III. (j 1412) funf 
Sohne hinterlassen, doch von diesen waren drei : der bekannte 
Bischof Konrad, der Breslauer Dechant Konrad und der 
Deutschordensritter Konrad der Junge vermoge ihres Standes 
nicht in der Lage, legitime Erben zu hinterlassen, und auch 
Konrad, den man (wahrscheinlich der Farbe seines Bartes 
halber) den Weifsen nannte, blieb jede Nachkommenschaft 
versagt, so dafs nur der zweitalteste Bruder Konrad der 
Canthner (von der Stadt Canth so genannt) , der die ober- 
schlesischen Besitzungen innehatte, mit seinen beiden Sohnen, 
Konrad dem Schwarzen und Konrad dem jungen Weifsen, 
den Stamm forfpflanzte. Konrad der Canthner hatte nun 
zwar von Kaiser Sigismund die Nachfolge in den Landen 
seines Bruders fiir sich und seine Leibeserben zugesi chert 
erhalten, und auch Konigin Elisabeth, die Witwe Ktinig 
Albrechts II. , hatte dies bestatigt , doch nachmals hatte 
Kaiser Friedrich III. seiner Sch wester Margarete, der Ge- 
mahhn Kurfiirst Friedrichs des Sanftmlitigen von Sachsen, 
eine Anwartschaft auf die Lande des alten weifsen Herzogs 
(t 1452) erteilt, und wir sehen namentlich in den Jahren 
1474 und 1475 die beiden sachsischen Herzoge, Ernst und 
Albrecht, die ja bereits Sagan von Konig Matthias erlangt 
batten, sich um diese Erbschalt bemilhen und sich auch 
bereit zeigen, dem Konige eine Surame Geldes dafvir zu 
zahlen. Der letztere soil auch den Planen geneigt gewesen 
sein, aber schliefslich doch Bedingungen gestellt haben, welche 
darauf hinausliefen , dafs sich die Herzoge gleichsam als 
seine Beamten in Schlesien verwenden liefsen, worauf diese 



342 Viertcs Bucli. Dritter Abscliuitt. 

daiin wicderum nicht cingelien mocliten. Ilerzog Albrecht 
muchtc niclit einmal die oberste Landeshaiiptmannstelle iu 
Schlesien annehmen. 

Jedenfalls war der Ausgang der Sache der, dafs Herzog 
Konrad der junge AVeifse, der nach dem 1471 erfolgten Tode 
seines Bruders Konrad des Schwarzen aus dem Olser 
Piastenhause noch allein iibrig war, nachdem er, wie es 
sclieint, durch Abtretung der oberschlesiscben Besitzungen 
Kosel-Beutben , so wie einiger fur die Grenzverteidigung gc- 
gen Polen wicbtiger Schlosser (MiHtscb, Tracbenberg, Sublaii, J 
Herrnstadt) die Zustimmung des Kouigs j\Iattbias erlangt ■ 
hatte, allein in den Besitz der sonstigen Erbscbaft trat. 
Da aucb diesem letzten Olser Piasten keine Nacbkommenscbal't 
erbliibt war, so sollte bei seinem Tode sein Land an j\Iat- 
thias fallen; den saebsiscben Herzogen mag fiir diesen Fall 
dann aucb nocb eine Aussicbt auf irgendwelcben Teil der 
Erbscbaft von dem Konige eroffnet worden sein. 

Offenbar batte der letztere sein Augenmerk ganz beson- 
ders auf Oberscblesien gericbtet ; er bat in geradezu staunens- 
werter Weise unter den Fiirsten aufgeraumt und bier ein 
sebr ansebnlicbes der Krone unmittelbar unterworfenes Land- 
gebiet erworben, das die Lande Kosel-Beutben, Jagerndorf, 
Freudentbal und Ratibor umfafste und bald nocb weiter 
ausgedebnt werden sollte. 

Die Ordnung dieser Verbaltnisse bescbaftigte ibn ganz 
besonders, als er 1475 aus Schlesien zurilckkebrend in Ea- 
tibor verweiltc. Zum Hauptmann fiir ganz Scblesien er- 
nannte er den Johann Bielik von Kornitz rait Macbtbefug- 
nissen, welcbe fiir diesen, namentlicb wo es sicb um Aufrecbt- 
erbaltung des Friedens handelte, aucb den nocb gebliebenenj 
Fiirsten gegeniiber gewisse Recbte einscblossen. Damals er-| 
scbien als des Konigs treuer Anbiinger Primko 11. von Tescben, 
der ibn nach Olmiitz und Briinn begleitete und mancbe 
Gunstbezeugungen empfing. Docb aucb von ibm beifst es, I 
er babe kaum der Gefangennebmung dm'cb den Konig ent- 
geben konnen. Derselbe babe von ibm grofse Summon fiir] 
in seinem Interesse gemacbte Geldaufwendungen oder aber 
Abtretung seines Landes begebrt, Zumutungen, denen danni 
allerdings des Herzogs ^cblaubeit zu entgeben wobl ver- 
mocbt bat. 

Jedenfalls ware Mattbias mebr als irgendwer anders 
der Mann gewesen, der Zersplitterung Scblesiens ein Ende. 
zu macben, batte ibm das Scbicksal langores Leben ge-j 
scbenkt. 



Der Vertrag von Olmiitz. 343 



Vertrag von Olmiitz. 

Hoch bedeutungsvoll wiu'den' nuu auch die Verhand- 
kingen, welche zwisclien ihm und seinem Nebenbuhler Wla- 
djslaw seit Jahi'en gepflogeu nun endlich im Juli 1479 in 
einer glanzenden auch von schlesischeu Herzogeu besucliten 
Versammlung in Olmiitz zu einem vollstiindigen Friedens- 
schlusse flihi'ten, dahin gehend, dafs Wladyslaw einzig Boh- 
men beliielt, aber alle Nebenlander der bohmisclien Ki'one, 
also Mahren, Schlesien, die Ober- und die Niederlausitz an 
Matthias abtrat, wenn gleich unter der Bedingung, dafs 
nach dem Tode des letzteren diese Nebenlande gegen eine 
Zahlung von 400 000 Goldgidden und Erstattung der Pfand- 
summen fiir etwa inzwischen eingeloste Pfandschaften zuriick- 
gewonnen werden diirften. 

Nicht mit Uni'echt bezeichnen bohmische Historiker die 
Lage der Dinge, Avelche der Olmiitzer Vertrag hervorrief, 
als die Zeit der grofsten Eruiedrigung Bohmens. Der Sieg 
des Ungarnkonigs war vollkommen, der Glanz der Wenzels- 
krone war dahin, und es war nui' ein sehr schwacher Trost,. 
wenn die Aussicht auf eine Wiedergewinnung vorbehalten 
geblieben war. Eine solche Moglichkeit war ja auch einst- 
mals oflengehalten worden, als die Mark Brandenburg 1415 
an die Hohenzollern kam, wer hatte von ihr Gebrauch ge- 
macht? Die Summe von 400000 Goldgulden war gewaltig, 
und noch ansehnlicher Steigerung durch die Pfandsummen 
fahig, auch die dabei zu beachtenden Formen (z. B. Ansage 
ein Jahr vorher) nicht bequem, und wenn nicht besondere 
Scliicksalsfiigungeu dazwischentreten, durfte die Abghede- 
rung der Nebenlander als definitiv, die Losreifsung Schle- 
siens von der bohmischen Krone, der dasselbe nunmehr 
mehr als 150 Jahi-e verkniipft gewesen war, als Thatsache 
gelten. 

Die schlesischeu Fiirsten und Stande traten bereits zu 
Olmiitz dem geschlossenen Vertrage bei, indem sie nur noch 
die an die podiebradschen Zeiten erinnernde Ellausel bei- 
fiigten, dafs, falls spater einmal ein bohmischer Konig die 
Nebenlande wieder einloste, dem sie ihi'e Huldigung leisten 
soUten, dies ein christhcher (d. h. ein rechtglaubiger) Konig 
sein miisse, und anderseits sich ausbedangen, dafs bei einer 
Erledigung des ungarischen Thi'ones die dortigen Stande 
sich nicht als Herren den Schlesiern gegeniiber sollten an- 
sehen diirfen (wie dies den Bohmen so zum Vorwurf ge- 
macht ward) , sondern als Briider und Freunde. Mat- 



344 Viertes Bucb. Diitter Abschnitt. 

thias vei'hiels ihnen aufserclem treue Bewahrung ihi-er Privi- 
legien. 

Der Ungai'iikonig, der jetzt aul" clem Hcihepunkte seiner 
Macht stand 7 empfand es schwer, dais er keinen Erben 
seines Reiehes hatte. Seine erste Ehe in it der Tochter 
Konig Georgs war kinderlos geblieben, und auch die neapo- 
litanische Prinzessin, welche er 1474 heimgetuhrt , schien 
ilun keinen Nachlblger schenken zu wollen. So dachte er 
denn wolil daran, einen. natilrlielieu Sohn Johannes ziim 
Erben seines gewaltigen Landgebietes zu machen. In Un- 
garn hoifte er, da das Vorschlagsrecht eines neuen Herrschers 
in der Hand des Palatins lag, durch die Erhebung Emme- 
richs von Zapolya, eines ibm treu ergebenen Mannes (1485), 
sehi' gewaltig vorgearbeitet zu haben. Es war dies der 
Bruder jenes Stephans von Zapolya, den Avir als Oberlandes- 
hauptmann von Schlesien bereits kennen gelernt haben, und 
dem Matthias im Jahre 1485 die Hand der Tochter des 
Herzogs Primko von Teschen, Hedwig, verschafft hatte. 

Niederwerfung Johanns II. von Sagan. 

Vielleicht nun im Hinblick darauf, dais Johanns Mutter 
eine Schlesierin (aus Breslau) gewesen war, suchte er diesen 
zunachst in Schlesien festen Ful's fassen zu lassen und be- 
trieb hier noch rilcksichtsloser als bisher die Kontiszierung 
fursthcher Landesteile. Dies rief nun zunachst neue 
Kampfe hervor mit jenem unruhigen Herzog Johann von 
Sagan, der, wie wir sahen, im Kampfe gegen die Branden- 
burger den grofsten Teil der Glogauer Lande sich erworben 
hatte. 

Es war hier noch ein weiterer Ansprecher vorhanden. 
Seit mehr als 100 Jahren gehiirte namlich ein Teil der 
Glogauer Lande und speziell die Hiilfte der Stadt Glogau 
den Herzogen von Teschen, und damals residierte die Witwe 
des Herzogs Wladyslaw (Wlodke genannt), Margareta, in 
Glogau als ihrem Leibgedinge. Ihr einziger Sohn gehorte 
dem geisthchen Stande an, ihr Neffe und Erbe aber, Herzog 
Kasimir, trat aut" des Konigs Drangen alle seine Glogauer 
Anspriiche diesem letzteren ab im Austausche gegen das 
Land Kosel. Es geschah dies im Oktober 1479, also kaum 
einen Monat nach dem Abschlusse des Vertrages, welcher 
die Glogauer Erbschaft sonst Johann von Sagan ilberlassen 
hatte. 

Da erschrak Herzog Johann vor der Aussicht mit so 
ubermachtigem Nachbar zu teilen und gedachte in Eile sich 



Bekampfung des Saganer Herzogs. 345 

in den Besitz des Ganzen zu setzen. Im Marz 1480 er- 
schien er in Glogau in der Absicht, die ganze Stadt in Be- 
sitz zu nehmen, doch die Burger der Teschener Halfte 
hielten treu an ihrer Herzogin, bargen ihre beste Habe im 
Schlosse, dessen Befestigungen sie eilig verstarkten, und 
scharten sich dort zur Verteidigung um Margareta, auf 
Entsatz von Schlesien lier hoffend. Vom 20. Marz an be- 
gann dann die Belagerung des Schlosses, das der Herzog 
aus grofsen Biichsen beschiefsen und in das er Aas und ekel- 
erregende Stoffe durch Kriegsmascliinen hineinschleudern liels. 
Bald Kefs er auch durch polnische Soldner den nordlich vom 
Schlosse auf einer Oderinsel liegenden Dom besetzen, wobei 
die Domgeistlichkeit schwer geschatzt wurde; Vermittelungs- 
versuche der schlesischen Fiirsten waren erfolglos, und da 
sich keine HofFnung auf Entsatz zeigte, kapitulierte am 
1. Mai endHch die Herzogin auf freien Abzug, um dann 
noch eine Weile im Guhrauischen den Ki'ieg fortzusetzen. 
Herzog Hans aber zog in das Schlofs unter Jubel mid 
Hornerschall ein und riihmte den Glogauern, dafs lang- 
jahriger Zweiteilung ein Ende gemacht sei und die Stadt 
wieder ein en Herren habe. 

Wohl erzurnte Konig Matthias, als er von diesen Gewalt- 
thaten horte und verlangte von den schlesischen Fiirsten die 
Niederwerfung des Herzogs Johann; doch begniigten diese 
sich, einen Waflfenstillstand zu vermitteln, und der Konig, 
der immer noch eine Einmischung der Brandenburger be- 
sorgte und anderseits in Erwagung zog, dais der Herzog 
mannlicher Erben entbehre, verstand sich endhch 1481 zu 
einem Vertrage, der nun einerseits von den Glogavier Lan- 
den Krossen, ZiilHchau, Sommerfeld und Bobersberg ab- 
zweigte, Avelche Lande Albrecht von Brandenburg gegen 
Verzicht auf die seiner Tochter Barbara angewiesenen 8u 000 
Gulden haben sollte, anderseits aber die sonstigen Glogauer 
Lande dem Herzog Johann liefs, nur mufsten Landschaft 
und Stadte dem Konige bei^eits Huldigung leisten fiir den 
Fall, dafs der Herzog ohne Leibeslehenserben (also miinn- 
lichen Geschlechts) stiirbe. 

War so hier dem noch im Knabenalter stehenden Johann 
Corvin eine Anwartschaft fiir kiinftige Zeiten erofftiet, so 
gewann deraselben bald auch unmittelbaren Besitz die Nei- 
gung des Vaters. Jener altere Sohn weiland Georg Podie- 
brads, Viktorin, seit 1465 Herzog von Troppau, ward, wir 
wissen nicht unter welchen Umstanden, 1485 genotigt, sein 
Herzogtmn dem Konige abzutreten im Tausche gegen Giiter 
in Slawonien, eine Gewaltsamkeit, die dann auch Viktorins 



346 Viertes Bnch. Dritter Absclinitt. 

Bruder, den sonst so vorsiclitig lavierenden Heinricli von 
IMiinstcrberg, zur Feindschaft gegen Matthias brachte. 

Wie ansehnlicli der Landbesitz Avar, welchen der Kcinig 
hier in Schlesicn als xmmittelbares Krongut zusamraenge- 
bracht hatte imd zugleich auch, dafs dies alles fur Johann 
Corvin bcstimmt war, ersehen A^-ir daraus, dafs, als dieser 
im Jahre 1487 mit Blanca Maria, der Tochter des Herzogs 
von Mailand, Galeazzo Maria Sforza, verlobt ward, als Pfand 
fiir eine eventnelle Wiedergabe der Mitgift seitens des Kr»- 
nigs bestimmt werden neben verschiedenen Besitzungen in 
OsteiTeich und Ungarn in Schlesien noch die Ilerzogtlimer 
Troppau, Leobschiitz, Loslau, Tost, Beiithen, ein Stuck von 
Ratibor mit Kosel und aufserdem die Anwartschaft auf die 
Nachfolge in den Landen Konrads des Weifsen von 01s 
und Jolianns von Sagan-Glogau. 

Allerdings batten diese Koniiszierungen auch \-iel Unzu- 
friedene gescliaffen, und es konnte nicht scliwer fallen, hier 
einen Bund mifsvergniigter Fursten, die sich in ihren Rechten 
gekriinkt fublten, zusammenzubringen. Zu den beiden Sohnen 
Podiebrads traten dann noch die beiden Bruder, Johann und 
Kikolaus von Oppeln. Wie erziihlt wurde, habe sie des 
Konigs Hauptmann in Oberschlesien , Johann Bielik, plotz- 
lich gefangen gesetzt und zu Kosel in Haft gehalten, bis sie 
30000 Goldgulden (?) bezahlt batten. 

Im Sommer 1487 dtirfte der Bund der unzufriedenen 
Fursten geschlossen gewesen sein. Der aber den Mut fand, 
gegen den gefurchteten KiJnig die Waffen zu erheben, das 
war Aviederum der unruhigste und verwegenste der schle- 
sischen Fursten, Johann 11. von Glogau-Sagan. Unzufrieden 
mit der Aussicht, dafs nach seinem Tode seine Lande an 
die Krone heimfallen sollten, verraahlte er in den Jahren 
1487 und Anfang 1488 seine drei Tochter rait den drei 
Sohnen Herzog Heinrichs von Miinsterberg, Albrecht, Georg 
und Karl, verlangte von den Standen seiner Lande Even- 
tualhuldigung ixnd liefs, da man ihm dies unter Hinweis auf 
den entgegenstehenden Eid an Matthias weigerte, die Rats- 
herren von Glogau gefangen setzen und hielt sie in eineni 
Turme des Schlosses in barter Haft. 

Konig jMatthias nahm die Sache jetzt ernst, und obwohl 
von den schlesischen Fursten eigentlich nur Herzog Fried- 
rich I. von Liegnitz, damals Oberlandeshauptmann (derselbe 
stirbt gleich im Anfang , dieser Kampfe im Mai 1488), 
Konrad der Weifse von 01s und Bischof Johannes Roth von 
Breslau (seit 1482) nebst den Kronlandern Breslau und 
Sell weidnitz - Jailer ihm Hilfe leisten mochten, wahrend die 



Schlesischer Furstenbund gegeu Matthias. 347 

andercn Fiirsten entweder iibelwollend ziu' Seite standen 
oder wie Heinricli von Milnsterberg nebst seinen Sohnen 
mit dera Glogauer Herzog Biindnisse schlossen, so giug er 
selir energisch vor und entsandte im Friihling 1488 eine 
Schar von 3500 ungarischen Soldnern unter der Fiihrung 
von Wilhelm von Tettau, deuen sich dann auch schlesische 
Kriegsvcilker anschlossen^gegenGlogau ; Vermittelungsversuclie, 
die der Bischof versuchte, waren ebenso fi'uchtlos wie eine 
personliche Zusammenkunft des Herzogs mit des Konigs 
Anwalt in Schlesien, Georg von Stein, und seinem Kriegs- 
obersten von Tettau. Die letzteren batten keine bestimmte 
Volhnacht zu Vertragen, und Jobaun trug erklarliche Be- 
denken, nacb dem Rate Tettaus selbst zu Konig Mattliias 
nacb Ungarn zu pilgern, um von diesem eine guadige Ent- 
scbeidung zu erlangen. Das, was der Herzog beansprucbte, 
die Nachfolge seiner Schwiegersobne, hatte der Konig nimmer- 
mebr zugestanden. 

Aucb Herzog Hans batte eifrig gerlistet. Ibm sandteu 
Hilfstruppen, bobmiscbe Soldner, seine Scbwiegersobne, deren 
einen, Herzog Georg, wii' sogar an der Verteidigung von Glogau 
teilnebmen seben. Jobann batte aucb aus der Lausitz an 
400 Soldner nacb der Stadt gebracbt. Hier batte er die 
Vorstadte riicksicbtslos niederbrennen und alles vor den 
Wallen rasieren lassen. Aber scbeu in der zweiten Halfte 
des Mais (14S8) lag das koniglicbe Heer dicbt vor Glogau, 
und am 11. Juni gewann dasselbe durcb niicbtlicben Uber- 
fall die Dominsel. Wobl gelang es dem Herzoge, nun aucb 
den Dom mit seinen Kii'cben in Ascbe zu legen, und bei 
einem Ausfalle vermocbten seine Leute sogai-, zwei Gescbiitze 
der Belagerer zu erbeuten, docb wurden sie, als die Be- 
lagerer sicb von der ersten Uberrascbung erbolt, mit Ver- 
lusten zurllckgetrieben. 

Bald darauf verbefs Herzog Hans die Stadt, ebe sie 
ganz eingescblossen ward, den Seinen baldigen Entsatz ver- 
heifsend. Und in der Tbat riickten von Frankenstein ber 
3500 Bobmen, von Herzog Heinricb von Munsterberg und 
dessen Bruder Hinko gesendet, beran. Wilbebn von Tettau 
batte gegen sie 1000 Mann in die Gegend nacb Scbweidnitz 
entsandt, docb wicben sie vor der tjbermacbt gegen Lieg- 
nitz zurlick, wurden aber hier von Hans von Haugwitz 
aufgenommen, der einen Nacbscbub von einigen tausend 
Ungarn beranfiibrte; er griff am 28- Jub die Bobmen bei 
Tbomaswaldau an, obne dafs der blutige Tag eine Entscbei- 
dung gebracbt biitte. Docb zogen die Bobmen sicb nacb 
Sprottau, den Ungarn so den ^\eg nacb Glogau freilassend. 



348 Viertes Buch. Dritter Abschnitt. 

Bald standen deren Scharen vor Glogaii neben denen Tettaus, 
und nun sperrte ein in niiclitlicher Weile errichteter Grabeii 
Aon dor Oder oLerlialb begiuneiid und bis wieder zur Oder 
unterlialb sich hinzieliend die Stadt von der Aufsenwelt ab, 
so dais in ihr nun bald Not und Mangel sich luhlbar maclite, 
und die Burger den trilgerischen Verheifsungen von Johanns 
Katgeber, dem Licentiaten Apitius Colo, wenig Glauben 
sclienkend in ihrer Angst die Stadt den Belagerern zu liber- 
geben sich entschlossen. Ehe aber dieser Entschlufs ausge- 
i'iihrt werden konnte, gelang es dem Herzog am 8. Sep- 
tember, bei Naclit 400 Soldner an der Oder bei den Miihlen 
in die Stadt zu schmuggeln, und diese fiihrten nun ti'otz der 
steigenden Not des Jammers der Biirger niclit achtend die 
Verteidigung weiter. Ein schi'eckliches Opier der schweren 
Zeiteu wurden die sieben Ratsherren, die seit dem Marz 
1488 in dem runden Turme des Scldosses in schrecklicliem 
Verliel'se schmachteten. Hatten sie schon lange nur hochst 
unregelmafsig Nahrung erhalten, so horte das im Laufe des 
Septembers allmahlich ganz aul". Einer der Unglucklichen, 
Hans Keppel, hat die Kraft gehabt, mit einer aus Lichtputze 
hergestellteu Art von Dinte Aufzeichnungen zu machen, die 
uns noch ei'halten sind. Man liest niclit ohne Riihrung, 
wie er am 19. September sebreibt: „Da hatten sie uns 
jetzund beyn 14 Tagen weder Speise noch Trank gegeben. 
AUmachtiger Gott vergieb es ihnen." Den Tag darauf 
endete der Tod die Qualen auch des letzten von ihnen. 

Am 31. Oktober schlichen sich auch Herzog Georg und 
der verhafste Ratgeber des Herzogs Hans, Apitius Colo, aus 
der Stadt, aber die Soldner wehrten sich weiter, bis endlich 
der von ihnen begehrte freie Abzug auf besonders einge- 
holte Ermachtigung des Konigs ihnen zugestanden ward und 
am 18. November Willielm von Tettau in die bezAvungene 
Stadt einziehen konnte, deren Einwohner froh waren, die 
unertriigliche Tyranuei der bohmischen Soldner los zu sein. 
Bald ward dann auch das iibrige Land bis nach Schwiebus 
hinauf unterworfen. Herzog Johann war schon Mitte Ok- 
tober, nachdem er Freistadt, wo er vergeblichen Widerstand 
versucht hatte, niedergebrannt, nach Polen gegangen, ohne 
doch dort Hille finden zu konnen. Als er sich dann za 
seinen Bundesgenossen nach Oppeln wandte, liefsen ihn die 
Herzcige die Strafe des Konigs filrchtend nicht vor sich, 
und unter mancherlei Gefahren gelangte er endlich nach 
Glatz, wo er eine Weile Zuflucht fand. Am 28. Dezember 
willigte er in einen Vertrag mit dem Kcinige, eine Verzicht- 
leistung auf alle seine Lande; seine ganze Abfindung be- 



Dei- Ausgang Johamis II. vou Sagau. 349 

stand in 20 000 Gulden. Seine Eolle war ausgespielt. Auf 
dem Schlosse zu Wohlau, das seine Gemahlin geerbt resp. 
eingetauscht hatte, ist er 1504 gestorben. An Thatkraft 
und Entschlossenheit den anderen schlesischen Fursten seiner 
Zeit iiberlegen, hat er allein es gewagt, mit dem gewaltigen 
Konig anzubinden und niclit unriibmlich mit dem ilbermiich- 
tigen Gegner gerungen; docb nicht einen Augenblick hat 
er es dahin gebracht, sich mit dem Nimbus eines ^^erfechters 
der schlesischen Fiirstenrechte gegen die T;yTannei Matthias' 
zu umgeben. Die riicksichtslose Gewaltthatigkeit seines Na- 
turells und die Unfahigkeit, sich fiir etwas anderes als den 
eigenen Vorteil zu erwarmen, haben es gehindert; der Geist 
seines Bruders Baltasar und die Schatten der elend vor 
Hunger umgekommenen Glogauer Ratsherren Idagten ihn 
an, man fand flir ihn keinen anderen Beinamen als den des 
Grausamen. 

Auch seine Verbiindeten traf des Konigs Rache. Mochten 
die weniger kompromittierten Oppelner Herzoge sich mit 
einer Geldsumme loskaufen, Heiurich von Miinsterberg hatte 
der Konig noch in Winter 1488 beki'iegt, und ungarische 
Soldner vereint mit Kriegsleuten des Bischofs batten unter 
des Hauptmanns Johann Trnkas Fuhrung bereits Anfang 
Dezember JMunsterberg erobert und schritten jetzt, verstarkt 
durch die von Glogau zuriickkommenden Aufgebote der 
Fiirstentiimer Schweidnitz- Jauer, zur Belagerung Franken- 
steins. Da suchte Herzog Heinrich den Frieden und ver- 
zichtete auf das Mlinsterberger Land nebst Frankenstein 
gegen eine Abfindung von 20 000 Gulden, so dafs ihm nur 
noch das Glatzer "Land blieb. Selbst sein Bruder Hinko 
mufste, weil auch er den Glogauer Herzog unterstiitzt hatte, 
seine bohmischen Besitzvmgen abtreten. AUerdings hat der 
schlaue Herzog Heinrich nachmals im Wege von Unterhand- 
lungen sein Mlinsterberger Herzogtum zurilckerlangt. 

Des Konigs Feldhauptmann Trnka mufste auch Suhlau, 
welches ein urspriinghch auf Herzog Johanns Rechnung 
fechtender Freibeuter, ein Pole namens Koschmieder, (im 
August) eingenommen hatte, zuriickerobern. Auch der alte 
Herzog Konrad der Weifse mufste die Ungnade des Konigs 
empfinden. Derselbe hatte sie dadui'ch erregt, dafs er bei 
dem Tode der verwitweten Herzogin von Troppau, Salome, 
(im Februar 1489) die derselben zum Leibgedinge ver- 
schriebene Pfandschaft Steinau-Raudten auf Grund alter An- 
spriiche in Besitz nahm. Der Konig empfand das als eine 
unbereehtigte Eigenmachtigkeit , und sein Feldhauptmann 
Hans von Haugwitz, der noch vom Glogauer Feldzuge 



350 Viortes liuch. iJritter Abschuitt. 

Truppen beisammen hatte, erhielt den Axil'trag, den alten 
Ilcrzog mit Krieg zu ilberziehen, so dafs derselbe schliefslich 
schon bei Lebzeiten sein ganzes Fiirstentum dem Konige 
abtreten und sich mit dem kleinen Stiidtchen Auras nebst 
Gebiet und einem Jahrgehalte von 1600 Goldgulden be- 
gniigen mufste. Steinau-Raudten aber erhielt der gefugige 
Diener des Konigs Georg von Stein, der als Generalanwalt 
des Kiinigs eine oft sehr drilckend empfundene Statthalter- 
scliaft liber ganz Scblesien iibte. 

Georg von Stein. 

Es ist iiufserst schwer^ iiber die Schuld Georgs von Stein 
ein sicheres Urteil sich zu bilden. Allerdings werden wir 
sagen miissen, dafs provocierende Aufserungen wie jene (S. 338) 
erwahnte, von Eschenloer uns llberlieferte ftir seinen pohtischen 
Takt um so weniger sprechen, als er sich doch nicht ver- 
hehlen konnte, dafs ohnehin schon die Ausfulu'ung der Be- 
fehle seines Herrn geeignet war, ihn unpopular zu machen. 
Konig Matthias hat mit stauneuswerter Energie das Ziel der 
Griindung seiner Herrschaft verfolgt, zunilchst schaffie er 
sich Geld, damit warb er Soldner, und mit diesen schlug 
er jeden Widerstand nieder. Dieses GeldherbeischafFen war 
nun das eigenthche Hauptgeschaft seiner Diener und Ver- 
treter in den Provinzen, und es war erklarlich, dafs solche 
Mission sie wenig beliebt machte. Schon die alten sehlesi- 
schen Herzoge heischten von ihren Vasallen und den Stiidten 
fiir gewisse Ausnahmefalle wie z. B. Befreiung des Landes 
von Feindesgewalt, zur Loskaufung eines gefangenen Filr- 
sten, aber auch bei Verheiratung einer Prinzessin, bei dem 
Ritterschlage eines Prinzen eine aufserordentHche Beisteuer 
(collecta generaUs) von dem Lande, und die luxemburgischen 
Herrscher batten dann den Begriff der sogenannten Berna, 
d. h. der Landessteuer fiir aufserordentliche Falle auch in 
Schlesien eingebiirgert. Aber erst Konig Matthias flihi-te 
ein ganz neues Prinzip in die Erhebung dieser Steuer ein, 
insofern er anstatt, wie das bisher ausnahmslos Sitte gewesen 
war, in Kriegsfallen sich nur des Aufgebots der Vasallen 
zu bedienen, daneben noch eine Steuer erhob, rnn dafiir 
Soldner erwerben zu konnen. Es geschah dies zum ersten- 
male 1474, und unser Breslauer Chronist Eschenloer schreibt 
diesen Ratschlag Georg von Stein zu. Es fallt schwer, ihn 
dafiu' zu tadeln. Die erbarmhche Kriegsflihrung der Schle- 
sier in den podiebradschen Zeiten mufste sehr davon ab- 
mahnen, es mit dem, was der gute Wille der schlesischen 



Georg von Steiu Stattbalter. 351 

Fursten an Kriegsvolk aufbrachte, allein zu versuchen. Die 
siegreiche Behauptung Schlesiens gegen die Heere Polens 
und Bohmens, welehe Matthias damals gelang, wilrde ohne 
diese durchschlagende Reform der ganzen Art von Kriegs- 
filhrung unter keinen Umstanden gegliickt sein. 

Die damals dem Laude aufgelegte Steuer ward nun, wie 
schou oben angefiihrt ward, in der Weise erhoben, dais von 
den Stadten eine bestimmt vereinbarte Summe, auf dem 
platten Lande aber von jeder Hiife, jedem Kretscliam, jedem 
Milhlrad je ein halber Goldgulden gelbrdert ward. Die 
schlesischen Fursten und Stande., der Bischof imd auch die 
Stadt Breslau haben sich wohl verbriefen lassen, dafs solche 
Steuer ohne rechtliche Verpflichtung und nur aus gutem 
Wnien erfolge; in dem Reverse von 1479 verspricht der 
Kcinig sogar, klmftig keine derartigen Steuern mehr zu er- 
heben. Er hat das trotzdem fort und fort gethan, und als 
dies im September 1489 wiederum allgemein erfolgte, rech- 
nete man in Breslau nach, dafs dies das achte Mai sei, 
und zwar brachte Breslau seinen hochbemessenen Anteil im 
Wege einer Getranksteuer auf Wie sclion erwahnt, enthob 
die Zahlung der allgemeinen Steuer die Schlesier keineswegs 
von der Stellung von Mannschaften , und aufserdem batten 
die grofsereu Stadte wie Breslau, Schweidnitz, Liegnitz in 
Kriegszeiten noch die besondere Pflicht, ilu^e teuer erkauften 
grofsen Biichsen zu leihen und diese naturlich auch mit 
Munition zu versehen. 

Aber Georg von Stein wufste auch aufserdem seinem 
immer geldbediirftigen Konige noch andere iiskalische Ein- 
nahmen zu eroffiaen. Wenn allmahlich im Laule der Zeiten 
der Unterschied zwischen Lehen- und AUodialglitern sich 
mehr und melir verwischt hatte, so dafs auch die ersteren 
einfach in derselben Form und Ausdehnung wie die letzteren 
vererbt worden waren, so verlangte jetzt der Konig in den 
Fallen, wo trotz des Fehlens wii'klicher Lehenserben ein 
Gut vererbt werden sollte, den Nachweis, dafs das Gut 
nicht Lehengut sondern Erbgut sei, widrigenfalls das Gut 
an die Ea'one heimfallen miisse. Natiirhch lief die Sache 
darauf liinaus, dafs in solchem Falle der urspriinglich be- 
absichtigte Erbgang dui'ch Geldopfer erkauft werden mufste. 

Noch iiberraschender wirkte eine andere Verordnung, welehe 
gleichfalls Georg von Stein zugeschrieben ward. Das immer 
noch aufrecht gehaltene kirclihche Verbot, Geld auf Zinsen 
auszuleihen, ward seit Jahrhunderten schon allgemein umgan- 
gen durch den Verkauf sogenannter wiederkaufHcher Zinsen. 
War dabei urspriinglich wohl an den Verkauf einer wii'klichen 



y52 Vieite& Bucli. Diitter xVbschuitt. 

Einnalimequelle, wie etwa z. B. von einer Fleischbauk, einem 
ZoUe etc., gedacht worden, so hatte man sich liingst ent- 
wohnt, danach zu fragen; und es war darchaus iiblich, dafs 
eine Korperschaft oder auch wohl einzelne, sofern solclie sonst 
Kredit genug batten, \\m sicb bares Geld zu vcrscbaften, 
einen sogenannten wiederkiiuflicben Zius fiir eine bestimmte 
Siimme verkauften, was danu allerdings tbatsacblicb nichts 
anderes bedeutete, als dafs sie ihre Kapitalien um ge- 
wisse Prozente, welche der sogenannte Zins darstellte, aus- 
liehen. Ganz besonders hatte die Geistlichkeit mit ihren 
zahh'eichen Stiftungen hiervon Gebrauch gemacbt. Nun er- 
klarte mit einemmale der Statthaltei', derartige Ziusverkaufe 
seien eben nichts anderes als ein Geldausleihen auf Zinsen 
und deshalb wucherisch, dem Kirch enrechte zuwiderlaufend 
und gerade von Geistlichen am wenigsten zu dulden. Na 
tiirlich ward den Klerikern dabei nicht verhehlt, dafs, wenn 
sie sich entschliefsen Avollten, die Halfte dieser Zinsen an 
den Sackel des Konigs abzugeben, dieser wohl geneigt sei 
wiirde, auch fernerhin durch die Finger zu sehen. Di 
Forderung war doch so ansehnlich, dafs die ganze Geistlichkeit 
in grofste Aulregung kam, man bescblofs an den heiligen 
Stuhl zu appelieren, aber Georg von Stein nahm das iibel, 
drohte mit Gewaltniafsregeln und brachte es schliefslich 
dahin, dafs doch gar manche, um Schlimmeres abzuwenden, 
Zahlung leisteten. Die, welche sich sperrten, batten diesmal 
das bessere Teil erwahlt, denn mit dem plotzKchen Tode 
des Konigs horte auch dieser Zwang auf. 

Selbst der Bischof war zu dieser Zeit in seinem Lande 
nicht mehr sicher. Die konigHchen Heerfiihrer legten es 
darauf an, Neifse zu besetzen, was niu- durch grofse Vorsicht 
und Wachsamkeit abgewendet werden konnte. Schaden 
genug machten ohnehin die S(>ldner von Matthias, Avelche 
sich in dem Kirchenlande einquai-tierten und es aussogen. 
Auch hier soUte eine personliche Feindschaft Georgs von 
Stein gegen Bischof Johannes Roth das ti-eibende Motiv ge- 
wesen sein. 

Dessen Allgewalt und Ubermut ward aber nirgends 
schwerer empfunden als gerade in der Landeshauptstadt. 
Wir erinnem uns, wie geringschatzig Georg von Stein von 
„den Bauern von Breslau" gesprochen, die sich erdreistet 
batten, einem Konige Widerpart zu halten, Worte, die von 
den stolzen Patriziern der machtigen Stadt nicht vergessen 
waren. Um so mehr machte es Eindruck, als der neue Haupt- 
mann der Stadt imd des Fllrstentums Breslau, Heinz Dompnig, 
den Konig Matthias im Jahre 1487 aus eigener MachtvoU- 



'-1 

y 



Georg vou Steins Mifsliebigkeit. 353 

kommenheit eingesetzt hatte, sich auf das engste an Georg 
von Stein anschlofs und diesem gegenilber die allergi'ofseste 
Gefiigigkeit an den Tag legte. Infolge davon ilberti'ug sich 
der Hafs der Breslauer gegen Georg von Stein auch auf 
ihr neues Haupt. 

Soviel stand fest; niemals vorher hatte ein Landesherr 
von Sehlesien eine solche MachtvoUkommenheit in Handen 
gehabt, in so unbeschrankter Weise ilber die Kj-afte des 
Landes zu verfiigen vermocht wie jetzt Konig Matthias. 
Niemals auch vorher hatte das dem Landesherrn unmittel- 
bar untergebene Krongut eine solche Ausdehnung erlangt. 
Die Zahl der dem Konige nur als Lehensleute unterthanigen 
Herzoge, die noch am Anfange des 15. Jahrhunderts an 20 
betragen hatte, war auf etwa 5 zusammengeschmolzen , und 
niemand hatte in der Art und Weise, wae der Konig gegen 
die Fiirsten verging, ein System verkennen mogen, daraaf 
gerichtet, sich allmahhch zum direkten Herrn des ganzen 
Landes zu machen. Noch zehn Jahre in diesem Gleise 
weiter, und es gab in Sehlesien so gut wie in Bohmen oder 
Miihren dem Landesherrn gegenilber nur noch Edelleute, 
nicht aber mehi' einheimische Fiirsten mit althergebrachten 
Privilegien und besonderen Hoheitsrechten. Wu' dllrfen nur 
an die Epoche denken, welche das 16. Jahrhundert ein- 
leitete, und an die grofse folgenschwere Bedeutung, die da- 
mals das Vorhandensein angesehener Landesfui'sten gehabt 
hat, um zu ermessen, von wie gewaltiger weittragender Wir- 
kung der Schicksalsspruch war, der diesen Selbstherrscher 
ohnegleichen am 6. April 1490 in ein sehr fi'iihes Grab 
rief, ohne dafs es'ihm vergonnt gewesen ware, einen legi- 
timen Erben seiner Macht, seiner Entwllrfe, seiner Gesin- 
nungen zurlickzulassen. 



Grunhagen, Gescli. Schlesiens. I. 23 



354 Viertes Bucli. Vicrtcr Abschuitt. 



Vierter Abschnitt. 

Die Zeit der Konige Wladyslaw uud Ludwig 1400 
bis 1526. Anerkeimuiig Wlady slaws, desseii Laiides- 
privilegium you 1498. Der Kolowratsche Vertrag von 
1504. Die Hinrichtuiig des Herzogs Nlkolaus voii 
Oppeln zii Neifse. Anarcliisclie Zustande. Wladyslaws 
Tod 1516. Konig Ludwig bis 1526. Markgraf Georg 
von Jjigeriidorf in Schlesien und seine Bemiihungen 
um die Anwartschaft aiif die Herzogtiimer Oypeln- 

Ratibor. 



Ein imverdachtiger Zeuge, der Namslauer Stadtsclireiber 
Froben, riihmt Konig Matthias nach, er habe in alien seinen 
Landen und Herrschaften einen solchen Frieden hergestellt, 
dafs man iiberall sicher die Strafsen habe ziehen konnen 
und eine goldene Zeit unter seiner Regierung gewesen sei. 
Dabei hatte er den Schlesiern imd insbesondere den Bres- 
lauern vielfach gezeigt, dafs ihra ihre Wohlt'ahrt am iierzeu 
liege, hatte ihren Handel geschtitzt, Beschwerden derselben 
wegen ZoUplackereien auch auswartigen Miichten z. B. Polen 
gegenllber ernstlich verti'eten, hatte Schlesien, das sieh ihm 
zugewendet, siegreich gegen iibermachtige Feinde geschirmt. 
Aber das alles schien nicht schwer ins Gewicht fallen zu 
sollen gegeniiber dem Umstande, dafs er von den Schlesiern 
mehr Steuern geheischt hatte als friiher ein Herrscher, und 
so kam es, dafs, als zu Ostern 1490 die Nachricht von dem 
Tode des Konigs in Breslau eintraf, sie wie eine Festfreude 
aufgenommen ward, wie eine Botschaft, die Erlosung von 
schwerera Ubel verklindete. 

Es war nicht zu erwarten, dafs die Schlesier bei solcherj 
Gesinnimg dem Sohne des verhafsten Herrschers hiitten zu- 
fallen sollen, dem ohnehin der Makel seiner unehelichen' 
Geburt entgegenstand. Allerdings hatte der fursorgliche 
Vater ihm vieler Orten bereits hiddigen lassen, so in Glogau- 
Sagan, in den (Jls-Wohlauer Landen, im Herzogtum Troppau, 
und auch in Breslau sollte man bei des Konigs niichster 
Anwesenheit noch besonders an Johann Corvin Huldigung 
leisten, wie dies der Hauptmann von Breslau und Ratsprases 
Heinrich Dompnig bereits im geheimen gethan hatte. 

Natiirlich kam fiir Johann Corvin alles darauf an, ob 



Die Lage Schlesiens nach clem Tode des Konigs Matthias. 355 

er die Nachfolge im Konigreich Ungarn erlangen konnte. 
Gelang dies, so mochte er immerhin sich, um die ehemals 
bohmischen Nebenlander bei der ungarischen Krone t'estzu- 
halten, einige Wirkuug von jeuer Bedingung versprechen, 
welche sein klug vorausberechnender Vater in den Olmiltzer 
Vertrag von 1479 hineingebracht hatte, dais namlich fur 
den Fall einer einstnialigen Trennung der Nebenlande von 
der ungarischen Krone diese eine Entschadigung von 400 000 
Goldgulden zu beansprucheu habe. 

Von diesem Gesichtspunkte aus mahnte nun auch Georg 
von Stein, der sich zu der Zeit, wo sein Beschiitzer ver- 
schied, in Bautzen aufhielt, die Oberlausitzer an den 01- 
miitzer Vertrag und ihre daraus herstammenden Verpflich- 
tungen. Eine Wirkung erzielte er allerdings damit nieht. 
Die Lausitzer fragten nach jenem Vertrage um so we- 
niger, als sie demselben niemals ausdriicklich beigetreten 
waren, und hatten mit dem harten Regimente des Konigs 
Matthias die ungarische Herrschaft iiberhaupt satt bekomnien ; 
Georg von Stein, der hier nicht minder verhafst war, als in 
Schlesien, dankte es nur der Intervention der Gorlitzer, dais 
man ihn nicht sogleich getangen nahm, um ihm den Prozefs 
zu machen. Er mufste froh sein, auf brandenburgisches 
Gebiet zu entkommen, seine Rolle war ausgespielt, und die 
Oberlausitzer haben am allertrlihsten Wladjslaw anerkannt. 

In Sclilesien teilte man gegenliber der ungarischen Herr- 
schaft ganz die Gesinnungen der Lausitzer, und Bischof Jo- 
hannes Koth, der hier „als der iilteste schlesische Fiirst" 
jedenfalls im Einverstandnisse mit dem Breslauer Rate die 
Sache in die Hand nahm, verier keinen Augenblick, die 
geeigneten Schritte zu thun. Gerade zu Ostern war der 
Tod des Konigs hier bekannt geworden, und bereits am 
Ostermontage (den 12. April) lud er die Oberlausitzer zu 
gemeinsamer Beratung auf den 25. April nach Breslau ein. 
Hier erschienen nun auch zwar nicht die Oberlausitzer, die, 
wie wir bereits sahen, weil sie sich in gilnstigerer Lage 
glaubten als die Schlesier, selbstandig vorgingen, wohl aber 
I die schlesischen Fiirsten entweder selbst oder durch Ge- 
j sandte vertreten fast vollzahlig, unter ihnen auch die neuen 
i Standesherren von Konig Matthias' Gnaden, Hans Haugwitz 
[auf Polnisch-Wartenberg, des Konigs Feldhauptmann aus 
idem Glogauer Kriege, und sein Bruder Hinko auf Herrn- 
tstadt und beschlossen einmiitig auf diesem Fiirsteutage, in 
Ider Frage, ob sie der Krone Bohmen oder Ungarn Hul- 
idigung leisten soUten, nur nach gemeinsamem Beschlusse 
jvorzugehen und jedes Drangen, von welcher Seite es 
! ' 23^ 



356 Viertes Bucli. Vierter Abschuitt. 

konimcn muge, notigenfalls rait gemeinsamer Kraft abzu- 
wehren. 

Abcr audi KiJnig Wladyslaw hatte keinen Augenbliek 
versiiumt. Bereits am Karfreitage, den 9. April, erlafst er an 
die Nebeulander als alte Zubehurungen dor Krone Bohmen 
Aufforderuugen, ihm zu huldigen mid sendet auch Gesandte 
liierber. OfFenbar war in Schlesien grolsere Neigung flir 
Wladyslaw vorbanden, und zwar nicbt, obgleicb derselbe als 
ein gutmiitiger aber schwacber Mann bekannt war, sondem 
gerade weil er daiur gait, deun einen solclien erselmte man 
bier nacb dem barten Regimente Mattbias'. Indessen war 
man docli vorsicbtig genug, zunaebst eine Zusage seitens 
des Bobmenkcinigs zu verlangen, dafs derselbe die Scblesier 
aus der Pfandscbaft gegen Ungarn (so bezeicbnet man jene 
eventuelle Zablungsverpflicbtiing von 400000 Goldgulden 
an Ungani) losen wolle. Gleicbzeitig war man aucb niit 
dem Nacbbarlande Mabren, das sicb ja in gleicber Lage 
mit Scblesien befand, auf eine unmittelbar nacb dem Tode 
des Konigs von dem dortigen Landesbauptmann Stibor von 
Cimburg gegebene Anreguiig bin in engste Verbindung ge- 
treten, und liatte sicb in der Fortsetzung dieser Beratungen 
nicbt storen lassen dadurcb, dafs Wladyslaw solcbes Sonder- 
blindnis mifsbilligte. 

Wladyslaw, der niemals mit Vcrsprecbungen gekargt 
hat, trug kein Bedenken, den Scblesiern wenn aucb in 
etwas unbestimmt g'efafsten Ausdi'iicken zuzusagen, dafs er 
sicb mit der Krone Ungarn in dieser Angelegenbeit aus- 
einandersetzen wolle, und die Scblesier, Avelcbe iiber diese 
Frage sicb langere Zeit mit mabriscben Abgesandten be- 
raten batten, setzen iiun auf einem Fiirstentage zu Breslau 
am 24. Mai gleicbsam die Bedingungen einer Annabme 
Wladyslaws als Herrscber fest. Zunaebst erklaren sie dessen 
Anerbieten, sie aus der ungariscben Pfandscbaft zu losen, 
um so mebr annebmen zu woUen, als sie seiner Zeit ganz 
imscbuldig in diese Verscbi*eibung bineingekommen seien, ja 
sie droben, falls solcbe Losung nicbt erfolge, einfacb sich 
weiter an den neuen Konig von Ungarn balten zu woUeu, 
wofern dieser ibre Privilegien bestatige und weder unge- 
recbte Steuern von ibnen kiinftig zu fordem nocb fremdes 
Kji'iegsvolk auf ilii-e Giiter zu legen gelobe, widi'igenfalls 
sie ibrer Verpflicbtungen ledig sein wollten. Andernfalls 
wenn Wladyslaw die Einlosung ausfubrte, solle aucb er die 
Freilieiten der beiden Lander bestatigen und verspreclien, 
dieselben nie mebr von der Krone Bohmen zu trennen, 
Und auch fui- den Fall, dafs etwa ^\ladyslaw zugleicb zum 



Bund mit den Mahrem. 357 

Konig von Ungarn gewahlt wiirde, wircl die Pfandlosung 
von Ungarn als Bedingung einer Huldigung von Schlesien 
iind ]\Iahren hingestellt , da ohne das diese Lande weder 
Bohmen huldigen konnten, ohne jener Pfandverpflichtung 
gegen Ungarn zu nahe zu treten, noch Ungarn, ohne der 
Herrlichkeit der bohmischen Krone Abbruch zu thun. 
Aufserdem mlisse aber jeder kilnftige Hei-rscher des Landes 
geloben, keine anderen Aintleute oder Burggrafen ins Land 
zu setzen als solche, die dort geboren und begiitert die 
Lande bei ihrer Gerechtigkeit lassen wlirden. 

In dem mahrischen Stadtchen Schonberg unweit Olmiltz 
wurden dann diese Beratungen gegen Ende des Mai 1490 
eifrig fortgesetzt, und es fanden sich daselbst personhch ein 
Bischof Johann von Breslau, Heinrich von Miinsterberg, 
Ludmila, Herzogin-Witwe von Liegnitz, Johann der Jiingere 
von Ratibor, Johann von Auschwitz und Ujest und die Ver- 
ti'eter der Furstentiimer Breslau und Schweidnitz - Jauer, 
welche dann mit den mahrischen Standen jenen Breslauer 
Beschkifs unter dem 4. Juni in eine neue etwas mehr diplo- 
raatische Fassung brachten, kurz dahin lautend, dafs die 
beiden Lander bei der Anerkennung ihres kiinftigen Herr- 
schers eintrachtig vorgehen und dazu entweder den Konig 
von Bohmen als ihren Erbherren oder den neuen Konig 
von Ungarn als ihren Pfandherren unter Voraussetzung voll- 
kommener Bestatigung ihrer Privilegien annehmen wollten. 

Offenbar kam hier alles darauf an, dem Konig Wlady- 
slaw dariiber keinen Zweifel zu lassen, dafs jene beiden 
Lande ihn zwar als Konig anzunehmen bereit seien, aber 
nur unter der Bedingung, dafs er die einst zu Olmiltz fest- 
gesetzte Entschadigung von 400 000 Goldgulden flir den 
Fall, dafs die ehemaligen Nebenlander Bohmens von Ungarn 
wieder losgetrennt wurden, auf sich nahme, dieselbe also 
nicht den Landen selbst zur Last legte. Falls diese Ab- 
losung nicht erfolge, erklaren die beiden Lander lieber Aveiter 
bei der Ki'one Ungarn bleiben zu Avollen. 

In Wahrheit hat sich gerade diese Frage nicht so schnell 
zum Austiage bringen lassen, als die Verbilndeten wohl ge- 
meint batten. Am 11. Juh 1490 ward zu Ofen Wladyslaw 
als gesetzHch gewahlter Konig ausgerufen, nicht ohne dafs 
auch den ungarischen Magnaten gegenilber seine gutmiitige 
Schwache als die beste Empfehlung gewirkt hatte nach der 
strengen Selbstherrschaft Matthias'. 

Hierauf liefsen sich dann, nachdem die Oberlausitzer 
bereits vorangegangen waren, auch Schlesien und Mahren 
zur Anerkennung AVlady slaws bewegen. Am 29. Juli ward 



858 Viertes Biich. Vierter Abschnitt. 

seine Tlironbesteigung in Breslau festlicli bcgangen, die 
eigentliclic Iluldigung blieb der Zeit vorbehalten, in der 
Wladjslaw persunlich nacli iSclilesieu Aviirde komnien konneu, 
und damit war audi die Entscheidung der schweren Frage, 
ob die Schlesier Wladyslaw als einem Konig von Ungarn 
oder als einem von Bohmen huldigen sollten, noch hinaus- 
gescboben. 

Wie ungewil's man hier nun beim Tode I\Iattbias' iiber 
die Person des kiinftigen Oberlebensberrn hatte sein konnen, 
darauf, dafs das Regierungssystem des verstorbencn Selbst- 
herrscbers mit ibm zu Grabe geben wiirde, hatte man mit 
vollster Bcstimmtbeit gerecbnet, scbon weil niemand mebr 
da war, dem man die gewaltige Kraft, die zu solcbem Ke- 
gimente geborte , hatte zutrauen mogen. Und weil man 
davon ilberzeugt war, trug man keinen Augenblick Be- 
denken, sogleicb die Einrichtungen, welche jenes System 
hatte befestigen soUen, abzuschaffen. Noch im Laufe des 
Aprils beschlofs der Rat von Breslau, unter Zustimmung der 
Gemeiude, die Wahlordnung von 1475 abzuschaffen und zu 
der Karls IV. zuriickzukehren. Das Patriziat raochte wohl 
ganz gem auf die Exklusivitat der in regelmafsigem Turnus 
wechseluden aber lebenslanglicheu Ratsherren zu verzichten 
bereit sein , wenn es damit nicht nur die Teilung der 
Wahlerschaft mit den Zilnften, sondern auch zugleich jenen 
koniglichen Vorbehalt los wurde, la-aft dessen Konig Mat- 
thias ihnen in der Person ihres Ratsprases, wenn auch aus 
ihi'er IMitte einen von ihm abhangigen Herrn und Regeuten 
gegeben hatte. 

Der, welcher dieses Amt seit 1487 bekleidete, lleinrich 
Dompnig, selbst aus einer alten Breslauer Familie stammend, 
die von dem Jahre 1322 an, wo der Kilrschner Dominicus 
uns zuerst im Rate begegnet, allmahlich in die Reihen des 
Patriciats eingeriickt war, ward nun das Opfer der Unzu- 
friedenheit , die das strenge Regiment des verstorbencn Kii- 
nigs hier hervorgerufen. Er hatte nach dem 19. April, wo 
er bei der Neugestaltung des Rates unter dem Danke des- 
selben fur seine IMuhewaltung sein Amt niederlegte, wohl 
Zeit gehabt zu fliehen, doch er blieb, er bedachte nicht, wie 
unerbittlich hart eine aristokratische Korperschaft es zu 
rachen pflegt, wenn einer aus ihrer Reihe den traditionellen 
Corpsgeist verleugnet. 

Am 19. Juni setzte man ihn gefangen, und da die be- 
lastenden Zeugnisse nicht schwer genug schienen, half man 
dadurch nach, dafs man ihn folterte: auf die so erlangten 
Aussagen bin ward er zmn Tode verurteilt, und am 4. Juli 



Heinz Dompuigs Hinrichtuug. 359 

v'or clem Breslauei' Rathause xmweit der Staupsaule eut- 
hauptet. j\Iannhaf't und unersclu'ocken ist er in den Tod 
gegangen, iiberzeugt von seiner Unschuld. Seine Verwandteu 
durften auf dem Magdalenenkirchhofe ihm eine Denksaule 
mit einem Marienbikle darauf errichten. Nock heute er- 
innert dieselbe in die Ecke des Pfarrhauses eingemauert 
an das Opfer der Reaktion^ welche der Tod Matthias' herauf- 
fiihrte. 

Es sind uns die Klagepunkte gegen ihn noch erhalten, 
dock lohnt es kauni, naher auf sie einzugeken — liegt es 
dock klar auf der Hand, dafs die Sckuld, welcke ikn auf 
das Schafott gefiihrt hat, die war, dafs er an erster Stelle 
des Konigs Hauptmann und erst an zweiter Biii'germeister 
von Breslau hatte sein wollen. Wie hatte man es in jener 
Zeit dulden mogen, dafs das Haupt des Breslauer Rates das 
Interesse des Staates, dem die Stadt angehorte, hoker stellte 
als das kommunale? 

Tim diesen Gegensatz zu kennzeicknen, brauckt man nur 
einen Punkt kerauszugreifen. Nack dem Tode Mattkias' 
suckt Dompnig das fiskakscke Eigentum, was sick im Scklosse 
zu Breslau oder sonst vorfand, in Sickerheit zu bringen, der 
Rat aber verlangt, darauf selbst die Hand zu legen, um es 
als Faustpfand zu verwerten ftir die Schulden des verstor- 
benen Herrschers. Zu Dompnigs Verurteilung hiitte iibrigens 
sckon die allgemein verbreitete Meinung hingereicht, dafs er 
mit dem verhafsten Georg von Stein unter einer Decke ge- 
steckt, diesem die Heimlickkeiten des Rates verraten kabe. 
Da man diesem nickt an den Hals konnte, mufste wenigstens 
sein Mitschuldiger -bluteu — ein Opfer keischte die Erregung 
des Voikes. 

Auch sonst wurden die letzten zum Teil ja selu' gewalt- 
samen Verfilgungen Matthias' nicht weiter respektiert. Es 
verstand sick von selbst, dafs Heinrick von Munsterberg 
wieder in den Vollbesitz seiner Lande eintrat, ja auck sein 
Bruder Viktorin erlangte von Konig Wladyslaw eine Be- 
statigung seines Recktes, liber Troppau weiter zu verfiigen, 
obwokl der Konig gerade dieses Land bereits urkundkck, 
wie wir noch sehen werden, dem Johann Corvin zugesagt 
hatte. Der ake Herzog Konrad der Weifse trat wiederum 
in den Besitz seiner Lande und vertrieb die Gebrilder Haug- 
witz, denen Matthias "Wartenberg und Herrnstadt verliehen 
hatte, mit Waifengewalt aus ihren Burgen, erhielt auch bald 
eine Bestiitigung seines Besitzes durch Wladyslaw. In 
Oberschlesien setzte sich Barbara, eine Schwester der beiden 
vertriebenen Fiirsten von Jageradorf und Rybnik, mit Hilfe 



360 Viertes Buch. Vierter Abschnitt. 

ihres Gemahls Johann von Auschwitz in den Besitz von 
Jagerndorf und behauptete ihre Hoheit , auch nachdem 
Wladyslaw 1493 Johann von Schellenberg mit dem FUrsten- 
tuine Jiigerndorf" belehnt hatte. Selbst der alte Hans von 
Sagan dachte daran , sein Glogauer Herzogtum wieder- 
zuerlangen, aber er war doch allzu iibel beleumundet, und 
anderseits bedurfte Wladyslaw der Lande zu anderweitigen 
Zwecken. 

Doch erhielt seine Gemahlin Katharina das Erbe ihrer 
Mutter Salome, Steinau und Raudten, von Wladyslaw; als 
aber dann nach dem Tode Konrads des Weifsen Heinrich 
von Miinsterberg in dessen Landen folgte (1495), mul'ste sich 
Johann mit Wolilau und Winzig begniigen, und der alte 
Ubelthater sal's unzuf'rieden aut" dem kleinen Besitze, der 
ihm von so grofser Herrschaft allein librig geblieben war, 
wenn er gleich nicht aufhorte, den Titel eines Herzogs von 
Glogau und Sagan zu fiihren. Als einst ein Bote ihm 
aut" seine Frage, ob er bereits gespeist habe, vorsichtig ant- 
wortete , er habe winzig gegessen (ein wenig) , sagte der 
Herzog mit bitterem Humor zu ihm: „Hast du Winzig ge- 
gessen, so beils Wohlau zu, und du hast mein ganzes 
Fiirstentum verschlungen." Zidetzt hat Herzog Hans gleich- 
lalls ohne grofsen Erfolg sich aufs Goldmachen gelegt und 
ist in Wohlau 1504 gestorben. 

Von seinen Dienern, die einst in den Glogauer Hiindeln 
sich mifsHebig gemacht batten und denen vermutlicli der 
Unterwerfungsvertrag von 1489 Amnestic zugesichert hatte, 
ereilte jetzt zwei noch eine spate Vergeltung. Der Licentiat 
Apitius Colo ward des Landes verwiesen, und mit jenem 
Edelmanne, namens Busch, dem die offentUche Meinung 
ebensowohl die Einkerkerimg des Herzogs Baltasar wie den 
Hungertod der Glogauer Ratsherren zuschrieb, machten die 
Freistadter nun kurzen Prozefs und lielsen ihu, nachdem 
sie ihm dm'ch die Folter Gestiindnisse erprelst, vor ihrem 
Rathause enthaupten. 

Die Glogau - Saganer Lande, welche einst Herzog Hans 
besessen hatte, bilden dann einen Hauptbestandteil der um- 
fangreichen Landverschreibung, durch welche Konig Wla- 
dyslaw seinen Bruder Johann Albert unter dem 20. Februar 
1491 abfindet und zur Verzichtleistung auf seine Thron- 
kandidatur fiir Ungarn bewegt. Es sollten dazu aufserdem 
noch gehoren die (3ls-Wohlauer Lande nach dem Tode Herzog 
Konrads des Weifsen, ferner das Herzogtum Troppau, sowie 
dieses von seinem jetzigen Inhaber Johann Corvin tausch- oder 
kaufweise werde erworben werden konnen (bis dahin jiihr- 



Besitzverauderiiugen unter deu schlesischeu Fiirsten. 361 

lich oOOO Goldgulden) ; dazu Jagerndorf nebst Lobenstein, 
Tost, Beiithen, Neudeck, das Herzogtum Kosel mit Leob- 
schiitz und Loslau, alles jedoch unter der Bedingung, dais, 
falls Johann Albert auf den polnischen Thron gelange , alle 
die Lande ohne weiteres an Wladyslaw oder seine Nach- 
folger au±" dem Throne von Ungarn zuriickfielen iind vor- 
behaltlich der Oberboheit der Krone Bohmen. 

Von Glogau-Sagan durfte Johann Albert also jetzt schon 
Besitz ergreil'en, und so regierte denn von dieser Zeit an 
ein polnischer Hauptniann Johann Polak in Glogau zur ge- 
ringen Freude fiir die Unterthanen, die seine Gewaltsamkeit 
zu offener Emporung trieb, welche dann wieder blutig be- 
stralt ward. Erst als die Lande, nachdem Johann Albert 
bereits 1492 auf den polnischen Thron gekommen, an seinen 
Bruder Sigismund fielen (1499), erschienen wieder etwas 
bessere Tage fur die vielgepriiften Lande. 

Johann Corvin hatte jenem Abkomraen des Konigs mit 
seinem Bruder keine weiteren Hindernisse bereitet. Er hatte 
sich bereitwiUig in Schlesien mit Troppau abfinden lassen 
und bereits 1490 seine Unterthanen in den Glogau-Saganer 
Landen ihres Huldigungseides entlassen. Die Einweisung 
des polnischen Prinzen in seinen neuen Besitz besorgte dann 
der neue Oberlandeshauptmann fiir Schlesien, Herzog Ka- 
simir von Teschen, den Konig Wladyslaw noch im November 
1490 ernannt hatte. Dieser kluge Fiirst, der ja einst be- 
reits 1470 den neuen Konig auf seinem Kronungszuge be- 
gleitet, hatte sich eigentlich all ein von den schlesischen Her- 
zogen von jenen Verhandlungen mit den Mahrern fernge- 
halten, die dem Konige als prajudizierlich unlieb gOAvesen 
waren, und sich dadurch aufs neue empfohlen; ihm verspricht 
nun der Konig kurzweg die koniglichen Lehen, die, so lange 
er die Hauptmannschalt verwaltete, in Schlesien der Krone 
heimfallen wiirden. 

AUerdings war ja bei einem Herrscher wie Wladyslaw, 
der, um nur nicht das unangenehme Gefiihl des Versagens 
sich zu bereiten , lieber die unbedachtsamsten Zusagen 
machte , vom Versprechen zum Halten immer noch ein 
grofser Schritt, und als mit dem Tode des kinderlosen greisen 
Konrad des W^eifsen 1492 sich die ansehnliche Erbschaft 
des Herzogtums (Jls-Wohlau eroffnete, ist dieselbe Herzog 
Kasimir nicht zugefallen, vielmehr hat, nachdem die friihere 
Zusage dieser Lande an Johann Albert von Polen durch 
dessen Berufung anf den polnischen Thron aufgehoben ward, 
Wladyslaw diese Herzogtiimer einschliefslicii von Stcinau 
und Kaudten 1495 an Heinrich von ]\liinsterberg im Aus- 



362 Viertes Buch. Mertcr Abschuitt. 

tausche gegen die bolimischen Stammsitze der Podiebrads 
gegeben, dessen Linie dann neben Miinsterberg das Herzog- 
tum Ols bis zum Aussterben des Mannsstammes 1647 be- 
sessen hat, wogegen bereits die Sohne Heinrichs die Grat- 
schaft Glatz 1501 an den Grafen Ulrich von llardegg ver- 
kaut'ten nnd Wohlau nebst Steinau - Eaudten 1517 an Hans 
Turzo, von dera es dann 1523 zu dauerndem Besitze an 
Herzog Friedrich II. von Liegnitz gckoinmen ist. Dessen 
Haus hat seitdcm die drei Herzogtiiraer Liegnitz, Brieg und 
Wohlau in einer Hand vereinigt. 

Aufserdem hatte Wladyslaw, ehe er noch die Erbschaft 
Konrads dem Milnsterberger Herzog uberwies, zwei ansehn- 
liche lieiTSchaften^ die Gebiete von Mihtsch und Trachen- 
berg, ganz abgezweigt und sie seinem Kilinmerer Siegniund 
Kurzbach als Belohnung I'iir dessen treue Dienste verhehen. 
Diese Verleihungen sind von einer gewissen Bedeutung, in- 
sofern sie die Anfange jener sogenannten Standesherrschalten 
bezeichnen, deren Inhaber dann eine besondere iSteUung in 
der schlesisclien Verfassung einnehmen^ eximiert von der 
herzoghchen Gewalt und also nicht unter, sondern neben 
den Herzogtlimern stehend. Zu den beiden Herrschatten 
Militsch und Trachenberg trat dann 1517 noch Plels, wel- 
ches damals durch einen Sprossen, der in Ungarn durcli 
Bergwerksbeti'ieb reich gewordenen Familie der Tiu'zo, 
welche ja auch 1506 Breslau einen hervorragenden Bischof 
gab, kaufhch erworben ward. 

Das Herzogtum Troppau war, wie wir wissen, der ein- 
zige schlesische Besitz, den Matthias' Sohn, Johann Corvin, 
behalten hatte; doch erwirbt 1501 der Konig dasselbe im 
Wege eines Tausches, urn es dann 1515 seinem Giiustlinge, 
Herzog Kasimir von Teschen, zu iibergeben. 

Wir niogen hier an der Schwelle des 16. Jahrhunderts 
noch einmal iiberblicken, wie sich Schlesien in seiner Aus- 
dehnung und Zusammensetzung gestaltet hatte. Seine aufseren 
Grenzen batten sich in gewisser Weise erweitert, das Herzog- 
tum Trojopau, einst ein Bestandteil von Mahren, war ini 
15. Jahrhvmdcrt ganz mit Schlesien verwachsen. Schwie- 
riger stand die Frage mit der Grafschaft Glatz. Urspriing- 
lich unzwcifelhait zu Bohmen gehorend, war sie, seitdeni j 
sie im 14. Jahrhundert zeit weise und im 15. Jahrhundert 
definitiv mit schlesischen Herzogtlimern vereinigt worden j 
war, im 15. Jahrhundert \'ielfach zu Schlesien gerechnet j 
worden, bis jetzt der oben erwahnte Verkauf derselben an | 
die bohmischen Grafen von Hardegg 1501 diesen Landes- 
teil wieder Schlesien zu entfremden schien, wenngleich auch 



Schlesiens Umfang uiid Ausdelmuug. 363 

hier verwandtschaftliche Rlicksiehten mitgewirkt hatten, in- 
sofern Herzog Heiuriclis jilngste Tocliter an Graf Ulrich voiv 
Hardegg vermahlt war. 

Auf der anderen Seite waren im Nordwesten wie im 
Siidosten bleibende Gebietsverminderungen des ur.spriing- 
lichen schlesisclien Landes erfolgt. Die Grebiete von Krossen, 
Zllllicliaii, Sommerfeld waren 1483 an die Brandenburger 
Hohenzollern gekommen nnd das Herzogtum Sagan 1474 
an die sachsischen Fiirsten. Wenn hier nocli die Lehens- 
herrlichkeit der Krone Bolimen vorbehalten geblieben war, 
so war das bei den Entaufserungen im Sildosten nicht ge- 
schehen. Hier hatte bereits 1442 einer der Teilfiirsten der 
Tesehener Linie, Wenzel, das kleine Filrstentum Severien 
(das Gebiet von Siewierz in Polen ostlich von Beuthen in Ober- 
schlesien) an den Bischof von Krakau verkauft, und von 
den Herzogen von Auschwitz - Zator, einem Zweige der 
Tesehener Linie, welche ihre Lande allerdings in gefahr- 
licher Nahe der polnischen Hau])tstadt Ki-akau batten, rifs 
sich der eine, Wenzel von Zator, bereits 1441 in der ver- 
worrenen Zeit nach dem Tode Albrechts II. von der Krone 
Bohmen los, um sich dem Polenherrscher zu unterwerf'en, 
und sein Bruder Johann, der den machtigen Nachbar un- 
vorsichtig durch Fehden und Eaubziige gereizt hatte, mul'ste 
es am Ende noch als eine Gunst ansehen, als Konig Ka- 
simir ihm 1453 sein Herzogtum Auschwitz direkt abkaufte, 
so dafs ihm nur noch seine schlesische Besitzung Gleiwitz 
bHeb, wenn er auch den Titel eines Herzogs von Auschwitz 
noch ferner fiihrte. Wenzel regierte iiber Zator weiter, 
wenngleich als polnischer Vasall, und erst 1494 hat er sein 
Herzogtum an Johann Albert von Polen verkauft, sich aber 
den Niefsbrauch fur seine Lebenszeit vorbehalten. 

Im Grunde mochte es immer noch als ein Gliick ange- 
sehen werden, dafs bei der Ohnniacht und Zerstiickelung 
des Landes die Gebietsverluste Schlesiens in den triiben 
Zeiten des 15. Jahrhunderts nicht ungleich grofser geworden 
sind. Die einheimischen Fiirsten piastischen Stammes Avaren 
allerdings aufs aufserste zusammengeschmolzen. Es gab um 
die Wende des Jahrhunderts eigentlich nur noch drei solche 
Fiirsten: Friedi'ich von Liegnitz-Brieg , Johann von Oppeln 
und Kasimir von Teschen. In Ratibor bchaupteten sich 
noch die seit dem 14. Jahrhundert zum Bcsitz gekommenen 
Premysliden, in Troppau herrschte der Magyar Johann 
Corvin, in JNIiinsterberg-Ols die Nachkommen Podiebrads und 
in Glogau ein polnischer Prinz. 

Der Oberlehensherr Schlesiens war der polnische Fiirsten- 



864 Viertes Buch. ^'iel•tel• Abscliuitt. 

sohn Wladyslaw, Konig von Ungarn und Bohmen, und zu 
welcher dieser beiden Kronen Schlesien eigentlich zu rech- 
nen sei, blieb fort und fort streitig. Die Bohmen sahen 
diese Frage zu iliren Gunsten fur erledigt an mit dem 
Augenblicke, wo ihr Konig die ungarische Krone erlangt 
habe, wahrend die Ungarn auf den Ulmiitzer Vertrag ge- 
stiitzt vorlier die Zahlung von 400 000 Goldgulden bean- 
spruchten. 

Der Konig Wladyslaw war weit entfernt davon, diesen 
Streitpunkt irgendwie losen zu wollen. Er hat keineriei 
Bedenken getragen, den Ungarn gleich bei seiner AVahl und 
dann wiederliolt zu geloben, Mahren, Schlesien und die 
Lausitzen nicht von der Krone Ungarn trennen zu wollen, 
hat aber dann im direktesten Gegensatze hierzu von Prag 
aus in verschiedenen urkundlichen Akten Schlesien als Per- 
tinenz der Krone Bulnnen bezeichnet, hat die verschiedensten 
Privilegien fiir dieses Land ausschliel'slich als Konig von 
Bohni^n erteilt, hat z. B. 1491 den Heimfall des Herzog- 
tums Glogau an die Ki'one Ungarn stipuliert und dann doch 
den bohmischen Standen versprochen, dies Fllrstentum an 
Bohmen zu bringen und ganz ebenso beziiglich des Herzog- 
tums Troppau die widersprechendsten Verfllgungen erlassen. 
Es war eben so, wie dies der alte bohmische Historiker 
Dubravius treffend erzlihlt, dafs Konig Wladyslaw alles, was 
man ihm vorgetragen, gut geheifsen habe, nur dafs er in 
Prag auf czechisch dobre, in Ofen aber, wo Latein die Ge- 
schiiftssprache war, bene zu sagen pflegte. 

Auch die Schlesier ihrerseits iiefsen die Sache ruhig 
gehen. OfFenbar neigten sie mehr zu Bohmen, aber in 
keinem Falle hatten sie jene grofse Sumnie auf sich nehmen 
mogen. Die eigentliche Huldigung blieb dabei aufgeschoben, 
um so mehr, da man daran festliielt, solche nui' im eigenen 
Lande zu leisten. Diese Erklarung wiederholten die schlesi- 
schen Flirsten 1498, nachdem der Konig sie im Sommer 1497 
nach Briinn zu diesem ZAvecke vergeblich entboten hatte, 
noch einmal in bestimmter Form. Natiii'lich erneuern die 
Ungarn bei dieser Gelegenheit wieder ihre Proteste und 
verlangen vom Konig eine ausdriickliche Bescheinigung, dafs 
er nur als Kcinig von Ungarn Huldigungen empfangen 
hatte, und wirklich richteten die Mahrer ihre Huldigungs- 
erklarung so ein, dafs die Frage, ob sie sich als zur boh- 
mischen oder zur ungarischen Krone gehorig ansahen, offen 
bleiben zu sollen schien. 

Zu einer Reise nach Breslau hat sich Wladyslaw erst 
gegen Ende des Jahres 1510 entschlossen. Am 26. Januar 



Zugehorigkeit zu Ungaru oder Bohineu fraglich. 365 

1511 hielt er in Begleitung seines erst filn^alirigeu Sohnes 
Ludwig, seiner siebenjahrigen Tochter Anna sowie eines 
stattlichen Gefolges von Pralaten imd hohen Wiirdentragern 
durch das Schweidnitzer Thor seinen feierlichen Einzug, 
wobei der Wagen fur die koniglichen Kinder, wie ein Stiib- 
lein eingerichtet und auch mit einem Ofen versehen, be- 
sonderes Aufsehen erregte. Der Konig ist von den Bres- 
lauern freundlich aufgenommen worden; Balle und Turniere 
in der mit Dielen belegten Halle des Rathauses haben -vvah- 
rend seines Aufenthaltes , der sich bis zum 15. April aus- 
dehnte, stattgefunden , aber zur Huldigung ist es auch da- 
mals nicht gekommen. 

Schroffer als je haben sich die Anspriiche der Ungarn 
und Bohmen gegeniibergestanden, und die letzteren haben 
aus Furcht, es konne doch hier in Breslau zu einer Hul- 
digung an Ungarn kommen^ durch die leidenschaftlichsten 
Beschworungen und Drohungen dies zu verhindern gesucht. 
Es war dies im Grunde wohl nicht so schwer, da die Schle- 
sier, wie schon erwiihnt, der Verbindung mit Ungarn eigent- 
hch uberdriissig waren; so ward dann die Frage abermals 
vertagt. 

Im ubrigen aber hat die Ungewifsheit nicht verhiudert, 
dafs der zur Erteilung von Gnadenbriefen allezeit bereite 
Konig ,, Bene", wie man ihn spottweise nach seinem Lieb- 
lingsausdrucke nannte, den Schlesiern und zwar ausdriick- 
Hch „ aus bohmischer koniglicher Macht " die statthchsten Pri- 
vilegien verliehen hat, deren eines, vom 28. November 1498 
eine besondere Beachtung fordert, namlich als in gewasser 
Weise grundlegend fiir die ganze Entwickelung der schle- 
sischen StandeveVfassung. 

Das grofse Landesprivileg 1498 und der Kolowratsche Ver- 

trag. 

Die Schlesier batten dui'ch ihren Oberlandeshauptmann 
Herzog Kasimir von Teschen und den Freiherrn Siegmund 
Kurzbach von Trachenberg um Bestatigung ihrer Privilegieu 
bitten lassen, und indem der Konig eine solche in dem ge- 
dachten grofsen Fx'eiheitsbriefe ausspricht, kniipft er dann 
an das auch fur alle Nachfolger gegebene Gelobnis, den 
schlesischen Oberlandeshauptmann immer nur aus der Zalil 
der schlesischen Fiii'sten wahlen zu AvoUen, sehr wichtige 
Festsetzungen liber das sogenamite Fiirstenrecht, einen aus 
den Fiirsten des Landes und ihren Eaten zu bildenden Ge- 
richtshof, der allein kompetent sein sollte flir alle Klagen 



(}6G Viertes Diicli. Vicrtcr Abncliuitt. 

resp. Beschwerclen des Oberlehcnsherrn gegen einen cler 
Fiirsteu oder Erbsassen geistlichen wie weltlichen Standes^ 
sowie auch umgekehrt , oder aber eines Fiirsten wider den 
audern. Das Fiirstenrecht soil dann auch zuglcicli als liochste 
Tnstauz I'ilr die gemeine Ritter- und Mannschat't gelteu, sowie 
t'iir die Stadte, falls diese liber Kechtsverweigerung in deu zu- 
nilchst in Betracht kommenden Instanzen zu klagen batten. 
Regelmiilsig zweimal im Jahre, am Montag nach Jubilate 
und am Montag nach Michaelis, soil das Fiirstenrecht zu 
Breslau abgehalten werden, fllr die Uberschlesier jiihrlich 
einmal, am Montag nach Epiphanias, in einer vom Haupt- 
mann zu bestimmenden oberschlesischen iStadt. 

Daran schliefsen sich nun weitere Zusicheruugen , der 
Konig will die Schlesier nicht zu Kriegsdiensten iiber die 
Landesgrenzen hinaus driingen, es sei denn, dafs er ihnen 
datur Sold und Selmdenersatz leiste, audi keine Huldigung 
anderswo begehren als in Breslau resp. t'lir die Fiirstentiimer 
Schweidnitz- Jauer in Schweidnitz, keine aulserordentlichen 
Steuern verlangen, dagegen die auiserhalb Schlesiens wohnen- 
den Besitzer schlesischer Herrschatten zur Teilnahme an 
den Lasten des Landes anhalten. Der Konig wird neue 
Zolle nur dann einrichten, wenn Fiirsten und Stiinde Schle- 
siens dies als im Interesse des Landes liegend erkennen. 

Es waren in diesem Privileg in der That gewisse Fun- 
damente einer stiindischen Verfassung gegeben. Es war den 
Fiirsten und Standeu ein Bewilligungsrecht fur die indii'ckten 
Auflagen und thatsachlich durch das Fiirstenrecht liberhaupt 
fllr die Steuern eingerilumt und durch die Festsetzung der 
regelmillsigen Zusammenklintte fiir das Fiirstenrecht eine 
Periodicitiit der Sitzungen festgestellt. 

Audi fiir das geistliche Regiment in Schlesien brachte 
diese Zeit Festsetzungen von grofster Wichtigkeit. Als es 
sich 1501 darum handelte, dem alternden Bischof Johann 
Roth einen Koadjutor mit einem gewissen Anrccht auf 
Nachfolge zur Seite zu stellen, hatte der Bischof zunlichst 
an den Sohn des eintlulsreicheu Kasimir von Teschen, des 
schlesischen Oberlandeshauptmanns, Herzog Friedrich^ der 
sich dem geistlicheii Stande gewidmet hatte, gedacht, dem- 
selben die Pralatur eines Domkantors erteilt und ihn ge- 
radezu als seinen Koadjutor designiert. Doch das Dom- 
kapitel, welches liber vielfache Verletzungen seiner Immuni- 
taten durch die schlesischen Fiirsten sich beklagte, wollte 
keinen Angehorigen dieser Herrscherfamilien als kiinftigen 
Bischof anerkennen, und eine Gesandtschaft desselben an 
den Kcinig setzte doch eine Beanstandung der Koadjutor- 



Das Laudesprivileg uud die Koadjutorwahl 1502. 367 

wahl dui'ch, worauf denn audi der Bischof die Sache fallen 
liels und Herzog Friednch durcli die oberste Priilatur des 
Kreuzstiftes zu Breslau, die Propstei abfand, dagegen nun 
den Breslauer Declianten, Johannes Turzo, den Sohn seines 
alten Freundes, des uberaus reichen ungarischen Grofsgrafen 
gleichen Namens, als Koadjutor bezeichnete (l502). Die 
Genehmigung des Kapitels ward um so leichter erzielt, als 
vonseiten des Grafen Versprechungen vorlagen, dais er bei 
der kilnftigen Bischofswahl die ansehnliche Summe der An- 
naten selbst tragen wolle und auch wolil sonst Geschenke 
nicht gefehlt haben werden. 

Aber kaum war die Ernennung ruchbar geworden, so 
erhob sich von den verschiedensten Seiten het'tiger Wider- 
spruch. Die schlesischen Herzoge zeigten sich emport dar- 
iiber, dais das Kapitel beschlossen habe, llberhaupt keinen 
schlesischen Fiirsten mehr auf den bischoflichen Stuhl zu 
erheben, nachdem die beiden friiheren Bischofe aus diesem 
Stande, Wenzel und Konrad, ganz besonders das Stift in so 
schwere Schulden gestiirzt hatten. Die Herzoge erblickten 
in solchem Beschlusse die schnodeste Undankbarkeit gegen- 
iiber der Thatsache, dafs das Breslauer Bistum seine reiche 
Dotation wesentlich ihren Vorfahren zu danken habe. Sie 
drohten jetzt, zur Vergeltung den Bischof und alle Pralaten 
von den Fiirstentagen auszuschliefsen. Aber auch in der 
Stadt Breslau, wo man ohnehin fort und fort Reibungen 
mit der Domgeistlichkeit hatte wegen der HandAverker, die 
auf geistlichem Grunde sitzend den Zlinften der iStadt 
Konkurrenz machten, wegen des Bierverkaufs seitens der 
Geistlichen, wegen des von dem Kapitel behaupteten Asyl- 
rechtes jenseits der" Dombriicke u. s. w., vielleicht auch un- 
zufrieden war mit der seit ]\latthias' Zeit nun einmal mifs- 
Hebig gewordenen ungarischen Herkunft des Gewahlten, be- 
niltzten die Veranlassung, den geistlichen Gewalten ihre 
Feindschaft zu zeigen. Es kam zu allerlei argerlichen Auf- 
tritten und Tumulten, und als Bischof und Kapitel das 
Interdikt liber die Stadt verhangten, zwang der Rat den 
Klerus, iunerhalb der Mauern dasselbe unbeachtet zu lassen. 
Auch sonst hatten es ja die weltlichen Obrigkeiten sehr 
leicht, die geistlichen Herren auf das schwerste schadigen 
zu lassen. In Schlesien wie an so vielen anderen Orten 
machten sich die Buschklepper und Strauchritter unter der 
kraftlosen Regierung Wladyslaws wdeder sehr geltend. Wenn 
diese jetzt auf die Spannung des Landeshauptmanns, der 
Fiirsten und des Breslauer Rates gegenliber dem Bistum 
spekulierend sich gerade die geistlichen Giiter flir ihre An- 



368 Viertes Buch. Vierter Absclmitt. 

griffe ausersahen, hatten die weltlichen Gcwalteu es voll- 
kommea in ihrer Hand, ihrem Eifer bei Bestrafung der 
Schuldigen gewisse Schranken zu setzen. Thatsachlich litten 
die gcistlichen Guter schAver unter diesen Handeln, und die 
Kanoniker hatten weseutliche Aiislalle ihrer Einnahmen zu 
beklagen. AUe Sehmerzensschreie und Beschwerdeu bei 
Konig und Konigin, bei Papst und Legaten halfen um so 
weniger, da einige dissentierende Kapitelsinitglieder von der 
Majoritat verbannt eine ganz besondere Kilhrigkeit ent- 
wickelten, dera Kapitel den ubelsten Leumund zu machen. 

Bischof Johann IV., ein wohlwollender und gelehrter 
Mann von milder Gesinnung, ersehnte lebhaft den Frieden; 
der neue Koadjutor, der selbst sich seines Lebens kaum 
mehr sicher fllhlte, hatte gleicht'alls wenig Anlage zu einem 
Martyrer, und das Kapitel war binnen kurzem mllrbe genug, 
um des Konigs Beschluls, die Handel dui'ch ein Schieds- 
gericht zum Austrag zu bringen, sich getallen zu lassen, 
obwohl die Wahl der schiedsrichterlichen Triumvirn, des 
Konigs Bruder Sigismund, Herzogs von Glogau, des Ober- 
landeshauptmanns Kasimir von Teschen und des bohmischen 
Kanzlers Albrecht von Kolowrat nicht gerade eine besonders 
weitgehende Beriicksichtigung der geistlichen Interessen ver- 
biirgen mochte. 

Aus den Beratungen dieaer drei Wiirdentrager ist dann 
das denkwilrdige Dokument vom 3. Februar 1504 hervor- 
gegangen, das in einer Reihe von Punkten die Beziehungen i 
des geistlichen Regiments in Schlesien nach sehr verschie- 
denen Richtungen hin regelt. 

Die erste dieser Bestimmungen setzte bezuglich des 
bischoflichen Stuhles von Breslau wie ilberhaupt aller geist- 
licher Lehen imd Beneficien in der sclilesischen Diocese eine 
Art von Indigenat fest, insofern sie die Wiihlbarkeit zu 
alien diesen auf Angehorige der bohmischen Kronlaude, also 
Schlesien, Bohmen, Mahren, Obei'- und Xieder - Lausitz be- 
schrankte, eine Festsetzung, Avelche demnach das Statut des 
Bischofs Konrad, vom Jahre 1435, das nur Scblesier hier: 
zu geistlichen Wlirden kommen lassen woUte, wofeni sie 
nicht akademisch Graduierte seien, unter Weglassung dieser 
letzteren Exception zugunsten aller bohmischen Ki'onlande 
erweiterte, wobei allerdings fur den neuen Koadjutor Johann 
Turzo auch bezuglich dessen Nachfolge auf dem bischoflichen 
Stuhle eine Ausnahme zugelassen wui'de. 

Ganz besonders dieser erste Punkt lafst es sehi' erklar- 
lich erscheinen, wenn die ganze Urkunde nach dem Namen 
des einen der drei Kommissare gewohnhch als der Ko- 



Der Kolowratsche Vertrag. 369 

lowratsche Vertrag bezeichnet wird; denu nur der 
iiberwiegende Einflufs des bohmischen Kanzlers konnte in 
einer Zeit, wo Schlesien rechtlich noch iramer zur Krone 
Ungarn gehorte, aiif geistlichem Gebiete solche exklusive 
Zusammenfassung dieser Provinz mit den bohmischen Kron- 
landen durchsetzen, ohne dafs der polnische Prinz zugunsten 
des rechtlich gleichfalls noch nicht gelosten Metropolitans- 
verband mit dem polnischen Erzbistura oder der sonst so 
vorsichtige Kasimir von Teschen aus Diplomatie Bedenken 
dagegen erhob. 

Weitere Pmakte sicherten dann dera Bischof das eigent- 
liche geisthche Regiment gegen alien Einspruch Welthcher 
und alien Geistlichen die Erhebung des Zehntens auf der 
Ormidlage des status quo, verboten dann jede Neuerung 
beziiglich der Einrichtung weiterer Schenken oder Ansetzung 
von Handwerkern unter Vorbehalt eines Entscheidimgsrechtes 
bei Streitigkeiten dariiber fllr die Fiirsten und Stande. 

Der sechste und vielleicht wichtigste Punkt zog ,, die 
Herren des Kapitels" zu den regelraafsigen Landessteuern 
heran. Ein weiterer Paragraph beschrankte alsdann die An- 
wendung des Bannes gegen saumige Schuldner. Ausge- 
schlossen sollte der Bann ganz sein, wenn dieses Rechts- 
mittel in dem Zinsbriefe nicht ausdriicklich vorbehalten war. 
Doch auch wenn dies der Fall war, sollte der Bann erst 
zulassig sein, wenn acht Wochen nach Anzeige des Falles 
bei den zustandigen weltlichen Gerichten keine Zahlung er- 
folgt war und auch dann nur die eigentlichen Schuldner 
trefFen, so dafs sonst niemand in dem Gottesdienste gestort 
werde. Ein weiterer Punkt verpflichtete die GeistHchen 
furderhin so gut wie weltliche Herren, bei aufsergewohn- 
lichen Ungliicksfallen ihren Unterthanen oder Schuldnern 
einen gewissen Nachlafs zu gewahren; es folgen schliefslich • 
Bestimmungen ilber wiiste Giiter, iiber eine Verjahrungsfrist 
von 3 Jahren 18 Wochen in Schuldsachen und endlich war- 
den die Hinterlassenschaften von Pfarrern, die ohne ein Testa- 
ment zu hinterlassen sterben, einzig imd allein der betreffen- 
den Kirchkasse zugesprochen. 

Diese Bestimmungen wurden darauf von der Mehrzahl 
der schlesischen Fiirsten, desgleichen von dem neuen Koad- 
jutor nebst dem Domkapitel untersiegelt und wenige Wochen 
darauf von Konig Wladyslaw bestatigt. Einen besonderen 
Vertrag zwischen der Stadt Breslau und dem Domkapitel 
inbeti-efF der alten Streitpunkte der unter dem Krummstabe 
angesessenen Handwerker und des Bierschankes hatte dann 
noch der bohmische Kanzler gleichfalls vermittelt. Es war 

Griinliagen, Gesch. Schlesiens. I. " 



370 Viertes Buch. Vicrtcr Abschuitt. 

nun kauin zu bestreiten , dafs cler Geist, in deni jener so- 
genanntc Kolowratsclie Vertrag abgefafst war, die prinzipielle 
Anerkcnnung dcr geistlichen Steucrpflicht , die Abwehr der 
geistliclien Strat'raittel , die Verweisung aller Streitigkeiten 
an ausschliefslich weltliche Gerichte sich den bergebrachten 
Anschauungen i'lber die Privilegien der Geistlichkeit sehr 
entscbieden entgegenstellte , und dafs wir wohl bebaupten 
diirfen, es sei nie vorber eine don Ansprlicbcn des Klerus 
so ungiinstige Festsetzung erlassen worden. Es war gleicb- 
sam die erste Ankilndigiing der Stlirme, die ja subald das 
ganze Gebaude der mittelalterUcben kircbbchen Ordnung 
bis in ibre Grundfesten erscbiittern soUten. Es war daber 
wenig zu verwundern, wenn die piipstbebe Kurie im Jabre 
1;j16 dem ganzen Vertrago die Anerkennung verweigerte, 
obne da(s sie jedocb damit durebzudringen vermucbt biltte. 
Selbst das Kapitel wagte gegeniiber der immer ungiinstiger 
sicb gestaltenden offentbchen Meinung mit dieser piipstbcben 
Verwerl'ung nicbt ofFen hervorzutreten, und tbatsacbbcb ist 
der Kolowratsclie Vertrag, namentlicb in seineni wesentlicb- 
sten Punkte, dor Steuerpflicbt der Geistlicbkeit , Gesetz ge- 
worden und tort und tort in Geltung gewesen. 

Eine spiitere Zeit bat den Kolowratscben Vertrag vor- 
nebmlicb dem Einflusse des der Geistlicbkeit immer abge- 
neigten Breslauer Rates zugescbrieben. Ricbtiger wohl wiirde 
man sagen, dais die stiindiscbe Aristokratie Scblesiens, die 
sicb unter dem scblafFen Regimente Konig Wladyslaws ganz 
besonders fublen gelernt, und die ja bereits in dem grolsen 
Landesprivileg von 1498 sicb tester konstituiert hatte, imn 
die Gunst der Zeit benutzend, aucb den geistlicben Gewalten 
gegeniiber einen Sieg zu erringen vermocbt bat. 

Wir habon bei der Darstellung dieser standiscben Ent- 
wickelung dann audi nocb von einer Episode zu beripbten, 
welcbe in merkwurdiger Weise zeigt, wie furcbtbar hart und 
gewalttbatig diese Ai'istokratie selbst gegen eines ihrer Mit- 
glieder auftreten konnte. Es war namlicb im Jabre 1497 
bei einem Fiirstentage zu Neilse, wo iiber die Huldigungs- 
t'rage beraten Avard, der Herzog Nikolaus von Oppeln ofFen- 
bar in einem Anialle von Geistesstorung, von Verfolgungs- 
wabnsinn, gegen den (Jberlandesbauptmann Herzog Kasimir 
von Tescben und dann aucb gegen den Biscbot' Joliann mit 
blanker Webr losgegangen und batte beide verwundet; ja 
er batte unzweifelbait den Herzog Kasimir ermordet, batten 
nicbt anwesende Edelleute sicb auf ibn geworfen un(t ihn 
mit jNIiibe entwaffiiet. Seine Leute, die erscbreckt berbei- 
sturzten , scbleppten ibn dann tort und bewogen ibn , sich 



Herzog Nikolaus von Hj^pt'lii enthauptet. 371 

auf die Stufen des Hochaltars dei- Neifser Piarrkirche zu 
riiichten imd das Asyl der heiligen Statte in Ansprucli zu 
nehmen. 

Aber schuell verbreitete sich die Kunde des Gescliehenen, 
und die Nachricht von dem Attentate des wenig beliebten, 
des Deutschen ganz unkundigen Herzogs gegen den Bres- 
lauer Kirchenfiirsten, in dessen eigener Landeshauptstadt be- 
gangen, emporte die Biirger so, dafs ein tormlicher Aufstand 
sich erhob, Sturm gelautet ward und das Volk die Kirche 
uralagerte, endlich auch in diese eindrang und den Herzog 
auf den Stufen des Altars ermordet haben Aviirde, biitte 
nicht einer seiner Edelleute, Johann von Stosch, ihn mit dem 
eigenen Leibe gedeckt und seine Treue mit einer schweren 
Wunde bezahlt. Als man sich endhch des Herzogs bemach- 
tigt, reifst der wlitende Haufe ihm die Kleider voni Leibe 
und schleppt ihn so wieder auf das Rathaus vor die Fiirsten, 
wo er eine Art von Verhor besteht und dabei dem Herzog- 
Heinrich von Miinsterberg versichert, auch er habe den 
Tod verdient, da er gleichfalls seiner Freiheit nachgestellt 
habe, die Briefe, die Herzog Heimlich empfangen, bezeugten 
das. Naturhch hatte die Vorzeigung der Briefe nicht den 
Erfolg, Nikolaus von dem Ungrunde seines Argwohus zu 
iiberzeugen. 

Die schlesischen Flirsten waren inhuman genug, statt 
nach dem Arzte filr den geisteskranken Flirsten nach dem 
Henker zu rufen. Sie liefsen Nikolaus in den Brildertunn 
setzen, wo man ihn ohne Speise und Trank schmachteu Hefs, 
selbst der Kleider entbehrend, bis ihm ein mitleidiger Edel- 
mann, Schellendorf, eine Schaube, mit Fuchsfell gefuttert, 
schenkte. Im Rate der Flirsten ward am folgenden Morgen 
beschlossen, den Herzog Nikolaus wegen seiner Attentate, 
deren morderische Absicht er ja selbst eingestanden habe, 
ohne Vei'zug enthaupten zu lassen. Diese tumultuarische 
Justiz ward dadurch nicht besser, dafs man ihn gleich 
nachher danu vor die Neii'ser Schriffen lidiren liefs, uni aus 
deren Munde das Todesurteil zu vernehmen. Das Scliicksal, 
das ihm bevorstand, kannte er, man hatte ihn beichten und 
sein Testament machen lassen ; von den Griinden des Urteils, 
die man ihm vorlas, verstand er nichts, da es in deutscher 
Sprache erfolgte, doch hatte er Verstand genug, gegen seine 
Verurteilung durch die Neifser StadtschofFen Einspruch zu 
erheben, naturhch fruchtlos. Vormittags 10 Uhr am 27. Juni 
1497 ward Herzog Nikolaus vor dem Rathause zu Neifse 
enthauptet. 

Wie die alten Chronisten melden, hatte Herzog Nikolaus 

•24^ 



372 Viertes Buch. Vicrtor Abschuitt. 

dui'cli vieliache Grausarakeiten uud Gewalttliatigkeiteu sich 
iibcl beruchtigt gemacht, und dies trug auch wohl viel dazu 
bei, dafs seiu gewaltsames Ende, wenngleich dabei sehr 
tumultuarisch verfahren worden war, doch keine weiteren 
Folgeii hatte und selbst von seinem Bruder, dem letzten 
Herzoge von Oppeln, Johaun, nicht geracht wui'de. Dafs 
der Ktinig Wladyslaw seine Milsbilligung dariiber zu er- 
kennen gab, fiel nicht allzu schwer ins Gewicht. Seine 
Autoritat gait in Schlesien so gut wie niclits. Selbsthilte, 
Fehdewesen und Buschklepperei waren hiei' wie fast iiber- 
all in Deutschland zu jener Zeit an der Tagesordnung ; 
selbst einer der besseren Fiirsten, Friedrich II. von Liegnitz, 
griff, als er 1508, zui-iickgekelirt von einer Pilgerschaft nach 
dem gelobten Lande, sich von den Breslauern in seinen 
Rechten gekrankt glaubte, olme weiteres zu den Waffen, 
und seine Fehde mit den Breslauern flillte 1509 viele jNIo- 
nate lang die fruchtbaren Gegenden zwischen Breslau uud 
Liegnitz mit Raub und Verwustung. Ebenso schadigte 
Herzog Bartholomiius von Miinsterberg, der Sohn Viktorins, 
ein Enkel Podiebrads, in langer immer aufs neue entflammter 
Fehde die Breslauer, die ihm allerdings am 14. Oktober 
1512 vor Cauth eine empfindliche Schlappe beibrachten, 
auf das allerschwerste , und teils im Zusammenhange mit 
ihm, teils auf eigene Faust erwarben sich mehrere schlesische 
Edelleute einen ublen Ruf als gefaluiiche Landesschadiger 
und Fehder, so vor allem Christoph von Reisewitz, der 
schwarze Christoph genanut (1513 von den Liegnitzern ge- 
hangt), und ein AbkummHng des beriichtigten siichsischen 
Prinzenraubers , Siegmund- von Kaufungen vom Hummel- 
schlosse, desgleichen Lorenz Seidhtz, Franz Dompnig und 
Heinrich Steinitz. 

Gegen dieses Unwesen hat der neue Landfrieden Konig 
Wladyslaws vom Jahre 1505 trotz seiner sorgfaltigen Straf- 
bestimmungen gegen „die Beschadiger oder Drauer" uud 
deren etwaige BegUnstiger ebenso wenig etwas ausgerichtet 
wie die 100 Husaren, welche der Konig als Gendarmerie 
1508 den Breslauern zusandte, und weder die vielfach er- 
neuerten Biindnisse der koniglichen Stadte in Schlesien noch 
der grofse Friedensbund samtlicher buhmischer Ki'onlande 
„ wider die Fehder, Rauber und ihi-e Behiiuser" vom Jahre 
1512 vermochten Abliilfe zu schaffen. Der Konig Wlady- 
slaw selbst hatte an der schUmmsten jener Fehden, der mit 
Herzog Bartholomaus von Miinsterberg, einen gewissen An- 
teil, und der Zusammenhang dieser Sache ist kulturhistorisch 
zu merkwiii'dig, um nicht orwahnt zu werden. 



Fehclewesen. Die Schicksale des Hans Rindfleisch. 373 

Noch zur Zeit des Konigs Matthias (vor 1478) war ein 
Breslauer patrizischer Kaufmann Johannes Rindfleisch auf 
einer Geschaftsreise zu Plock in Polen von seinem 'Wirte 
um 590 Dukaten bestohlen worden^ und es war ihna ge- 
lungen, den Dieb seines Verbrechens zu iiberfuhren. Als 
derselbe aber zum Galgen verurteilt war, fehlte es an einem 
Scharfrichter, und Rindfleisch erhielt nun die liberraschende 
]\litteilung, in solchem Falle habe der Klager die Pflicht, 
die Strafe zu vollziehen. Wohl hiitte der Breslauer jetzt 
gern auf die Bestrafung des Schuldigen verzichtet, ja als er 
erfuhr, dafs er nur die Wahl habe zu henken oder sich von 
deni Verbrecher henken zu lassen, erklarte er sich sogar 
bereit, wenn man ihn ruhig ziehen lasse, auf die ganze Geld- 
sunime zu verzichten, und erst als man ihn streng bei der 
schrecklichen Alternative festhielt, vollzog er widerwillig das 
ungewohnte Geschaft. Als er aber dann heimkehrte, half 
es ihm wenig, dafs er sich von dem Konige von Polen die 
Zwangslage, in der er sich befunden, bescheinigen und auch 
von Konig Wladyslaw unter Strafandrohung verbieten liefs, 
ihm aus jenem Vorfall einen Makel anzuhangen, er gait 
fortan fur unehrlich und von Ehren und Wiii'den ausge- 
schlossen. Ja selbst sein Sohn Christoph hatte noch unter 
jenem Makel zu leiden, und 1501 weigerten sich alien Man- 
daten des Konigs zum Trotz die ]\Iannrechtsbeisitzer von 
Breslau, rait ihm zusammen zu sitzen und liefsen lieber die 
Gerichtssitzungen das ganze Jahr hindurch ausfallen, und 
die stadtischcn SchofFen und Geschworenen zeigten bei einem 
neuen Versuche des Rates 1507, Christoph Rindfleisch unter 
die Schoffen zu bringen, den gleichen Widerstand. 

Daraufhin verurteilte Konig Wladyslaw, wie er dies in 
seinem zugunsten von Rindfleisch 1502 erlassenen Briefe 
angedroht, die Stadt zu einer Geldstrafe von 100 Mark 
Silber und war dann unvorsichtig genug, diese Summe dem 
Herzog Bartholomaus von Miinsterberg, dessen er sich zu 
diplomatischen Sendungen vielfach bediente, zu schenken. 
Natilrlich gab diesem dann die Verschreibung der Summe 
neuen Vorwand zu Plackereien der Breslauer, deren Rat 
im Bewufstsein, selbst an der Sache keine Schuld zu tragen, 
die Zahlung weigerte. 

In keinem Falle haben die Breslauer, wie Konig Wla- 
dyslaw es that, diesem Enkel Podiebrads Thranen nachge- 
weint, als im April 1515 auf einer neuen diplomatischen 
Sendung nach Wien sein Schift'lein an einem Felsen in der 
Donau scheiterte und er selbst ertrank. 

Diese letzte Botschaft des Herzogs hatte einer Zusammen- 



874 Viertes Bucli. Vii'itcr Abschuitt. 

kunt't des Kaisers Maximilian mit W lady slaw gegolten, welclie 
als der Abschlufs lang geptiogener Untcrhandlungen dann 
im Jali 1515 zu \\'ien vvirklich stattt'aiul luid hier nun eine 
Verbindung der beidcn Furstenhauser zu Wege brachte, die 
nachmals von so weitreichenden Folgen geworden ist, die 
wechselseitige Vermahlung resp. Verlobung der beiden Kin- 
der Wladyslaws, der 12jahrigen Anna und des 9jaln'igen 
Ludwig mit dem Enkel resp. der Enkelin des Kaisers, ver- 
bundcn mit einem weehselseitigen Erbvertrage beziiglich 
Ungarns, Bohmens und < )sterreiclis. Nachdem KiJuig \Vla- 
dyslaw so fur die Zukunt't seiner Lande gesorgt, ging er 
am 13. Mjirz 151G nach kurzem Kj-ankenlager zur ewigen 
Ruhe ein, die Herrschaft iiber zwei grolse Keiche einem 
zehnjahrigen Knaben hinterlassend. 

Schlesien unter Konig Ludwig 1516^1526. 

Wenn schon vmter Wladyslaw das Ansehen des Konigs 
sehr gesunken war, so erscheint unter der vormundschatt- 
schaftlichen Regierung, die jetzt eintrat, das Land vollends 
allein aut' sich angewiesen. An der 8pitze der durch den letzten 
Willen des heimgegangenen Konigs fur Bohmeu bestellten 
Regentschaft stand Herzog Karl von Mllnsterberg, der iSohn 
Heinriclis des Alteren, also ein Enkel Greorg Podiebrads, 
unter den ungarischen Vormiindern des Konigs Ludwig 
aber fand sich Markgraf Georg von Bi'andenburg, ein Enkel 
yon Albreclit Achilles, Sohn des ]\Iarkgrafen Friedrich des 
Alteren. welcher letztere eine 8chwester Wladyslaws Sophia 
zur Gemahlin hatte. Dies war nun auch der Grund, wes- 
halb der mehr mit Kindern als mit Gliicksgutern gesegnete 
Friedrich seinen Sohn 1505 an den Hof seines Schwiigers 
nach Ofen sandte, um dort sein Glilck zu versuchen. 

Georg fand bei dem Oheim die allerfreundlichste Auf- 
nahme. Es war nicht zu verwundern , wenn der gute, 
schwache Konig in ihm, seinem nachsten Verwandten, einem 
offenen, lebensmutigen Jiinglinge, eine gewisse Stiltze zu er- 
langen suchte gegen die ungarischen Magnaten, welche, die 
iibermachtigen Zapolyas an der Spitze, ilm zugleich tyi'an- 
nisierten und aussogen. Die ganze deutsche Partei, flir 
welche es sich darum handelte, den Erbvertrag mit dem 
Kaiser Max gegenliber den ehrgeizigen Absichten der Za- 
polyas, die selbst nach der Krone strebten, durchzusetzen, 
wandte ihre Blicke auf ihn, und es Avard von grofser Bc- 
deutung, dafs die Gunst des Konigs ihm 1509 die Hand 
der Witwe von Johann Corvin, Beatrice Frangipani, ver- 



Markgraf Georg vou Braudeuburg in Schlesieu. 375 

schaffte^ welche clann bei ihrem bereits 1510 erfolgten Tocle, 
nachdem ihre beiclen Kinder von Corvin in das Grab vor- 
angegangeu waren , Georg als Erben ihrer ansehnlichen 
Reichtumer hinterliefs. 

Dafs dieser junge aafstrebende Fiirst nun sein Augen- 
merk aut' Schlesien richtete, ward f'iir die Geschicke dieses 
Landes von der allergrofsten Bedeutiing. Sein Eintritt in 
Schlesien ist vielleicht das wichtigste Ereignis, welches aus 
der zehnjahrigen Regierung Konig Ludwigs zu verzeichnen 
ist. Was einst Albrecht Achilles nur in sehr beschranktem 
Mafse gelang, in Schlesien festen Fuls zu fassen, unternahm 
jetzt einer seiner Enkel mit ungleich giinstigerem Ertolge, 
nur dafs die Hohenzollern , nicht wie zu erwarten gewesen 
ware, von Westen resp. Norden, sondern von Sildosten her 
ihren Einzug in das Land hielten, das ihnen einst ganz zu- 
fallen sollte. 

Zu dem Entschlusse des Markgrafen, sich in Schlesieu 
ansassig zu machen, haben anscheinend mehrere Motive zu- 
sammengewirkt. Schon vor ihm hatte ungarisches Kapital 
den Weg hierher gefunden, wie solches namentlich durch 
den um jene Zeit machtig eraporkommenden Bergbau er- 
zeugt ward. Aus Uugarn scheuchten es die unablassigeu 
Unruhen und Biii'gerkriege sowie die Tilrkenget'ahr fort, 
und wenn seine Besitzer nicht selbst der slavischen Natio- 
nalitat angehorten, konnte Schlesien wohl noch mehr an- 
locken als das sonst naherliegende Mahren. Wir erwithnten 
ja bereits, wie die durch den Bergbau reich gewordene Fa- 
milie der Turzos hier die Herrschaft Plefs erworben und 
eins ihrer Glieder zum Koadjutor des Bistums Breslau hatte 
aufsteigen sehen. . Dieser Johann Turzo war jetzt 1506 
auf den schlesischen Bischofsstuhl gelangt, und hat diesen 
bis an seinen Tod 1520 besessen, ein frommer aber auf- 
geklarter Kirchenfurst, ein Beschtitzer und Forderer huma- 
nistischer Wissenschaft , mild und wohlwollend gegen jeder- 
mann. Sein Privatverraogen gestattete ihm, iiber dem Stadt- 
chen Jauernick auf steiler Anhohe das schone Schlofs, das 
dann nach seinem Namen Johannesberg getauft ward, zu 
erbauen, noch heute eine beneidenswerte Sommerresidenz 
der Breslauer Bischofe. Die Turzos haben dann auch die 
ihnen verschwagerte Familie der Augsburger Fugger, deren 
Unternehmungsgeist sie auch zur Teilnahme an der Aus- 
beutuug der ungarischen Bergwerke gefiihrt hatte, nach 
Schlesien gebracht. Antonius Fugger besitzt 1514 Giiter 
im Bischofslande, zu denen das Stadtchen FreiAvaldau (unter- 
halb des bekannten Wasserbades Grafenberg gelegen) gehorte. 



376 Viertes Buch. Vierter Abschiiitt. 

Auch ^larkgrat' Georg hatteVeranlassung, daran zu clenken^ 
sich so viel als muglich aus den uiigarischen AVirren heraus- 
zuwickeln und die an ihn get'allenen in ganz Ungarn zer- 
streuten zahlreichen Giiter nach und nach unter der Hand 
zu veraulsern, uni sich lieber anderswo einen Besitz zu 
gi'unden, den nicht wie in Ungarn die unversohnliche Feind- 
schatt der Zapolyas stundlich bedrohte. 

Dazu kam dann noch ein anderer Antrieb. Konig "VVla- 
dyslaw hatte in seiner grofsen Zuneigung fiir Georg gleich 
vom ersten Augenblicke an, wo derselbe an seinen Hof ge- 
kommen war, eine reiche Dotation in Schlesien ftir denselben 
in Aussicht genommen und ihm 1507 entweder das 1506 
dui'cli die Thronbesteigung des polnischen Prinzen Siegmund 
erledigte Herzogtum Glogau oder aber nach dem Tode Jo- 
hanns von Oppehi dessen Herzogtum zugesagt. Allerdings 
war nun bei der Art des guten Konigs, der niemandem 
etwas abschlagen konnte, von solcher Zusage bis zur wirk- 
lichen Besitzergreifung immer noch ein grofser und schwerer 
Schritt. Der AA'iderspruch anderer luteressenten und An- 
Aviirter pflegte dann leicht unerwartete Hindernisse zu be- 
reiten. So setzten diesmal die Glogauer, welche unter der 
Herrschaft des polnischen Prinzen keine guten Tage gesehen 
batten, bei dem Konige 1508 eine Zusicherung durch, sie 
„ hinfurder in frerade Hande nicht mehr vergeben, versetzen, 
verkauten noch verptanden zu wollen". 

^^'ohl aber hielt der Markgraf an der Anwartschaft auf 
Oppeln test, die dann dadurch noch bedeutungsvoller ward, 
dais Herzog Johann von Oppehi vertragsmalsig auch der 
Erbe des kinderlosen und krankhchen Herzogs Valentin von 
Ratibor war. Allerdings gab es der Bewerber um die 
Oppelner Herrschaft viele, und jeder von ihnen vermochte 
sich auf irgeudwelche Zusicherungen zu stiltzen, die samt- 
lich der gedankenlosen Freigebigkeit des Kiinigs Wladyslaw 
entstammten. Da hatte zunachst ebeu jener Herzog Valentin 
von Katibor als Sohn einer Schwester Johanns von Oppeln 
einen vollen und ungeteilten Erbanspruch , welchen der 
Konig als solchen 1511 unumwunden bestiitigt. Ferner 
hatte Wladyslaw seinem Bruder Sigisraund eine Anwart- 
schaft auf die Oppelner Lande verliehen, welche dieser dann 
bei seiner Thronbesteigung dem Herzoge Kasimir von Teschen 
resp. dessen Neffen Bartholomaus von Milnsterberg abge- 
treten hatte, anscheinend unter Gutheifsung des Konigs. 
Ein weiterer Bewerber war der Oberburggraf von Prag, 
Zdenko Lew von Rozmital, der seine Stellung als einer der 
eintlulsreichsten Grofsen Bohmens dazu benutzt hatte, bei 



Das Erbe der Herzoge vou Oppeln. 377 

einer Anwesenheit des Konigs in Prag cliesem eine Zusiche- 
rung fiir sicli inbetreff der Oppelnsclien Erbschaft abzuge- 
winnen. Endlich hatte auch Herzog Friedrich II. von 
Liegnitz, vielleicht auf Grund seiner Abstammung miitter- 
licherseits (allerdings im vierten Gliede) von einer Oppelner 
Prinzessin^ eine Anwartschaft auf Johanns Erbe von Wlady- 
slaw zugesicliert erlialten. Ura die Verwirrung noch zu er- 
hohen, hatte dann der Konig bei seiner Anwesenheit in 
Schlesien 1511 dem Oppehier Herzog auf dessen personHch 
angebrachte Beschwerde darliber; dafs so ganz ohne ihn zu 
belragen liber sein Erbe verfligt werden soUe, ein ausgiebiges 
Privileg eiteilt, welches Johann das Recht vindizierte, liber 
seine Lande vollkommen frei zu verfligen und dieselben zu 
vergeben, an wem es ihm gefallen werde. 

Der Versuch, unter solchen Umstanden alien Mitbewerbern 
den Rang abzulaufen^ war fur Markgraf Georg urn so klihner, 
als gerade ihm noch besondere Hindernisse mehr als den 
anderen Anwartern bereitet war en. So hatte Wladyslaw 
unter dem 10. Januar 1510 den bohmischen Standen ver- 
brieft, dafs fortan kein schlesisches Herzogtum, das jetzt 
oder klinftig in des Konigs Hand sei, wiederum verliehen 
werden dlirfe, sondern fortan bei der Krone bleiben solle. 
Auch solle niemand einem, der nicht das schlesische Inkolat 
besitze, gleichviel ob flirstlichen Standes oder nicht, Land- 
besitz verschenken oder vergeben, und auch in dem er- 
wiihnten Privileg flir Herzog Johann von 1511 war dessen 
Dispositionsrecht doch insoweit beschriinkt worden, dafs der 
zu wahlende Erbe aus Bohmen oder dessen Nebenlandern 
stammen sollte, so dafs dadurch ein ungarischer Magnat, 
als welcher doch auch Georg augesehen werden mufste, aus- 
geschlossen erschien. 

Alledem zum Trotz hat nun Markgraf Georg von dem 
Augenblicke an, wo er 1511 an der Seite seines Oheinis in 
Schlesien erschien, das grofse Werk mutig begonnen und 
bereits 1512 einen grofsen Vorsprung erlangt dadurch, dafs 
die Macht seiner gewinuenden Personlichkeit die Herzoge 
Johann von Oppeln und Valentin von Ratibor dazu bringt, 
ihn als Dritten in ihren wechselseitigen Vertrag mit aufzu- 
nehmeu, so dafs an ihn, falls jene beiden kinderlos stei-ben 
BoUten, deren gesamtes Erbe iiele, was dann Konig Wlady- 
slaw bestatigt. Damit hatte Georg nun schon einen sicheren 
Rechtsboden erlangt und sich zugleich mit auf das Dis- 
positionsprivileg Herzog Johanns gestellt, wenn ihm gleich 
die Vorbedingung des schlesischen Inkolats noch abging. 

Aber der Markgraf that gleich noch einen zweiten Schritt 



378 A'icrti'^ Buch. Vicrter Aloclinitt. 

weiter, and vuii (l(!i' Erwartung ausgeliend, dais der (Jheim 
docli wohl vur deni Neffen das Zeitliche segnen werde, 
niachte er la 12 mit Herzog Valentin von Katibor, dessen 
bestandiger Geldnot er wohl bei dieser Gelegenheit etwas 
zuhilfe kommen mochte, einen ^^ertrag, worin der letz- 
tere sich herbeiliels, die Erbschal't Johanns mit ihm zii 
teilen. 

Dem gegeniiber schlossen sich nun die anderen drei 
Anwiirter, Herzog Kasimir von Teschen, Friedrich II. von 
Liegnitz und der Prager Oberburggrat Zdenko Lew von 
Rozmital, zusammen und machten unter sich gegen Ende 
des Jahres 1512 einen Teilungsvei'trag iiber das (Jppelner 
Erbe, liefsen sich audi gleich nach dem Tode Wlady slaws 
von Kaiser ]Max als Vormund des neuen Herrschers ihre 
Anspriiche insgesamt bestiitigen. Zugleich aber land eiuer 
von ihnen, Herzog Kasimir, in seiner Eigenschatt als oberster 
Hauptmann von Oberschlesien eine Gelegenheit, aut' Herzog 
Valentin eine gewisse Pression zu uben, indem er denselben, 
aul'Grund von Aussagen gefangener Ubelthater, bei dem Konige 
denunzierte, als habe er deren falschmiinzerische Uperationcn 
in gewinnsiichtiger Absicht unterstutzt. Diese Sache konnte 
um so mehr Konsequenzen haben, als W'ladyslaw noch kurz 
vor seinem Tode 1515 dem Herzoge Kasimir alle Strafen 
von Landesschadigern zugesichert hatte. Markgraf Georg 
aber parierte den 8treich dadurch, dafs er sich 1517 von 
dem jungen Konig Ludwig zusichern liefs, es sollten, lalls 
etwa jene Anschuldigungen sicli bestatigten und intblge 
davon der Herzog Valentin durch Verlust seiner Lande gi- 
stratt wilrde, diese letzteren an niemand anders als deu 
Markgrafen fallen. Es konnte diesem nicht schwer fallen, 
seine Handlungsweise Herzog Valentin gegeniiber als in 
dessen Interesse liegend darzustellen, und insofern daniit 
Herzog Kasimir jedes eigene Interesse an der ganzen iSache 
einbiifste, wird es uns erkliirlich , wenn wir nichts weiter 
von dieser Angelegenheit erfahren : bedeutsam aber erscheint 
es noch, dafs in dieser Urkunde Konig Ludwig von einer 
Einziehung der eventuell durch Herzog Valentin verAvirkten 
Lande seitens der Krone Ungarn spricht. Da die grofse 
Frage, ob Schlesien ziu" bohmischen oder zur ungarischen 
Krone gehore, noch immer nicht ausgetragen war, so er- 
regte hier, wo man ira grofsen und ganzen doch in Erinne- 
rung an die harten Zeiten des Kiinigs Matthias der unga- 
rischen Herrschaft abgeneigt war, alles, was in dieser An- 
gelegenheit zu prajudizieren geeignet war, grofses Aufsehen. 
Bereits hatte es sich Kasimir von Teschen gefallen lassen, 



Markgraf Georgs schlesische Ainvartschaften. 379 

151.') die Belehnuug mit Troppau von Ungaru unter der 
Form einer Hauptmannschaft in dem Lande zu empiangen. 
Jetzt verlautete, Markgraf Georg erhebe von neuem An- 
sprilche auch auf Glogau und habe versprochen, wenn er 
dies erlange, der Krone Ungarn dafur den Lehenseid zu 
leisten. Voller Angst sandten die Glogauer Gesandten nach 
Prag und tauschten lol7 rait den bohmischen Standen ge- 
gen Zusicherungen thatkriiftigen Beistandes Gelobnisse treuen 
Festhaltens an der Krone Bolimen aus. An der Glogauer 
Sache waren auch die beiden schlesischen Anwarter auf 
die (Jppelner Erbschatt, Kasiniir von Teschen und Friedrich 
von Liegnitz, nahe beteiligt, und zwar hatte der erstere, 
dessen Verfahren ja lange in Glogau geherrscht batten, und 
dem das Land von Wladyslaw zugesichert worden war, sich 
bereit finden lassen, seine Anspriiche auf Glogau dem Lieg- 
nitzer Herzog (wir wissen nicht um welchen Preis) zu iiber- 
lassen, Grund genug filr beide mit dem gefahrlichen ein- 
flul'sreichen Gegner ein giitliches Ubereinkommen zu suclien. 
Georg kam ihnen auf halbem Wege entgegen. Er suchte 
eili'igst verwandtschaftiiche Bedingungen mit den schlesischeu 
Fiirsten, in deren Reihe er ja einzutreten beabsichtigte. 1518 
verlobt er seine beiden Sch western Anna und Sophia, die 
erstere mit Wenzel, dem Sohne Kasimirs von Teschen, die 
letztere mit dem seit 1517 verwitweten Friedrich 11. von 
Liegnitz; die Verlobung einer dritten Sch wester Georgs, 
Margareta, mit Herzog Valentin scheiterte an dem schnell 
€rweckten Widerwillen der Prinzessin gegen die schwerlich 
mit Unreclit sehr iibel beleumundete Personlichkeit des 
wilsten und entnei;vten Herzogs. 

Von dieser Zeit an fallen die Anspriiche der iibrigen 
schlesischen Bewerber um die Oppelner Erbschaft neben 
Markgraf Georg nicht mehr ernstlich ins Gewicht; es han- 
delt sich fortan nur noch um die Hohe der Summe, tiir 
Avelche sie abzulosen sind. Herr Zdenko Lew von Rozmital, 
den seine schlesischen Verbiindeten im Stich gelassen batten, 
hatte freilich wohl Grund erziirnt zu sein, und er riiohte 
sich auch, indem er, als 1520 der Tod des treffhchen 
Bischofs Johann Turzo den Breslauer Stuhl erledigte, die 
gesamte bohmische Partei gegen den Plan des Markgrafen, 
seinem damals in Eom studierenden erst 2ljahrigen Bruder 
Johann Albrecht das schlesische Bistum zu verschaiFen, in 
Harnisch brachte, und zwar mit um so grofserem Erfolge, 
als, wie gerade damals die Verhaltnisse lagen, die Abstiim- 
mung und Verwandtschaft des hohenzollernschen Kandidaten 
diesera anscheinend mehr gescbadet als genutzt hat. Das 



380 Viertcs Bach. Vicrter Absclmitt. 

Domkapitel turchtete den Polenkonig zu beleidigen, wenn 
es den Bruder des deutschen Hochmeister^f Albrecht, des 
Todleindes der Polen, ziim Bischof wahlto, und audi der 
andere Bruder, Markgraf Georg, war damals wegen seiner 
Hinneigung zu Ungarn namentlich gerade in Breslau einiger- 
mal'sen in ^lilskredit gekonimen. So lenkten sicli nun 
schliefslieh die Stimmen auf einen andern Kandidaten, den 
Breslauer Domkustos Jakob von Salza, nicht olme dais man 
ernstlich gefurchtet hatte, das damals dem Ilochmeister Al- 
brecht von Preulsen zuziehende deutsche Kriegsvolk konne etwas 
gegen das schlesische Bischolsland unternehmen, wie man 
denn auch urn die Verteidigungsfiihigkeit der bischoflicben 
Schlosser und Stadte sich besorgt zeigt. Diese Besorgnisse 
haben sich bald als ungegrilndet herausgestellt, und auch 
Papst Leo IX., der selbst ofFenbar den hohenzollernsclien 
Kandidaten vorgezogen haben wiirde, hat den Gewiihlten 
nach einigem Zogern bestatigt. Jakob von Salza, ein ge- 
schaftserfahrener, king und mild gesinnter j\Iann hat dann 
bis 1539 den bischoflicben Stuhl innegehabt, und eine Wilr- 
digung seiner Regierung mufs einem folgenden Abschnitte, 
der sich mit der Geschichte der religiosen Bewegung be- 
schaftigen wird, vorbehalten bleiben. 

Erlitt nun bei dieser Bischofswahl die Politik des Mark- 
gral'en eine gewisse Niederlage, so schritt sie dagegen nach 
anderen Seiten hin siegreicher vorwarts. Mit dem miichtig- 
sten schlesischen Filrsten Friedrich II. von Liegnitz - Brieg^ 
seinem Schwager, tritt Georg in ein im Laiil'e der Zeit 
immer intimer sich gestaltendes Freundschaftsverhaltnis. 
Friedrich erhalt jetzt 1518 das Fiirstentum Glogau auf 
Lebenszeit, und 1521 sehen -wir ihn neben Markgraf Georg 
im Auftrage des Konigs von Ungarn in Preufsen , um 
zwischen dem Polenkonig und ihrem Schwager resp. Bruder^ 
dem Hochmeister Albrecht, einen Frieden zu ennitteln. Von 
da ruft den Markgrafen nach Schlesien zuriick die Nach- 
richt von dem Tode des Herzogs Valentin von Ratibor, dem 
sein wiistes Leben einen friihzeitigen Tod bereitet hatte 
(1521, 13. November). Doch ehe er noch die Erbschafts- 
angelegenheit in diesem ihrem neuen Stadium zu ordnen ver- 
mocht hat, sieht er sich genotigt, nach Prag zu gehen, wo 
die Eidesleistung des Konigs auf die bohmische Verfassung 
und zugleich die Kriinung der Konigin Maria mit grofsera 
Pompe gefeiert wird, und hier erscheinen nun die neuen 
Verbiindeten um den jungen Konig geschart, die schlesischen 
Herzoge Kasimir, Friedrich, Markgraf Georg, der deutsche 
Hochmeister Albrecht, der dritte Bruder, der gleichfalls bei 



Vertrage wegen dor Oppelner Herrscliaft. 381 

Ludwig hoch angesehene Markgraf Kasirair, sie alle zugleich 
die Hauptstiltzen der deutschen, fllr die habsburgische Erb- 
folge eintretenden Partei. 

Auch Karl von Miinsterberg halt sicli zu iluien. Mit 
den iibrigen Anwartern auf Oppeln gelangt der Markgraf 
hier in Prag zu entgiiltigen Abfindungsvertragen. Selbst 
Lew von Rozmital, der von seinen schlesischen Bundes- 
genossen im Stich gelassen, allein seine Ansprilche auf 
Oppeln-Ratibor, welches Fiirstentum ihm Konig AYladyslaw 
nach dem Ableben Herzog Johanns „geschenkt" habe, ver- 
folgt und dafur noeh Ende 1521 die Unterstiitzung der 
Breslauer in Anspruch nimnit, besinnt sich jetzt eines Bes- 
seren und erklart sich im April 1522 gegeniiber den Her- 
zogen Kasimir von Tescheu und Friedrich von Liegnitz 
bereit, fur seine Person mit dem dritten Teile der fiir sie 
drei von Georg zu fordernden 40000 Goldgulden, also mit 
13 333 Goldgidden zufrieden zu sein, und wahrend Konig 
Ludwig dem Markgrafeu nunmehr „als geschworener Konig 
von Bohmen" seine Zusicherungen der Uppelner Erbschaft 
zugleich mit der Versicherung , dafs ihm dabei der ]\Iangel 
der Ansassigkeit in einem der bohmischen Erblande nicht 
schadlich sein solle, erneuert, erfolgen dann zu Prag am 2 . Juni 
drei wichtige Abmachungen. Zunachst vertragen sich die Her- 
zoge Kasimir von Teschen und Friednch von Liegnitz zu- 
gleich in Vollmacht Lews von Rozmital mit Markgraf Georg 
dahin, dafs ihnen insgesamt der letztere 40 000 Goldgulden 
als Abfindmig ihrer Anspriiche auf Oppeln - Ratibor ver- 
spricht, zalilbar binuen drei Jahren nach dem Ableben 
Herzog Johanns von Oppeln und unter der Voraussetzung, 
dafs der Markgraf -wirklich in den Besitz der Herzogtilmer 
komme. 

Die anderen beiden Vertrage von demselben Tage ent- 
halten dann besondere Vergiinstigvingen des Markgrafen filr 
seinen Sch wager Friedrich von Liegnitz. Er verpiliclitet 
sich zunachst und zwar zugleich mit seinem Bruder Ka- 
simir*, falls ihm die Oppelner Erbschaft zufiele, die Gebiete 
von Kj-euzburg - Pitschen , welche einst im "Wege einer Ver- 
pfandung von Brieg an Oppeln gekommen, ohne Anspruch 
auf Erstattung der Pfandsumme zurilckzugeben. Aufserdem 
aber versprechen dieselben Fiirsten zugleich in Vollmacht 
ihi-es Bruders Johann fiir den Fall, dafs der Stamm der 
drei Markgrafen ohne mannliche Erben ausginge, dem Her- 
zog Friedrich und seinen Erben die Nachfolge in Oppeln- 
Ratibor, allerdiugs gegen die Zusage, dafs dann auch ander- 
" salts bei einem etwaio-en Erloschen des Mannsstamms der 



382 Viertos Bach. Viertcr Abscliuitt. 

Piasten vou Liegnitz-Brieg deren Lande an die iMarkgraten 
uiid deren Nachkoinmen fallen sollten. 

Kunig Ludwig war mit deni alien vollkommen einver- 
standen, er erscheint gerade damals ganz unter deni Ein- 
fiusse des Markgraf'en und seiner Partei, in der er ein er- 
Aviinschtes Gegengewicht erblickt_ gegen die bohmischen 
]\Iagnaten , deren oligarchischer Ubermut doch audi in 
Bohmen selbst vielfacb mifsliebig geworden war. Als jene 
biihmischen Herren unter einander haderten, wer von ibnen 
bei der Kronungszeremunie die Kroninsignien tragen sollte, 
als ob sie allein dariiber zu entscheiden hiitten, rafftc sicli 
der junge Konig zu dem kiihnen Entschlusse auf, sie alle- 
samt auszuscbliersen. Die Krone auf dem Haupte, das 
Scepter in der einen, den Reichsapfel in der anderen Hand, 
schritt er nach deni Dome; nur Markgraf Georg durfte da* 
Reichsschwert vortragen. 

Man kann sich vorstellen, wie solche Vorkonnnnisse dem 
Hasse der bohmischen Grofsen gegen „die Deutschen", d. h. 
die Partei des Markgrafen, neue Nahrung gaben, und es 
war ihnen sicher erwiinscht, dais der Konig kurze Zeit 
nach der Kronung denselben nach Schlesien sandte, um die 
dort ernstlich gestorte Ordnung wiederherzustellen. 

Die Polerei in Schweidnitz. 

In Schlesien uamlich batten bereits seit 1511 Fiirstcn 
und Stiinde darauf hingewirkt, der schadlichen MiinzverAvir- 
rung durch eine einheitliche Regulierung zu steuern und es 
nun audi bei dem Konige durchgesetzt, dafs in den Jahren 
1519 und 1520 konigliche Edikte einen gemeinsamen Milnz- 
ful's fur das ganze Land festsetzten. Gegen diese setzten 
sich nun aber ganz besonders die SchAveidnitzer, Avelche seit 
alten Zeiten eine eigene Miinzgerechtigkeit besalsen, und so- 
wi.'it man diese verAvickelten Verhiiltnisse iibersehen kann, 
scheint alles darauf hinauszulaufen, dais die Schweidnitzer 
ein lebhaftes Interesse daran batten, ilire alten sclnvereren 
Groschen beizubehalten, deshalb, weil sie durch diese ihre 
schwerei- Avertige Munze diejenigen, die ihnen Waren zu- 
fiihrten, notigten, das empiangene Geld gleich wieder in 
^^'aren umzusetzen, insofern das Geld den hoheren Kurs 
nur innerhalb der Mauern von SchAveidnitz hatte. Da nun 
der Hauptausfuhrartikel hier das beriihmte Schweidnitzer 
Bier Avar und an diesem infolge der hier besonders ausge- 
bildeten Sitte des Reihebrauens eigenthch die ganze Biirger- 
schaft beteiligt Avar, so Avar der Widerspruch gegen die neuen 



Schweidiiitzer iMihizhaiidel. 383 

Milnzedikte ein allgemeiner, wenigstens gerade bei den Klein- 
biirgern und den ZUnften, wilhrend die grolseren Kauf- 
herren sich den sonstigen Vorteilen einheitlicher Munzverhalt- 
nisse weniger verschlossen. Der alte Gegensatz zwischen 
Zunften und Patriziern, der Neid der Armeren gegen die 
Reichen, die nie erloschenden Bescliuldigungen der Biirger- 
schat't gegen die regierenden Herren wegen angeblicher 
parteiischer und eigennutziger Handhabung des Regimentes 
traten dazu. Tuniultuarische Aut'tritte, sturmische Beschul- 
digungen vor den Schranken des Rates fanden die regieren- 
den Herren schwach, und es mochte diesen ini Grunde 
erwunscht sein, als der oberste Hauptmann in Nieder- 
sehlesien Herzog Friedrich von Liegnitz eine Anzahl von 
Ratslierren und Patriziern mit dem Stadtschreiber nach 
Liegnitz citierte und diese^ zunilchst ohne Angabe bestimmter 
Grunde, an der Ruckkehr nach Schweidnitz verhinderte. 

In der Stadt aber hiefs es, die 35 seien aus Schweidnitz bos- 
wiUig entwichen und batten ofFentliche Gelder mitgenommen, 
der Pobel vergriff sich jetzt an ihren Hausern, plunderte und 
demolierte allda, ohne 'selbst des konighchen Schlosses zu 
schonen, in dem der Verhafsteste von alien, der konigliche 
Miinzmeister Paul Monau, selbst ein Schweidnitzer Patrizier, 
seine Mlinzstatte hatte. 

Nach seineni Vornamen hatte man die von ihni ge- 
priigten minderwertigen Groschen „ Polichen " getaul't , und 
der ganze Auf stand hat den Namen der Polerei be- 
halten. 

Das Schlimmste an der Sache war vielleicht, dais auch 
hier politisch - nationale Motive hineinspielten. Die Bcihmen 
argwohnten fortwahrend, es sei eine endgultige Verkniipt'ung 
Schlesiens mit Ungarn zum Schaden der bohmischen Krone 
im Werke, und dais dann 1520 der Bischof von Raab als 
koniglicher Kommissar zur Beilegung der Munzwirren nach 
Schlesien geschickt ward, reichte bin, um sie in der ganzen 
Sache eine ungarische Intrigue sehen zu lassen. Olmehin 
hielten sic die tonangebenden schlesischen Fursten, Herzog 
Kasimir, der ja Troppau als ungarisches Lelien besal's, den 
Markgrafen Georg und dessen ihm eng verbundenen Schwa- 
ger Herzog Friedrich fur entschieden ungarisch gesinnt. 
1521 erkliirte der bohmische Landtag den Schweidnitzer 
jVIiinzmeister als unter seinem Schutze stehend und ersuchte 
den Konig, denselben nicht fiirder von Ungarn aus kon- 
ti-ollieren zu lassen. Auch der Adel der beiden Filrsten- 
tiimer Schweidnitz und Jauor, welcher seit alten Zcitcn sich 
immer besonders eng an Bohmen angeschlossen , schien den 



384 Viertes Buch. ^'iel•ter Abschnitt. 

Miinzedikten feindlich zu seiii. Natiirlich machte die Kennt- 
nis dieser Gregensatze die Aufstandischen von Schweidnitz 
nur noch mutiger und um so weniger geneigt, den zur Bei- 
legiing des Streites durch den Hauptraann von Nieder- 
schlesien, Herzog Friedrich von Liegnitz, erlasseuen Man- 
daten zu gehorsamen. Warf man doch dem letzteren vor, er 
habe sich durch Geschenke des Rats, vor allem ein wert- 
volles Gescliiitz, bestechen lasseu. Eine Gesandtschaft der 
Biirgerschaft, mehr als 70 Personeu stark, trug schliefslich 
die mannigtaltigen Beschwerden derselben iiber ihren Rat 
gen Prag, ohne jedoch trotz der mitgenommenen Gesclienke 
von dem Konige giinstigen EntScheid zu eriangen. 

^Markgraf Georg aber, der zur Schlichtung dieser Handel 
vom Konig beauftragt, ini Juli 1522 in Schlesien eintrat', 
land den Aufruhr in hellen Flammen und die Schweidnitzer 
revolutionare Biirgerschaft in oifenem Kriege mit dem Landes- 
hauptmann, dem Liegnitzer Herzog, dessen Bericht nun 
auch natiirlich den koniglichen Bevollmjichtigten nicht eben 
zugunsten der Aufstandischen stimmen mochte. Auf dessen 
Ladung erschienen 65 Schweidnitaer zur Fiihrung ihrer 
Sache zu Breslau, die dann vor den Abgesandten der Her- 
zoge von Liegnitz und Milnsterberg, des Bischofs und Yer- 
tretern der Stadt Breslau, die unter dem Vorsitze des ]Mark- 
grafen tagten, ihm Anklagen gegen ihren Rat vorbringen und 
beweisen sollten. Doch gelang ihnen das nicht, vielmehr 
wurden sie angemafster Gewalt und \'ielt"acher Ungesetzlich- 
keiten schuldig gefunden und samtlich ins Getangnis ge- 
worfeu. 

Von diesen wurden 17 aul' den Tod angeklagt, und cs 
drohte ihnen bereits die Hinrichtung, als die Breslauer eine 
Vermittelung versuchten. Zwar wies der Markgraf das 
Begehren der Schweidnitzer, dafs das ganze Verfahren sistiert 
werden raoge, bis sie vier Abgesandte, denen er freies Geleit 
„ vor Gewalt und fiecht " zusichern solle , zur A'erteidigung 
ihrer Landsleute gesandt hatten, ab, doch gab er der Ver- 
Avendung des Breslauer Rates soviel nach, dais er noch zwei 
Tage, den 9. und 10. Juli (1522), Frist geben wolle, und 
wenn die Schweidnitzer sich indessen unterwiirfen, Gnade 
walten zu lassen sich bereit erklitrte, sonst mlisse dem Rechte 
sein Lauf bleiben. 

Eiligst schrieben die Gefangenen selbst und baten die 
Schweidnitzer nachzugeben, und auch die Breslauer thaten 
dies in dringendster Form, und Rate des Markgrafen reisten 
eiUg nach Schweidnitz, um noch personlich einzuwirken. 
Doch die Schweidnitzer, immer noch auf die Zusicherungen 



Exekutiou gegcu die Schweidnitzer. 385 

auswartiger Hilt'e pochendj wollten von keiner Unterwerfung 
horen und konnten nur mit Mulie durch die noch zuriick- 
gebliebenen Ratsherren abgehalten werden, die Gesandteii 
des Markgrafen als Geifseln I'lir ilire in Breslau gefangen 
gesetzten Landsleute gleichfalls festzabalten. Als Georg aber 
von der halsstarrigen Gesinnung der Schweidnitzer horte, 
bescblofs auch er, ernster vorzugehen. Nachdem er die 
eigentlichen Radelsfilhrer, sechs an der Zahl, ermittelt hatte, 
brachte er gegen diese die Folter zur Anwendung, um von 
ihnen Gestandnisse namentlich liber ihre Verbindungen nach 
aufsen bin mit dem Adel der Furstentiimer Scbweidnitz- 
Jauer resp. den Bohmen zu erpressen. 

Es war erklarlicb, dais die noch in Breslau verweilen- 
den Schweidnitzer bei dem Gedanken, welchen Stunn die 
Nachricht von diesem scharfen Vorgehen in ihrer Vaterstadt 
erregen werde, in Schrecken gerieten, und dais sie alles 
aufboten, um den Markgrafen zu grofserer Milde zu stim- 
men. Eine Deputation edler Frauen legte Fiirbitte ein, 
und selbst der Bischof verwendete sich fiir die Delinquenten. 
Wii'klich ist der Markgraf, wie es den Anschein hat, schliefs- 
lich doch geneigt gewesen, alien Pardon zu gewahren, doch 
fiigte er sich der Meinung seines Schwagers, des Liegnitzer 
Herzogs, dafs an einigen ein Exempel statuiert werden 
miisse, und so wurden von den sechs die drei Schuldigsten, 
zwei Kxetschmer und ein Tuchmacher, von denen einer, 
Kunz Giinther, sein Kretschamhaus zum bestandigen Sammel- 
platze der Aufstandischen hergegeben hatte, am 18. Juh 
1522 zu Breslau au.f dem Ringe; auf dem Platze, wo nach- 
mals die Wage gestanden hat, enthauptet, die anderen drei 
aber begnadigt. 

Aber als dann der Markgraf bis in die Nahe von 
Schweidnitz heranrilckte, um die Aufstandischen mit Waffen- 
gewalt zu unterwerfen, riisteten diese sich zur Gegenwehr, 
und da die bohmischen Stande alles Ernstes zum Entsatze 
der Stadt Truppen sammelten, ja sogar einzelne Herren mit 
ihren Gewaffiieten bereits heranzogen, auch die Edelleute 
der Fiu'stentilmer Schweidnitz - Jauer die Stadt ermutigten, 
so schien es hier zu ernsten Auftritten kommen zu sollen; 
doch plotzUch rief ein Befehl des Konigs den Markgrafen 
ab, nicht ohne ihn wegen der angewandten Strenge zu 
tadeln. Mit Jubel sahen die Schweidnitzer ihre Dranger von 
der Anhohe von Weizenrode abziehen. Die Streitsache aber 
ward noch lange hingeschleppt ; die Schweidnitzer, geuotigt, 
die emigrierten Patrizier aufzunehmen, rachten sich dafiir 
durch Beschimpfungen und Ehi'enkrankungen aller Art, wo- 

Grunhagen, Gescb. Schlesiens. I. *& 



386 Viertes Buch. Vierter Abschnitt. 

iiiit sie dieselben emplingeu. Schliefslich ward der Stadt das 
Recht der Ratswahl genommen und auf den Landeshaiipt- 
mann des Furstentums iibertragen, aber Prasentationen sei- 
tens der Burgerschaft unter Teihiahme der Ziintte zuge- 
lassen. In der Munzfi'age scheint man eine sti'ikte Aust'uh- 
rung der allgenieinen Edikte stillschweigend uachgelassen 
zu haben. 

Jene Abberufung des ]\Iarkgrat'en bedeutete nnzweifelliaft 
einen Sieg, den die bohmischen Herren, die Abwesenheit 
ihres gefiirchteten Gegners zu einera Drucke auf den schwa- 
chen Konig schlau benutzend, davon getragen batten. Es 
war ilmen dabei manclierlei zuhilfe gekonimen. Konig 
Sigismund von Polen batte bei seinem NefFen Ludwig ernst- 
licli liber die Gunst geklagt, die der letztere dem Todfeinde 
der Polen, dem deutschen Hochmeister und dessen Ver- 
wandten erweise, und ihn ermahnt, sich lieber dem Rate 
seiner eigenen Unterthanen zu fligen und solche sich zu 
Ratgebern zu wahlen ; er hatte auch aus finanziellen Griinden 
dringend empl'ohlen, die Herzogtiimer Oppeln - Ratibor der 
Krone zu erhalten und endhch auch gegen die Miinzedikte 
protestiert, die zur Folge batten, dafs sein Land von den 
neuen schlesischen Mlxnzen ilberschwemnit werde. Das alles 
war nicht ohne Eindruck auf den jungen Konig geblieben, 
und es war dann Herrn Lew von Rozmital und seinen Ge- 
nossen nicht schwer geworden, das energische Auitreten 
Georgs gegenliber den Schweidnitzern in gehlissigem Lichte 
darzustellen und so den Konig zu jener Zuriickberufung des 
Markgrafen zu bewegen. 

Natiirlich beeilte man sich, den Sieg mm auch weiter 
auszunutzen, und wie es scheint, nahm man daraus, dafs 
die Schlesier auf Grund ihres grofsen Landesprivilegiums 
von 1498 sich weigerten, einer Ladung in der Munzange- 
legenheit nach Prag bin zu folgen, Veranlassung, dera Ko- 
nige das Prajudizierhche dieses Privilegs eindriiiglich vor- 
zustellen; ja es liegt uns sogar eine in bolnnischer Sprache 
geschriebene Urkunde eben aus der in Rede stehenden Zeit 
(datiert 1522, 18. September) vor, durch welche Konig Ludwig 
jenes grofse Privileg fur hinterlistig erschhchen erklart und 
als den Freiheiten der Krone Bohmen schadhch annuUiert. 
Doch ist das AnnulHerungs - Dokument einerseits ganz wir- 
kungslos gebheben, anderseits erregt die Form, in der es 
allein erhahen ist, solche Bedenken, dafs wir guten Grand 
haben, an der Echtheit dieser Urkunde zu zweitisln. Wenig- 
stens ist dieselbe niemals rechtskraftig geworden. 

Auch bezUglich der Anwartschaft auf Oppeln suchte 



Markgraf Georg in den Piager Parteikiimpfeu. 387 

man jetzt den Planen cles Markgrafen einen Kiegcl vor- 
zuschieben, insofern die bohmisclie Magnatenpartei damals 
unter dem 29. Oktober von dem Konige eine Bestatigung 
jenes die Privilegien der bohmiscben Krone in so exklusiver 
Form bekraftigenden Reverses WladysJaws vom 11. Januar 
1510 erlangte mit dem Zusatze, dais auch die Fiirstentiimer 
Oppeln-Eatibor bei dem Tode des jetzigen Inhabers nicht 
an jemand anders vergeben werden, sondern an die Krone 
Bobmen fallen und alle eufgegenstebenden Urkunden nicbtig 
sein sollten. 

Docli der Triumpb der bohmiscben Magnatenpartei sollte 
niebt lange dauern. Sie batte im Lande selbst, in den 
Stadten, ja sogar unter dem Adel zablreiche Gegner, und 
aucb die junge Konigin ertrug* nur scbwer die Abbangig- 
keit, in der diese Grofsen ibren Gemabl von sicb bielten. 
Als der Konig im Anfange des Jabres 1523 sicb soweit 
aufraffte, urn die Einberufungsscbreiben der Herren vom 
Landtage selbst abzulassen, zeigte es sicb, wie wenig Lew 
von Rozmital und die Seinigen das Land binter sicb batten. 
Der neue Landtag lafst sicb geneigt linden, den finanziellen 
Bedrangnissen abzubelfen und verlangt anderseits von dem 
Oberstburggrafen Recbnungslegung tiber seine Verwaltung. 
Die czecbiscbe Magnatenpartei wird gestiirzt und 1523 in 
der Person des Herzogs Karl von Mlinsterberg, der ja als 
Enkel Georg Podiebrads aucb bei den Bobmen in bobem 
Anseben stebt, ein neuer Oberbauptmann des Konigreicbs 
und Stellvertreter des Konigs eingesetzt. 

Markgraf Georg, der in der Zeit, wo seine Feinde in 
Prag die Oberband batten , von Kaiser Karl V. sicb eine 
Bestatigung seiner Ansprilcbe aul Oppeln-Eatibor ausgewirkt 
batte, vermocbte nun aus der Wendung der Dinge sogleicb 
grolsen Vorteil zu zieben. Der neue Landtag von 1523, 
die Bescblusse von 1522 vollkommen mit Stillscbweigen 
iibergebend, erkliirte sicb ausdriicklicb in alien drei Standen 
damit einverstanden, dafs, den Zusagen des Konigs ent- 
sprecbend, der Markgraf in den Fiirstentumern Oppeln- 
Eatibor als Lebensmann der bobmischen Krone succediere, 
und das Fiillborn der konigbcben Gnade ergofs sicb wieder 
reicber als zuvor liber den begiinstigten Verwandten und 
Freund des jungen Herrscbers. Ludwig bestiitigt jetzt die 
Abiindungen der anderen Anwarter, sicbert dem Markgrafen, 
urn seiner treuen Dienste willen, bis derselbe in den Besitz 
jener Fiirstentumer komme, jabrlicb 2000 ungariscbe Gul- 
den aus dem konigbcben Scbatze zu, und beurkundet 
ibm die erfolgte Anerkennung seiner Ansprlicbe durcb 

25* 



38!S Viei*t,es Buch. Vierter Abschnitt. 

die bohmischen Stande, desgleichen die IJberlassung von 
Schlofs und Stadt Oderberg an den ^Markgrafen durch Jo- 
hann von Oppeln, verbunden mit der Befugnis, sicli nun 
Herzog in Schlesieu und zu Ratibor zu nennen. Und als 
daun Georg in demselben Jahre von Georg von Schellen- 
berg das Herzogtum Jagerndorf rait den Stadten Jagern- 
dorf", Leobschiitz, Bennisch, Bauerwitz, dem Schlosse Loben- 
stein etc. zu einem rechteu erkaufliclien Erbeigenturae er- 
wirbt, bestatigt das der Konig nicht nur, sondern tritt ihm 
noch zur Erganzung die koniglichen Anrechte aut' die 
Herrschait Freudenthal nebst Zubehor ab ; erlaubt auch ihra 
und seinen Briideru sowie deren Nachkommen Giiter in 
Schlesien zu kauten und damit nach Gefallen zu thun und 
zu lassen. Endlich gestattet dann der Konig dem Mark- 
grafen noch 1526, nach dem Tode Johauns von Oppeln das 
von diesem an Johann von Zierotin verpfandete Schlofs 
Neudeck mit der Stadt Beuthen in Oberschlesien wieder 
einzulosen. 

Und immer weiter spann der Unermildliche seine Faden. 
1525 schritt er nach 16jahrigem Witwenstande zur zweiten 
Ehe mit dem jungen Tochterlein des Herzogs Karl von 
Miinsterberg, begehrend, wie es in der Vertragsurkunde 
dar liber heilst, nicht Geld und Gut, sondern Liebe und 
Freundschalt, so dafs auch Karl jetzt ihm noch naher trat. 
Aus dem Kreise der eug verbundenen schlesischen Flirsten 
ging auch der tblgenreiche Gedanke hervor, die Ver- 
wickelungen, welche zAvischeu des Markgrafen Bruder Al- 
brecht und Polen noch immer schwebten, dadurch zu losen, 
dafs man aus dem Ordenslande eiu weltliches Herzogtum 
machte, das Albrecht dann von Konig Sigismund als Lehu 
empfangen konnte; eine Losung, ganz erwachsen auf dem 
Boden der neuen Ideenrichtung, der Georg wie sein Schwa- 
ger Friedrich von Liegnitz mit grofsem Eifer sich zuge- 
wendet hatteu. Die beiden letzteren unterhandelten zu 
Krakau ilber diesen Plan mit dem Polenkonig, wahrend 
Albrecht zuerst in seines Schwagers Stadten Brieg resp. 
Ki-euzburg, zuletzt, um Ki-akau noch naher zu sein, in dem 
damals noch zu Oppeln gehorigen Beuthen verweilte, des 
Resultates harrend, das dann, giinstig ausfallend, so gewal- 
tige Folgen nach sich ziehen sollte. 

Wahi'Hch in einem Mafse wie seiten ein HohenzoUer vor 
ihm hat dieser Enkel von Albrecht Achilles fiir die kiinf- 
tige Grofse seines Hauses gearbeitet, Samenkoruer gestreut, 
die einst ungeahnte Friichte tragen sollten,-i,und zwar fiir das 
Kmhaus Brandenburg, dessen Eegent, Joachim I., damals 



Xeue Gunst des Markgrafen. Ludwigs Tod. 389 

sich feincllich von jener jiingeren Linie abwand-te^ um der 
neuen Ideen willen, die bei dieser herrschend geworden 
waren. 

Im Jahre 1526 begleitete Georg seinen Konig zum 
Feldzuge gegen die Turken, auf welchem bekanntlich die 
iSchlacht bei Mohacz am 29. August dem jungen Leben 
Ludwigs ein Eiide machte. Der schlesische Ritter Uli-ich 
Zettritz von Lorzendorf und der Ungar Stephan Acil waren 
die beiden einzigen Begleiter des Konigs auf dem Ritte 
nach dem Verluste der Schlacbt vom Schlachtfeld, und Uh-ich 
allein vermochte sich aus dem sumpfigen und angeschwol- 
lenen Bache zu retten, in welchen den Konig die Schwei-e 
seiner Rilstung hinabzog. Auch flir Schlesien fuhrte der 
frilhe Tod Ludwigs, der den Habsburgern den Weg zu den 
Thronen Ungarns und Bohmens ebnete, eine neue Epoche 
herauf. 



Fiinfter Abschnitt. 

Kultui'historisclier Ruckbliek. Nationalitat. Handel 
und Industrie. Bergbau. Kalamitilten, Epidemieeu, 
Briinde. Sitten, religiose Oesinnung. Wissenschaftliche 
Bildunff. Plan einer Bresiauer Universitat. Kiinste. 



Die Geschichte Schlesiens ist im wesentliehen die seiner 
Germanisation. Diese Geschiclite beginnt mit dem Zeit- 
pmikte , wo die machtige Vermittelung Kaiser Friedrich 
Barbarosssas 1163 zwei pohiische Herzogtiimer an der oberen 
Oder uuter dem Scepter zweier in Deutschland erzogenen 
und gebildeten piastischen Fiirstensoh ne in gewisser Selb- 
standigkeit hinstellt Nach diesen ergiefst sich dann bald 
ein machtiger Strom deutscher Einwanderung, wjihrend zu- 
gleich auch an den schlesischen Flirstenhofen durch deutsche 
Prinzessinnen^ um die sich bald ein Getblge von Westen 
her eingewanderter Adelsfamilien schart, deutsche Sprache 
und deutsche Sitte zur ausschliefslichen Herrschaft kommt, 
die auch der eingeborene Adel sich anzueignen eifrig be- 
strebt ii-t. Jene deutsche Kolonisation erfiillt bakl das Land 
in seiner ganzen Ausdehnung. Uberall grilndet sich in den 



81)1) Viertos Buch. Fiiutter Abschuitt. 

Stiicltcn das Biirgertum auf deutscher Grundlage, und auch 
deutschc Dorfanlagen entstchen jiufserst zahlreich selbst in 
den entlcgenen Teilen Oberschlesiens. Milchtig dringt das 
deutsche Element auch ilber die Grcnze Schlesiens vor. In 
Ki'akau ist bereits am Ende des 13. Jahrhunderts die Kaut- 
mannschaft und dei' grofste Toil der Ziinfte deutsch, in 
Sendomir selbst herrschen deutsche Gesetze. Doch die Ver- 
suche, auf die Dauer Ki'akau unter das Scepter der schle- 
sischen Fiirsten zu bringen, scheitern einer nach dem audcrn. 
Der Adel Kleinpolens , unterstlltzt von der entschieden 
deutschfeindlichen Geistlichkeit , triigt liber das deutsch- 
gesinnte Biirgertum den Sieg davon, und nach der Nieder- 
werfung des letzten nationalen Aufstandes in Krakau wird 
131 2 die deutsche Sprache aus den Aufzeichnungen des 
dortigen Rats verbannt, die Germanisation fand ihre Schranke 
an den Grenzen Schlesiens. Innerhalb derselben war ihr 
noch fast ein Jahrhundert ungestorten Fortschreitens ge- 
gonnt. Das in immer mehr Teilturstentiimer zerstlickte 
Land sucht und findet gegenliber dem neu erstarkten Polen 
Schutz und Schirm in dem Anschlusse an Bohmen, dessen 
neue Herrscher, die Luxemburger, von jedem Verdachte 
slavischer Sympathieen frei sind. Unter Konig Johann und 
ganz besonders unter der segensreichen Regierung seines 
Sohnes Karls IV. erscheint Schlesien durch und durch als 
deutsches Land, und die schlesischen Fiirsten, die ober- 
schlesischen nicht ausgeschlossen , geleiten den Kaiser auf 
seinen Reisen, dienen ihm als Diplomaten und Hofbeamte 
und nehmen regen Anteil an den Reichsangelegenheiten. 

Aber bereits unter Karls Sohne Wenzel wenden sich die 
Dinge. In Bohmen erhebt sich eine nationale czechische 
Partei unter dem Adel, die dann in diesem Lande, das 
bisher als dem Deutschtum gewonnen angesehen wurde, die 
czechische Sprache zur offiziellen Landessprache zu erheben 
sich bemilht. Zum Siege verhilft diesen Bestrebuugen die 
in die Massen des Volks tief eindringende hussi tische Be - 
wegung, die ganz bewnfst zugleich religios^ und national 
wirkt, und die nach dem Martyrertodc des Johann IIus 
nur noch machtiger emporflammt. Zu derselben Zeit, wo 
das durch die Verbindung mit Littauen gewaltig gekraftigte 
Polen in vernichtendem Schlage die Macht des einen der 
deutschen Vorlande im Osten, des Ordensstaates Preufsen, 
niederwirft, liegt auch das andere Bollwerk des Deutsch- 
tums, Sclilesien, in seiner Zersplitterung fast widerstandslos 
den Raubziigen der hussitischen Heerscharen jahrelang preis- 
gegeben, ohne Beistand gelassen von dem Deutschen Reiche, 



Stillstand der Germanisatiou in Schlesien. 391. 

das selbst zur Bekampfung der Hussiten sicli ohumachtig 
zeigt. Die bohmische Krone, bei der einst die Schlesier 
Schutz und Hilfe gegen Polen gesucht, ward jetzt selbst 
abhangig von einer deutschfeindlichen czechischen Adels- 
versammlung, die neue Gefahren drohte. 

Als nun 1458 aus der Wahl dieser czechischen Adels- 
versammlung ein Vertreter der slavisch und hussitisch ge- 
gesinnten Partei, Georg von Podiebrad , ^is JT^nig auf den 
Schild gehoben wird, ein Mann, der nicht einmal der deut- 
schen Sprache kundig ist, weigert ihm zuerst fast ganz 
Schlesien Anerkennung, bald aber liegt die Last des Wider- 
standes allein auf den Schultern der machtigen Hauptstadt Sclile- 
siens, des ausschliefslich deutschen Breslaus. Der ungleiche 
Kampf zwischen dem machtigen Konig und der einzelnen 
Stadt gewinnt fiir die letztere erst irgendwelche Chancen, 
als nicht nur eine Adelspartei in Bohmen, sondern auch der 
eigene Schwiegersohn Georgs, Matthias Corvinus von Ungarn, 
gegen jenen die Waifen ergreift. Der Ungarkonig siegt, doch 
die Breslauer miissen inne werden, dafs sie an ihm einen 
Schutz ihrer deutschen Nationalitat nicht linden konnen. 
Denn vvahrend er mit ganz unerhorter Gewaltsamkeit und 
Riicksichtslosigkeit die Krafte des Landes seinen ehrgeizigen 
Planen dienstbar macht, tragt er kein Bedenken, den Schle- 
siern als obersten Hauptmann in der Person Stephan Za- 
polyas einen Mann zu setzen, der der deutschen Sprache 
vollkommen unkundig ist. Selbst die Breslauer sind am 
Ende hoch erfreut, als sie der Tod des gewaltigen Selbst- 
herrschers Matthias 1491 unter das Scepter Wladyslaws 
flihrt, obwohl dies in Sprofs des deutschleindUchen Jagel- 
lonenstammes war. 

Wir vermogen nun allerdings aus dem ganzen 15. Jahr- 
hundert kaum eine Mafsregel anzufilhren, welche sich als 
direkt gegen das Deutschtum gerichtet bezeichnen lafst, 
trotzdem aber ist ein Niedergang des deutschen Wesens in 
Schlesien in dieser Zeit ganz unverkennbar. Vor allem 
zeigt sich dies bei der landlichen Bevolkerung und natiir- 
lich am deutlichsten bei dem schon immer weniger germani- 
sierten Oberschlesien. 

Wenn wir im Breslauer Staatsarchiv die Ortsurkunden 
Oberschlesiens durchmustern , linden wir , wenigstens im 
Fiirstentum Oppeln, ganz regelmafsig an die Stelle der zu- 
erst ausschliefslich herrschenden lateinischen Sprache im 
14. Jahrhundert die deutsche treten, diese aber nun von 
der zweiten Halfte des 15. Jahrhunderts an der czechischen 
resp. mahrischen weichen, welche dann bis ins 17. Jahr- 



892 Viertes Buch. Fiinfter Abschuitt. 

himdert hin die ausschliefsliche Kanzleisprache bleibt. Die 
Urkunden der oberschlesischen Kloster bestiitigen das voU- 
kommen, und wir erfahren aus ihnen, dafs gegen Ende des 
15. Jahrhunderts in nachster Nahe von Eatibor auf dem 
Lande die slaviscbe Sprache vorherrschte, wie denn in einem 
Prozesse der Fleischer von Ratibor mit dem Stifte Rauden 
viele Zeugen vom Lande sich jener iSprache bedienen , die 
aus der Stadt aber der deutsclien. 

In den Stadten selbst, auch in den an der raahrischen 
Grenze gelegenen Jtigerudorf, Leobschutz, Freudenthal, be- 
hauptet das Deutsche seine Herrschaft noch bis gegen das 
Ende des 15. Jahrhunderts; in den Hauptstadten Ober- 
schlesiens, Oppehi und Eatibor, beginnen erst in der Zeit 
von 1483 — 1490 Urkunden in bohmischer Sprache, im 
Fiirstentum Troppau dagegen ist in den oflfentHchen Bii- 
chern schon von 1439 an das Czechisehe herrschend. Von 
dem K^erus, namentlich der Ordensgeisthchkeit, zeigeu die 
Sprache der Urkunden sowie die uns etwa erhaltenen Na- 
men deutlich genug die fortschreitende Shivisierung im 
Laufe des 15. Jahrhunderts. Am schnellsten ist dieselbe 
sicherHch vor sich gegangen bei den Ordensleuten , die am 
meisten mit dem niederen Volke in Verbindung standen, 
den Minoriten, von denen ja ohnehin die oberschlesischen 
Kloster zur polnischen Provinz gehorten, wiihrend die deut- 
schen mittel- und niederschlesischen Konvente seit dem 
13. Jahrhundert zur sachsischen Provinz abgei'allen wareu. 
Charakteristisch ist hier nur, dafs gegen Ende des 15. auch 
die verschiedenen ganz deutschen Konvente der Kustodieen 
Breslau und Goldberg ornstliche Anstrengungen zu machen 
batten, um den Bestrebungen , auch sie der polnischen Pro- 
vinz anzuschhelsen , Widerstand leisten zu ktinnen. Aller- 
dings wurden die groisen sicher fundierten Stifter im llerzen 
Schlesiens ,von diesen Bestrebungen wenig beriihrt. Das 
1380 in 01s gestiftete Slavenkloster, das Ireilich wegen 
des Gebrauches der glagoliti!?chen Schrif't auch den hiesigen 
Slaven als exotisch gel ten mochte, ist schnell in Verfall ge- 
kommen. 

Sehr eigentiimlich wechselnd scheinen die Verhiiltnisse 
nach dieser Eichtung hin bei dem Breslauer Domkapitel zu 
sein. Wir haben an friiherer Stelle kennen gelernt, wie 
stark am Anfange des 14. Jahrhunderts in dieser Korper- 
schaft die nationalen Gegensatze hervorgetreten sind, doch 
sahen wir auch, wie damals das deutsche Element den Sieg 
behielt. Dagegen schon um die ^Mitte des 14. Jahrhunderts 
ward es allerdings durch unmittelbares Eingreilen der papst- 



Die Geistlichkeit uud die NatioualitiitentVage. 393 

lichen Kurie wiederum moglich, dafs der Kanzler des Konigs 
Kasimir, Johann Starzik, ein eitriger Pole, der den Absichten 
Earls IV. beziiglich einer Trennung des Bistums Breslau 
von Gnesen besonders energisch entgegengearbeitet hatte, 
Dechant der Breslauer Kirclie wurde und bis an seinen Tod 
(1360) blieb; der Breslauer Rat hat dann 1369 das Dom- 
kapitel direkt der Konspiration rait dem Polenkonige be- 
schuldigt, und wenn nachmals in der Hussitenzeit, wo die 
nationale Spannung wieder besonders stark war, der deutsch- 
gesinnte Bischof Konrad 1435 ein Edikt erliefs, welches den 
Polen die Breslauer Dorapfriinden erschlofs, so hatte das 
die gehoffte Wirkung schon deshalb nicht, weil der Papst 
sich nicht daran kehrte, sondern nach wie vor Breslauer 
Kanonikate auch an Polen verlieh. Wlihrend des grofsen 
schlesischen Feldzugs des Konigs Matthias gegen die Polen 
von 1474 sollen, wie das Bischof Johann IV. selbst anfiihrt, 
polnische Mitglieder des Breslauer Domkapitels sich ver- 
raterischer Mitteilungen an den Polenkonig verdachtig ge- 
macht haben, und im Hinblicke gerade hierauf erklart dann 
Bischof Johann IV. Roth 1498, in dem Breslauer Dom- 
kapitel solle nur e.ine Sprache und eine Sitte herrschen, die 
deutsche namlich, und so gut wie im ganzen Konigreiche 
Polen in die dortigen Kapitel nirgends Deutsche zugelassen 
wiirden, diirften auch in die Breslauer Dompfriinden Polen 
tortan keinen Zugang mehr finden. Derselbe Kirchenflirst 
gebietet ja auch 1495 den Einwohnern seines Dorfes Woitz 
bei Ottmachau, welche unter den umliegenden Dorfern allein 
der „fremden polnischen (richtiger der czechischen) Sprache'* 
sich bedienten, innerhalb filnf Jahren deutsch zu lerneu, 
wofern sie nicht -aus dem Lande getrieben Averden wollten. 

Dafs aber ira allgemeinen in Oberschlesien , namentlich 
auf dem platten Lande, das deutsche Element mehr und 
mehr vor dem slavischen zurlickwich, ist sehr erklarlich. 
Bereits in den langen Hussitenkampfen waren eine iiberaus 
grofse Zahl von landlichen Besitzungen wlist geworden, die 
Grebaude niedergebrannt, die Bewohner verdorben oder ge- 
storben; und wir mogen uns erinnern, dafs im Fiirstentum 
Breslau noch 1443 fast der fiinffce Teil aller landlichen Hufen 
Wlist lag. Von diesen Wiistungen sind nun in Oberschlesien 
schwerlich viele wieder mit Deutschen besetzt worden, das 
Zufliefsen von deutschen Kolonisten hatte langst aufgehort. 
Die Regel war, dafs der Gutsherr solche wiiste Hufen ein- 
zog, und besetzte er sie dann wieder, so geschah das unter 
so lastigen Bedingungen, dafs ein Deutscher nicht leicht da- 
durch sich hatte locken lassen; allerorten kommt ja die 



by4 Vieites Buch. Fiinfter Abschnitt. 

Bauernfreiheit in Verfall. Der Adel, ohne Kespekt vor den 
durch Landerzersplittcrung ohnmiichtigen , stets mit Geldnot 
kUnipfenden Fiirsten, herrschte auf seinen Giitern unuin- 
schriinkt und legte den Unterthanen neue Lasten auf, ohne 
dais deren Klagen und Beschwerden Gehor fanden. Bei den 
immer erneuten Fehden und Raubzugen lagen die Bauern- 
hauser jeder Gevvaltthat ofFen; hochstens die Burg des Guts- 
herrn konnte Schutz und Zuflucht gewilhren, doch natiirlich 
nur urn den Preis vollstiindiger Unterwerfung und Dienst- 
barkeit. Unter solchen Zustanden mufstcn die deutschen 
Dorfanlagen des 13. Jahrhunderts verkummern, an ihre 
Stelle traten Slaven, die die Knechtschatt leichter trugen 
und audi mit einer wenig menschenwiirdigen Existenz vor- 
lieb nahmen. 

Das alles hing eng mit der fortschreitenden Slavisierung 
des Adels, Avenigstens in einem grolsen Teile von Sclilesien, 
zusammen. In Niederschlesien allerdings begilnstigte gerade 
im 15. Jahrhundert die Landerwerbung durch die branden- 
burger Hohenzollern und die saclisisclien Filrsten die Eiu- 
wanderung von Adelsfamilien aus dem Reiche; desto mehr 
aber Avandten sich in jener Zeit die obersehlesischen Fiirsten 
gen Osten. Seit am Hofe des immer mehr herabkommenden 
Konigs Wenzel fiir sie Aveder Ehre noch GeAvinn zu holen 
Avar, suchten sie ihren Anschluls am polnischen Konigshote, 
Avo sie Aaelfach als Gaste erscheinen; selbst ein sonst ganz 
deutscher Flirst Avie Konrad der Weifse A'on Uls diente in 
seiner friihen Jugend als Page der Konigin von Polen. In 
dem ganzen 15. Jahi'hundert hat kein obersehlesischer Iler- 
zog eine Gemahlin A^on einem deutschen Furstenhofe heim- 
gefuhrt, Avohl aber haben ihrer A^iele in polnische Herzogs- 
oder auch Magnatenfamilien hineingeheiratet, Verbindungen, 
Avelche in ihren Folgen natiirlich dem Deutschtume nicht 
zum Vorteile gereichten. Nur A^oriibergehend trilbte die 
Hussitenzeit das gute Einvernehmen der obersehlesischen 
Fiirsten mit dem polnischen Konigshofe, dieselben zeigen 
dann im ganzen Verlauf des 15. Jahrhunderts eine ent- 
schiedene, oft nur durch aufsere GcAvalt zurilckzuhaltende 
Hinneigung nach dieser Seite hin. Und auf der andern 
Seite kommt nun mit Podiebrads Auftreten auch ein an- 
deres slavisches Element, das czechische, zur Bedeutung. 
Es gCAA'innen in Schlesien Personen mafsgebeude Bedeutung, 
Avelche der deutschen Sprache unkundig sind. Georg Podie- 
brad hat nie Deutsch A^erstanden, und des Breslauer Bischofs 
Jost von Rosenberg Muttersprache AA'ar die czechische. Selbst 
in dem ganz deutschen Breslau mufste man sich nun nach 



Kiickgarig des Deutschtums iiameiitlich in Oberschlesieu. 395 

Personen umsehen, die der neuen bohmischen Hofsprache 
kundig waren , man empfing czechische Zuschriften und 
raufste auch zuweilen in dieser Sprache antworten. Die in 
Ratibor herrschenden Przemysliden begannen am frilhesten, 
schon um die Mitte des 15. Jahrhunderts , ihre Urkunden 
fast ansnahmslos in czecliischer Sprache abzufassen, etwas 
spater folgten die Oppelner Herzoge; von den Sohnen Ni- 
kolaus I. (f 1476) erfahren wir von dem einen, Nikolaus II., 
dem 1497, wie wir wissen, enthaupteten, dafs er nicht Deutsch 
verstand. Bald drang slavisches Regiment aber auch in 
Mittelschlesien ein. Die Macht Georg Podiebrads verschaffte 
seinen Sohnen Viktorin und Heinrich nebst Troppau die 
G-rafschaft Glatz und das Herzogtum Milnsterberg ; und 
ohne dafs beide als fanatische Czechen zu bezeichnen wai'en, 
habensie doch ihre Muttersprache begunstigt, und Heinrich 
dem Alteren, an dessen Briefen Kenner das besonders reine 
und schone Czechisch zu loben wissen, ist es z. B. gekmgen, 
die Grafschaft Glatz in erstaunlicher Weise wieder slavisch 
zu machen, das Landbuch, das sich aus seiner Zeit erhalten, 
erscheint, abgesehen von einigen Stadt- resp. Zunfturkunden, 
ganz czechisch abgefafst. Die alten slavischen Ortsnamen 
Duznik flir Reinerz, Honiole (Hummel) fur Schlofs Land- 
fried werden Avieder herrschend, in dem ganzen Westbezirk 
der Grafschaft geht das Deutschtum unter. 

Auf dem Fiirstentage von 1497 zu Neifse bedienen sich ein- 
zelne Fiirsten unter einander der czechischen Sprache, wenn- 
gleich die oftizielle Sprache der Fiirstentage die deutsche 
war. Es hatte auch wenig Vorteil gehabt, dafs an Stella 
des verhafsten Georg Podiebrad Matthias von Ungarn in 
Schlesien zur Herrschaft kam. Der magy^rische Konig fragte 
nichts nach der deutschen Nationalitat, und die Genossen 
des ihm anhangenden bohmischen Herrenbundes waren 
Czechen so gut wie die von der Gegenpartei. Matthias 
vertrieb einen Herzog nach dem andern aus Oberschlesien ; 
aber die Herren, denen er Guter schenkte, waren alles Aus- 
lander: Polen, Bohmen, Ungarn, und der Hauptmann, den 
er fiber ganz Schlesien 1475 setzte, Stephan von Zapolya, 
verstand, wie bereits erwahnt, absolut kein Deutsch und 
liefs den Schlesiern nur die Wahl zwischen czechisch und 
magyarisch. Selbst in dem deutschen Niederschlesien und 
speziell im Glogauischen ist die lange Herrschaft eines pol- 
nischen Prinzen nicht ganz ohne "Wirkuug geblieben, und 
wir durfen wohl vermuten, dafs die hier zu bemerkende 
auffallend lange Fortdauer des slavischen Adelsgerichtes, der 
sogenannten Zaude, auf slavische Einfliisse zurilckzufuhren 



31)6 Vicrtes Hucb. Fiiufter Abscbiiitl. 

ist. Auch der deutsche Adel hat sich diese Einrichtungen 
gefallen lassen, weil dieselben, wie das nun einmal in der 
Natur slavischer Institutionen zii liegen scheint, den Standes- 
interessen gunstiger waren. 

Aus dem Ende des 15. Jalirhunderts ist eine ober- 
schlesische Urkunde in deutscher Sprache, die nicht gerade 
ausschliefslich stiidtisclie Verhiiltnisse angeht, eine unerhorte 
Seltenheit. Die Thatsache aber, dafs ein gutes Dritteil von 
Seiilesien ini grol'sen und ganzen fiir die slavische Natio- 
nalitat im Laule des 15. Jahrhunderts zuriickerobeit ward, 
ist nicht nur an sich selbst hochst bemerkenswert , sondern 
auch in ihren Eolgen nach den vcrschiedensten Seiten hin 
kaum zu uberschiltzen. 

Man braucht nicht so weit zu gehen, etwa diese schle- 
sischen Fiirsten nnd Adehgen slavischer Zunge besonderer 
Anschlage gegcn die SondersteUung Schlesiens zu beschul- 
digen, man braucht auch auf die wirklich vollzogene Los- 
reilsung einiger entlegener Grenzbezirke iSchlesiens, wie der 
Herzogtiimer Auschwitz, Zator und Severien, die am aller- 
wenigsten von deutscher Kultur beriihrt erschienen, einen 
besonderen Wei-t nicht zu legen, und man wird doch be- 
greifen konnen, dais diese zunehmende Zwiesprachigkeit des 
ohnehin schon so zerstiickten Landes noch neue Hindernisse 
bereitete. War es immer schon schwer geworden, die Jn- 
teressen des Breslauer Patriziats, dem naturgemafs ein be- 
deutender Anteil an der Leitung der Geschicke des Landes 
zufallen mulste, mit denen der Fiirsten und des Adels aus- 
zugleichen, so ward das jetzt noch schwieriger, wo die na- 
tionale Verschiedenheit die Gegensatze scharlte und die 
Eif'ersucht der stets geldbediii-ftigen Fiirsten und Edelleute 
auf die reichen „ Pfeffersacke " von Breslau noch riicksichts- 
loser hervortreten liefs. Von den iibelbeleumundeten Ge- 
wohnheiten des Adels in Grofspolen , der gewaltthatigen 
Fehdelust, die oft genug in direkte Rauberei ausartete, ver- 
pHanzte sich jetzt vieles nach Schlesien. Gegen diese Aus- 
artungen hat die Energie Konigs Matthias Anerkennens- 
wertes geleistet. Nach seinem Tode aber schofs die Busch- 
klepperei nur um so lustiger wieder ins Kraut , geiibt 
allerdings kaum minder von deutschen Adehgen als von 
slavischen. 

Unter dem slavischen Regimente in Oberschlesien verfiel 
die Bauernfreiheit mehr und mehr, der Wohlstand sank, die- 
Kultur ging zuriick, selbst die oberschlesischen Stadte ver- 
loren an ihrer Bedeutung, kaum dafs Gleiwitz noch seinen 
alten Ruhm als v^tapelplatz fiir Holz und Hopfen zu wahren 



Handelsstrarseii. 397 

vermochte. Voii ungleich grofserer Bedeutimg- waren die 
mittel- imd niederschlesischen deutschen Stadte. 



Handel und Industrie. 

Was die schlesischen Stadte und ilire Verkehrs- und 
Erwerbsverhaltnisse anbetrifft, so waren dieselben, abgesehen 
davon, dafs namentlich in den kleineren viele Einwohner 
als Ackerblirger Landbau trieben^ an erster Stelle darauf 
angewiesen, einen mehr oder weniger grofsen Landkreis mit 
allerlei gewerblichen und Handels - Produkten zu versorgen, 
wobei es natiirlich schwer ins Gewicht fiel, ob die Dorfer 
ringsum von wohlhabenden freien deutschen Bauern , oder 
von armen horigen Slaven bewohnt wurden. 

Uber diesen gegebenen Umkreis hinaus Kundschaft zu 
erlangen, war nun das natiirliche Streben aller Gewerbe- 
treibenden, und eine gewisse Gunst ward hier scbon den 
Stadten zuteil, welche an einer der grolsen Handelsstrafsen 
lagen, auf denen die Warenziige liin- und liergingen, wo 
also zeitweise Scharen von Fremden einzogen, Rast hielten 
und Geld verzehrten. Diese Strafsen waren im Mittelalter 
test bestimmt, jede Abweichung bei Strafe verboten und 
auch bei der Beschaffenheit der Wege kaura recht ratlich. 
Solche Strafsenzuge , die samtlich dem Mittelpunkte Breslau 
von den verschiedensten Seiten zustrebten, gab es nun in 
grofserer Auzahl in Schlesien. Aus Ungarn ging eine liber 
den Jablunkapafs nach Teschen und dann zur Oder an 
Ratibor und Kosel vorbei auf Oppeln, wo dann auch die 
alte grofse Handelsstrafse von Krakau her ilber Auschwitz 
einmiindete. Bei Oppeln ward die Oder iiberschritten , und 
iiber Brieg und Ohlau ging es dann weiter nach Breslau. 
Die zu imraer steigernder Bedeutuug gelangende Strafse aus 
Mahren, zugleich der Weg von Wien und dem machtigen 
Seehandelsplatze Venedig her, filhrte iiber Troppau, Jageni- 
dorf nach Neisse und dann auch ilber Grottkau nach Brieg. 
Uber den Landeshuter Gcbirgspafs fiihrte der Weg nach 
Prag. Nach Westen hin iiber Leipzig zum Rhein und nach 
den Niederlanden gingen zwei Strafsen, die eine ilber Lieg- 
nitz, Haynau, Bunzlau, Naumburg a./Q. nach der Oberlausitz 
und die andere iiber Schweidnitz, Striegau, Jauer, Lowen- 
berg, Lauban und ebenso nach Magdeburg und Hamburg. 
Die Strafse von Frankfurt resp. Stettin kam iiber Krossen, 
Freistadt, Neustadtel, Polkwitz, Liiben, Parchwitz, Neumarkt. 
Nach Preufsen und an die baltischen Hafenplatze ging von 
Schlesien aus der Hauptzug des Handels auf die Weichsel- 



398 Viertes Buch. Fiinftor Abschuitt. 

staclt Thorn zu, iiiit welchem Orte Breslau selir vielfache 
Beziehungen hatte. Die iiltere Stralse nach Thorn liihrte an 
der Grenzburg Militsch vorbei und dann nordlich ilber Orla 
(bei Krotoschin), Strzelno, Inowraczlaw. Doch wire] bereits 
im 14. Jahrhuudert auch eine zweite Stralse ilber OIs, Ka- 
lisch, Peisern erwiihnt, die nachnials wohl hauptsachhch be- 
nutzt wurde. 1515 werden als die pohiischen Zollstiltten, 
welche schlesische Wareu zu passieren liaben, bezeichnet: 
Fraustadt, Posen, Punitz, Kalisch und Sieradz. Der Wasser- 
weg, den die Oder darbot, ward verhaltnisniiifsig wenig be- 
fahren; von Brieg aufwarts ward die Oder ilberhaupt hoch- 
stens zum Holzflofsen gebraucht, aber auch abwarts von 
Brieg scheinen die bereits im 14. Jahrhundert imnier er- 
neuten Beschwerden liber Beeintrachtigung der Schiffahrt 
durch Wehre und unberechtigte Zolle ihre griindliche Ab- 
hilt'e noch nicht gefunden zu haben, jedent'alls beginnt die 
Benutzung der Oder fur den Handelsverkehr von Breslau 
an erst um die Mitte des 16. Jahrhuuderts. 

Sich an dem auswiirtigen Handel direkt zu beteiligen^ 
verraochten nun die sehlesischen Stiidte, auch die an den 
grolsen Strafsen gelegenen, nur in beschriinktem ]\Iarse, schon 
wegen des Niederlagsrechtes von Breslau, auf welches wir 
noch zuriickkoninien werden. Nur fur die Jahrraiirkte der 
grofseren Stadte ward jenes Niederlagsrecht suspendiert, wie 
wir das noch 14 90 speziell den beiden Stadten Brieg und 
Glogau von Konig Matthias zugesichert sehen. Es geluirte 
auch zu der selbstandigen Ausriistung von Warenziigen ins 
Ausland so viel Kapital, wie es eben aufserhalb der Haupt- 
stadt Breslau nicht oft anzutreflfen war ; nur ganz vereinzelt 
iinden wir einzelne Provinzialstadte (Liegnitz, Schweiduitz, 
Brieg, ()ls) an solchen auswartigen Geschal'ten beteiligt. 

Dagegen wurden sicherlich in den sehlesischen Provinzial- 
sttidten vielfach gewerbliche und Industrieprodukte erzeugt, 
die dann und zwar vornehmlich durch Vermittelung Bres- 
lauer Kaufleute nach auswiirts auf den Markt kameu. Im 
einzelnen nachweisen konnen wir das z. B. von der hier 
friih entwickelten Tuchweberei, wo uns eine gelegentliche 
Notiz zeigt, dafs im Jahre 1499 in Breslau Tuche feil ge- 
halten wurden aus de